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Vater Goriot

Honoré de Balzac: Vater Goriot - Kapitel 10
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleVater Goriot
publisherPaul List Verlag Leipzig
translatorFranz Hessel
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Gegen Mittag, als die Briefträger im Panthéonviertel die Post austrugen, erhielt Eugen einen Brief in elegantem Umschlag mit dem Wappen der Beauséant. Er enthielt eine Einladung für Herrn und Frau de Nücingen zu dem Ball der Vicomtesse, der schon seit einem Monat angekündigt war. Dabei lagen einige Zeilen für Eugen.

»Ich bin überzeugt, daß Sie mit Vergnügen das Amt eines Dolmetschers meiner Gefühle für Madame de Nücingen übernehmen werden. Ich sende Ihnen daher die Einladung, um die Sie mich gebeten haben, und werde entzückt sein, die Bekanntschaft der Schwester der Madame de Restaud zu machen. Bringen Sie mir also diese hübsche Frau, aber sorgen Sie dafür, daß sie nicht Ihre ganze Zuneigung in Anspruch nimmt. Es muß auch etwas für mich übrigbleiben, damit das Wohlwollen, das ich Ihnen entgegenbringe, nicht ganz unerwidert bleibt.«

Als Eugen das Billett der Vicomtesse de Beauséant noch einmal durchlas, sagte er sich: Aha, Madame de Beauséant sagt sehr deutlich, daß sie den Baron von Nücingen nicht sehen will.

Er eilte sofort zu Delphine, glücklich, ihr eine Freude bereiten zu können, die sicher nicht unbelohnt bleiben würde. Madame de Nücingen war im Bade. Rastignac wartete im Boudoir mit der verständlichen Ungeduld eines feurigen jungen Mannes, der seine Geliebte, nach der er sich ein Jahr gesehnt hat, besitzen will. Es gibt Gefühle, die ein junger Mann nur einmal erlebt. Die erste Frau, die sich dem Mann, der sie liebt, im vollen Glanze der großen Gesellschaft zeigt, wird niemals eine Rivalin haben. Die Liebe in Paris ist in nichts mit anderen Gefühlen zu vergleichen. Weder Männer noch Frauen, die in Paris lieben, sind sich über die mit Gemeinplätzen geschmückten Aushängeschilder im unklaren, mit denen jeder seine angeblich uneigennützigen Gefühle umgibt. Hier darf eine Frau nicht nur ihr Herz und ihre Sinne befriedigen, sie weiß zu gut, daß sie gegenüber den tausend Eitelkeiten, aus denen sich das Leben zusammensetzt, größere Verpflichtungen zu erfüllen hat. So muß die Liebe ihrem inneren Wesen nach prahlerisch, schamlos, verschwenderisch, scharlatanmäßig und prunksüchtig werden. Alle Frauen des Hofes Ludwigs XIV. haben Mademoiselle de la Vallière beneidet, weil sie dem großen König eine solche Leidenschaft einflößte, daß er seine Manschetten, die ihn 3000 Francs kosteten, zerriß, um dem Herzog von Vemandois, den sie ihm gebar, den Eintritt in die Welt zu erleichtern. Was kann man da von der übrigen Gesellschaft erwarten? Seid jung, reich und adlig, soviel es nur immer geht; je mehr Weihrauch ihr eurem Idol opfert, um so mehr wird es euch gewogen sein – sofern ihr überhaupt den Gegenstand eurer Liebe zum Idol macht! Die Liebe ist eine Religion; ihr Kult ist teurer als der aller anderen Religionen. Die Liebe hat es eilig, sie ist wie ein Gassenjunge, dessen Weg durch Zerstörung gekennzeichnet wird. Den Luxus des Gefühls wird man hier vergebens suchen, er ist die Poesie der Dachstuben. Aber was wäre die Liebe in Paris ohne äußeren Glanz? Wenn es Ausnahmen von diesen drakonischen Vorschriften des Pariser Gesetzbuches gibt, so findet man sie bei den Einsamen, bei den Seelen, die sich noch nicht den Befehlen der Gesellschaft unterworfen haben, die an klaren und frischen Quellen wohnen, die glücklich in ihren grünen Schatten die Stimme des Unendlichen hören: überall ringsum wie in ihrem Inneren. Rastignac jedoch wollte, wie die meisten jungen Leute, die zu früh an gesellschaftlichem Glanz Gefallen gefunden haben, gleich in voller Rüstung den Kampfplatz betreten. Er kannte das Fieber der Schlacht, und er fühlte vielleicht die Kraft zu siegen, aber er kannte nicht die Mittel und nicht das Ziel seines Ehrgeizes. In Ermangelung einer heiligen, reinen Liebe, die das Leben ausfüllt, kann dieser Hunger nach Macht zu etwas Schönem führen. Man braucht ihn nur seines persönlichen Charakters zu entkleiden und ihm die Größe des Vaterlandes zum Ziel zu geben. Aber der Student war noch nicht an dem Punkt angelangt, wo man den Verlauf des eigenen Lebens überblicken und beurteilen kann. Er hatte noch nicht einmal den Reiz der frischen und lieblichen Gedanken abgeschüttelt, die mit ihrem Grün das Leben der auf dem Lande aufgewachsenen Kinder umgeben. Er hatte immer geschwankt, den Pariser Rubikon zu überschreiten. Trotz seines glühenden Dranges hatte er stets die Vorstellung von dem glücklichen Leben bewahrt, das ein wahrer Edelmann auf seinem Schlosse führt. Aber seine letzten Skrupel waren am vergangenen Abend geschwunden, als er sich in seinem Appartement sah. Im Genuß der materiellen Vorteile des Reichtums, wie er schon seit langem die ideellen Vorteile seiner Geburt genoß, hatte er den Landedelmann ausgezogen und sich behaglich in einer Situation etabliert, von der aus er in eine schöne Zukunft blickte.

In diesem hübschen Boudoir, in dem es sich so angenehm auf Delphine warten ließ und das ein wenig sein Eigentum geworden war, sah er sich so fern von dem Rastignac, der vor einem Jahre nach Paris gekommen war, daß er sich schließlich als Ergebnis dieser Untersuchung fragen mußte, ob er in diesem Moment noch derselbe Mensch sei.

Die Worte Thereses: »Madame befindet sich in ihrem Zimmer«, schreckten ihn aus seinem Nachsinnen auf.

Er fand Delphine, frisch und ausgeruht, in einem Sessel am Kamin. Als er sie so sah unter Fluten von Musselin, konnte er sie nur mit jenen indischen Pflanzen vergleichen, die in der Blüte schon die Frucht tragen.

»Da sind Sie«, sagte sie bewegt.

»Raten Sie, was ich Ihnen bringe?« fragte Eugen, der sich neben ihr niederließ und ihr die Hand küßte.

Madame de Nücingen konnte eine Bewegung freudiger Überraschung nicht verbergen, als sie die Einladung las. Sie sah Eugen mit tränenfeuchten Augen an und zog ihn in einer Aufwallung befriedigter Eitelkeit an sich.

»Und Ihnen (›Du‹, sagte sie ihm ins Ohr, ›Therese ist in meinem Toilettenzimmer, wir müssen vorsichtig sein‹), Ihnen verdanke ich dieses Glück? Ja, ich wage es, dies ein Glück zu nennen. Wenn Sie es sind, der dies für mich erreicht hat, so ist es mehr als ein bloßer Triumph der Eitelkeit. Sie halten mich jetzt vielleicht für leichtfertig, kleinlich und frivol wie nur eine Pariserin. Aber bedenken Sie, mein Freund, daß ich bereit bin, Ihnen alles zu opfern. Ich wünsche nur deshalb glühender als je, im Faubourg St-Germain zu verkehren, weil ich Sie dort treffe.«

»Finden Sie nicht«, sagte Eugen, »daß Madame de Beauséant uns zu verstehen gibt, sie wünsche nicht den Baron de Nücingen auf ihrem Ball zu treffen?«

»In der Tat«, sagte sie, indem sie Eugen den Brief zurückgab. »Diese Frauen sind genial unverschämt. Aber was tut's, ich gehe hin. Auch meine Schwester wird da sein, ich weiß, daß sie sich eine entzückende Toilette machen läßt. Eugen«, fügte sie leise hinzu, »sie geht nur zum Ball, um ein bloßes Gerede zu widerlegen. Nücingen hat mir heute morgen gesagt, daß man im Klub ganz offen über sie gesprochen habe. Mein Gott, an welchem Seidenfaden hängt oft die Ehre der Frauen und der Familien! Ich fühle mich selbst in der Person meiner Schwester angegriffen und beleidigt. Man erzählt, daß Herr de Trailles Wechsel in Höhe von 100 000 Francs unterschrieben hat, die fast alle verfallen sind, und daß man ihn verfolgen wird. In dieser äußersten Notlage soll meine Schwester ihre Diamanten an einen Wucherer verkauft haben, den ganzen schönen Schmuck, den Sie bewundern konnten und der von der Mutter des Herrn de Restaud stammt. Man spricht seit zwei Tagen nur von dieser Geschichte. Ich verstehe es unter diesen Umständen, daß Anastasie sich eine silberbestickte Robe hat machen lassen und daß sie bei Madame de Beauséant in ihrem ganzen Glanze und mit ihren Diamanten erscheinen will, um aller Blicke auf sich zu lenken. Aber ich will ihr nicht nachstehen. Sie hat immer versucht, mich auszustechen, sie war niemals gut zu mir, obwohl ich ihr so viel Dienste erwiesen und ihr immer Geld gegeben habe, wenn sie keines hatte . . . Aber, lassen wir die Welt, heute will ich ganz glücklich sein.«

Rastignac war noch um ein Uhr nachts bei Madame de Nücingen. Als sie ihn entließ mit dem Abschiedsgruß der Liebenden, jenem Gruß, der voll ist künftiger Freuden, sagte sie melancholisch:

»Ich bin so ängstlich, so abergläubisch, nennen Sie mein Empfinden, wie Sie wollen, aber ich zittere bei dem Gedanken, daß ich mein Glück mit einer schrecklichen Katastrophe bezahlen muß.«

»Sie Kind!« sagte Eugen.

»Ah, heute abend bin ich also das Kind«, sagte sie lachend.

Eugen kehrte mit der festen Gewißheit, daß er am folgenden Tag ausziehen würde, ins Haus Vauquer zurück. Auf dem Wege überließ er sich ganz den schönen Träumen der Jugend, die noch den Nachgeschmack des Glückes auf den Lippen hat.

»Nun?« fragte Vater Goriot, als Eugen an seiner Tür vorbeikam.

»Ich werde Ihnen alles morgen erzählen«, erwiderte Eugen.

»Alles, nicht wahr?« rief der Alte. »Schlafen Sie gut! Morgen fängt unser glückliches Leben an.«

Am folgenden Tage warteten Goriot und Rastignac nur noch auf einen Dienstmann, um auszuziehen. Da wurde gegen Mittag das Geräusch einer Equipage in der Rue Neuve-Ste-Geneviève laut, die vor der Tür des Hauses Vauquer hielt. Madame de Nücingen war es, die dem Wagen entstieg: Sie fragte, ob ihr Vater noch in der Pension wohne. Auf die bejahende Antwort Sylvias huschte sie die Treppe hinauf. Eugen war in seinem Zimmer, ohne daß Goriot etwas davon wußte. Beim Frühstück hatte er Goriot gebeten, seine Sachen fortschaffen zu lassen, und vereinbart, daß sie sich um vier Uhr in der Rue d'Artois treffen wollten. Aber während der Alte Gepäckträger aufzutreiben suchte, war Eugen schnell zur Universität gegangen, um zu testieren; er war dann, von niemandem bemerkt, zurückgekehrt, um mit Madame Vauquer abzurechnen. Er wollte dies nicht dem Vater Goriot überlassen, weil er in seiner fanatischen Uneigennützigkeit sicher für ihn mitbezahlt hätte. Die Wirtin war fortgegangen. Eugen ging in sein Zimmer, um zu sehen, ob nichts vergessen worden sei. Er freute sich sehr über diesen glücklichen Einfall, denn er fand in der Schublade des Tisches das Blankoakzept, das er Vautrin ausgestellt und das er am Tage, als er Vautrin seine Schuld bezahlte, sorglos fortgelegt hatte. Da im Ofen kein Feuer war, wollte er das Papier in kleine Stücke zerreißen.

Da vernahm er die Stimme Delphines. Er wollte kein Geräusch machen und horchte auf die Worte Delphines, überzeugt, daß sie kein Geheimnis vor ihm haben dürfe. Von den ersten Worten an fand er die Unterhaltung zwischen Vater und Tochter so interessant, daß er weiter zuhörte.

»Ah! Vater«, sagte sie, »gebe der Himmel, daß Sie die Rechnungslegung über mein Vermögen noch so zeitig gefordert haben, daß ich nicht ruiniert bin. Darf ich sprechen?«

»Ja, es ist niemand im Hause«, antwortete Vater Goriot erregt.

»Was hast du denn, Vater?« fragte Delphine.

»Du hast mir einen Beilhieb auf den Kopf gegeben«, sagte der Greis. »Gott verzeihe dir, mein Kind! Du weißt nicht, wie sehr ich dich liebe; wenn du es wüßtest, hättest du mir so etwas nicht brüsk gesagt, vor allem, wo die Lage nicht verzweifelt ist. Was hat sich denn so Dringendes ereignet, daß du mich hier aufsuchst, da du mich doch in wenigen Minuten in der Rue d'Artois treffen konntest?«

»Ist man Herr seiner ersten Bewegung, wenn sich eine Katastrophe ereignet? Ich bin halb irre. Dein Anwalt hat uns das Unglück ein wenig früher verkündet, das sich ohne Zweifel später ereignen wird. Deine alte Geschäftserfahrung wird uns sehr notwendig sein, und ich bin hergeeilt, um mich an dich zu klammern wie ein Ertrinkender an einen Ast. Als Herr Derville sah, wie Nücingen ihm tausend Schikanen entgegensetzte, hat er ihm mit einem Prozeß gedroht und ihm erklärt, daß die Autorisation des Tribunalpräsidenten binnen kurzem erteilt werden würde. Nücingen ist heute morgen zu mir gekommen, um mich zu fragen, ob ich seinen und meinen Ruin wollte. Ich habe ihm geantwortet, daß ich von alldem nichts verstände, daß ich ein Vermögen hätte und in den Besitz dieses Vermögens gelangen wollte. Alles Weitere ginge meinen Advokaten an, ich wüßte nicht, worum es sich handelte und sei auch nicht imstande, etwas davon zu begreifen. Hattest du mir nicht geraten, so zu sprechen?«

»Das ist richtig«, erwiderte Vater Goriot.

»Nun«, fuhr Delphine fort, »er hat mir den Stand seiner Geschäfte erklärt. Er hat seine und meine Kapitalien in Unternehmungen gesteckt, die erst im Anfangsstadium sind und die gewaltige Summen verschlungen haben. Wenn ich ihn zwinge, meine Mitgift herauszugeben, müßte er Konkurs anmelden. Wenn ich dagegen ein Jahr warten will, so würde er sich auf Ehrenwort verpflichten, mir ein Kapital zur Verfügung zu stellen, das zwei- bis dreimal so hoch ist wie meine Mitgift. Er will das Geld zu Landspekulationen verwenden, durch die ich Eigentümerin der erworbenen Besitzungen werde. Mein lieber Vater, er war aufrichtig. Er hat mir einen großen Schreck eingejagt. Er bat mich um Vergebung für sein Verhalten, er gab mir meine volle Freiheit, falls ich ihn die Geschäfte in meinem Namen führen ließe. Er versprach mir, um mir seine Ehrlichkeit zu beweisen, daß Derville jederzeit, wenn ich es wünschte, darüber ein Urteil abgeben könnte, ob die Verträge, durch die ich Eigentümerin der Besitzungen werde, in Ordnung sind. Er lieferte sich mir an Händen und Füßen gefesselt aus. Er verlangt noch für zwei Jahre die Leitung unseres Haushaltes, und er hat mich gebeten, für mich nicht mehr auszugeben, als er mir zuweist. Er hat mir bewiesen; daß er nicht mehr tun kann, als den äußeren Schein zu wahren; er habe sich von seiner Tänzerin getrennt und sei zu einer versteckten, aber strengen Sparsamkeit gezwungen, wenn er ohne Gefährdung seines Kredits das Ende seiner Spekulation abwarten will. Ich habe ihn gehörig vorgenommen, ich habe alles in Zweifel gezogen, um ihn in die Enge zu treiben und mehr zu erfahren; er hat mir seine Bücher gezeigt, und schließlich fing er an zu weinen. Niemals habe ich einen Menschen in einem ähnlichen Zustand gesehen. Er hatte den Kopf verloren, er sprach von Selbstmord, er redete irre. Er tat mir leid.«

»Und du glaubst an diese Flausen? . . .« rief Vater Goriot. »Er ist ein Schauspieler! Ich kenne die Deutschen in Geschäften: Sie sind fast alle ehrlich und aufrichtig. Aber wenn sie einmal unter der Maske der Offenheit und Gutmütigkeit den Schlaukopf und Betrüger zu spielen beginnen, so sind sie schlimmer als alle anderen. Dein Gatte führt dich hinters Licht. Er fühlt sich in die Enge getrieben, und jetzt stellt er sich tot. Er will lieber in deinem Namen Herr seines Vermögens bleiben als in seinem eigenen. Er will die Lage gut ausnutzen, um sich alle Chancen für sein Geschäft zu sichern. Er ist ebenso schlau wie hinterlistig, er ist ein böser Bursche. Nein, nein, ich werde mich nicht zum Père Lachaise hinaustragen lassen, wenn meine Töchter in der größten Not sind. Ich verstehe noch etwas von Geschäften. Er hat, wie er sagt, seine Werte in Unternehmungen angelegt. Nun, dann müssen seine Rechte durch Schuldverschreibungen oder Wechsel anerkannt sein! Mag er sie vorzeigen und mit dir abrechnen! Wir werden uns die besten Spekulationen aussuchen, wir werden in die Verträge eintreten; und wir lassen uns Titel auf den Namen ›Delphine Goriot, Gattin des Barons de Nücingen, mit ihm in Gütertrennung lebend‹, ausstellen. Hält er uns etwa für Dummköpfe? Glaubt er, ich könnte zwei Tage den Gedanken ertragen, daß du ohne Vermögen, ohne Brot bist? Nicht einen Tag, nicht eine Nacht, nicht zwei Stunden würde ich das aushalten. Wenn das Wahrheit würde, würde ich es nicht überleben. Das wäre noch schöner! Vierzig Jahre meines Lebens habe ich gearbeitet, habe Säcke auf meinem Rücken geschleppt. Ströme Schweißes habe ich vergossen, mein ganzes Leben habe ich mich geschunden für euch, meine Engel, die ihr mir jede Arbeit, jede Last leicht machtet! Und heute soll mein Vermögen, mein ganzes Leben in Rauch aufgehen! Vor Wut darüber würde ich sterben. Bei allem, was im Himmel und auf Erden heilig ist, wir werden das klarstellen, wir werden die Bücher, die Kasse und die Unternehmungen prüfen! Ich will nicht eher schlafen und essen, bevor nicht feststeht, daß dein Vermögen intakt ist. Gott sei Dank hast du die Gütertrennung erreicht und hast Derville, einen ehrlichen Mann, zum Anwalt. Du sollst deine hübsche kleine Million, deine fünfzigtausend Francs Rente bis an das Ende deiner Tage haben, oder ich mache einen Lärm in Paris, ah! ah! An das Parlament würde ich mich wenden, wenn die Gerichte uns übervorteilen. Wenn du wegen des Geldes ruhig und glücklich sein könntest, so wären alle meine Leiden geheilt und all mein Kummer gestillt. Das Geld ist das Leben. Geld macht alles. Was erzählt er uns da, der grobe Klotz von einem Elsässer? Delphine, laß ihm nicht einen viertel Heller nach, er, der dich an die Kette gelegt und dich unglücklich gemacht hat, dieses dicke Vieh! Wenn er dich braucht, so werden wir ihn vornehmen, und wir werden ihn kleinkriegen. Mein Gott, mein Kopf glüht mir, es ist, als hätte ich Feuer im Schädel. Meine Delphine liegt auf der Straße! Oh! Meine Fifine, du! Zum Henker, wo sind meine Handschuhe? Komm, wir wollen gehen, ich will alles sehen, die Bücher, die Papiere, die Kasse, die Korrespondenz, sofort! Ich bin erst ruhig, wenn ich weiß, daß dein Vermögen außer Gefahr ist, wenn ich es mit eigenen Augen sehe.«

»Mein lieber Vater, sei vorsichtig! . . . Wenn du irgendwelche Rachegelüste zeigst, wenn du dich zu feindselig stellst, bin ich verloren! Er kennt dich, er hat es ganz natürlich gefunden, daß ich mich unter deinem Einfluß um mein Vermögen beunruhigte; aber ich schwöre es dir, er hat es in der Hand, und er hält es fest. Er ist imstande, mit meinen ganzen Kapitalien zu fliehen und uns hier sitzen zu lassen, der Verbrecher. Er weiß sehr gut, daß ich selbst nicht den Namen, den ich trage, entehren werde, indem ich ihn verfolgen lasse. Er ist zugleich schwach und stark. Ich habe alles wohl geprüft. Wenn wir ihn zum Äußersten treiben, bin ich verloren.«

»Aber ist er denn wirklich ein solcher Schurke?«

»Ja, das ist er, mein Vater«, sagte sie und sank weinend auf einen Stuhl. »Ich wollte es dir nicht gestehen, um dir den Kummer zu ersparen, mich mit einem derartigen Menschen verheiratet zu sehen. Seine geheimen Laster und sein Gewissen, Seele und Körper, alles paßt zueinander! Es ist schrecklich, ich hasse ihn und verachte ihn. Ja, ich kann diesen gemeinen Nücingen nach allem, was er mir gesagt hat, nicht mehr achten. Ein Mensch, der imstande ist, sich in Geschäfte einzulassen, wie er sie mir eingestanden hat, hat nicht das geringste Gefühl mehr, und meine Befürchtungen kommen daher, daß ich deutlich in seiner Seele gelesen habe. Er hat mir, er, mein Gatte, mit klaren Worten meine Freiheit angeboten. Weißt du, was das heißt? Aber nur für den Fall, daß ich ein Instrument in seiner Hand bleibe, daß ich meinen Namen hergebe.«

»Aber es gibt noch Gesetze! Es gibt einen Richtplatz für Schwiegersöhne dieser Sorte!« rief Vater Goriot. »Ich könnte ihn selbst guillotinieren, wenn kein Henker da wäre.«

»Nein, mein Vater, es gibt keine Gesetze gegen ihn. Höre in zwei Worten ohne Floskeln, was er sagte: ›Entweder es ist alles verloren, und Sie haben nicht einen Heller, Sie sind ruiniert – denn ich würde mir keinen anderen Spießgesellen aussuchen –, oder Sie lassen mich meine Unternehmung zu Ende führen.‹ Ist das deutlich? Er hängt noch an mir. Es beruhigt ihn, daß ich eine anständige Frau bin; er weiß, daß ich ihm sein Vermögen lasse und mich mit dem meinigen begnügen werde. Ich muß einem betrügerischen Unternehmen zustimmen, wenn ich nicht ruiniert sein will. Er kauft mein Gewissen und bezahlt es, indem er mich die Frau Eugens sein läßt. Ich erlaube dir, deine Sünden zu begehen, laß mich meine Verbrechen begehen und kleine Leute ruinieren. Das ist doch deutlich! Weißt du, worin seine sogenannten Operationen bestehen? Er kauft Grundstücke auf seinen Namen und läßt dann durch Strohmänner Häuser bauen. Diese Kerle bezahlen ihre Bauunternehmer mit langfristigen Wechseln und treten ihre Ansprüche gegen eine geringe Summe an meinen Gatten ab, der so Besitzer der Häuser wird, während die Strohmänner betrügerischen Bankrott machen. Der Glanz des Hauses Nücingen hat so dazu gedient, die armen Unternehmer zu blenden. Ich habe das wohl verstanden. Ich habe auch verstanden, daß Nücingen, um für den Notfall große Zahlungen nachweisen zu können, beträchtliche Summen nach Amsterdam, London, Neapel und Wien gesandt hat. Wie könnten wir dieses Geld fassen?«

Eugen hörte ein Geräusch, das offenbar davon herrührte, daß Vater Goriot auf dem Boden des Zimmers in die Knie sank.

»Mein Gott, was habe ich dir getan? Meine Tochter diesem Elenden ausgeliefert, der alles von ihr verlangen wird, wenn er will! Verzeihe mir, meine Tochter!« rief der Greis.

»Ja, ich bin in einem Abgrund, und vielleicht bist du schuld daran«, sagte Delphine. »Wir haben so wenig Verstand, wenn wir heiraten! Kennen wir die Welt, die Geschäfte, die Menschen, die Sitten? Die Väter müßten für uns denken. Lieber Vater, ich werfe dir nichts vor, verzeihe mir dieses Wort! Die Schuld liegt ganz bei mir. Nein, weine nicht, Papa«, sagte sie, die Stirn ihres Vaters küssend.

»Weine auch du nicht, meine kleine Delphine. Zeig deine Augen, ich will sie mit meinen Küssen trocknen. So! Ich werde meinen Kopf schon wieder zusammenfinden und das Wirrsal von Geschäften klären, das dein Gatte zusammengemengt hat.«

»Nein, laß mich nur machen, ich weiß ihn zu nehmen. Er liebt mich schließlich, und ich werde meine Macht über ihn benutzen, um einige Kapitalien herauszubekommen. Vielleicht lasse ich ihn unter meinem Namen das Gut Nücingen im Elsaß zurückkaufen; er hängt daran. Aber komm morgen, um seine Bücher und Geschäfte zu prüfen. Herr Derville versteht nichts von geschäftlichen Dingen . . . Nein, komm morgen nicht. Ich will mich nicht aufregen. Der Ball der Madame de Beauséant findet übermorgen statt, ich will mich pflegen, um schön und ausgeruht zu sein, um meinem lieben Eugen Ehre zu machen! . . . Sehen wir uns doch einmal sein Zimmer an.«

In diesem Augenblick hielt ein Wagen in der Rue Neuve-Ste-Geneviève, und man hörte die Stimme der Madame de Restaud auf der Treppe, die Sylvia fragte: »Ist mein Vater da?«

Dieser Umstand kam Eugen zugute, der schon daran dachte, sich aufs Bett zu werfen und zu tun, als ob er schliefe.

»Ah, mein Vater, hat man dir schon von Anastasie erzählt?« sagte Delphine, die die Stimme ihrer Schwester erkannte. »Es scheint, daß sich auch in ihrer Ehe eigenartige Dinge zugetragen haben.«

»Was denn?« sagte Vater Goriot, »das wäre mein Ende! Mein armer Kopf könnte ein zweites Unglück nicht ertragen.«

»Guten Tag, Vater«, sagte die Gräfin, ins Zimmer tretend. »Ah, du bist da, Delphine.«

Madame de Restaud schien von der Anwesenheit ihrer Schwester unangenehm berührt zu sein.

»Guten Tag, Nasie«, sagte die Baronin. »Findest du es seltsam, daß ich hier bin? Ich für meinen Teil sehe Vater alle Tage.«

»Seit wann das?«

»Wenn du öfter kämest, würdest du es wissen.«

»Quäle mich nicht, Delphine«, bat die Gräfin mit weinerlicher Stimme. »Ich bin todunglücklich, ich bin verloren, mein armer Vater, oh, diesmal bin ich aber verloren!«

»Was hast du, Nasie?« rief Vater Goriot. »Sag alles, mein Kind! Sie wird blaß! – Delphine, hilf ihr doch, sei gut zu ihr, ich hab' dich dann noch lieber, wenn das überhaupt möglich ist.«

»Meine arme Nasie«, sagte Madame de Nücingen, sich neben ihre Schwester setzend, »sprich! Wir beide lieben dich so, daß wir dir alles verzeihen. Siehst du, die Familienbande sind doch die festesten.«

Sie ließ sie Riechsalz einatmen, und die Gräfin kam wieder zu sich. »Daran sterbe ich«, sagte Vater Goriot. Er schürte sein Torffeuer. »Kommt beide näher. Mir ist so kalt. Was hast du, Nasie, sag es schnell, du tötest mich.«

»Nun also«, sagte die arme Frau, »mein Mann weiß alles. Stell dir vor, Vater, vor einiger Zeit – entsinnst du dich Maximes Wechsel? Nun, es war nicht der erste. Ich hatte bereits viele bezahlt. Gegen Anfang Januar schien mir Herr de Trailles sehr traurig zu sein. Er sagte mir nichts; aber es ist so leicht, im Herzen derer zu lesen, die man liebt, ein Nichts genügt, und dann gibt es auch Ahnungen. Und schließlich: Er war verliebter und zärtlicher als jemals, ich war immer glücklich. Armer Maxime! In Gedanken nahm er schon Abschied von mir, wie er mir sagte: er wollte sich erschießen! Schließlich habe ich ihn so lange gequält, hab' so lange gebettelt, einmal habe ich zwei Stunden lang zu seinen Füßen gelegen – bis er dann hunderttausend Francs Schulden eingestand! Oh! Papa, hunderttausend Francs! Ich wurde halb irrsinnig. Du hattest sie nicht, ich hatte alles verbraucht . . .«

»Nein«, sagte Vater Goriot, »ich hätte sie nicht auftreiben können, oder ich hätte stehlen müssen. Aber ich hätte es getan. Und ich tue es jetzt noch.«

Bei diesem trostlosen Wort, das wie das Röcheln eines Sterbenden klang und das die Agonie des zur Ohnmacht verurteilten Vatergefühls ankündete, verstummten die Schwestern. Vor diesem Schrei der Verzweiflung, der wie der in den Abgrund rollende Stein die ganze Tiefe des Gefühls offenbarte, mußte sich der kalte Egoismus beschämt zurückziehen.

»Ich habe mir das Geld verschafft, indem ich über Dinge verfügte, die mir nicht gehörten«, sagte die Gräfin in Tränen ausbrechend.

Delphine weinte vor Rührung und legte ihren Kopf auf die Schulter ihrer Schwester.

»Es ist also alles wahr!« sagte sie.

Anastasie neigte ihr Gesicht, Delphine umschlang sie und küßte sie zärtlich.

»Hier wird man dich immer lieben, ohne dich zu richten«, sagte sie.

»Meine Engel«, sagte Goriot mit schwacher Stimme, »warum muß erst das Unglück kommen, um euch zu vereinen!«

»Um Maxime vor dem Tode zu bewahren, um mein Glück zu retten«, fuhr die Gräfin fort, die durch die Anteilnahme von Vater und Schwester ermutigt wurde, »habe ich die Diamanten der Familie, an denen Herr de Restaud so hängt, und die meinigen auch zu dem bekannten Wucherer Gobseck gebracht, dieser Ausgeburt der Hölle. Ich habe sie verkauft, verkauft, versteht ihr? Er ist gerettet, aber mit mir ist es zu Ende. Restaud hat alles erfahren.«

»Durch wen? Auf welche Weise? Ich bringe ihn um!« rief Vater Goriot.

»Gestern ließ er mich in sein Zimmer rufen. Als ich erschien, rief er mit einer Stimme – die Stimme genügte, ich ahnte bereits alles: ›Anastasie, wo sind Ihre Diamanten?‹ – ›In meinem Zimmer.‹ – ›Nun‹, sagte er, mich anblickend, ›hier sind sie, auf meiner Kommode.‹ Er zeigt mir den Kasten, der mit einem Taschentuch bedeckt war. ›Sie wissen, woher sie kommen?‹ fragte er. Ich bin ihm zu Füßen gefallen, ich habe geweint, ich wollte ihn bestimmen lassen, welchen Todes ich sterben solle.«

»Das hast du gesagt!« rief Vater Goriot. »Beim heiligen Namen Gottes, den, der euch Übles tut, den werde ich bei lebendigem Leibe rösten! Ich könnte ihn in Stücke reißen, wie . . .«

Vater Goriot verstummte, die Worte blieben ihm in der Kehle stecken.

»Schließlich, meine Lieben, forderte er von mir etwas, was schwerer ist, als zu sterben. Der Himmel bewahre jede Frau davor, das anzuhören, was ich gehört habe!«

»Ich ermorde diesen Menschen«, sagte Vater Goriot ruhig. »Er hat nur ein Leben, aber mir schuldet er zwei. Nun, und weiter?« sagte er, Anastasie ansehend.

»›Anastasie‹, sagte er, ›ich will alles mit Stillschweigen zudecken, wir bleiben zusammen, wir haben ja Kinder. Ich werde Herrn de Trailles nicht töten, ich könnte ihn verfehlen, und wenn ich mich anders seiner entledigen wollte, so könnte ich mit der irdischen Gerechtigkeit in Konflikt kommen. Wenn ich ihn in Ihren Armen tötete, würde ich die Kinder entehren (er sagte ›die Kinder‹, nicht ›unsere‹). Aber wenn weder die Kinder noch ihr Vater untergehen sollen, so stelle ich zwei Bedingungen. Antworten Sie: Ist eines der Kinder von mir?‹ Ich bejahte, ›Welches?‹ fragte er. ›Ernest, unser Ältester.‹ – ›Gut‹, sagte er. ›Jetzt schwören Sie, mir in Zukunft in einem einzigen Punkte zu gehorchen.‹ Ich schwor es. ›Sie werden den Verkauf Ihrer Besitztümer unterzeichnen, sobald ich es von Ihnen fordere.‹«

»Unterzeichne nicht!« rief Vater Goriot, »unterzeichne niemals solch ein Schriftstück. Ah! Ah! Herr de Restaud, Sie wissen nicht, was es heißt, eine Frau glücklich zu machen! Sie sucht ihr Glück, wo sie es findet, und Sie wollen sie für Ihre stupide Unfähigkeit bestrafen! . . . Aber halt, ich bin noch da! Er wird mich auf seinem Wege treffen. Nasie, sei ruhig. Ah, er hängt an seinem Erben! Gut, gut, ich werde ihm seinen Sohn entführen, der – beim heiligen Donner! – mein Enkel ist. Ich darf das Bürschchen doch wohl noch sehen! Ich werde ihn in mein Heimatdorf bringen und ihn gut pflegen lassen, sei ohne Sorge! Ich werde ihn kleinkriegen, dieses Ungeheuer, wenn ich ihm sage: Jetzt hast du es mit mir zu tun. Wenn du deinen Sohn zurückhaben willst, gib meiner Tochter ihr Vermögen heraus und laß ihr ihre Freiheit!«

»Vater!«

»Ja, dein Vater! Ah! Ich bin ein wirklicher Vater. Dieser Bursche von einem Grafen soll mir nicht meine Tochter mißhandeln. Zum Donner! Ich weiß nicht, was ich in den Adern habe. Es muß Tigerblut sein, ich könnte diese beiden Menschen verschlingen. Oh, meine Kinder, das ist also euer Leben! Aber das ist mein Tod . . . Was soll aus euch werden, wenn ich nicht mehr da bin? Die Väter müßten so lange leben wie ihre Kinder. Mein Gott, wie ist die Welt schlecht eingerichtet! Aber du hast doch einen Sohn, wie man uns gelehrt hat. Du dürftest nicht zulassen, daß wir in unseren Kindern leiden. Nur euren Schmerzen verdanke ich es, daß ihr hier seid, meine Engel. Nur eure Tränen lerne ich kennen. Aber doch, ihr liebt mich, ich sehe es. Kommt nur her, um euch bei mir auszuweinen! In meinem Herzen ist viel Raum . . . Ja, ihr könnt es ruhig zerreißen, aus den Stücken kann man noch Vaterherzen machen. Ich möchte eure Sorgen auf mich nehmen, für euch leiden . . . Ach, als ihr klein wart, wart ihr wirklich glücklich . . .«

»Ja, das war die einzige Zeit, wo es uns gut ging«, sagte Delphine. »Wo sind die Zeiten, als wir im großen Speicher die Säcke hinabrutschten?«

»Mein Vater, ich habe dir noch nicht alles gesagt«, sagte Anastasie leise zu Goriot, der zusammenzuckte. »Für die Diamanten haben wir keine hunderttausend Francs bekommen. Maxime wird gerichtlich verfolgt. Wir haben nur noch zwölftausend Francs zu zahlen. Er hat mir versprochen, vernünftig zu werden und nicht mehr zu spielen. Auf Erden bleibt mir nur noch seine Liebe, und ich habe sie so teuer bezahlt, daß ich sterben würde, wenn man mir sie raubte. Ich habe ihr alles geopfert, mein Vermögen, meine Ehre, meine Ruhe und meine Kinder. Oh, dafür, daß Maxime wenigstens frei und in Ehren bleibt, daß er weiter in der Gesellschaft verkehren kann, in der er sich schon eine Stellung erringen wird! Ich kann nur noch von ihm ein wenig Glück erhoffen; unsere Kinder werden eines Tages ohne Vermögen sein. Alles ist verloren, wenn man ihn ins Ste-Pélagie-Gefängnis wirft.«

»Ich habe kein Geld, Nasie! Nichts mehr, nichts! Das ist das Ende der Welt. Ja, die Welt muß zugrunde gehen, das ist sicher. Eilt, rettet euch vorher! Oh, ich habe noch meine Silberschnallen und sechs Bestecke, die ersten Silbersachen, die ich in meinem Leben hatte! Sonst bleiben mir nur noch 1200 Francs Leibrente.«

»Was hast du denn mit deiner Staatsrente gemacht?«

»Ich habe sie verkauft und nur noch die kleine Summe für meine eigenen Bedürfnisse zurückbehalten. Ich hatte 12 000 Francs nötig, um Fifine ein Appartement einzurichten.«

»In deinem Hause, Delphine?« fragte die Gräfin ihre Schwester.

»Oh, was macht das«, fuhr Vater Goriot fort. »Jedenfalls sind die 12 000 Francs verbraucht.«

»Ich ahne alles«, sagte die Gräfin. »Für Herrn von Rastignac. Ah! meine arme Delphine, treib es so nicht weiter! Du siehst, wie es mir geht.«

»Meine Teure, Herr von Rastignac ist ein junger Mann, der unfähig ist, seine Geliebte zu ruinieren.«

»Danke, Delphine! . . . In der Krise, in der ich mich befinde, hätte ich etwas Besseres von dir erwartet; aber du hast mich nie geliebt.«

»Doch, sie liebt dich, Nasie!« rief Vater Goriot; »Sie hat es mir eben noch gesagt. Wir sprachen gerade noch von dir; sie behauptete, du seiest schön, sie selbst nur hübsch.«

»Sie?« fuhr die Gräfin fort. »Sie ist eine kalte Schönheit.«

»Auch wenn das wahr wäre«, sagte Delphine errötend, »wie hast du dich gegen mich betragen? Du hast mich verleugnet, du hast mir die Türen aller Häuser schließen lassen, in denen ich verkehren wollte. Du hast niemals die geringste Gelegenheit vorübergehen lassen, um mir Schmerz zu bereiten. Und ich, bin ich hergelaufen wie du, um dem armen Vater sein ganzes Vermögen zu entziehen, einen Tausendfrancschein nach dem anderen, und ihn so weit zu bringen, wie er heute ist? Da siehst du dein Werk, meine Schwester. Ich habe Vater so oft besucht, wie ich konnte, ich habe ihn nicht von der Tür gewiesen, und ich bin nicht gekommen, ihm die Hände zu lecken, wenn ich in Not war. Ich wußte gar nicht, daß er die 12 000 Francs für mich verwandt hatte. Ich habe noch Anstand, du weißt es ja! Übrigens, wenn Papa mir Geschenke gemacht hat, so habe ich niemals darum gebettelt.«

»Du warst eben glücklicher als ich. Herr de Marsey war reich, du weißt davon ein Lied zu singen. Du warst immer feil wie Gold. Adieu, ich habe keine Schwester mehr . . .«

»Schweig, Nasie!« rief Vater Goriot.

»Nur eine Schwester wie du kann Geschichten vorbringen, an die die Welt längst nicht mehr glaubt. Du bist ein Ungeheuer!« rief Delphine.

»Meine Kinder, meine Kinder, schweigt, oder ich nehme mir vor euren Augen das Leben.«

»Komm, Nasie, ich verzeihe dir«, fuhr Madame de Nücingen fort, »du bist unglücklich. Aber ich bin besser als du. Wie kannst du mir so etwas in einem Augenblick sagen, wo ich imstande war, alles zu tun, um dir zu helfen, selbst das Schlafzimmer meines Gatten zu betreten, was ich nicht einmal für mich tun würde und nicht für . . . Aber das paßt zu all dem Leid, das du mir seit neun Jahren zugefügt hast.«

»Meine Kinder, meine Kinder, umarmt euch«, sagte der Vater. »Ihr seid zwei Engel.«

»Nein, lassen Sie mich«, schrie die Gräfin, die von Vater Goriot umfaßt wurde, und schüttelte die Umarmung ab.

»Sie hat weniger Mitleid mit mir als mein Gatte. Sie ist ein richtiges Musterbild der Tugend.«

»Es ist mir noch lieber, wenn die Leute von mir sagen, ich schulde Herrn de Marsey Geld, als wenn ich gestehen muß, daß Herr de Trailles mich mehr als 200 000 Francs kostet«, erwiderte Madame de Nücingen.

»Delphine!« schrie die Gräfin und machte einen Schritt, um auf sie loszugehen.

»Ich sage dir die Wahrheit, während du mich verleumdest«, erwiderte die Baronin kalt.

»Delphine, du bist eine . . .«

Vater Goriot sprang auf, hielt die Gräfin zurück und hinderte sie am Sprechen, indem er ihr die Hand auf den Mund legte.

»Mein Gott, Vater, was haben Sie denn heute morgen angefaßt?« sagte Anastasie.

»Ach ja, was mache ich auch«, sagte der arme Vater, der sich die Hände an der Hose abwischte. »Ich wußte ja nicht, daß ihr kamt, ich bin beim Umziehen.«

Er war glücklich, sich einen Vorwurf zugezogen zu haben, der den Zorn seiner Tochter auf ihn lenkte.

»Ah!« fuhr er fort, nachdem er sich gesetzt hatte. »Ihr habt mir das Herz gespalten. Ich sterbe, meine Kinder! Der Schädel kocht mir, als wenn Feuer drinnen wäre. Seid doch brav und habt euch lieb, sonst bringt ihr mich in den Tod! Delphine, Nasie, ihr habt beide recht, ihr habt beide unrecht.« Er sah die Baronin mit Tränen in den Augen an: »Also Dedel, sie braucht 12 000 Francs, sehen wir zu, wie wir sie auftreiben! Seht euch nicht so an!« Er sank vor Delphine in die Knie. »Bitte sie um Verzeihung, tu mir den Gefallen«, sagte er ihr ins Ohr. »Du weißt doch, sie ist unglücklicher als du.«

Delphine erschrak über den wilden, irren Ausdruck, den der Schmerz den Zügen ihres Vaters verlieh. »Meine arme Nasie«, sagte sie, »ich habe unrecht gehabt, komm, gib mir einen Kuß!«

»Ach, das ist Balsam für mein blutendes Herz!« rief Vater Goriot. »Aber woher die 12 000 Francs nehmen? Wenn ich als Ersatzmann ins Gefängnis ginge!«

»Aber Vater, nein, nein!« riefen die Töchter.

»Gott wird dich für diesen Gedanken belohnen, unser Leben reicht dafür nicht aus, nicht wahr, Nasie?« sagte Delphine.

»Und dann, armer Vater, es wäre ja nur ein Tropfen auf einen heißen Stein«, bemerkte die Gräfin.

»Aber kann man denn nichts mit seinem Blut machen?« rief der Greis verzweifelt. »Ich opfere mein Leben für den, der dich rettet, Nasie! Ich könnte einen Menschen für ihn umbringen, für ihn ins Bagno gehen wie Vautrin, ich . . .«

Er verstummte, wie vom Blitz getroffen.

»Nichts mehr!« rief er dann, sich die Haare raufend. »Wenn ich nur wüßte, wo man stehlen kann, aber auch ein Diebstahl ist schwer. Man braucht Menschen und Zeit, wenn man bei der Bank einbrechen will. Ich muß sterben, etwas anderes bleibt mir nicht übrig. Ja, ich bin zu nichts mehr nutze, ich bin ja kein Vater, nein! Sie bittet mich, sie ist in Not, und ich, ich Elender, hab' nichts! Du hast dir eine Leibrente genommen, alter Verbrecher, wo du Töchter hattest! Liebst du sie denn nicht? Verrecke, verrecke als der Hund, der du bist! Ja, ich bin weniger als ein Hund, ein Hund würde sich nicht so benehmen. Oh, mein Kopf . . . er kocht!«

»Aber Papa!« riefen die beiden jungen Frauen und hielten ihn fest, damit er nicht mit dem Kopf gegen die Wand rannte. »Sei doch vernünftig!«

Er schluchzte. Eugen griff in tiefster Erschütterung zu dem Wechsel, den er Vautrin ausgestellt hatte. Die Stempelmarke ließ eine weit höhere Summe, als angegeben, zu. Er änderte die Zahl und schrieb einen regelrechten Wechsel über 12 000 Francs an die Order Goriots aus. Dann trat er ein.

»Hier ist all das Geld, das Sie brauchen, gnädige Frau«, sagte er, ihr das Papier überreichend. »Ich habe geschlafen, Ihre Unterhaltung hat mich geweckt, ich habe so erfahren, was ich Herrn Goriot schulde. Hier ist daher der Wechsel, den Sie in Zahlung geben können; ich werde ihn pünktlich einlösen.«

Die Gräfin stand mit dem Wechsel in der Hand unbeweglich da.

»Delphine«, sagte sie, bleich und vor Wut und Zorn zitternd, »ich habe dir alles verziehen, Gott ist mein Zeuge. Aber dies ist zuviel! Wie, der Herr war da, du wußtest es? Du hast die Gemeinheit besessen, dich zu rächen, indem du ihm meine Geheimnisse ausliefertest, mein und meiner Kinder Leben, meine Schande, meine Ehre! So! Du bist mir nichts mehr, ich hasse dich, ich werde dir alles nur mögliche Böse antun . . ., ich . . .«

Der Zorn machte ihr die Kehle trocken und ließ sie verstummen.

»Aber er ist ja mein Sohn, unser Kind, dein Bruder, dein Retter!« rief Vater Goriot. »Umarme ihn, Nasie! Sieh, ich umarme ihn!« Er preßte Eugen fast wild an sich. »Oh, mein Kind, ich bin nicht mehr nur ein Vater für dich, eine ganze Familie will ich dir sein. Ich möchte Gott sein, um dir das Universum zu Füßen zu legen. Aber, so küß ihn doch, Nasie! Er ist kein Mensch, er ist ein Engel, ein wirklicher Engel!«

»Laß sie gehen, sie ist nicht bei Sinnen«, sagte Delphine.

»Ich nicht bei Sinnen! Und was bist du?« rief Madame de Restaud. Der Greis sank, wie von einer Kugel getroffen, auf das Bett.

»Meine Kinder, ich sterbe, wenn ihr nicht aufhört«, rief er. »Sie töten mich«, sagte er vor sich hin.

Die Gräfin sah Eugen an, der unbeweglich, erschüttert durch diese wilde Szene, dastand. »Mein Herr? . . .« sagte sie mit einer Frage in Blick, Stimme und Geste, ohne auf ihren Vater achtzugeben, um den sich Delphine bemühte.

»Madame, ich werde den Wechsel einlösen und schweigen«, sagte Eugen, ohne die weitere Frage der Gräfin abzuwarten.

»Du hast Vater getötet, Nasie!« sagte Delphine, die auf den ohnmächtig gewordenen Greis wies. Die Gräfin verließ das Zimmer.

»Ich verzeihe ihr aus ganzem Herzen«, sagte der Alte, als er die Augen wieder öffnete. »Ihre Lage ist furchtbar und kann den besten Kopf verwirren. Tröste Nasie, sei milde zu ihr, versprich es deinem armen Vater, der dem Tode nahe ist«, sagte er zu Delphine, ihr die Hand drückend.

»Was hast du nur?« fragte sie ganz erschreckt.

»Nichts, nichts«, antwortete der Vater, »das wird vorübergehen. Ich habe so einen Druck auf der Stirn, eine Migräne . . . Arme Nasie, welch eine Zukunft!«

In diesem Moment kam die Gräfin ins Zimmer zurück, warf sich vor ihrem Vater auf die Knie und rief: »Vergib mir!«

»Aber du tust mir jetzt noch viel mehr weh!« antwortete Vater Goriot. Zu Rastignac sagte Frau von Restaud mit Tränen in den Augen:

»Der Schmerz hat mich ungerecht gemacht.« Dann reichte sie ihm die Hand: »Also Sie wollen wie ein Bruder zu mir sein?«

Delphine drückte ihre Schwester an sich: »Nasie, meine kleine Nasie, laß uns alles vergessen!«

»Nein!« antwortete sie, »ich werde daran denken.«

»Meine Engel«, rief Vater Goriot, »eure Stimme gibt mir neues Leben, und der Schleier, der mir vor den Augen lag, fällt. Umarmt euch noch einmal. – Nun, Nasie, wird der Wechsel dich retten?«

»Ich hoffe es. Aber, Papa, willst du nicht deine Unterschrift darunter setzen?«

»Ist wahr, ich Dummkopf, so etwas zu vergessen! Aber mir war so schlecht, Nasie, sei mir nicht böse! Gib mir Nachricht, wenn du alles erledigt hast. Nein – ich komme selbst. Ach nein, ich komme doch nicht, ich möchte deinen Mann nicht sehen, ich würde ihn auf der Stelle töten. Wenn er dein Eigentum verschleudern will, bin ich noch da. Geh schnell, mein Kind, und sieh, daß Maxime vernünftig wird.«

Eugen war vor Erstaunen fassungslos.

»Die arme Anastasie war immer so heftig«, sagte Madame de Nücingen, »aber sie hat doch ein gutes Herz.«

»Sie ist nur wegen der Unterschrift des Wechsels zurückgekommen«, sagte Eugen leise zu Delphine.

»Glauben Sie?«

»Ich wollte, ich brauchte es nicht zu glauben. Hüten Sie sich vor ihr«, antwortete er mit einem Blick, der Gott die Gedanken anzuvertrauen schien, die er nicht aussprechen wollte.

»Ja, sie war immer ein wenig Komödiantin, und mein armer Vater läßt sich durch ihre Mätzchen fangen.«

»Wie geht es Ihnen, mein guter Vater Goriot?« fragte Rastignac den Greis.

»Ich möchte ein wenig schlafen«, erwiderte er.

Eugen half Goriot beim Zubettgehen. Der Alte entschlummerte, indem er die Hand Delphines festhielt.

»Auf heute abend in der Komischen Oper«, sagte Delphine zum Abschied, »du wirst mir dann sagen, wie es ihm geht. Morgen ziehen Sie um, mein Herr. Sehen wir uns einmal dein Zimmer an . . . Oh, wie abscheulich!« sagte sie beim Eintreten. »Du hast ja schlimmer gewohnt als mein Vater. Eugen, du hast dich edel benommen. Ich würde dich dafür noch mehr lieben, wenn es möglich wäre. Aber, mein Kind, wenn Sie Ihr Glück machen wollen, so dürfen Sie nicht ohne weiteres 12 000 Francs aus dem Fenster werfen. Der Comte de Trailles ist ein Spieler. Meine Schwester will das nicht einsehen. Er hätte sich seine 12 000 Francs da suchen können, wo er seine Berge Gold gewinnt oder verliert.«

Auf ein Stöhnen Goriots wandten sie sich zu ihm um, der anscheinend schlummerte. Aber als sie nähertraten, hörten sie, wie er sprach: »Sie sind nicht glücklich!«

Delphine war über den Ton dieser Worte, von denen man nicht wußte, ob sie im Schlaf oder im Wachen gesprochen waren, so betroffen, daß sie an das elende Bett trat und ihren Vater auf die Stirn küßte. Er öffnete die Augen und sagte: »Ah, du bist es, Delphine?«

»Nun, wie geht es dir jetzt?« fragte sie.

»Gut«, erwiderte er. »Beunruhige dich nicht, ich werde aufstehen. Geht, geht, meine Kinder, seid glücklich!«

Rastignac begleitete Delphine bis zu ihrer Wohnung. Aber da ihn der Zustand des Vaters beunruhigte, weigerte er sich, mit ihr zu essen, und ging zum Hause Vauquer zurück. Vater Goriot war aufgestanden und im Begriff, sich zu Tisch zu setzen. Bianchon hatte sich einen Platz so gewählt, daß er das Gesicht des Alten gut studieren konnte. Als der Student sah, wie er sein Brot nahm und daran roch, um die Qualität des Mehls festzustellen, erkannte er an den Bewegungen, daß der Alte sich seiner Handlungen nicht mehr bewußt war. Bianchon machte eine Geste, die nichts Gutes zu bedeuten hatte.

»Komm her zu mir, Herr Hilfsarzt vom Cochin«, sagte Eugen.

Bianchon folgte dieser Aufforderung um so lieber, als er mehr in die Nähe des alten Pensionsgastes kam.

»Was hat er?« fragte Rastignac.

»Wenn ich mich nicht irre, ist es aus mit ihm. Irgend etwas Außergewöhnliches muß in ihm vorgegangen sein, er scheint mir unter dem Druck eines drohenden Schlaganfalls zu stehen. Während die unteren Partien des Gesichts ziemlich ruhig sind, zieht sich oben alles unwiderstehlich zur Stirn hin, siehst du! Die Augen sind in dem eigenartigen Zustand, der das Eindringen des Blutes ins Gehirn ankündigt. Sieht es nicht aus, als wären sie voll feinen Staubes? Morgen früh werde ich mehr wissen.«

»Gibt es irgendein Mittel?«

»Es gibt keins. Vielleicht kann man den Tod hinausschieben, wenn man eine Reaktion nach unten, vor allem nach den Beinen, herbeiführt. Aber wenn morgen abend die Symptome nicht aufhören, ist der arme Alte verloren. Weißt du etwa, was seine Krankheit herbeigeführt hat? Er muß einen schweren Schlag erlitten haben, unter dem seine seelische Widerstandsfähigkeit zusammengebrochen ist.«

»Ja«, sagte Rastignac, der daran denken mußte, wie die beiden Töchter unablässig auf das Herz des Alten eingeschlagen hatten.

Delphine, dachte er, liebt wenigstens noch ihren Vater.

Abends in der Komischen Oper sprach Rastignac sehr vorsichtig, um Madame de Nücingen nicht zu sehr aufzuregen.

»Seien Sie unbesorgt«, sagte sie auf die ersten Worte Eugens, »mein Vater ist stark. Nur haben wir ihm heute morgen eine kleine Erschütterung beigebracht. Unsere Vermögen stehen auf dem Spiele, können Sie sich die ganze Größe dieses Unglücks ausdenken? Ich würde schon nicht mehr leben, wenn Ihre Liebe mich nicht gegen Dinge unempfindlich machte, die mir früher Todesqualen bereitet hätten. Für mich gibt es heute nur eine Furcht, nur ein Unglück: die Liebe zu verlieren, die mir diese Lebensfreude gegeben hat. Außer diesem Gefühl ist mir alles gleichgültig, ich liebe sonst nichts mehr auf der Welt. Sie sind alles für mich! Wenn ich den Reichtum brauche, um glücklich zu sein, so nur deshalb, weil ich Ihnen so besser gefalle. Zu meiner Schande muß ich gestehen: Ich bin eine bessere Geliebte als Tochter. Weshalb? Ich weiß es nicht. All mein Leben sind Sie. Mein Vater hat mir ein Herz geschenkt, aber Sie haben es lebendig gemacht. Die ganze Welt mag mich tadeln. Was tut's? Wenn nur Sie mich von einem Verbrechen freisprechen, zu dem mich ein unwiderstehliches Gefühl treibt! Glauben Sie, ich sei hartherzig gegen meinen Vater? Oh, nein. Wie sollte man so einen guten Vater, wie den unsrigen, nicht lieben? Konnte ich es verhindern, daß er schließlich die natürlichen Folgen unserer beklagenswerten Ehen miterleben mußte? Weshalb hat er sie zugelassen? War es nicht seine Sache, für uns zu überlegen? Heute weiß ich, er leidet ebenso darunter wie wir, aber was können wir dagegen tun? Ihn trösten? Wir können es nicht. Unsere Resignation würde ihm mehr Schmerz bereiten als unsere Klagen und Vorwürfe. Es gibt Lagen im menschlichen Leben, wo das eine so bitter ist wie das andere.«

Eugen blieb stumm. Dieser naive Ausdruck eines wahren Gefühls machte ihn ergriffen. Die Pariserinnen sind gewiß oft falsch, trunken vor Eitelkeit, selbstsüchtig, kokett und kalt. Aber wenn sie wirklich lieben, so opfern sie ihrer Leidenschaft mehr Gefühle als andere Frauen. Sie werden erhaben und wachsen über alle ihre Charakterschwächen hinaus. Eugen war erstaunt über das tiefe und klare Urteil, das einer fühlenden Frau möglich ist, wenn eine große Leidenschaft sie beseelt. Madame de Nücingen war das Schweigen Eugens nicht angenehm.

»Woran denken Sie denn?« fragte sie ihn.

»Ich höre noch immer, was Sie mir eben sagten. Bisher glaubte ich, Sie mehr zu lieben als Sie mich.«

Sie lächelte. Aber sie wollte die Freude, die sie empfand, nicht über sich Herr werden lassen, sonst hätte die Unterhaltung die Schranken der Konvenienz brechen können. Niemals hatte sie bisher den glühenden Ausbruch einer jungen, wahren Liebe erlebt. Noch einige Worte mehr, und sie hätte nicht an sich halten können.

»Eugen«, sagte sie, um den Gesprächsgegenstand zu wechseln, »wissen Sie nicht, was vor sich geht? Ganz Paris ist morgen auf dem Ball der Madame de Beauséant. Der König unterzeichnet morgen den Heiratsvertrag des d'Ajuda mit Fräulein von Rochefide. Die beiden Parteien sind übereingekommen, nichts verlautbaren zu lassen, und Ihre arme Cousine weiß noch nichts. Sie kann nicht umhin, morgen zu empfangen, und der Marquis wird nicht auf ihrem Ball sein. Man spricht von nichts anderem mehr als von dieser Geschichte.«

»Die Welt amüsiert sich über eine solche Infamie! Wissen Sie denn nicht, daß Madame de Beauséant daran sterben wird?«

»Nein«, sagte Delphine lächelnd, »Sie kennen Frauen dieser Art nicht. Aber ganz Paris wird zu ihr kommen, und ich werde dabei sein. Dieses Glück verdanke ich Ihnen.«

»Aber handelt es sich nicht vielleicht um eines dieser törichten Gerüchte, die dauernd in Paris in die Welt gesetzt werden?« meinte Rastignac.

»Nun, morgen werden wir die Wahrheit erfahren.«

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