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Honoré de Balzac: Vendetta - Kapitel 6
Quellenangabe
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typenovelette
authorHonoré de Balzac
booktitleDie Grenadière
titleVendetta
publisherDiogenes
year1977
translatorHugo Kaatz
isbn3257204469
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20081121
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Nachdem sie ihren Entschluß verkündet hatte, zeigte das junge Mädchen eine unglaubliche Kaltblütigkeit; sie setzte sich ans Klavier, sang und spielte reizende Stücke mit einer Grazie und einem Gefühl, die ihre volle geistige Freiheit verrieten, indem sie so über ihren Vater triumphierte, dessen Stirn nicht heiterer zu werden schien. Der Alte empfand diese schweigende Beleidigung grausam und erntete jetzt die bittere Frucht der Erziehung, die er seiner Tochter gegeben hatte. Der Respekt ist ein Schutz, der in gleicher Weise Vater und Mutter wie die Kinder behütet, indem er dem einen Kummer, dem andern Gewissensbisse erspart. Am nächsten Tage fand Ginevra, die zu der Zeit, wo sie sich gewöhnlich ins Atelier begab, ausgehen wollte, die Haustür für sie geschlossen; aber sie hatte bald eine Möglichkeit gefunden, um Luigi Porta von der väterlichen Strenge zu benachrichtigen. Eine Kammerfrau, die nicht lesen konnte, ließ dem jungen Offizier den Brief, den ihm Ginevra schrieb, zukommen. Fünf Tage lang wußten die beiden Liebenden einander zu schreiben, dank listiger Vorspiegelungen, die man im Alter von zwanzig Jahren immer zu erfinden versteht. Vater und Tochter sprachen selten mit einander. Alle beide empfanden im tiefsten Herzen Haß gegeneinander, sie litten, aber stolz und schweigend. Da sie jedoch fühlten, wie stark das Band der Liebe war, das sie an einander fesselte, so versuchten sie, es zu zerreißen, und konnten es doch nicht. Kein liebevoller Gedanke erhellte wie früher die strengen Züge Bartolomeos, wenn er auf Ginevra blickte. Und das junge Mädchen hatte einen Zug von Wildheit in ihrem Gesicht, wenn sie ihren Vater ansah, und auf ihrer unschuldigen Stirn lagerte immer eine Wolke des Vorwurfs; wenn sie sich auch ihrem Glück hingab, so schienen doch manchmal Gewissensbisse ihre Augen zu umschleiern. Es war nicht schwer zu erkennen, daß sie sich nie dem reinen Genusse einer Glückseligkeit hingeben würde, die nur ein Unglück für ihre Eltern sein konnte. Bei Bartolomeo wie bei seiner Tochter mußte alle Unentschlossenheit, die in der natürlichen Güte ihrer Herzen wurzelte, vor ihrem Stolz und der den Korsen eigentümlichen Rachsucht weichen. Sie stachelten sich gegenseitig in ihrem Zorngefühl an und wollten nicht an die Zukunft denken. Vielleicht auch schmeichelten sie sich mit dem Gedanken, daß eins dem andern nachgeben würde. Am Geburtstage Ginevras gedachte ihre Mutter, verzweifelt über diese Zwietracht, die eine ernste Form anzunehmen drohte, aus Anlaß dieses Festes, Vater und Tochter zu versöhnen. Sie saßen alle drei in Bartolomeos Zimmer zusammen. Ginevra ahnte die Absicht ihrer Mutter an dem zögernden Ausdruck auf ihrem Gesichte und lächelte trübe. Da kündigte ein Diener den Besuch zweier Notare an, die, begleitet von mehreren Zeugen, hereintraten. Bartolomeo sah diese Herren starr an, deren kühl abgemessener Gesichtsausdruck etwas Verletzendes für so leidenschaftlich erregte Gemüter wie die der drei Hauptbeteiligten an dieser Szene hatte. Der Alte wandte sich mit beunruhigtem Ausdruck seiner Tochter zu und entdeckte auf ihrem Antlitz ein Lächeln des Triumphes, das ihn einen entscheidenden Schlag ahnen ließ; aber, wie die Wilden, tat er, als ob er eine trügerische Unbeweglichkeit bewahre, und betrachtete die beiden Notare mit einer gewissen ruhigen Neugierde. Die Fremden setzten sich auf eine Handbewegung des Alten.

»Der Herr ist jedenfalls der Herr Baron von Piombo?« fragte der ältere der beiden Notare.

Bartolomeo nickte. Der Notar machte ein kleines zustimmendes Zeichen und warf dem jungen Mädchen einen Blick zu, in dem sich die Schlauheit eines Agenten des Handelsgerichts ausdrückte, der einen Schuldner überrumpelt hat; er zog seine Tabaksdose heraus, öffnete sie, nahm eine Prise heraus und begann sie in kleinen Portionen zu sich zu nehmen, während er nach den Anfangsworten seiner Eröffnung suchte; dann, als er sie vom Stapel ließ, machte er regelmäßige Pausen (die das Zeichen – nur sehr unvollkommen wiedergiebt).

»Mein Herr,« sagte er, »mein Name ist Roguin, ich bin der Notar Ihrer Fräulein Tochter, und wir kommen – mein Kollege und ich, – um den Vorschriften des Gesetzes zu genügen und einen Endtermin für den Zwist zu setzen, der zwischen Ihnen und Ihrer Fräulein Tochter – ausgebrochen ist – in bezug auf – ihre Ehe mit Luigi Porta.«

Dieser Satz, in ziemlich förmlichem Tone vorgebracht, erschien dem Notar Roguin wahrscheinlich zu schön, als daß man ihn auf einen Schlag verstehen könne, und er machte eine Pause, in der er Bartolomeo mit einem Geschäftsleuten eigenen Ausdruck betrachtete, der die Mitte zwischen Untertänigkeit und Vertraulichkeit hält. Geschult darin, den Personen, mit denen sie sprechen, viel Interesse zu bezeigen, gewöhnen sich die Notare schließlich an, ihr Gesicht zu einer Grimasse zusammenzuziehen, die sie annehmen und ablegen wie ihre amtliche Robe. Diese wohlwollende Maske, die so leicht vorzubinden ist, reizte Bartolomeo dermaßen, daß er seine ganze Besinnung zusammennehmen mußte, um Herrn Roguin nicht zum Fenster hinauszuwerfen; ein Zornesausdruck glitt über seine Runzeln, und der Notar sagte sich bei dessen Anblick: ›Ich mache Eindruck.‹

»Aber,« begann er wieder mit honigsüßer Stimme, »bei solchen Gelegenheiten, Herr Baron, verlangt unser Amt, daß wir in der Hauptsache als Vermittler auftreten. – Haben Sie also die Güte, mich anzuhören. – Es ist klar, daß Fräulein Ginevra Piombo – am heutigen Tage das Alter erreicht hat, – in dem es genügt, wenn sie die wichtigen Akte, die der Feier der Hochzeit vorauszugehen haben, – trotz der mangelnden Einwilligung der Eltern – selbst vornimmt. Es ist daher – üblich bei Familien, – die ein gewisses Ansehen genießen, – die zur guten Gesellschaft gehören, – die eine gewisse Würde bewahren, – denen schließlich daran gelegen ist, der Öffentlichkeit keine Kenntnis von ihrem geheimen Zwist zu geben, – und die sich nicht selbst Schaden zufügen wollen, indem sie das Glück zweier junger Gatten durch ihre Mißbilligung vernichten (denn – das heißt, sich selbst schädigen) – es ist üblich, sage ich, – bei solchen ehrenwerten Familien – nicht auf solchem Verhalten zu verharren, – das dann wie ein Sinnbild des Zwistes bestehen bleibt, – der schließlich doch aufhört. Wenn eine junge Dame, mein Herr, zu den erforderlichen Akten schreiten will, so zeigt sie damit eine zu fest ausgesprochene Absicht, als daß ein Vater und – eine Mutter,« fügte er hinzu, indem er sich vor der Baronin verbeugte, »hoffen könnten, ihren Plänen zu widerstehen. – Da der väterliche Widerstand – hierdurch – zunächst nichtig ist, – und dann durch das Gesetz unwirksam gemacht wird, so ist es üblich, daß jeder vernünftige Mann, nachdem er eine letzte Ermahnung an sein Kind gerichtet hat, ihm die Freiheit gibt, zu . . .«

Herr Roguin stockte, als er bemerkte, daß er noch zwei Stunden so weiterreden konnte, ohne eine Antwort zu erhalten, und weil das Aussehen des Mannes, den er zu überzeugen versuchte, ihn in eine eigenartige Unruhe versetzte. Das Gesicht Bartolomeos hatte eine außerordentliche Veränderung erfahren; alle seine zusammengekrampften Runzeln hatten ihm den Ausdruck einer unbeschreiblichen Wut verliehen, und er warf dem Notar den Blick eines Tigers zu. Die Baronin verharrte in unbeweglichem Schweigen. Ginevra wartete, ruhig und entschlossen; sie wußte, daß die Stimme des Notars gewichtiger als die ihrige war, und hatte sich deshalb entschlossen, Schweigen zu bewahren. Als Roguin aufhörte zu sprechen, wurde die Szene so peinlich, daß die fremden Zeugen erschraken: niemals hatten sie wohl ein ähnliches Stillschweigen erlebt. Die Notare sahen sich an, als ob sie sich beraten müßten, standen auf und traten zusammen in eine Fensternische.

»Bist du schon jemals solch einer Sorte von Klienten begegnet?« fragte Roguin seinen Kollegen.

»Aus dem wirst du nichts herausbekommen«, antwortete der Jüngere. »An deiner Stelle würde ich mich nur an die Verlesung meines Aktes halten. Der Alte erscheint mir nicht gerade freundlich, er ist voll Zorn, und du würdest nichts dabei gewinnen, wenn du mit ihm ›verhandeln‹ wolltest.«

Herr Roguin verlas nun ein amtliches, vorher verfaßtes Protokoll und fragte Bartolomeo kühl, was er darauf zu entgegnen habe.

»Es gibt also in Frankreich Gesetze, die die väterliche Gewalt aufheben?« fragte der Korse.

»Mein Herr, . . .« sagte Roguin in liebenswürdigem Tone.

»Die eine Tochter ihrem Vater entreißen?«

»Mein Herr . . .«

»Die einen Greis seines letzten Trostes berauben?«

»Mein Herr, Ihre Tochter gehört Ihnen nur . . .«

»Die ihn töten?«

»Erlauben Sie, mein Herr!«

Nichts ist häßlicher, als die Kaltblütigkeit und die sachlichen Erklärungen eines Notars bei leidenschaftlichen Auftritten, wo sie gewöhnlich vermitteln sollen. Die Gesichter, die Piombo vor sich sah, schienen ihm Ausgeburt der Hölle zu sein; seine stille, gepreßte Wut war an ihre Grenze gelangt, als die ruhige und fast flötenartige Stimme seines kleinen Gegners das verhängnisvolle Wort »erlauben Sie!« aussprach. Er sprang nach einem langen Dolch, der an einem Nagel über dem Kamin hing und stürzte sich auf seine Tochter. Der jüngere Notar und einer der Zeugen warfen sich zwischen ihn und Ginevra; aber Bartolomeo stieß die beiden Mittelspersonen brutal zurück und zeigte ihnen sein glühendes Gesicht mit den flammenden Augen, die schrecklicher leuchteten als die Klinge des Dolches. Als Ginevra sich ihrem Vater gegenüber sah, blickte sie ihm fest mit einem Ausdruck des Triumphes ins Auge, ging ihm langsam ein paar Schritte entgegen und kniete nieder.

»Nein, nein, ich kann es nicht tun!« sagte er und warf heftig die Waffe fort, die in der Täfelung stecken blieb.

»Also Verzeihung, Verzeihung!« sagte sie. »Sie zögern, mir den Tod zu geben, und Sie verbieten mir, zu leben. Oh, mein Vater, noch nie habe ich Sie so heiß geliebt, gewähren Sie mir Luigi! Auf den Knien bitte ich Sie um Ihre Einwilligung: eine Tochter darf sich vor ihrem Vater demütigen; geben Sie mir Luigi, oder ich sterbe!«

Die heftige Aufregung erstickte ihre Stimme und hinderte sie, fortzufahren, sie brachte keinen Ton mehr heraus; ihre krampfhaften Anstrengungen zeigten deutlich genug, daß sie zwischen Leben und Tod schwebte. Bartolomeo stieß seine Tochter rauh zurück.

»Eine Luigi Porta kann keine Piombo mehr sein«, sagte er, »ich habe keine Tochter mehr! Ich habe nicht die Kraft, dich zu verfluchen; aber ich gebe dich preis, du hast keinen Vater mehr. Meine Ginevra Piombo ist hier begraben!« rief er in düsterem Tone und preßte die Hand heftig auf sein Herz. – »Geh, Unselige,« fuhr er nach einem Moment des Schweigens fort, »geh, und laß dich nie wieder vor mir sehen.« Dann nahm er Ginevra beim Arm und führte sie, ohne ein Wort zu sagen, hinaus.

»Luigi,« rief Ginevra, als sie die bescheidene Wohnung betrat, in der sich der Offizier befand, »mein Luigi, wir haben kein anderes Vermögen als unsere Liebe.«

»Dann sind wir reicher als alle Könige der Erde«, antwortete er.

»Mein Vater und meine Mutter haben mich preisgegeben«, sagte sie tieftraurig.

»Ich werde dich für sie mit lieben.«

»Werden wir wirklich glücklich sein?« rief sie mit einer Lustigkeit, die etwas Erschreckendes an sich hatte.

»Für immer«, erwiderte er und drückte sie an sein Herz.

Am Tage, nach dem Ginevra ihr väterliches Haus verlassen hatte, ging sie zu Frau Servin und bat sie, ihr Unterkommen und Schutz zu gewähren, bis zu der gesetzlich festgelegten Frist für ihre Heirat mit Luigi Porta. Das war der Anfang des Leidensweges, zu dem die Welt diejenigen verurteilt, die sich ihrem Brauche nicht fügen wollen. Sehr ärgerlich über den Schaden, den die Angelegenheit Ginevras ihrem Mann verursacht hatte, empfing Frau Servin die Obdachlose kühl und gab ihr mit höflichen Worten versteckt zu verstehen, daß sie auf ihre Unterstützung nicht rechnen dürfe. Zu stolz, um noch weiter zu drängen, aber erstaunt über einen solchen Egoismus, an den sie nicht gewöhnt war, brachte sich die junge Korsin in einem, dem Hause, wo Luigi wohnte, möglichst nahe gelegenen Logierhause unter. Der junge Porta verbrachte alle Tage zu den Füßen seiner Zukünftigen; seine junge Liebe, seine reinen Worte zerstreuten die Wolken, die die väterliche Verdammung auf der Stirn der verbannten Tochter gesammelt hatten, und er malte ihr die Zukunft so schön aus, daß sie schließlich ihm zulächelte, so wenig sie auch die Härte ihrer Eltern vergessen konnte.

Eines Morgens brachte das Hotelmädchen Ginevra mehrere Koffer, die Stoffe, Wäsche und eine Menge von anderen Dingen enthielten, die für die Wirtschaft einer jungen Frau erforderlich waren; sie ersah aus dieser Sendung die vorsorgende Güte der Mutter, denn als sie die Gaben besichtigte, fand sie darin eine Börse, in die die Baronin das Geld, das ihrer Tochter gehörte, zusammen mit ihren eigenen Ersparnissen getan hatte. Das Geld war von einem Briefe begleitet, in dem die Mutter ihre Tochter beschwor, von ihrem verhängnisvollen Heiratsprojekt abzustehen, wenn es noch Zeit sei; sie schrieb, daß sie nur mit angstvollster Vorsicht Ginevra diese schwache Unterstützung hätte zukommen lassen; sie flehte sie an, ihr keine Vorwürfe über ihre Härte zu machen, wenn sie sie künftig im Stiche lassen müsse, sie fürchte, ihr nicht weiter beistehen zu können, sie segnete sie, wünschte ihr in dieser verhängnisvollen Ehe alles Glück, wenn sie dabei verharre, und versicherte ihr, daß sie an sie nur als an ihre geliebte Tochter denke. An dieser Stelle hatten Tränen einige Worte des Briefes verlöscht.

»Oh, meine geliebte Mutter!« rief Ginevra ganz in Zärtlichkeit aufgelöst. Sie empfand das Bedürfnis, sich ihr zu Füßen zu werfen, sie wiederzusehen und die teure Luft des Vaterhauses wieder einzuatmen; sie wollte schon fortstürzen, als Luigi hereintrat; sie sah ihn an, und ihre kindliche Zärtlichkeit schwand, ihre Tränen trockneten, und sie fühlte nicht die Kraft, dieses so unglückliche und so liebevolle Kind zu verlassen. Die einzige Hoffnung eines edlen Geschöpfes zu sein, ihn zu lieben und dann zu verlassen . . . ein solches Opfer wäre ein Verrat, dessen junge Seelen unfähig sind. Ginevra dachte so großmütig, daß sie ihren Schmerz in der Tiefe ihres Herzens verbarg.

Endlich kam ihr Hochzeitstag heran. Ginevra hatte niemanden um sich. Luigi hatte die Zeit, in der sie sich ankleidete, benutzt, um die bei der Unterzeichnung des Ehekontrakts erforderlichen Zeugen zu holen. Diese Zeugen waren zwei biedere Männer. Dem einen, einem früheren Husarenunteroffizier, waren im Felde von Luigi Dienste geleistet worden, die ein ehrenhafter Mann niemals vergißt; er war Vermieter von Kutschen geworden und besaß mehrere Wagen. Der andere, ein Bauunternehmer, war der Besitzer des Hauses, in dem die Neuvermählten wohnen sollten. Jeder war noch von einem Freunde begleitet, und alle vier erschienen jetzt mit Luigi, um die Braut abzuholen. Wenig an gesellschaftliche Sitten gewöhnt und in dem Luigi zu leistenden Dienst nichts Besonderes sehend, waren sie sauber, aber nicht elegant gekleidet und erinnerten in nichts an einen fröhlichen Hochzeitstag. Ginevra selbst hatte ihrer Lage entsprechend sehr einfache Toilette gemacht; trotzdem wirkte ihre Schönheit so vornehm und imponierend, daß den Zeugen bei ihrem Anblick das Wort auf den Lippen erstarb, als sie sich für verpflichtet hielten, ihr ein Kompliment zu sagen; sie grüßten sie ehrfurchtsvoll, während sie selbst sich verneigte; sie betrachteten sie schweigend und konnten sie nur anstaunen. Diese Zurückhaltung schuf eine kühle Stimmung. Fröhlichkeit kann sich nur kundgeben unter Leuten, die sich einander gleichgestellt fühlen. Der Zufall wollte also, daß alles um die beiden Brautleute einen trüben, ernsten Anstrich hatte, ihr Glück warf keinen Glanz von sich. Die Kirche und das Standesamt waren nicht sehr weit von dem Logierhause entfernt. Die beiden Korsen wollten mit den vier, vom Gesetz vorgeschriebenen Zeugen, zu Fuß hingehen, so daß ihre Bescheidenheit diesem wichtigen Akte des sozialen Lebens jedes Gepränge benahm. Im Hof der Bürgermeisterei stießen sie auf eine Menge von Equipagen, die eine zahlreiche Gesellschaft anzeigte; sie gingen hinauf und gelangten in einen großen Saal, wo die Paare, die an diesem Tage glücklich werden sollten, ziemlich ungeduldig auf den Bürgermeister des Bezirks warteten. Ginevra setzte sich neben Luigi an das Ende einer langen Bank, während die Zeugen aus Mangel an Platz stehen blieben. Zwei Bräute in prächtigen weißen Kleidern, mit Bändern und Spitzen und Perlen überladen, und mit Orangensträußchen geschmückt, deren atlaszarte Blüten unter ihrem Schleier schwankten, waren von ihren fröhlichen Familien umgeben und von ihren Müttern begleitet, die sie halb befriedigt, halb ängstlich ansahen; aller Augen strahlten vor Freude und alle Gesichter verhießen ihnen unerschöpfliches Glück. Väter, Zeugen, Brüder und Schwestern kamen und gingen, wie ein Mückenschwarm in einem Strahl der untergehenden Sonne spielt. Jeder schien die Bedeutung dieses wichtigen Moments zu begreifen, wo das Herz sich auf einem Punkte des Lebens zwischen zwei Hoffnungen befindet: den Wünschen der Vergangenheit und den Verheißungen der Zukunft. Bei diesem Anblick fühlte Ginevra, wie ihr das Herz schwoll, und sie drückte Luigis Arm, der ihr einen Blick zuwarf. Eine Träne erglänzte im Auge des jungen Korsen, und niemals verstand er so sehr wie jetzt, was seine Ginevra ihm alles opferte. Diese kostbare Träne ließ das junge Mädchen die Verlassenheit vergessen, in der sie sich befand. Die Liebe goß einen Strom von Licht auf die beiden Liebenden, die inmitten des Lärms nur sich selbst sahen; sie waren hier allein in dieser Menge, so wie sie es im Leben sein sollten. Die Zeugen, unbeteiligt an der feierlichen Handlung, plauderten eifrig von ihren Geschäften.

»Der Hafer ist sehr teuer,« sagte der Unteroffizier zu dem Bauunternehmer.

»Noch nicht so teuer wie der Zement, im Verhältnis dazu«, antwortete der Unternehmer.

Und sie machten einen Gang durch den Saal.

»Wie man hier die Zeit vergeudet!« rief der Maurermeister und steckte seine dicke silberne Uhr wieder in die Tasche.

Luigi und Ginevra, eng aneinander gedrückt, schienen nur eine Person zu sein. Ein Dichter hätte gewiß diese beiden von dem gleichen Empfinden erfüllten Häupter angestaunt, die dasaßen mit derselben Gesichtsfarbe, melancholisch und schweigend in Gegenwart zweier lärmender Hochzeiten, vor vier aufgeregten Familien, die in Diamanten und Blumen strahlten, und deren Fröhlichkeit etwas Flüchtiges an sich hatte. Alles, was diese lauten glänzenden Gruppen von Fröhlichkeit nach außen hin zeigten, das begruben Luigi und Ginevra tief in ihren Herzen. Auf der einen Seite der plumpe Lärm des Vergnügens, auf der andern das zärtliche Schweigen glücklicher Herzen: Erde und Himmel. Aber die zitternde Ginevra vermochte nicht ganz auf die Schwäche des Weibes zu verzichten. Abergläubisch wie eine Italienerin, glaubte sie in diesem Gegensatz ein übles Vorzeichen sehen zu müssen und empfand ein Gefühl des Schreckens, das ebenso unüberwindlich war wie ihre Liebe. Jetzt öffnete ein städtischer Bureaudiener in Amtstracht eine zweiflügelige Tür, und seine Stimme klang wie ein Quietschen, als er Herrn Luigi da Porta und Fräulein Ginevra di Piombo aufrief. Die beiden Brautleute empfanden eine gewisse Verlegenheit. Der berühmte Name Piombos erregte Aufmerksamkeit, die Anwesenden hätten hier eine große Hochzeitsfeier erwartet. Ginevra erhob sich, ihr stolzfunkelnder Blick imponierte der ganzen Menge, sie gab Luigi den Arm und entfernte sich festen Schrittes, gefolgt von den Zeugen. Ein Geflüster des Erstaunens, das sie im Vorüberschreiten vernahmen, ein allgemeines Gemurmel ließ Ginevra erkennen, daß die Gesellschaft von ihr Rechenschaft über die Abwesenheit ihrer Eltern verlangte: die väterliche Verdammung schien sie auch hierher zu verfolgen. »Warten Sie auf die Familien«, sagte der Bürgermeister zu dem Sekretär, der schnell die Trauungsformel verlas.

»Vater und Mutter erheben Einspruch«, antwortete der Sekretär ruhig.

»Beiderseits?« fuhr der Bürgermeister fort.

»Der Bräutigam ist Waise.«

»Wo sind die Zeugen?«

»Hier«, antwortete der Sekretär wieder und wies auf die vier unbeweglich und stumm dastehenden Männer, die, mit gekreuzten Armen, Bildsäulen glichen.

»Aber wie steht es mit dem Einspruch?« sagte der Bürgermeister.

»Die betreffenden Protokolle sind vorschriftsmäßig aufgenommen«, erwiderte der Beamte und brachte dem Bürgermeister die zu der Eheschließungsurkunde gehörenden Beilagen.

Diese bureaukratische Einleitung hatte etwas Niederbeugendes an sich und enthielt in wenigen Worten eine ganze Geschichte. Der Haß zwischen den Portas und den Piombos, Leidenschaften und Schrecken waren auf einer Seite des Standesregisters verzeichnet, wie auf einem Grabsteine die Geschicke eines Volkes mit einigen Zeilen eingegraben stehen, und oft nur mit einem Worte: Robespierre oder Napoleon. Ginevra zitterte. Ähnlich wie die Taube, die über das Meer fliegt und nur die Arche findet, auf die sie ihre Füße setzen kann, so fand ihr Blick eine Zuflucht nur in den Augen Luigis, denn alles andere um sie her erschien ihr traurig und kalt. Der Bürgermeister sah unzufrieden und streng vor sich hin, und sein Sekretär betrachtete das Brautpaar mit übelwollender Neugier. Nichts sah jemals weniger wie eine feierliche Handlung aus. Wie alles im menschlichen Leben, wenn es seiner Beigaben beraubt ist, war dies an sich eine einfache Tatsache, die nur durch die Gedanken darüber zu so großer Bedeutung gelangt. Nach einigen Fragen, auf die das Brautpaar antwortete, nach einigen von dem Bürgermeister gemurmelten Worten und nachdem sie das Ehestandsregister unterzeichnet hatten, waren Luigi und Ginevra vereinigt. Die beiden jungen Korsen, deren Verbindung ganz der vom Genius in Romeo und Julia verherrlichten entsprach, durchschritten die beiden Hecken von fröhlichen Verwandten, die nicht zu ihnen gehörten, und die schon beinahe ungeduldig über die Verzögerung waren, die diese anscheinend so traurige Eheschließung verursacht hatte. Als sich die junge Frau im Hof der Bürgermeisterei unter freiem Himmel befand, entrang sich ein Seufzer ihrer Brust.

»Oh, wird ein Leben, das nur aus Sorgsamkeit und Liebe besteht, genügen, um des Mutes und der Zärtlichkeit meiner Ginevra wert zu sein?« sagte Luigi zu ihr.

Auf diese von Glückstränen begleiteten Worte hin vergaß die junge Frau all ihr Leid; denn sie hätte es nicht ertragen, sich so vor aller Welt zu zeigen, indem sie auf ein Glück Anspruch machte, das ihre Familie anzuerkennen sich weigerte.

»Warum kümmern sich die Menschen um uns?« sagte sie mit so harmlosem Ausdruck ihrer Liebe, daß Luigi entzückt war.

Die Freude ließ die beiden Gatten leichter atmen. Sie sahen weder Himmel noch Erde, noch Häuser und eilten wie auf Flügeln in die Kirche. Hier gelangten sie schließlich zu einer kleinen düsteren Kapelle und vor einen Altar ohne Schmuck, wo ein alter Priester ihre Ehe einsegnete. Hier wie in der Bürgermeisterei waren sie von den zwei Hochzeiten umgeben, die sie mit ihrem Pomp verfolgten. Die Kirche, voll von Freunden und Verwandten, hallte wider von dem Lärm der Karossen, der Küster, der Schweizer und der Priester. Altäre erstrahlten in ihrem vollen kirchlichen Schmuck, die Kronen der Orangenblüten, die die Bilder der Jungfrau schmückten, schienen neu zu sein. Man nahm nur Blumen, Düfte, funkelnde Kerzen und goldgestickte Samtkissen wahr. Gott erschien wie ein Mitschuldiger an der Lust dieses einen Tages. Als man über den Häuptern Luigis und Ginevras das Symbol der Vereinigung für immer, dieses Joch aus weißer Seide, lieblich und leuchtend, halten sollte, das leicht für einige und bleischwer für die große Mehrzahl war, suchte der alte Priester vergeblich nach jungen Leuten, die dieses erfreuliche Amt ausüben sollten: zwei der Zeugen ersetzten sie. Der Geistliche hielt eilig eine Ansprache an die Gatten über die Gefahren des Lebens und über die Pflichten gegenüber ihren dereinstigen Kindern; und an dieser Stelle ließ er indirekt einen Tadel über die Abwesenheit der Eltern Ginevras hindurchklingen; dann, nachdem er sie vor Gott vereinigt hatte, wie der Bürgermeister vor dem Gesetze, beendete er seine Messe und ließ sie allein.

»Gott segne sie!« sagte Vergniaud zu dem Maurermeister in der Vorhalle der Kirche. »Niemals waren zwei Geschöpfe besser füreinander geschaffen. Die Eltern dieses Fräuleins hier sind törichte Menschen. Ich kenne keinen tapfreren Soldaten als den Obersten Louis! Hätten sich alle so verhalten wie er, dann wäre ›der andere‹ noch hier.«

Der Glückwunsch des Soldaten, der einzige, der ihnen an diesem Tage zuteil wurde, legte sich wie Balsam auf Ginevras Herz.

Sie trennten sich mit einem Händedruck, und Luigi dankte seinem Hauswirte herzlich.

»Adieu, mein Tapferer,« sagte Luigi zu dem Unteroffizier, »ich danke dir.«

»Alles steht Ihnen zu Diensten, Herr Oberst, Leib und Seele, Wagen und Pferde, alles, was ich besitze, gehört Ihnen.«

»Wie er dich liebt!« sagte Ginevra.

Luigi zog seine junge Frau schnell mit sich in das Haus, das sie bewohnen sollten, und sie erreichten bald ihre bescheidene Wohnung; als die Tür geschlossen war, nahm Luigi seine Frau in die Arme und rief: »Oh, meine geliebte Ginevra! Jetzt bist du mein, und hier haben wir unsere wirkliche Hochzeitsfeier. Hier«, fuhr er fort, »lacht uns alles zu.«

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