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Van Zantens wundersame Reise

Laurids Bruun: Van Zantens wundersame Reise - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens wundersame Reise
publisherGrethlein & Co.
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080328
projectid50da7cf5
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Die Insel der Dämmerung

1. Am Strande der Chimären

Toko wußte, daß das große Korallenriff in der Richtung lag, wohin der Südwestmonsun weht.

Der Wind aber war drauf und dran, sich zu legen. Um die Mittagszeit schlief er ein, totale Windstille war über uns, endlos, ohne Gnade.

Die Sonne brannte durch die Segelmatten, machte die Glieder schwer wie Blei und versengte alle Gedanken in unserem Kopf. Wir wußten, daß uns nur die Ruder blieben, aber wir konnten uns nicht zum Rudern aufraffen. Bei Sonnenuntergang, als wir wieder zu uns gekommen waren, bedurften wir der Ruder nicht mehr; denn da war auch der Monsun wach geworden und besorgte alles für uns.

So blieb es einige Tage, Windstille von der Frühe an und gegen Abend eine sanfte Brise.

Wenn ich des Morgens die Augen aufschlug, sah ich Toko in seiner Koje hocken und mit geblähten Nasenflügeln in die Richtung wittern, woher der Monsun kommen sollte. Und vormittags saß er stundenlang über den Steven gebeugt, starrte in das grüne Meerdunkel und spähte nach dem blutigen Farbenschein lebendiger Korallen. Oder er lag auf dem Rücken und guckte nach Meervögeln aus, um nach ihrem Flug die Richtung festzustellen; stundenlang aber war nichts Lebendes zu sehen.

»Wir haben die Richtung verloren,« seufzte er und sandte mir einen mutlosen Blick.

»Unsinn!« Und ich überzeugte mich durch einen Blick auf den Kompaß, daß der Monsun das Boot getreulich nach Nordosten führte.

»Fünf Tage und Nächte,« murmelte Toko und machte einen Schnitt in seinen privaten Kalender auf der Reling über seiner Koje.


Was fehlte der Sonne?

Die Uhr war kaum fünf, keine Wolke am Himmel, der Horizont frei und klar, und dennoch glitt plötzlich ein Schleier über die Sonne, wie Dunst über ein Stück glühendes Metall.

Geradevor begann die Kimmung sich zu verdunkeln. Ein Streifen Schwarz, so dünn wie eine Nadel, schwamm auf der Scheide zwischen Himmel und Meer. Langsam breitete sich im Osten eine Dunkelheit – zuerst nur wie ein kaum sichtbarer Flor, der ein strahlendes Festgewand dämpft, dann wie ein dicker Dunst, der, aus der Ferne gesehen, über der Großstadt liegt. Schließlich sahen wir eine ungeheuere Wolkenbank, die sich von Ost-Nord-Ost bis zu den letzten Strichen im Süden hinzog.

Toko sprang auf; er hatte gesehen, wie das Wasser sich schwarz färbte. Ein Blick auf mich und den Himmel, dann wieder zu mir. Darauf enterte er geschwind den Großmast. »Weit und breit weder Klippen noch Brandung, weder Palmen noch Hütten,« rief er zu mir herab, »der Rand und der halbe Himmel aber sind eine einzige große Dunkelheit.«

Kaum war er wieder unten, als sein Blick sich schwer auf den meinen heftete:

»Der Berg der Schöpfung,« murmelte er mit Angst und Beben.

Im selben Augenblick schlug der Wind nach Südosten um; als wir gewendet hatten, stieß Toko einen Ruf des Staunens aus und zeigte nach Westen.

Dort, nur wenige Meilen entfernt, verdeckte eine Insel den Horizont. Toko konnte sowohl ein Felsenufer wie eine Waldlinie unterscheiden. Wieder wandte er, um zu vergleichen, den Blick auf die Wolkenwand im Osten, die ungeheuer fern und ungeheuer groß erschien. Von dem Unterschied betroffen, zeigte er auf die Insel und flüsterte vor Aufregung bebend:

»Eine von den neun Inseln.«

Wir erörterten die plötzliche Drehung des Windes. Toko meinte, sie sei das Werk freundlicher Geister gewesen, die uns geradeswegs auf unser Ziel zuführten.

Vom Horizont aber rückte eine merkwürdige Dämmerung auf uns zu.

Die dunstrote Scheibe der Sonne wurde matter und matter. Wieder war es, als ob ein Stadtnebel, aus dem verbrauchten Atem der Menschen und Maschinen gebildet, uns mitten auf dem offenen Meere entgegenkäme.

Auf der Insel wurden jetzt Zacken sichtbar, und dazwischen schwebten weißliche Nebel, wie aus ausgebrannten Kratern.

Toko hielt vorn die Hand ins Wasser, um zu prüfen, ob es wärmer oder kälter würde, indem wir uns der Insel näherten.

Plötzlich aber sprang er mit einem Schrei in die Höhe und betrachtete seinen Finger, an dem ein Blutstreifen herabrann.

Als er über die Reling blickte, um zu sehen, wer ihn gebissen hatte, begegnete er einem blanken, schelmischen Augenpaar, in einem spitzen, glatthaarigen Kopfe, mit weißen Eckzähnen, der durch das Wasser schwamm.

Er griff nach dem Ruder. Platsch, platsch, fielen die Schläge aufs Wasser, und ein braunes Wesen mit blankem Pelz hüpfte aus den Wellen, streifte die Reling mit seiner Schnauze, während die schelmischen Augen neugierig ins Boot schielten. Mit einem langen, buschigen Schwanz, wie der eines Eichhörnchens, schien es das Gleichgewicht und die Richtung zu halten, während die Vorderpfoten wie die des fliegenden Hundes zu einem fünfzackigen Flugkamm gespreizt waren, aber nicht nackt und lederartig, sondern zottig, glänzend und von Nässe tropfend, mit weichen Lauten durch die Dämmerung tappend. Nicht erschrocken, sondern eher zögernd sprang es aus den Wellen, als ob es boshaft und munter mit spitzen, weißen Zähnen und feuchtblanken Guckaugen zu einem neuen Angriff herausforderte.

Toko aber verstand keinen Spaß. Wieder schwang er sein Ruder und diesmal traf er die Hinterpfoten, die beim Fluge, wie die Beine eines großen Vogels, ausgestreckt waren.

Das Tier zog die Pfoten ein und drehte sich in der Luft um. Die Zacken des Flugkammes hoben sich wie Stacheln über seinem Kopf. Die Nackenhaare sträubten sich wie die des Kakadus, wenn er gereizt wird. Das Tier öffnete die Schnauze, zeigte all seine weißen Zähne und fauchte Toko an, als ob es sich auf ihn stürzen wollte.

Einen Augenblick stand es still in der Luft, dann schlug es einen Purzelbaum und flog in langen Wellenlinien, als ob es von einem unsichtbaren Ast zum andern flöge, mit dem buschigen Schwanz winkend, auf die Insel zu.

Toko sandte heimatliche Flüche hinter dem Flüchtenden her, wahrend er sein Ruder schwang.

»Was war das für ein Tier?« fragte ich. »Kanntest du es?«

»Woher soll ich andere Tiere als unsere eigenen kennen?« entgegnete er blitzenden Auges. »Wahrscheinlich war es ein gemeiner Bastard von einem fliegenden Hund, der von einem Großfänger geschwängert worden ist, während er in seinem Brotfruchtbaum hing und schlief.«

»Oder von einer Katze oder einem Eichhörnchen,« schob ich ein.

»Nimm dich in acht!« rief er drohend dem fliegenden Tier nach.

Es war kurz vor Sonnenuntergang. Die Wolkenbank im Osten lag noch immer dunkel und unverändert da, obgleich wir uns bei unserer Fahrgeschwindigkeit sicher schon einige Seemeilen von ihr entfernt hatten; die Insel dagegen kam jetzt deutlich näher.

Wir meinten ein Stück Strand zu unterscheiden und dahinter einen dichten Waldsaum, nicht grün, eher graugelb, als ob er von einer dicken Schicht Wegstaub bedeckt sei. Im Norden wich der Wald einer öden Ebene, als ob Lava beim Herabfließen über eine schräge Fläche erstarrt sei; hinter dieser Ebene war es, daß der Inselrücken sich wie ein zackiger Krater formte.

Als die matte Glut der Sonnenkugel den Horizont berührte, legte die Brise sich; es war, als ob die Dämmerung, in der wir segelten, sie dämpfte.

Während ich durch die Stille lauschte, war es plötzlich, als ob ich das Wiehern eines Pferdes von einer Weide geradevor hörte; doch war keine Strandwiese weit und breit zu sehen, Wieder das Gewieher! Ich drehte das Steuer und wurde einer Anzahl Riesensteine ansichtig, die wie die zertrümmerten Reste einer Mole am offenen Meere lagen.

Ich hielt das Fernrohr vor die Augen und da sah ich, wie ein riesiges Tier sich aus dem Meere erhob. Das Wasser schäumte um seine gewaltige Brust, bis es sich auf einen Stein hinaufgewälzt hatte. Dort drehte es seinen Walroßkopf von rechts nach links und blies Wasser aus seinen ungeheuren Nüstern.

Der langgestreckte Vorderrumpf ähnelte dem eines wilden Pferdes; von Rücken und Brust wirbelte eine riesige Mähne durch die Luft, deren einzelne Haare, dick wie Taue, lebendig zu sein schienen, wie die Fangarme eines Tintenfisches. Das Tier stemmte die Vorderhufe gegen den Stein und hob wiehernd den Kopf zum Himmel. Schließlich hatte es gefunden, was es suchte –

Nicht weit von ihm entfernt, hinter einem anderen Stein, richtete sich ein anderes Tier auf, nur kleiner und schlanker. Es sah sich nach dem Männchen um und sprang dann mit kurzem Galopp von Stein zu Stein, während der Hinterkörper durch das Wasser schleppte; der Große folgte ihm.

Sie wieherten einander zu, ob es nun Zorn oder Brunft war. Der Große wollte dem Kleineren, offenbar dem Weibchen, auf den Leib rücken. Erst als das Weibchen den äußersten Stein erreicht hatte, richtete es sich zu seiner vollen Größe auf und entfaltete zwei mächtige Flügel auf dem Rücken. Schwer und dunkel arbeiteten sie in der Luft, es klang, als ob ein Motor in Gang gesetzt würde, während der Vorderrumpf sich aufblähte, bis er wie ein Ballon unter dem Kopfe hing. Da erst konnten die Flügel ihre Aufgabe erfüllen. Das Tier zog die Vorderhufe unter die Brust, der Körper schwankte einen Augenblick, als ob er das Gleichgewicht verlieren würde, die Flügel aber hielten ihn. Und plötzlich hob der Hinterkörper sich mit einem saugenden Laut: kaum hatte der Riesenschwanz sich aus dem Wasser gehoben, als auch er sich mit Luft füllte, wie eine langgestreckte Blase. Und jetzt segelte das Tier auf seinen Flügeln übers Meer, während zwei mächtige Finnen auf dem Kreuz für das Gleichgewicht sorgten.

Das Tier steuerte auf das weite Meer zu, bis es bemerkte, daß auch das Männchen Steine und Wasser verlassen hatte und sich ihm näherte, indem es ein Gewieher des Zornes oder der Brunft hinter ihm hersandte. Da machte das Weibchen kehrt und eilte, als gälte es das Leben, wieder auf die Küste zu.

Sofort machte auch das Männchen kehrt. Und so eifrig waren sie, daß sie uns offenbar gar nicht bemerkten, obgleich unser Boot einen Augenblick gerade unter ihnen lag.

Ich überließ Toko das Ruder und versah mich auf alle Fälle mit Büchse und Munition – als neue Geräusche mich veranlaßten, mich umzusehen.

Eine Salve von zwitschernden Lachlauten erfüllte die Luft mit einem unbeschreiblichen Chor, bald lauter, bald leiser. Und mit dem bloßen Auge sah ich am Strande, der so nah war, daß ich den steinigen Boden unterscheiden konnte, etwas, das einem Schwarm von Riesenmücken glich, der die gewaltigen Tiere, die auf das Ufer zuflogen, zu erwarten schien. Die fliegenden Riesen versuchten, sich den Schwarm vom Leibe zu halten, indem sie sie anfauchten und mit Flügeln und Finnen nach ihnen schlugen.

Es glückte mir, einige der kleinen Tiere in das Sehfeld meines Fernglases zu bekommen, und als ich den Stachel sah, den sie über ihrem Lach- und Zwitscherorgan zeigten, verstand ich die Gefahr, die den Meerpferden drohte: wenn nur eine dieser Riesenmücken ihren Stachel in den aufgeblasenen Bug stieß, würde die Luft herausströmen und der Flieger rettungslos ins Meer stürzen.

Der Schwarm wurde immer dichter. Und als wir dem Strande naher kamen, entdeckte ich noch ein Riesentier, eine Eidechse mit einem Drachenkamm. Ich hörte sie stöhnen, auch das klang wie Lachen, tiefes, hohles Glucksen. Ich sah, wie sie sich zwischen den Steinen wand und ihren Bug mit der Schwanzspitze peitschte; aus dem Bug aber walzten sich die zwitschernden, lachenden kleinen Wesen in einem unaufhörlichen Gebärprozeß. Einen Augenblick hielten sie sich summend über dem Mutterschoß, wie zum Abschied, dann flogen sie auf und folgten dem Bruderschwarm, in einem langen Schwanz, vom Strande bis zu den großen Tieren, die ihren Streit vergessen hatten und sich gegen die gefährlichen Kleinen wehrten.

Toko glühte vor Kampfeifer, die Spannung, mit der die Luft über uns geladen war, hatte auch von ihm Besitz ergriffen. Ich sah, wie er unter seiner Koje Bogen und Pfeil hervorzog und drauf und dran war, auf die kleinen Tiere, die tief genug flogen, zu zielen. Toko war ein glänzender Schütze und seine Sympathie war, das konnte ich an seinem Grunzen hören, auf Seiten der großen Tiere.

Mit einem Satz war ich neben ihm und legte die Hand auf seinen Bogen; denn wenn er nur ein einziges Tier aus dem Schwarm traf, würden wir natürlich die ganze Lacherbande über uns haben. Und das wäre das betrübliche Ende unserer großen Reise gewesen.

Aber es war schon zu spät. Das zwitschernde Gelächter erklang dicht über unseren Köpfen. Der Schwarm schien sich zwischen den Tieren in der Luft und den merkwürdigen Ungeheuern, die sich so still der Insel näherten, teilen zu wollen.

Auch die fliegenden Riesen schienen jetzt unser ansichtig geworden zu sein. Ich sah, wie das Männchen den Hals nach unten reckte, und hörte es schnaufen. Es flog langsamer und tiefer, als im selben Augenblick das Weibchen ihm vorn eine Warnung zukommen ließ. Da hob es sich wieder, und vereint flogen beide der Küste zu.

Der Schwarm zögerte unschlüssig; vielleicht wartete er auf einen Befehl von der Muttereidechse, die uns wahrscheinlich noch nicht erspäht hatte.

Da erklangen vom Strande neue Schreie, und ich sah durch das Fernglas, daß der Waldrand von affenartigen Wesen wimmelte, die sich von Baum zu Baum schwangen und auf die Lacheidechse am Strande herabbellten.

Plötzlich kletterten alle die Stämme hinauf, und im nächsten Augenblick fiel ein Regen von Riesennüssen – so rund wie Kokosnüsse, aber größer – auf die gebärende Eidechse herab. Die Affen hatten es auf die Brut abgesehen, und ich begriff, daß diese Massenschwärme mit ihren Stacheln die schlimmste Plage der Insel waren.

Die Nüsse trafen das Tier bald auf den Kopf, bald auf den eingefallenen Bug. Unter jeder Nuß wurden einige Stücke ihrer Brut getötet. Das Tier machte seinem Schmerz in einem furchtbaren Gelächter Luft: und als der Mückenschwarm über uns das Muttergeschrei hörte, zog er vereint an Land, um die Mutter zu beschützen.

Ich legte das Ruder um, und wenige Minuten später, als der Kampf noch von dem offenen Strande gellte, glitten wir unbemerkt in eine kleine Bucht, wo alles ruhig zu sein schien.

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