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Vater Goriot

Honoré de Balzac: Vater Goriot - Kapitel 6
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleVater Goriot
publisherPaul List Verlag Leipzig
translatorFranz Hessel
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Als er zur Vicomtesse zurückkehrte, trat sie ihm wieder mit der graziösen Freundlichkeit entgegen, die sie stets an den Tag gelegt hatte. Sie begaben sich in den Speisesaal, wo der Vicomte seine Gattin erwartete. In dem Raum herrschte der Luxus der Tafel, der bekanntlich in der Zeit der Restauration seinen Höhepunkt erreichte. Herr von Beauséant kannte, wie so manche blasierten Menschen, kaum noch ein anderes Vergnügen als das eines guten Tisches; er stammte ganz aus der Schule Ludwig XVIII. und des Herzogs von Escars, dieser größten Gourmands jener Zeit. Seine Tafel entfaltete daher einen doppelten Luxus, sowohl der Aufmachung wie des Gehalts. Eugen, der zum erstenmal in einem Haus dinierte, in dem der soziale Glanz erblich ist, hatte ein solches Schauspiel noch nie erlebt. Gerade waren die Soupers, die ehemals unter dem Kaiserreich die Bälle abschlossen und bei denen sich die Militärs für ihre Leistungen daheim und draußen stärkten, außer Mode gekommen. Eugen hatte bisher nur an Bällen teilgenommen. Sein sicheres Auftreten, das ihn später so auszeichnen sollte und das sich eben zu bilden begann, schützte ihn vor törichter Verwunderung. Aber angesichts des glänzenden Silberzeuges, der tausenderlei Besonderheiten einer pompösen Tafel, der lautlosen Bedienung, mußte es einem Menschen mit glühender Einbildungskraft schwerfallen, dieses immer elegante Leben nicht dem Leben voller Entbehrungen vorzuziehen, das er noch am Morgen zu führen sich vorgenommen hatte. Einen Augenblick gingen seine Gedanken zu der Familienpension zurück; er bekam einen so tiefen Abscheu vor ihr, daß er sich schwor, sie zu Anfang Januar zu verlassen, ebensosehr, um in ein sauberes Haus zu ziehen, als auch um Vautrin zu fliehen, dessen breite Hand er noch auf seiner Schulter fühlte. Wenn man an die tausend Formen denkt, die die verschwiegene oder offene Korruption in Paris annimmt, so muß sich ein Mensch mit gesunden Sinnen fragen, aus welcher Verwirrung heraus der Staat dort Schulen gründet und junge Leute herbeizieht, wie hübsche Frauen dort überhaupt noch geachtet werden können, wie das Gold der Wechselstuben nicht magisch aus seinen Holztellern verschwindet. Aber wenn man daran denkt, wie wenig Verbrechen oder auch nur Vergehen von jungen Menschen begangen werden, welche Achtung muß man dann vor diesen geduldigen Tantalussöhnen haben, die mit sich selbst kämpfen und fast stets Sieger bleiben! Wenn man den jungen Studenten richtig im Kampfe mit Paris schildern wollte, so würde er eine der dramatischsten Figuren unserer modernen Zivilisation abgeben.

Madame de Beauséant sah Eugen vergebens an, um ihn zum Sprechen zu veranlassen; er wollte in Gegenwart des Grafen nicht das Wort ergreifen.

»Gehen Sie heute abend mit mir zur Komischen Oper«, fragte die Gräfin ihren Gatten.

»Sie wissen, ein wie großes Vergnügen es mir bereiten würde, Ihrem Wunsche zu gehorchen«, erwiderte er mit einer Galanterie, deren Spott der Student nicht verstand, »aber ich habe ein Rendezvous im Theater des Variétés.«

Seine Geliebte, sagte sie sich.

»Haben Sie nicht d'Ajuda für heute abend?« fragte der Graf.

»Nein«, erwiderte sie schlecht gelaunt.

»Nun, wenn Sie unbedingt einen Begleiter brauchen, nehmen Sie Herrn von Rastignac!«

Die Gräfin sah Eugen lächelnd an. »Es wird sehr kompromittierend für Sie sein«, sagte sie.

»Der Franzose liebt die Gefahr, weil er durch sie zu Ruhm gelangt, schreibt Chateaubriand«, entgegnete Rastignac mit einer Verbeugung.

Wenige Minuten später saß er neben Madame de Beauséant in ihrem Coupé. Nach einer schnellen Fahrt war er bald in dem Theater der Modewelt. Er glaubte an einen Feenzauber, als er in eine Vorderloge trat und gemeinsam mit der eleganten Gräfin das Ziel aller Lorgnetten war. Er fiel von einer Verzückung in die andere.

»Sie müssen sich mit mir unterhalten«, sagte Madame de Beauséant.

»Ah! Sehen Sie, da ist Madame de Nücingen, drei Logen von der unsrigen. Ihre Schwester und Herr de Trailles sind auf der anderen Seite.«

Bei diesen Worten blickte Madame de Beauséant zu der Loge hinüber, in der sich Fräulein von Rochefide befinden mußte, und als sie Herrn d'Ajuda nicht sah, klärte sich ihr Gesicht strahlend auf.

»Sie ist sehr hübsch«, sagte Eugen nach einem Blick zu Madame de Nücingen hinüber.

»Sie hat weiße Wimpern.«

»Ja, aber welche hübsche zierliche Taille!«

»Sie hat plumpe Hände.«

»Aber wie schön ihre Augen sind!«

»Ihr Gesicht ist zu lang.«

»Eine längliche Gesichtsform ist vornehm.«

»Sie kann das auch gebrauchen. Sehen Sie nur, wie sie mit ihrem Lorgnon umgeht! Die Goriot erkennt man an allen ihren Bewegungen«, erwiderte die Gräfin zum großen Erstaunen Eugens.

Madame de Beauséant musterte zwar auch durch ihr Lorgnon den Saal, aber sie schien gar nicht auf Madame de Nücingen zu achten, ohne daß ihr indessen irgendeine ihrer Bewegungen entging. Das Bild der Versammlung war glänzend. Delphine de Nücingen fühlte sich nicht wenig geschmeichelt, ausschließlich den jungen, schönen und eleganten Vetter der Madame de Beauséant zu fesseln. Eugen sah nur sie an.

»Wenn Sie sie weiter so mit Ihren Blicken verzehren, werden Sie einen Skandal erregen, Herr von Rastignac. Wenn Sie sich den Menschen so an den Hals werfen, werden Sie nie Erfolg haben.«

»Meine liebe Cousine«, sagte Eugen, »Sie haben sich meiner schon sehr angenommen. Wenn Sie Ihr Werk vollenden wollen, so bitte ich Sie um nichts weiter, als mir einen Dienst zu erweisen, der Ihnen wenig Mühe macht und der mir sehr wertvoll ist. Ich bin verliebt.«

»Schon?«

»Ja.«

»In diese Frau?«

»Oder sollten meine Wünsche anderswo erhört werden?« erwiderte er, indem er seiner Cousine einen durchdringenden Blick zuwarf.

»Die Herzogin von Carigliano ist mit der Herzogin von Berry befreundet«, fuhr er nach einer Pause fort. »Sie werden sie sicher sehen. Haben Sie die Güte, mich ihr vorzustellen und mich zu ihrem Ball am Montag einzuführen. Ich werde dort Madame de Nücingen treffen und mein erstes Scharmützel siegreich bestehen.«

»Gern«, erwiderte sie. »Wenn Sie schon an ihr Geschmack finden, steht es recht gut um Ihre Herzensangelegenheit. Aber da ist de Marsey in der Loge der Prinzessin Gallathionne. Madame de Nücingen leidet Höllenqualen, sie vergeht vor Gram. Es gibt keinen günstigeren Moment, um sich an eine Frau heranzumachen, vor allem an die Frau eines Bankiers. Diese Damen aus der Chaussée d'Antin lieben die Rache.«

»Was würden Sie in einem ähnlichen Falle tun?«

»Ich würde schweigend dulden.«

In diesem Augenblick erschien der Marquis d'Ajuda in der Loge der Madame de Beauséant.

»Ich habe meine Angelegenheiten kaum erledigen können, weil ich mich beeilte, Sie aufzusuchen«, sagte er. »Und ich unterrichte Sie hiervon, damit es kein vergebliches Opfer war.«

Das strahlende Gesicht der Gräfin belehrte Eugen über den Ausdruck wahrer Liebe, der nicht mit den Grimassen der Pariser Koketterie verwechselt werden kann. Er bewunderte seine Cousine, verstummte und räumte Herrn d'Ajuda seufzend seinen Platz ein.

Welch ein edles, herrliches Geschöpf ist eine Frau, die so liebt! sagte er sich. Und dieser Mensch verläßt sie um einer Puppe willen! Wie kann man sie verraten?

Er fühlte eine kindische Wut in sich aufsteigen. Am liebsten hätte er sich Madame de Beauséant zu Füßen geworfen, er wünschte sich die Macht der Dämonen, um sie in seinem Herzen davonzutragen, wie der Adler ein weißes Lämmchen aus der Ebene in seinen Horst mit sich führt. Er fühlte sich erniedrigt, daß ihm in diesem großen Museum der Schönheit kein Bild gehörte, daß er ohne Geliebte war.

Eine Geliebte zu haben und an ihrer Seite eine fast königliche Stellung einzunehmen, sagte er sich, das ist das Zeichen der Macht!

Er blickte wieder Madame de Nücingen an, wie der Beleidigte seinen Gegner. Die Gräfin wandte sich zu ihm um, um ihm für sein diskretes Zurücktreten durch einen Augenaufschlag tausend Dank zu sagen. Der erste Akt ging zu Ende.

»Sie kennen Madame de Nücingen gut genug, um ihr Herrn von Rastignac vorzustellen?« fragte sie Herrn d'Ajuda. »Sie wird entzückt sein, ihn kennenzulernen«, erwiderte der Marquis. Der schöne Portugiese erhob sich und nahm den Studenten beim Arm, der sich einen Augenblick später in der Loge der Madame de Nücingen wiederfand.

»Gnädige Baronin«, sagte der Marquis, »ich habe die Ehre, Ihnen den Chevalier Eugen de Rastignac vorzustellen, einen Vetter der Gräfin de Beauséant. Sie haben einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht, daß ich sein Glück vervollständigen wollte, indem ich ihn seinem Idol näher brachte.«

Diese Worten waren in einem etwas spöttischen Ton gesagt, der ihre Deutlichkeit überdeckte, zumal sie, wenn sie geschickt vorgebracht wurden, einer Frau niemals mißfallen konnten. Madame de Nücingen lächelte und bot Eugen den Platz ihres Gatten an, der soeben die Loge verlassen hatte.

»Ich wage kaum, Ihnen vorzuschlagen, bei mir zu bleiben«, sagte sie zu ihm. »Wenn man das Glück genießt, neben Madame de Beauséant weilen zu können, so verläßt man seinen Platz nicht.«

»Im Gegenteil«, sagte Eugen leise, »ich glaube, daß ich meiner Cousine keinen größeren Gefallen tun kann, als wenn ich bei Ihnen bleibe. Bevor der Herr Marquis kam, sprachen wir von Ihnen, von dem vornehmen Eindruck Ihrer Persönlichkeit«, fuhr er laut fort.

Herr d'Ajuda zog sich zurück.

»Wirklich, mein Herr«, sagte die Baronin, »Sie wollen bei mir bleiben? Wir werden also Bekanntschaft schließen; Madame de Restaud hat mir bereits so viel von Ihnen erzählt, daß ich Sie kennenlernen wollte.«

»Dann muß sie recht falsch sein können, denn sie hat mir ihre Tür gewiesen.«

»Wie?«

»Madame, mein Gewissen zwingt mich, Ihnen den Grund zu sagen, aber ich bitte um all Ihre Nachsicht, wenn ich Ihnen ein solches Geheimnis anvertraue. Ich bin der Zimmernachbar Ihres Herrn Vaters. Ich wußte nicht, daß Madame de Restaud seine Tochter ist. Ich habe die Unklugheit begangen, davon sehr unschuldig zu sprechen, und ich habe den Zorn Ihrer Frau Schwester und ihres Gatten erregt. Sie können nicht glauben, wie wenig geschmackvoll die Herzogin von Langeais und meine Cousine diese Verleugnung eines Vaters gefunden haben. Ich habe ihnen die Szene erzählt, und sie haben sehr darüber gelacht. Bei dieser Gelegenheit zog Madame de Beauséant eine Parallele zwischen Ihnen und Ihrer Schwester, indem sie über Sie in der anerkennendsten Weise sprach und ihr schilderte, wie reizend Sie zu meinem Nachbarn, Herrn Goriot, sind. Wie sollten Sie ihn auch nicht lieben? Er betet Sie so leidenschaftlich an, daß ich schon auf ihn eifersüchtig bin. Wir haben heute morgen zwei Stunden lang von Ihnen gesprochen. Dann sagte ich, ganz erfüllt von dem, was mir Ihr Herr Vater erzählt hat, heut beim Diner zu meiner Cousine, Sie könnten unmöglich ebenso schön wie liebevoll sein. Madame de Beauséant, die offenbar eine so heiße Bewunderung weiter fördern wollte, hat mich dann hierher mitgenommen, indem sie mir mit ihrer bekannten Liebenswürdigkeit erklärte, ich würde Sie hier treffen.«

»Wie«, sagte die Frau des Bankiers, »ich schulde Ihnen schon meinen Dank? Noch ein wenig so weiter, und wir sind bereits alte Freunde.«

»Obwohl die Freundschaft bei Ihnen ein nicht alltägliches Gefühl sein muß«, sagte Rastignac, »möchte ich doch niemals nur Ihr Freund sein.«

Diese stereotypen Anfängerredensarten erscheinen den Frauen immer reizend; ihre ganze Armseligkeit empfindet man erst, wenn man sie gedruckt sieht. Die Geste, der Akzent, der Blick eines jungen Mannes geben ihnen erst ihren unberechenbaren Wert. Madame de Nücingen fand Rastignac hinreißend. Da sie auf die so stürmischen und direkten Wendungen des Studenten, wie alle Frauen, nichts erwidern konnte, sprach sie jetzt von etwas anderem.

»Ja, meine Schwester setzt sich durch die Art, wie sie unseren armen Vater behandelt, der wirklich wie ein Gott zu uns war, sehr ins Unrecht. Erst als Herr von Nücingen mir ausdrücklich befahl, meinen Vater nur des Morgens zu empfangen, habe ich – und auch nur in diesem Punkte – nachgegeben. Aber ich war lange Zeit darüber sehr unglücklich. Ich habe manche Träne vergossen. Diese Gewaltschritte meines Gatten, die sich den ganzen Brutalitäten unserer Ehe anschlossen, zählen zu den Gründen, die mein häusliches Glück unterwühlt haben. Ich bin sicherlich in den Augen der Welt die glücklichste Frau von Paris, aber in Wirklichkeit die unglücklichste. Sie werden sicher sehr befremdet sein, daß ich so zu Ihnen spreche. Aber Sie kennen meinen Vater, und Sie können mir deshalb nicht fremd sein.«

»Noch nie können Sie jemand getroffen haben«, sagte Eugen, »der leidenschaftlicher wünschte, Ihnen zu gehören! Was suchen alle Frauen? Das Glück«, antwortete er selbst mit zu Herzen gehender Stimme. »Wenn für eine Frau das Glück darin besteht, geliebt und angebetet zu werden, einen Freund zu haben, dem sie ihre Wünsche, ihre Phantasien, ihren Kummer und ihre Freuden anvertrauen, dem sie ihre Seele ganz nackt mit allen ihren schönen Fehlern und ihren großen Eigenschaften zeigen kann, ohne zu fürchten, verraten zu werden, so glauben Sie mir, kann sich dieses stets aufopferungsvolle und glühende Herz nur bei einem jungen Menschen finden, der noch voll von Illusionen ist, der auf ein bloßes Zeichen zu sterben bereit wäre, der noch nichts von der Welt weiß und nichts von ihr wissen will, weil Sie ihm die Welt bedeuten.

Ich, sehen Sie – Sie werden über meine Naivität lachen –, ich komme tief aus der Provinz, ein völliger Neuling, der nur schöne Seelen kennengelernt hat: Ich hatte den Vorsatz, ohne Liebe zu bleiben. Da geschah es, daß ich meine Cousine sah, die mich ihrem Herzen zu nahe kommen ließ; sie ließ mich die tausend Schätze der Leidenschaft ahnen. So bin ich, wie Cherubin, in alle Frauen verliebt, aber ich warte darauf, mich einer von ihnen ganz zu weihen. Als ich Sie beim Eintreten hier erblickte, fühlte ich mich gleichsam wie durch eine Strömung zu Ihnen gezogen. Ich hatte schon so sehr an Sie gedacht! Aber ich hatte Sie mir nicht so schön vorgestellt, wie Sie in Wirklichkeit sind. Madame de Beauséant hat mir befohlen, Sie nicht so sehr anzustarren. Sie weiß nicht, welche Anziehungskraft Ihre schönen roten Lippen, Ihr weißer Teint, Ihre sanften Augen auf mich ausüben . . . Auch sage ich Ihnen Torheiten, aber lassen Sie mich sie aussprechen.«

Nichts gefällt den Frauen mehr als solch süßes Geschwätz.

Selbst Frauen von strengster Züchtigkeit hören aufmerksam zu, auch wenn sie nicht darauf antworten dürfen. Rastignac betete nach diesem guten Anfang seinen Rosenkranz weiter ab, mit kokett heiserer Stimme, und Madame de Nücingen ermutigte Eugen durch ihr Lächeln, während sie von Zeit zu Zeit Blicke nach de Marsey warf, der die Loge der Prinzessin Gallathionne nicht verließ. Rastignac blieb bei Madame de Nücingen, bis ihr Gatte erschien, um sie abzuholen.

»Madame«, sagte Eugen zum Abschied, »ich werde hoffentlich noch das Vergnügen haben, Ihnen vor dem Ball der Herzogin von Carigliano meine Aufwartung machen zu dürfen.«

»Wenn Madame Sie einlädt«, sagte der Baron, ein dicker Elsässer, dessen rundes Gesicht eine gefährliche Schlauheit verriet, »können Sie sicher sein, bei uns gut aufgenommen zu werden.«

Meine Sache steht nicht schlecht, sagte sich Eugen, als er sich von Madame de Beauséant verabschiedete, die sich mit Herrn d'Ajuda zurückzog. Sie ist nicht böse geworden, als ich zu ihr sagte: »Werden Sie mich vielleicht lieben können?« Mein Pferdchen ist gezäumt, jetzt heißt's, sich fest in den Sattel setzen und es lenken.

Der arme Student wußte nicht, daß die Baronin den ganzen Abend zerstreut war, da sie von de Marsey einen jener entscheidenden Briefe erwartete, die einem das Herz brechen können. Ganz glücklich über seinen eingebildeten Erfolg begleitete Eugen die Gräfin bis zur Vorhalle, wo jeder auf den Wagen wartete.

»Ihr Cousin ist nicht mehr wiederzuerkennen«, sagte der Portugiese lachend zur Gräfin, als Eugen sie verlassen hatte. »Er wird die Bank sprengen. Er ist geschmeidig wie ein Aal, ich glaube, daß er es weit bringen wird. Sie allein konnten es fertigbekommen, ihm eine Frau gerade in dem Augenblick, wo sie Trost braucht, in die Falle zu locken.«

»Aber es fragt sich«, sagte Madame de Beauséant, »ob sie nicht immer noch den liebt, der sie verläßt.«

Der Student ging zu Fuß von der Komischen Oper zur Rue Neuve-Ste-Geneviève zurück, mit den herrlichsten Plänen beschäftigt. Er hatte bemerkt, wie aufmerksam ihn Madame de Restaud sowohl in der Loge der Gräfin wie in der der Madame de Nücingen beobachtet hatte, und er schloß daraus, daß ihm die Tür der Gräfin nicht mehr versperrt sein würde. So hatte er bereits vier hohe Verbindungen in der großen Pariser Gesellschaft, denn er hoffte, der Marschallin gut zu gefallen. Ohne sich schon über die Mittel klar zu werden, ahnte er bereits, daß er bei dem komplizierten Spiel der Interessen dieser Welt sich an ein Räderwerk anschließen müßte, um sich auf dem Höhepunkt der Maschine zu befinden; und er fühlte sich stark genug, um das Rad richtig zu bremsen.

»Wenn Madame de Nücingen sich für mich interessiert, so werde ich sie lehren, ihren Gatten zu lenken. Er macht glänzende Geschäfte, und er kann mir vielleicht helfen, mit einem Schlage ein Vermögen zu erwerben.«

Er sagte sich dies nicht mit klaren Worten; er war noch nicht Politiker genug, um eine Situation abzuschätzen und ziffernmäßig zu werten. Diese Ideen schwebten noch an seinem Horizont wie leichte Wölkchen. Aber obwohl seine Anschauungen noch nicht so kraß waren wie die Vautrins, sie hätten doch, wenn sie dem Schmelztiegel des Gewissens ausgesetzt worden wären, keine reine Mischung ergeben. Durch eine Folge solcher geistigen Transaktionen gelangen die Menschen zu der laxen Moral, zu der sich unsere Zeit bekennt. Denn heute findet man seltener als jemals jene gradlinigen Männer, jene Menschen guten Willens, die sich niemals dem Übel beugen, denen die kleinste Abirrung vom rechten Weg als ein Verbrechen erscheint, jene glänzenden Beispiele der Menschenwürde, die uns die Meisterwerke der Literatur schildern: Alceste in Molières »Misanthrope« und neuerdings Jenny Deans und ihr Vater im Werke Walter Scotts. Vielleicht wäre die entgegengesetzte Schilderung, die der Irrwege, auf denen ein Weltmann, ein Ehrgeiziger, sein Gewissen unterdrückt und das Verbrechen streift, um unter Wahrung des Dekorums zu seinem Ziel zu gelangen, nicht weniger schön und nicht weniger dramatisch.

Als Rastignac die Schwelle der Pension erreicht hatte, war er bereits in Madame de Nücingen verliebt. Sie erschien ihm zart und zierlich wie eine Schwalbe. Der berückende sanfte Glanz ihrer Augen, das feine und seidenweiche Gewebe ihrer Haut, unter der er das Blut kreisen zu sehen glaubte, der bezaubernde Tonfall ihrer Stimme, ihre blonden Haare – alles das rief er sich ins Gedächtnis zurück, und vielleicht trug der lange Spaziergang, der sein Blut in Wallung gebracht hatte, zu dieser Verzückung noch bei. Als er oben war, klopfte er heftig an der Tür des Vaters Goriot. »Ich habe Madame Delphine gesehen, Herr Nachbar«, rief er.

»Wo?«

»In der Komischen Oper.«

»Hat sie sich gut amüsiert? . . . Kommen Sie doch herein!«

Der gute Alte, der im Hemd aufgestanden war, öffnete die Tür und kroch schnell wieder ins Bett.

»Erzählen Sie mir doch etwas von ihr«, bat er.

Eugen, der sich zum ersten Male im Zimmer von Vater Goriot befand, konnte einer gewissen Bestürzung nicht Herr werden, als er, der eben noch die Toiletten der Töchter bewundert hatte, das elende Loch sah, in dem der alte Mann lebte. Das Fenster war ohne Vorhänge; die Tapete hatte sich an mehreren Stellen infolge der Feuchtigkeit losgelöst und legte die rauchgeschwärzte Wand frei. Der Alte lag in einem schlechten Bett. Er hatte außer einer dünnen Decke nur ein wattiertes Plumeau, das aus Flicken von Kleidern der Madame Vauquer hergestellt war. Der Fußboden war feucht und voller Staub. Dem Fenster gegenüber stand eine dieser alten, bauchigen Kommoden aus Rosenholz mit kupfernen Handgriffen in der Form laubumwundener blühender Reben. Ferner gab es ein altes Wandregal, auf dem eine Karaffe und das Rasierzeug standen. In einer Ecke lagen die Schuhe, am Kopf des Bettes fand sich ein Nachttisch ohne Tür und Marmorplatte. Beim Kamin, in dem keine Spur von Feuer zu sehen war, stand der Tisch aus Nußbaumholz, auf dem Vater Goriot sein Silbergeschirr zusammengedreht hatte. Ein schlechter Sekretär, auf dem der Hut des Alten lag, ein geflickter Strohsessel und zwei Stühle vervollständigten dieses elende Mobiliar. Die Stange des Betthimmels war mit einem Lappen an der Decke befestigt; von ihr hing ein rot und weiß kariertes Tuch über das Bett herab. Der ärmste Dienstmann hatte sicher in seinem Verschlag bessere Möbel als Vater Goriot bei Madame Vauquer. Der Anblick dieses Zimmers machte einen frösteln und schnürte einem das Herz zusammen, es glich der ödesten Gefängniszelle. Glücklicherweise bemerkte Goriot das entsetzte Gesicht Eugens nicht, als dieser seine Kerze auf den Nachttisch stellte. Der Alte wandte sich auf die Seite, wobei er bis zum Kinn zugedeckt blieb.

»Also, welche mögen Sie nun lieber, Frau von Restaud oder Frau von Nücingen?«

»Ich ziehe Madame Delphine vor«, erwiderte der Student, »weil sie Sie mehr liebt.«

Bei diesen warmen Worten machte der Alte seinen Arm frei und drückte Eugen die Hand.

»Dank, Dank«, antwortete der Greis bewegt. »Was hat sie denn von mir gesagt?«

Der Student wiederholte die Worte der Baronin, indem er sie ausschmückte, und der Alte hörte zu, als wenn er das Wort Gottes vernähme.

»Das liebe Kind! Ja, ja, sie hat mich sehr lieb. Aber glauben Sie das nicht, was sie über Anastasie gesagt hat. Die beiden Schwestern sind eben eifersüchtig aufeinander, sehen Sie! Auch das ist ein Beweis ihrer zärtlichen Liebe zu mir. Madame de Restaud hat mich sehr gern, ich weiß es. Ein Vater steht zu seinen Kindern wie Gott zu uns Menschen. Er geht bis auf den Grund des Herzens und kennt ihr Innerstes. Sie sind beide voller Liebe. Ach! Hätte ich nur gute Schwiegersöhne, ich wäre zu glücklich. Aber es gibt offenbar hienieden kein restloses Glück. Wenn ich bei ihnen leben könnte, um nur ihre Stimme zu hören und sie um mich zu wissen, sie kommen und gehen zu sehen, wie einst, das Herz würde mir vor Freude zerspringen . . . Waren sie hübsch angezogen?«

»Ja«, sagte Eugen.

»Aber, Herr Goriot, wie können Sie in einem solchen Hundeloch hausen, während es Ihren Töchtern so glänzend geht?«

»Meiner Treu«, erwiderte der Alte scheinbar sorglos, »was würde es mir nützen, wenn ich besser wohnte? Ich kann Ihnen das kaum recht erklären, ich kann nicht zwei Worte richtig zusammenbringen. Hier sitzt bei mir alles«, sagte er, sich aufs Herz schlagend. »Mein Leben besteht für mich in meinen beiden Töchtern. Wenn sie sich amüsieren, wenn sie glücklich sind und gut angezogen, was macht es dann aus, was ich anziehe und wo ich mich zur Ruhe lege? Mir ist nicht kalt, wenn es ihnen warm ist, und wenn sie lachen, wie könnte ich mich da grämen? Ich kenne keinen anderen Kummer als den ihren. Wenn Sie einmal Vater sind, wenn Sie sich beim Geplapper Ihrer Kinder sagen: ›Das ist mein Fleisch und Blut!‹, wenn Sie fühlen, wie diese kleinen Wesen mit jedem Tropfen Ihres Blutes verbunden sind, dessen besserer Teil sie sind, so werden Sie sich mit ihnen verwachsen fühlen. Sie glauben, daß Sie selbst es sind, der sich bei ihren Schritten bewegt. Überall höre ich ihre Stimmen. Wenn ihr Blick traurig ist, gefriert mir das Blut. Eines Tages werden Sie wissen, daß ihr Glück einen glücklicher macht als das eigene. Ich kann Ihnen das nicht erklären, es ist eine innere Bewegung, die wohltut. Schließlich: Ich lebe dreimal. Soll ich Ihnen etwas Seltsames sagen? Nun, als ich Vater ward, habe ich Gott begriffen. Er ist überall, weil die Schöpfung aus ihm hervorgegangen ist. Sehen Sie, so ähnlich ist auch mein Verhältnis zu meinen Töchtern. Nur liebe ich meine Töchter mehr, als Gott die Welt liebt, denn die Welt ist nicht so schön wie Gott. Und meine Töchter sind schöner als ich. Meine Seele ist so mit ihnen verbunden, daß ich die bestimmte Ahnung hatte, Sie würden sie heute abend sehen. Mein Gott, wenn ein Mann meine kleine Delphine so glücklich machen würde, wie es eine Frau ist, die wirklich geliebt wird – ich würde ihm die Stiefel putzen, ich würde alles für ihn tun.

Ich habe durch die Kammerzofe erfahren, daß dieser kleine de Marsey ein übler Bursche ist. Ich habe manchmal Lust, ihm den Hals umzudrehen. Solch ein Juwel von Frau nicht zu lieben, eine Frau mit einer Stimme wie eine Nachtigall, gewachsen wie ein Modell! Wo hatte sie nur ihre Augen, als sie diesen Klotz von Elsässer heiratete? Sie müßten beide hübsche nette Männer haben. Aber sie haben ja nach ihrer eigenen Laune gewählt.«

Vater Goriot war erhaben anzusehen. Eugen hatte es noch niemals erlebt, daß er vom Feuer seiner Vaterleidenschaft erglühte. Es ist etwas Wunderbares um die Macht der Gefühlswirkung. Wie roh auch ein Wesen sein mag, sobald es von einer starken und wahren Empfindung beseelt wird, geht von ihm ein eigenartiges Fluidum aus, das seinen ganzen Ausdruck ändert, die Gesten belebt und der Stimme Klang verleiht. Oft gelangt das stumpfste Geschöpf unter dem Einfluß der Leidenschaft zum höchsten Grad geistigen Einflusses und wirklicher Beredsamkeit. Es scheint sich in einer leuchtenden Sphäre zu bewegen. So lag jetzt in der Stimme und Geste des Alten die Überzeugungskraft, die den großen Schauspieler zeichnet. Sind unsere schönen Empfindungen nicht die Dichtungen des Willens?

»Nun, dann werden Sie sicher nicht böse sein, wenn Sie hören«, sagte Eugen, »daß sie ohne Zweifel mit diesem de Marsey brechen wird. Dieses nette Früchtchen hat sie verlassen, um sich an die Prinzessin Gallathionne zu hängen. Was mich betrifft, so habe ich mich heute abend in Madame Delphine verliebt.«

»Ah!« machte Vater Goriot.

»Ja. Ich habe ihr nicht mißfallen. Wir haben eine Stunde lang von der Liebe gesprochen, und ich werde sie übermorgen, Sonnabend, besuchen.«

»Oh, wie würde ich Sie lieben, mein Herr, wenn Sie meiner Tochter gefielen. Sie sind gut, Sie werden sie nicht quälen. Aber, wenn Sie sie verraten würden, würde ich Ihnen die Gurgel durchschneiden. Eine Frau kann nicht zweimal lieben, sehen Sie! Mein Gott! Ich rede dummes Zeug, Herr Eugen. Es ist hier zu kalt für Sie. Mein Gott, Sie haben sich also mit ihr unterhalten! Was hat sie Ihnen für mich aufgetragen?«

Nichts, dachte Eugen bei sich.

»Sie läßt Ihnen durch mich einen schönen Kuß senden«, sagte er dann laut.

»Adieu, lieber Nachbar, schlafen Sie wohl und träumen Sie gut. Für mich genügt schon dieses Wort. Möge Gott Sie in allen Ihren Vorhaben schützen! Sie waren für mich heute abend wie ein guter Engel. Sie haben mir die Atmosphäre meiner Tochter gebracht.«

Der arme Mann, dachte Eugen, als er sich zu Bett legte. Ein Herz von Stein müßte er rühren. Seine Tochter hat an ihn nicht mehr gedacht als an den Großmogul.

Seit dieser Unterhaltung erblickte Vater Goriot in seinem Nachbarn einen unerwarteten Vertrauten, einen Freund. Zwischen ihnen beiden bestand die einzige Bindung, die Vater Goriot an einen anderen Menschen fesseln konnte. Leidenschaften verrechnen sich niemals. Vater Goriot sah sich seiner Tochter Delphine ein wenig näher gerückt. Er sah sich besser bei ihr aufgenommen, wenn sie Eugen liebgewinnen würde. Er hatte ihm den größten Schmerz seiner Tochter anvertraut. Madame de Nücingen, die er tausendmal am Tage glücklich wünschte, hatte die Freuden der Liebe nicht kennengelernt. Eugen war, um Goriots eigenen Ausdruck zu gebrauchen, einer der nettesten jungen Leute, deren Bekanntschaft er gemacht hatte, und er hoffte, jener werde seiner Tochter alle die Freuden spenden, deren sie bisher beraubt geblieben war. In dem Alten stieg daher eine immer wachsende Freundschaft zu Eugen auf. Ohne sie wäre die Entwicklung seines Dramas unbekannt geblieben.

Am folgenden Tage beim Frühstück wurden die Pensionäre nicht wenig durch die Zuneigung überrascht, mit der Vater Goriot Eugen, neben dem er Platz genommen hatte, ansah. Das gleiche Erstaunen riefen die Worte hervor, die er an ihn richtete, wenn es auch nur wenige waren, und die Wandlung seiner Gesichtszüge, die gewöhnlich den Eindruck einer Maske machten. Vautrin, der den Studenten zum ersten Male seit seiner Unterredung mit ihm wiedersah, schien in seiner Seele lesen zu wollen. Bei dem Gedanken an die Pläne dieses Mannes mußte Eugen, der vor dem Einschlafen das weite Feld, das sich vor ihm auftat, durchmessen hatte, unfreiwillig an die Mitgift der Mademoiselle Taillefer denken. Er konnte sich nicht enthalten, Victorine anzuschauen, wie der tugendhafteste junge Mann eine reiche Erbin anblickt. Zufällig begegneten sich ihre Blicke. Das arme Mädchen fand Eugen in seinem neuen Anzug entzückend. Der Blickwechsel war deutlich genug, um Rastignac nicht mehr daran zweifeln zu lassen, das Ziel jener verworrenen Wünsche zu sein, die in allen jungen Mädchen beim Anblick des ersten verführerischen männlichen Wesens auftauchen. Eine Stimme rief ihm zu: »800 000 Francs!«

Aber sofort dachte er wieder an die Erlebnisse des gestrigen Abends zurück, und er fand, daß die ihm vorgeschriebene Leidenschaft für Madame de Nücingen das beste Gegengift gegen diese unfreiwilligen bösen Gedanken sei.

»Gestern gab es in der Komischen Oper Rossinis ›Barbier von Sevilla‹. Ich habe noch nie eine so herrliche Musik gehört«, sagte er. »Mein Gott, wie glücklich muß man sein, wenn man eine Loge in der Oper hat!«

Vater Goriot folgte diesen Worten aufmerksam, wie ein Hund auf die Bewegungen seines Herrn achtet.

»Ihr Männer seid doch immer Hahn im Korbe«, sagte Madame Vauquer. »Ihr könnt machen, was ihr wollt.«

»Wie sind Sie denn nach Hause gekommen?« fragte Vautrin.

»Zu Fuß«, erwiderte Eugen.

»Ich für meinen Teil«, entgegnete der Versucher, »liebe die halben Vergnügungen nicht. Ich müßte in meinem Wagen zu meiner Loge fahren und bequem zurückkommen. Alles oder nichts! Das ist meine Devise.«

»Und die ist gut!« meinte Madame Vauquer.

»Vielleicht gehen Sie zu Madame de Nücingen?« sagte Eugen leise zu Goriot. »Sie wird Sie sicher mit offenen Armen empfangen und nach tausend Einzelheiten über mich fragen. Ich habe erfahren, daß sie alles daransetzen würde, bei meiner Cousine, der Gräfin de Beauséant, empfangen zu werden. Vergessen Sie nicht, ihr zu sagen, daß ich sie zu sehr liebe, um ihr nicht bei der Verwirklichung ihres Wunsches behilflich zu sein.«

Rastignac begab sich eilig zur Universität, er wollte sowenig wie möglich in der ihm so verhaßten Pension weilen. Dann ging er fast den ganzen Tag spazieren, mit jenem Fieber im Kopf, das alle jungen Leute, die sich mit großen Hoffnungen tragen, kennen. Die Betrachtungen Vautrins ließen ihn gerade über die sozialen Zustände nachdenken, als er im Jardin du Luxembourg seinen Freund Bianchon traf.

»Warum diese ernste Miene?« fragte ihn der junge Mediziner, indem er seinen Arm nahm, um vor dem Palais auf und ab zu spazieren.

»Ach, mich quälen böse Gedanken.«

»Was für welche? Gedanken sind heilbar!«

»Wie denn?«

»Indem man ihnen nachgibt!«

»Du lachst, ohne zu wissen, worum es sich handelt. Hast du Rousseau gelesen?«

»Ja.«

»Entsinnst du dich der Stelle, wo er den Leser fragt, was er machen würde, wenn er dadurch reich werden könnte, daß er durch seinen bloßen Willen, ohne sich aus Paris zu rühren, in China einen alten Mandarin tötete?«

»Ja.«

»Nun, was sagst du dazu?«

»Bah, ich bin schon bei meinem 33. Mandarin.«

»Scherze nicht! Also, wenn das möglich wäre und wenn ein Kopfnicken genügte, würdest du es tun?«

»Ist er sehr alt, der Mandarin? Aber, bah, ob alt, ob jung, paralytisch oder gesund, meiner Treu . . . Verflucht! Nun denn: Nein!«

»Du bist ein braver Bursche, Bianchon. Aber wenn du eine Frau so liebtest, daß du deine Seele für sie hingeben könntest, und wenn du Geld brauchtest, viel Geld, für ihre Toilette, für ihren Wagen, für alle ihre Launen?«

»Aber du nimmst mir die Vernunft und willst, daß ich vernünftige Schlüsse ziehe!«

»Nun gut, Bianchon, ich bin verrückt, heile mich! Ich habe zwei Schwestern, Engel an Schönheit und Reinheit, ich will, daß sie glücklich werden. Woher binnen fünf Jahren zweihunderttausend Francs für ihre Mitgift nehmen? Es gibt, weißt du, Lebenslagen, wo man nur großes Spiel spielen kann und wo man sein Glück nicht mißbrauchen darf, wenn man einige Sous verdienen will.«

»Du stellst die Fragen, die sich für jeden Menschen beim Eintritt ins Leben ergeben, und du willst den gordischen Knoten durchhauen. Um das zu tun, mein Lieber, muß man Alexander sein, sonst – fliegt man ins Zuchthaus. Ich für meinen Teil bin zufrieden mit der kleinen Existenz, die ich mir in der Provinz schaffen werde, wo ich ganz einfach die Nachfolge meines Vaters antrete. Die menschlichen Wünsche sind im engsten Kreise genauso zu befriedigen wie im größten. Auch Napoleon konnte nicht zweimal hintereinander Mittag essen und nicht mehr Geliebte haben als ein kleiner Student der Medizin, der in der Klinik wohnt. Unser Glück, mein Lieber, ist immer nur zwischen den Fußsohlen und dem Kleinhirn zu finden. Ob es eine Million oder 100 Louis im Jahre kostet – das, was wir in unserem Innern erhalten, ist stets dasselbe. Ich bin dafür, daß der Chinese am Leben bleibt!«

»Danke, du hast mir wohlgetan, Bianchon, wir werden immer Freunde bleiben.«

»Noch eins«, sagte der junge Mediziner, »als ich heute aus Cuviers Kolleg kam und in den Jardin des Plantes ging, habe ich die Michonneau und Poiret auf einer Bank mit einem Mann plaudern sehen, den ich bei den Unruhen des vergangenen Jahres in der Nähe der Deputiertenkammer bemerkt habe. Er scheint mir ein Polizeispitzel zu sein, der sich als biederen Rentner ausgibt. Beobachten wir das Paar weiter: Ich werde dir später sagen, weshalb. Adieu, ich muß zu meiner Vorlesung, um vier Uhr.«

Als Eugen zur Pension zurückkehrte, wartete Vater Goriot schon auf ihn. »Hier«, sagte der Alte, »ist ein Brief von ihr. Eine schöne Handschrift, was?«

Eugen öffnete den Brief und las:

»Mein Herr!

Mein Vater hat mir erzählt, wie sehr Sie die italienische Musik lieben. Ich wäre glücklich, wenn Sie mir das Vergnügen bereiten könnten, einen Platz in meiner Loge anzunehmen. Sonnabend haben wir die Fodor und Pellegrini. Ich bin daher sicher, daß Sie nicht ablehnen werden. Herr von Nücingen schließt sich mir an, um Sie zu bitten, mit uns, ganz ohne Umstände, zu speisen. Wenn Sie annehmen, wird er sich sehr freuen, da Sie ihn von der ehelichen Pflicht der Begleitung befreien. Antworten Sie nicht, kommen Sie, und seien Sie gegrüßt

von Ihrer

D. de N.«

»Zeigen Sie mir den Brief«, sagte der Alte zu Eugen, als dieser gelesen hatte. »Sie gehen doch hin, nicht wahr?« fuhr er fort und schnüffelte an dem Papier. »Wie gut das riecht! Aber ihre Finger sind auch darüber gegangen.«

Eine Frau wirft sich nicht so jemandem an den Hals, sagte sich der Student. Sie will sich meiner bedienen, um de Marsey wieder zu erobern. Nur der Liebeskummer kann zu einer solchen Handlungsweise führen.

»Woran denken Sie denn?« fragte Vater Goriot.

Eugen wußte nichts von dem Delirium der Eitelkeit, das zu dieser Zeit so viele Frauen erfaßt hatte. Er wußte nicht, daß die Frau eines Bankiers zu allen Opfern bereit war, wenn sie sich dadurch den Zutritt zum Faubourg St-Germain verschaffen konnte. Damals kam die Mode auf, jede Frau über alles zu stellen, die zur Gesellschaft des Faubourg St-Germain zugelassen war: Man nannte sie die Damen des Petit Château. Unter ihnen nahmen Madame de Beauséant, ihre Freundin, die Herzogin von Langeais, und die Herzogin von Maufrigneuse den ersten Rang ein. Nur Rastignac wußte nicht, mit welcher Tollheit die Frauen der Chaussée d'Antin danach strebten, in den höheren Kreis einzudringen, wo die vornehmsten Sterne ihres Geschlechts glänzten. Aber sein Mißtrauen war ihm förderlich, es verlieh ihm die notwendige Kälte und die traurige Macht, seine Bedingungen zu stellen, statt sie sich diktieren zu lassen.

»Ja, ich werde hingehen«, erwiderte er.

So führte ihn die Neugierde zu Madame de Nücingen, während ihn, wenn diese Frau ihn verschmäht hätte, vermutlich die Leidenschaft zu ihr getrieben haben würde. Trotzdem erwartete er den folgenden Tag und die Stunde des Besuches nicht ohne eine gewisse Ungeduld. Für einen jungen Mann hat die erste Intrige vielleicht ebensoviel Reiz wie die erste Liebe. Die Gewißheit, Erfolg zu haben, schafft tausend Glückszustände, die sich die Männer nicht eingestehen und die den ganzen Reiz gewisser Frauen ausmachen. Die Begierde entsteht ebensosehr aus der Schwierigkeit wie aus der Leichtigkeit des Sieges. Alle Leidenschaften der Männer werden sicherlich durch die eine oder die andere dieser beiden Ursachen geschaffen und genährt, die das Liebesreich in zwei Lager teilen. Vielleicht ist diese Teilung eine Folge der schwerwiegenden Frage der Temperamente, die, man mag sagen, was man will, die Gesellschaft beherrscht. Wenn die Melancholiker das Reizmittel der Koketterie brauchen, so räumen vielleicht die Nervösen oder Sanguiniker das Feld, wenn der Widerstand zu lange dauert. Mit anderen Worten: Genauso, wie die Elegie vom Säftesystem abhängt, hängt der Dithyrambus mit der Galle zusammen.

Eugen genoß, während er seine Toilette machte, all die kleinen Glückszustände, von denen junge Leute nicht zu sprechen wagen, weil man sich über sie lustig machen könnte, die aber doch ihre Eigenliebe kitzeln. Während er seine Haare ordnete, dachte er, daß vielleicht der Blick einer hübschen Frau auf seinen schwarzen Locken ruhen werde. Er erlaubte sich ebenso viele kindliche Albernheiten wie ein junges Mädchen, das sich zum Ball ankleidet. Selbstgefällig betrachtete er seine schlanke Taille, indem er seinen Rock glatt strich.

»Sicher«, sagte er sich, »findet man genug Männer, die schlechter gewachsen sind als ich.«

Dann begab er sich ins Speisezimmer, in dem schon alle Tischgenossen versammelt waren. Er nahm vergnügt das »Hurra« der lächerlichen Bemerkungen entgegen, das seine elegante Kleidung hervorrief. Es gehört zu den Besonderheiten einer Familienpension, daß eine gepflegte Toilette Erstaunen hervorruft. Niemand kann in einem neuen Anzug erscheinen, ohne daß jeder sein Wort dazu sagt.

»Kss, kss, kss, kss!« machte Bianchon, indem er mit der Zunge schnalzte, als ob er ein Pferd antreiben wolle.

»Wie ein Herzog und Pair!« sagte Madame Vauquer.

»Der Herr geht auf Eroberungen aus?« bemerkte Fräulein Michonneau.

»Kikerikiki!« schrie der Maler.

»Meine besten Empfehlungen an die Frau Gemahlin«, sagte der Museumsbeamte.

»So, der Herr hat eine Gemahlin?« fragte Poiret.

»Eine Gemahlin mit Fächern, schwimmt auf dem Wasser, garantiert echte Farbe, zum Preise von 25 bis 40 Francs, Muster nach letztem Geschmack, waschbar, haltbar, halb Garn, halb Wolle, halb Baumwolle, ist gut gegen Zahnschmerzen und andere Krankheiten, die von der königlichen Akademie für Medizin anerkannt sind! Ausgezeichnet auch für Kinder, noch besser gegen Kopfschmerzen, Verstopfung und andere Leiden der Speiseröhre, der Augen und Ohren!« rief Vautrin in dem komischen Jargon und mit der Zungenfertigkeit eines Jahrmarktsausrufers. »Aber was kostet das Wunder, werden Sie fragen, meine Herren, zwei Sous? Nein. Gar nichts kostet es. Es ist aus den Lieferungen an den Großmogul übriggeblieben, die alle Souveräne Europas, darunter auch der Grrrroßherzog von Baden, sehen wollten. Eintritt gleich vorn geradeaus. Man dränge sich zur Kasse! Musik! Brumm, la, la, trium! La, la, bumm, bumm! Der Herr mit der Klarinette, du spielst falsch«, rief er heiser, »du kriegst was auf die Finger!«

»Mein Gott! Was für ein prächtiger Mensch«, sagte Madame Vauquer zu Madame Couture, »man langweilt sich doch nie, wenn er da ist.«

Inmitten des Lachens und der Scherze, zu denen diese komische Ansprache Anlaß gab, konnte Eugen einen verstohlenen Blick Victorines auffangen, die sich zu Madame Couture neigte, um ihr etwas ins Ohr zu sagen.

»Da kommt der Wagen!« meldete Sylvia.

»Wo diniert er denn?« fragte Bianchon.

»Bei der Baronin von Nücingen.«

»Der Tochter des Herrn Goriot«, erwiderte der Student. Bei diesen Worten wandten sich alle Augen zu dem früheren Nudelfabrikanten, der Eugen fast neidisch anblickte.

Als Rastignac in der Rue St-Lazare ankam, fand er eines jener ziemlich stillosen Häuser vor, mit einem Vorbau auf dünnen Säulen, die einen dürftigen Wandelgang bildeten, also das, was man in Paris »hübsch« nennt, das wahre Haus eines Bankiers, voll von überladenen Kostbarkeiten, mit Stuck und Treppengeländern aus Marmormosaik. Er traf Madame de Nücingen in einem kleinen Salon mit italienischen Bildern, der aussah wie ein Kaffeehaus. Die Baronin war traurig. Die Bemühungen, die sie machte, um ihren Kummer zu verbergen, interessierten Eugen um so mehr, als nichts geheuchelt war. Er hatte geglaubt, eine Frau durch seine bloße Gegenwart heiter stimmen zu können, und war daher verzweifelt. Dieser Mißerfolg tat seiner Eigenliebe weh.

»Ich habe wenig Anrecht auf Ihr Vertrauen, gnädige Frau«, sagte er, nachdem er sie ein wenig mit ihrer Zerstreutheit geneckt hatte, »aber wenn ich Ihnen lästig falle, so müssen Sie es mir offen sagen. Ich rechne auf Ihre Aufrichtigkeit.«

»Bleiben Sie«, erwiderte sie, »ich bin sonst allein. Nücingen diniert in der Stadt, und ich möchte nicht allein bleiben. Ich brauche Ablenkung.«

»Aber was haben Sie?«

»Sie wären der letzte, dem ich es sagen würde«, rief sie.

»Ich will es wissen. Ich müßte sonst annehmen, daß ich selbst mit diesem Geheimnis etwas zu tun habe.«

»Vielleicht. Aber nicht doch«, erwiderte sie, »es ist häuslicher Kummer, der im Grunde des Herzens begraben werden muß; Sagte ich es Ihnen nicht vorgestern: Ich bin nicht glücklich. Die goldenen Ketten drücken am schwersten.«

Wenn eine Frau einem jungen Manne sagt, daß sie unglücklich sei, und wenn dieser junge Mann geistreich und gut angezogen ist, wenn er für 1500 Francs Müßiggang in der Tasche hat, so wird er denselben Unsinn denken, den Eugen dachte:

»Was können Sie sich wünschen«, erwiderte er, »Sie sind schön, jung, reich, geliebt!«

»Sprechen wir nicht von mir«, entgegnete sie mit einer traurigen Kopfbewegung. »Wir werden allein essen und dann die entzückendste Musik hören. Gefalle ich Ihnen so?« sagte sie, indem sie sich erhob, um ihr elegantes Kleid aus weißem Kaschmir mit persischen Stickereien zu zeigen.

»Ich wollte, Sie gehörten mir ganz«, erwiderte Eugen. »Sie sind entzückend!«

»Das wäre ein trauriger Besitz«, entgegnete sie mit bitterem Lachen. »Nichts deutet bei mir auf Unglück, und doch, trotz des äußeren Anscheins, ich bin verzweifelt. Der Kummer raubt mir den Schlaf, ich werde häßlich!«

»Oh, das ist unmöglich«, sagte der Student. »Aber ich möchte gern die Leiden kennenlernen, die aufopfernde Liebe nicht heilen kann.«

»Ach, wenn ich sie Ihnen anvertraute, Sie würden mich fliehen, Sie lieben mich bisher nur aus Galanterie, wie das so männlicher Brauch ist. Wenn Sie mich wirklich liebten, wären Sie der schrecklichsten Verzweiflung ausgesetzt. Sie sehen, ich muß schweigen. Ich bitte Sie«, fuhr sie fort, »sprechen wir von etwas anderem. Kommen Sie, ich zeige Ihnen meine Räume!«

»Nein, bleiben wir hier«, erwiderte Eugen, der sich in eine Causeuse am Kamin neben Madame de Nücingen setzte und kühn ihre Hand ergriff.

Sie ließ sie ihm und drückte mit einer Leidenschaft, die von starker, innerer Erregung sprach, die Hand des Studenten.

»Hören Sie«, sagte Rastignac, »wenn Sie Kummer haben, müßten Sie ihn mir anvertrauen. Ich will Ihnen beweisen, daß ich Sie um Ihrer selbst willen liebe. Entweder Sie werden sprechen und mir Ihre Sorgen schildern, damit ich sie zerstreuen kann, und wenn ich sechs Menschen töten müßte, oder ich gehe fort, um nicht mehr zurückzukehren.«

»Gut«, rief sie, sich an die Stirne schlagend und einer verzweifelten Eingebung folgend, »ich werde Sie sofort auf die Probe stellen.«

Ja, sagte sie zu sich, es bleibt nur noch dieser Ausweg.

Sie klingelte.

»Ist der Wagen des gnädigen Herrn bereit?« fragte sie ihren Kammerdiener.

»Ja, gnädige Frau!«

»Ich nehme ihn. Sie können ihm den meinigen und meine Pferde geben. Servieren Sie das Diner erst um 7 Uhr.«

»Also kommen Sie«, sagte sie zu Eugen, der zu träumen glaubte, als er sich im Coupé des Herrn von Nücingen neben dieser Frau wiederfand.

»Zum Palais Royal!« sagte sie zum Kutscher, »neben dem Théâtre Français.«

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