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Venus im Morgen

Bruno Ertler: Venus im Morgen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleVenus im Morgen
authorBruno Ertler
year1921
publisherWiener Literarische Anstalt
addressWien / Berlin
titleVenus im Morgen
pages3-83
created20040625
sendergerd.bouillon
firstpub1921
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Bruno Ertler

Venus im Morgen

Bruno Ertler: Venus im Morgen

 

 

Diese Geschichte früher Ahnung, geschrieben
auf der Höhe von Veyges im Frühsommer
1912, möchte ich in Deine reinen Hände legen,
Mare-Meli. – Wird sie Dich je erreichen?

Die Inselmänner sind braun und hart, haben schmale Lippen, kleine, sonnenverkniffene Augen, starke Gesichtsknochen und hakige Nasen.

Die Weiber sind blaß und düster. Sie tragen schwarze Gewänder und schwarze Kopftücher. Sonntags haben sie eine goldene Kette um den Hals und ein dreieckiges, weißes Tuch auf den Schultern. Schwarze, weitkrämpige Hüte haben sie auf, die sie beim Grüßen lüften wie die Männer. Sie sehen immer ernst und grüßen nicht gern.

Im Innern der Insel ist es wild.

Hier ist die Zeit vor einigen Jahrhunderten stehen geblieben, damals, als der herrliche, wilde Graf noch lebte, der dem Kaiser zu trotzen wagte. Sie haben ihm den Kopf abgeschlagen – damals. Seine Landsleute können es nicht vergessen; sie trauern düster und stumm. Aber der Dorfwirt nennt seine Weinschenke und der Fischer seine Barke mit dem einzigen, heiligen Namen: Frankopan.

Das Land ist wie ein Friedhof in der Sonnenglut. Um jede Handvoll Erde ringen die sehnigen Bauern hart und schweigend. Und dann tollt die lachende, urwilde Bora über die Insel und fegt die Steine glatt und zaust die Sträucher und springt jauchzend von den hohen Klippen in das sehnsüchtige Meer. Die Männer pressen die Lippen aufeinander und graben und rütteln an den Steinen mit hochgewölbten Schultern und eisernen Fingern. Sie werfen die Steine zuhauf, daß sie gegen den Himmel weisen, wo ein Gott ist, und es selber hinaufrufen: Du! Warum bist du so hart?

*

Die Inselmänner haben alte Lieder, die berichten von Kriegen und Helden, von großen Zeiten und blutigen Schlachten. Aber sie haben auch andere Lieder. Die singen sie an weichen Abenden über das Meer hin. Da kommt im Dunkel eine Barke geschlichen und wirft nur wenige Schritte vor dem Ufer den Anker aus. Drei Männer singen: Ein Tenor, eine Mittelstimme und ein Baß. Weichtönige, schwermütige Lieder singen sie, die einem ins Blut schleichen.

Jedesmal brechen sie ab, wo kein Ende ist, und lassen in der Brust eine atembeklemmende Sehnsucht zurück. – Und dann rasselt die Ankerkette, und die Barke schleicht hinaus ins Dunkel. Niemand weiß, wer gesungen hat, niemand fragt danach – aber keiner vergißt das Lied.

*

Es war ein Sommer voll Gold.

Sonnengold – Mondsilber – Meerlicht.

In den Nächten leckte das Meer an den Steinen, Zikaden schrillten unaufhörlich. Zuweilen sang eine einsame Stimme ein einsames Lied oder eine Holzpfeife blies drei Töne; immer dasselbe auf und ab: Ri–ri–di – – ri–ri–di –. Schiffe glitten lautlos über die ewige Fläche, ruhige Lichter lagen da und dort – woher kamen sie?

Die Tage waren still und reich. Oft lag ich allein lange Zeit im Kahn und ließ mich schaukeln. Oder ich fuhr im Segelboot durch die spritzenden Wellen – pfeilschnell. Einsame Winkel habe ich gesehen, so reich an Schönheitsglück, wie nie zuvor.

Und ich sprach mit dem Meer, und es verstand mich.

»Meer, du weites, stilles, ruhevolles,« sagte ich, »Meer, ich kenne dich, weil ich dich liebe. Meer, ich weiß, daß unter deinem glatten Spiegel tausend Leidenschaften sich bergen; da drunten schlummert der Haß und die Liebe, tief unten glimmt es: das ist das Begehren. Und einmal, da kommt der Sturm über dich, dann bist du schöner, denn je. Du schlingst deine Wellenarme um die Klippen und willst sie hinunterziehen zu dir. Du küßt mit Inbrunst die Ufersteine, und sie bekommen Leben durch dich. Lockende Weisen singst du in stillen Nächten, uralte Sagen erzählst du von fernen Zeiten und wilden Gewalten. Die Menschen liebst du – aber du mordest sie, wenn sie dir lang ins tiefdunkle Auge sehen. Du stiehlst ihnen das Herz, und sie müssen ewig Sehnsucht tragen nach dir. Und du lachst wie ein Kind und tanzest voll Jugendmut über die Felsen und rufst: Fang mich!

Die Berge sind Männer. Meer, du bist das Urweib. Und deshalb liebe ich dich, denn ich bin ein Bergmensch.«

*

Ich sang laut im Kahn, weit auf dem Meere draußen.

Mein Freund sagte: »Was schreist du so?«

Ich lachte laut und schrie noch lauter. Mein Freund schüttelte den Kopf und fragte: »Bist du verrückt?«

»Ja, alter Esel! Heidi! Paß auf!« Und ich spritzte ihn patschnaß an. Da nahm er mich beim Kragen und drückte mich über die Bordwand. Ich wehrte mich so lange, bis wir beide ins Wasser patschten. Dann kletterten wir lachend ins Boot zurück und versöhnten uns feierlich. Zur Friedensfeier erzählte ich ihm eine Geschichte:

»Über der Draga dort auf den Steinen steht ein uralter Turm; es gibt nur Schlangen darin. Aber einmal wohnte ein König dort, der über die Inseln im glücklichen Südmeer herrschte.

Sein einziges Kind war ein Mädchen, Zora, die Morgenröte. Sie liebte nur das Meer, so wie die Menschen im träumenden Sonnenland lieben, still und unendlich. Von der Klippe der Draga sah sie hinaus, wo im blaugoldnen Flimmer weit, unfaßbar weit, die weißen Segel vorüberblitzten. Von dort mußte es kommen, aus dem Meer mußte es kommen, einmal mußte es kommen – das Wunder – das Wunder.

Sie schaute in das klare Wasser und gewahrte ihr Bild darin. Langsam streifte sie die Kleider ab und löste das schwere, dunkle Haar, sah das Märchen ihrer Schönheit und staunte und wurde bang und froh und ahnte und verstand nicht. Da plätscherte es an der Klippe, ein Kopf mit dunklen Ringellocken hob sich aus dem Wasser. Zora, die Morgenröte, konnte vor Schreck und Staunen kein Wort sprechen und kein Glied bewegen.

Es durchzuckte sie: Das Wunder – das Wunder!

Der Jüngling schwang sich auf einen Stein neben sie, strich die nassen Haare aus der Stirn und lachte:

»Du machst Augen, wie der Fisch im Netz. Fürchte dich nicht, Zora, ich habe dich lieb.«

Prinzessin Morgenrot zitterte und fragte langsam, ohne sich zu regen: »Bist du das Wunder?«

Der Jüngling lachte wieder: »Nein, du Kind, ich bin kein Wunder, ich bin nur ein Mensch wie du.«

»Kommst du von da drüben?« fragte Zora, und deutete schwach nach den fernen Segeln.

»Von dort oder da, das gilt gleichviel. Ich bin ein Mensch und liebe dich. Das ist mehr als alles.«

Er nahm ihren Arm und zog sie näher. Aber Zora, die Morgenröte, sträubte sich: »Was willst du tun? Du willst mein Leben –.«

»Ich liebe dich, wie Menschen lieben; mehr hat die Welt nicht!« rief der Jüngling und riß sie an sich, um ihren Mund zu küssen.

»Mehr hat die Welt nicht –?«

Zora rang sich schreckenbleich mit verzweifelter Kraft aus seinen Armen, lief die Klippe hinauf und davon.

Aber als sie am andern Tag an der Klippe saß, da kam der Jüngling wieder. So war es jeden Tag, und Zora, die Morgenröte, freute sich schon immer auf die Stunde, da sie nach den fernen Segeln schauen und der Jüngling zu ihr sagen würde: »Ich liebe dich.« Denn das sagte er immer. Zuerst hatte er noch anderes gesprochen und gelacht und gescherzt, am Ende fand er nur noch dieses eine Wort. Es war, wie wenn das Meer in weichen Nächten die großen Steine streichelt, wie wenn lauer Regen über geschlossene Blüten rieselt, es war wie eine Stunde vor Sonnenaufgang.

Aber einmal flüchteten die Fischer eilig heim in den Hafen und versicherten die Boote und Barken. Und dann wühlte der Sturm im Meer.

Am andern Morgen legten die Wellen einen Toten auf den Sand der Draga, gerade als Prinzessin Zora nach der Klippe eilte, um Ausschau zu halten nach den fernen, weißen Segeln. Und sie erkannte den Jüngling, streifte seine Locken aus der Stirn und sah ihm in die starren Augen – lange – lange. Dann ging sie langsam, den Kopf gesenkt, die hohe Klippe hinauf und ließ sich in die gurgelnde Brandung gleiten. So starb Zora, die Morgenröte, die auf das Wunder gewartet hat.«

*

Die Sonne war unten. Das Meer glänzte wie geschmolzenes Blei.

Ich war zu Ende. Mein Freund zog langsam die Ruder an. Das Meer leuchtete, wenn die Tropfen klingend vom Holze sprangen. Es war still. Eine Kirchenglocke fing zu läuten an.

*

Im Hafen lag die Flotte von Mala so sicher wie in einer Wiege. Kam man vom Meere her, so sah man schon vom weiten die feinen Masten und Taue in Steilschrift auf den blauen Himmel geschrieben. Ein breiter Wellenbrecher zog von einer Seite der Bucht zur andern und ließ eine schmale Einfahrt frei: zehn Ruderschläge weit.

Nahe im Meer draußen schaukelte eine gemütliche, dicke Boje, ein großer, leerer Eisenkasten mit einem Ringe dran. Das waren unsere Schutzpatrone. Den Damm nannten wir »Onkel Mul«, den Eisenkasten in seiner gemächlichen Breite »Tante Boje«. Die beiden sagten uns alles.

»Tante Boje« sang, wenn die Wellen kamen, und »Onkel Mul«, als verbissener Junggeselle, wies den zudringlichen Meerweibern seinen breiten Rücken, daß sie sich zornig liefen an ihm und die Krabben ängstlich in die Höhe krochen.

Dem alten Rac, der nur ein Auge hatte, mit dem er die Falschheit seiner jungen Frau besser sah, als andere mit zweien, gehörte fast die ganze Flotte von Mala. Die Flaggschiffe wenigstens. Das waren drei Trabakel: Die »Casta Susana«, die »Santa Cecilia« und der »Frankopan«. Er belud sie bis an die Wasserlinie mit Knüppelholz, ließ sie langsam, wie reinliche, alte Damen übers Meer nach Chioggia bummeln, woher sie nach zwei Wochen, den Bauch voll Wein, zurückkamen.

Außerdem hatten wir noch viele Barken und Gondeln im Hafen – wir durften uns sehen lassen, wenn Besuch kam von der Küste her oder aus dem Lande Italien. Wir durften uns sehen lassen.

Wo hatten sie einen, der so tauchen konnte, wie unser Paolo mit den blauen Augen und dem blonden Bartflaum? Er war seinen Leuten durchgegangen, da sie einen Beamten aus ihm machen wollten, irgendwo droben im Festland, wo die Menschen vom Meer nichts wissen. Beim alten Rac und seiner jungen Frau wohnte er, der blonde Paolo, in einer Dachkammer, wo die Bora jede Nacht bei ihm war und ihm viel erzählte von drüben, von der Küste mit den schweigenden Bergen im schwermütigen, heißschönen Lande Dalmatien, wo die Menschen noch träumen können. Der Paolo hat uns auch oft erzählt, wie der alte, einäugige Rac sein Weib schlug, weil er meinte, daß sie in der Dachkammer war –, und dann sprang der Paolo plötzlich kopfüber ins Meer, daß man nur milchige Schaumbläschen sah, bis er nach Minuten wie eine grüne Qualle unterm Wasser sichtbar wurde, auftauchte und lachend und prustend einen Seestern hochhielt, den er während des Erzählens tief unten im Grundtang hatte schimmern sehen. Oder er holte sich einen beweglichen Polypen herauf, der sich dann saugend um seinen Arm ringelte, schleuderte ihn an einen Uferstein, daß es spritzte, und lud uns lachend für Abend zu einem Brodetto ein. Dann redeten wir über probable Staatsformen und den Segen und Schaden der Republik gegenüber der Monarchie – bis er sich plötzlich wieder auf einen Augenblick einige Meter tiefer begab.

So war er, der Paolo.

Nur singen konnte er nicht. Das konnte aber der Memi.

Das war auch so einer. Er hatte es fertig gebracht, drei Monate in einer Postkanzlei in der Stadt zu schreiben. An einem Abend aber, als die braune Danica an der Zisterne Wasser schöpfte, als der dunkeläugige Ive das Holz kleinhackte, da schlich ein Lied über das Meer.

Danica ließ den Kupfereimer drunten im Brunnen, der Ive ließ die Hacke ruhen, die kleine Marica und der Peric, die im Sande spielten, liefen ans Meer und horchten, und plötzlich riefen sie zu den Geschwistern hinüber: »Der Memi ist wieder da!«

Und er war da, und er ging nicht mehr, er blieb und sang und sang.

O ja, wir durften uns sehen und hören lassen.

Auch wenn wir nicht den Danko gehabt hätten, der Segel und Steuer zu drehen wußte, wo selbst einem Dampfschiff der Mut ausgegangen wäre, und den Vinko, den zarten, verträumten, der die Tamburitza spielte, wenn wir nach dem Abendessen ums offene, ausglühende Herdfeuer saßen, an dem wir die tagsüber gefangenen Fische gebraten hatten.

Wir hatten viel und waren reich.

Wir durften uns sehen, hören und beneiden lassen.

*

Das ging so bis zu jenem Abend, der war wie keiner vor ihm und keiner nach ihm. Ein Gott empfand Freude über die Welt, und er sandte diesen Abend, von dem ich nicht weiß, warum ich ihn nicht vergessen kann. Dem Teufel gefiel's, einen Menschen zu narren, und er sandte den Abend übers Meer, der den Sturm brachte – den unvergeßlichen Sturm.

Wir standen mit unserer Barke, als hätten wir Blei im Kiel, weit draußen vor der Punta Chiaz im glühenden Sommermittag – mein Freund und ich. Ich weiß es noch: Vom Mäusekastell herunter rief ein feines Glöckchen, daß die seidene Luft zitterte und flimmerte, und ich dachte: Wird die Sonne alle die vielen tausend blendweißen Steine auf dieser Insel ausbrüten? Und was für Wundervögel wird das geben? Oder werden Schlangen ausfallen? Ich wollte meinem Freund diese meine Gedanken mitteilen. Er kauerte am Bug unseres Kajic und schien angelegentlich um das Lebensende eines Fisches besorgt, den er zu überlisten trachtete. Ich wollte nicht stören, schwieg, dachte nach, schlief ein und träumte, daß aus den Steinen Menschen wurden, so schön und heiß und steinstill und meerverwandt, wie die arme Prinzessin Zora, die Morgenröte, die auf das Wunder wartete –, und wenn man den steingeborenen Menschen die Hand gab, so lächelten sie und wurden wieder zu Stein und ließen nicht los und drückten mit den harten, kantigen Händen –, da erwachte ich. Mein Freund kauerte noch immer unbeweglich, aber neben ihm lag ein toter Branzin und eine kleine Orade, die noch lebte. Sie sah erschreckt aus, wie Zora, die Morgenröte, als sie das Wunder in der Nähe sah, das so schön von weitem geflimmert hatte, wie die Sonne da drunten aus der Fischperspektive. Ja, kleine Orade, Sonne und Wunder sind nicht für jeden.

Mein Freund fluchte, wickelte zornig die Angelschnur auf, warf sie in die Barke und stürzte sich kopfüber ins Wasser.

»Heute fangen wir nichts mehr«, prustete er, indem er um den Kajic herumschwamm und große Augen machte, als wollte er das Meer austrinken; und ich sagte es ihm nach:

»Nein, heute fangen wir nichts mehr –.«

Von da an lag es bleischwer in der Luft; so hat es angefangen.

Es war nichts sonst, als endlose, blaue Himmelsweite und blutstockende Schwüle. So war es auch im Hafen. Lebenverlassen und sonnenbrütend. Nur der halbblinde Rac hatte die »Casta Susana« durch ein schweres, an den Mast gebundenes Boot schief gelegt und hantierte mit Teertiegel und Schmierbesen hoch oben an der Bordwand. Er tat, als habe er uns nicht bemerkt, ich aber kannte das alte Chamäleon besser.

In der weiten, schattigen Küche, dem Hauptraum des uralten Hauses aus der Venetianer Zeit, saß Danica am offenen Herd und vernähte ein Loch in ihrem Strumpfe.

»Nur nicht ins Lebendige!« rief mein Freund und lachte

Ohne ihre Arbeit zu unterbrechen, ohne uns nur anzusehen, fragte sie gleichmütig:

»Habt ihr viel mitgebracht?«

Mein Freund warf unsern Fang auf den Herdrand, setzte sich neben Danica und legte seinen Arm um ihre Schultern. Sehr ruhig stach sie ihm die Nadel in den Oberarm und deutete auf die Fische:

»Ist das alles?«

»Ja –,« miaute mein Freund und rieb sich die verletzte Stelle, »mehr hab ich nicht erwischt heute.«

»Und du?«

Ich hatte mir eine Bevanda zurechtgemacht und trank eben; mein Freund sagte:

»Der hat geschlafen.«

Danica stand auf, nahm die Fische und wog sie in der Hand.

»Heute sind wir nur fünf,« sagte sie, »sonst hättet ihr noch einmal fahren können.«

»Wo sind die andern alle?« fragte ich.

»Der Ive ist in die Campagna geritten und kommt erst in der Nacht zurück, der Danko ist mit dem Memi heute früh hinausgefahren. Sie fischen mit den andern Leuten aus Mala im Meer von Smergo. Morgen abend kommen sie.«

»Warum hast du uns das nicht gesagt?« rief mein Freund, »da wären wir mitgefahren –.«

»Daß niemand daheim wäre –«, lächelte Danica.

»Ah! Deswegen? Na wart, Krabbe, du sollst es spüren, daß ich da bin!«

Er haschte nach ihr, sie lief davon, beide jagten durch die Küche, sie wischte ihm einen nassen Fisch ins Gesicht, er kriegte sie zu fassen, sie schrie und lachte, und endlich küßten sie einander sehr herzhaft.

Ich kam mir überflüssig vor und ging.

*

»Tante Boje« sang ein feines Liedchen, wie ich es noch nie gehört hatte. Ich setzte mich auf den breiten, niederen Steinpfeiler, an den die Trabakel gebunden werden, wenn sie Holz laden, und hörte ihr zu. Plötzlich wuchs drüben aus den Bergen der Küste eine Wolke in den Himmel hinein, so ballig und zornig, so drohwild und herrisch, wie ein angreifender Stier. Eine dunkle Herde folgte dicht nach und stieß und drängte sich nach allen Seiten über den Himmel hin, bis die Sonne erreicht und ausgelöscht war. Dann nahm die düstere, stumme Schar vom eroberten Land Besitz, bis auch die letzte tiefblaue Insel, die sich noch lange trotzig gehalten hatte, im eintönigen Dunkelgrau unterging.

Die Küste versank. Aber dort, wo eben noch ihre weißen Steinberge herübergeblendet hatten, loht es jetzt fahl durch die Schwaden, und ein breites, flammengelbes Band scheidet den schweigenden drohenden Himmel vom drohenden, schweigenden Meer.

Schwer atmet das bleigraue Wasser.

Erlösung! Erlösung!

Die Klippen stehen gespensterweiß, wie bleiche Krieger vor der Todesschlacht.

Eine Möve schoß krächzend heran und schlug in der Luft einen mächtigen Haken; hinter ihr her jagte der Sturm.

Der erste Windstoß pfiff glatt über das Wasser, fuhr in den Hafen, warf ein langes Ruder, das leicht an der Hauswand lehnte, krachend auf das Steinpflaster und zertrümmerte ein loses Fenster, daß es weithin klirrte.

Nun wurde es lebendig. Überall wurden eilig Fenster geschlossen, einige Fischer sprangen in ihre Boote, um sie in sicherer Entfernung von der Mauer zu verankern. Mein Freund war auch plötzlich da und spannte unsern Kajic zwischen den Eisenring an der Wand und einen schweren Ankerstein, den er an einem dicken Draht ins Meer versenkte.

Ich half mit einigen andern dem alten Rac die »Casta Susana« geradelegen, die Sparren binden und die Taue spannen.

Der Tanz begann. Der Wind spielte auf mit tausend Pfeifen, und auf den schwarzen Wogen wirbelten die Seejungfrauen in weißen, leichtfertigen Schaumkleidchen toll durcheinander.

Von der Punta Haludova wollte ein Boot herein. Wir erkannten Paolo und Vinko. Jeder saß an einem Ruder und es spritzte und plantschte, so oft sie einsetzten.

Beeilt euch, ihr!

Bald fuhr das Schiffchen in die Tiefe und war einen Augenblick nicht zu sehen, dann kam es wieder hoch, tanzte auf einem Wellenkamm und die Ruder schlugen ins Leere.

»Das ist der Paolo,« sagte ein weißhaariger Fischer neben dem alten Rac, »dem kann nichts an.«

Das Auge des Rac funkelte in böser Wut.

»Ja – der Paolo – und immer der Paolo –«, knurrte er, und riß zornig an dem Tau, mit dem sein »Frankopan« angebunden war.

Die Sache stand aber so, daß der alte, halbblinde Rac den blonden Paolo in aller Morgenfrühe in einem schlechten Boot nach Nivice hinübergeschickt hatte; er solle von der Schwiegermutter ein seidenes Tuch herüberholen, sein junges Weib brauche es morgen für den Tanz. Er solle sich beeilen und noch vor Abend zurück sein. Dann war der Alte in die Kirche gegangen und hatte der Madonna zwei dicke Wachskerzen angezündet. Auf dem Heimweg blieb er stehen und schnupperte in die heiße Luft; dann steckte er den Finger in den Mund und hielt ihn in die Höhe, um zu erfahren, von welcher Seite der Wind käme. Befriedigt nickte er und ging weiter; nun wußte er auf die Sekunde genau, wann der Sturm da sein mußte. Und jetzt –?

Da war dieser dumme Vinko mitgefahren! Sie mußten wie verrückt gerudert haben. Da nützte die schönste Wachskerze nichts! – –

Ich ging über den schmalen Laden auf den Damm, wo die Leute eben laut schreiend die beiden Geretteten begrüßten, die von einer mächtigen Welle verfolgt eben in den Hafen schossen. »Onkel Mul« schmiß die Welle zurück. Paolo und Vinko troffen von Wasser wie der Seetang im Grundnetz, als sie ans Land krochen. Zornig über das Entrinnen der Beute stürmte das Wellenheer gegen Damm und Klippen, lange Linien wütender Rappenreiter mit fliegenden, schneeweißen Helmbüschen und gezücktem Pallasch dröhnten und rasselten gegen Mauer und Wellenbrecher, wurden mit dumpfem Prall zerschmettert, hoch in die Luft geschleudert und zurückgeworfen, neue Massen stürmten über sie weg, um gleich ihnen in schäumender Wut anzurennen und zu verderben.

Es war ein Kampf, vor dem die Menschen schweigen müssen im schauernden Ahnen der Urwelt.

Weißgraue Nebelgespenster rissen sich aus den Wolken, vereinten sich, jagten über das Meer, zerrissen wieder und hingen in flatternden Fetzen an Bäumen und Klippen. Ein rotes, zuckendes Licht brach durch die Wolken, so daß sie sekundenlang glühten. Fern, nahe und wieder verhallend rollte ein drohender Donner nach.

Wir standen alle still.

Jetzt kletterte der Rac die Eisenleiter hinauf und steckte das Licht unserer Dammlaterne an. Der Paolo sprach erregt mit einigen Fischern; ich sah das an seiner Miene und den eifrig deutenden Händen, hören konnte man's nur in nächster Nähe. Die Männer rührten sich nicht, und der Paolo schrie jetzt so laut, daß ich ihn verstehen konnte.

An der Punta Chiaz hätten er und Vinko einen Trabakel gesehen, der den Kurs nach Mala gehalten habe. Dann sei der Sturm gekommen –. Wenn das so war –, bis zur Punta Chiaz gab es nur hohe, harte Klippen, die wie Sägezähne waren; das wußte jeder.

Ich merkte plötzlich, daß außer Vinko, Paolo und uns beiden nur weißhaarige Greise und Frauen dastanden, und erinnerte mich daran, was Danica gesagt hatte: Die Väter und Söhne fischten auf der Höhe von Smergo.

Ein schnaubender Windstoß riß die Nebelschleier fort und zerwirbelte sie hoch in der Luft, ein Weib rief laut und streckte die Hand aus, alle drehten sich, und es war eine Sekunde lang still; auch der Sturm schwieg.

Vor der Punta Haludova schwankte der Trabakel; alle Leinwand war gerefft, nur das kleine Focksegel vorne flatterte mit zerrissener Leine im Winde.

Sie hatten uns auch bemerkt. Ein weißes Tuch flog an einer Leine zur Mastspitze empor und riß daran ängstlich und hilfeflehend, wie eine Taube, der man die Füße gefesselt hat.

Das Meer brauste hohl und ging schwer auf und nieder, die Klippen waren dunkelfeucht, voll Tang und Moos; eine drückende Kampfpause. Die schweratmenden Gegner maßen sich vor dem Entscheidungsgang. Der Trabakel hob und senkte den breiten, schweren Körper wie eine waidwunde Ente.

Wieder brauste der Sturm, wieder jagte er Nebel und Wasser durcheinander, bald verschwand das Schiff, bald stand es gespensterhaft nahe vor uns. Die Weiber schrien auf, die Männer standen und schwiegen. Hie und da biß sich ein Weißkopf auf die Lippen, eine braune, hagere Faust ballte sich da und dort, und manchmal drehte sich einer plötzlich um, in einen Kajic zu springen und denen da draußen auf ihr Notsignal zu Hilfe zu kommen. Aber jedesmal hielten andere den Entschlossenen zurück.

»Du bist alt – ja, wenn der Danko hier wäre – oder der Memi –.« Und die Alten senkten die harten Köpfe und waren tief zornig, daß sie nicht jung und stark waren, um ihr Leben zu wagen.

»Sie können nicht herein – sie haben ein Boot –, und es sind ihrer nur drei auf dem Trabakel – da darf keiner weg –, und sie rufen nach uns –, vielleicht haben sie eine wichtige Post oder einen Schatz, den sie sichern wollen –.«

Der alte Rac schrie: »Wir haben Weiber und Kinder daheim und sind alt und haben das unsere getan – aber junge Leute –.«

Der Sturm heulte ihn nieder. Sein giftiger Blick traf den Paolo, der, von der wilden Fahrt ermattet, auf dem Steinblock saß. Mein Freund und ich standen neben ihm. Nun stand der Paolo auf und trat auf das junge Weib des Alten zu, indem er ihr ein nasses Bündel entgegenhielt, das er an der Brust getragen hatte.

»Hier ist das Tuch,« sagte er, »die Nona läßt dich grüßen.«

»Was für ein Tuch?« fragte sie.

»Deines – für morgen – auf den Tanz – es ist freilich naß geworden –.«

Und während sie ohne Verstehen das Tuch entgegennahm, trat der einäugige Alte hinzu:

»Ich hab' es holen lassen«, sagte er, ohne den Paolo anzusehen; zugleich nahm er sein Weib an der Hand und führte es weg, wie man etwa ein unfolgsames Kind vom Spielplatz nach Hause führt.

Der Paolo sagte kein Wort. Einen Augenblick sah er den beiden nach, dann drehte er sich um und wir gingen. Wir waren schweigend einig geworden, sprangen in unsern Kajic, warfen Steckmast und Segel ans Land, hängten die Ruder ein und banden los. Die Leute riefen uns allerhand zu, was wir nicht verstanden. Ich sah gerade noch den Rac, der uns nachäugte – dann glitten wir mit einer zurücklaufenden Welle durch den Hafenausgang.

Nun galt's! Meer, nun raufen wir einen lustigen Strauß! Zeige, wie stark du bist!

Ich hielt das Steuer. Mit beiden Armen preßte ich den Holzhebel an meine Brust und stemmte die Beine gegen die Bordwand. Das Schiffchen krachte in Planken und Rippen, die Ruder knarrten und bogen sich. Das Herz pochte mir vor Freude, mein Blut sang mit dem Sturm um die Wette ein wildes, tollfrohes Lied von der Jugend und vom Kampf!

Der Steuerbalken zerriß mir das Hemd vor der Brust, Salzwasser rann uns von Haar und Gewand, zehnmal tanzten wir hoch auf dem Kamm, zehnmal fuhren wir ins dunkle, gurgelnde Wasser. Es heulte, stampfte und brüllte um uns herum, über uns pfiff und sprühte es, und tief unten dröhnte der gierige Tod. Wir schrien vor Lust. Mit jedem Ruderschlag, mit jedem Steuerzug flammte das Leben in uns auf, heiß und gewaltig und sieghaft wie nie zuvor. Meer, du reiches, du starkes, du wildes! Laß mich kämpfen mit dir, daß du mir Leben gibst!

*

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