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Van Zantens wundersame Reise

Laurids Bruun: Van Zantens wundersame Reise - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens wundersame Reise
publisherGrethlein & Co.
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080328
projectid50da7cf5
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7. Das Kind und der Tod

Sie ging zur Wand und blieb dicht neben der Tür, die zu meinem Zimmer führte, vor einem Schrank stehen, der plötzlich in die Wand zurückwich, wodurch ein dunkler Raum sichtbar wurde.

Sie schob mich vor sich hinein, worauf der Schrank lautlos an seinen Platz zurückglitt.

Im selben Augenblick glühte ein Licht auf, und mit einer Geschwindigkeit, so plötzlich und gewaltsam, daß mir fast der Atem verging, sausten wir durch den Turm in die Tiefe hinab. Es dauerte sicher drei Minuten, bevor der Fahrstuhl gegen den Grund stieß und mit einem Ruck hielt.

So imponierend hoch, das erfuhr ich jetzt erst, war der Turm. Offenbar war er gleichzeitig Sitz der Regierung, Wohnung der Königin, Rathaus, Hauptpolizeiamt, Archiv und beherbergte außerdem den ganzen wundersamen Beleuchtungs- und Mitteilungsapparat des Inselstaates. Ferner lief die Hauptverkehrsader der Stadt in Spiralen bis zur halben Höhe um ihn herum.

Ich erinnerte mich, daß wir vom Bassin durch einen unterirdischen Gang geführt worden waren, der Turm hatte also noch ein Stockwerk unter der Erde. Hier unten befand sich offenbar der Zentralsitz für das staatliche Versuchswesen mit den dazugehörigen Bassins, Destillationsräumen, die Ernährungs- und Reinigungsmaschinerie.

Alle Türen führten zu einem schmalen Gang, der wie derjenige, durch den wir von der Wache geführt worden waren, von oben Licht erhielt. Wir befanden uns darum unter dem Boden der Stadt.

Von dem Glasgang, wo nichts Lebendiges uns begegnete, gelangten wir durch eine verborgene Tür zu einer dunklen Passage.

Wieder öffnete sich die Tür, und ganz unvorbereitet stand ich in einem so blendenden Licht aus verborgener Quelle, daß es mir stärker erschien als der Tag auf der sonnenbeschienenen Insel, wo ich so lange gelebt hatte.

Es dauerte eine Weile, bevor ich wegen des blendenden Widerscheins auf den vielen blitzenden Gegenständen den Raum zu überblicken vermochte.

Es war eine Art Wintergarten, doch nicht besonders groß. Aus Grotten und Ecken rankten sich Gewächse mit Blättern in phantastischen Formen, als seien es kühne Versuche von genialen Künstlern. Da waren Beete mit beweglichen Pflanzen. Kleine leuchtende Glöckchen läuteten, und von Stengeln und Zweigen pfiff es leise.

Zwischen den Steinen der Grotten rieselten Quellen wie blitzende Silberfäden, bald flossen sie schnell wie Wasserfälle, die unter der Erde verschwanden, bald tropften sie melodisch weich in Bassins mit glasklarem Wasser; bald wiederum rannen sie über Blätter, die von unten beleuchtet wurden, als ob die Sonne hindurchschiene, bald rieselten sie über Edelsteine, in denen Licht und Wasser sich in mannigfachem Farbenspiel brachen.

Zwischen den Grotten und Beeten schlängelten sich Wege, anscheinend von einer Schicht feinsten Kieses belegt, wenn man aber darauf trat, waren sie weich und elastisch wie ein Teppich.

Ich war noch in Anschauung versunken, als ich etwas Warmes, Weiches auf meiner Hand fühlte.

Ich blickte hinab und sah zwei dunkelgraue Kinderaugen mit seltsamem Glanz auf mich gerichtet.

An der Kopfform, dem vollendeten Bogen der Brauen, der Elfenbeinfarbe der Haut und der Bronzefarbe des Haares sah ich, daß es nur das Kind der Königin sein konnte.

Ein kleines Mädchen von vielleicht vier Jahren mit langsamen, anmutigen Bewegungen und einer Reife des Ausdruckes, die weit über ihre Jahre hinausging. Ein kleines, von Einsamkeit geprägtes Gesicht, dessen unnatürlich große Augen mich mit einem seltsamen Blick gefangen hielten, den ich mir nicht zu deuten vermochte.

Ich sah wohl, daß die Mutter, die die eine Hand des Kindes hielt, mich durchdringend und mißtrauisch betrachtete. Dennoch vermochte ich meine Augen nicht von der wundersamen Kinderseele loszureißen, die mir trotz Pracht und Reichtum der Umgebung ein gewisses Mitleid einflößte.

Das Kind schien dieses Gefühl zu spüren und sich dessen zu freuen; denn plötzlich befreite es seine andere Hand und streckte beide Arme nach mir aus mit einem Ausdruck des Wiedererkennens im Blick, als ob ich es an jemanden erinnerte, den es lieb hatte.

Ich wußte nicht, ob ich der Bitte dieser Arme willfahren durfte. Als ich die Augen der Königin suchte, riß sie mit einer heftigen Bewegung die Kleine an sich und nahm sie auf ihren Schoß, ohne Liebkosung, mit strengen Händen.

Durch den kleinen zarten Körper bebte ein Seufzer; in Liebebedürfnis lehnte sie ihren Kopf gegen die kalte Mutterbrust, während die großen, durchsichtigen Lider sich über die Enttäuschung in dem sehnsuchtsvollen Kinderblick senkten.

Einige Augenblicke tiefen Schweigens folgten. Da war es, als ob die Wärme des kleinen Kopfes etwas in der Brust der Königin löste. Seltsam unbeholfen legten die schönen, strengen Hände sich um den Kopf des Kindes. Mit seltsamer Scheu beugte sie sich darüber, und ihr schmaler Mund berührte das Haar des Kindes.

Dann hob die Königin wieder den Kopf; ihre Augen suchten aufmerksam die meinen – suchte sie nach der Ähnlichkeit, die das Kind gefunden zu haben meinte?

Wenige Augenblicke später vertraute sie mir, dem Fremden, was sie noch keinem aus ihrem Reich anvertraut hatte.


Auf der Nebelinsel bestimmte ein sogenannter ›Zuwachsausschuß‹, wie viele Kinder im kommenden Jahre zur Welt kommen durften, damit das richtige Gleichgewichtsverhältnis zwischen der Bevölkerung einerseits und der Ernährungsmasse andererseits, die nach Berechnung des Staatslaboratoriums zur Verfügung stand, gewahrt wurde.

Wenn die Anzahl bestimmt war, war es Aufgabe des ›Eherates‹, unter Berücksichtigung von Alter, Anciennität und Gesundheit, die Jungen beiderlei Geschlechtes auszusuchen, auf denen der Zuwachs des kommenden Jahres beruhen sollte.

Die Auserwählten wurden nach eingehender Prüfung des Rates in männliche und weibliche Gruppen eingeteilt. Die Ehen kamen dann auf die Weise zustande, daß die Älteste aus jeder Frauengruppe zuerst durch das Los einen Mann aus der Männergruppe zog; darauf zog auf dieselbe Weise der Alteste aus der Männergruppe ein Los, und so immer weiter.

Wenn alle Gruppen auf diese Weise gepaart waren, mußten die Paare eine vierzehntägige Hochzeitsperiode in dazu eingerichteten Hochzeitslagern verbringen, und in dieser Zeit durfte ihnen keine Arbeit auferlegt werden.

Wenn die Zeit vorbei war, kehrte jedes zu seinem Heim und seiner Arbeit zurück, und es durfte kein Verkehr mehr zwischen ihnen stattfinden, es sei denn, daß ein Paar keine Frucht angesetzt hatte; in solchem Fall wurde eine Nachperiode eingeräumt, und wenn auch diese resultatlos verlief, wurden sowohl Mann wie Frau von der Eheliste gestrichen, und es fand eine Extraernennung aus den nächsten Reihen statt.

Wer von dem ständigen ›Kronrat‹ als König oder Königin erwählt wurde – die Nebelinsel wurde abwechselnd von einem Mann oder einer Frau regiert – hatte vor anderen Männern und Frauen auf der Insel das Recht, sich selbst, ohne Los, einen Gefährten aus der andersgeschlechtlichen Gruppe zu wählen.

Wenn die Kinder zur Welt gebracht worden waren, wurden sie den Müttern genommen, von dem Zuwachsausschuß nach der Qualität sortiert und der Staatserziehungsanstalt übergeben. Dort wurden sie, nach sechs Monaten, einer abermaligen Prüfung unterzogen, und diejenigen, die körperlich oder geistig minderwertig waren, wurden entfernt, um einen vollkommen schmerzlosen Tod zu erleiden.

Die Kinder wurden nicht gesäugt; denn auf Grund des Nebels, der künstlichen Beleuchtung und künstlich zubereiteten Nahrung hatte keine der Frauen genügend Muttermilch. Die Kinder wurden durch eine besonders zubereitete Kost ernährt, die reichlich und gut war.

Ob es dennoch diese Kost war oder der Nebel und das künstliche Licht, genug, am Anfang des dritten Lebensjahres trat für alle Kinder eine kritische, ja lebensgefährliche Periode ein: der Kopf schwoll an, und ein unwiderstehliches Schlafverlangen machte sich geltend. Wenn das Kind diese Periode nicht überstand, begann ein stilles Hinwelken, von dem das Kind langsam in den Tod hinüberglitt, wie eine Treibhauspflanze, die hinwelkt.

Das anscheinend so unmenschliche Gesetz, durch das das Kind der Mutter gleich genommen wurde, diente dennoch, wie alles auf der Nebelinsel, wohlüberlegten, klugen und weitreichenden Zielen.

Erstens wurden Neid und Mißgunst dadurch ausgeschlossen, denn die Mütter, die erst ein halbes Jahr nach der Geburt, und dann nur an bestimmten Tagen, Zutritt zu den Gemeinschaftssälen des Staatserziehungsheimes bekamen, konnten nicht wissen, welches Kind aus der Menge das ihre war. Die Folge davon war, daß die Liebe zum eigenen Kinde auf ganz natürliche Weise zu Liebe zum Menschen im Entstehen wurde. Wollte man gut gegen das eigene Kind sein, mußte man Güte für alle haben.

Zweitens wurde der Schmerz über die Ausmerzung der mißglückten und defekten Kinder gemildert, die man aus Staatsgründen für notwendig hielt: denn das betreffende Kind brauchte ja nicht das eigene zu sein, um so mehr als jede Mutter sich weigert zu glauben, daß gerade ihr Kind minderwertig ist.

Außerdem, wenn die kritischen Jahre kamen, mit den bekannten, gefährlichen Symptomen, dann ging man Klagen der Mütter über die Pflege aus dem Wege. Wenn keine Mutter wußte, ob das kleine Wesen, das vor ihr saß und den Kopf hing, ohne an dem Spiel der anderen teilzunehmen, das ihre oder ein anderes war, dann wurde auch hier die Mutterliebe zu Fürsorge für die kranken Kinder im allgemeinen, und jede Mutter sah den Pflegerinnen im gemeinsamen Interesse für die gemeinsame Nachkommenschaft auf die Finger, was wiederum mit den Interessen des Staates übereinstimmte und jede staatliche Kontrolle überflüssig machte.

Die Königin war im Hause ihrer Eltern, die zu einem Königsgeschlecht der Insel gehörten, von einer alten Dienerin großgezogen worden.

Als nun durch Gesetz die Staatserziehung eingeführt wurde – die Königin war damals halb erwachsen – hatte diese erprobte Dienerin durch den Einfluß ihrer Familie eine Stellung als Oberpflegerin der ersten Pflegeklasse erhalten.

Die Königin war inzwischen herangewachsen und wenige Jahre später vom Kronrat als Regent ausersehen worden. Wieder ein Jahr später war sie als werdende Mutter an die Reihe gekommen. Und da es ihr Vorrecht war, hatte sie sich den schönsten und edelsten Mann aus der Gruppe zum Gatten erwählt.

In der Nacht, als sie ihr kleines Mädchen zur Welt brachte, war ihre alte Pflegerin gekommen, um, wie es ihre Pflicht war, das Kind mit in die Erziehungsanstalt zu nehmen.

Da aber hatte die Königin die Alte gebeten, das Kind zu kennzeichnen, damit sie es von anderen unterscheiden könnte. Denn der Gedanke, daß sie, wie das Gesetz es gebot, nicht wissen sollte, welches Kind das ihre sei, kränkte ihren Stolz aufs tiefste.

Darum hatte die Alte dem Kinde auf der linken Schulter mit einer glühenden Nadel ein Mal eingebrannt. Auf diese Weise konnte die Mutter, wenn sie als Königin die Staatserziehungsanstalt inspizierte, ihrem Kinde durch die Jahre folgen. Die alte Pflegerin sorgte dafür, daß das Kind immer in der ersten Reihe stand, so daß es dem Gefolge nicht auffiel, daß die Königin es in ihre Arme schloß.

Als nun das Ende des dritten Jahres sich näherte und die Königin bei ihren Besuchen sah, daß die bekannten Symptome sich bei den Gleichaltrigen zu melden begannen, fürchtete sie, daß sie ihr Kind nie wieder zu sehen bekommen würde. Sie entschloß sich, die Pflegerin unter einem dienstlichen Vorwand zu sich kommen zu lassen, und überredete sie, das Kind in eine Krankenstube zu bringen, wo sie selbst die Oberaufsicht führte, dann den Tod des Kindes anzuzeigen und statt seiner ein totes Kind den Leichenverbrennern auszuliefern.

Seit jener Zeit hatte sie das Kind heimlich bei sich gehabt, und zwar in dem Raum, der mein Gefängnis geworden war.

Da, eines Abends, als sie hereinkam, um dem Kinde gute Nacht zu sagen, begann die Kleine auf ihrem Schoß zu jammern, und der Kopf fiel kraftlos gegen die Brust der Mutter. Kurz darauf kam es wieder zu Kräften, am nächsten Morgen aber waren die Lider geschwollen, und das Kind wollte beständig den Kopf anlehnen und schlafen.

Die Pflegerin kam so oft, wie sie konnte; aber sie konnte auch nicht helfen. Bald wurden die Atemzüge hastig und röchelnd, und dann ging es schnell bergab.

Die Oberpflegerin, die aus unzähligen anderen Fällen Erfahrungen gesammelt hatte, sah, daß hier keine Rettung möglich sei. Doch wagte sie es der Mutter nicht zu sagen. Fast jeden Abend und jede Nacht verbrachte sie beim Kinde.

Da brach eine Epidemie in der Abteilung der alten Pflegerin aus, die Krankenstube war überfüllt, und an einem besonders kritischen Abend konnte sie ihre Pflegebefohlenen nicht verlassen, weil der Chefarzt sich persönlich angemeldet hatte.

Die Königin schützte Unwohlsein vor und verbot jeden Zutritt zum Königinzimmer.

Als es Nacht wurde, nahm sie das Kind zu sich. Sie bettete es in dem tiefen Lehnstuhl neben ihrem Arbeitstisch, damit sie jede Regung in dem bleichen, ausdruckslosen Gesicht verfolgen konnte.

Wie das Kind dort mit dem großen Kopf so hilflos auf dem Kissen lag und röchelnd atmete, schlug es mit Beschwer die geschwollenen Lider zur Mutter auf, als ob es sagen wollte:

»Siehst du nicht, wie ich leide – warum hilfst du mir nicht?«

Die Königin, die Höchste der Nebelinsel, begegnete zum erstenmal der Grenze ihrer Macht. Einer niederdrückenden eisigen Ohnmacht, als ob eine Hand auf ihrer Schulter läge und sie niederhielte.

Zwar wußte sie, daß der Tod über ihr stand, aber noch war er ihr nie persönlich entgegengetreten. Jetzt empfand sie ihn wie einen Feind, der sich unsichtbar durch den Raum näherte und die Hand nach ihrem Kinde ausstreckte.

Wie eine Rasende fuhr sie auf und warf sich auf den Stuhl, um die Hand zu hindern, das Kind zu berühren.

Da erklang ein Stöhnen aus der Brust des Kindes, während große Schweißtropfen auf der Stirn perlten. Der Kinderkörper wurde von einem furchtbaren Kälteschauer geschüttelt, als ob die Hand des Todes es dennoch berührt habe.

Voller Verzweiflung wehrte sich die Königin mit den Armen – gegen wen? gegen was? – warf sich dann neben dem Kinde auf die Knie und flehte um sein Leben, obgleich sie gar nicht wußte, was beten war, noch zu wem sie beten sollte.

Sie, die seit ihren Kinderjahren nicht geweint hatte, fühlte, wie heiße Tränen ihr übers Gesicht strömten.

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