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Honoré de Balzac: Vendetta - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/balzac/vendetta/vendetta.xml
typenovelette
authorHonoré de Balzac
booktitleDie Grenadière
titleVendetta
publisherDiogenes
year1977
translatorHugo Kaatz
isbn3257204469
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Servin, einer unserer vornehmsten Künstler, war damals auf den Gedanken gekommen, ein Atelier für junge Damen einzurichten, die Malunterricht nehmen wollten. Im Alter von vierzig Jahren, von bestem sittlichen Ruf und ganz seiner Kunst hingegeben, hatte er aus Neigung die vermögenslose Tochter eines Generals geheiratet. Die Mütter begleiteten ihre Töchter zuerst selbst zu dem Professor; dann schickten sie sie schließlich allein hin, nachdem sie sich mit seinen Grundsätzen vertraut gemacht und gesehn hatten, wie sehr er sich bemühte, ihr Vertrauen zu rechtfertigen. Der Maler hatte die Absicht durchgeführt, nur Schülerinnen aus reichen oder angesehenen Familien anzunehmen, um sich über die Zusammensetzung der Schülerinnen in seinem Atelier keine Vorwürfe machen zu lassen; er lehnte es sogar ab, junge Mädchen zu unterrichten, die Künstlerinnen werden wollten, und denen er die Art von Unterweisung hätte geben müssen, ohne die sich eine Begabung in der Malerei nicht entfalten kann. Unmerklich hatten ihm seine Vorsicht, die Überlegenheit, mit der er seine Schülerinnen in die Geheimnisse der Kunst einzuweihen verstand, die Sicherheit der Mütter, ihre Töchter in Gesellschaft wohlerzogener junger Damen zu wissen, und die Beruhigung, die der Charakter, das sittliche Verhalten, und die Ehe des Künstlers ihnen eingeflößt hatte, in den Salons einen ausgezeichneten Ruf verschafft. Wenn ein junges Mädchen den Wunsch zu erkennen gab, malen oder zeichnen zu lernen, und ihre Mutter Rat darüber einholte, so gab ihr jeder zur Antwort: »Schicken Sie sie doch zu Servin!« Servin wurde so eine Spezialität für weibliche Malerei wie Herbault für Hüte, Leroy für Moden und Chevet für die feine Küche. Es wurde anerkannt, daß eine junge Dame, die den Unterricht Servins genossen hatte, in jeder Hinsicht die Gemälde des Museums beurteilen, ein vortreffliches Portrait schaffen, ein Bild kopieren und ein Genrebild malen konnte. Der Künstler genügte also allen Ansprüchen der Aristokratie. Trotz seiner Beziehungen zu den besten Häusern von Paris war er ein unabhängiger Mann, ein Patriot und hielt jedermann gegenüber an dem leichten, geistvollen, fast ironischen Ton und der für die Maler charakteristischen Freiheit des Urteils fest. Die Tür zu den Dachräumen, die sich über seiner Wohnung hinzogen, war vermauert worden. Um in diesen Zufluchtsort, der ebenso verboten wie ein Harem war, gelangen zu können, mußte man eine Treppe, die aus seiner Wohnung hinaufführte, benutzen. Das Atelier, das den ganzen Dachboden des Hauses einnahm, hatte die riesigen Verhältnisse, über die immer die Neugierigen staunen, wenn sie sechzig Fuß über dem Erdboden die Künstler in einer Dachkammer vorzufinden meinen. Diese Art von Galerie erhielt reichlich Licht durch hohe, mit großen grünen Vorhängen, mit denen die Maler das Einfallen des Lichts regulieren, versehene Fenster. Eine Menge von Karikaturen, von in einem Zuge mit Farbe oder der Spitze des Messers gezeichneten Köpfen an den dunkelgrauen Wänden bewiesen, in etwas andrer Ausführung, daß die vornehmsten jungen Damen ebenso viel Tollheiten im Kopfe haben wie die Männer. Ein kleiner Ofen mit großem Rohr, das furchtbare Wendungen beschrieb, bevor es in das Dach mündete, war der unvermeidliche Schmuck des Ateliers. Ein Brett zog sich rings an den Wänden hin, das durcheinandergestellte Modelle aus Gips trug, die zumeist mit dünnem Staub bedeckt waren. Oberhalb des Brettes war da und dort an einem Nagel der Kopf einer Niobe aufgehängt, der seinen Schmerzensausdruck zeigte, eine lächelnde Venus, eine Hand, die sich plötzlich dem Beschauer entgegenstreckte, wie die eines um Almosen bittenden Bettlers, dann etliche Fersen, die, vom Rauch gelb geworden, aussahen wie gestern aus dem Grabe geholte Gliedmaßen; schließlich gaben Bilder, Zeichnungen, Gliedermänner, Rahmen ohne Bilder und Bilder ohne Rahmen diesem unregelmäßigen Raume das Aussehen des Ateliers, das eine merkwürdige Mischung von Schmuck und Nacktheit, von Elend und Reichtum, von Sorgfalt und Unordnung darstellt. Solch ein Riesenschiff, in dem alles, selbst der Mensch klein erscheint, erinnert an die Opernkulissen; man findet dort alte Wäsche, vergoldete Waffen, Stücke von Stoff, Dekorationen; aber es steckt etwas von Größe darin wie in dem Gedanken: hier sind Genie und Tod zusammen; eine Diana oder ein Apollo neben dem Schädel eines Skeletts, Schönheit und Unordnung, Dichtung und Wirklichkeit, leuchtende Farben im Schatten und oft eine ganze unbewegte und schweigende Tragödie.

An dem Tage, an dem diese Geschichte beginnt, beleuchtete eine helle Julisonne das Atelier, und zwei Lichtstrahlen durchdrangen es in seiner ganzen Tiefe mit breiten, durchscheinenden, goldenen Streifen, in denen Staubteilchen schimmerten. Ein Dutzend Staffeleien zeigten ihre scharfen Spitzen, ähnlich wie Schiffsmasten im Hafen. Mehrere junge Mädchen belebten das Bild mit ihren Köpfen, Bewegungen und der Verschiedenheit ihrer Toiletten. Die starken Schatten, die die grünen Vorhänge warfen, die nach den Bedürfnissen jeder Staffelei vorgezogen waren, brachten eine Fülle von Kontrasten und reizvolle Wirkungen, von Helldunkel hervor. Von allen Gemälden des Ateliers bildete diese Gruppe das schönste Bild. Ein blondes, einfach gekleidetes junges Mädchen hielt sich fern von ihren Genossinnen und arbeitete mit einem Eifer, als ob sie einem Unglück vorbeugen zu wollen schien; niemand beachtete sie, niemand richtete ein Wort an sie; sie war die hübscheste, die bescheidenste und die am wenigsten wohlhabende. Zwei Hauptgruppen, eine von der andern durch eine geringe Entfernung geschieden, markierten zwei Gesellschaftskreise, zwei Geistesrichtungen selbst in diesem Atelier, wo Stellung und Vermögen hätten vergessen sein müssen. Sitzend oder stehend, umgeben von Farbenkästen, mit ihren Pinseln spielend oder sie zurechtmachend, ihre farbenleuchtenden Paletten handhabend, malend, plaudernd, lachend, singend, sich ungezwungen hingebend, so daß ihr Charakter hervortrat, boten die jungen Mädchen ein den Männern unbekanntes Schauspiel: Die eine, stolz, hochfahrend, launisch, mit schwarzem Haar und schönen Händen, ließ ihre glühenden Blicke absichtslos herumwandern; eine andere, unbekümmert fröhlich mit lachenden Lippen, kastanienbraunem Haar, weißen zarten Händen, bot das Bild des echt französischen jungen Mädchens dar, leichtherzig, ohne Hintergedanken, in den Tag hinein lebend; wieder eine andere war träumerisch, melancholisch, blaß und neigte das Haupt wie eine Blume, die abfallen will; im Gegensatz dazu war ihre Nachbarin groß, träge, von muselmännischen Allüren mit länglichen, schwarzen feuchten Augen; sie sprach wenig, war nachdenklich und betrachtete verstohlen den Kopf eines Antinous. Mitten unter ihnen, wie der »Jocoso« eines spanischen Stücks, voll von Geist und boshaften Einfällen, übersah ein Mädchen alle mit einem einzigen Blick, machte sie lachen und erhob unaufhörlich ihr Gesicht, das zu angeregt war, um nicht hübsch zu erscheinen! Sie befehligte die erste Gruppe, die aus Töchtern von Bankiers, Notaren und Kaufleuten bestand; alle waren reich, nahmen aber all' die kaum merkliche, wenn auch spitze Verachtung hin, mit der sie von den anderen jungen Damen behandelt wurden, die zur Aristokratie gehörten. Diese wurden beherrscht von der Tochter eines Türhüters des königlichen Kabinetts, einer kleinen, ebenso dummen wie eitlen Person, die stolz auf ihren Vater war, der eine »Charge« bei Hofe hatte; sie tat, als ob sie die Lehren des Meisters beim ersten Wort verstanden hätte, und schien sich zur Arbeit herabzulassen; sie bediente sich eines Lorgnons, erschien immer sehr geputzt und spät und bat ihre Freundinnen, leise zu sprechen. Bei dieser anderen Gruppe konnte man entzückende Figuren und vornehme Gesichter sehen; aber der Blick dieser jungen Mädchen war nicht harmlos. Wenn ihre Haltung elegant, ihre Bewegungen graziös waren, so entbehrte ihr Gesicht doch der Freimütigkeit, und man konnte leicht merken, daß sie zu einem Gesellschaftskreise gehörten, wo die höfliche Form die Charaktere frühzeitig abschleift, und der Mißbrauch des sozialen Vorrangs das natürliche Gefühl vernichtet und den Egoismus entwickelt. Wenn die Versammlung vollzählig war, so sah man in dieser Schar junger Mädchen kindliche Köpfe, Jungmädchen von entzückender Reinheit, Gesichter, bei denen der leichtgeöffnete Mund jungfräuliche Zähne sehen ließ, und über die ein jungfräuliches Lächeln huschte. Dann glich das Atelier nicht einem Serail, sondern einer Gruppe von Engeln, die auf einer Himmelswolke sitzen.

Es war ungefähr zwölf Uhr und Servin noch nicht erschienen. Seit mehreren Tagen hielt er sich größtenteils in einem Atelier, das er anderswo besaß, auf, um dort ein Gemälde für die Ausstellung zu beendigen. Plötzlich begann Fräulein Amélie Thirion, das Haupt der aristokratischen Partei der kleinen Versammlung, ein langes Gespräch mit ihrer Nachbarin; es entstand ein andauerndes Stillschweigen bei der patrizischen Gruppe; die Bankierspartei wurde ebenfalls still und versuchte herauszubekommen, worum es sich bei einer solchen Konferenz handelte; aber das Geheimnis der jungen Ultra-Royalistinnen wurde bald offenbar. Amélie erhob sich und nahm eine wenige Schritte von ihr entfernt stehende Staffelei, um sie in ziemlich großer Entfernung von der Adelsgruppe in die Nähe einer plumpen Tür zu stellen, die das Atelier von einem dunklen Raum trennte, in dem man zerbrochene Gipsstücke, vom Professor für ungenügend erklärte Bilder und den Holzvorrat für den Winter unterzubringen pflegte. Amélies Vorgehen rief ein Gemurmel der Überraschung hervor, das sie aber nicht hinderte, diesen Umzug zu vollenden, indem sie schnell den Farbenkasten und das Taburett, kurz alles, bis auf das Bild Prudhons, das die verspätete Schülerin kopierte, neben die Staffelei stellte. Nach diesem Staatsstreich besprach die linke Seite, während die rechte wieder still zu arbeiten begann, noch lange das Ereignis.

»Was wird Fräulein Piombo dazu sagen?« wandte sich ein junges Mädchen an Fräulein Mathilde Roguin, das boshafte Orakel der ersten Gruppe.

»Sie ist keine Dame, die sich dazu äußern wird«, antwortete diese; »aber noch in fünfzig Jahren wird sie der Beleidigung gedenken, als ob sie sie gestern erfahren hätte, und es verstehen, sie blutig zu rächen. Das ist ein Mensch, mit dem ich mich nicht gern im Kampf befinden möchte.«

»Der Ausschluß, den die Damen über sie verhängt haben, ist umso unbilliger,« sagte ein anderes junges Mädchen, »als Fräulein Ginevra vorgestern sehr betrübt war; ihr Vater hatte, wie es heißt, eben seinen Abschied genommen. Das hieße, ihr Unglück noch schlimmer machen, während sie sich doch während der hundert Tage sehr freundlich gegen die Damen erwiesen hat. Hat sie jemals ein Wort zu ihnen gesagt, das sie hätte verletzen können? Sie vermied es gerade, über Politik zu sprechen. Aber unsere Ultras scheinen mehr aus Eifersucht als aus Parteigeist zu handeln.«

»Ich hätte Lust, die Staffelei von Fräulein Piombo zu holen und neben meine zu stellen«, sagte Mathilde Roguin. Sie erhob sich, aber ein Bedenken ließ sie sich wieder setzen. »Bei einem Charakter wie dem des Fräuleins Ginevra,« meinte sie, »kann man nicht wissen, wie sie unser Entgegenkommen aufnehmen würde; warten wir lieber ab, was geschieht.«

»Eccola«, sagte schmachtend das junge Mädchen mit den schwarzen Augen.

. . . In der Tat ließen sich jetzt die Schritte jemandes, der die Treppe heraufkam, im Saale hören. Das Wort: »Da kommt sie!« ging von Mund zu Mund, und es entstand tiefstes Schweigen im Atelier. Um die Bedeutung des Ostrazismus zu begreifen, den Amélie Thirion verkündet hatte, muß hinzugefügt werden, daß diese Szene sich Ende Juli des Jahres 1815 abspielte. Die zweite Rückkehr der Bourbonen hatte viele Freundschaften erschüttert, die den Umgestaltungen der ersten Restauration widerstanden hatten. Jetzt wiederholten sich in fast allen den Familien, bei denen. Meinungsverschiedenheiten eine Spaltung hervorgerufen hatten, die bedauernswerten Vorfälle, die die Geschichte beinahe aller Länder zu Zeiten von Bürger- oder Religionskriegen beflecken. Kinder, junge Mädchen, Greise waren von dem monarchischen Fieber mit befallen worden, das die Regierung ergriffen hatte. Zwiespalt schlich sich in alle Häuser ein, und Mißtrauen färbte mit seinen trüben Farben das intimste Handeln und Reden. Ginevra Piombo liebte Napoleon abgöttisch; wie hätte sie ihn auch hassen sollen? Der Kaiser war ihr Landsmann und der Wohltäter ihres Vaters. Der Baron von Piombo war einer der Diener Napoleons, die am eindrücklichsten bei der Rückkehr von der Insel Elba mitgewirkt hatten. Unfähig, seine politische Überzeugung zu verleugnen, und sogar stolz darauf, sie zu bekennen, verblieb der alte Baron von Piombo in Paris inmitten seiner Feinde. Ginevra Piombo konnte daher um so mehr unter die Zahl der verdächtigen Personen gerechnet werden, als sie kein Hehl aus ihrem Kummer machte, den die zweite Restauration ihrer Familie bereitete. Die einzigen Tränen, die sie vielleicht in ihrem Leben vergossen hatte, waren ihr von der zwiefachen Nachricht abgepreßt worden, daß Bonaparte auf dem »Bellerophon« gefangen, und daß Labédoyère verhaftet worden sei.

Die jungen Mädchen, die die adlige Gruppe bildeten, gehörten zu den eingefleischtesten Royalistenfamilien von Paris. Es ist schwer, ein Bild von der übertriebenen Erregung dieser Epoche und dem Abscheu, den die Bonapartisten hervorriefen, zu geben. So nichtssagend und unerheblich das Vorgehen Amélie Thirions heute auch erscheinen mag, so war es doch damals der Ausdruck sehr natürlichen Hasses. Ginevra Piombo, eine der ersten Schülerinnen Servins, nahm hier eine Stellung ein, deren man sie vom ersten Tage ihres Erscheinens im Atelier an berauben wollte; die aristokratische Gruppe hatte sie unmerklich eingekreist; sie von einem Platze vertreiben, der ihr gewissermaßen gehörte, das bedeutete nicht nur, ihr einen Schimpf antun, sondern auch einen Kummer verursachen, denn die Künstler haben fast alle eine Vorliebe für einen bestimmten Arbeitsplatz. Aber vielleicht kam die politische Abneigung nur wenig in Frage bei dem Vorgehen der kleinen »rechten Seite« des Ateliers. Ginevra Piombo, die bedeutendste Schülerin Servins, war der Gegenstand stärkster Eifersucht; der Meister bekundete ebenso viel Bewunderung für die Begabung wie für den Charakter seiner Lieblingsschülerin, die bei allen seinen Vergleichungen als Muster hingestellt wurde; und schließlich übte sie, ohne daß man sich den Einfluß erklären konnte, den dieses junge Wesen auf ihre gesamte Umgebung hatte, auf die kleine Welt um sie einen Zauber aus, der fast demjenigen Bonapartes auf seine Soldaten glich. Seit einigen Tagen hatte nun die Aristokratie des Ateliers den Sturz dieser Königin beschlossen! Da aber noch niemand gewagt hatte, von der Bonapartistin abzurücken, so hatte Fräulein Thirion eben einen entscheidenden Schritt getan, um ihre Gefährtinnen in ihren Haß mit hinein zu verwickeln. Obwohl zwei oder drei Royalistinnen Ginevra aufrichtig gern hatten, so waren sie doch, fast alle zu Hause politisch beeinflußt, mit dem den Frauen angeborenen Takt der Ansicht, daß sie sich dem Streit gegenüber indifferent zu verhalten hätten. Bei ihrer Ankunft wurde daher Ginevra mit tiefem Schweigen empfangen. Von allen jungen Mädchen, die bisher Servins Atelier besucht hatten, war sie die schönste, größte und am besten gewachsene. Ihr Gang besaß eine Vornehmheit und eine Anmut, die Bewunderung herausforderten. Ihr geistvolles Gesicht schien zu leuchten, so sehr zeigte es die den Korsen eigentümliche Lebhaftigkeit, die aber die sonstige Ruhe keineswegs ausschließt. Ihr langes Haar, ihre schwarzen Augen und Wimpern verkündeten einen leidenschaftlichen Charakter. Obgleich ihre Mundwinkel sich nicht scharf abzeichneten und ihre Lippen ein wenig zu stark waren, drückte sich doch auf ihrem Antlitz die Güte aus, die starken Wesen das Bewußtsein ihrer Kraft verleiht. Infolge eines eigenartigen Naturspiels wurde der Reiz ihres Gesichtes gewissermaßen geschmälert durch eine Marmorstirn, auf der ein fast wilder Stolz thronte, der an die Sitten Korsikas gemahnte. Hier zeigte sich das einzige Band, durch das sie mit ihrem Geburtslande zusammenhing; in ihrer ganzen übrigen Persönlichkeit war die Einfachheit und die Natürlichkeit einer lombardischen Schönheit so verführerisch, daß man sie bloß anzusehen brauchte, um ihr auch nicht das geringste zuleide zu tun. Sie übte eine so lebhafte Anziehungskraft aus, daß ihr vorsichtiger Vater sie immer in das Atelier begleiten ließ. Der einzige Fehler dieses wahrhaft poetischen Wesens war die Macht ihrer so reich entwickelten Schönheit. Aus Liebe zu Vater und Mutter hatte sie sich bisher nicht verheiraten wollen, um sie in ihren alten Tagen nicht zu verlassen. Ihre Begeisterung für die Malerei war bei ihr an die Stelle der Leidenschaften getreten, von denen die Frauen sonst gewöhnlich bewegt werden.

»Sie sind ja heute recht still, meine Damen«, sagte sie, nachdem sie ein paar Schritte inmitten ihrer Gefährtinnen gemacht hatte. »Guten Tag, kleine Laura«, fügte sie mit zartem, liebevollem Tone hinzu und trat zu dem jungen Mädchen hin, das entfernt von den andern malte. »Der Kopf ist sehr gut geworden! Das Fleisch ist noch ein bißchen zu rosig, aber alles ist vortrefflich gezeichnet.«

Laura hob den Kopf, betrachtete Ginevra mit gerührtem Blick, und ihre Gesichter verklärten sich, indem sie dieselbe Zuneigung ausdrückten. Ein leises Lächeln belebte die Lippen der Italienerin, die nachdenklich erschien und langsam auf ihren Platz zuging, während sie nachlässig die Bilder und Zeichnungen betrachtete und jedes junge Mädchen der ersten Gruppe begrüßte, ohne auf die ungewöhnliche Aufmerksamkeit zu achten, die ihr Erscheinen hervorgerufen hatte. Sie machte den Eindruck einer hofhaltenden Königin. Das tiefe Schweigen, das bei den Patrizierinnen herrschte, beachtete sie gar nicht und begab sich auf ihren Arbeitsplatz, ohne ein Wort zu reden. Ihre Versunkenheit war so tief, daß sie sich an ihre Staffelei setzte, ihren Farbenkasten öffnete, die Pinsel herausnahm, die braunen Schutzärmel überzog, ihre Schürze umband, ihr Bild ansah und ihre Palette prüfte, ohne sozusagen überhaupt an das zu denken, was sie machte. Alle Köpfe der bürgerlichen Gruppe hatten sich nach ihr hingewendet. Und wenn auch die jungen Damen der Partei Thirion ihre Ungeduld nicht so offen wie ihre Genossinnen zeigten, so waren ihre heimlichen Blicke nicht weniger auf Ginevra gerichtet.

»Sie merkt gar nichts,« sagte Fräulein Roguin.

In diesem Augenblick erwachte Ginevra aus ihrem nachdenklichen Zustande, in dem sie ihre Leinwand betrachtet hatte, und wandte ihr Gesicht der aristokratischen Gruppe zu. Mit einem Blick maß sie die Entfernung, die sie von ihr trennte, aber sie bewahrte Stillschweigen.

»Sie nimmt gar nicht an, daß man beabsichtigt hat, sie zu beleidigen,« sagte Mathilde, »sie ist nicht rot und nicht blaß geworden. Wie werden sich die andern Damen ärgern, wenn sie ihre neue Stelle für besser hält als die alte! – Sie sitzen nicht in der Reihe, Fräulein Piombo,« fügte sie laut hinzu, indem sie sich an Ginevra wandte.

Die Italienerin tat, als ob sie nichts gehört hätte, oder hatte auch wirklich nichts gehört; sie stand plötzlich auf, ging in einiger Entfernung an der Tür, die das dunkle Kabinett von dem Atelier trennte, vorbei und schien das Fenster, durch welches das Licht einfiel, mit solcher Aufmerksamkeit zu prüfen, daß sie auf einen Stuhl stieg, um den grünen Vorhang, der das Licht dämpfte weiter oben zu befestigen. Als sie so hoch angekommen war, hatte sie einen ziemlich schmalen Spalt in der Tür erreicht, das wahre Ziel ihrer Bemühungen, denn der Blick, den sie hineinwarf, ließ sich nur mit dem eines Geizigen vergleichen, der die Schätze Aladins entdeckt hat; dann stieg sie schnell wieder hinunter, kehrte auf ihren Platz zurück, rückte ihr Bild zurecht, tat, als ob sie mit dem Licht nicht zufrieden sei, schob einen Tisch, auf den sie einen Stuhl gestellt hatte, an die Tür, kletterte geschickt auf diesen Aufbau und blickte von neuem durch den Spalt. Sie warf bloß einen Blick in den dunklen, nur notdürftig beleuchteten Raum, und was sie dort erblickte, machte einen so lebhaften Eindruck auf sie, daß sie schwankte.

»Sie werden fallen, Fräulein Ginevra!« rief Laura. Alle jungen Mädchen richteten ihre Augen auf die Unvorsichtige, die ins Wanken geraten war. Aber die Angst, daß die andern zu ihr herantreten könnten, machte ihr Mut, sie fand ihre Kraft und ihr Gleichgewicht wieder, wandte sich, während sie sich auf ihrem Stuhl hin und her schaukelte, an Laura und sagte mit bewegter Stimme: »Oh, das ist immer noch etwas haltbarer als ein Thron!« Sie beeilte sich den Vorhang herunterzuziehen, stieg hinunter, schob Tisch und Stuhl recht weit weg von der Tür, trat wieder an ihre Staffelei und machte noch einige Versuche, sie in das ihr genügende Licht zu stellen. Mit ihrem Bilde beschäftigte sie sich dabei durchaus nicht, ihre Absicht war nur, sich dem dunklen Kabinett zu nähern, neben dem sie, wie sie es wollte, nahe bei der Tür Platz nahm. Dann begann sie, ihre Palette zurechtzumachen, ohne ein Wort zu reden. An dieser Stelle vernahm sie bald deutlicher jenes leise Geräusch, das schon am Tage vorher ihre Neugierde so stark erregt und ihre jugendliche Phantasie auf dem weiten Felde der Vermutungen sich hatte tummeln lassen. Ohne Schwierigkeit erkannte sie das starke, regelmäßige Atmen eines schlafenden Mannes, den sie eben gesehen hatte. Ihre Neugierde war dadurch weit über Verlangen befriedigt, aber sie fühlte, daß nun eine ungeheure Verantwortlichkeit auf ihr ruhte. Durch den Spalt hatte sie den kaiserlichen Adler erkannt und auf einem schwach beleuchteten Gurtbett das Gesicht eines Gardeoffiziers. Sie begriff alles: Servin verbarg einen Flüchtling. Jetzt zitterte sie davor, daß eine ihrer Mitschülerinnen herantrete, um ihr Bild anzusehen und dabei das Atmen des Unglücklichen oder ein zu starkes Stöhnen, wie es während der letzten Unterrichtsstunde an ihr Ohr gedrungen war, hörte. Sie beschloß daher, nahe bei der Tür zu bleiben, indem sie sich auf ihre Gewandtheit irgend welchen Zufällen gegenüber verließ.

»Es ist besser, daß ich hier bleibe«, dachte sie, »um einem unglücklichen Zufall vorzubeugen, als daß ich den armen Gefangenen irgendeiner Unbesonnenheit preisgebe.« Das war der Grund der zur Schau getragenen Gleichgültigkeit Ginevras, als sie ihre Staffelei fortgerückt sah; sie war innerlich entzückt darüber, weil sie dadurch ganz ungezwungen ihre Wißbegierde befriedigen konnte; außerdem war sie gerade jetzt zu lebhaft von ihr ergriffen, als daß sie nach dem Grunde für das Wegschieben geforscht hätte. Nichts ist verletzender für junge Mädchen, ebenso wie für alle Welt, als wenn sie sehen, daß eine Bosheit, eine Beleidigung oder ein spitzes Wort ihren Zweck infolge der verächtlichen Gleichgültigkeit, die das Opfer bezeigt, nicht erreichen. Es scheint, daß der Haß gegen einen Feind ebenso hoch wächst, wie dieser sich über uns erhebt. Ginevras Verhalten war für alle ihre Gefährtinnen ein Rätsel. Ihre Freundinnen wie ihre Feindinnen waren gleichermaßen erstaunt; denn man erkannte ihr alle möglichen Tugenden zu, nur nicht die Verzeihung einer Beleidigung. Obgleich ein Anlaß, diesen Charakterfehler zu betätigen, bei dem Leben im Atelier Ginevra nur selten geboten wurde, so hatten doch die Fälle, in denen sie Beweise ihrer Absicht, sich zu rächen, und ihrer Unbeugsamkeit gab, nicht verfehlt, einen tiefen Eindruck auf den Geist ihrer Gefährtinnen zu machen. Nach vielen andern Vermutungen fand Fräulein Roguin schließlich, daß das schweigsame Verhalten der Italienerin eine über alles Lob erhabene Seelengröße zeige; und ihr Kreis beschloß, von ihr beeinflußt, die Aristokratie des Ateliers zu demütigen. Sie erreichten ihr Ziel durch eine Flut von sarkastischen Bemerkungen, der den Stolz der rechten Seite bändigte. Diesem Wettkampf der Eigenliebe machte das Eintreten der Frau Servin ein Ende. Mit der Schlauheit, die immer mit der Boshaftigkeit verbunden ist, hatte Amélie bemerkt, sich klargemacht und ausgelegt, wie tief die Befangenheit Ginevras sein mußte, daß sie sie hinderte, auf den höflich-spitzen Streit zu achten, dessen Gegenstand sie war. Die Art, wie sich Fräulein Roguin und ihre Freundinnen an Fräulein Thirion und ihrer Gruppe zu rächen suchten, hatten aber die fatale Wirkung, daß die jungen Ultras nach dem Grunde für Ginevra di Piombos Schweigsamkeit suchten. Die schöne Italienerin wurde daher der Mittelpunkt aller Blicke und von den Freundinnen wie von den Feindinnen scharf beobachtet. Es ist sehr schwierig, die kleinste Erregung, das schwächste Empfinden vor fünfzehn jungen Mädchen geheimzuhalten, die neugierig und untätig sind, und deren Boshaftigkeit und Geist nichts mehr begehrt als Geheimnisse herauszubekommen, zu intrigieren und einer Sache entgegenzuarbeiten, und die es verstehen, nur allzu verschiedene Auslegungen für eine Geste, einen verstohlenen Blick, ein Wort zu finden, um nicht deren wahre Bedeutung herauszubekommen. So war auch das Geheimnis Ginevra di Piombos stark in Gefahr, bekannt zu werden. In diesem Augenblick schuf die Anwesenheit der Frau Servin einen Zwischenakt in dem Drama, das sich stumm im Innern der jungen Herzen abspielte, deren Empfindungen, Gedanken und Absichten sich in fast allegorischen Bemerkungen, in boshaften Blicken, in Gesten und durch das Schweigen selbst, das oft beredter als das Wort ist, kundtaten. Sobald Frau Servin das Atelier betreten hatte, richteten sich ihre Blicke auf die Tür, neben der sich Ginevra befand. Unter den augenblicklichen Verhältnissen blieb dieser Blick nicht unbeachtet. Wenn bisher auch keine der Schülerinnen darauf geachtet hatte, so erinnerte sich doch Fräulein Thirion nachher daran und erklärte sich das Mißtrauen, die Angst und das Geheimnisvolle, die den Augen der Frau Servin gewissermaßen einen fahlen Ausdruck gaben.

»Meine Damen,« sagte sie, »Herr Servin kann heute nicht kommen.« Dann sagte sie jedem der jungen Mädchen einige freundliche Worte, die mit einer Fülle weiblicher Liebenswürdigkeiten in Ton, in Blicken und in Gesten erwidert wurden. Sie ging darauf schnell zu Ginevra, von einer Unruhe verzehrt, die sie vergeblich zu verbergen suchte. Die Italienerin und die Frau des Malers begrüßten sich mit einem freundschaftlichen Kopfnicken und verhielten sich dann beide schweigsam, die eine malend, die andere das Gemalte betrachtend. Das Atmen des Offiziers war schwach zu hören, aber Frau Servin tat, als ob sie es nicht wahrnehme, und ihr Nichthörenwollen war so auffallend, daß Ginevra versucht war, ihr absichtliche Taubheit vorzuwerfen. Dabei bewegte sich der Unbekannte auf seinem Bette. Die Italienerin sah Frau Servin scharf an, die dann, ohne daß ihr Gesicht die leiseste Bestürzung verriet, zu ihr sagte: »Ihre Kopie ist ebenso schön wie das Original. Wenn ich wählen sollte, würde ich in Verlegenheit geraten.«

›Herr Servin muß seine Frau nicht in das Geheimnis eingeweiht haben,‹ dachte Ginevra, die der jungen Frau mit einem freundlichen, ungläubigen Lächeln antwortete und dann eine Canzonetta ihres Heimatlandes trällerte, um das Geräusch, das der Gefangene würde machen können, zu übertönen. Es war so ungewöhnlich, die fleißige Italienerin singen zu hören, daß sämtliche jungen Mädchen sie voller Erstaunen ansahen. Später diente dieser Umstand als Beweis für die liebenswürdigen Verdächtigungen des Hasses gegen sie. Frau Servin entfernte sich bald, und die Malstunde verlief ohne weitere Ereignisse. Ginevra ließ die andern fortgehen und schien noch arbeiten zu wollen; aber unwillkürlich verriet sie den Wunsch, allein zu sein, denn je langsamer die Schülerinnen Anstalten trafen, sich zu entfernen, um so deutlichere Blicke schlecht verhehlter Ungeduld warf sie ihnen zu. Fräulein Thirion, die in wenigen Stunden die tötliche Feindin derjenigen geworden war, die sie in allem überragte, ahnte mit dem Instinkt des Hasses, daß sich hinter dem anscheinenden Fleiß ihrer Rivalin ein Geheimnis verbarg. Es war ihr schon mehrfach aufgefallen, mit welcher Aufmerksamkeit Ginevra auf ein Geräusch horchte, das sonst niemand hörte. Der Ausdruck, den sie zuletzt in den Augen der Italienerin aufleuchten sah, war ein Lichtstrahl für sie. Sie entfernte sich als letzte aller Schülerinnen und ging zu Frau Servin hinunter, mit der sie ein Weilchen plauderte; dann tat sie, als ob sie ihre Tasche vergessen hätte, stieg leise wieder ins Atelier hinauf und sah, wie Ginevra auf einen eilig hergestellten Aufbau geklettert und so tief in den Anblick des unbekannten Soldaten versunken war, daß sie das leise Geräusch der Schritte ihrer Genossin nicht vernahm. Allerdings ging Amélie, um einen Ausdruck Walter Scotts zu gebrauchen, wie auf Eiern; als sie die Tür des Ateliers wieder erreicht hatte, hustete sie. Ginevra erzitterte, wandte den Kopf um, erblickte ihre Feindin, errötete, beeilte sich, den Vorhang wegzuziehen, um ihre Absichten zu bemänteln, und stieg hinunter, nachdem sie ihren Farbenkasten in Ordnung gebracht hatte. Als sie das Atelier verließ, nahm sie das Bild eines Männerkopfes, das sich tief in ihr Gedächtnis eingegraben hatte, mit sich, ebenso reizvoll wie den Endymions auf Girodets Meisterwerk, das sie vor einigen Tagen kopiert hatte.

›Einen so jungen Menschen verfolgen! Wer mag er nur sein? Es ist doch nicht der Marschall Ney!‹

Diese Sätze umfaßten kurz den Eindruck aller Gedanken, die Ginevra während der beiden nächsten Tage mit sich herumtrug. Am übernächsten Tage fand sie, trotzdem sie sich beeilt hatte, als erste im Atelier einzutreffen, Fräulein Thirion schon vor, die im Wagen gekommen war. Ginevra und ihre Feindin beobachteten einander lange; aber sie zeigten jede der andern ein undurchdringliches Gesicht. Amélie hatte das reizende Gesicht des Unbekannten gesehen; aber glücklicher- und gleichzeitig unglücklicherweise waren die Adler und die Uniform durch den Spalt für sie nicht erkennbar. Sie verlor sich daher in Vermutungen. Plötzlich erschien Servin viel früher als gewöhnlich.

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