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Van Zantens wundersame Reise

Laurids Bruun: Van Zantens wundersame Reise - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens wundersame Reise
publisherGrethlein & Co.
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080328
projectid50da7cf5
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2. Der unterirdische Strom

Ich erwachte dadurch, daß der Nebel mir aufs Gesicht tropfte, fuhr in die Höhe und stieß in der Dunkelheit mit dem Kopf gegen die Wölbung, die mir jetzt so nah war, daß ich mich nicht mehr auf dem Sitz aufrichten konnte. Am Vordersteven erklangen Tokos tiefe, regelmäßige Atemzuge.

Das Boot schaukelte sachte auf und nieder. In der schwachen Dämmerung versuchte ich, die Hände gegen die tropfende Decke gestemmt, das Boot hin und her zu schieben; der Kiel aber war achtern festgeklemmt. Ich kroch zum Vordersteven und sah, daß das Tau schlaff herabhing. Die Vertäuung war also gesprengt worden. Und wo der Eingang zur Höhle gewesen war, sah ich nur einen schwachen Lichtschein, der von irgendwo unterm Wasser zu kommen schien.

Da wurde mir klar, daß die Höhle bei Eintreten der Flut unter den Meeresspiegel geraten war, und daß die eindringende Strömung, die stark genug gewesen war, die Vertäuung zu sprengen, das Boot bis ans Ende der Höhle getrieben hatte, wo die Decke zu unserem Glück so hoch gewesen war, daß das Boot nicht dagegengepreßt wurde. Sonst würde das Boot schon mit Wasser gefüllt und keiner von uns mehr am Leben sein.

Ich weckte Toko und erklärte ihm die Lage. Er entledigte sich sofort seines Lendentuches und kroch aus dem Boot.

Das Wasser ging ihm bis an den Hals. Er schwamm zum Eingang, wobei er mit dem starken Gegenstrom zu kämpfen hatte, und gelangte zum Eingang der Höhle, von dem er sich in dem durchsichtigen Reflex, der von dem schwachen Tageslicht draußen durch das Wasser schien, wie die dunkle Silhouette eines ungeheuren, schwanzlosen Salamanders abhob.

Er versuchte zu tauchen, der Strom aber war zu stark. Es blieb uns darum nichts anderes übrig, als das Eintreten der Ebbe abzuwarten.

Wir ahnten nicht, wann die Flut begonnen hatte, konnten darum auch nicht berechnen, wie lange die Wartezeit dauern würde. Da wir hier aber gut geborgen waren, lag keine augenblickliche Gefahr vor. Nur Geduld mußten wir haben.

Darum machten wir es uns bequem und versorgten uns mit dem, was das Boot enthielt.

Toko war wie gewöhnlich der Schaffer, indem er bei jedem eßbaren und trinkbaren Gegenstand, den er aus den unzähligen Verstecken im Boot hervorholte, mit trockenen Zahlen getreulich Rechenschaft ablegte, wie viele Rationen noch übrigblieben.

Als wir uns gesättigt hatten, wurde der Selbsterhaltungstrieb wieder in uns lebendig.

Da die Flut unvermindert hereindrang, mußte sich unbedingt auf dem Boden der Höhle ein Abfluß befinden; um die Wartezeit zu verkürzen, beschlossen wir, diesem Rätsel auf den Grund zu gehen.

Das Boot konnten wir unbesorgt verlassen, da es vor etwaigen feindlichen Blicken verborgen lag und so festgeklemmt war, daß es sich nicht auf eigene Faust auf Abenteuer begeben konnte.

Nachdem auch ich mich aller beschwerlichen Kleidungsstücke, sogar der Sandalen, entledigt hatte, gingen wir von Bord.

Es war ein leichtes vorwärtszukommen, denn der Strom floß schneller, als wir schwimmen konnten. Die Decke war noch immer so dicht über unseren Köpfen, daß wir sie mit den Fingern berühren konnten, wenn wir beim Schwimmen die Hand ausstreckten.

Je tiefer wir aber in die Höhle eindrangen, desto dunkler und feuchter wurde sie, und die Luft immer drückender. Da wir auf dem Rückweg Gegenstrom haben würden, und ich fürchtete, daß unsere Kräfte nicht ausreichten – vielleicht nahm der Strom an Stärke zu – wollte ich Toko, der voran war, gerade zurufen, daß er umkehren sollte, als er einen Lichtschein ankündigte.

Er sagte, das Wasser würde seichter, daß es ihm nur noch an die Brust reichte.

Mit einigen kräftigen Schlägen war ich neben ihm und sah jetzt ebenfalls den schwachen Lichtschein.

Ich betastete die Wölbung über mir und längs der Wände, prüfte den Boden mit den Füßen und stellte fest, daß die Höhle, die zu Beginn rauh gewesen war, mit zufälligen Vorsprüngen, wechselnden Verengungen und Erweiterungen – offenbar ganz und gar ein Werk von der Hand der Natur, – jetzt geebnet, regelmäßig gewölbt war, sowohl über wie auch unter dem Wasser, wie ein gemauerter oder ausgehauener Kanal.

Der Lichtschein vor uns reizte meine Neugierde, und das Gepräge von Menschenwerk überwand meine Bedenken.

Vorsichtig gingen wir weiter, Toko immer voran, seiner scharfen Augen wegen, die, wie bei Tieren des Katzengeschlechtes, nur bei absoluter Dunkelheit versagten.

Da blieb er stehen und stieß einen leisen Verwunderungsruf aus.

Wir standen vor einer Gittertür, die den Kanal wie ein Rost abschloß; die viereckigen Öffnungen waren so groß, daß ein Kind seinen Kopf hindurchstecken konnte.

Soweit ich zu sehen vermochte, waren die Stangen aus Eisen, dick, sehr alt; jedenfalls ließen sich Stücke, wahrscheinlich Rost, mit Leichtigkeit ablösen.

Toko untersuchte das Gitter genau und versuchte mit Armen und Füßen, wieweit er durch die Öffnungen kommen konnte.

Ich strich mit der Hand längs der Felswand über die Kante des Gitters und stellte fest, daß die Stangen nicht in den Felsen eingerammt waren.

Toko untersuchte den Rand genau und fand schließlich einen Zapfen oder eine Art Klinke.

Er betastete sie, und plötzlich gab das Gitter nach.

Er fiel mit der Tür, wenn auch nicht ins Haus, so doch in einen Kanal, der ebenfalls von Menschenhand gebaut war.

Unwillkürlich forderte ich ihn auf, still zu sein, ich meinte, daß irgendein lebendiger Zeuge dieses Menschenwerkes nicht fern sein könne, sich vielleicht vorn in dem Lichtschein aufhalten würde, wo der Kanal mitsamt dem Strom in einem größeren Raum zu münden schien.

Ich dachte an den Rückweg und an das Boot. Toko aber, der gestern in der dunklen Nacht, die sein Auge nicht zu durchdringen vermochte, mich angefleht hatte, umzukehren, drang jetzt furchtlos, wie er von Natur war, immer weiter vor und war schon ein gutes Stück in dem Kanal, wo das Wasser ihm nur noch bis an die Hüften ging, vorgedrungen, so daß ich mich entschloß, dem vollkommen Unbekannten noch einmal die Hand zu bieten.

Wir brauchten nicht mehr zu schwimmen, aufrecht konnten wir dem hastigen Strom folgen, indem wir uns mit der Hand gegen die Mauer stützten, wenn der Strom uns umzureißen drohte.

Der Kanal wurde immer breiter. Der Boden senkte sich. Etwas vor uns hörte zur Rechten die Mauer auf, und der Strom wurde weniger hastig, indem er sich in einem Raum breitete, der von oben Licht zu bekommen schien.

Als wir ihn erreichten, sahen wir vor uns in dunklen Umrissen ein mächtiges, viereckiges Bassin.

Die Decke bestand aus einer Glasmasse, ähnlich derjenigen, mit der man Räume deckt, die unter der Erdoberfläche liegen.

Vorsichtig wateten wir durch das Bassin zu der gegenüberliegenden Wand. Sie war aus dickem, klarem Glas, durch das wir in einen dunklen Raum blicken konnten, eine Halle oder einen Gang, wo sich in undeutlichen Umrissen Schränke und Tische abzeichneten.

Wir gingen an der Wand entlang. Als wir ungefähr halbwegs gekommen waren, sah Toko, daß in der Mauer, auf die das Wasser zuströmte, in der ganzen Länge eine schmale Öffnung dicht über dem Wasserspiegel war. Durch diese Spalte fiel ein Lichtschein auf das Wasser. Dort war also der Ablauf für den Strom.

War dieser Wasserfall, dessen gedämpftes Brausen wir hören konnten, zu Reinigungszwecken angelegt, oder wurde die Wasserkraft im Dienste irgendeines mechanischen Zweckes ausgenutzt?

Neugierig näherten wir uns der Glaswand – in die Mitte des Bassins wagten wir uns wegen etwaiger Untiefen nicht – als wir plötzlich vor einer eisernen Treppe standen, die mit wenigen hohen Stufen zu einem Ventil in der dunklen Halle führte. Es war eine viereckige Luke, groß genug, daß man sich hindurchklemmen konnte; wahrscheinlich diente sie als Eingang, wenn das Bassin gereinigt werden sollte.

Toko wollte unverzüglich die Treppe hinauf, ich aber hielt ihn zurück, ich wollte unsere Umgebung zuerst näher in Augenschein nehmen.

Inzwischen war ich zu der Stelle gelangt, wo das Wasser durch den Spalt in der Mauer floß. Die Hand gegen die obere Kante gestemmt, beugte ich mich hinab, um hinunterzugucken.

Ich sah, wie das Wasser draußen hinter der Wand einige Meter über eine Schrägung fiel. Kein Mühlrad nahm es auf, es schäumte über einen langen Behälter, der hinter einer Wand verschwand, wo ich es wie durch ein Schleusenwerk brausen hörte.

Indem ich mich soweit wie möglich vorbeugte, um der Schrägwand draußen mit dem Blick zu folgen, sah ich in einer viereckigen Luke ein Gesicht, grau, unbeweglich, wie in Stein gehauen, aufmerksam auf den Fall des Wassers im Behälter gerichtet.

Ein Aufseher, der den Wasserstand mißt, dachte ich –

Im selben Augenblick hob er den Kopf, und sein Blick, groß, offen, blaß und kalt wie der eines Fisches, traf den meinen.

Ich zog meinen Kopf geschwind zurück, obgleich er mich in der Dunkelheit der schützenden Mauer kaum gesehen haben konnte.

Darauf drehte ich mich nach Toko um und sah, daß er oben auf der Leiter vor dem Ventil stand. Er hatte es bereits geöffnet und war im Begriff, durch die Luke zu kriechen.

Ich warnte und rief, er aber hörte nicht. Es half nichts, ich mußte ihm nach und kroch mit Beschwerden durch die Luke zur anderen Seite der Glaswand.

Ich bat Toko, leise zu sein, er konnte sein Erstaunen über die vielen Wandschränke – ›Hütten‹ nannte er sie –, die längs der Wände in der fast dunklen Halle standen, nicht unterdrücken.

Er war die Leiter auf der anderen Seite schon hinuntergestiegen, und ich war drauf und dran, ihm zu folgen, als es plötzlich hell wurde und aus einer Öffnung etwas weiterhin Schritte erklangen.

Der Kopf in der Luke hatte mich also doch gesehen:

Die Wache war alarmiert!

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