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Van Zantens wundersame Reise

Laurids Bruun: Van Zantens wundersame Reise - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens wundersame Reise
publisherGrethlein & Co.
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080328
projectid50da7cf5
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2. Tokos Trost

Eine Hand berührte meine Schulter. Es war Toko. Leise war er aus unserem Hause gekommen.

»Warum sitzt du den ganzen Tag und hältst deinen Kopf fest? Hast du Angst, ihn zu verlieren?«

Das sagte er nur, um mich zu reizen.

Ich blickte über die Lagune und schwieg.

Da warf er sich seufzend neben mich und ließ den warmen Korallensand durch seine Finger gleiten.

Er blickte über die Schultern zu Alis und Oasus Gräbern, die vom letzten Tagesschein beleuchtet wurden.

»Komm,« sagte er und sprang auf, »bevor die Steine kalt werden.Die Steine werden kalt = die runden, erhitzten Steine, zwischen denen die Tarobrote geröstet werden. Das Kanuhaus ist bereits verschwunden

Ich stand auf und folgte ihm.

Als wir schweigend unsere Brote verzehrt hatten, nahm er sich zusammen und begann:

»Herr meines Lebens, höre auf das, was ich dir zu sagen habe! Seit jener Nacht, als Ali und das Kind dir genommen wurden, haben viele Monsunwechsel stattgefunden, und noch immer sitzt du in Dunkelheit. Nie lachst du, nie singst du mehr, sitzt nur und hältst deinen Kopf, damit nichts heraussickern kann. Sprich doch mit mir, daß ich dir helfen kann! Sage, daß du nicht mehr auf dieser Insel leben willst, und ich werde dir ein großes Boot bauen und mit dir über das Meer fahren. Nur wirf mich nicht fort, wie man eine Schale wegwirft, deren Kern gegessen ist.«

Ich strich ihm über das krause Haar. Er tat mir so leid, wie er dort ganz zusammengesunken am Feuer saß.

»Toko, was wäre mir geblieben, wenn ich dich nicht hätte! Du willst mit mir über das Meer fahren –«

Ich wollte ihm das Törichte seines Vorhabens klarmachen, im selben Augenblick aber dämmerte eine Hoffnung in mir, und ich hielt inne –

Auf diese Weise kam der Gedanke einer Reise zu mir. Durch Toko war er mir zum Troste eingegeben worden, und ich begann darüber nachzudenken.


Zeitig am nächsten Morgen, als ich vor Tokos Matte stand, und er noch halb im Schlafe zu mir aufsah, leuchtete es plötzlich in seinen Augen auf – er hatte die Veränderung in meinem Blick gesehen. Ein breites Lächeln glänzte auf seinen Zähnen.

»Schildkrötenwetter?« fragte er wie in alten Tagen.

Ich lächelte ihm zu, öffnete den Fensterladen und blickte über die Lagune, die in der Morgensonne so stark funkelte, daß ich die Augen schließen mußte.

Toko begann zu singen, das Morgenlied, das die Vögel ihn gelehrt hatten, sprang auf die offene Tür zu und sog mit geblähten Nasenflügeln den frischen Atem des Meeres ein. Darauf drehte er sich zu mir um, stemmte die Hände gegen seine Schenkel und machte einem plötzlichen Einfall Luft:

»Weißt du, wenn wir das große Boot gebaut haben, machen wir eine Reise nach der Koralleninsel, wo noch kein Jetztlebender gewesen ist. Tongu aber hat mir erzählt, daß sein Vater sie einst in einem kleinen Kanu gesucht und nach drei Tagen unter dem großen Licht im Süden gefunden hat. Dort war es so voll von Dachtieren, daß er von Dach zu Dach springen konnte, wie auf den Strandsteinen der Lagune.«

In seinen Augen, die auf mich gerichtet waren, lag eine Bitte, und kaum hatte er mein Lächeln wahrgenommen, als er jubelnd in die Hände klatschte und hinausstürzte.

Ich sah ihn erst wieder, als es Zeit war, das Mittagessen zu bereiten. Da kam er atemlos über den Strand gelaufen, schon von weitem winkend. Er warf sich neben dem Herde auf die Knie, griff nach den FeuerhölzernFeuerhölzer = Stäbe aus weichem Holz, die in einer Vertiefung von hartem Holz gedreht werden, bis ein Büschel trocknes Ilang-Gras Feuer fängt. und während er den Rohrstab drehte, erzählte er mir, daß er schon einen Stapelplatz gefunden und einen Baum für das große Boot ausgesucht habe. Jetzt wollten wir schnell essen, und dann sollte ich mitkommen und ihm sagen, wie er das Boot bauen sollte, denn als das Boot des Königs gebaut wurde, das jetzt morsch und verfault oben im Kokoshain lag, war er ja erst ein Knabe gewesen.

Toko verstand das Eisen zu schmieden, solange es heiß war, ja, noch bevor es heiß wurde. Denn alles, was ich ihm vorläufig geben konnte, war ein wehmütiges Lächeln.

Abends entwarf ich eine Zeichnung für das Boot.

»Es soll Platz haben für dich und für mich, nur für uns beide,« sagte ich, »und für zwanzig Tage Proviant.«

Er riß die Augen weit auf.

»Und für die Schildkröten!« fragte er atemlos.

Nach Schildkröten stand mir nicht der Sinn. Ich wollte nur fort, fort von allem, was Erinnerungen wachrief. Vielleicht würde ich zu einer anderen Insel kommen und nie wieder zurückkehren. Aufs Meer – ins Ungewisse – waren zwanzig Tage zu viel? Wie aber sollte ich Toko erklären, was mir selbst noch nicht klar war?

»Und Platz für die Schildkröten,« nickte ich nur.

Während ich zeichnete, guckte er mir über die Schulter. Wenn er etwas erkannte, jubelte er und schlug sich vor Vergnügen auf die Schenkel.

Als die Zeichnung fertig war, dauerte es eine Weile, bevor er sie zu berühren wagte. Lange lag er wach, er war zu aufgeregt über das, was er gesehen hatte.

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