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Venus und Tannhäuser

Aubrey Beardsley: Venus und Tannhäuser - Kapitel 15
Quellenangabe
typenovelette
authorAubrey Beardsley/Franz Blei
titleVenus und Tannhäuser
editorFranz Blei
publisherPaul Steegemann Verlag
yearo.J.
firstpub1920
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140217
projectid4cf8b22e
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Das dreizehnte Kapitel, das vom Besuche Tannhäusers bei Herrn von Pâris berichtet

Aus Andeutungen de la Pines erkannte der Chevalier in der blühweißen schlanken Kutte und in dem dunklen geschorenen Köpfchen Herrn von Pâris, dessen ganz kurze Stirn eine Draperie von drei Falten über scheuen Eulenaugen zog, als er Tannhäuser begrüßte, mehr verlegen als kühl, wozu die flinkfertig spitze, fast gleichschenkelige Nase mit ihrer klerikalen Fröhlichkeit nicht ganz passen wollte, die für ihren konstruktiven Fürwitz von Herrn von Pâris auch durch einen Mund gestraft wurde, der sich zu einem die Lustigkeit dementierenden O zusammenzog. »Ohne die kreisrunden Augen sieht er aus wie ein überraschter Igel,« hatte de la Pine von Pâris etwas boshaft wohl nur deshalb gesagt, weil auch dieser malte. Aber er schob das bunte Blatt und ein paar Dutzend Farbenscheibchen wie ablehnend beiseite, als der Chevalier etwas von Malerei sagte, und erklärte sich lächelnd für einen Dilettanten auch darin, und daß er sich nach andern Versuchen für dieses Harmloseste entschieden habe, auf kleine Blätter Papier, als ob sie Wände wären, Fresken zu pinseln. Und er gab für den Dilettanten, wie er ihn verstünde, die Definition eines Menschen, der den Begriff der Leidenschaft wohl habe, sich aber ganz in keine werfen könne, also für ein Opfer geboren sei, das er nicht bringe und deshalb im Leeren lebe.

Der Diener brachte eine hohe Karaffe ganz vorzüglichen Burgunders, mit dessen erstem Glas das O des Mundes schwand und dessen zweites die Draperie der Stirn um zwei Faltenwürfe minderte. Beim dritten Glase war Herr von Pâris fast so fröhlich wie seine Nase, die nach Spaniol lüstern schien, und die Mitteilung, daß man von des Chevaliers Ankunft im Hörselberg wisse, ja ihn da auch gesehen habe, schuf diesem Erleichterung, der sich etwas in der Rolle eines neugierigen Ausfragers fürchtete. »Wir haben hier,« sagte Herr von Pâris, »ein jeder in seinem Hause so eine kleine Maschinerie, eine Art Camera obscura; man braucht nur das Sehrohr in die Höhe zu schrauben und auf dem weißen Tisch sehen wir, wenn auch nicht in die Interieurs, so doch in die Exterieurs des Berges. Man soll sich aber, wie mir meine Nachbarn sagen, diese Neugierde bald abgewöhnen. Was mich betrifft, so bin ich von meiner Romfahrt noch nicht lange genug zurück.«

»Sie waren in Rom?«

»Alle, die hier wohnen, waren dort, nachdem sie drüben im Berge waren.«

»Und alle sind auf diese bukolische Seite des Berges zurückgekehrt?«

»Wir haben einmal einen Kuß empfangen, so stark, daß er eine Runzel, eine Rune in unserem Herzen gegraben – wir können sie nicht tilgen und nicht entziffern. Wir konnten zwischen Leidenschaft und Lust nicht wählen, darum leben wir im Leeren. Sie werden es bald selber erfahren, Herr Chevalier, denn sonst wären Sie nicht hierher zu uns gekommen.«

»Ich begann mich vielleicht zu langweilen.«

Pâris nahm ein Blatt und zeigte es dem Chevalier. »Da Sie ja doch von meiner Malerei wissen – hier habe ich den Don Juan von Mañara zu malen versucht, wie er sich langweilt.« Das Blatt zeigte einen Verzweifelten, und die beiden Herren begannen ein lange währendes Gespräch darüber, dessen Satz um Satz in Rede und Gegenrede aufzuschreiben mein gesetztes Maß überschritte. Die Wichtigkeit, die es aber für den Chevalier auf dem Wege seiner Passion hatte, macht eine Widergabe in extenso nötig. Der Don sucht das Lösungswort der Welt im Mysterium der Frau, die dessen in ihren Jüpons mehr verbirgt als Philosophen fragen können. Daß er immer Handschuhe trage und vortrefflich chaussiert und seine Courage ein bißchen renommistisch sei, soll nicht täuschen, denn er braucht die verhübschende Galanterie als ein unerläßliches Mittel zur Eroberung der Frau. Zu sich selber stellt er Fragen wie der Doktor Faust. Denn er ist einer, der zu seinem Malheur in der Liebe nicht den Kopf verliert und der sich immer selber zusieht, auch in der tollsten Aktion, nicht nur im Improvisato der Lüge. Er verführt durch den Zauber des Bösen, worauf sich die Frauen, denen der Teufel in den Lenden sitzt, verstehen. Das Böse hockt bei der Lust und die Lust beim Bösen. An dieser Stelle gab es zwischen den beiden Herrn eine Differenz über den Wert christlicher Maximen für die Wahrheit, und man kam überein, daß diese Maximen unlösbar seien vom christlichen Gedanken und daß sie isoliert jeden vernünftigen Sinn verlören. In einer späteren Unterhaltung mit Sholeros wurde dann erkannt, daß es andere als christliche Wahrheiten überhaupt nicht gäbe und daß was sich dafür halte nur schwächliche Derivate eben dieser Wahrheiten seien, z. B. die ethische Stumpfsinnigkeit der Stoiker. Jede Antwort auf die Frage nach dem Wesen eines Dinges sei christlich, auch wenn ein alter Chinese die Frage stelle.

Darauf konkretierte man das Gespräch wieder im Don Juan, dessen Fatalität im Fleische sei, das er, als ein Wollüstiger, begehre, ohne je Befriedigung dieses Begehrens zu finden, denn je größer und stärker dieses sei, um so weniger gibt es sich zufrieden. Daraus die Trauer des Don. Er muß von einer Frau zur andern, nicht des Vergnügens wegen, dessen Gleichförmigkeit er ja allzurasch erfuhr, sondern der Leere wegen, die er in jeder Frau auslotet. Seine Sinne glühen, aber sein Kopf bleibt Eis; daß dieses schmölze, mit den Sinnen zum Sieden gebracht werde, geht er suchend von Frau zu Frau, den Schatz des Geheimnisses suchend, an den sein Fleisch glaubt, und er verhungert an der reichen Tafel. Er kann keine Frau auf einmal in ihrem Fleische und in ihrem Geiste lieben. Nur die Liebe, die man als die blinde die wahre nennt, trifft dieses Kunststück des Prestigitateurs, wo die verliebte Seele sich die Illusion des schönen Fleisches auch in der Häßlichsten schafft oder Leidenschaft des Fleisches der Schönsten schenkt, was sie nicht besitzt: Seele.

Tannhäuser suchte aus all dem was Hero? von Paris sagte dessen innere Person und deren evidenten Leidenscharakter, denn Geschicklichkeit, welche hier knirschende Scharniere der seelischen Türen ölte, täuschte ihn nicht. Für welchen Begriff war dieser Mensch hier? Welcher Idee Geste ist er? Darauf suchte er sich Antwort, denn Kenntnis eines Einzelschicksales hätte nur kleine Neugierde befriedigt, wonach ihm gar nicht der Sinn stand. Den Zufall anerkennen heißt in jeder Weise verzichten. Das Erste ist das Gesetz. Hier schien es ihm einfach genug. Jeder Mann ist im Grunde seines Wesens donjuanisch; er begehrt, und das Begehren erlischt im Besitz; wer es mit einer begehrten Frau, diese besitzend, mehr als einmal tut, erliegt Bräuchen äußerer Not. Man hat diesen Fall heiligen müssen, indem man ihn sakramentierte. Der Respekt dieses frommen Herrn von Pâris vor dem Sakramente ist nun so groß wie seine Erkenntnis tiefer ist, daß er immer wieder verlangend Besitz verlassen muß. Entmutigt tut er Verzicht. Aber der Chevalier merkte, daß es in dem Räume unendlich fein zerstäubt nach Frauen roch, ein bißchen welk, ein bißchen lau, als ob die Duftessenz aus Träumen destilliert wäre, Träumen aus Nächten längst vergangen.

 

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