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Venus und Tannhäuser

Aubrey Beardsley: Venus und Tannhäuser - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
authorAubrey Beardsley/Franz Blei
titleVenus und Tannhäuser
editorFranz Blei
publisherPaul Steegemann Verlag
yearo.J.
firstpub1920
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140217
projectid4cf8b22e
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Das neunte Kapitel, welches berichtet von Venus und Tannhäusers Frühstück und nachfolgender Spazierfahrt durch die Gärten

Wer am Frühstück teilnahm, war in Tête-à-tête und kleinen Gesellschaften über die Gärten hin verstreut. Venus und Tannhäuser saßen auf der Wiese vor dem Pavillon und gaben sich mit verwüstendem Appetit dem exquisiten Déjeuner hin. Hell, weiß, morgendlich war alles, und der Chevalier fühlte sich glücklich; weitfaltige Kleider der Damen, knappes Kostüm der Knaben und Satyrn, die Speisen, Wein, Früchte servierten; die Tafeltücher Damast, der Unterhaltung erregender Lärm und Gelächter; Farben der Blumen, Ruch der Blüten, Schatten der Bäume, des Windes kühlsanftes Läuten, Blau des Himmels, rein und idyllisch wie eine Quint. Und zu dem allen sah Venus ganz bezaubernd aus, gar nicht wie diese Dame im Lemprière.

»Süß bist du,« flüsterte Tannhäuser und nahm ihre Hand.

Wo die Wiese randete, halb verborgen von einer Rosenhecke, frühstückte ein junger Mann ganz allein. Er stocherte ab und zu nervös in den Tellern, lehnte aber meistens mit müßigen Händen in seinen Stuhl zurück und starrte blöde auf Venus. »Das? Das ist Felix,« antwortete die Göttin auf die Frage des Chevaliers, und begann zu erklären. Felix erwarte sie auf ihren kleinen Ausflügen zum Klosett, hielte sie da auf und lege Wert darauf, ihr die Bänder zu lösen, die Röcke zu heben, zu lauern und warten bis das kam, in das er einen Finger tauchte oder Lippen, unter ihr liegend, wenn die Gnadenbezeugung fiel, um die kleinen braunen Reinetteäpfelchen wegzutragen, zusamt dem geknitterten Seidenpapiere – das war des jungen Mannes höchste Freude am Leben.

Nie ist eine Königin von ihren Untertanen mehr verehrt worden als Venus – man liebte alles an ihr. Wie stahl man ihr Taschentücher, die sie gebraucht, Strümpfe, die sie getragen hatte! Wie intrigierte man, wie heckte man Listen aus, um sich das Geringste von ihr zu verschaffen! So mit den Dingen, die sie trug oder berührte, so mit allem, was ihr Leib ausschied. Nie spuckte sie reichlich genug für Pradon! Und Saphius fand die Zeit von einem Monat zum andern unendlich lang! Und Savarel klagte über die zu geringe Menge ihres Ohrenschmalzes! Das Frühstück war eingenommen und des Herrn Felix Befürchtung, der Chevalier könnte ihn seiner launischen Anrechte beraubt haben, erwies sich als überflüssig. Nun lud Venus den Tannhäuser zu genauerer Besichtigung der Gärten, Parke, Pavillons und Wasserkünste ein. Der Wagen fuhr vor, ein elegantes, muschelgeformtes Fahrzeug, mit schwellenden Kissen unter einem hellen Dache, gezogen von zehn Satyrn, gekleidet in der Livree der Kutscher Kaiserin Paul I. Tannhäuser war von der ebenso abwechslungsreichen wie interessanten Spazierfahrt aufs höchste entzückt. Wie auch anders, wenn rechts und links vom Wege Wiesen voll reizender Kleider um Leiber sich breiten, Damen auf Blumenbeeten, reizendste Geschöpfe in der Glorie ihrer weiß aufgeworfenen Unterwäsche, daraus zarteste Waden fühlen, wenn im kühlen Baumschatten heiß umschlungene Knaben ruhen, auf dem Boden, im Geäst, wenn in den Kaskaden der Wasserkünste die Liebe festet, Wassers sich lachend wehrend, das in jeden Spalt und Falt dringt!

Ganz entzückt war Tannhäuser vom Anblick der kleinen Rosalie, die rücklings wie ein Postreiter auf dem farbigen Phallus des Gartengottes saß, mit geschlossenen Augen und lächelnd als das Cabriolet vorbeifuhr. Um Nacken und Kinderschultern lag das Gewühl ihrer hochgeschlagenen Kleider, darüber das Flachshaar wie eine Perücke fiel. Die Zehen der nackten Füße krampften sich in verliebter Verzückung ineinander. Zu Füßen des steinern Gottes lagen Rosaliens Schuhe und Strümpfe und einiges andere noch. Tannhäuser war höchst begeistert von Rosalie und fast aus der Haltung gebracht. Venus ließ, solches merkend, ihrer Finger linde Hilfe in die Spitzen seiner Pantalons gleiten. »Gehört das alles mir? Das alles mir?« sagte sie und tat etwas sehr Angenehmes. Vor dem Umwerfen bewahrte den Wagen nur die plötzlich irgendwoher auftauchende Priapusa, deren Augen einer alten Dame verschwammen, als Tannhäuser seinen zückenden Speer barg. In ihrer ehrlichen Begeisterung für alles Schöne vergaß und verzieh sie ganz den Nervenschok, den ihr die beinah stürzende Muschelkalesche gegeben hatte. Venus und der Chevalier erschöpften sich in Dankworten und Entschuldigungen, umringt von einem Schwarm tröstender und gratulierender Höflinge, die herbeigeeilt waren. Der Chevalier tat den Schwur, nie wieder einen Wagen zu besteigen, denn er war über den beinahen Umfall wirklich aufgeregt. Man reichte ihm Riechsalz, was ihn soweit wieder beruhigte, daß er mit der Weiterfahrt einverstanden war.

Die Landschaft verging ins Geheimnisvolle. Keine Gestalt unterbrach, kein Götterbild zierte mehr die Einförmigkeit des Parkes, der mit mysteriösen Stimmen und deren grautönenden Widerschallen sich füllte. Der Blätter Klingen verdüsterte sich ins Gedämpfte, und da murmelte eine Grotte wie eine Stimme, spukhaft in der Stille eines vergessenen Orakelortes. In der Fernsicht silberte reglos ein See durch die Bäume, in dem wohl die glattesten Fische schwammen, die es gab. Um seine Ufer schliefen Bäume, nicht aufzuwecken, dunkler Rasen bedeckt von Fleurs de luce.

Der See drängte den Chevalier in eine dunkle Stimmung. Das Wasser blickte, als ob es reden, ein seltsames Geheimnis mitteilen wollte, ein süßes Wort sagen – er brauchte es nur mit einem Kiesel zu wagen, das glatte bleiche Antlitz zu runzeln. »Als ob ich mich das zu tun fürchtete,« sagte er sich selber. Dann aber dachte er darüber, was wohl auf der andern Seite des Sees sein könnte, – andere Gärten? Andere Götter? Wie schlafmüde machendes Gewölk zogen durch ihn Gedanken. Da änderte sich der See, wurde zwanzigmal größer, oder wurde ganz winzige Miniatüre, doch blieb immer reglos, fremd. Wie das Wasser stieg, erschrak Tannhäuser, denn er mußte sich die Frösche vorstellen, wie die mit dem wachsenden See riesengroß werden mußten, mit riesigen Augen, ungeheuren nassen Beinen. Als der See wieder fiel, mußte er lachend an die nun ganz klein und zierlich werdenden Frösche denken, an deren zarte Spinnenfüße und an ihr gar nicht mehr hörbar feines Gequake. Aber vielleicht war der See nur eine Malerei? Und hatte er nur etwas gesehen wie auf dem Theater? Aber so oder so, es war ein herrlicher See, in dem er gern gebadet hätte. Doch wäre er dabei, dies wußte er, ganz bestimmt ertrunken.

 

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