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Van Zantens wundersame Reise

Laurids Bruun: Van Zantens wundersame Reise - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens wundersame Reise
publisherGrethlein & Co.
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080328
projectid50da7cf5
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2. Der Wald der Wahnschöpfung und die Dahingegangenen

Wir brachten unser Boot unter, so gut es wegen der Nachtdunkelheit ging. Wir legten die Masten nieder und zogen das Boot unter die knorrigen Riesenwurzeln eines gewaltigen Baumes, der etwas abseits am Strande stand und sich weit über das Wasser reckte.

Kaum waren wir damit fertig, als der Schlaf uns überwältigte; er kam so plötzlich, daß Toko sich platt ins Boot warf, wo er gerade stand, während es mir noch glückte, mich zu meiner Koje zu schleppen, wo die dickste Wurzel sich über meinem Kopf krümmte.

Als ich erwachte, sah ich keine Lichtquelle, weder am Horizont noch am Himmel.

Über mir schien sich eine niedrig hängende Decke aus wolligem Stoff zu breiten, und das Meer war wie eine Fläche von flüssigem Metall anzusehen. Es war fast unheimlich still, und dennoch schien die Luft von zahllosen, hastig eilenden Keimen erfüllt zu sein.

Die Wurzel über meinem Kopfe war grau und fühlte sich wie ein Fischschwanz an. An den Ästen, zwischen großen lederartigen Blättern, hingen Früchte, purpurfarbig, feigenförmig, von Saft geschwellt. Eine fiel mit einem Aufklatschen zur Erde und verspritzte ihren Saft weit und breit. Welke Äste reckten sich zwischen den Blättern, wie die verstümmelten Glieder, die Bettler in den Basaren des Südens der Barmherzigkeit entgegenstrecken.

Plötzlich – als ob ein unsichtbarer Scheinwerfer sie in die Luft projiziert hätte – sah ich eine geschwollene Hand mit weißen Knöcheln, die sich um die Wurzel über meinem Kopfe klammerte.

Der Hand folgte ein behaarter Arm; und aus dem Wasser, neben dem Boot, glitt ein Kopf, blau und geschwollen, mit weit geöffneten Augen, wie die eines Ertrunkenen.

Ein Menschengesicht, aber ohne Lippen.

Der Körper, der langsam von der Hand heraufgezogen wurde, war schwammig, der nackte, schlaffe Leib walzte sich langsam von der einen Seite zur anderen.

Das Wesen gelangte ans Ufer, kroch zwischen den Wurzeln aufs Trockene und verschwand ebenso schnell hinter dem Stamm, wie es gekommen war.

Während ich noch überlegte, ob ich wohl geträumt habe, hörte ich über mir ein Rauschen.

In der Baumkrone über meinem Kopfe landete ein Geier, der lange, helle Menschenfinger als Krallen hatte, deren Nagel wie Katzenkrallen eingezogen waren.

Während ich noch über dieses neue Wunder grübelte und zwischen den Zweigen suchte, um den Kopf des Vogels zu erspähen, sah ich plötzlich, wie einer der kahlen Aststummel sich zu bewegen begann.

Er reckte sich zu mir herab, während er wie eine Blase schwoll, die sich mit Luft füllt. Der Stummel schwankte hin und her, einige dunkle Risse in dem morschen Holz wurden zu Augenspalten, die sich öffneten, – und plötzlich war es das gefurchte und gestreifte Gesicht eines Tigers, der sein stieres Augenpaar geradeswegs auf mich gerichtet hielt.

Der Zweig schwoll an und wurde zu einem Schlangenkörper. Aus den Knoten drängten sich kleine Glieder mit Geierkrallen. Der Kopf verweilte über mir und streckte mir eine gespaltene Zungenspitze entgegen –

Mit einem Satz war ich aufgesprungen und eilte zum Strande. Ich entriß Toko die Büchse und über die Steine flüchteten wir zum Waldsaum hinauf.

Mir war, als ob ich die leichten Sprünge des aus dem Aste geborenen Tieres hinter uns hören konnte; als ich aber schließlich im Lauf innehielt und zurückblickte, konnte ich nichts sehen, nicht einmal den Baum am Wasser, wo das Tier gesessen hatte.

Als wir den Wald erreichten, sahen wir, daß er aus ebensolchen Bäumen bestand wie diejenigen, vor denen wir geflüchtet waren.

Auch hier war es ganz still zwischen den Stämmen. Kein anderer Laut als der, der von den Purpurfrüchten ausging, wenn sie mit einem Aufklatschen zur Erde fielen und in dem dichten Waldboden verschwanden.

Ich berührte den Boden mit meinem Büchsenkolben, bog Halme, Stengel und Blätter auseinander, und während ich noch damit beschäftigt war, sah ich, wie es schon vor meinen Augen wuchs: kleine Pflanzen setzten Knospen an, Stengel trieben neue Schößlinge, alles in einem wundersamen Wachstumsaustausch: die Pflanzen nahmen und gaben und bewegten die Glieder wie Tiere, nur daß sie sich nicht von der Stelle bewegen konnten.

Nachdem mein Ohr sich an die lauernde Stille gewöhnt hatte, merkte ich, daß sie in Wirklichkeit von zahllosen, flüsternden, knirschenden und saugenden Lauten zusammengesetzt war.

Morsche Baumstummel brachen unter unseren Füßen zusammen. Aus Schlupfwinkeln wimmelten kleine Lebewesen ein und aus; bei dem Gedanken, wie viele kleine Wesen totgetreten wurden und unter meinen Sohlen klebten, lief es mir kalt über den Rücken; mir war, als watete ich durch Blut.

Da fiel mein Blick auf einen kahlen Felsblock, ich erstieg ihn eilends, und Toko folgte mir. Der Fels stand mit der einen Seite zum Walde gerichtet, mit der anderen fiel er zum Strande ab, woher wir gekommen waren.

Als wir oben waren, legten wir uns nieder und harrten der Dinge, die da kommen würden.

Die seltsamsten Wesen kamen auf ihrem Wege vom Strande zum Walde, der sich weiterhin in Dunkelheit verlor, an uns vorbei.

Menschenähnliche Wesen, in Angst und Eile. Verwischte oder entstellte Gesichter, als ob ein Rad über sie hingegangen sei und ihre Züge zermalmt habe. Die meisten trugen an einem Gewächs, einem Gewebe, bald rot und voll, als ob das Blut noch Leben durch die Zellen trieb, bald tot und schlaff, von Brust oder Leib herabhängend, Krebsgewebe, von fleißigen Zellen gebildet, früher Schutz gegen eine ewig nagende Krankheit, jetzt eine Geißel.

Es waren Wesen, dazu verdammt, die Bürde ihres Lebens zu schleppen, ohne Erinnerung daran, woher ihnen die Bürde kam, deren Dorn beständig in ihrem toten Fleisch und deren Schwere an ihrem dahingegangenen Geist nagte.

Ein Wesen kam mit zottigem Schwanz über den Waldboden getänzelt, die Menschenpfoten von sich gestreckt, wie ein Dackel, der ein Stück Zucker erbettelt. Eine Tanzmaus in Menschengröße, ein Weib mit kleinen, vertrockneten Brüsten.

Da war ein Wesen mit roten Augen, wie ein weißes Kaninchen, die Zungenspitze steckte ihm zitternd aus dem sabbernden Mund. Vielleicht ein Beuteltier, vielleicht ein verunstalteter Affe.

Und da waren Wesen, die nur noch einen vereinzelten Menschenzug bewahrt hatten, wie die Wunde nur eine Narbe hinterläßt.

Zwischen den Hastenden arbeitete sich eine Riesenkrabbe seitlich vorwärts, mit ihren Geierzangen mühsam auf der Erde tastend, jeden Halm mit Speichel besudelnd, – fast nichts als Bauch: an ihr Menschendasein erinnerte nur ein bösartiges Aufstoßen, erniedrigend, entsetzlich.

Ein Wesen hatte einen gut geformten Kopf, mit reicher Haarfülle und offenen Zügen; die Hände aber hatten eine Schaufelform wie die Pfoten des Maulwurfes.

Einer war groß und langbeinig wie der Schlangenadler, der einzige Vogel, der es mit der Schlange aufnehmen kann; er eilte hochaufgerichtet und geschmeidig vorwärts, mit Überlegenheit und Kopfnicken nach rechts und links; zwei Zungen hatte er im Munde, bald streckte er die eine, bald die andere heraus, und von beiden tropfte eine Flüssigkeit, die ätzte, wo sie hinfiel.

Kaum war dieser hastende Strom im Walde verschwunden, als es dort mit der Stille vorbei war.

In den Bäumen hingen Affen und gaben auf die Wesen acht. Wer am meisten Menschengepräge trug, war am schlimmsten dran, denn die Affen hielten ihn für einen Entarteten des Affengeschlechtes, einen Verstoßenen, der über das Meer zurückkehrte, keiner wußte, woher.

Sie rasten und bellten ihnen entgegen, und wenn einer der Dahingegangenen aus Angst auf einen Baum hinauf wollte, oder weil er aus unbekannten Gründen bei dem Wettlauf der Erste sein wollte, gleich waren die Affen da und rannten ihn nieder.

Plötzlich hörte ich eine bekannte Stimme, leise, aber ganz deutlich. Ich drehte den Kopf, konnte aber niemanden sehen. Eine Menschenstimme aber war es – und die Sprache war die des Stammes Mahura.

Ich hörte sie wieder, und da sah ich eine Wespe mit einem spitzen Stachel an der Stirn, die mich umkreiste, die Augen traten ihr ganz aus dem Kopfe; auch dieser Blick war mir bekannt. Richtig, es waren ja Wahujas Augen und seine Stimme, dünn wie die eines Greises oder Kindes.

»Fremder Geber, auf Grund unserer alten Bekanntschaft warne ich dich. Noch bist du unsichtbar, wenn aber nur ein einziges Tier der Mißgestalteten dich berührt, wirst du für alle sichtbar, und man wird dich verfolgen wie die anderen Wesen, die übers Meer kommen, niemand weiß, woher.«

Ich wollte meinem grenzenlosen Erstaunen Ausdruck geben, die Wespe war aber schon weitergeflogen, ich sah sie eifrig und entgegenkommend den Langbeinigen mit der Doppelzunge umsummen.

Eines aber hatte ich begriffen: warum der Tiger, der welke Ast, uns nicht verfolgt hatte. Er hatte uns einfach nicht gesehen. Wir hätten uns unsere Angst sparen können, vor ihm und vor all den anderen. Weder die Meerpferde über unseren Köpfen noch der Mückenschwarm hatten daran gedacht, uns anzugreifen, es war alles nur Einbildung gewesen.

Nur Toko war von dem Eichhörnchen gesehen worden, da sein Finger zufällig den spitzen Backenzahn des Tieres berührt hatte, als es am Boot vorbeischwamm: mich hatte es nicht berührt und nicht gesehen.

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