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Vater Goriot

Honoré de Balzac: Vater Goriot - Kapitel 4
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleVater Goriot
publisherPaul List Verlag Leipzig
translatorFranz Hessel
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Als Goriot um vier Uhr nachmittags zurückkehrte, erblickte er beim Schein zweier qualmender Lampen Victorine, deren Augen rotgeweint waren. Madame Vauquer nahm den Bericht über den fruchtlosen Besuch bei Monsieur Taillefer entgegen. Taillefer hatte sie schließlich, um ein Ende zu machen, zu einer Erklärung zu sich kommen lassen.

»Ach, meine Liebe«, sagte Madame Couture zu Madame Vauquer, »stellen Sie sich vor, er hat Victorine nicht einmal einen Stuhl angeboten, und so hat sie denn die ganze Zeit über gestanden. Zu mir hat er ganz kalt gesagt, wir sollten uns die Mühe sparen, noch einmal zu ihm zu kommen. Das Fräulein – denn Tochter könne er nicht sagen – schade sich selbst, wenn sie ihn dauernd belästige (einmal im Jahre! Das Ungeheuer!). Victorines Mutter habe bei der Heirat kein Geld gehabt, und das Mädchen könne daher nichts beanspruchen. Schließlich hat er noch härtere Dinge gesagt und dem armen Kind Tränen in die Augen getrieben. Sie hat sich ihrem Vater zu Füßen geworfen und mit all ihrem Mut erklärt, daß sie nur für ihre Mutter bitte, daß sie seinen Wünschen, ohne zu murren, gehorchen werde, daß sie ihn nur bitte, das Testament der armen Toten zu lesen. Sie hat dann den Brief genommen und überreicht, wobei sie die schönsten und herrlichsten Dinge der Welt sagte, ich weiß gar nicht, wo sie das alles hergenommen hat. Gott hat es ihr sicher diktiert, denn das arme Kind redete so schön, daß ich selbst wie ein Schloßhund heulte. Wissen Sie, was dieser Abscheu von einem Menschen gemacht hat? Er schnitt sich die Nägel! Den Brief der armen Madame Taillefer, der noch die Spuren ihrer Tränen trug, warf er auf den Kamin, indem er sagte: ›Es ist gut!‹ Er wollte seine Tochter zum Aufstehen bewegen, sie nahm seine Hände, um sie zu küssen, aber er zog sie zurück. Ist das nicht ein Verbrechen? Sein großer Schlaks von Sohn kam ins Zimmer, ohne seine Schwester auch nur zu grüßen.«

»Das sind ja die reinsten Ungeheuer«, sagte Vater Goriot.

»Und dann«, fuhr Madame Couture fort, ohne auf den Ausruf des Alten zu achten, »gingen Vater und Sohn fort, indem sie sich verabschiedeten und mich baten, sie zu entschuldigen. Sie hätten dringende Geschäfte. Das ist unser Besuch! Wenigstens hat er seine Tochter gesehen. Ich verstehe nicht, wie er sie verstoßen kann; sie gleicht ihm wie ein Tropfen Wasser dem anderen!«

Pensionäre und Tischgäste kamen jetzt einer nach dem anderen an, sich gegenseitig begrüßend. Sie sagten sich die Nichtigkeiten, die bei gewissen Klassen der Pariser Bevölkerung für Humor gelten, ein Humor, der zum wesentlichen aus Dummheiten besteht und bei dem der ganze Witz in Gesten oder auf der Aussprache beruht. Diese Art des Jargons ändert sich dauernd, und die Witzelei, die dabei die Grundlage ausmacht, dauert niemals länger als einen Monat.

Ein politisches Ereignis, eine Schwurgerichtsverhandlung, ein Gassenhauer, die Späße eines Schauspielers, alles dient dazu, um dieses Unterhaltungsspiel zu nähren, bei dem man sich die Ideen und die Worte wie Federbälle zuwirft. Die damals neue Erfindung des Dioramas, das eine stärkere optische Illusion als das Panorama hervorrief, hatte in einigen Malerateliers die Mode aufkommen lassen, nur noch in »Rama« zu sprechen. Ein junger Maler, der in der Pension verkehrte, hatte diese Mode hierher verpflanzt.

»Nun, Monsieur Poiret«, sagte der Museumsbeamte, »was macht das werte kleine Befindorama?«

Dann, ohne die Antwort abzuwarten, zu Madame Couture und Victorine gewandt: »Meine Damen, Sie haben Kummer?«

»Gibt es was zu essen?« rief Horace Bianchon, ein Student der Medizin und Freund Rastignacs. »Mein armer Magen hängt mir bis auf die Pedes

»Ein verfluchtes Kältorama«, rief Vautrin. »Machen Sie ein bißchen Platz, Vater Goriot! Teufel auch, Sie nehmen mit Ihren Beinen den ganzen Ofen für sich in Anspruch.«

»Verehrter Herr Vautrin«, sagte Bianchon, »warum sagen Sie Kältorama, das ist falsch, es muß doch heißen Kaltorama!«

»Nein«, sagte der Museumsbeamte, »es heißt Kältorama, denn man sagt doch auch, ich habe mich erkältet!«

»Ah, ah!«

»Hier kommt seine Exzellenz Marquis de Rastignac, Magister der Rechtsverdrehung!« rief Bianchon, der Eugen um den Hals fiel und ihn zum Ersticken drückte.

Mademoiselle Michonneau trat leise ein, grüßte wortlos die Tischgenossen und nahm bei den drei Frauen Platz.

»Wenn ich die alte Fledermaus sehe, bekomme ich immer eine Gänsehaut«, sagte Bianchon leise zu Vautrin, indem er auf Mademoiselle Michonneau wies.

»Ich studiere jetzt das System Galls und finde, daß sie Judashöcker hat.«

»Sie kennen sie wohl näher?« fragte Vautrin.

»Wer ist der nicht schon begegnet?« erwiderte Bianchon. »Auf mein Ehrenwort, diese bleiche alte Jungfer erinnert an einen länglichen Holzwurm, einen von der Sorte, die schließlich einen Balken zernagen.«

»Das stimmt, junger Mann«, sagte Vautrin und streichelte seinen Backenbart.

»Die Rose lebt wie alle Rosen
Nur einen Morgen . . .«

»Aha, da kommt ein herrliches Supporama«, sagte Poiret, als Christoph feierlich mit der Suppenschüssel erschien.

»Verzeihen Sie«, sagte Madame Vauquer, »das ist eine Soupe aux choux, kein Supporama!«

Die jungen Leute platzten vor Lachen los: »Hereingefallen, Poiret; Poirrrrette ist hereingefallen!«

»Madame Vauquer einen rauf!« rief Vautrin.

»Hat jemand auf den Nebel heute morgen geachtet?« fragte der Museumsbeamte.

Bianchon erwiderte: »Das war ein beispielloser, frenetischer Nebel, ein melancholischer, grüner, dampfender Nebel, ein Nebel à la Goriot.«

»Ein Goriorama«, sagte der Maler, »denn man konnte nichts mehr sehen.«

»He, Mylord Goriotte, hören Sie doch ein wenig zu, please!«

Vater Goriot, der am Ende der Tafel saß, in der Nähe der Tür, durch die aufgetragen wurde, hob eben den Kopf. Er schnupperte an dem Stück Brot, das unter seiner Serviette lag, nach einer alten Berufsgewohnheit, die ab und zu zum Durchbruch kam.

Madame Vauquer rief ärgerlich, mit einer Stimme, die das Geräusch der Unterhaltung und des Löffelklapperns übertönte: »Na, finden Sie mein Brot etwa nicht gut?«

»Im Gegenteil, Madame, es ist aus einem Mehl von erster Qualität, aus dem Mehl von Étampes gebacken.«

»Woran erkennen Sie das?« fragte Eugen.

»An der weißen Farbe und am Geschmack!«

»Sagen Sie lieber an Ihrer eigenen Nase, da Sie daran schnüffeln«, sagte Madame Vauquer. »Sie werden so sparsam, daß Sie schließlich noch ein Mittel erfinden, sich vom Küchendunst zu ernähren.«

»Darauf müssen Sie ein Patent nehmen!« rief der Museumsbeamte, »damit kann man viel Geld verdienen.«

»Laßt ihn doch, er tut das nur, um uns zu überzeugen, daß er wirklich Nudelfabrikant gewesen ist«, sagte der Maler.

»Ihre Nase scheint sich auf chemische Dinge sehr gut zu verstehen und eine Art Retorte zu sein«, meinte der Museumsbeamte. Diese Bemerkung rief eine Unmenge von Witzeleien über die Nase des Vaters Goriot hervor, die sich die Tischgenossen von einem Ende der Tafel zum anderen zuwarfen. Vater Goriot sah verständnislos drein, wie ein Mann, der eine ihm unbekannte Sprache zu verstehen sucht. Schließlich wandte er sich an Vautrin, der neben ihm saß, und bat ihn um Aufklärung über eines der Witzworte, die gefallen waren. Statt aller Antwort gab Vautrin Vater Goriot einen Schlag auf den Kopf, der ihm seine Mütze bis auf die Augen herunterdrückte. Der arme Greis, den dieser plötzliche Überfall überraschte, blieb einen Augenblick unbeweglich. Christoph nahm den Teller des Alten fort, weil er glaubte, daß er mit seiner Suppe fertig sei. Als Vater Goriot, nachdem er seine Mütze zurückgeschoben hatte, zum Löffel griff, um weiterzuessen, traf er damit den leeren Tisch. Die Tischgesellschaft brach in ein unbändiges Lachen aus.

»Sie sind ein übler Spaßvogel«, sagte Goriot zu Vautrin, »und wenn Sie sich noch einmal derartige Dinge erlauben . . .«

»Nun, was dann, Papa?« fragte Vautrin, ihn unterbrechend.

»Sie werden mir das eines Tages sehr teuer bezahlen.«

»In der Hölle, nicht wahr?« rief der Maler, »in diesem schwarzen Loch, wohin die bösen Kinder kommen.«

»Aber Mademoiselle«, sagte Vautrin zu Victorine, »Sie essen ja nicht. Der Papa hat sich also wieder einmal widerspenstig gezeigt.«

»Ein Scheusal«, rief Madame Couture.

»Man muß ihn zur Vernunft bringen«, erwiderte Vautrin.

Rastignac flüsterte Bianchon, der neben ihm saß, zu: »Das Fräulein kann eigentlich eine Alimentationsklage anstrengen, da sie durch ihren Vater vom Essen abgehalten wird. Oh, sehen Sie nur, wie Vater Goriot Mademoiselle Victorine anstiert.«

Der Greis aß in der Tat nicht weiter und sah unverwandt das arme junge Mädchen an, in dessen Zügen ein echter Schmerz zum Ausdruck kam, der Schmerz des verstoßenen Kindes, das seinen Vater liebt. –

»Mein Lieber«, sagte Rastignac leise zu Bianchon, »wir haben uns in Vater Goriot getäuscht, er ist weder ein Dummkopf noch ein Mensch ohne Gefühl. Untersuche ihn einmal nach dem System Gall und sag mir, was du über ihn denkst. Ich sah ihn heute nacht, wie er eine Silberplatte zusammenpreßte, als wäre sie Wachs, und sein Gesichtsausdruck verriet dabei ganz außerordentliche Empfindungen. Sein Leben scheint mir zu rätselhaft zu sein, als daß man es nicht studieren müßte. O ja, Bianchon, du hast gut lachen, ich scherze nicht.«

»Der Mann ist wirklich ein medizinisches Problem«, sagte Bianchon zustimmend. »Wenn er einverstanden ist, will ich ihn sezieren.«

»Es wird genügen, wenn du seine Schädelbildung untersuchst.«

»Schon gut, aber seine Dummheit könnte ansteckend wirken.«

Am folgenden Tage zog sich Rastignac sehr elegant an, um Madame de Restaud nachmittags um 3 Uhr seinen Besuch zu machen. Auf dem Weg gab er sich ganz den übertriebenen, tollen Hoffnungen hin, wie sie das Leben junger Menschen so glücklich machen. Sie rechnen dann nicht mehr mit Hindernissen und Gefahren, sehen in allem nur noch den Erfolg und idealisieren ihre Existenz durch das bloße Spiel ihrer Einbildungskraft. Aber ebenso können sie unglücklich und traurig durch das Mißlingen ihrer Projekte werden, die nur durch ihre zügellosen Wünsche geschaffen wurden. Gäbe es ihre Unwissenheit und Furchtsamkeit jedoch nicht, wäre die gesellschaftliche Welt unmöglich.

Eugen legte seinen Weg unter tausend Vorsichtsmaßregeln zurück, um sich nicht schmutzig zu machen. Er dachte an die Dinge, die er Madame de Restaud sagen wollte, er versorgte sich mit geistreichen Bemerkungen, erfand Erwiderungen einer Konversation, die nur in der Einbildung existierte, bereitete Phrasen à la Talleyrand vor und dachte sich günstige Gelegenheiten aus, die die Erklärung ermöglichen sollten, auf der er seine Zukunft aufbaute. Bei diesen Gedanken übersah er, daß er doch einige Spritzer abbekam, und er mußte schließlich am Palais Royal seine Stiefel und Hosen reinigen lassen. »Wenn ich reich wäre«, dachte er, als er das Fünffrancstück wechselte, das er für den Notfall eingesteckt hatte, »so hätte ich einen Wagen nehmen können, um nach Herzenslust nachzudenken.«

Endlich war er in der Rue du Helder und fragte nach Gräfin de Restaud. Mit der Kaltblütigkeit des Mannes, der gewiß ist, eines Tages zu triumphieren, ließ er den verächtlichen Blick der Diener an sich abgleiten, die gesehen hatten, wie er den Hof zu Fuß durchquerte, ohne das Geräusch eines Wagens vor dem Tore zu vernehmen. Die Gesichter der Diener waren deshalb so peinlich, weil seine Unterlegenheit durch ein luxuriöses Kabriolett unterstrichen wurde, vor dem ein glänzend gezäumtes Pferd wieherte. Eines jener Fahrzeuge, die von einem verschwenderischen Leben zeugen und die Gewöhnung an alle Pariser Glückseligkeiten voraussetzen. So geriet er in schlechte Laune. Plötzlich schlossen sich die geöffneten Schubfächer seines Gehirns, in denen er eben noch soviel Geist angetroffen hatte. Während ein Kammerdiener der Gräfin den Besuch ankündigte, trat Eugen an das Fenster des Vorzimmers und sah mechanisch auf den Hof hinaus. Er fand die Zeit sehr lang, und er wäre schon wieder fortgegangen, wenn er nicht jene südliche Zähigkeit in sich gehabt hätte, die Wunder tun kann, wenn sie den geraden Weg verfolgt.

Endlich kam der Kammerdiener zurück: »Madame ist in ihrem Boudoir, sie ist sehr beschäftigt, und ich habe keine Antwort erhalten. Aber wenn Sie, bitte, in den Salon gehen wollen, es ist bereits ein Besucher da.«

In stiller Verwunderung über die furchtbare Macht dieser Menschen, die mit einem bloßen Wort ihre Herren anklagen und verurteilen, öffnete Rastignac die Tür, durch die der Kammerdiener verschwunden war . . . Damit wollte er dem unverschämten Diener klarmachen, daß er im Hause bereits bekannt war. Aber er geriet in ein Zimmer, in dem nur Lampen, Anrichtetische und ein Apparat zum Wärmen der Badetücher standen und das auf einen dunklen Korridor und eine Hintertreppe führte. Das verstohlene Lachen im Vorzimmer brachte seine Verwirrung auf den Gipfelpunkt.

»Mein Herr, der Salon ist auf der anderen Seite«, sagte der Kammerdiener mit jenem erheuchelten Respekt, der schlimmer ist als offener Hohn.

Eugen machte so hastig kehrt, daß er gegen eine Badewanne stieß. Er konnte gerade noch rechtzeitig seinen Hut auffangen, bevor er ins Wasser fiel. In diesem Moment öffnete sich am anderen Ende des nur durch eine kleine Lampe erhellten Korridors eine Tür. Rastignac hörte gleichzeitig die Stimme der Madame de Restaud, die des Vaters Goriot und das Geräusch eines Kusses. Er durchschritt das Speisezimmer, folgte dem Kammerdiener und betrat einen Salon. Er begab sich an das Fenster, das auf den Hof ging. Er wollte wissen, ob es wirklich Vater Goriot gewesen war. Das Herz schlug ihm seltsam, er dachte an die furchtbaren Bemerkungen Vautrins. Der Kammerdiener wartete an der Salontür auf Eugen. Plötzlich ließ er einen eleganten jungen Mann durch, der ungeduldig sagte:

»Ich gehe also, Maurice. Sagen Sie Frau Gräfin, daß ich mehr als eine halbe Stunde gewartet habe.« Dann summte dieser Unverschämte, der ohne Zweifel ein gewisses Recht zu seinem Benehmen hatte, eine italienische Koloratur und trat an das Fenster, vor dem Eugen wartete. Offenbar wollte er sowohl das Gesicht des Studenten betrachten, als auch den Hof überschauen.

»Herr Graf würden besser tun, noch einen Augenblick zu warten. Madame ist bereit«, sagte Maurice, der ins Vorzimmer zurückkehrte.

In diesem Augenblick durchschritt Vater Goriot den Torweg, nachdem er die Hintertreppe herabgestiegen war. Der Alte war im Begriff, seinen Regenschirm zu öffnen, ohne zu beachten, daß das Tor weit aufstand, um einen ordengeschmückten jungen Mann durchzulassen, der einen Tilbury lenkte. Vater Goriot prallte gerade noch im letzten Moment zurück, um nicht überfahren zu werden. Der Schirm hatte das Pferd scheu gemacht, das mit einem Satz beinahe an der Treppe gestürzt wäre. Der junge Mann wandte sich zornig um, bemerkte den Vater Goriot und warf ihm, bevor er den Hof verließ, einen Gruß zu, der die erzwungene Achtung ausdrückte, die man gegenüber Wucherern an den Tag legt, und über den man später errötet. Vater Goriot erwiderte mit einem freundlichen Kopfnicken. Diese Ereignisse spielten sich mit Blitzesschnelle ab. Eugen, der so aufmerksam zusah, daß er die Anwesenheit des anderen nicht merkte, hörte plötzlich die Stimme der Gräfin.

»Ah, Maxime, Sie wollten schon gehen?« sagte sie vorwurfsvoll und leicht verärgert.

Die Gräfin hatte die Ankunft des Tilburys nicht bemerkt. Rastignac wandte sich hastig um und erblickte die Gräfin, die kokett in einen Morgenrock aus weißem, mit roten Schleifen besetztem Kaschmir gehüllt war. Ihr Haar war lose aufgesteckt, wie es die Pariserinnen gewöhnlich des Morgens tragen. Ohne Zweifel hatte sie ein Bad genommen, und ihre Schönheit, die jetzt ein wenig weicher wirkte, war dadurch um so aufreizender. Ihre Augen schimmerten feucht. Der Blick junger Leute entdeckt alles. Ihre Sinne nehmen die Ausstrahlungen der Frau auf, so wie die Pflanze in der Luft ihre Nahrung findet. Eugen empfand so die Frische ihrer Hände, ohne daß er sie berührt hätte. Er sah durch den Kaschmir den rosigen Schimmer der Haut, die der leicht geöffnete Morgenrock hin und wieder ahnen ließ. Ein einfacher Gürtel genügte, um die biegsame Taille der Gräfin anzudeuten, ihr Hals kam voll zur Geltung, ihre Füße steckten in zierlichen Pantoffeln. Erst als Maxime ihre Hand ergriff, um sie zu küssen, bemerkte ihn Eugen, und auch die Gräfin wurde erst jetzt auf Eugen aufmerksam.

»Ah, Sie sind es, Herr von Rastignac – ich bin sehr erfreut, Sie zu sehen«, sagte sie in einem Ton, den kluge Menschen nicht mißverstehen.

Maxime betrachtete abwechselnd Eugen und die Gräfin mit einem Ausdruck, der den Eindringling verscheuchen sollte. »Meine Liebe, ich hoffe, daß du diesen Burschen hinauswerfen wirst.« Dies war die deutlichste Verdolmetschung der Blicke des hochmütigen jungen Mannes, den die Gräfin Maxime genannt hatte und den sie mit jener Hingebung ansah, die alle Geheimnisse einer Frau verrät, ohne daß sie selbst etwas davon ahnt. Rastignac fühlte einen starken Haß gegen den jungen Menschen in sich aufsteigen. Zunächst belehrten ihn die blonden wohlfrisierten Haare Maximes darüber, wie scheußlich seine eigene Haartracht war. Maxime hatte feine und saubere Schuhe, während die seinigen trotz aller Sorgfalt, die er beim Gehen aufgewandt hatte, leicht beschmutzt waren. Endlich trug Maxime einen Überrock, der seine Figur vorteilhaft zum Ausdruck brachte und ihm einen geradezu weiblichen Scharm verlieh, während er, Eugen, jetzt um zweieinhalb Uhr einen schwarzen Anzug trug. Der kluge Sohn des Südens erkannte die Überlegenheit, die die Kleidung diesem schlanken und eleganten Dandy verlieh, diesem jungen Mann mit dem klaren Blick und dem bleichen Teint, einem dieser Menschen, die fähig sind, ein Waisenkind ins Unglück zu stürzen. Ohne die Antwort Eugens abzuwarten, zog sich Madame Restaud leichtfüßig in den anderen Salon zurück, wobei ihr flatterndes Peignoir sie wie ein Schmetterling erscheinen ließ. Maxime folgte ihr, Eugen folgte wütend Maxime und der Gräfin. Die drei Personen standen sich so am Kamin im Salon gegenüber. Der Student wußte recht gut, daß er dem verhaßten Maxime unerwünscht war, aber er wollte ihm, selbst wenn er Madame de Restaud mißfiele, einen Streich spielen. Plötzlich erinnerte er sich, daß er diesen jungen Mann auf dem Ball der Madame de Beauséant gesehen hatte, und er ahnte, was Maxime für Madame de Restaud bedeutete. Mit dem jugendlichen Mut, der zu so vielen Torheiten und zu so großen Erfolgen führt, sagte er sich: Das ist mein Rivale; ich will über ihn triumphieren.

Der Tor! Er wußte nicht, daß der Graf Maxime de Trailles nur eine Beleidigung abwartete, um beim Duell den ersten Schuß zu haben und seinen Gegner zu töten. Eugen war ein guter Schütze auf der Jagd, aber er war im Pistolenschießen nicht geübt. Der junge Graf warf sich in einen Sessel neben dem Kamin, griff zur Feuerzange und stocherte so wütend die Holzbrände durcheinander, daß Anastasies schönes Gesicht tief bekümmert wurde. Die junge Frau wandte sich zu Eugen und warf ihm einen kaltfragenden Blick zu, der besagte: »Warum gehen Sie nicht?« und auf den ein wohlerzogener Mensch sofort mit Abschiedsphrasen antwortet. Eugen versuchte, sich angenehm zu machen und sagte: »Madame, ich habe mich beeilt, Ihnen meine Aufwartung zu machen . . .«

Er strahlte plötzlich. Eine Tür öffnete sich, und der Lenker des Tilburys erschien. Er trat ohne Hut ein, warf Eugen einen prüfenden Blick zu und reichte Maxime die Hand, indem er ihm, für Eugen sehr überraschend, brüderlich guten Tag wünschte. Die jungen Leute aus der Provinz wissen ja nicht, wie reizvoll ein Leben zu dreien ist.

»Monsieur de Restaud«, sagte die Gräfin, indem sie Eugen ihrem Gatten vorstellte. Eugen verneigte sich tief. Die Gräfin, die ihre Vorstellung beendete, sagte zu ihrem Gatten: »Herr von Rastignac ist ein Verwandter der Vicomtesse de Beauséant, durch die Marcillacs. Ich hatte das Vergnügen, ihn auf dem letzten Ball der Madame de Beauséant anzutreffen.«

Die Worte, »durch die Marcillacs mit der Vicomtesse de Beauséant verwandt«, hatte die Gräfin beinahe mit Pathos ausgesprochen, mit dem Stolz, den die Dame des Hauses empfindet, die nur Personen aus ersten Kreisen bei sich empfängt. Sie hatten eine magische Wirkung. Der Graf gab seine kalte zeremonielle Art auf und begrüßte den Studenten. –

»Ich bin erfreut, mein Herr«, sagte er, »Ihre Bekanntschaft machen zu können.«

Selbst Maxime de Trailles warf einen unruhigen Blick auf Eugen und gab seine unverschämte Haltung auf. Die Wirkung der Wünschelrute, die in diesem Falle ein bloßer Name war, öffnete dreißig Fächer im Gehirn des Mannes aus dem Süden und erinnerte ihn wieder an all die geistreichen Bemerkungen, auf die er sich vorbereitet hatte. Ein plötzliches Licht ließ ihn klar die Atmosphäre der hohen Pariser Gesellschaft durchblicken, die ihm bisher noch dunkel geblieben war. Das Haus Vauquer und der Vater Goriot lagen weit hinter ihm zurück.

»Ich dachte, die Marcillacs wären ausgestorben«, wandte sich Comte de Restaud an Eugen.

»Sie haben recht«, erwiderte dieser. »Mein Großonkel, der Chevalier de Rastignac, hat die letzte Erbin der Familie de Marcillac geheiratet. Aus der Ehe entstammte nur eine Tochter, die den Marschall de Clarimbault geheiratet hat, den Großvater mütterlicherseits der Madame de Beauséant. Wir sind der jüngere Zweig, und wir sind um so ärmer, als mein Großonkel, der Vizeadmiral, alles im Dienste des Königs verloren hat. Die Revolutionsregierung wollte unsere Forderungen bei der Liquidation der Ostindischen Handelsgesellschaft nicht anerkennen.«

»Hat Ihr Herr Großonkel nicht vor 1789 den ›Vengeur‹ kommandiert?«

»Allerdings.«

»Dann muß er meinen Großvater gekannt haben, der Kommandeur des ›Warwick‹ war.«

Maxime zuckte leicht die Schultern und sah Madame de Restaud an, als wenn er zu ihr sagen wollte: »Wenn er mit dem da über die Marine spricht, so sind wir verloren.« Anastasie verstand seinen Blick. Mit der wunderbaren Sicherheit, über die die Frauen verfügen, sagte sie lächelnd zu ihm:

»Kommen Sie, Maxime, ich habe Sie etwas zu fragen. Meine Herren, Sie können ruhig weiter auf dem ›Warwick‹ und auf dem ›Vengeur‹ umhersegeln.«

Sie erhob sich, winkte Maxime mit spöttischem Lächeln und begab sich mit ihm zum Boudoir. Kaum hatte das morganatische Paar (nach diesem schönen Ausdruck, den man französisch nicht wiedergeben kann) die Tür erreicht, als der Graf seine Unterhaltung abbrach.

»Anastasie, bleib doch, meine Liebe«, rief er ärgerlich. »Du weißt recht gut, daß . . .«

»Ich komme schon, ich komme schon«, unterbrach sie ihn, »nur einen Augenblick, ich muß Maxime einen Auftrag erteilen.«

Sie kam in der Tat bald zurück. Wie alle Frauen, die auf die Stimmung ihres Mannes Rücksicht nehmen müssen, wenn sie ihren Neigungen nachleben wollen, und die daher genau wissen, wie weit sie gehen können, ohne dieses kostbare Vertrauen zu verlieren, hatte die Gräfin am Klang der Stimme des Grafen erkannt, daß es gefährlich sei, im Boudoir zu bleiben. Dieses Pech verdankte sie Eugen. Daher wies sie mit ärgerlicher Geste auf den Studenten, um Maxime zu bedeuten, wen die Schuld träfe.

Maxime sagte darauf ziemlich bissig zum Grafen, seiner Gattin und Eugen:

»Ich sehe, Sie haben wichtige Dinge zu besprechen, ich will nicht länger stören. Adieu.«

Er ging hinaus.

»Bleiben Sie doch, Maxime!« rief der Graf.

»Kommen Sie zum Essen«, sagte die Gräfin, die Eugen und den Grafen noch einmal verließ und Maxime in den ersten Salon folgte, wo sie zusammen so lange blieben, bis sie glauben konnten, daß Herr de Restaud Eugen verabschieden würde.

Rastignac hörte, wie sie abwechselnd lachten, plauderten und dann wieder schwiegen. Aber dieser tückische Student spielte gegenüber Herrn de Restaud den Geistreichen, schmeichelte ihm und verwickelte ihn in Diskussionen, um die Gräfin noch einmal zu sehen und zu erfahren, in welchen Beziehungen sie zum Vater Goriot stehe. Diese Frau, die offenbar in Maxime verliebt war, die ihren Gatten beherrschte und die durch heimliche Fäden mit dem alten Nudelfabrikanten verbunden war, schien ihm ein wahres Rätsel zu sein. Er wollte dieses Rätsel lösen und hoffte so über diese Frau, diese echte Pariserin, herrschen zu können.

»Anastasie«, rief der Graf erneut.

»Also, mein armer Maxime«, sagte sie zu dem jungen Mann, »es hilft nichts, auf heute abend.«

»Ich hoffe, Nasie«, flüsterte er ihr ins Ohr, »daß Sie diesen jungen Mann, dessen Augen sich wie Kohlen entzündeten, als Ihr Peignoir sich öffnete, in Zukunft abweisen werden. Er könnte Ihnen Erklärungen machen, Sie kompromittieren, und so würden Sie mich zwingen, ihn zu töten.«

»Sind Sie toll?« sagte sie. »Diese kleinen Studenten sind im Gegenteil ausgezeichnete Blitzableiter. Ich werde Restaud ein wenig gegen ihn aufhetzen.«

Maxime brach in Lachen aus und verließ, gefolgt von der Gräfin, das Zimmer. Sie ging ans Fenster, um zuzusehen, wie er in den Wagen stieg, wobei er sein Pferd tänzeln ließ und lebhaft die Peitsche schwenkte. Erst als das große Portal geschlossen war, kam sie zurück.

»Hören Sie bloß«, rief ihr der Graf zu, als sie eintrat, »meine Teure, die Besitzung der Familie des Herrn liegt nicht weit von Verteuil, an der Charente. Der Großonkel des Herrn Rastignac und mein Großvater waren Bekannte.«

»Wie nett, daß wir so viele gemeinsame Bekannte haben«, sagte die Gräfin zerstreut.

»Mehr als man glaubt«, erwiderte Eugen leise.

»Wie meinen Sie das?« fragte sie lebhaft.

»Nun«, entgegnete der Student, »ich sah eben, wie ein Herr Ihr Haus verließ, mit dem ich Tür an Tür in derselben Pension zusammen wohne, der Vater Goriot.«

Bei diesem Namen, der noch durch den Zusatz »Vater« geschmückt wurde, warf der Graf, der am Kamin herumschürfte, die Zange ins Feuer, als wenn sie ihm die Hände verbrenne, und stand auf.

»Mein Herr, Sie hätten wenigstens ›Herr Goriot‹ sagen können«, rief er.

Die Gräfin erblaßte zuerst, als sie die Erregung ihres Gatten sah, aber dann errötete sie und war augenscheinlich verwirrt. Sie erwiderte mit einer Stimme, die natürlich sein sollte und der sie vergebens einen leichten Ton zu geben suchte:

»Wir kennen keinen Menschen, den wir mehr lieben.«

Sie unterbrach sich, sah auf ihr Piano, und wie in plötzlicher Laune fragte sie:

»Lieben Sie die Musik, mein Herr?«

»Sehr«, erwiderte Eugen, der rot geworden war und durch die unbestimmte Idee verwirrt wurde, daß er eine große Dummheit gemacht habe.

»Singen Sie?« rief sie, trat an das Klavier und fuhr heftig über die Tasten, vom tiefsten Baß bis zum höchsten Sopran.

»Nein, gnädige Frau.«

Der Comte de Restaud durchmaß mit großen Schritten das Zimmer.

»Das ist schade, Sie haben sich da eines vorzüglichen Mittels zum Erfolg beraubt. Ca-a-ro, ca-a-a-ro, ca-a-a-a-ro, non du-bi-ta-re«, sang die Gräfin.

Eugen hatte, als er den Namen des Vaters Goriot aussprach, wieder einmal mit der Wünschelrute an etwas gerührt, aber der Erfolg war der umgekehrte des Wortes: »Verwandter der Madame Beauséant«. Er war in der Lage eines Mannes, der bei einem Sammler eingeführt wird und der an einen Wandschrank mit Statuetten stößt, um drei oder vier schlecht angeleimte Köpfe zum Fallen zu bringen. Er hätte sich am liebsten in einen Abgrund gestürzt. Das Gesicht der Madame de Restaud war hart und kalt, und ihre Augen, die einen gleichgültigen Ausdruck angenommen hatten, mieden die des lästigen Studenten.

»Madame«, sagte er, »Sie haben sicher mit Monsieur de Restaud etwas zu besprechen, nehmen Sie meine Huldigung entgegen und erlauben Sie mir . . .«

»Sooft Sie uns aufsuchen«, sagte die Gräfin hastig, »Sie werden stets Monsieur de Restaud und mir den größten Gefallen tun.«

Eugen grüßte das Paar tief und verließ das Zimmer, gefolgt von Herrn de Restaud, der ihn trotz seiner Gegenvorstellungen bis ins Vorzimmer begleitete.

»Wenn der Herr sich wieder meldet«, sagte der Graf zu Maurice, »ist niemand zu sprechen, weder Madame noch ich.«

Als Eugen den Hof betrat, regnete es.

Nun, sagte er sich, ich habe eine Ungeschicklichkeit begangen, deren Ursachen und Tragweite ich nicht kenne, ich werde obendrein noch meinen Anzug und meinen Hut verderben. Ich sollte lieber in einem Winkel bleiben, um Jura zu ochsen, und nur daran denken, ein Beamter zu werden. Wie kann ich in der großen Gesellschaft verkehren, wenn man, um da leidlich mitzuspielen, einen Haufen von Dingen, Kabrioletts, Lackschuhe, goldene Ketten, am Morgen weiße Glacéhandschuhe für sechs Francs und am Abend gelbe braucht? Dieser alte Schuft, der Vater Goriot!

Als er unter dem Straßentor war, machte der Kutscher eines Mietwagens, der gerade ein jungvermähltes Paar abgesetzt hatte und der jetzt gern eine Schwarzfahrt gemacht hätte, Eugen ein Zeichen, als er ihn ohne Schirm, im dunklen Anzug, gelben Handschuhen, weißer Weste und Lackstiefeln sah. Eugen befand sich in einem Zustand stummer Wut und war jung genug, immer tiefer in den Abgrund hinunterzusteigen. Er gab dem Kutscher durch ein Kopfnicken das Zeichen des Einverständnisses und stieg in den Wagen, in dem einiger Flitterkram und Orangenblüten noch von dem Aufenthalt des jungen Ehepaares zeugten.

»Wohin fährt der Herr?« fragte der Kutscher, der seine weißen Handschuhe schon abgelegt hatte.

Zum Teufel, sagte sich Eugen, wenn ich mich schon ruiniere, so muß es schon zu etwas nützen. »Zum Palais de Beauséant«, rief er.

»Zu welchem?« fragte der Kutscher.

Ein großes Wort, das Eugen in Verwirrung brachte! Dieser Kandidat der großen Welt wußte nicht einmal, daß es zwei Palais de Beauséant gab, er wußte nicht einmal, wie reich er war an Verwandten, die sich nicht um ihn kümmerten.

»Zum Vicomte de Beauséant, Rue . . .«

»De Grenelle«, sagte der Kutscher mit einer Kopfbewegung. »Sehen Sie, es gibt noch das Palais des Grafen und des Marquis de Beauséant in der Rue St-Dominique«, fügte er hinzu, indem er das Trittbrett hochklappte.

»Ich weiß, ich weiß«, antwortete Eugen trocken. Alle Welt macht sich heute über mich lustig, dachte er, indem er seinen Hut auf die Kissen des Vordersitzes warf. Das ist ein Streich, der mich ein Heidengeld kosten wird. Aber ich mache wenigstens meiner sogenannten Cousine meine Aufwartung auf wirklich aristokratische Art. Der Vater Goriot kostet mich nun schon mindestens zehn Francs, der alte Verbrecher! Ich werde mein Abenteuer Madame de Beauséant erzählen, vielleicht bringe ich sie zum Lachen. Sie kennt ohne Zweifel das Geheimnis der verbrecherischen Verbindung zwischen diesem alten Rattenkönig und dieser schönen Frau. Es ist sicherlich besser, wenn ich meiner Cousine gefalle, als wenn ich vergebliche Versuche bei dieser unmoralischen Frau mache, die mir sehr kostspielig zu sein scheint. Wenn der Name der schönen Vicomtesse schon eine solche Macht hat, welchen Einfluß muß dann erst ihre Person ausüben? Wir wollen hoch hinaus! Wenn man im Himmel etwas erreichen will, muß man sich an den lieben Gott halten!

Dies etwa war der Extrakt von tausendundeinem Gedanken, die ihm durch den Kopf schossen. Er gewann ein wenig Ruhe und Sicherheit, als er den Regen fallen sah. Wenn er schon zwei der kostbaren Fünffrancstücke, die ihm blieben, ausgegeben hatte, sagte er sich, so waren sie doch glücklicherweise für den Schutz seines Anzuges, seiner Stiefel und seines Hutes verwandt worden. In einer fast frohen Stimmung hörte er den Ruf seines Kutschers: »Macht das Tor auf, bitte!« Ein Schweizer in rotgoldener Livree öffnete das knarrende Tor des Palais, und Eugen sah mit stiller Genugtuung den Wagen in den Vorhof fahren, dann wenden und schließlich unter dem Dach des Treppenaufganges halten. Der Kutscher in seinem groben, blauen, rotgeränderten Mantel ließ das Trittbrett herunter. Als Eugen den Wagen verließ, vernahm er ein unterdrücktes Kichern, das aus dem Souterrain heraufkam. Drei oder vier Diener hatten bereits über diese ordinäre Hochzeitskutsche ihre Witze gemacht. Der Student begriff ihren Spott, als er neben seinem Gefährt eines der elegantesten Kupees von Paris erblickte, das im Vorhof stand, davor zwei lebhafte Pferde mit blumengeschmücktem Geschirr, die ein gepuderter und wohlgekleideter Kutscher so fest an den Zügeln hielt, als wenn sie durchgehen wollten. In der Chaussée d'Antin, im Hofe der Frau von Restaud, stand das hübsche Kabriolett des jungen Mannes von 26 Jahren. Im Faubourg St-Germain wartete der Luxus eines Grandseigneurs, eine Equipage, die man mit dreißigtausend Francs nicht hätte bezahlen können.

»Wer mag wohl da sein?« fragte sich Eugen, der – ein wenig spät – freilich einsah, daß es in Paris recht wenig Frauen gab, die nicht besetzt sind, und daß die Eroberung einer dieser Königinnen mehr als bloß Blut kostet. »Zum Henker, auch meine Cousine hat sicher ihren Maxime!«

Er stieg die Treppe hinauf, den Tod im Herzen. Die Glastür öffnete sich, und er fand eine Gruppe von Dienern vor, die so feierlich taten wie Esel, die gestriegelt werden. Das Fest, an dem er teilgenommen hatte, war in den großen Empfangsräumen des Erdgeschosses gegeben worden. Da er zwischen der Einladung und dem Ball noch nicht die Zeit gehabt hatte, der Cousine seine Aufwartung zu machen, kannte er ihre Privatgemächer nicht. Er sollte daher zum ersten Male die Wunder der persönlichen Eleganz kennenlernen, mit der eine vornehme Frau ihr Wesen und ihre Seele zum Ausdruck bringt. Dieses Studium war um so aufschlußreicher, als der Salon der Madame de Restaud ihm als Vergleichspunkt dienen konnte. Um viereinhalb Uhr war die Vicomtesse zu sprechen. Fünf Minuten früher hätte sie ihren Vetter nicht empfangen. Eugen, der von den Nuancen der Pariser Etikette noch nichts wußte, wurde über eine große weiße, blumengeschmückte Treppe mit vergoldeter Rampe und rotem Teppich zu Madame de Beauséant geführt, deren durch die Skandalchronik verbreitete Biographie er noch nicht kannte: eine jener ewig variierten Geschichten, die des Abends in den Salons von Ohr zu Ohr geflüstert werden.

Die Vicomtesse war seit drei Jahren mit einem der bekanntesten und reichsten portugiesischen Adligen, dem Marquis d'Ajuda-Pinto, liiert. Es war eine jener unschuldigen Verbindungen, die für die Beteiligten so viele Reize haben, daß sie die Gegenwart eines Dritten nicht ertragen können. So hatte denn der Vicomte de Beauséant selbst der Gesellschaft ein gutes Beispiel gegeben, indem er, freiwillig oder unfreiwillig, diese morganatische Verbindung respektierte. Die Besucher, die in den ersten Tagen dieser Freundschaft die Vicomtesse um zwei Uhr aufsuchten, trafen stets den Marquis d'Ajuda-Pinto an. Madame de Beauséant konnte ihre Tür nicht verschließen, denn das wäre unpassend gewesen, aber sie empfing die Besucher so kühl, und sie starrte so angelegentlich auf den Hof, daß jeder merkte, wie lästig er fiel. Als man in Paris wußte, daß Madame de Beauséant durch einen Besuch zwischen zwei und vier Uhr belästigt würde, wagte sich um diese Zeit niemand zu ihr. Sie ging in die Oper oder ins Bouffontheater in Begleitung des Herrn de Beauséant und des Herrn d'Ajuda-Pinto, aber als Mann von Welt verließ Monsieur de Beauséant stets seine Frau und den Portugiesen, sobald sie ihre Plätze eingenommen hatten. Herr d'Ajuda stand vor seiner Heirat. Er sollte ein Fräulein de Rochefide heimführen. In der ganzen großen Gesellschaft gab es nur eine einzige Persönlichkeit, die von dieser Heirat nichts wußte: Madame de Beauséant. Einige ihrer Freundinnen hatten ihr dunkle Andeutungen gemacht. Sie lachte darüber und glaubte, man wollte damit nur ihr Glück stören. Unterdes wurde das Aufgebot vorbereitet, aber der schöne Portugiese, der der Vicomtesse die bevorstehende Heirat ankündigen wollte, hatte noch immer kein Sterbenswörtchen davon verlauten lassen. Weshalb? Sicher ist nichts schwerer, als einer Frau ein derartiges Ultimatum zu stellen. Mancher Mann steht lieber auf freiem Feld einem Gegner gegenüber, der ihn mit dem blanken Degen bedroht, als etwa einer Frau, die zwei Stunden lang elegisch schluchzt, um dann ohnmächtig zu werden und Riechsalz zu verlangen. So saß in diesem Augenblick Herr d'Ajuda-Pinto wie auf Kohlen und wollte sich verabschieden, denn er sagte sich, daß Madame de Beauséant die Nachricht schon irgendwie erfahren, daß er ihr schreiben würde, daß es bequemer sei, diesen galanten Mord schriftlich als mündlich zu vollziehen. Als der Diener der Vicomtesse Eugen de Rastignac meldete, fiel Herrn d'Ajuda-Pinto ein Stein vom Herzen. Aber eine verliebte Frau ist noch feinfühliger in ihren Zweifeln als in der Entdeckung neuer Freuden. Wenn sie verlassen werden soll, so errät sie die Bedeutung einer Geste schneller als jenes Rennpferd Virgils die Liebe, die in der Ferne verheißungsvoll winkt.

So war Madame de Beauséant dieses freudige Auffahren ihres Freundes nicht entgangen, das für sie ein naives, aber ebenso bestürzendes Bekenntnis enthielt. Eugen wußte noch nicht, daß man sich in Paris bei niemandem präsentieren darf, wenn man sich nicht zuvor von den Freunden des Hauses die Geschichte des Gatten, der Frau und der Kinder hat erzählen lassen. Andernfalls läuft man Gefahr, Dummheiten zu begehen, von denen man in Polen so hübsch sagt: Spannen Sie fünf Ochsen vor Ihren Wagen! (Offenbar um sich aus der Patsche, in die man geraten ist, herausziehen zu lassen.) Wenn es für solche gesellschaftliche Entgleisungen in Frankreich noch keine Bezeichnung gibt, so ist dies wohl dadurch zu erklären, daß man sie in Anbetracht der allgemeinen Verbreitung solcher Klatschgeschichten für unmöglich hält. Nachdem Eugen bei Madame de Restaud seinen Karren so in den Dreck gefahren hatte, daß ihm nicht einmal Zeit blieb, seine fünf Ochsen anzuspannen, war er ganz der geeignete Mann, um seinen Beruf als Karrentreiber bei Madame de Beauséant fortzusetzen. Aber wenn er Madame de Restaud und Monsieur de Trailles in Verlegenheit gebracht hatte, zog er hier Herrn d'Ajuda-Pinto aus einer unangenehmen Lage.

»Auf Wiedersehen«, sagte der Portugiese, der sich eilig zur Tür zurückzog, als Eugen in den kleinen koketten Salon in Grau und Rosa eintrat, dessen Luxus sich nur als schlichte Eleganz gab.

»Aber doch heute abend«, sagte Madame de Beauséant, indem sie sich umwandte und den Marquis scharf ansah. »Gehen wir nicht ins Theater?«

»Ich kann nicht«, sagte er, den Türknopf fassend.

Madame de Beauséant erhob sich und rief ihn zu sich zurück, ohne im geringsten Eugen zu beachten, der vom Glanz dieses fabelhaften Reichtums geblendet war. Alle arabischen Märchen schienen ihm Wirklichkeit geworden, und er war so verwirrt, daß er nicht wußte, wohin er sich vor dieser Frau, die ihn nicht beachtete, verkriechen sollte. Die Vicomtesse hatte den Zeigefinger ihrer rechten Hand erhoben und wies mit einer Geste dem Marquis von neuem einen Platz ihr gegenüber an. In dieser Gebärde lag so viel von der wilden Despotie der Leidenschaft, daß der Marquis den Türknopf fahren ließ und näher kam. Eugen betrachtete ihn nicht ohne Neid.

Das ist also der Mann mit dem eleganten Kupee! sagte er sich. Aber muß man denn rassige Pferde, Livreen und Gold in Strömen besitzen, um von einer Pariserin eines Blickes gewürdigt zu werden?

Der Dämon des Luxus nagte ihm am Herzen, ein fieberndes Verlangen nach Gewinn ergriff ihn, der Durst nach Gold trocknete ihm die Kehle. Er hatte noch 130 Francs für sein Semester. Sein Vater, seine Mutter, seine Brüder, seine Schwestern und seine Tante gaben zusammen im Monat noch keine 200 Francs aus. Dieser schnelle Vergleich zwischen seiner gegenwärtigen Lage und dem Ziel, das es zu erreichen galt, machte ihn vollends verwirrt.

»Warum ›können‹ Sie nicht ins Theater kommen?« fragte die Vicomtesse den Portugiesen lächelnd.

»Geschäfte! Ich diniere beim englischen Botschafter.«

»Sie werden absagen.«

Wenn ein Mann zu täuschen sucht, so ist er unvermeidlich gezwungen, Lügen auf Lügen zu türmen. Herr d'Ajuda sagte lachend:

»Sie fordern das?«

»Ja, gewiß!«

»Das hatte ich nur hören wollen«, antwortete er, indem er ihr einen Blick zuwarf, der jede andere Frau beruhigt hätte.

Er küßte der Vicomtesse die Hand und entfernte sich.

Eugen strich sich durch die Haare und bemühte sich, seine Verbeugung anzubringen, in der Hoffnung, sie würde schließlich an ihn denken. Da erhob sie sich plötzlich, eilte in das Vorzimmer und ans Fenster und verfolgte mit ihren Blicken Herrn d'Ajuda, hörte, wie der Jäger dem Kutscher wiederholte:

»Zu Herrn de Rochefide!«

Diese Worte und die Art, wie Herr d'Ajuda sich in die Kissen warf, wirkten wie Blitz und Donner auf die Frau, die die furchtbarsten Ahnungen überkamen. Die schrecklichen Katastrophen der großen Gesellschaft vollziehen sich meist ähnlich. Die Vicomtesse ging in ihr Schlafzimmer, setzte sich an einen Sekretär und nahm einen Bogen ihres eleganten Briefpapiers.

»Da Sie bei Rochefide dinieren«, schrieb sie, »und nicht beim englischen Botschafter, schulden Sie mir eine Erklärung. Ich warte auf Sie!«

Nachdem sie einige Buchstaben verbessert hatte, die durch das Zittern ihrer Hand undeutlich geworden waren, unterzeichnete sie mit einem C, das »Claire de Bourgogne« bedeutete, und klingelte.

»Jacques«, sagte sie zu dem Kammerdiener, der sofort eintrat. »Sie gehen um halb acht Uhr zu Herrn de Rochefide und verlangen dort den Marquis d'Ajuda. Wenn der Marquis anwesend ist, so übergeben Sie ihm dieses Billett, ohne auf Antwort zu warten. Wenn er nicht dort ist, bringen Sie mir den Brief zurück.«

»Frau Gräfin haben Besuch im Salon.«

»Ach richtig«, sagte sie, indem sie die Tür öffnete.

Eugen begann sich in seiner Lage bereits recht unbehaglich zu fühlen. Endlich erblickte er die Vicomtesse, die ihm in einem Ton, dessen Erregung ihm das Herz zittern machte, sagte: »Verzeihen Sie, ich hatte einige Zeilen zu schreiben. Ich stehe jetzt ganz zu Ihrer Verfügung.«

Sie wußte gar nicht, was sie sagte; sie dachte immer nur: Ah! Er will Fräulein de Rochefide heiraten! Aber ist er denn frei? Heute abend ist es mit dieser Heirat aus, oder . . . Aber morgen wird man schon nicht mehr davon sprechen!

»Liebe Cousine . . .«, sagte Eugen.

»Wie?« Die Vicomtesse warf dem Studenten einen Blick zu, dessen Hochmut ihn erstarren machte.

Eugen verstand dieses »Wie?« Seit drei Stunden hatte er so viel Neues gelernt, daß er nun auf seiner Hut war.

»Madame . . .«, stammelte er errötend. Er zögerte und fuhr dann fort: »Verzeihen Sie mir, ich habe so viel Protektion nötig, daß ein Stückchen Verwandtschaft nichts verderben würde.«

Madame de Beauséant lächelte traurig: Sie fühlte bereits das Herannahen des Unheils, das sie bedrohte.

»Wenn Ihnen die Lage meiner Familie bekannt wäre«, fuhr er fort, »so würden Sie gern die Rolle der guten Fee übernehmen, die ihrem Patenkind den Weg ebnet.«

»Also, lieber Cousin«, erwiderte sie lachend, »womit kann ich Ihnen behilflich sein?«

»Weiß ich selbst? Mit Ihnen durch irgendeine entfernte Verwandtschaft, die sich ins Dunkel verliert, verbunden zu sein, ist schon ein großes Glück. Sie haben mich ganz verwirrt gemacht, ich weiß nicht mehr, was ich Ihnen sagen wollte. Sie sind die einzige Dame, die ich in Paris kenne . . . Ach! ich wollte Sie um Rat fragen, ich wollte Sie bitten, mich aufzunehmen, wie ein armes Kind, das sich an Ihre Röcke hängt, das gerne für Sie sterben würde.«

»Könnten Sie jemanden für mich töten?«

»Auch zwei, wenn Sie befehlen«, erwiderte Eugen.

»Sie Kind! Ja, Sie sind noch ein Kind«, sagte sie und unterdrückte eine Träne. »Sie würden sicher aufrichtig lieben.«

»Ah!« Er warf den Kopf zurück.

Die Vicomtesse hatte den verhaltenen Ehrgeiz des jungen Mannes mit großem Interesse erkannt. Die erste Rechnung des jungen Südfranzosen war also aufgegangen. Zwischen dem blauen Boudoir der Madame de Restaud und dem rosa Salon der Madame von Beauséant hatte er drei Jahre jener Pariser Rechtswissenschaft absolviert, von der man nicht spricht, die aber eine hohe Jurisprudenz bedeutet, welche, richtig begriffen und angewendet, zu allen Zielen führt.

»Ah, jetzt weiß ich wieder, was ich sagen wollte«, sagte Eugen. »Auf Ihrem Ball neulich war mir Madame de Restaud aufgefallen, und ich habe ihr heute morgen einen Besuch gemacht.«

»Sie sind ihr gewiß recht lästig gefallen«, entgegnete Madame de Beauséant lächelnd.

»Leider ja, ich bin ein Tor, der noch alle Welt gegen sich aufbringen wird, wenn Sie mir Ihre Hilfe verweigern. Ich glaube, es ist sehr schwer, in Paris eine junge, schöne, reiche und elegante Frau zu finden, die nicht schon in Anspruch genommen wäre. Dabei brauche ich doch eine, die mich das lehrt, was nur Frauen lehren können: das Leben! Überall werde ich einen Herrn de Trailles antreffen. Ich komme daher zu Ihnen mit der Bitte, mir das Rätsel aufzulösen und mir zu sagen, welcher Art die Dummheit ist, die ich begangen habe. Ich sprach von einem Vater . . .«

»Die Herzogin von Langeais«, rief Jacques und schnitt dem sichtlich verärgerten Studenten das Wort ab.

»Wenn Sie Erfolg haben wollen«, sagte die Vicomtesse, »so seien Sie vor allem nicht so hastig.«

»Ah! Guten Tag, meine Liebe«, sagte sie, indem sie sich erhob und der Herzogin entgegenging. Sie drückte ihr die Hände mit einer überfließenden Zärtlichkeit, als wenn sie ihre Schwester wäre. Die Herzogin antwortete mit reizendsten Schmeicheleien.

Das sind gewiß zwei gute Freundinnen, sagte sich Rastignac. Ich habe also zwei Gönnerinnen, die zwei Frauen müssen in ihrer Zuneigung übereinstimmen, und die neue wird sich ohne Zweifel auch meiner annehmen.

»Welchem glücklichen Einfall verdanke ich das Vergnügen, Sie zu sehen, teure Antoinette?« fragte Madame de Beauséant.

»Ich sah Herrn d'Ajuda-Pinto bei Monsieur de Rochefide vorsprechen, und da dachte ich, Sie seien allein.«

Madame de Beauséant biß sich nicht auf die Lippen, sie errötete nicht, ihr Blick blieb sich gleich, und ihre Miene schien sich sogar aufzuheitern, als die Herzogin diese fatalen Worte aussprach.

»Wenn ich gewußt hätte, daß Sie besetzt sind . . .«, fuhr die Herzogin fort, indem sie sich zu Eugen wandte.

»Der Herr ist mein Cousin Eugen de Rastignac«, sagte die Vicomtesse. »Haben Sie Nachrichten vom General de Montriveau?« fragte sie. »Sérizy sagte mir gestern, daß man ihn gar nicht mehr sieht. War er heute bei Ihnen?«

Man erzählte sich, daß Herr de Montriveau, in den die Herzogin leidenschaftlich verliebt war, sie verlassen habe. Sie fühlte den Dolchstich dieser Frage im Herzen und erwiderte errötend:

»Er war gestern im Élysée.«

»Im Dienst?« fragte Madame de Beauséant.

»Claire, Sie wissen sicher«, fuhr die Herzogin fort, und ihre Augen funkelten vor Bosheit, »daß morgen das Aufgebot des Herrn d'Ajuda-Pinto mit Fräulein de Rochefide veröffentlicht wird?«

Der Hieb war grausam. Die Vicomtesse wurde blaß und erwiderte:

»Das ist eins von den Gerüchten, an denen die Dummköpfe ihr Vergnügen haben. Warum sollte Herr d'Ajuda einen der schönsten Namen Portugals gerade den Rochefides zum Geschenk machen? Leuten, deren Adel erst von gestern stammt?«

»Aber Berthe wird, wie man sagt, 200 000 Livres Rente erhalten.«

»Herr d'Ajuda ist zu reich, um derartige Rechenexempel zu machen.«

»Aber, meine Teure, Fräulein de Rochefide ist ein entzückendes Mädchen.«

»Ah!«

»Aber wie dem auch sei, er diniert heute bei ihnen, und der Heiratsvertrag ist perfekt. Es erstaunt mich wirklich, daß Sie so schlecht informiert sind.«

»Was war das doch gleich für eine Dummheit, die Sie begangen haben?« wandte sich Madame de Beauséant an Eugen. »Dieser arme Junge ist erst seit so kurzer Zeit in die Welt verschlagen worden, daß er von dem, was wir reden, nichts versteht, liebe Antoinette. Seien Sie recht gut zu ihm und vertagen wir unsere Unterredung auf morgen. Morgen, sehen Sie, wird sicher alles offiziell sein, und Sie können dann mit Bestimmtheit offiziöse Mitteilungen machen.«

Die Herzogin warf Eugen einen jener hochmütigen Blicke zu, die den Menschen vom Kopf bis zum Fuß treffen, ihn sozusagen plattdrücken und zur Null machen.

»Gnädige Frau, ich habe, ohne es zu wissen, Madame de Restaud einen Dolch ins Herz gestoßen. Ohne es zu wissen! Das ist meine ganze Schuld«, sagte der Student, den sein Genius jetzt nicht im Stiche ließ, der gut aufgemerkt und die Bosheiten wohl verstanden hatte, die sich unter den liebenswürdigen Phrasen der beiden Frauen verbargen. »Die Leute, die das Leid kennen, das sie zufügen, werden weiter empfangen und vielleicht gefürchtet, aber der, der verletzt, ohne die Tiefe der Wunde zu kennen, wird als ein Dummkopf und Tolpatsch betrachtet, der der Situation nicht gewachsen ist und den jeder verachtet.«

Madame de Beauséant warf dem Studenten einen jener innigen Blicke zu, durch die große Seelen sowohl Anerkennung wie Würde auszudrücken wissen. Dieser Blick war Balsam auf die Wunde, die dem Studenten der kalte Auktionatorblick der Herzogin zugefügt hatte.

»Stellen Sie sich vor«, fuhr Eugen fort, »daß ich mir bereits das Wohlwollen des Grafen de Restaud erobert hatte. Denn Sie müssen wissen, Madame«, wandte er sich an die Herzogin, zugleich ergeben und boshaft, »ich bin nur ein kleiner Student, ich stehe ganz allein und bin sehr arm . . .«

»Sagen Sie das nicht, Herr de Rastignac! Was niemand beachtet, davon wollen auch die Frauen nichts wissen.«

»Bah«, erwiderte Eugen, »ich bin erst zweiundzwanzig Jahre alt, man muß die Mißgeschicke seines Alters ertragen. Übrigens bin ich am Beichten, und in einem reizenderen Beichtstuhl kann man nicht knien. In diesem begeht man Sünden, deren man sich an der anderen Stelle für schuldig bekennt.«

Die Herzogin setzte bei diesen Worten, die sie für antireligiös hielt, eine kalte Miene auf. Sie wollte diese Wendungen als geschmacklos ächten und fragte die Gräfin: »Der Herr kommt wohl eben erst . . .«

Madame de Beauséant lachte aufrichtig über beide, über ihren Cousin und über die Herzogin.

»Ja, er kommt eben erst nach Paris, meine Teure, und er sucht eine Lehrerin, die ihm guten Geschmack beibringt.«

»Frau Herzogin«, wandte Eugen ein, »ist es nicht natürlich, daß man in die Geheimnisse dessen eindringen will, was uns entzückt?«

Hoppla, nun rede ich tatsächlich wie ein Friseur, dachte er bei sich.

»Madame de Restaud ist, wenn ich nicht irre, selbst Schülerin, und zwar bei Herrn de Trailles«, sagte die Herzogin.

»Ich wußte davon nichts, gnädige Frau«, erwiderte der Student. »Ich bin ganz unbedacht da hineingeplatzt. Schließlich hatte ich mich mit dem Gatten ziemlich gut verständigt, und ich fühlte mich auch für einige Zeit von seiner Frau geduldet, als es mir einfiel, ihnen zu erzählen, daß ich einen Mann kenne, den ich soeben über die Hintertreppe herabgehen und auf einem Korridor die Gräfin hatte küssen sehen.«

»Wer war das?« fragten beide Frauen gleichzeitig.

»Ein alter Mann, der wie ich armer Student von zwei Louis im Monat hinten im Faubourg St-Marceau lebt, wirklich ein armer Kerl, über den sich alle Welt lustig macht und den wir Vater Goriot nennen!«

»Aber Sie Kind, Sie Kind«, rief die Vicomtesse, »Madame de Restaud ist eine geborene Goriot!«

»Die Tochter eines Nudelfabrikanten, die am gleichen Tage mit der Tochter eines Konditors bei Hof vorgestellt wurde«, sagte die Herzogin. »Erinnern Sie sich nicht, Claire? Der König lachte und machte einen lateinischen Witz, der sich auf Mehl bezog. Leute . . .? Wie nur? Leute . . .«

»Ejusdem farinae«, sagte Eugen.

»Richtig«, sagte die Herzogin.

»Wie! Das ist ihr Vater!« rief der Student mit einer Gebärde des Entsetzens.

»Freilich. Der Alte hat zwei Töchter, in die er irrsinnig vernarrt ist, obwohl die eine wie die andere ihn verleugnet.«

»Ist die andere nicht«, wandte sich die Vicomtesse an Madame de Langeais, »an einen Bankier mit deutschem Namen verheiratet, einen Baron Nücingen? Heißt sie nicht Delphine? Eine Blondine, die eine Seitenloge in der Oper hat, die auch ins Bouffon geht und die sehr laut lacht, um sich bemerkbar zu machen?«

Die Herzogin erwiderte lächelnd: »Meine Teure, ich bewundere Sie. Weshalb beschäftigen Sie sich denn so sehr mit diesen Leuten? Man muß schon wahnsinnig verliebt sein, wie Restaud, um sich mit einem Fräulein Anastasie zu vermählen. Aber der Handel ist für ihn nicht gut ausgegangen. Sie ist in den Händen des Herrn de Trailles – der wird sie schon ruinieren.«

»Sie haben ihren Vater verleugnet!« wiederholte Eugen.

»Ja, ja, ihren Vater«, fuhr die Vicomtesse fort, »und er ist ein wahrer Vater, ein guter Vater, der jeder, wie man erzählt, 500 000 bis 600 000 Francs mitgegeben hat, um ihr Glück zu machen. Sich selbst hat er nur 8- bis 10 000 Francs Rente reserviert, im Glauben, daß seine Töchter seine Töchter bleiben würden, daß er bei beiden eine Existenz finden könne, zwei Häuser, wo man ihn anbetete und verhätschelte . . . Nach zwei Jahren haben ihn seine Schwiegersöhne verstoßen wie den elendesten Lumpen . . .«

Eugen traten die Tränen in die Augen. Er stand noch ganz unter dem frischen Eindruck der reinen und heiligen Empfindungen des Familienlebens, er war noch im Bann seines Kinderglaubens, und er hatte erst seinen ersten Tag auf dem Schlachtfeld der Pariser Zivilisation erlebt. Aufrichtige Gefühle teilen sich mit, und so sahen sich die drei Personen einen Augenblick schweigend an.

»Ja, mein Gott«, sagte Madame de Langeais, »das alles scheint gewiß furchtbar zu sein, und doch erleben wir so etwas alle Tage. Aber vielleicht gibt es auch einen Grund dafür. Sagen Sie, meine Liebe, haben Sie einmal darüber nachgedacht, was ein Schwiegersohn bedeutet? Ein Schwiegersohn ist ein Mensch, für den wir, Sie wie ich, ein teures kleines Wesen großziehen, an dem wir mit tausend Banden hängen, das siebzehn Jahre lang die Freuden der Familie bedeutet, das ihre ›weiße Seele‹ ist, wie Lamartine sagen würde, und das uns später das Leben zur Hölle macht. Wenn der Mann sie uns entrissen hat, so wird ihm seine Liebe zum Messer, mit dem er im Herzen unseres Engels alle Empfindungen für seine Familie zerstört. Gestern noch war unsere Tochter alles für uns, wir waren alles für sie, morgen wird sie zu unserer Feindin. Sehen wir nicht diese Tragödie alle Tage? In dem einen Falle behandelt die Frau ihren Schwiegervater, der alles für seinen Sohn geopfert hat, mit dem größten Hochmut, in dem anderen setzt der Mann seine Schwiegermutter vor die Tür. Man fragt immer noch, was es denn an Dramatischerem in unserer heutigen Gesellschaft gibt. Ich finde, das Drama des Schwiegersohnes ist erschreckend genug, auch wenn man im übrigen unsere Ehen, die vollkommen sinnlos geworden sind, ganz außer acht läßt. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie es diesem alten Nudelfabrikanten ergangen ist. Ich glaube, mich zu erinnern, Foriot . . .«

»Goriot, Madame.«

»Ja, ganz recht. Dieser Moriot war während der Revolution Vorsteher seiner Sektion. Er war in das Geheimnis der berühmten Teuerung eingeweiht und hat damals die Grundlage zu seinem Vermögen gelegt, indem er das Mehl zehnmal teurer verkaufte, als er es eingekauft hatte. Er bekam soviel, wie er wollte. Der Intendant meiner Großmutter hat an ihn für unermeßliche Summen verkauft. Dieser Noriot hat sicher, wie alle diese Leute, mit dem Wohlfahrtsausschuß halbpart gemacht. Ich erinnere mich, wie der Intendant zu meiner Großmutter sagte, sie könne in aller Ruhe in Grandvilliers bleiben – ihr Getreide sei ein ausgezeichneter ›Bürgerausweis‹. Dieser Loriot, der den Guillotinehelden Getreide verkaufte, hat nur eine Leidenschaft. Er betet, wie man sagt, seine Töchter an. Die Älteste hat er der Familie Restaud aufgepfropft, die andere dem Baron von Nücingen, einem reichen Bankier, der den Royalisten spielt. Unter dem Kaiserreich fanden natürlich die beiden Schwiegersöhne nichts dabei, den alten Dreiundneunziger bei sich zu haben. Unter Bonaparte ging das an. Aber als die Bourbonen zurückkehrten, fiel der gute Mann Herrn de Restaud lästig, und noch mehr dem Bankier. Die Töchter, die ihren Vater vielleicht immer noch liebten, wollten zwischen Bock und Gärtner, zwischen Vater und Gatten vermitteln. Sie haben den Toriot empfangen, wenn niemand sonst eingeladen war, und taten so, als ob sie aus Zärtlichkeit gegen ihren Vater so handelten. ›Papa, komm heute, es ist heute besser, wir sind allein!‹ usw. Aber, meine Teure, ich glaube, daß wahre Empfindungen gewissermaßen eigene Augen und eine besondere Intelligenz haben: Dem armen Dreiundneunziger mußte das Herz bluten. Er sah, wie sich seine Töchter seiner schämten, wie er seinen Schwiegersöhnen schadete, wenn seine Töchter sie liebten. Er mußte sich also opfern. Er hat sich geopfert, weil er Vater war, er hat sich selbst verbannt, und daß er seine Töchter zufrieden sah, bewies ihm, daß er richtig gehandelt hatte. Vater und Töchter waren die Mitschuldigen an diesem kleinen Verbrechen. Wir sehen so etwas überall. Hätte dieser Vater Doriot im Salon seiner Töchter nicht wie ein Schmutzfleck gewirkt? Er hätte sich geniert gefühlt und sich gelangweilt. Was diesem Vater geschehen ist, kann der schönsten Frau mit dem Mann, den sie liebt, passieren: Wenn ihm ihre Liebe lästig fällt, verläßt er sie und begeht Gemeinheiten, um ihr zu entgehen. So geht es mit allen Gefühlen. Unser Herz ist ein Schatz, verausgabt man ihn mit einem Male, so ist man ruiniert. Wir verzeihen einem Gefühl, sich ganz gegeben zu haben, ebensowenig wie einem Mann, daß er keinen Sou mehr besitzt. Dieser Vater hat alles gegeben. Er hatte zwanzig Jahre lang sein Inneres, seine Liebe verschenkt, er hatte sein Vermögen an einem Tage hingegeben. Als die Zitrone ausgepreßt war, warfen seine Töchter die Schale in die Gosse.«

»Die Welt ist wirklich gemein«, sagte die Vicomtesse, an ihrem Schal zupfend und ohne die Augen zu heben, denn sie war durch die Worte, die Madame de Langeais in ihrer Erzählung für sie bestimmt hatte, tief berührt worden.

»Gemein? Nein!« antwortete die Herzogin, »sie geht ihren Gang, das ist alles. Wenn ich so zu Ihnen spreche, so tue ich es, um Ihnen zu zeigen, daß ich mich vom Leben nicht zum Narren halten lasse. Darum denke ich wie Sie«, sagte sie, indem sie der Vicomtesse die Hand drückte. »Die Welt ist eine schmutzige Pfütze, versuchen wir, auf den Höhen des Lebens zu bleiben.«

Sie erhob sich, küßte Madame de Beauséant auf die Stirn und sagte zu ihr:

»Sie sind wirklich entzückend in diesem Augenblick, meine Liebe. So blühend habe ich Sie noch nicht gesehen.«

Damit ging sie, dem Vetter der Gräfin einen leichten Gruß zunickend.

»Der Vater Goriot ist ein herrlicher Mensch!« rief Eugen, der sich an die Szene erinnerte; als der Alte nachts das Silber zusammendrehte.

Madame de Beauséant hörte ihn nicht, sie war in Nachdenken versunken. Einige Augenblicke des Schweigens verflossen, und der arme Student wagte in einer Art beschämter Verwirrung weder fortzugehen noch zu bleiben oder etwas zu sagen.

»Die Welt ist infam und böse«, sagte endlich die Vicomtesse. »Wenn uns ein Unglück zustößt, so findet sich immer sofort ein Freund, um es uns anzukündigen und uns einen Dolch im Herzen umzudrehen, dessen Griff wir noch bewundern sollen, Hohn und Spott, ehe man es sich versieht. Aber ich werde mich zu verteidigen wissen!«

Sie hob den Kopf, ganz als die große Dame, die sie war, und Blitze schossen aus ihren stolzen Augen.

»Ah!« sagte sie, Eugen erblickend, »da sind Sie ja noch!«

»Ja, noch immer«, sagte er bedrückt.

»Also, Herr von Rastignac, behandeln Sie die Welt, wie sie es verdient. Sie wollen Erfolg haben – ich werde Ihnen helfen. Sie werden erkennen, wie abgrundtief die Verderbtheit der Frauen ist. Sie werden die ganze elende Eitelkeit der Männer kennenlernen. Ich habe zwar genügend in dem Buch der Welt gelesen, aber ich fand immer noch Seiten, die mir unbekannt waren. Jetzt weiß ich alles. Je kühler Sie rechnen, desto weiter werden Sie kommen. Schlagen Sie zu ohne Mitleid – Sie werden gefürchtet sein! Sehen Sie in Männern und Frauen nur Postpferde, die Sie bei jedem Relais wechseln und krepieren lassen, Sie werden so zum Gipfel Ihrer Wünsche gelangen. Sehen Sie, Sie werden hier nichts sein, wenn Sie nicht eine Frau finden, die sich für Sie interessiert. Sie muß jung, reich und elegant sein. Empfinden Sie aber ein aufrichtiges Gefühl, so verbergen Sie es wie einen Schatz; lassen Sie es niemanden merken, sonst sind Sie verloren! Sie wären dann nicht mehr der Henker, Sie wären das Opfer! Wenn Sie jemals lieben, so hüten Sie dieses Geheimnis wohl! Liefern Sie es nur aus, wenn Sie genau wissen, wem Sie Ihr Herz ausschütten! Um diese Liebe, die noch nicht existiert, im voraus zu schützen, lernen Sie der Welt mißtrauen. Hören Sie auf mich, Miquel . . . (Sie irrte sich zerstreut im Namen, ohne es zu bemerken.) Es gibt noch etwas Schrecklicheres als den von seinen zwei Töchtern verstoßenen Vater, dem seine Kinder den Tod wünschen. Das ist die Eifersucht der beiden Schwestern aufeinander. Restaud ist von altem Adel, seine Frau ist in die Familie aufgenommen und bei Hofe vorgestellt worden. Aber ihre reiche Schwester, die schöne Madame Delphine de Nücingen, die Frau des Geldmannes, stirbt vor Verdruß und Neid, die Eifersucht verzehrt sie; sie ist hundert Meilen hinter ihrer Schwester zurück. Ihre Schwester ist nicht mehr ihre Schwester; die beiden Frauen verleugnen einander so, wie sie ihren Vater verleugnen. Madame de Nücingen würde gern den ganzen Schmutz zwischen der Rue St-Lazare und der Rue de Grenelle auflecken, um in einem Salon empfangen zu werden. Sie hat geglaubt, daß sie durch Marsey dieses Ziel erreichen würde, sie hat sich zu seiner Sklavin gemacht, und sie bestürmt ihn mit ihren Wünschen. Aber de Marsey kümmert sich sehr wenig um sie. Wenn Sie sie mir vorstellen, wird sie Sie verhätscheln, werden Sie ihr Benjamin sein, sie wird Sie anbeten. Wenn Sie können, lieben Sie sie, wenn nicht, benutzen Sie sie als Ihr Werkzeug. Ich werde sie ein- oder zweimal sehen, in großer Abendgesellschaft, wenn sehr viel Andrang ist, aber ich werde sie niemals des Morgens empfangen. Ich werde sie grüßen, das wird genügen.

Sie haben sich bei der Gräfin selbst die Tür verschlossen, weil Sie den Namen des Vaters Goriot ausgesprochen haben. Ja, mein Lieber, Sie können zwanzigmal zu Madame de Restaud gehen, zwanzigmal wird sie nicht anwesend sein. Sie sind verbannt worden. Gut, dann soll also der Vater Goriot Sie bei Delphine de Nücingen einführen. Die schöne Madame de Nücingen wird Ihr Wappenschild werden. Seien Sie der Mann, den sie auszeichnet, und die Frauen werden sich um Sie reißen. Ihre Rivalinnen, ihre besten Freundinnen werden Sie ihr abspenstig machen wollen. Es gibt Frauen, die nur den Mann lieben, der schon von einer anderen geliebt wird, wie es kleine Bürgerfrauen gibt, die glauben, unsere Manieren zu haben, wenn sie unsere Hüte tragen. So werden Sie Erfolge haben. In Paris ist der Erfolg alles – er ist der Schlüssel zur Macht. Wenn die Frauen in Ihnen Geist und Talente entdecken, so werden die Männer das glauben, wenn Sie sie nicht enttäuschen. Dann haben Sie alles, was Sie wollen, Sie sind überall eingeführt. Sie werden dann sehen, was die Welt ist: eine Gesellschaft von Dummköpfen und Spitzbuben. Gehören Sie weder zu den einen noch zu den anderen. Ich gebe Ihnen meinen Namen als Faden der Ariadne mit in dieses Labyrinth. Kompromittieren Sie ihn nicht«, sagte sie, indem sie ihren Kopf zurückbog und dem Studenten den Blick einer Königin zuwarf, »geben Sie ihn mir rein zurück! Und nun lassen Sie mich allein. Auch wir Frauen haben unsere Schlachten zu schlagen.«

»Bedürfen Sie einmal eines beherzten Mannes, um eine Mine zur Explosion zu bringen?« unterbrach Eugen sie.

»Nun, und dann?«

Er legte die Hand aufs Herz, erwiderte lächelnd das Lächeln seiner Cousine und ging. Es war fünf Uhr.

Eugen hatte Hunger. Er fürchtete, zu spät zum Diner zu kommen. Er war deshalb froh, einen Wagen genommen zu haben, der ihn schnell vorantrug. Er konnte sich ungestört ganz den Gedanken überlassen, die ihn bestürmten. Wenn ein junger Mann im Alter Eugens sich nicht geachtet fühlt, so bäumt er sich auf, zeigt der Gesellschaft die Faust und will sich rächen – aber er zweifelt auch an sich selbst. Rastignac wurde in diesem Augenblick durch die Worte bedrückt: »Sie haben sich selbst die Tür der Gräfin verschlossen!«

Ich werde hingehen! sagte er sich, und wenn Madame de Beauséant recht hat, wenn ich verbannt bin . . ., dann . . . Madame de Restaud soll mich in allen Salons finden, die sie besucht. Ich werde fechten und Pistolen schießen lernen – ich werde ihr ihren Maxime niederknallen.

Und das Geld? rief sein Gewissen, woher nimmst du das Geld?

Plötzlich glänzte der Reichtum der Gräfin de Restaud vor seinen Augen auf. Er hatte dort den Luxus gesehen, in den ein Fräulein Goriot verliebt sein mußte, Goldprunk, Kostbarkeiten, die ihren Wert zur Schau trugen, den geschmacklosen Luxus der Parvenüs, die Verschwendung der ausgehaltenen Frau. Aber dieses faszinierende Bild wurde plötzlich ausgelöscht von dem grandiosen Eindruck des Palais de Beauséant. Seine Einbildungskraft, die ihn in die höchsten Regionen der Pariser Gesellschaft versetzt hatte, gab ihm tausend böse Gedanken ins Herz; sein Blick, aber auch sein Gewissen wurden weiter. Er sah die Welt, wie sie ist: Gesetz und Moral ohnmächtig gegenüber dem Reichtum. Geld die ultima ratio mundi!

»Vautrin hat recht, Reichtum ist Tugend«, sagte er sich.

In der Rue Neuve-St-Geneviève angelangt, stieg er schnell auf sein Zimmer, kam herab und gab dem Kutscher zehn Francs. Dann betrat er den übelriechenden Speisesaal, wo er die achtzehn Tischgenossen wie Tiere am Trog bei der Stillung ihres Hungers antraf. Diese ganze Misere, dazu der Anblick des Saales, waren ihm furchtbar. Der Übergang war zu plötzlich, der Kontrast zu schroff, um nicht in ihm einen maßlosen Ehrgeiz aufkommen zu lassen. Auf der einen Seite die frischen bezaubernden Bilder des eleganten Gesellschaftslebens, junge, lebhafte Menschen, umgeben von Wundern der Kunst und des Luxus, auf der anderen ein düsteres, schmutziges Gemälde, Gesichter, auf denen die Leidenschaft nur die Merkmale stumpfer Befriedigung hinterlassen hatte. Die Lehren, die der Zorn einer verlassenen Frau Madame de Beauséant entrissen hatte, ihre lockenden Angebote, kamen ihm ins Gedächtnis, und das Elend, das er hier sah, war der Kommentar dazu.

Rastignac beschloß, zwei parallele Sappen vorzutreiben, um zum Reichtum zu gelangen; er wollte sich auf das Wissen und auf die Liebe stürzen, ein gelehrter Jurist und ein Gesellschaftsmensch werden. Er war noch ein rechtes Kind! Die beiden Linien verlaufen ins Unendliche, ohne sich jemals zu berühren.

»Sie schauen ja so düster drein, Herr Marquis«, sagte Vautrin zu ihm. Er warf ihm einen jener Blicke zu, mit denen dieser Mensch in die verborgensten Geheimnisse des Herzens einzudringen schien.

»Ich bin nicht dazu aufgelegt, die Witze von Leuten zu dulden, die mich ›Herr Marquis‹ anreden«, antwortete er. »Wenn man hier wirklich Marquis sein will, braucht man mindestens 100 000 Livres Rente, und wenn man im Haus Vauquer lebt, ist man nicht gerade Fortunas Liebling.«

Vautrin warf Rastignac einen Blick zu, der zugleich verächtlich und väterlich wohlwollend war, als wenn er sagen wollte: Mein Bürschchen, im Handumdrehen werde ich mit dir fertig! Dann antwortete er:

»Sie sind wohl nur schlechter Laune, weil Sie bei der schönen Gräfin de Restaud keinen Erfolg gehabt haben.«

»Sie hat mir ihre Türe verschlossen, weil ich ihr gesagt habe, daß ihr Vater mit uns an einem Tisch ißt!« rief Rastignac.

Alle Anwesenden sahen einander an. Vater Goriot schlug die Augen nieder und wandte sich ab, um sie zu trocknen.

»Sie haben mir Tabak in die Augen geworfen«, sagte er zu seinem Nachbarn.

»Wer in Zukunft noch einmal den Vater Goriot belästigt, hat es mit mir zu tun«, rief Eugen und sah dabei den Nachbarn des ehemaligen Nudelfabrikanten scharf an. »Er ist mehr wert als wir alle. Die Damen sind natürlich ausgeschlossen«, fügte er hinzu, sich zu Fräulein Taillefer wendend.

Diese Worte machten einen nachhaltigen Eindruck. Eugen hatte sie mit einem Ernst ausgesprochen, der der ganzen Tafelrunde Schweigen gebot. Vautrin allein sagte spöttisch:

»Wenn Sie den Vater Goriot auf Ihr Konto nehmen und sich zu seinem verantwortlichen Redakteur machen, so müssen Sie mit Degen und Pistolen umgehen können.«

»Das werde ich«, erwiderte Eugen.

»Sie haben also mobil gemacht.«

»Vielleicht«, antwortete Rastignac. »Aber ich schulde über meine Angelegenheiten niemandem Rechenschaft. Ich kümmere mich ja auch nicht darum, was andere Leute des Nachts treiben.«

Vautrin sah Rastignac von der Seite an.

»Hören Sie, mein Junge, wenn man nicht auf Marionetten hereinfallen will, so muß man hinter die Kulissen sehen und darf nicht bloß durch die Löcher im Vorhang gucken. Genug für jetzt«, sagte er, als er sah, daß Eugen aufbrausen wollte. »Wir können alles in einer kleinen Unterredung besprechen, sobald Sie es wünschen.«

Das Diner verlief in düsterer, kalter Stimmung. Vater Goriot, dem die Worte des Studenten einen tiefen Schmerz bereitet hatten, merkte gar nicht, daß die Haltung der Gäste ihm gegenüber sich geändert hatte und daß ein junger Mann, der seinen Verfolgern Schweigen gebieten konnte, seine Verteidigung übernommen hatte.

»Herr Goriot«, sagte Madame Vauquer leise, »ist also nun wirklich Vater einer Gräfin?«

»Und einer Baronin«, erwiderte Rastignac.

»Das einzige, was er kann«, sagte Bianchon zu Rastignac. »Ich habe seinen Schädel untersucht: Er hat nur einen Höcker, den der Vaterschaft. Er ist der ewige Vater.«

Eugen war zu ernst gestimmt, als daß ihn der Scherz Bianchons zum Lachen hätte bringen können. Er wollte die Ratschläge der Madame de Beauséant befolgen und fragte sich, wo und wie Geld zu beschaffen sei. Er wurde sorgenvoll, da er die Gefilde der Welt in ihrem ganzen verschwenderischen Reichtum und in ihrer öden Trostlosigkeit vor seinem Geiste vorüberziehen sah. Die anderen verließen den Speisesaal, als das Diner beendet war, so daß er allein mit Vater Goriot zurückblieb.

»Sie haben also meine Tochter gesehen?« fragte Goriot mit bewegter Stimme.

Aus seinen Gedanken aufgeschreckt, ergriff Eugen die Hand des braven Alten und sah ihn dann mit einer Art Rührung an.

»Sie sind ein braver und würdiger Mann«, erwiderte er. »Über Ihre Töchter werden wir später sprechen.«

Er erhob sich, ohne weiter den Vater Goriot anzuhören, und zog sich in sein Zimmer zurück, wo er seiner Mutter den folgenden Brief schrieb:

»Liebe Mutter! Sieh doch zu, ob Du nicht eine dritte Brust hast für Dein Kind! Ich bin in einer Lage, in der auch ich rasch mein Glück machen kann. Aber ich brauche 1200 Francs, ich brauche sie um jeden Preis. Sage von meiner Bitte nichts dem Vater, er würde vielleicht dagegen sein, und wenn ich das Geld nicht bekäme, so würde ich in eine Verzweiflung geraten, die mir die Pistole in die Hand drücken könnte. Ich werde Dir meine Gründe näher auseinandersetzen, sobald ich Dich sehe, denn eine schriftliche Erklärung meiner Lage würde Bände in Anspruch nehmen. Ich habe nicht gespielt, meine gute Mutter, ich habe keine Schulden, aber wenn Du mir das Leben erhalten willst, das Du mir gegeben hast, so mußt Du das Geld für mich auftreiben. Kurz und gut: Ich verkehre jetzt bei der Vicomtesse de Beauséant, die mich unter ihren Schutz genommen hat. Ich muß mich in der großen Welt sehen lassen, und ich habe nicht einmal einen Sou für neue Handschuhe. Ich will gern von Wasser und trockenem Brot leben, ich will hungern, wenn es not tut. Aber ich kann nicht auf Werkzeuge verzichten, mit denen die Weinberge hierzulande bearbeitet werden. Es handelt sich für mich darum, entweder meinen Weg zu machen oder im Dreck zu bleiben. Ich weiß, welche Hoffnungen Ihr auf mich setzt, und ich will sie bald verwirklichen. Meine liebe Mutter, verkaufe einige von Deinen alten Schmuckstücken, ich werde sie Dir bald ersetzen. Ich kenne die Lage unserer Familie gut genug, um dieses Opfer richtig einzuschätzen. Du darfst glauben, daß ich Dich nicht bitte, es nutzlos zu wagen. Sonst wäre ich ja ein Ungeheuer. Sieh in meiner Bitte nur den Schrei einer zwingenden Notwendigkeit. Unsere Zukunft hängt einzig und allein nur von diesen Mitteln ab, mit denen ich meine Kampagne eröffnen will. Denn dieses Leben in Paris ist ein fortdauernder Kampf. Wenn es zur Vervollständigung der Summe kein anderes Mittel gibt, als die Spitzen der Tante zu verkaufen, so sage ihr, daß ich ihr viel schönere dafür schicken werde,« usw. usw.

Dann schrieb er an seine Schwestern, an jede einzeln, und bat sie um ihre Ersparnisse. Um sie ihnen zu entreißen, ohne daß sie in der Familie von diesem Opfer sprachen, versicherte er sich ihrer Diskretion durch einen Appell an ihr Ehrgefühl, mit dem man ja bei jungen Herzen stets so starken Widerhall findet.

Als er die Briefe geschrieben hatte, spürte er doch eine starke innere Erschütterung, er bebte und zitterte. Der junge Welteroberer kannte die ganze reine Vornehmheit dieser in der Einsamkeit begrabenen Seelen; er wußte, welchen Schmerz, aber auch welche Freude er seinen Schwestern bereitete, wie gern sie heimlich bei ihren Spaziergängen im Weinberg von dem geliebten Bruder sprechen würden. Sein Gewissen wurde hell; er sah sie vor sich, wie sie heimlich ihren kleinen Schatz zählten, wie sie all ihre Mädchenschlauheit zusammennahmen, um ihm inkognito das Geld zu schicken, wie sie den ersten kleinen Betrug begingen, um eine edle Tat zu vollführen.

Das Herz einer Schwester ist ein Diamant an Reinheit, ein Abgrund an Liebe! sagte er sich.

Er schämte sich jetzt der Briefe. Wie heiß würden ihre Wünsche für ihn sein, wie rein die Bitte ihrer Herzen zum Himmel! Mit welcher Freude würden sie sich nicht für ihn opfern! Wie groß würde der Schmerz der Mutter sein, wenn sie nicht die ganze Summe senden könnte! Diese schönen Gefühle, diese großen Opfer sollten also die Stufen der Leiter sein, die ihn zu Delphine von Nücingen führten. Tränen traten in seine Augen – es sollte der letzte Weihrauch auf dem heiligen Altar der Familie sein. Er ging voller Verzweiflung auf und ab. Vater Goriot, der ihn durch die halb offenstehende Tür sah, trat ein und fragte:

»Fehlt Ihnen etwas?«

»Ach, mein lieber Nachbar, ich bin ja Sohn und Bruder, wie Sie Vater sind. Sie haben recht, wenn Sie um die Gräfin Anastasie zittern. Sie gehört einem Maxime de Trailles an, der sie ruinieren wird.«

Vater Goriot zog sich zurück, einige Worte stammelnd, die Eugen nicht verstand. Am folgenden Tage brachte Rastignac seine Briefe zur Post. Er zögerte bis zum letzten Augenblick, aber schließlich warf er sie in den Briefkasten mit den Worten: »Ich werde mein Ziel erreichen!« – Das fatalistische Wort des Spielers und des Feldherrn, das mehr Menschen verdirbt als rettet.

Einige Tage später ging Eugen zu Madame de Restaud und wurde nicht empfangen. Dreimal erschien er noch, und dreimal fand er die Tür verschlossen, obwohl er sich stets um die Zeit meldete, wenn der Comte de Trailles nicht da war. Die Vicomtesse hatte also recht gehabt. Der Student studierte nun nicht mehr. Er ging nur zu Vorlesungen, um beim Namensaufruf zugegen zu sein. Wenn seine Anwesenheit testiert war, machte er sich aus dem Staube. Er folgte dabei dem Grundsatz der meisten Studenten und sparte sich die wirkliche Arbeit für die Zeit des Examens auf. Die Vorlesungen des zweiten und dritten Jahres wollte er im letzten Monat auf einen Hieb, aber dann ernsthaft nachholen. So hatte er fünfzehn Monate der Muße vor sich, um seine Kreuzfahrt auf dem Ozean von Paris als eine Art Frauenhändler und Glücksspieler anzutreten.

Während der nächsten Woche ging er zweimal zu Madame de Beauséant, bei der er sich nur meldete, sobald die Equipage des Marquis d'Ajuda-Pinto verschwunden war. Für einige Tage noch blieb diese hervorragende Frau, die poesieumwobene Figur des Faubourg St-Germain, Siegerin: Es gelang ihr, die Heirat des Fräuleins von Rochefide mit dem Marquis d'Ajuda-Pinto aufzuschieben. Aber diese letzten Tage, denen die Furcht, das Glück zu verlieren, eine besondere Glut verlieh, sollten die Katastrophe nur beschleunigen. Der Marquis d'Ajuda hatte in Übereinstimmung mit den Rochefides den Bruch und die Wiederversöhnung als günstig angesehen: Sie hofften, daß Madame de Beauséant sich mit der Idee der Heirat abfinden und schließlich ihre täglichen Zusammenkünfte der Zukunft des jungen Mannes, wie sie das Leben nun einmal will, opfern würde.

Trotz seiner heiligsten, täglich wiederholten Versprechungen spielte Herr d'Ajuda also Komödie, und die Vicomtesse wollte geradezu betrogen werden. »Statt sich stolz aus dem Fenster zu stürzen, ließ sie sich über die Treppen schleifen«, meinte die Herzogin von Langeais, ihre beste Freundin. Aber dieser letzte Nachglanz ihrer Liebe währte lange genug, um die Vicomtesse noch einige Zeit in Paris festzuhalten. So konnte sie ihrem jungen Verwandten behilflich sein, dem sie eine Art abergläubischer Zuneigung entgegenbrachte. Eugen hatte ihr seine ganze Ergebenheit und sein Mitgefühl in einem Augenblick bewiesen, in dem die Frauen sonst nirgends Mitleid und wahre Anteilnahme finden. Wenn ihr ein Mann in einem solchen Moment ein sanftes Wort sagt, so tut er es meistens aus Berechnung.

Aus dem Wunsch heraus, vor dem Angriff auf das Haus Nücingen sein Schachbrett genau kennenzulernen, erkundigte sich Rastignac zunächst nach dem Vorleben des Vaters Goriot, und er erhielt Aufschlüsse, die folgendermaßen zusammengefaßt werden können:

Jean-Joachim Goriot war vor der Revolution einfacher Arbeiter in einer Nudelfabrik gewesen, geschickt, sparsam und unternehmend genug, um den Betrieb seines Meisters zu erwerben, als dieser durch einen Zufall ein Opfer der ersten Erhebung von 1789 geworden war. Er hatte sich in der Rue de la Jussienne niedergelassen, in der Nähe der Getreidehalle. Er war klug genug gewesen, die Präsidentschaft seiner Sektion zu übernehmen. So konnte er mit Hilfe der einflußreichsten Persönlichkeiten dieser gefährlichen Zeiten sein Unternehmen schützen. Dieses umsichtige Verhalten hatte den Grund zu seinem Vermögen gelegt. Es begann sich in der Epoche der – sei es angeblichen oder wirklichen – Hungersnot zu bilden, während der die Getreidepreise in Paris eine enorme Höhe erreichten. Das Volk schlug sich vor den Türen der Bäcker, während die Klügeren in aller Ruhe Teigwaren beim Krämer kauften. In diesem Jahre häufte der Citoyen Goriot die Kapitalien an, die es ihm gestatteten, später seinen Betrieb mit der ganzen Überlegenheit eines großen Besitzers an flüssigen Geldmitteln auszudehnen. Es ging ihm so, wie es allen Menschen zu gehen pflegt, die nur über ein beschränktes Aufnahmevermögen verfügen. Seine Mittelmäßigkeit war sein Glück. Da übrigens sein Reichtum erst in einem Augenblick bekannt wurde, wo es nicht mehr gefährlich war, reich zu sein, erregte er bei niemandem Neid.

Der Getreidehandel schien seine ganze Geisteskraft absorbiert zu haben. Handelte es sich um Getreide, Mehl oder Schrot, um ihre Qualität, ihre Herkunft, Konservierung, um die Kursschwankungen, um die Möglichkeiten einer reichen oder schlechten Ernte, die Versorgung aus Sizilien oder der Ukraine, so hatte Goriot nicht seinesgleichen. Wenn man sah, wie er sein Geschäft leitete, wie er die Gesetze über die Ein- und Ausfuhr von Getreide erörterte, ihre Bedeutung erfaßte und ihre Fehler ausnutzte, so hätte man ihn für fähig halten können, Minister zu werden. Geduldig, tätig, energisch, ausdauernd und entschlossen in allem, was er tat, wachte er mit dem Auge eines Adlers, war überall der erste, sah alles voraus, wußte alles und verheimlichte alles: ein Diplomat im Planen, ein Soldat im Handeln. Aber wenn er aus diesem Kreis herausgetreten war, wenn er seinen einfachen obskuren Laden verlassen hatte, auf dessen Schwelle er während der Stunden der Muße verharrte, die Schultern an den Türpfosten gelehnt, so wurde er wieder der stumpfe und ungeschliffene Arbeiter, unfähig, einem höheren Gedanken zu folgen, gleichgültig gegen alle geistigen Freuden, der Mann, der im Theater einschläft, eine jener Pariser Figuren, die nur in der Beschränkung stark sind. Diese Menschen sind alle einander ähnlich. Fast immer findet man im Grunde ihres Herzens irgendein edles Gefühl.

Zwei Empfindungen waren es, die vom Herzen des Nudelfabrikanten Besitz ergriffen hatten, so wie der Getreidehandel seine ganze Intelligenz in Anspruch genommen hatte. Seine Frau, die Tochter eines reichen Pächters aus der Gegend von Brie, war für ihn der Gegenstand einer geradezu religiösen Bewunderung, einer Liebe ohne Grenzen. Goriot hatte in ihr eine zarte, aber doch starke Natur bewundert, sie war gefühlvoll und anmutig, der vollkommene Gegensatz zu ihm. Wenn es überhaupt so etwas wie ein angeborenes Gefühl im Herzen des Mannes gibt, ist es dann nicht der Stolz, jeden Augenblick ein schwaches Wesen zu schützen? Kommt noch die wahre Liebe hinzu, die lebhafte Dankbarkeit offener Seelen für die Quellen ihres Glücks, so kann man manche moralischen Absonderlichkeiten verstehen.

Nach sieben Jahren ungetrübter Harmonie verlor Goriot zu seinem Unglück seine Frau: Sie hatte gerade auch außerhalb des Bereiches der Gefühlswelt begonnen, ihren günstigen Einfluß auf ihn auszuüben. Vielleicht hätte sie sein träges Wesen veredeln können, ihn zur Erkenntnis der Welt und des Lebens gebracht! So aber entwickelte sich in Goriot sein Vatergefühl bis zur Unvernunft. Die Liebe, die der Tod ihm geraubt hatte, übertrug er auf seine beiden Töchter, die anfangs auch alle seine Gefühle voll befriedigten. Die glänzendsten Angebote von Kaufleuten und reichen Pächtern, die ihm ihre Töchter zur Frau geben wollten, schlug er aus: Er wollte Witwer bleiben. Sein Schwiegervater, der einzige Mann, zu dem er eine gewisse Zuneigung an den Tag legte, behauptete, bestimmt zu wissen, daß Goriot geschworen habe, seiner Frau auch nach ihrem Tode treu zu bleiben. Die Leute der Halle, die diese Überspanntheit nicht verstehen konnten, machten ihre Scherze darüber und gaben Goriot groteske Spitznamen. Der erste, der nach Abschluß eines Handels beim Glase Wein eine solche spöttische Anspielung wagte, bekam von dem Nudelfabrikanten einen Faustschlag auf die Schulter, der ihn kopfüber in die Gosse der Rue Oblin stürzte.

Die vorbehaltlose Aufopferung Goriots für seine Töchter, seine zarte und sentimentale Liebe zu ihnen waren so bekannt, daß eines Tages ein Konkurrent, der ihn vom Markt entfernen wollte, um allein den Kurs zu bestimmen, ihm die Mitteilung machte, Delphine sei unter einen Wagen geraten. Der Nudelfabrikant erblaßte und verließ sofort die Halle. Mehrere Tage lang war er infolge der seelischen Erschütterung, die der falsche Alarm in ihm hervorgerufen hatte, krank. In diesem Falle versetzte er dem Mann zwar keinen mörderischen Schlag auf die Schulter, aber er wußte ihn aus der Halle zu vertreiben, und er brachte ihn in einer kritischen Situation zum Bankrott.

Die Erziehung seiner beiden Töchter war natürlich recht unvernünftig. Goriot, der mehr als 60 000 Francs Einkommen hatte und für sich selbst nur 1200 Francs ausgab, kannte nur ein Glück: die Launen seiner Töchter zu befriedigen. Die besten Lehrer wurden engagiert, um ihnen die Kenntnisse beizubringen, die als Zeichen einer guten Erziehung galten. Sie hatten eine Gesellschafterin, glücklicherweise eine Frau von Geist und Geschmack. Sie ritten aus, sie hatten ihren Wagen, kurz, sie lebten wie die Mätressen eines alten reichen Herrn. Sie brauchten nur ihre kostspieligsten Wünsche zu äußern, und ihr Vater beeilte sich, sie zu erfüllen. Er verlangte als Belohnung nur eine Liebkosung. Goriot betrachtete seine Töchter als Engel und damit notwendigerweise als weit über ihm selbst stehend. Er liebte selbst das Leid, das sie ihm antaten.

Als seine Töchter ins heiratsfähige Alter kamen, überließ er es ihnen, sich einen Gatten nach ihrem Geschmack zu wählen. Jede bekam die Hälfte seines Vermögens als Mitgift. Anastasie, die ihrer Schönheit wegen vom Grafen de Restaud begehrt wurde, hatte aristokratische Neigungen, die sie dazu trieben, das elterliche Haus gegen die Sphäre der höchsten Gesellschaft zu vertauschen. Delphine liebte mehr das Geld, sie heiratete Nücingen, einen Bankier deutscher Herkunft, der Baron des Heiligen Römischen Reiches wurde.

Goriot blieb Nudelfabrikant. Seine Töchter und Schwiegersöhne nahmen jedoch bald an der Fortsetzung dieses Gewerbes Anstoß, obwohl er mit Leib und Seele daran hing. Nachdem sie ihn fünf Jahre lang damit gequält hatten, willigte er schließlich ein, sich mit dem Erfolg der letzten Jahre und dem Vermögen, das er aus dem Verkauf seiner Fabrik erzielte, aus dem Geschäftsleben zurückzuziehen: mit einem Kapital, das Madame Vauquer, als er sich bei ihr einfand, auf eine Jahresrente von 8000 bis 10 000 Francs schätzte.

In die Pension trieb ihn die Verzweiflung über das Verhalten seiner Töchter, die von ihren Gatten gezwungen wurden, ihm nicht nur den Aufenthalt bei sich zu verweigern, sondern ihn überhaupt nicht mehr zu empfangen.

Diese Dinge waren alles, was ein gewisser Muret, der das Geschäft gekauft hatte, über Vater Goriot wußte. Die Vermutungen, die Rastignac aus dem Munde der Herzogin von Langeais vernommen hatte, fanden so ihre Bestätigung, und hiermit endet die Vorgeschichte einer dunklen, erschütternden Pariser Tragödie.

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