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Venetianische Novellen

Franz Freiherr von Gaudy: Venetianische Novellen - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Freiherr von Gaudy
titleVenetianische Novellen
publisherBibliographische Anstalt
addressBerlin
year1890
firstpub1838
seriesFranz Freiherrn Gaudys poetische und prosaische Werke
volumeFünfter Band
printrunNeue Ausgabe
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100824
projectid2aeb9a63
status1
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Der öffentliche Erzähler von der Riva degli Schiavoni

Der flüchtige Reisende, welcher der Königin der Meere, Venetia, nur wenige Tage huldigt, der es verschmäht, die Schwelle ihrer Marmortempel zu überschreiten, in die inneren, langsam verwitternden Räume zu dringen, wird, von der Größe der herrlichen Erscheinung geblendet, die Runzeln und Falten auf der gebleichten Stirn der Gebieterin übersehen, ihr ohnmächtiges Hinträumen für Wachen halten. Und in Wahrheit, Wochen können ihm vergehen, eh' er seiner Täuschung inne wird, eh' er nur das Herz der Stadt, in welchem allein noch ein flüchtiges Leben zuckt, eh' er den Markus-Platz, die Piazzetta, und den an diesen stoßenden Kai der Slavonier verläßt, um sich in das finstere Gewirr der düsteren, kaum ellenbreiten Gassen und Gäßchen zu stürzen, oder den bettelstolzen Jammer der verödeten Paläste eines Blickes zu würdigen. Wochen können entschwinden, ehe der Fremdling den mächtigen Eindruck gewältigt, ehe er sich entschließen kann, den wundersamen Bann jener Riesengebäude zu brechen, ehe er ermüdet, die fürstlichen Hallen der Prokurazien, die goldschimmernden Gewölbe der Markuskirche, ihre morgenländischen Kuppeln, die seit einem halben Jahrtausend vor ihrem Bogen Wache haltenden Rosse, den frei aus der Erde wachsenden Markusturm, jenen Mast des Gigantenschiffes Venedig, anzustaunen. Und dann wird er sich zögernd von der unvergänglichen Herrlichkeit jener Wunder wenden, aber nur um wenige Schritte. Schon unter den Arkaden der Zecca, am äußersten Ende der Piazzetta, wurzelt sein Fuß, und er wird dem Briten beipflichten, welcher seine Nebelinsel verließ, nur um den Zauberblick des Markusplatzes einzusaugen, und nach diesem einzigen Bilde kein anderes mehr zu sehen begehrte, und sich wieder heimwärts wandte.

Unvergeßliche Stunden habe ich dort verträumt. Vor mir der wunderbare Fürstensitz mit seinen doppelten, auf phantastischen Säulenknaufen ruhenden Gängen, mit dem musivischen rot und weißen Marmorgewande; rechts des Hafens durchsichtige Flut, auf der die bewimpelten Masten der Kauffahrer schaukelten, über welche sich die schwarzen Gondeln pfeilschnell hinschwangen; jenseits des Wassers die über die Giudecca ragenden Kuppeln von Il Redemtore und delle Zitelle, die aus dem Meer auftauchenden Inseln von San Giorgio; in weiter Ferne die von klarster Himmelsbläue umflossenen Zinnen von Salvolo, der Turm des Klosters von San Lazzaro.

Und nun neigt die Sonne sich allmählich hinter der Giudecca dem Meere zu. Die Feierstunde lockt die Bewohner Venedigs aus ihren dumpfigen Schreibstuben und Läden – eine große Familie, versammeln sie sich allabendlich auf den nämlichen Räumen, später erst unter den Prokurazien und den Fliesen des Markusplatzes, früher bereits und schon bei Tageslicht auf dem Kai der Slavonier; jener ist der Vereinigungspunkt der Reichen, der Müßiggänger, welche, an kein Geschäft gebunden, nur in den herrlichen Nächten zu leben brauchen, dieser für die Gewerbtreibenden, denen die Stunden der Muße zugemessen sind, für Kaufleute, Mäkler und Schiffseigentümer. Der Markusplatz trägt einen aristokratischeren, exklusiveren Charakter; er ist, um mich des modernsten Ausdruckes zu bedienen, der Salon der Löwen, welche sich um ihr geflügeltes Vorbild scharen; die Riva der Tiger. Sie ist aber auch die äußerste Schranke des Komforts und der Sitte. Mit jedem, ostwärts auf dem Molo nach dem Arsenal zu, gerichteten Schritte sinken die Vergnügungsörter, bis sie zuletzt in Tummelplätze des Lasters, in Höhlen der lichtscheuen Verworfenheit ausarten.

Vor dem ersten Kaffeehause, welches jenseits der Ponte dei Sospiri auf der Riva degli Schiavoni liegt, war in der Dämmerstunde ein besonders reges Leben bemerkbar. Die Leinenzelte, welche vor dem Hause zum Schirm gegen die Sonne errichtet waren, wurden nicht leer von Besuchern aller Nationen, welche dort oder im Schatten eines breitästigen Maulbeerbaumes, eines der wenigen, deren Venedig sich rühmen darf, ihren Kaffee und ihre Limonade zu sich nahmen und behaglich den Tabak der Zigarre, wie den des roten Türkenkopfs verglimmen ließen. Haufenweise werden dort die Goldbälle der Messineser Orangen, der Melonen und Feigen aufgestapelt; Papageien, welche schreiend im Käfig auf und nieder klettern, an der Kette tanzende Affen, Austern und Patellen, Meerspinnen und seltsam gestaltete Fische werden feilgeboten; der Anschlag des linnenen Puppentheaters verheißt die unübertreffliche Tragödie Andromache oder die hundert Könige von Troja, als Nachspiel aber die Krönungsfeier Arlechinos und Kolombinens; der Improvisatore beginnt pathetisch das Schicksal der Dido und das Lob des Schnupftabaks zu besingen, der Ciarlatano seine Wunderelixiere auszutrompeten, der Erzähler eine erstaunenswürdige, erst in den letzten Tagen in Venedig vorgefallene Begebenheit, ein Märchen oder eine ältere Novelle vorzutragen. Dem schnell um den letzteren gebildeten Kreise mich anzuschließen, verabsäumte ich niemals.

Der Novellist war der erklärte Liebling des Publikums. Bei seiner Erscheinung verödete das Marionettentheater, büßte der Dichter seine Bewunderer, der Marktschreier seine Kunden ein, und alle Rohrsessel drängten sich hastig um den Alten. Er verdiente die Volksgunst mit vollem Recht durch sein wohlklingendes, schmiegsames Organ, durch Lebendigkeit des Vortrages und angemessenes Gebärdenspiel, vor allem aber durch den unerschöpflichen Reichtum seiner Erfindungskraft, welche ihn täglich einen neuen Stoff zu seinen Unterhaltungen finden ließ. Lebhaft vergegenwärtigte er mir die Erzähler des Morgenlandes; ich lernte begreifen, wie ihre Geschichten die Quellen der Glückseligkeit für ein körperlich phlegmatisches, mit glühender Einbildungskraft begabtes, den Büchern entfremdetes Volk werden können, wie sie die Zuhörer begeistern, mit sich fortreißen müssen; und der Sohn der Wüste konnte nicht größerer Andacht an den bärtigen Lippen seines Behlul al Raoui hängen, als die Schiffer, die Matrosen, welche in malerischer Gruppierung den Kreis bildeten, an denen des alten Venetianers.

Scherz wechselte mit Ernst in den Erzählungen des Novellisten. Das Element der meisten war ein leichter, harmloser Humor. Nicht selten erregte ein schlagender Witz allgemeines Gelächter, rief den schallenden Bravoruf hervor; in den häufigsten Fällen blieb er leider, als ein auf Lokalitäten bezüglicher, dem Fremden unverständlich. Öfters steigerte sich die Rede zur poetischen, und dann stand dem Erzähler ein seltener Reichtum an Bildern, ein oft wahrhaft erhabener Schwung zu Gebot. Er besaß ein lebendiges Gefühl für das Große und Schöne. Seine Sprache befeuerte sich, sein Auge glänzte, und die Begeisterung, mit welcher er sprach, teilte sich unwiderstehlich den Umstehenden mit. Er redete von dem alten Venedig, wählte seine Stoffe aus der Periode des Glanzes, der Herrschermacht; er deutete auf den herzoglichen Palast. Von jenem Söller hatte sich der Doge Morosini herabgebeugt; hier, an den Stufen des Kais war der Sieger Dandolo unter dem Jauchzen des Volkes gelandet. Die Steine waren noch Zeugen jener Erscheinungen gewesen. Er sprach von jener gewaltigen Zeit wie von einem Gestern – und wir teilten die Illusion. Er wies auf die Säulen des San Marko-Löwen und des San Teodoro, zwischen denen die Leichen der Verbrecher ausgestellt wurden, er ließ den Helden über die in den Lüften schwebende Seufzerbrücke in die ewigen Kerker der Inquisition schleppen, ließ ihn auf windschneller Gondel entfliehen, führte seltsame, fremdartige Zaubergestalten an unserm Auge vorüber. Ponte dei Sospiri verband noch jetzt den Dogenpalast mit den Kerkern, jeden Augenblick huschten Barken über die Lagune – die orientalischen Trachten drängten sich bis in unseren Kreis. Er erzählte Märchen, aber er entlieh die Farben von der Wirklichkeit, von der Gegenwart – und das Unwahrscheinliche gewann an Glaubwürdigkeit, und die Geisterwelt verkörperte sich.

Dieser Mann ist es, aus dessen Munde ich die Motive zu den nachfolgenden Erzählungen aufs geratewohl sammelte, den ich meinen Lesern als Redner vorführe. Ich liefere nur farblose Konturen, ich fühle es deutlich. Aber was ist der kalte Buchstabe gegen das lebendige Wort? Wo sind die glänzenden Dekorationen des Schauspieles, wie ich es erschaute, wo die von der untergehenden Sonne bestrahlten, feenhaften Paläste, wo das weite Meer, wo die begierig lauschenden Zuhörer, sie, deren verklärte, freundlich leuchtende Gesichter wiederum Begeisterung erweckten?

Ich habe an den Straßenecken Roms, auf den hallenden Plätzen von Florenz unter den Bildern der Madonna elende Bänkelsänger gehört, welche mit einförmiger Stimme einen Gesang zur Violine improvisierten – und er verfehlte nie seine Wirkung auf mich. Ich war im Norden Zuhörer bei den Kunstleistungen reisender Professoren, die zur Begleitung des Piano über jedes gegebene Thema in gebundener Rede sprachen. Sie waren exaltiert, der Schweiß perlte auf ihrer Stirn; sie tranken Zuckerwasser in Strömen; der stürmische Applaus der Anwesenden krönte ihre Schnelldichtungen. Ich vermochte das allgemeine Entzücken nicht zu teilen, ich blieb kalt – mir fehlte der ewig blaue Himmel Italiens.

Und ach! ich vermisse ihn nicht allein unter der dumpfigen Decke der Konzertsäle! – Nur um die ewig quälende, an meinem Leben zehrende Sehnsucht nach dem gelobten Lande in Schlaf zu lullen, schrieb ich diese Novellen nieder.

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