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Van Zantens wundersame Reise

Laurids Bruun: Van Zantens wundersame Reise - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens wundersame Reise
publisherGrethlein & Co.
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080328
projectid50da7cf5
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Die Insel der schimmernden Höhen

1. Der Sternschnuppenregen und die verborgenen Riffe

Ich schlug die Augen auf und befand mich in unserem Boot.

Masten, Segelmatten, Steven, alles war an seinem Platz. Ich lag in meiner Koje, und als ich mich aufrichtete, sah ich Toko schlafend am Vordersteven.

Was war geschehen? – Woher kamen wir? – Wohin gingen wir?

Ich konnte mich auf nichts mehr besinnen, nichts begreifen. Erst als Toko erwachte und sich den Schlaf aus den kugelrunden Augen rieb, glückte es uns durch gemeinsame Anstrengung, das Gestern und Heute zu entwirren.

Toko berührte seinen Körper, aber er hatte nirgends Schmerzen. Erstaunt blickte er mich an, darauf runzelte er die Brauen, als fiele ihm etwas ein, das er festzuhalten versuchte.

»Woran denkst du?«

»An den Vogel, den mächtigen Vogel, der mitten in all dem Wirbel niederstieß! –«

Er blickte nach rechts, nach links, drehte sich darauf um sich selbst, aber es war nichts als Himmel und Erde rings umher zu sehen.

»So packte er mich,« er griff sich um Nacken und Hüfte, um zu zeigen, wie der Vogel ihn gehalten hatte – »und dich packte er mit der anderen Kralle, trug uns übers Meer, senkte sich hinab und ließ uns ins Boot fallen, das auf dem offenen Meere trieb.«

Ich sah ihn fragend an, schwieg aber. Sein Gehirn arbeitete, er wollte die Sache näher erklären, und schließlich begann er: »Als die Insel auseinanderbarst,« er griff sich an die Ohren, als höre er noch das Getöse, »ist auch die Höhle auseinandergeborsten und das Boot frei geworden. Du erinnerst dich doch, daß es festgeklemmt lag und weder vorwärts noch rückwärts kommen konnte.«

Jetzt begannen auch in mir die Erinnerungen zu dämmern – die Insel – der Berg – die Königin – er, der sich ›Zünder‹ nannte –

Ich schloß die Augen und rief mir die Ereignisse der Reihe nach ins Gedächtnis zurück: der Boden erbebte – ich wurde hinabgezogen – mehr wußte ich nicht.

Ein großer Vogel – warum sollte ich Toko widersprechen, ich wußte ja keine bessere Erklärung!

»Gut, wir wollen weiter!« sagte ich zu mir selbst.

Toko aber las meine Gedanken –

»Weiter – ?«

Ich sah, wie er kämpfte, um seiner Erregung Herr zu werden. Schließlich aber stieß er zornig heraus:

»Ich will nach Hause!«

Kaum gesagt, warf er sich mir zu Füßen und flehte mit zitternden Lippen:

»Herr meines Lebens, laß uns zu unserer Insel zurückkehren! Wahrscheinlich war Ali auf dem Berge, wo alle lebendigen Lichter brannten. Da aber der Berg ins Meer gesunken ist, hat es doch keinen Zweck mehr zu suchen. Außerdem ist in drei Tagen unser Proviant zu Ende.«

Ich versicherte ihm, daß auch ich zur Insel zurückkehren wollte. Wo aber lag sie? Und wo befanden wir uns?

Wie sollte ich mich hier auf dem weiten Meere zurechtfinden? Seit wir unsere Insel verlassen hatten, waren wir von den wechselnden Winden im Kreise herumgetrieben worden. Einen Sextanten hatte ich nicht. An Sonne und Sterne mußten wir uns halten und an Tokos Instinkt.

Wir beschlossen, den warmen Strom zu suchen, der uns zuerst zu dem Gürtel der flackernden Winde und von dort zum Nebelmeer geführt hatte. Wenn wir den Strom gefunden hatten, wollten wir versuchen zurückzukreuzen, bis wir auf den Südwestmonsun stießen, der, wie Toko versicherte, um diese Jahreszeit unveränderlich sei.

Wir hatten östlichen Wind, beschlossen aber, nach Süden zu kreuzen, damit wir nicht zu früh vom Monsun ergriffen und zu dem inselarmen Gebiet zurückgetrieben wurden und uns östlich von unserer eigenen Insel entfernten. Dazu kam die Proviantfrage. Wir mußten unbedingt unterwegs bewohnte Inseln aufsuchen, und je weiter wir nach Süden hielten, um so größer war die Möglichkeit, daß wir auf Inseln trafen.

Es war gegen Abend.

Der Wind begann abzuflauen; und als die Sonne den Horizont berührte, lagen wir in Windstille, mit klappernden Segelmatten.

Das war ein neuer Strich durch unsere Rechnung; und als Toko das Abendessen bereitete, war er verdrießlicher als je.

»Tatloi zu Ende!« verkündete er, indem er den letzten kleinen getrockneten Fisch unter der Reling hervorzog und gegen die sinkende Sonne hielt, um sich die edlen Linien desselben noch einmal genau einzuprägen, bevor er für immer verschwand.

Wir lagen und träumten, bis die Sonne untergegangen war und der Sternenhimmel mit dem plötzlichen Übergang, wie man es in der Äquatorgegend gewohnt ist, Alleinherrscher war.

Toko sah sich aus alter Gewohnheit nach dem südlichen Kreuz um. Mit seinem scharfen Auge konnte er in der vollkommen klaren Luft die grünen, roten und blauen Sterne unterscheiden.

Plötzlich stieß er einen Warnungsruf aus und duckte sich.

»Sieh!«

Und ich sah, wie Sternschnuppen von dem südwestlichen Himmel über das südliche Kreuz regneten.

Es war ein wunderbarer Anblick. Ich konnte kein Auge davon wenden. Mit regelmäßigen Zwischenräumen wiederholte sich das Schauspiel. Toko duckte sich und blieb schließlich ganz auf dem Boden des Bootes liegen, nachdem er sich die Regenmatte über den Kopf gezogen hatte.

Ich rief ihn an, als es vorbei war. Er zürnte mir, daß ich mich so leichtsinnig der Gefahr ausgesetzt habe. Hatte er mir nicht oft genug erzählt, daß jede Sternschnuppe ein Geist sei, der herabfuhr, um sich eine Menschenseele zu suchen, auf die er es abgesehen hatte, wie der Großfänger hoch oben in der Luft auf den Fisch, der unter der Meeresfläche blitzt?

Ich versuchte ihn zu beruhigen, indem ich ihm die ungeheuere Entfernung vorhielt: die Geister dort oben mußten wahrlich gute Augen haben, wollten sie uns hier unten in dem kleinen Boot erspähen.

Mit größeren Pausen kehrte der Sternschnuppenfall wieder, und im Laufe der Nacht kam er näher. Schließlich war kein Zweifel mehr, daß wir in den Sternschnuppengürtel geraten waren, von dem alte Schiffer mir erzählt haben.

Unter anderem hatte ich gehört, daß innerhalb dieses Gürtels mächtige Korallenriffe dicht unter der Meeresfläche liegen sollten.

Wenn sich diese Angabe bestätigen sollte, waren wir vielleicht zu dem großen Korallenriff unter dem südlichen Kreuz gelangt, von dem Tongu Toko erzählt hatte, als er noch ein Knabe war, jene Korallenriffe, wo die größten und zahlreichsten Schildkröten zu finden sein sollten, die er sich als Ziel unserer Reise gesetzt hatte. Wenn das der Fall war, würden wir nach Tokos Berechnung nur drei Tagereisen von unserer eigenen Insel entfernt sein.

Ich wagte indessen nicht, ihm von dieser schwachen Hoffnung zu sprechen, ich fürchtete, daß nach all dem Mißgeschick seine alte Schildkrötenleidenschaft so heftig in ihm aufflammen würde, daß er alles andere vergessen und mich anflehen würde, das aufzusuchen, was wir aus allen Kräften vermeiden mußten. Denn wie konnten wir es wagen, uns mit unserer Nußschale einem Feld von Unterseeklippen zu nähern? Am Tage mochte es angehen, wenn die Farbe des Wassers uns warnen konnte. Des Nachts aber, wenn alle Farben erloschen waren? Nur so viel Wellengang, wie eine frische Brise mit sich brachte, und wir würden rettungslos an den Riffen zerschellen.

Ich spähte heimlich umher, um ihn nicht zu beunruhigen. Und wahrhaftig – sah ich dort beim Sternenschein nicht eine unruhige Bewegung im Meeresspiegel, wie ein Wasserwirbel über einem großen schwimmenden Tier?

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