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Ödön von Horváth: Varianten - Kapitel 1
Quellenangabe
pfad/horvath/variante/variante.xml
typefiction
authorÖdön von Horváth
booktitleProsa Fragmente und Varianten Exposés Theoretisches, Briefe, Verse
titleVarianten
publisherSuhrkamp Verlag
seriesGesammelte Werke
volumeBand 8
editorTraugott Krischke und Dieter Hildebrandt
year1972
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091209
projectid76f04a5b
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Der ewige Spießer

Zum ersten Teil

Herr Kobler wird Paneuropäer

An der nächsten Ecke der Schellingstraße traf Kobler den Herrn Kakuschke. »Ich weiß schon«, begrüßte ihn der Herr Kakuschke, »Sie haben den Karren verkauft.« »Sie irren sich«, antwortete Kobler zurückhaltend, damit ihn der Kakuschke nicht um zehn Mark anhaut. »Ich irre mich nur äußerst selten«, lächelte Kakuschke wehmütig. Kobler bot ihm eine Achtpfennigzigarette an. »Das sind mazedonische Zigaretten!« rief Kakuschke und fügte resigniert hinzu: »Rauchen Sie die auch so gern?«

Albert Kakuschke war Architekt, aber er mußte seinen Lebensunterhalt durch allerlei Vermittlungen verdienen, weil er kein Stilgefühl besaß. »Ich hab halt kein Glück!« war sein Refrain. Besonders seit er sich das Horoskop hat stellen lassen, konnte man es oft kaum mit ihm aushalten vor lauter Pessimismus. Er sah alles schwarz umrändert. Er wußte es nun, daß sein Planet der Saturn ist und, daß er sich sehr hüten muß vor den Hämmorrhoiden. »Das auch noch!« seufzte er und betrank sich.

Um die Jahrhundertwende hatte er eine pikante Französin aus Metz geheiratet, die aber nach dem Weltkrieg so bedenklich in die Breite zu gehen begann, daß er anfing sich vor der romanischen Rasse zu ekeln. »Soweit ich die Franzosen kenne«, sagte er, »werden sie niemals das Rheinland räumen. Freiwillig nie, es sei denn wir zwingen sie mit Gewalt.«

Kobler kannte ihn seit der Stabilisierung. Sie hatten sich zufällig kennengelernt und nun wußte keiner mehr wie und wo. Kakuschke faßte sogleich Vertrauen zu Kobler. Es war dies eine tiefe Sympathie, eine väterliche Rührung. »Sehen Sie«, sagte er 1924, »Sie sind doch nicht älter als dreiundzwanzig. Wenn ich wieder so alt wär und so aussähen tät, dann würd ich mich in den feinsten Kreisen bewegen. Sie kennen doch den Grafen Blanquez?«

Natürlich kannte Kobler den Grafen Blanquez, eine elegante Erscheinung und verpatzte Persönlichkeit. Seine Ahnen waren Hugenotten, er selbst wurde im bayerischen Walde geboren. Erzogen wurde er teils von Piaristen, teils von einem homosexuellen Stabsarzt in einer der verzweifelten Kriegsgefangenenlager Sibiriens. Mit seiner Familie vertrug er sich nicht, weil er vierzehn Geschwister hatte. Trotzdem schien er meist guter Laune zu sein, ein großer Junge, ein treuer Gefährte, jedoch leider ohne Hemmungen. Er liebte Musik, ging aber nie in die Oper, weil ihn jede Oper an die Hugenotten erinnerte und wenn er an die Hugenotten dachte, wurde er melancholisch.

Diesen Grafen Blanquez brauchte seinerzeit der Kakuschke zu einer Scheinheirat. Nämlich ein gewisses Fräulein Nelly Leskinowitsch wurde auf einem Faschingsball »Eine Nacht im Wunderlande Indien« von einem gewissen Brunner umschwirrt, mit dem sie sich hinterdrein vergangen hat. Diese indische Wundernacht wurde von einer Pressevereinigung zu Gunsten ihrer Pensionskasse veranstaltet und jener Brunner sagte seiner Nelly, er sei verantwortlicher Redakteur. Natürlich war das nicht wahr und der Brunner hieß auch garnicht Brunner, sondern Radlmacher. Und dieser Radlmacher war ein ganz unmögliches Subjekt, ein Chauffeur, der sich selbstständig gemacht hatte und nun ein eigenes Mietauto besaß. Das Geld zu dem Autokauf hatte er sich von einigen Kellnerinnen zusammengeliehen. Er wirkte sehr stark auf Frauen.

Durch Vermittlung Koblers und Kakuschkes wurden also aus einem Fräulein Leskinowitsch eine Gräfin Nelly Blanquez und aus dem kleinen Radlmacher ein Graf Horst Blanquez. Für diese beiden Namen bekam der Graf insgesamt zweitausenddreihundertzehn holländische Gulden. Hievon gab er Kobler hundert und dem Kakuschke versprach er dreihundert, gab ihm dann aber nur fünfzig, worüber sich der Kakuschke ungemein aufregte. »Das ist das Hugenottenblut!« zischte er. Dann stürmte er wütend nachhaus und beschimpfte seine dicke französische Frau. Die Dicke lag bereits im Bett. Sie reagierte nur apathisch und freute sich heimlich über den Versailler Vertrag. -

Mit diesem Kakuschke ging nun Kobler die Schellingstraße hinab. Letzterer hatte noch immer Angst, daß ihn Ersterer anpumpt. »Wenn ich Sie wär«, sagte Ersterer, »würde ich die sechshundert Em arbeiten lassen. Sie haben Glück, ich weiß nämlich wen, der dringend gerade sechshundert braucht. Es dreht sich um eine Erfindung. Um einen Erfinder dreht es sich. Dabei dreht es sich auch noch um eine vaterländische Tat.« Kobler dachte: »Hier dreht es sich um einen großen Haufen Dreck, du blödes Luder!« Das blöde Luder fuhr fort: »Der Erfinder hat nämlich ein neues Gas erfunden, ein Giftgas. Man muß nur gewissermaßen auf einen Knopf drücken und schon ist alles ringsherum vergast, daß auf dreihundert Jahr nichts mehr wächst. Das ist doch eine fabelhafte Erfindung, besonders für uns Deutsche!«

»Besonders für dich!« dachte Kobler. »Das tät dir so passen, wenn ich jetzt plötzlich verrückt werden tät und dir meine sechshundert nachwerfen tät und mich dann selber vergasen tät mit deinem Gas, Saukopf miserabler!«

Der Miserable fuhr fort: »Der Erfinder ist ein mir persönlich bekannter junger Mann, ein genialer Schachspieler. Und dabei erst fünfzehn Jahre alt, also eigentlich ein Wunderkind. Und sehr altklug. So denkt er den ganzen Tag nur an Gas. Er hat nichts im Kopf als wie Gas und Gas und wieder Gas. Er ist mit der Seele bei seinem Gas – es dreht sich nur noch um eine Kleinigkeit an dem Knopfsystem, damit die Vergasung total zufriedenstellend funktioniert.« Kobler dachte: »Das ist zuviel! So dumm bin ich ja gar nicht, du arrogantes Schwein!« – Kakuschke hielt plötzlich mit einem Ruck.

»Oder glauben Sie denn, daß das so weitergeht?!« rief er aus. (»Geh halt weiter!« dachte Kobler.) »Ja glauben Sie denn nicht, daß wir einem neuen Weltbrand entgegentaumeln?!« (»Brüll nicht!« dachte Kobler verstimmt, denn er hatte nichts übrig für Pathos und Ekstase.) Kakuschke schien ganz fanatisiert. »Schauen Sie doch gefälligst nur mal nach Afghanistan!« brüllte er. »Wissen Sie was das heißt: Amanullah und Habibullah?! Denken Sie mal an Sinowjew! Herr, schauen Sie nach Angora! Vergessen Sie nicht Palästina und die Buren! Und was macht denn dort hinten gefälligst der christliche General Feng?!« (»Was er gegessen hat!« dachte Kobler wütend.) Er fixierte ihn haßerfüllt, denn das fanatische Getue war ihm schon sehr zuwider. Kakuschke geriet immer mehr außer sich. »Oh ich kenne die Franzosen!« schrie er und dachte an seine dicke Frau. »Jeder Franzose und jede Französin gehören vergast! Ich mach auch vor den Weibern nicht halt, ich nicht! Oder glauben Sie gar an Paneuropa?!«

»Ich hab jetzt keine Zeit für Ihre Blödheiten«, sagte der Kobler höflich und ließ den Kakuschke stehen. -

Er ging nun wieder allein die Schellingstraße hinab und beschäftigte sich bis zur übernächsten Ecke mit weltpolitischen Problemen.

»Mein lieber Kobler« sagte er sich, »dieser aufgstellte Mausdreck Kakuschke, dieses heruntergekommene Subjekt, ist ein nationaler Idealist, ein Idiot, ein Hitler, ein Gefühlspolitiker, ein Fanatiker und das hat alles keinen Sinn. Man muß die Politik nach den Regeln des gesunden Menschenverstandes, nüchtern und nach Geschäftsprinzipien betreiben – mit dieser ganzen Politik ist es so, wie mit dem Kabriolett. Der eine kauft dem anderen sein Kabriolett ab, Deutschland, Frankreich, England, Österreich und was weiß ich – alle kaufen sich gegenseitig ihre Kabrioletts ab. Ja, wenn das alles streng reell vor sich ging, dann war das ein ideales Paneuropa, aber zur Zeit werden wir Deutschen von den übrigen Nationen bloß betrogen, genauso, wie ich zuvor den Portschinger betrogen hab. In dieser Weise läßt sich Paneuropa nicht realisieren. Das ist kein richtiger Geist von Locarno. Unter diesen Umständen müßt man sich schon sehr freuen, wenn man alles vergasen könnt. Aber nur nicht mit meinen sechshundert! Zwar wenn man ein richtiges Gas hätt und das richtige Knopfsystem dazu, das wär ein Geschäft, dann könnt man schon wieder einen Krieg erklären, auf daß wir Deutsche unsere alte Vormachtstellung zurückeroberten. Dann könnten wir Deutsche leicht der ganzen Welt unsere alten Kabrioletts verkaufen, à la Portschinger! Das war ja entschieden das günstigste! Aber so ohne Waffen gehört das halt leider in das Reich der Utopie.«

###

Mittenwald ist deutsch-österreichische Grenzstation mit Paß- und Zollkontrolle.

Einige thüringische Kleinstädter auf Ferienreisen regte die Grenze mächtig auf. Der Grenzübertritt mit seiner behördlichen Zeremonie erschien ihnen als etwas seltsam Feierliches. Es schauderte sie. Mit scheuer Bewunderung betrachteten sie die Gendarmen, die sich auf dem Bahnsteig langweilten.

Bereits eine halbe Stunde vor Mittenwald hielten sie ihre Pässe erwartungsvoll in Händen, mancher hatte auch seinen Taufschein dabei oder gar ein Leumundszeugnis. All ihre Koffer, Rucksäcke und Kartons lagen weitaufgerissen auf den Bänken. »Bitte nicht schießen, denn wir sind brav!« sollte das heißen. Sie zuckten zusammen als der Finanzer im Wagen erschien. »Hat wer was zu verzollen?« rief der Finanzer ahnungslos. »Hier!« schrien die Kleinstädter und hielten ihm überstürzt ihr Gepäck unter die Nase.

Aber der Finanzer nahm keine Notiz von ihrer Loyalität, er sah gar nicht hin. »Hat wer was zu verzollen?!« überbrüllte er sie entsetzt und raste aus dem Waggon, denn er hatte Angst, daß ausnahmsweise jemand wirklich was zu verzollen hätte, nämlich dann hätte er ausnahmsweise wirklich was zu tun.

Bei der Paßkontrolle ging es schon schärfer zu, denn das war das bessere Geschäft. Es saß ja in jedem Zug meist eine Person, deren Paß gerade abgelaufen war und der konnte man dann einen Grenzschein für einige Mark respektive Schilling verkaufen. Eine solche Person sagte mal dem Paßbeamten: »Erlauben Sie, ich bin aber schon sehr für den Anschluß!« Aber der Paßbeamte verbat sich energisch jede Beamtenbeleidigung.

###

In Mittenwald betrat ein neuer Mann Koblers Abteil, das heißt: er betrat es nicht, sondern torkelte herein, denn er war sinnlos betrunken. Wie es sich später herausstellte war er der Mitinhaber einer Speditionsfirma, ein Chauffeur aus Innsbruck. »Ich hab grad eine Karambolage hinter mir!« begrüßte er Kobler und rülpste wie ein Hausprälat.

Die Karambolage bestand darin, daß er mit seinem Lastkraftwagen nahe der Grenze einen Motorradfahrer überrannte, weil dieser auf der falschen Seite vorfahren wollte, da er die Grenze vergessen hatte. Der Motorradfahrer war sofort tot, während er mit dem Schrecken davongekommen ist, obwohl sein Lastkraftwagen abgeschleppt werden mußte. Da aber dieser Lastkraftwagen sehr schön versichert war, kaufte er sich vor lauter Glück im Unglück einen Schnapsrausch. Nun fuhr er nach Innsbruck zurück.

Er haßte die Motorradfahrer und äußerte Kobler gegenüber sein lebhaftes Bedauern, daß nicht noch einer am Soziussitz gesessen sei, dann wären nämlich bei seinem gesunden Tempo gleich zwei auf einmal krepiert und ihm hätte ja auch so nichts passieren können, denn die Schuld trügen lediglich immer und überhaupt nur die Motorradfahrer nämlich er selbst sei sich darüber genau klar, daß man in Bayern rechts fahren müsse, in Tirol links und in Vorarlberg wieder rechts, er kenne die Verkehrsvorschriften aus dem ff, denn er selbst sei ja früher bei der Verkehrspolizei gewesen, aber leider hätte er sich durch die Verführungskünste eines temperamentvollen Schandweibes zu einer Amtsunterschlagung verleiten lassen. »Ich hab das absolute Gefühl, daß ich Ihnen das erzähln kann«, sagte er treuherzig und Kobler lächelte verlegen.

Der Chauffeur ließ einen Donnernden fahren und wurde dann sentimental. Er war eben ein Stimmungsmensch.

»Es ist halt a Kreuz auf der Welt«, seufzte er.

»Wird unser Zug jetzt auch links fahren?« erkundigte sich Kobler um das Gespräch auf etwas anderes zu bringen, denn er befürchtete der Stimmungsmensch könnte ihm plötzlich eine runterhauen. Dieser war ehrlich geknickt. »Wir sind eingleisig, lieber Herr«, lallte er.

Er wurde immer sentimentaler und setzte Kobler auseinander, auch ein Motorradfahrer sei halt nur ein Mensch und daran könne leider nicht gerüttelt werden und was das Auto beträfe wären solche Landesgrenzen schon ein immenser Nonsens, aber man müsse halt Landesgrenzen haben, sonst könnte man ja nichts schmuggeln, obwohl es sich in diesem Falle um Brudervölker drehe. »Es is alles verdraht!« stöhnte er und erwähnte dann nur noch, daß er heute Mitinhaber einer alteingesessenen Innsbrucker Firma sei. Dann weinte er.

Langsam verließ der D-Zug die Deutsche Republik.

Er fuhr an zwei Schildern vorbei:

Königreich Bayern Bundesstaat Österreich
Rechts fahren! Links fahren!

Und nun gings durch die nördlichen Kalkalpen und zwar entlang der alten Römerstraße zwischen Wetterstein und Karwendel. Der D-Zug mußte auf 1160 Meter empor, um das rund 600 Meter tiefer gelegene Inntal erreichen zu können. Es war dies für D-Züge eine komplizierte Landschaft.

Das Karwendel ist ein mächtiger Gebirgsstock und seine herrlichen Hochtäler zählen unstreitbar zu den ödesten Gebieten der Alpen. Von brüchigen Graten ziehen grandiose Geröllhalden meist bis auf die Talsohle hinab und treffen sich dort mit dem Schutt von der anderen Seite. Dabei gibts fast nirgends Wasser und also kaum was Lebendiges. 1928 wurde es zum Naturschutzgebiet erklärt, damit es in seiner Ursprünglichkeit erhalten bleibt.

Rechts über Seefeld wuchs aus einem lyrischen Lärchenwald die Kuppe der hohe Munde empor und nun sah man auch die Zugspitze von hinten. Und wer ihn bereits kannte, der konnte auch den Öfelekopf sehen, einen untergeordneten Gipfel im Kranze alpiner Majestäten, wie der Kitsch die seinerzeit geborstene Erdkruste nennt.

Hinter Seefeld wankte der Chauffeur auf die Toilette, um sich zu erbrechen. Er kam nicht wieder, denn er schlief draußen ein. Kobler war ganz weg von Gottes herrlicher Bergwelt, denn er hatte noch niemals soviel hochalpine Gipfel auf einmal erschaut. »Was ist ein Mensch neben einem Berg?« fiel es ihm plötzlich ein und dieser Gedanke ergriff ihn sehr. »Ein großes Nichts ist ein Mensch neben einem Berg. Also ständig möcht ich nicht in den Bergen wohnen. Da wohn ich schon lieber im Flachland. Oder auch im Hügelland.«

Und nun kam eine große Kurve – und Kobler sah 600 Meter unter sich das Inntal, von Ötz bis Zirl, all die großen und größeren Kirchen und Klöster, dazwischen kleine Dörfer und einsame Weiler und wieder Kirchen und Klöster und auch eine malerische Ruine und abermals Kirchen und Klöster – da lag es unten: das heilige Land Tirol. Und darüber standen noch viel mächtigere Berge als zuvor, nämlich die Zentralalpen, Ötztal und Stubei. Das waren finstere schwarzgrüne Herrschaften und hatten wilde Gletscher.

So rollte der D-Zug an fürchterlichen Abgründen entlang über kühnkonstruierte Viadukte und durch viele viele Tunnelle. Der längste durchbohrte die Martinswand. In dieser Wand hatte sich mal ein mittelalterlicher Kaiser bei der Jagd verstiegen und diese seine Tat verkündet eine Gedenktafel. Aber kein Stein kündet die Namen der Toten dieser Tunnelle und Viadukte, die Namen jener Menschen, die auf dem Felde der Arbeit fielen. -

Jetzt erblickte Kobler eine schmutzige Dunstwolke über dem Inntal. Unter dieser Dunstwolke lag Innsbruck, die Hauptstadt Tirols.

Kobler wußte nichts weiter von ihr, als daß sie ein berühmtes goldenes Dachl hat, einen preiswerten Tirolerwein und daß der Reisende, der von Westen ankommt, zur linken Hand einige große Bordelle sehen kann. Das hat ihm mal der Graf Blanquez erzählt.

###

In Innsbruck mußte er umsteigen und zwar in den Schnellzug nach Bologna. Dieser Schnellzug kam aus Kufstein und hatte Verspätung. »Das ist die berühmte österreichische Unpünktlichkeit!« hörte er eine Dame sagen mit norddeutschem Akzent. Aber die Österreicher, die sich das auf dem Bahnsteig mitanhören mußten, lächelten nur verschämt. »Du armer preißischer Regimentstrottel«, dachten sie. Nämlich man konnte es schon an der Dame ihren Tonfall merken, daß ihr Mann bei der Reichswehr ist.

Ihr Mann war ein Reichswehrmajor und hatte zwei Ideale. Das politische war die konstitutionelle Monarchie nach englischem Vorbild. Hingegen war sein erotisches Ideal ein bedeutend fortschrittlicheres, nämlich: Kameradschaftsehe. Und drum hatte auch die Stimme seiner Gattin jenen feldwebelhaften Klang.

Die Österreicher sind sehr gemütliche Leute.

Endlich kam der Schnellzug.

Bis Steinach am Brenner, also fast bis zur neuen italienischen Grenze, also kaum fünfzig Minuten lang saßen in Koblers Abteil ein altösterreichischer Hofrat und ein sogenannter Mann aus dem Volke, der dem Hofrat sehr schön tat, weil er von ihm eine Protektion haben wollte. Dieser Mann war ein charakterloser Werkmeister, der der Heimwehr beigetreten ist, um seine Arbeitskollegen gründlich übervorteilen zu können. Nämlich sein leitender Ingenieur war Gauleiter der Heimwehr.

Der Hofrat hatte einen altmodischen goldenen Zwicker und ein hinterlistiges Geschau. Sein Äußeres war sehr gepflegt besonders sein weißer Scheitel – er schien überhaupt ein sehr eitler Mensch zu sein, denn er schwätzte in einer Tour, nur um den Beifall des Mannes hören zu können.

Der Schnellzug wandte sich ab von Innsbruck und schon fuhr er durch den Berg-Isel-Tunnel.

»Jetzt ist es finster«, sagte der Hofrat. »Sehr finster« sagte der Mann. »Es ist so finster geworden, weil wir durch den Tunnel fahren«, sagte der Hofrat. »Vielleicht wirds noch finsterer«, sagte der Mann. »Kruzitürken ist das aber finster!« sagte der Hofrat. »Kruzitürken!« sagte der Mann.

Die Österreicher sind sehr gemütliche Leute.

»Hoffentlich erlaubts mir unser Herrgott noch, daß ichs erleb, wie alle Sozis aufgehängt werdn«, sagte der Hofrat. »Verlassen Sie sich auf den dort droben«, sagte der Mann. »Über uns ist jetzt der Berg Isel«, sagte der Hofrat. »Andreas Hofer«, sagte der Mann und fügte hinzu: »Die Juden werdn zu frech«.

Der Hofrat klapperte mit dem Gebiß.

»Den Halsmann sollns nur tüchtig einsperren, bei Wasser und Brot!« krähte er. »Ob der Judenbengel nämlich seinen Judentate erschlagen hat oder nicht, das ist wurscht. Da gehts um das Prestige der österreichischen Justiz, man kann sich doch nicht alles von den Juden gefallen lassen!«

»Neulich habn wir einen Juden ghaut«, sagte der Mann. »A geh wirklich!« freute sich der Hofrat. »Der Jud war allein«, sagte der Mann, »und wir waren zehn, da hats aber Watschen ghagelt! Heimwehrwatschen!«

Der Hofrat kicherte.

»Ja, die Heimwehr!« sagte er. »Heil!« rief der Mann. »Und Sieg!« sagte der Hofrat. »Und Tod!« rief der Mann. -

Die österreichische Heimwehr ist eine sogenannte Selbstschutzorganisation des österreichischen Bürgertums. Dieses Bürgertum fühlt sich nämlich sehr bedroht, weil sich die österreichischen Arbeiter dagegen sträuben, daß mit dem primitivsten Bedürfnis des Menschen Spekulation getrieben wird. Mit anderen Worten: die Wohnungsmieten sind relativ recht niedrig, sodaß sich der Besitz einer Zinskaserne bei weitem nicht so gut rentiert, wie in der guten alten Zeit. Und obendrein hat auch noch die rote Gemeinde Wien viele neue Häuser mit Wohnungen voll Licht und Luft, denn sie steht auf dem Standpunkt, daß das Recht auf ein Dach über dem Kopfe für jeden arbeitenden Menschen eine Selbstverständlichkeit bedeutet.

Das Bürgertum hingegen vertritt den Standpunkt, daß es die Gemeinde Wien einen großen Schmarrn angeht, ob und wie ihre Bürger wohnen. »Wer sichs halt nicht leisten kann, der soll halt unter Gottes Sternenhimmel wohnen oder im Asyl. Was braucht der Mensch a Wohnung, wenn ers nicht bezahlen kann!« so argumentiert das Bürgertum.

Wer von den beiden Klassen recht hat, das wird und kann nur die Zeit entscheiden.

Vorerst rüstet das Bürgertum gegen das rote Wien und hat dabei den Wunschtraum, jeden Austromarxisten zu vierteilen. Die Armee dieser sympathischen Hausbesitzer ist eben jene Heimwehr, die sich verlogen und feig Selbstschutz taufte. Die Soldaten rekrutieren sich aus ewigen Subalternen, ungebildeten Kleinbürgern, ehemaligen Unteroffizieren, Hausbesitzersöhnen, schurkischen oder terrorisierten oder saudummen Arbeitern, arrogantem Studentengesindel und dergl. Aber vor allem aus armen mißbrauchten Bauern, die mit Hilfe gewissenloser verleumdungssüchtiger Pfaffen mobilisiert worden sind. Aus den finstersten Tälern hatte man sie herausgeholt und mit ihnen all die Tiroler, Vorarlberger, Salzburger und die weltberühmten steiermärkischen Kretins. Rechtens müßten diese Kretins die verläßlichste und tapferste Kerntruppe der Heimwehr bilden, gewissermaßen die Garde. Manche sind dabei, die haben nur neun Zehen aber dafür elf Finger und wissen nicht, wie sie heißen.

»In hoc signo vinces!« rief neulich ein Erzabt, als er eine Heimwehrfahne segnete. Das sind die Scharen, die das arbeitsame ehrliche Proletariat Österreichs voll und ganz entrechten wollen ad maiorem bürgerliche Produktionsweise gloriam.

###

Als der Schnellzug den Berg-Isel-Tunnel verließ, trat Kobler auf den Korridor, denn er konnte es in seinem Abteil nicht mehr aushalten, weil ihn das ewige Geschwätz im Denken störte.

Denn er mußte mal nachdenken – das war so ein Bedürfnis, als hätte er dringend austreten müssen. Es war ihm nämlich plötzlich die Ägypterin, sein eigentliches Reiseziel, eingefallen und er ist sehr darüber erschrocken, daß er nun einige Stunden lang nicht an Ägypten gedacht hatte.

Er versuchte sich zu sammeln. »Da draußen stehen lauter Gletscher und da drinnen sitzen lauter Vieher, es stürzen da zuviel Eindrücke auf einen«, sagte er sich. »Unverhofft«, fügte er noch hinzu und dies Wort kam ihm sehr vornehm vor. »Jetzt hab ich diese ganzen Pyramiden fast vergessen«, fuhr er fort und hatte dabei ein unangenehmes Gefühl. Es war ihm wie jenem Manne zumute, der am Donnerstag vergaß, was er am Mittwoch getan hatte.

Er ging im Korridor auf und ab.

In dem einen Abteil saßen sechs Damen. Es war ein Damenabteil.

»Wenn das jetzt sechs Ägypterinnen wären!« phantasierte Kobler. »Und wenn die nicht so alt wären und wenn die nicht so mies wären und wenn die Geld hätten -«

»Wenn!« wiederholte er. »Wenn ich nicht der Kobler wär, sondern der Generaldirektor der I.G. Farben, dann könnt ich zwanzig Ägypterinnen haben, aber dann hätt ich ja wieder nichts davon.«

Er wurde ganz melancholisch.

»Erster Klasse sollt man halt reisen können«, dachte er. »Mir tut von dem Holz schon der Hintern weh. Meiner Seel, ich glaub, ich bin wund!«

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