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Venus und Tannhäuser

Aubrey Beardsley: Venus und Tannhäuser - Kapitel 14
Quellenangabe
typenovelette
authorAubrey Beardsley/Franz Blei
titleVenus und Tannhäuser
editorFranz Blei
publisherPaul Steegemann Verlag
yearo.J.
firstpub1920
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140217
projectid4cf8b22e
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Das zwölfte Kapitel erzählt, wie der Chevalier Tannhäuser sich zu den Heiligen des Hörselberges begab

Der Chevalier nahm von dem kleinen Gefolge, das zu Pferde oder in Cabriolets seine Sänfte begleitet hatte, Abschied, als man unter den hohen Uferbäumen angelangt war, wo bereits die schmale Gondel wartete, die ihn ans andere Ufer bringen sollte. Die Damen und Herren hatten den Weg her ihren Witz über des Chevaliers Wallfahrt, wie Pulex den Ausflug nannte, so ganz ausgegeben, daß nichts davon übrig geblieben war, als man Tannhäuser aus der Sänfte holte, die, so klein sie war, ihn nicht allein beherbergt hatte. Denn im letzten Augenblick hatte Venus ihr Schmollen aufgegeben und sich in das zierliche Gehäuse aus Rosenholz gezwängt, ganz nackt, um besser Platz zu haben und dem Wallfahrer näher zu sein, dem sie auf eine Weise den Weg kürzte, daß es ihm mehr als einmal den Atem benahm – ein Pedant hätte dreimal zählen können. »Damit du nicht nach deiner Rückkehr glaubst, mir spränge ein rotes Mäuschen aus dem Munde,« erklärte ihm die Göttin die unermüdliche Geschäftigkeit ihres Züngleins, das flackernd wie eine Flamme, beweglich wie ein Schlangenschwänzchen ihm über den Leib tanzte, soweit er unbekleidet war oder die Göttin ihn nicht bekleidet ließ. Des Chevaliers beide Pagen, die ihn zu seiner Aufwartung begleiteten, brauchten auch bei aller Eile, die sie sich gaben, einige Zeit, Tannhäusers derangierte Toilette wieder in Ordnung zu bringen. Venus aber blieb unsichtbar hinter den zugezogenen Vorhängen der Sänfte. Nahstehende konnten die Töne, die sie aus dem Innern vernahmen, nicht bestimmt deuten; dem einen klang es wie leises Weinen, dem andern wie unterdrücktes Lachen.

Der Chevalier winkte von der Gondel aus noch ein-, zweimal mit seinem Spitzentuch und ließ sich dann etwas ermüdet auf die Kissen gleiten. Er sah vier rasche Ruder sich bewegen, nicht aber, wer sie bewegte.

Als ob riesige Spinnetze, auf die es Asche geregnet, den Wald des Ufers, dem er zufuhr, bedeckten, so war es ihm, als die Gondel abstieß, erschienen; nun, da er näher kam, schwand das graue Gespinst mählich und jetzt leuchtete Blatt um Blatt in allen Graden des Grün. Er blickte zurück, und das Ufer, von dem ganz kleine farbige Fleckchen, die Nachzügler der Kavalkade, verschwanden, starrte in verstorbenen Bäumen hoch wie eine Mauer aus grauem verwitterten Stein, über der nicht Himmel lag, sondern ein schmutziges, endloses Tuch.

Bevor der Chevalier die Frage, die er sich stellte, beantworten konnte, in welche Naturwissenschaft dieses Phänomen gehöre oder ob er nur einer optischen Täuschung erliege, fuhr die Gondel in eine liebliche Bucht ein, wo sie an einer kleinen Mole anlegte wie ein apportierendes Hündchen; denn immer noch blieb des Bootes Bemannung unsichtbar.

Aber aus der Landschaft kam der anschwellende und verklingende Ton – der Chevalier konnte nicht sagen eines Hornes oder einer Windharfe oder eines fremdartigen Tieres.

Jedenfalls bedeutet es, daß man mich erwartet, dachte er und stieg ans Land. Ein sicher wenig begangner, aber doch sichtbarer Weg, den der Chevalier nach kurzem Zaudern einschlug, führte unter guten Bäumen hin, durch schön geschorene Wiesen, die um Strauchinseln kräuselten, dann einen hüpfenden Bach entlang, und der Chevalier nahm unwillkürlich den bedächtigen Gang eines englischen Landlord an auf dem Wege zu seinem Fischwasser, wie wir ihn aus den Ausstellungen der Königlichen Aquarellistenschule kennen. Diesem Ufer fehlt sichtbar das Frou-Frou des andern Ufers, dachte Tannhäuser, immerhin ist die Natürlichkeit nicht so impertinent wie sonst in der Natur. Und da die Sonne noch hoch stand und der Chevalier nicht zu fürchten brauchte, die Nacht könnte ihn überkommen, bevor er Haus und Herd eines Heiligen gefunden, schritt er mit zierlicher Gemächlichkeit durch die Landschaft, ganz zufrieden damit, daß sie nicht überraschte. In den Umstand, daß man ihn hier erwartete, aber nicht empfing, fand er sich als eine bei den Heiligen wohl bräuchliche Formlosigkeit. Ein Eremit muß einen Besuch wohl dulden, dachte er, aber daß er ihn vom Bahnhof abhole, ist als unverträglich mit dem Begriff der Eremitage nicht zu verlangen.

Der ins Bukolische seiner Wanderung schon etwas verliebte Tannhäuser wollte gerade eine ländliche Betrachtung über einen hämmernden Specht anstellen, als der Weg sich in eine Lichtung begab und Helles von einem Mauerwerk, halb Landhaus, halb Pavillon, seinen Schritt aufhielt. Und schon mußte er bemerkt worden sein; denn ein Diener, gewöhnlich, daß er hätte Joseph heißen können, kam mit würdiger Eile ans Parktor, das er öffnete. Der Chevalier trat näher, und der Joseph meldete mit einer Verbeugung:

»Der Herr Chevalier werden vom gnädigen Herrn erwartet.«

 

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