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Van Zantens wundersame Reise

Laurids Bruun: Van Zantens wundersame Reise - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens wundersame Reise
publisherGrethlein & Co.
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080328
projectid50da7cf5
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4. Die Hand und das Licht

»Sieh,« sagte das Licht zum großen Vater, »sieh, wie es kriecht und läuft und schwimmt und fliegt, und alles ist aus Dunkelheit geschaffen. Dennoch kann sich nichts bewegen, wachsen, blühen oder Frucht tragen, ohne daß ich es ansehe. Hier hoch, hoch oben sitze ich in meinem Gefängnis; aber ich will nicht nur auf sie scheinen, ich will auch unter ihnen sein, mit ihrer Dunkelheit kämpfen, dieselbe vertreiben, bis sie Licht von meinem Licht sind und lebendig wie ich selbst.«

Da aber antwortete der Vater: »Wer mit der Dunkelheit kämpfen will, muß auch die Waffen der Dunkelheit besitzen. Du mußt eine Schale um dein Licht haben wie die Banane um ihre Süße, wie der Papagei um seine Schreie, wie die Schildkröte um ihr helles Fleisch. Ich will dir eine Dunkelheit geben, worin du wohnen und sein kannst wie ich: Herr über das Licht auf der einen und über die Dunkelheit auf der anderen Seite.«

Und der große Vater erschuf ein Wesen sich zum Bilde: mit Augen, aus denen das Licht strahlte, mit Händen, die die Dunkelheit umfassen konnten; und er nannte ihn Sohn.

»Geh in die Dunkelheit hinaus, woraus deine Schale geformt ist, und mache dich zum Herrn über alle Dinge und Wesen.«

Und der Vater betrachtete, was seine Hand geformt hatte: Nicht eines der Wesen war wie der Sohn, weder die, die schwimmen, noch die, die laufen, noch die, die fliegen, oder die, die sowohl fliegen wie laufen und schwimmen konnten – denn solche Wesen soll es einmal gegeben haben, und einige behaupten, daß sie noch auf fernen Inseln leben. Keines von den Wesen besaß ein anderes Leben als das, was die Strahlen ihm verliehen, nichts anderes konnten sie verrichten als das, was sie ein für allemal gelernt hatten: fressen und trinken, zeugen und sterben.

»Nichts können sie aus sich selbst heraus schaffen,« sagte der große Vater, »der Sohn aber schafft alles aus sich selbst heraus, ewig Neues, und doch immer dasselbe. Er ist das ewige Licht, die anderen sind die sterbende Dunkelheit. Ich will eine Grenzscheide ziehen zwischen ihnen und ihm, damit sie ihn mit ihrer Dunkelheit nicht ersticken.«

Und er legte seine Hand auf den Berg der Schöpfung. Zwei Furchen machte er darin, und nachdem er alle Wesen der Dunkelheit auf die Schattenseite getrieben hatte, ließ er das Wasser durch die Furchen strömen. Und sieh, es entstanden zwei Inseln: die eine auf der Schattenseite des Berges, wo die Wesen der Dunkelheit zusammengetrieben wurden, und die andere auf der Lichtseite. Auf dieser ließ er den Sohn wandern. Und damit er nicht allein sei, schuf der Vater ihm Genossen in seinem Bilde und nannte sie Menschen. Jeder einzelne war aus schwerer Dunkelheit geschaffen, alle aber hatten im Auge einen Funken des lebendigen Lichtes, das immer und ewig mit der Dunkelheit kämpft. Dieses Kampfes wegen herrscht beständig Zwiespalt im Gemüt des Menschen. Wenn der Funke stark ist, wird der Mensch gut, wenn er aber nur schwach glüht, so daß die Dunkelheit das Übergewicht bekommt, dann wird er böse. Bald will er das Gute, bald das Schlechte.

Unter diesen Menschen wandelte der Sohn. Wenn aber die Dunkelheit das Übergewicht bekam, und die Menschen sich von ihm, der das Licht war, abwandten, dann wurde er zornig und betrübt. Eines Tages sagte er zum Vater:

»Sieh, diese Menschen gehören nicht auf meine Insel. Nimm sie fort.«

Der große Vater überlegte und sagte dann:

»Auf der Insel der Schattenseite sind sie auch nicht zu Hause, denn sie sind dir zum Bilde erschaffen. Durch den Funken, den ich ihnen in ihrer Dunkelheit gab, können sie Neues ersinnen wie du. Aber ich will ein Stück von deiner Insel abschneiden, das will ich ihnen geben und es die Insel von Gut und Böse nennen.

Die Hand zog eine Furche durch die Insel des Lichtes und ließ das Wasser hereinströmen, bis die Insel der Menschen mitten zwischen Licht und Dunkelheit lag. Nur die Menschen, die die Dunkelheit überwunden hatten, blieben bei dem Sohn.

Und diese neuen Genossen nannte der Vater Lichtgeister, weil sie keine Dunkelheit mehr in sich bargen, sondern dem Sohn zum Bilde waren – ähnlich wie das Boot, das du auf dem weißen Blatt gemacht hast, denn es war das Boot, obgleich es weder Holz noch Matte noch Pflock hatte!

Auf der Insel der Menschen aber, der Insel von Gut und Böse, wohnten alle diejenigen, deren Gemüt beständig in Zwiespalt war, so daß sie nie etwas ganz erreichen, sondern immer nur Anläufe und kleine Schritte machen konnten, das, was wir Arbeit nennen. Sie vermehrten sich wie die Tiere, und bald wurden ihrer so viele, daß sie auf der Insel nicht mehr Platz fanden. Darum mußte der Vater wieder und wieder Inseln von dem Berge der Schöpfung abschneiden, der darum aber nicht kleiner wurde. Neun solcher Inseln hat er abgetrennt – die eine davon ist unsere eigene Insel. Wie du siehst, die Menschen leben hier noch heutigestags in Zwietracht und Arbeit, gebärend und sterbend.

Wer so lebt, daß der Lichtfunke noch in ihm brennt, wenn der Körper verbraucht ist, kommt durch den Tod zu der Insel auf der Lichtseite, wo der Funke zu Hause ist; dort lebt er ewig weiter, frei unter dem Auge des Vaters, zwischen anderen Lichtgeistern schwebend.

Wer aber so lebt, daß der Funke erlischt oder den Körper verläßt, während er noch lebendig ist, weil das Licht sich nicht mehr in der Dunkelheit zurechtfinden kann, der kehrt durch den Tod zu der Insel auf der Schattenseite zurück, doch in veränderter Gestalt, wie er zu Lebzeiten die Gestalt des Sohnes verunstaltet hat, weil die Dunkelheit Macht über ihn gewonnen hat, so muß er fortan leben. Auf diese Weise entstehen beständig neue Wesen und Mißgestalten, bis sich der große Vater einst erbarmt und alle Dunkelheit auslöscht.

Doch davon weiß man nichts. Alles andere aber, was ich dir erzählt habe, ist so wahr, wie ich hier sitze und erzähle. Denn Nadi-Nado ist über die großen Wasser gekommen und hat es unsere Väter gelehrt.«

Hier machte Toko eine Pause, um mich zu Worte kommen zu lassen. Als ich aber schwieg, fuhr er fort:

»Höre nun genau zu, denn was ich dir jetzt erzählen will, betrifft Ali und dich.

Siehst du, nur die wenigsten Menschen gelangen gleich nach dem Tode zu den Inseln auf der Licht- oder Schattenseite. Die meisten, sowohl die im Lichte als auch die in der Dunkelheit, verweilen auf einer der Menscheninseln, unsichtbar an bekannten Orten wandelnd, solange ihre Körper noch nicht verbrannt oder begraben sind. Erst wenn das geschehen, zieht der Tote über die Lagune. Wenn er aber die Brandung erreicht und das weite Meer sieht, bleibt er entsetzt stehen und duckt sich vor den Winden. Wenn jemand ihn geliebt hat und seinen Tod betrauert, dann dringt seine Klage zur Brandung hinaus und hält den Toten fest. Solange noch jemand ihn durch Trauer und Sehnsucht festhält, muß der Tote verweilen und nachts die altbekannten Orte aufsuchen.

Wer aber durch das starke Licht, das er in sich hat, gleich zum Lichtgeist geworden ist, der kann von der Insel auf der Lichtseite alle Menscheninseln überblicken, er weiß, wenn einer seiner Lieben unter den Lebenden in Not ist und kann ihm über das Meer hinüber helfen.

Außer den lichten und dunklen oder guten und bösen Geistern gibt es auch solche, die schwach sind. Das sind die zahlreichsten: diejenigen, die aus irgendeinem Grunde nicht selbst über ihr Leben entscheiden konnten. Hierzu gehören zum Beispiel alle, die als Kinder gestorben sind. Im Tode werden sie durch die flackernden Winde zu einer anderen der neun Inseln getragen, wo niemand sie kennt. Auf diese Weise bekommen sie noch ein Leben, um zu zeigen, ob sie auf der Licht- oder der Schattenseite zu Hause sind.

Sieh, jetzt komme ich zu Ali. Niemand, der sie gekannt hat, wird bezweifeln, daß sie zu denen gehört, die nach dem Tode geradeswegs zur Insel des Lichtes gelangen, wo sie die Klage ihrer Teuren hören und zu ihrer Hilfe eilen kann. Warum aber ist Ali nie zu deiner Matte gekommen? Ich habe sie nie begreifen können, jetzt aber verstehe ich es.«

Er beugte sich zu mir und flüsterte:

»Ich hatte Oasu vergessen. Er war ja so klein, daß er nach dem Tode zu einer Menscheninsel kommen mußte, um das Leben von neuem zu beginnen. Ali hatte im Tode den Knaben so fest an ihr Herz gedrückt, daß weder Leben noch Tod die beiden trennen konnte. Darum ist es sonnenklar – ich begreife nicht, daß es mir jetzt erst einfällt –, daß sie da sein muß, wo das Kind ist. Wer aber in Menschengestalt auf einer anderen Menscheninsel wiederersteht, der hat keine Erinnerung an sein früheres Leben. Sieh, darum kann sie dich nicht sehen und deinen Ruf nicht hören.« Toko sandte einen langen Blick über das Wasser, als ob er Ali an einer fernen Küste sähe, mit dem Kinde im Arm.

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