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Vater Goriot

Honoré de Balzac: Vater Goriot - Kapitel 9
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authorHonoré de Balzac
titleVater Goriot
publisherPaul List Verlag Leipzig
translatorFranz Hessel
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Rastignac war ins Freie gegangen, um frische Luft zu schöpfen, ihm war zum Ersticken. Dieses Verbrechen, das zur festgesetzten Stunde begangen worden war, er hatte es am Abend vorher verhüten wollen. Was war geschehen? Was sollte er tun? Er zitterte bei dem Gedanken, ein Mitschuldiger zu sein. Noch immer entsetzte ihn die Kaltblütigkeit Vautrins.

Wenn nun Vautrin sterben würde, bevor er wieder zur Besinnung kommt? dachte er bei sich.

Er durcheilte die Alleen des Luxembourg, als würde er von einer Meute kläffender Hunde gehetzt.

»Hallo«, rief ihm plötzlich Bianchon zu, »hast du den ›Pilote‹ gelesen?«

Der »Pilote« war ein von einem gewissen Tissot geleitetes radikales Blatt, das einige Stunden nach Erscheinen der Morgenblätter eine Ausgabe druckte, die die Ereignisse des frühen Morgens brachte und auf diese Weise in der Provinz vierundzwanzig Stunden Vorsprung vor den anderen Blättern hatte.

»Es steht eine hochinteressante Sache drin«, sagte der junge Mediziner, der jetzt im Hospital Cochin arbeitete. »Der junge Taillefer hat sich mit dem Obersten Franchessini von der alten Garde duelliert und hat zwei Zoll Eisen in die Stirn gekriegt. Also die kleine Victorine wäre jetzt eine der reichsten Partien von Paris. Was, wenn man das gewußt hätte! Welch ein Vabanquespiel, der Tod! Ist es wahr, daß Victorine ein Auge auf dich geworfen hat?«

»Schweig, Bianchon, ich werde sie niemals heiraten. Ich liebe eine entzückende Frau, ich werde wiedergeliebt, ich . . .«

»Du sagst das, als wenn du große Anstrengungen machtest, um nicht untreu zu werden. Zeige mir doch mal die Frau, die es wert wäre, daß man das Vermögen des alten Taillefer für sie opferte.«

»Haben sich denn alle bösen Geister gegen mich verschworen?« rief Rastignac.

»Wer tut dir denn was? Bist du toll? Gib mir die Hand, ich will dir den Puls fühlen. Du hast Fieber.«

»Lauf schnell zu Mutter Vauquer«, sagte Eugen, »dieser Verbrecher, der Vautrin, ist eben wie tot umgefallen.«

»Ah«, sagte Bianchon und ließ Rastignac stehen, »das paßt zu meinen verdächtigen Beobachtungen. Ich muß doch sehen, was daran ist.«

Der Student setzte in feierlichem Ernst seinen Spaziergang fort. Er benutzte ihn, um sein Gewissen einer Prüfung zu unterziehen. Sosehr er auch forschte und untersuchte, es ging daraus hervor wie eine Eisenstange, die dem Feuer standhält. Er entsann sich der Dinge, die ihm Vater Goriot am Abend anvertraut hatte, die Wohnung fiel ihm ein, die in der Rue d'Artois in Delphines Nähe für ihn bereit war. Er holte den Brief hervor, las ihn noch einmal durch und küßte ihn.

Diese Liebe ist mein Rettungsanker, dachte er. Der arme Alte hat viel gelitten. Er spricht nicht von seinem Kummer, aber wer ahnt ihn nicht? Ich will für ihn sorgen wie für einen Vater, ich will ihm alle Freuden bereiten. Wenn sie mich liebt, wird sie oft den Tag bei ihm verbringen. Die große Gräfin von Restaud ist niederträchtig, sie würde ihren Vater zum Portier machen. Meine teure Delphine ist doch besser zu dem Alten, sie hat es verdient, geliebt zu werden. Wie glücklich werde ich heute abend sein!

Er zog die Uhr hervor und bewunderte sie noch einmal.

So ist alles noch gut geworden. Wenn man sich recht für immer liebt, kann man einander helfen, und ich kann das Geschenk annehmen. Später, wenn ich Erfolg habe, kann ich alles hundertfach zurückgeben. In dieser Verbindung ist nichts Verbrecherisches, nichts, woran auch die strengste Tugend Anstoß nehmen könnte. Wieviel ehrenwerte Menschen leben in ähnlichen Verhältnissen! Wir betrügen niemanden, und das, was erniedrigt, ist nur die Lüge. Lügen – heißt das nicht, auf seine Menschenwürde verzichten? Zudem werde ich mit dem Elsässer sprechen; ich werde ihm sagen, daß er seine Frau doch nicht glücklich machen kann.

Der innere Kampf Rastignacs währte lange, aber der gesunde Sinn der Jugend behielt schließlich die Oberhand. Trotzdem führte ihn eine unbezwingliche Neugierde gegen viereinhalb Uhr, beim Anbruch der Dunkelheit, zum Haus Vauquer, das er sich nunmehr für immer zu verlassen vornahm. Er wollte wissen, ob Vautrin tot war. Bianchon, der auf den Einfall gekommen war, ihm ein Brechmittel zu geben, hatte in seinem Hospital den Mageninhalt chemisch untersuchen lassen. Die Anstrengungen der Michonneau, dies zu verhindern, hatten seinen Verdacht bestärkt. Die rasche Wiederherstellung Vautrins trug dazu bei, ein Komplott gegen den Spaßmacher der Pension zu vermuten.

Als Rastignac zurückkehrte, hatte Vautrin bereits das Bett verlassen und saß am Ofen im Speisezimmer. Die Pensionäre, außer Vater Goriot, waren versammelt und besprachen das Duell des jungen Taillefer, dessen nähere Einzelheiten und dessen Rückwirkungen auf das Schicksal Victorines sie interessierten. Als Eugen das Zimmer betrat, begegnete sein Blick dem des unerschütterlichen Vautrin, der ihm tief ins Herz drang und seine bösen Gedanken noch einmal so sehr aufrührte, daß ihm schauderte.

»Na, sehen Sie, mein lieber Junge«, sagte der frühere Sträfling, »Freund Hein hat es nicht so leicht mit mir. Wie diese Damen sagen, habe ich einen Anfall überstanden, der einen Ochsen töten konnte.«

»Sagen Sie lieber, einen Stier«, rief die Vauquer.

»Sind Sie etwa böse darüber, daß ich noch am Leben bin?« sagte Vautrin Rastignac ins Ohr, dessen Gedanken er zu erraten schien. »Wenn das der Fall wäre, hätten Sie es schon verdammt weit gebracht!«

»Ach, da fällt mir ein«, sagte Bianchon, »daß Fräulein Michonneau vorgestern von jemandem sprach, der den Spitznamen Trompe-la-Mort hat; der Name würde gut auf Sie passen.«

Diese Worte wirkten auf Vautrin wie ein Blitz. Er erblaßte und taumelte. Sein magnetischer Blick richtete sich scharf, wie das Sonnenlicht, auf Fräulein Michonneau. Unter der furchtbaren Ausstrahlung dieses Willens wurden ihr die Knie schwach, sie ließ sich in einen Sessel fallen. Poiret, der merkte, daß sie in Gefahr war – einen so schrecklichen Ausdruck hatte das Gesicht des Sträflings, der die Maske der Gutmütigkeit fallen ließ, angenommen –, trat schnell zwischen sie und Vautrin. Die Pensionäre, die alle nicht wußten, was vor sich ging, waren starr. In diesem Moment hörte man draußen Schritte und das Geräusch von Gewehren, die auf das Pflaster aufgestoßen wurden. Collin suchte mechanisch mit den Augen Wände und Fenster nach einer Fluchtmöglichkeit ab. Da erschienen in der Salontür vier Mann: der Chef der Geheimpolizei mit drei Polizeioffizieren.

»Im Namen des Gesetzes und des Königs!« rief einer der Offiziere, während im Zimmer Rufe des Erstaunens laut wurden.

Aber bald herrschte völliges Schweigen. Die Pensionäre traten auseinander, um den drei Beamten Durchgang zu verschaffen, die die rechte Hand an einer geladenen Pistole in ihrer Seitentasche hielten. Zwei Gendarmen, die folgten, besetzten die Salontür, zwei andere tauchten an der Tür zur Treppe auf. Man hörte das Geräusch der Schritte und das Klirren der Gewehre von einer Abteilung Soldaten auf dem Kieselpflaster vor der Fassade. So war Trompe-la-Mort, auf den sich unwiderstehlich alle Blicke richteten, jede Fluchtaussicht genommen. Der Chef ging geradewegs auf ihn zu und gab ihm einen so heftigen Schlag auf den Schädel, daß die Perücke fortflog und der Kopf Collins in seiner ganzen abschreckenden Häßlichkeit zutage trat. Die ziegelroten, kurzen Haare verliehen dem Gesicht einen furchtbaren Ausdruck von Kraft und List. Das Feuer der Hölle schien in diesem Kopf zu brennen. Jetzt konnte jeder verstehen, wer Vautrin war, seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, seine unversöhnlichen Anschauungen, seine Religion des Genusses, die Gewalt, die ihm der Zynismus seiner Gedanken und Handlungen verlieh, die Kraft eines Wesens, das zu allem fähig ist. Das Blut schoß ihm ins Gesicht, seine Augen funkelten wie die einer Wildkatze. Er setzte mit wilder Energie wie zum Sprunge an und ließ ein schreckliches Brüllen hören. Die Pensionäre stießen Rufe des Entsetzens aus. Angesichts dieser löwenhaften Kampfbereitschaft griffen die Beamten zu ihren Pistolen. Collin, der die Hähne der Waffen glitzern sah, begriff im Nu die Gefahr und gab plötzlich einen Beweis höchster menschlicher Kraft. Welch schreckliches, majestätisches Schauspiel! Wie wenn ein gewaltiger Dampfkessel, dessen Explosion Berge erschüttern kann, vor dem Platzen steht und sich durch einen Tropfen kalten Wassers beruhigt, änderten sich seine Gesichtszüge. Die Wirkung des kalten Wassertropfens wurde bei ihm durch eine blitzartige Überlegung herbeigeführt. Er lächelte und sah auf seine Perücke.

»Du hast heute nicht gerade deinen höflichen Tag«, sagte er zum Chef der Geheimpolizei. Dann gab er den Gendarmen ein Zeichen mit dem Kopf und hielt ihnen die Hände hin.

»Meine Herren Gendarmen, legen Sie mir die Handschellen oder die Daumenschrauben an. Ich mache die hier anwesenden Personen zu Zeugen, daß ich keinen Widerstand leiste.«

Die Verwunderung der Anwesenden über die Schnelligkeit, mit der das Feuer und die Lava dieses menschlichen Vulkans zum Ausbruch und wieder zur Beruhigung kamen, machte sich in dem Durcheinander der Stimmen bemerkbar.

»Da kannst du nichts machen, du rennst offene Türen ein«, sagte er, den Chef der Geheimpolizei anblickend.

»Los, ziehen Sie sich aus«, befahl der Mann der Petite Rue Ste-Anne verächtlich.

»Wozu?« sagte Collin. »Es sind Damen hier. Ich bestreite nichts, ich ergebe mich.«

Dann blickte er auf die Versammlung wie ein Redner, der überraschende Erklärungen machen will.

»Schreiben Sie, Papa Lachapelle«, wandte er sich an einen kleinen alten Mann mit weißen Haaren, der am Ende des Tisches Platz genommen hatte und das Verhaftungsprotokoll aus einem Portefeuille hervorholte. »Ich gestehe, Jacques Collin zu sein, genannt Trompe-la-Mort, der zu zwanzig Jahren Kettenhaft verurteilt wurde. Und ich habe bewiesen, daß ich meinen Spitznamen nicht gestohlen habe. Wenn ich nur die Hand gehoben hätte«, sagte er zu den Pensionären gewandt, »hätten diese drei Spitzel mein ganzes Knochenmus auf Mama Vauquers Requisiten verspritzt. Die Burschen möchten einem gar zu gern Fallen stellen!«

Madame Vauquer wurde es bei diesen Worten schlecht.

»Mein Gott, es ist zum Krankwerden«, sagte sie zu Sylvia, »wo ich noch gestern im Theater mit ihm war.«

»Ein bißchen Philosophie, Mama!« erwiderte Collin. »Ist es ein Unglück, daß Sie gestern mit mir im Theater in meiner Loge waren? Sind Sie besser als wir? Wir haben weniger Schande auf der Schulter, als ihr im Herzen habt, welke Glieder einer verfaulten Gesellschaft – mit den Besten unter euch nehme ich es noch auf.« Sein Blick verweilte auf Rastignac, dem er – in einem seltsamen Gegensatz zu seinem rohen Gesichtsausdruck – sanft zulächelte. »Unser kleiner Vertrag gilt noch immer, mein Engel, falls wir annehmen, natürlich! Sie wissen doch?«

Und er sang: .

»Fanchette ist so lieblich
In ihrer Einfachheit.«

»Nur keine Sorge«, fuhr er fort, »ich weiß mich zu decken. Man fürchtet mich zu sehr, um mich übers Ohr zu hauen.«

Das Bagno mit seinen furchtbaren Sitten und seiner Sprache, mit seinen plötzlichen Übergängen von Scherz zum Grauen, mit seiner furchterregenden Größe, seiner Kameraderie, seiner Gemeinheit zog herauf mit den Worten dieses Menschen, der zum Typus eines ganzen entarteten Geschlechts wurde, eines wilden und logischen, brutalen und erfinderischen Volkes. Einen Augenblick lang war Collin sozusagen ein höllischer Poet, in dem alle menschlichen Empfindungen zum Ausdruck kamen, mit Ausnahme einer einzigen – der Reue. Sein Blick war der des gefallenen Engels, der ewig den Kampf will. Rastignac senkte die Augen. Er nahm die Vertraulichkeit des Verbrechers als Sühne für seine bösen Gedanken hin.

»Wer hat mich verraten?« sagte Collin und ließ seinen schrecklichen Blick über die Versammlung schweifen.

»Du bist es«, sagte er, »altes Klappergestell! Du hast mir den Schlaganfall beigebracht, Schnüfflerin! . . . Ich brauchte bloß zwei Worte zu sagen, und in acht Tagen säße dein Kopf nicht mehr auf seiner Stange. Aber ich vergebe dir, ich bin ein Christ. Eigentlich bist du es ja auch nicht, die mich verkauft hat. Aber wer bloß? – Ah! Ihr sucht da oben«, rief er, als er die Polizeibeamten hörte, die seine Schränke öffneten und sich seiner Sachen bemächtigten. »Das Nest ist leer, die Vögel sind gestern fortgeflogen. Ihr werdet nichts erfahren. Meine Geschäftsbücher sind hier«, sagte er, sich vor die Stirn schlagend. »Jetzt weiß ich, wer mich verkauft hat. Das kann nur dieser Schuft von Fil-de-Soie sein. Stimmt's, Herr Kerkermeister?« sagte er zum Polizeichef. »Das muß stimmen wegen der Gelder, die da oben waren. Ist nichts mehr da, meine Herren Spitzel. Was Fil-de-Soie betrifft, so ist er in vierzehn Tagen erledigt, auch wenn ihr eure ganze Gendarmerie als Ehrenwache stellt. – Was habt ihr der Michonnette gegeben?« sagte er zu den Polizisten. »Tausend Taler? Ich bin mehr wert, verfaulte Ninon, Pompadour in Lumpen, Venus vom Père Lachaise! Wenn du mir das gesagt hättest, hättest du sechstausend Francs gehabt. Ah! Das hättest du nicht geglaubt, alte Kuppelmutter; sonst hättest du dich an mich gehalten. Ja, soviel hätte ich gegeben, um eine unangenehme Reise zu vermeiden, die mich viel Geld kostet«, sagte er, während man ihm die Handschellen anlegte. »Diese Kerle haben große Lust, mich endlos herumzuschleppen, um mich kleinzukriegen. Wenn sie mich sofort ins Bagno schickten, wäre ich bald wieder an der Arbeit trotz unserer kleinen Schwätzer vom Quai des Orfèvres. Da unten werden sie alle das Unmöglichste tun, um den guten Trompe-la-Mort, ihren General, wieder herauszubringen. Hat einer von euch auch zehntausend Brüder, die bereit sind, alles für ihn zu tun?« fragte er stolz. »Hier, da, das ist gut«, sagte er, sich an das Herz schlagend, »niemals habe ich jemanden verraten! Sieh sie dir an, die anderen, alte Heuschrecke!« sagte er zu der alten Jungfer. »Ich bin ihnen schrecklich, aber vor dir ekelt es sie. Trage dein Los in Geduld!«

Er warf einen Blick auf die Pensionäre und fuhr dann fort: »Was macht ihr für dumme Gesichter? Habt ihr noch nie einen Sträfling gesehen? Ein Sträfling vom Format Collins, den ihr hier vor euch seht, ist nicht so feige wie andere Menschen. Er protestiert gegen die ganze Verlogenheit des Gesellschaftsvertrages, wie Jean Jacques sagt, dessen Schüler ich mich zu sein rühme. Ich stehe allein gegen die Regierung mit ihrem Haufen von Gerichten, Gendarmen und Budgets, und ich wickle sie ein.«

»Verflucht«, sagte der Maler, »er wäre wunderschön zu zeichnen.«

»Mein lieber Herr Henker, verehrter Gouverneur der ›Witwe‹« (diesen Namen voll grausigen Witzes geben die Sträflinge der Guillotine), wandte er sich an den Polizeichef, »geh, sei so gut, sag mir, ob Fil-de-Soie mich verkauft hat. Ich will nicht, daß er für einen anderen zahlt, das wäre nicht gerecht.«

Die Beamten, die in seinem Zimmer alles geöffnet und das ganze Inventar aufgenommen hatten, kamen zurück und sprachen leise mit dem Führer des Unternehmens. Das Protokoll war fertig.

Collin wandte sich noch einmal an die Pensionäre:

»Meine Verehrten, man führt mich ab. Sie waren alle sehr lieb zu mir während meines Aufenthaltes, ich werde mich dafür erkenntlich zeigen. Ich sage Ihnen adieu. Ich werde mir erlauben, Ihnen Provencefeigen zu senden.«

Er machte einige Schritte und wandte sich dann zu Rastignac um:

»Adieu, Eugen«, sagte er mit sanfter, trauriger Stimme, die von dem bisherigen Ton stark abstach. »Ich lasse dir einen treuen Freund zurück, falls du seiner bedarfst.«

Trotz seiner Handschellen ging er in Fechterstellung und kommandierte wie ein Fechter: »Eins, zwei! – Im Fall der Not wende dich dorthin. Mann und Geld, beides steht zu deiner Verfügung.«

Der seltsame Mensch brachte diese seine letzten Worte in so komischem Tone vor, daß nur Rastignac und er sie verstehen konnten. Als die Gendarmen, Soldaten und Polizisten das Haus geräumt hatten, sah Sylvia, die die Schläfen ihrer Herrin mit Essig einrieb, die immer noch erstaunten und bestürzten Pensionäre an.

»Na«, sagte sie, »trotz allem: Er war ein Mann.«

Das brach den Bann, den diese Szene durch die Fülle und Vielfalt ihrer Eindrücke auf alle ausgeübt hatte. Sie sahen sich gegenseitig an. Dann blickten sie zur Michonneau hinüber, die hager, ausgedörrt und fröstelnd wie eine Mumie am Ofen kauerte mit gebeugtem Kopf, als fürchte sie, daß der Schatten ihres Augenschirmes nicht stark genug sei, um ihre Gesichtszüge zu verbergen. Auf einmal hatte man die Erklärung dafür, weshalb diese Erscheinung allen schon immer unsympathisch war. Ein Stimmengewirr, das in seiner Einheitlichkeit den allgemeinen Abscheu verriet, wurde laut. Die Michonneau wußte, was das bedeutete, rührte sich aber nicht. Bianchon wandte sich als erster zu seinem Nachbarn:

»Ich mache mich aus dem Staube, wenn die da weiter mit uns am Tisch bleibt«, sagte er halblaut. Alle, außer Poiret, gaben dem Studenten durch Blicke zu verstehen, daß sie der gleichen Meinung waren. Im Bewußtsein der allgemeinen Billigung trat der Student vor den alten Pensionär hin:

»Da Sie so besonders gut mit Fräulein Michonneau stehen«, sagte er, »sprechen Sie doch mit ihr. Machen Sie ihr begreiflich, daß sie auf der Stelle verschwinden muß.«

»Auf der Stelle?« wiederholte Poiret erstaunt.

Er ging zu der alten Jungfer und sagte ihr einige Worte ins Ohr.

»Meine Rechnung ist bezahlt, ich kann für mein Geld genausogut bleiben wie die anderen«, sagte sie mit einem Viperblick auf die Pensionäre.

»Daran soll es nicht hapern, wir legen zusammen, um Ihnen Ihr Geld zurückzugeben«, sagte Rastignac.

»Der Herr hält es mit Collin«, erwiderte sie mit einem giftigen, forschenden Blick auf den Studenten, »man begreift schon, weshalb.«

Eugen sprang bei diesen Worten auf, als wenn er sich auf die alte Jungfer stürzen wollte, um sie zu erdrosseln. Dieser Blick, dessen ganze Hinterlist er verstand, warf ein schreckliches Licht in seine Seele.

»Lassen Sie sie doch!« riefen die Pensionäre.

Rastignac kreuzte die Arme und schwieg.

»Nun aber Schluß mit Fräulein Judas«, wandte sich der Maler an Madame Vauquer. »Wenn Sie die Michonneau nicht hinauswerfen, verlassen wir alle Ihre Baracke und werden überall erzählen, daß man bei Ihnen nur Spitzel und Sträflinge findet. Andernfalls werden wir alle über den Vorfall schweigen, der schließlich in der besten Gesellschaft vorkommen kann. Oder man müßte die Galeerensträflinge auf der Stirn brandmarken und ihnen verbieten, sich als brave Bürger von Paris zu verkleiden und sich als Spaßvögel beliebt zu machen.«

Diese Worte brachten Madame Vauquer wie durch ein Wunder wieder zu sich. Sie wandte sich um, kreuzte die Arme und öffnete die Augen, die vollkommen klar und ohne eine Spur von Tränen waren.

»Aber, mein lieber Herr, wollen Sie denn den Ruin meines Hauses? Da ist Herr Vautrin . . . O mein Gott«, unterbrach sie sich, »ich kann mir nicht helfen, ich muß ihn noch bei seinem ehrlichen Namen nennen! Da ist also ein Appartement frei, und Sie wollen, daß ich noch zwei dazu leerstehen habe, in einer Saison, wo alle Welt untergebracht ist.«

»Meine Herren, nehmen Sie Ihre Hüte, wir gehen zu Flicoteaux auf der Sorbonne essen«, rief Bianchon. Madame Vauquer hatte im Handumdrehen errechnet, auf welcher Seite ihr der größere Vorteil winkte. Sie schleppte sich zu Fräulein Michonneau.

»Mein bestes, schönstes Kind, Sie wollen doch nicht den Ruin meines Unternehmens, wie? Sie sehen selbst, wie die Herren mich zwingen. Gehen Sie für heute abend auf Ihr Zimmer.«

»Nein, nein!« schrien die Pensionäre, »sie soll sofort das Haus verlassen.«

»Aber sie hat nicht mal zu Abend gegessen, das arme Fräulein«, sagte Poiret in wehleidigem Tone.

»Sie kann essen, wo sie will!« riefen mehrere Stimmen.

»Hinaus mit den Spitzeln!«

»Hinaus mit den Spitzeln!«

»Meine Herren«, rief Poiret, der auf einmal mutig wurde wie ein verliebter Ziegenbock, »denken Sie daran, daß es sich um eine Vertreterin des schwachen Geschlechts handelt!«

»Spitzel haben kein Geschlecht«, sagte der Maler.

»Schönes Geschtorama!«

»Rausorama! Rausorama!«

»Meine Herren, das ist unanständig. Wenn man jemandem die Tür weist, so muß man die Formen wahren. Wir haben bezahlt, wir bleiben«, sagte Poiret. Er setzte seine Mütze auf und nahm Platz auf einem Stuhl neben Fräulein Michonneau, auf die Madame Vauquer dringlich einsprach.

»Kleiner Bösewicht, sieh mal an!« sagte der Maler in komischem Tone.

»Also wenn Sie nicht gehen wollen, dann gehen wir einfach«, sagte Bianchon. Die Pensionäre machten geschlossen eine Bewegung zur Salontür hin.

»Mein Fräulein, was wollen Sie nur?« rief Madame Vauquer. »Ich bin ruiniert! Sie können nicht bleiben, sonst gibt es hier Gewalttätigkeiten.«

Fräulein Michonneau stand auf.

»Sie geht!« – »Sie geht nicht!« – »Geht, geht nicht, geht, geht nicht!«

Dieser Wechselgesang und die feindlichen Rufe, die laut wurden, zwangen schließlich Fräulein Michonneau, die noch eine Weile leise mit der Wirtin verhandelt hatte, das Feld zu räumen.

»Ich gehe zu Madame Buneaud«, sagte sie in drohendem Tone.

»Gehen Sie doch, wohin Sie wollen, mein Fräulein«, erwiderte Madame Vauquer, die eine grausame Beleidigung darin erblickte, daß die Michonneau das verhaßte Konkurrenzunternehmen wählte. »Gehen Sie zur Buneaud, da bekommen Sie einen Wein, von dem die Ziegen tanzen lernen, und Fleisch, das vom Abdecker stammt.«

Die Pensionäre bildeten stillschweigend zwei Reihen, um die beiden durchzulassen. Poiret sah so zärtlich auf Fräulein Michonneau, er zeigte sich so naiv unentschlossen, ob er bleiben oder ihr folgen sollte, daß die Pensionäre, die über den Abzug der Michonneau froh waren, lachend einander ansahen.

»Kss, Poiret«, rief der Maler, »hoppla, hoppla.«

Der Museumsbeamte stimmte mit komischem Pathos den Beginn einer bekannten Romanze an:

»Er wollt' nach Syrien ziehen,
Der junge, schöne Dunois . . .«

»Los, los«, sagte Bianchon, »Sie sterben ja vor Sehnsucht, trahit sua quemque voluptas! Jeder folgt seinem Liebchen, frei nach Virgil.« Da Fräulein Michonneau Poiret fest ansah und seinen Arm nehmen wollte, konnte er diesem Appell nicht widerstehen und mußte sie als Beschützer begleiten. Händeklatschen wurde laut, und alles brach in Lachen aus.

»Bravo, Poiret! Seht nur den alten Poiret! Apollo-Poiret! Mars-Poiret! Der mutige Poiret!«

In diesem Moment betrat ein Bote das Zimmer, der Madame Vauquer einen Brief überbrachte. Sie las ihn und ließ sich auf einen Stuhl sinken.

»Jetzt hat es eingeschlagen! Nun können wir ja das Haus anstecken! Der junge Taillefer ist um drei Uhr gestorben. Das ist die Strafe dafür, daß ich den beiden Damen auf Kosten des jungen Mannes Gutes gewünscht habe. Madame Couture und Victorine bitten mich um ihre Sachen, sie werden beim Vater wohnen. Taillefer gestattet seiner Tochter, die Witwe Couture als Gesellschafterin zu behalten. Vier Appartements leer, fünf Pensionäre weniger . . .!«

Sie war den Tränen nahe. »Das Unglück ist bei mir eingezogen«, rief sie.

Man hörte einen Wagen vorfahren.

»Wieder eine neue Bescherung!« sagte Sylvia.

Goriot erschien plötzlich glückstrahlend mit leuchtenden Augen, als wenn er verjüngt worden wäre.

»Goriot im Wagen?« riefen die Pensionäre. »Das Ende der Welt ist da!«

Der Alte ging auf Eugen zu, der gedankenversunken in einer Ecke saß, und faßte ihn am Arm.

»Kommen Sie«, sagte er fröhlich.

»Wissen Sie nicht, was hier vorgeht?« erwiderte Eugen. »Vautrin war ein Sträfling, er ist eben verhaftet worden, und der junge Taillefer ist gestorben.«

»Nun, was geht das uns an?« meinte Vater Goriot. »Ich diniere mit meiner Tochter, bei Ihnen, verstehen Sie? Sie erwartet Sie, kommen Sie mit!«

Er zog Rastignac so heftig am Arm, daß er ihn geradezu zum Gehen zwang. Er schien ihn zu entführen wie eine Geliebte.

»Zu Tisch!« rief der Maler. Jeder nahm seinen Stuhl und ließ sich nieder.

»Das hat noch gefehlt«, sagte die dicke Sylvia, »heute geht auch rein alles verkehrt. Mein Hammelragout ist angebrannt. Na, ihr müßt es eben so essen, da ist nichts zu machen.«

Madame Vauquer hatte den Mut verloren. Sie brachte kein Wort über die Lippen, als sie nur zehn Personen um den Tisch versammelt sah, an dem früher stets achtzehn Platz nahmen. Alle versuchten sie zu trösten und aufzuheitern. Zuerst unterhielt man sich von Vautrin und den Ereignissen des Tages, aber allmählich kam man im Laufe der Unterhaltung auf Duelle, das Bagno, die Justiz, die Gesetze und ihre Reform und auf Gefängnisse zu sprechen. Bald war man tausend Meilen weit von Vautrin, von Victorine und ihrem Bruder. Obwohl sie nur zehn waren, schrien sie wie zwanzig und schienen zahlreicher als gewöhnlich zu sein. Das war der ganze Unterschied zu dem Diner am Tage vorher. Die gewöhnliche Sorglosigkeit dieser egoistischen Gesellschaft, die morgen in den Pariser Tagesereignissen eine neue Beute finden sollte, gewann die Oberhand, und Madame Vauquer selbst ließ sich durch die Hoffnung beruhigen, die aus der Stimme der dicken Sylvia sprach.

Für Eugen war dieser Tag bis in den Abend hinein eine Kette phantastischer Vorgänge. Trotz seines festen Charakters und seines guten Kopfes gelang es ihm nicht, seine Ideen zu ordnen, als er im Fiaker neben Vater Goriot saß. Die Reden des Alten, die von einer ganz ungewöhnlichen Freude zeugten, klangen nach all den Erregungen nur noch wie Worte an sein Ohr, die man im Traum hört.

»Heute morgen ist alles fertig geworden. Wir drei essen zusammen. Zusammen, verstehen Sie? Vier Jahre sind es her, daß ich nicht mehr mit Delphine, meiner kleinen Delphine, diniert habe. Den ganzen Abend werde ich sie für mich haben. Seit heute morgen sind wir in Ihrer Wohnung. Ich habe gearbeitet wie ein Handwerker, in Hemdsärmeln, um die Möbel stellen zu helfen. Ah! Ah! Sie wissen gar nicht, wie reizend sie bei Tisch ist. Sie wird sich mit mir beschäftigen: ›Ach, Papa, iß doch hiervon, das ist gut.‹ Und dann kann ich gar nicht essen. Oh! Es ist lange her, daß ich so glücklich mit ihr war.«

»Aber ist denn heute die ganze Welt verkehrt?« sagte Eugen.

»Verkehrt?« fragte der Alte. »Niemals war die Welt so in Ordnung wie jetzt. Ich sehe nur vergnügte Menschen auf der Straße, Leute, die sich die Hände drücken und sich umarmen. Alle sind glücklich, als ob sie zum Essen zu ihrer Tochter gingen, um an einem so hübschen kleinen Diner zu schleckern, wie sie es in meiner Gegenwart beim Chef des Café Anglais bestellt hat. Aber – was? Wenn sie um einen ist, schmeckt einem die bitterste Galle süß wie Honig.«

»Mir ist, als ob ich wieder auflebte«, sagte Eugen.

»Aber, Kutscher, fahren Sie doch zu!« rief Vater Goriot, der das Vorderfenster des Wagens öffnete. »Fahren Sie schneller, Sie bekommen fünf Francs, wenn Sie uns in zehn Minuten an Ort und Stelle bringen.«

Auf dieses Versprechen hin ging die Fahrt durch Paris wie ein Blitz.

»Er fährt zu langsam, dieser Kutscher«, sagte Goriot.

»Wohin fahren wir denn?« fragte Rastignac.

»In Ihre Wohnung«, erwiderte der Alte.

Der Wagen hielt in der Rue d'Artois. Der Alte stieg zuerst aus und warf dem Kutscher mit der Großzügigkeit eines lustigen Witwers, der auf dem Gipfel des Vergnügens steht, zehn Francs zu.

»Gehen wir nach oben«, sagte er zu Rastignac. Sie durchquerten einen Hof und gelangten zur dritten Etage im Hinterhaus eines neuen Gebäudes, das einen guten Eindruck machte.

Vater Goriot brauchte nicht zu schellen. Therese, die Kammerzofe der Madame de Nücingen, öffnete ihnen die Tür. Eugen sah sich in einer reizenden Junggesellenwohnung, bestehend aus einem Vorzimmer, einem kleinen Salon, einem Schlafzimmer und einem kleinen Studierzimmer mit Aussicht auf einen Garten. In dem Salon, dessen Möbel und Ausstattung den Vergleich mit dem schönsten und graziösesten Pariser Salon aufnehmen konnten, entdeckte er im Kerzenschein Delphine, die sich aus einer Causeuse am Kamin erhob, ihren Fächer auf den Kamin legte und ihm mit sanfter Stimme entgegenrief:

»Man muß Sie also erst holen lassen, Herr Kannitverstan!«

Therese verschwand. Der Student schloß Delphine in seine Arme und preßte sie an sich. Er weinte vor Freude. Der Kontrast zwischen diesem Bild und dem, was er erlebt hatte – an einem Tage, an dem so viele Erregungen durch sein Herz und seinen Kopf gestürmt waren –, führte bei Rastignac zu einem Anfall nervöser Überreizung.

»Ich wußte wohl, daß er dich liebt«, sagte Goriot ganz leise zu seiner Tochter, während Eugen zusammengebrochen in einer Causeuse saß. Er konnte kein Wort hervorbringen und suchte sich vergebens darüber klarzuwerden, wie dieser letzte Schlag des Zauberstabes zu erklären sei.

»Kommen Sie, sich alles anzuschauen«, sagte Madame de Nücingen, die ihn bei der Hand nahm und ihn in das Schlafzimmer führte, das, wenn auch in kleinerem Ausmaß, in Tapeten und Möbeln, ja sogar in den Details, dem Delphines glich.

»Hier fehlt ein Bett«, sagte Rastignac.

»Ja«, sagte sie errötend und drückte ihm die Hand.

Eugen sah sie an und begriff trotz seiner Jugend, wieviel wahre Scham im Herzen einer liebenden Frau lebt.

»Sie sind eines jener Wesen, die man ewig anbeten muß«, sagte er ihr ins Ohr. »Ja, ich wage es zu sagen, da wir uns so gut verstehen: je tiefer und wahrer eine Liebe ist, um so mehr muß man sie mit dem Schleier des Mysteriums bedecken. Verraten wir niemandem unser Geheimnis.«

»Ich zähle wohl nicht mit«, sagte Vater Goriot murrend.

»Sie wissen doch, daß Sie zu uns gehören.«

»Ah, das wollte ich nur hören. Sie dürfen auf mich keine Rücksicht nehmen. Ich werde gehen und kommen wie ein guter Geist, der überall ist, den man um sich weiß, ohne ihn zu sehen. Also, meine kleine Delphine, liebste Ninette, habe ich nicht recht gehabt, als ich dir sagte: Es gibt eine hübsche Wohnung in der Rue d'Artois, die frei ist, wir wollen sie für ihn möblieren? Du wolltest nicht. Ich bin der Vater deiner Freude, wie ich dein leiblicher Vater bin. Väter müssen immer geben, wenn sie glücklich sein wollen. Immer geben, dadurch ist man erst Vater.«

»Wieso?« fragte Eugen.

»Ja, sie wollte nicht, sie hatte Angst vor dem Geschwätz der Leute. Als wenn die Welt ein Glück aufwiegen könnte! Wo doch alle Frauen davon träumen, es so zu haben wie sie . . .«

Er sprach ohne Zuhörer. Madame de Nücingen hatte Eugen in das Studierzimmer geführt. Man hätte, wenn auch nur leise, den Kuß hören können, den sie ihm gab. Dies Zimmer war ebenso elegant und vollständig eingerichtet wie die anderen Räume.

»Nun, hat man Ihre Wünsche erraten?« sagte sie, als sie in den Salon zurückkehrten, um sich zu Tisch zu setzen.

»Ja«, sagte er, »nur zu gut. Dieser vollendete Luxus, die Verwirklichung aller schönen Träume eines jungen, eleganten Lebens! Ja, das habe ich ersehnt! Aber ich kann es nicht von Ihnen annehmen, ich bin noch zu arm, um . . .«

»Ah! Ah! Sie widersetzen sich schon!« sagte sie mit einem leichten Anflug von spöttischer Autorität und machte die hübschen Schmollgrübchen, mit denen die Frauen sich über Bedenken lustig machen, um sie desto besser zu vertreiben.

Eugen konnte jedoch dieser schmeichelnden Widerlegung seiner hohen Grundsätze nicht so leicht nachgeben. Er hatte sich während des Tages zu ernsthaft geprüft, und die Verhaftung Vautrins, die ihm die ganze Tiefe des Abgrundes aufdeckte, in den er beinahe gestürzt wäre, hatte dazu beigetragen, seine guten Vorsätze und sein Ehrgefühl zu bestärken.

»Wie?« sagte Madame de Nücingen, »Sie wollen wirklich ablehnen? Wissen Sie, was das bedeutet? Sie zweifeln an Ihrer Zukunft, Sie wagen nicht, sich mit mir zu verbinden? Fürchten Sie, daß Sie mich eines Tages betrügen werden? Wenn Sie mich lieben, wenn . . . ich Sie liebe, warum schrecken Sie dann vor so kleinen Verbindlichkeiten zurück? Wenn Sie wüßten, welche Freude es mir bereitet, diesen Junggesellenhaushalt einzurichten, so würden Sie nicht zögern, Sie würden mich um Verzeihung bitten. Ich hatte Geld, das Ihnen gehörte, ich habe es gut angelegt – das ist alles. Sie halten sich für groß, und dabei sind Sie so klein. Sie verlangen viel mehr . . .« (Ah! machte sie, den leidenschaftlichen Blick Eugens bemerkend), »und um Kleinigkeiten machen Sie solche Geschichten. Wenn Sie mich nicht lieben, nun gut, dann lehnen Sie ab! Mein Schicksal liegt in einem Wort. So sprechen Sie doch! Aber Vater, reden Sie ihm doch ein wenig zu. Glaubt er, daß ich weniger Ehrgefühl habe als er?«

Vater Goriot hörte und sah diesem schönen Streit mit dem starren Lächeln eines Menschen im Opiumrausch zu.

»Kind, Sie stehen an der Schwelle des Lebens«, fuhr sie fort, indem sie Eugens Hand ergriff. »Sie finden eine Schranke, die für viele Menschen unüberwindlich ist, eine Frau öffnet sie Ihnen, und Sie schrecken zurück! Sie werden Glück haben. Sie haben eine brillante Zukunft, der Erfolg steht Ihnen auf der Stirn geschrieben. Können Sie mir nicht das, was ich Ihnen heute leihe, später zurückgeben? Gaben in früheren Zeiten die Damen nicht ihren Rittern Rüstungen, Degen, Helme, Panzerhemden und Pferde, damit sie in ihrem Namen in den Turnieren kämpfen konnten? Nun, Eugen, die Dinge, die ich Ihnen biete, sind die Waffen unserer Zeit, ein Handwerkszeug, das jedem, der etwas werden will, unentbehrlich ist. Sie müssen jetzt ja in einem hübschen Loch hausen, wenn es bei Ihnen so aussieht wie im Zimmer Papas! Aber warum essen Sie nicht? Wollen Sie mich betrüben? Sprechen Sie doch«, sagte sie, ihm die Hand schüttelnd. »Mein Gott, Papa, bring ihn zur Vernunft, oder ich gehe fort und sehe ihn nie mehr wieder.«

»Ich werde Sie zur Vernunft bringen«, sagte der Vater Goriot, aus seiner Ekstase erwachend. »Mein lieber Herr Eugen, Sie wollen Geld beim Wucherer leihen, nicht wahr?«

»Es wird wohl nötig sein«, sagte er.

»Gut, da hab' ich Sie«, sagte der Alte, der ein abgenutztes Lederportefeuille hervorzog. »Ich bin Wucherer geworden, ich habe alle Ihre Rechnungen bezahlt, hier sind sie. Für alles das schulden Sie keinen Centime mehr. Es ist nicht viel, 5000 Francs höchstens. Ich leihe sie Ihnen. Sie können mir das nicht abschlagen, ich bin keine Frau. Geben Sie mir eine Bescheinigung auf einem Zettel. Sie können es mir später zurückgeben.«

Eugen und Delphine, die sich überrascht ansahen, standen die Tränen in den Augen. Rastignac ergriff die Hand des alten Mannes und drückte sie.

»Nun, was ist denn«, sagte Goriot, »seid ihr nicht meine Kinder?«

»Aber Vater«, sagte Madame de Nücingen, »wie haben Sie das gemacht?«

»Oh, das will ich euch erzählen!« erwiderte er. Als ich sah, daß du ihn in deiner Nähe haben wolltest, da habe ich mir gesagt: Sie wird in Schwierigkeiten kommen! Der Rechtsanwalt meint, der Prozeß gegen deinen Gatten auf Herausgabe deines Vermögens könne länger als sechs Monate dauern. Gut. Ich habe meine 1350 Livres unkündbare Rente verkauft. Von dem Erlös habe ich mit 15 000 Francs eine sichere Leibrente von 1200 Francs gekauft, und mit dem Rest habe ich die Lieferanten bezahlt, meine Kinder. Ich habe da oben ein Zimmer für 50 Taler im Jahr, ich kann mit zwei Francs am Tag wie ein Fürst leben, und ich habe sogar noch etwas übrig. Ich verbrauche nichts, ich brauche kaum Kleider. Vierzehn Tage lang lache ich mir schon ins Fäustchen, wenn ich mir sage: Werden die glücklich sein! Nun, seid ihr nicht glücklich?«

»Oh! Papa!« rief Madame de Nücingen und setzte sich auf seine Knie. Sie küßte ihn ab, liebkoste ihm die Wangen mit ihren blonden Haaren und ließ Tränen über das strahlende Gesicht des Alten rinnen.

»Lieber Vater, du bist ein wahrer Vater. Nein, solch einen Vater gibt es auf der Welt nicht wieder. Eugen hatte dich vorher schon sehr lieb, wie wird das erst jetzt werden!«

»Aber Kinder, Kinder«, sagte Vater Goriot, der seit zehn Jahren das Herz seiner Tochter nicht mehr hatte schlagen hören, »aber, Delphine, willst du denn, daß ich vor Freude sterbe? Mein armes Herz bricht. Ach, Eugen, wir sind schon quitt.«

Der Greis drückte seine Tochter so stürmisch und wild an sich, daß sie ausrief:

»Ach, du tust mir weh!«

»Ich habe dir weh getan!« sagte er erbleichend.

Er sah sie mit einem Ausdruck übermenschlichen Schmerzes an. Um das Antlitz dieses Heilands der Vaterliebe zu schildern, müßte man Vergleiche in den Bildern suchen, in denen die Fürsten der Palette die Passion Christi dargestellt haben. Vater Goriot küßte ganz sanft den Gürtel, den seine Finger zu stark gedrückt hatten.

»Nein, nein, ich habe dir doch nicht weh getan?« wiederholte er noch einmal mit fragendem Lächeln. »Du hast mir weh getan mit deinem Schrei. Es kostet eigentlich alles viel mehr«, sagte er seiner Tochter ins Ohr, »aber man muß Eugen etwas vormachen, sonst wird er böse.«

Eugen war wie versteinert über die unerschöpfliche Aufopferung dieses Mannes. Er sah ihn mit der naiven Bewunderung an, die bei der Jugend zugleich Glaube ist.

»Ich werde mich aller dieser Wohltaten würdig zeigen«, rief er.

»Oh, Eugen, wie schön, daß Sie das sagen!«

Madame de Nücingen küßte den Studenten auf die Stirn.

»Um deinetwegen hat er Fräulein Taillefer und ihre Millionen ausgeschlagen«, sagte Goriot. »Ja, sie liebte Sie, die Kleine, und jetzt, wo ihr Bruder tot ist, ist sie reich wie ein Krösus.«

»Warum müssen Sie das sagen«, rief Eugen.

»Eugen«, sagte ihm Delphine ins Ohr, »jetzt habe ich für heute abend etwas zu bereuen. Aber ich werde Sie dafür ewig und aufrichtig lieben!«

»Das ist der schönste Tag, den ich seit eurer Hochzeit gehabt habe«, rief Vater Goriot. »Der liebe Gott mag mich leiden lassen, soviel er will – wenn es nur nicht durch euch ist –, immer werde ich mir sagen: Im Februar dieses Jahres bin ich einen Augenblick lang glücklicher gewesen, als die anderen Menschen es in ihrem ganzen Leben sein können. – Sieh mich einmal an, Fifine«, sagte er zu seiner Tochter. – »Ist sie nicht schön? Sagen Sie, haben Sie schon viele Frauen getroffen, die so frische Farben und so reizende Grübchen haben? Nein, nicht wahr? Später, wenn Sie sie glücklich machen, wird sie noch viel schöner werden. Wenn Sie meinen Platz im Paradies haben wollen, Nachbar, so nehmen Sie ihn, ich kann jetzt zur Hölle fahren. Aber essen wir, essen wir«, fuhr er fort, »alles gehört uns.« Er wußte schon nicht mehr, was er sagte.

»Der arme Vater!«

Er stand auf, ging zu ihr, nahm ihren Kopf in die Hände und küßte sie auf ihre Stirnlocken. »Wenn du wüßtest, mein Kind, mit wie wenigem du mich glücklich machen kannst! Besuche mich öfter, wenn ich da oben bin, für dich sind es nur ein paar Schritte.«

»Ja, lieber Vater.«

»Sag es noch einmal!«

»Ja, mein guter Vater.«

»Oh, sei still, wenn es nach mir ginge, würde ich dich dies Wort noch hundertmal wiederholen lassen.«

Der weitere Abend wurde ausgefüllt mit tausenderlei kindlichen Scherzen, und der Vater Goriot war wohl das tollste Kind von den dreien. Er wollte seiner Tochter die Füße küssen, er sah ihr lange in die Augen, er hielt seinen Kopf an ihr Kleid geschmiegt, er beging alle möglichen Torheiten, wie man sie nur den jüngsten und zärtlichsten Liebhabern hätte zutrauen mögen.

»Sehen Sie«, sagte Delphine zu Eugen, »wenn mein Vater mit uns zusammen ist, so muß man sich ihm ganz widmen. Manchmal ist das wirklich etwas lästig.«

Eugen, der bereits mehrfach Regungen einer Art Eifersucht verspürt hatte, konnte dieses Wort, das doch den Inbegriff alles Undankes einschloß, nicht mißbilligen.

»Und wann wird die Wohnung fertig sein?« fragte Eugen, der sich im Schlafzimmer umblickte. »Wir müssen uns also heute abend trennen?«

»Ja. Aber morgen werden Sie mit mir essen«, sagte sie verheißungsvoll, »morgen ist mein Theaterabend.«

»Dann gehe ich ins Parterre«, sagte Vater Goriot.

Es war Mitternacht geworden. Madame de Nücingens Wagen wartete. Vater Goriot und der Student unterhielten sich auf dem Rückweg zum Hause Vauquer mit solchem Enthusiasmus über Delphine, daß es beinahe zu einem Wettstreit der Ausdrücke kam. Eugen konnte sich nicht verhehlen, daß die Liebe des Vaters, der kein egoistisches Interesse anhaftete, die seinige an Stärke und Tiefe übertraf. Für den Vater blieb das Idol stets rein und schön, und zu seiner Anbetung trugen Vergangenheit und Aussichten in die Zukunft bei.

Sie fanden Madame Vauquer allein zwischen Sylvia und Christoph beim Ofen. Sie saß da wie ein Marius auf den Trümmern von Karthago. Mit Sylvia Trübsal blasend, erwartete sie die beiden einzigen Pensionäre, die noch geblieben waren. Lord Byron hat zwar seinen Tasso die schönsten Lamentationen sprechen lassen, aber sie blieben weit hinter dem zurück, was die Klagelieder der Madame Vauquer an tiefer Wahrheit enthielten.

»Also morgen sind nur drei Tassen Kaffee zu kochen, Sylvia. Mein Haus ist verödet – ist das nicht zum Herzzerreißen? Was ist das Leben ohne meine Pensionäre? Nichts. Das ganze Haus ist geräumt, nur noch die Möbel leben. Was habe ich dem Himmel getan, daß ich mir all dies Unheil zugezogen habe? Unsere Vorräte an Bohnen und Kartoffeln reichen für zwanzig Personen. Die Polizei in meinem Hause! Wir werden jetzt also nur noch Kartoffeln essen. Ich werde Christoph entlassen.«

Christoph, der Savoyarde, der geschlafen hatte, wurde wach, als sein Name genannt wurde, und rief: »Madame?«

»Der arme Bursche! Er ist treu wie ein Hund«, meinte Sylvia.

»Tote Saison, alles ist untergebracht. Woher sollen Pensionäre kommen? Es ist, um den Verstand zu verlieren. Und diese Hexe, die Michonneau, hat mir auch noch den Poiret entführt! Was hat sie ihm angetan, daß er von ihr nicht los kann, daß er ihr folgt wie ein Hund?«

»Ei verflucht«, meinte Sylvia, »diese alten Jungfern kennen sich in allen Kniffen aus.«

»Dieser arme Herr Vautrin, aus dem sie einen Sträfling gemacht haben«, fuhr die Witwe fort, »weißt du, Sylvia, ich kann mir nicht helfen, aber ich glaube es noch nicht: Ein Mann, lustig wie er, der für fünfzehn Francs im Monat Gloriaschnaps nahm und der auf Heller und Pfennig bezahlte!«

»Und der so freigebig mit Trinkgeldern war«, sagte Christoph. »Die Geschichte ist sicher ein Irrtum«, meinte Sylvia.

»Aber nein, er hat selbst gestanden«, erwiderte Madame Vauquer. »Und daß so etwas alles bei mir vorgekommen ist, in einem Viertel, wo keine Katze vorüberstreicht! So wahr ich eine ehrliche Frau bin, ich glaube, ich träume. Denn siehst du, wir haben erlebt, wie Ludwig XVI. sein Malheur hatte, wir haben den Kaiser fallen, wiederkommen und nochmals fallen sehen – alles das waren Dinge, die passieren können. Aber daß einer Pension so was zustößt! Ohne König kann man leben, aber man muß doch essen! Und wenn eine anständige Frau, eine geborene de Conflans, ihren Gästen so gute Sachen vorsetzt – aber da müßte das Ende der Welt nahen . . . Ja, das ist es, das Ende der Welt ist da!«

»Und wenn man denkt, die Michonneau, die Ihnen das angetan hat, die soll, wie man sagt, dreitausend Taler Rente haben«, rief Sylvia.

»Sprich von der nicht, das ist eine Verbrecherin! Und sie geht noch obendrein zur Buneaud! Die ist zu allem fähig, sicher hat sie schon alle möglichen Schandtaten begangen, gestohlen und gemordet! Die wäre besser ins Bagno gegangen anstatt dieses armen Menschen . . .«

Eugen und Vater Goriot schellten.

»Ah, da kommen meine beiden Getreuen«, seufzte die Witwe.

Die beiden Getreuen, die kaum mehr an die schrecklichen Ereignisse in der Pension dachten, verkündeten ihrer Wirtin ohne Umschweife, daß sie in die Rue d'Artois ziehen würden.

»Ach, Sylvia«, rief sie, »das war die letzte Karte. Sie haben mir den Gnadenstoß gegeben, meine Herren! Das ist mir auf den Magen geschlagen, es liegt mir wie ein Kloß hier. Dieser Tag kostet mich zehn Jahre meines Lebens. Ich werde noch verrückt, mein Ehrenwort! Was sollen wir mit den Bohnen machen? – Also gut, wenn ich allein bin, so gehst du morgen, Christoph. – Gute Nacht, meine Herren.«

»Was hat sie bloß?« fragte Eugen Sylvia.

»Na, alles ist ausgezogen wegen der Geschichten. Das ist ihr in den Kopf gestiegen. Da, man hört, wie sie weint. Sie soll man ruhig heulen, das wird ihr gut tun. Das ist das erstemal, daß ihre Augen sauber werden, solange ich in ihrem Dienst bin.«

Am folgenden Tage war Madame Vauquer, wie sie sich ausdrückte, wieder zu sich gekommen. Zwar machte sie noch, wie es einer Frau ansteht, die alle ihre Pensionäre verloren hat und deren ganzes Leben zerstört ist, den Eindruck tiefer Trauer, aber sie verlor nicht mehr ihren Kopf und zeigte, was wahrer tiefer Schmerz ist, Schmerz um geschädigte Interessen und zerstörte Gewohnheiten. Der Blick, den ein Verliebter dorthin wirft, wo einst seine Geliebte wohnte, kann keine größere Betrübnis ausdrücken als die Augen, mit denen Madame Vauquer ihren leeren Tisch betrachtete. Eugen versuchte sie durch die Mitteilung zu trösten, daß Bianchon, dessen Internatszeit in einigen Tagen zu Ende gehen mußte, an seiner Stelle einziehen würde; auch der Museumsbeamte habe oft den Wunsch geäußert, das Appartement der Madame Couture zu übernehmen; so würde sie binnen wenigen Tagen ihr Haus wieder voll haben.

»Möge Gott Sie hören, mein lieber Herr, aber das Unglück hat seinen Einzug gehalten. Es vergehen keine zehn Tage, und der Tod holt einen. Sie werden es sehen«, sagte sie mit einem düsteren Blick auf das Speisezimmer.

»Wen wird er holen?«

»Es wird Zeit, daß man auszieht«, sagte Eugen leise zu Vater Goriot.

Sylvia rannte ganz aufgelöst herein: »Madame, seit drei Tagen habe ich Mistigris nicht mehr gesehen.«

»Nun ist meine Katze auch noch tot, wenn mich die verläßt, dann . . .«

Sie konnte den Satz nicht vollenden, rang die Hände und ließ sich in ihren Sessel zurücksinken. Dieses schreckliche Vorzeichen hatte ihr den Rest gegeben.

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