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Van Zantens wundersame Reise

Laurids Bruun: Van Zantens wundersame Reise - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens wundersame Reise
publisherGrethlein & Co.
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080328
projectid50da7cf5
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5. Das Fohlen in der Felsenhöhle

Wir waren jetzt aus dem Wald gelangt.

Vor uns, in einer mächtigen Talsenkung, lag eine wellige Landschaft mit halb oder ganz ausgebrannten Kratern. Die Gegend breitete sich grau in grau unter der niedrighängenden Wolkendecke.

Wir ritten allein, nur über den Kratern segelten Flieger mit großen Flügelschlägen. Ich erkannte den hüpfenden Flug des Eichhörnchentieres und die langen Flugbewegungen des Geiers. Auch ein vereinzeltes Meerpferd kam lärmend vom Strande und umkreiste den größten Krater, aus dem weißliche Dämpfe mit Schwefelgeruch wirbelten, – derselbe Geruch, der aus der Mähne des Herrschers stieg und ihm so sehr behagte, daß er ihn mit vollen Zügen atmete.

Es ging langsam bergauf, bis wir den Rand des höchsten Kraters erreicht hatten; dort machten wir halt.

Die Stute stellte sich an die Seite des Hengstes, und gemeinsam genossen sie die Aussicht über die große Talsenkung mit den vielen dampfenden Gipfeln auf ihrem Grunde. Kein Baum, kein Strauch, nicht ein Stückchen Gras war zu sehen, nur eine graue Flechtenart breitete sich wie Schimmel auf den ebenen Stellen.

Hier und dort stürzte sich ein Geier herab und durchsuchte den Kratergrund nach Resten kleiner verbrannter Tiere, bis weißliche Schwefeldämpfe aus unsichtbaren Erdrissen sich über ihn schlichen.

Der Herrscher lachte laut, als ein großer Vogel, der seine Beute nicht im Stich lassen wollte, sich gegen die erstickenden Dämpfe wehrte, indem er mit linkischen Flügelschlägen hin und her hüpfte. Wütend hackte er mit seinem Schnabel nach den schleichenden Dämpfen, bis er schließlich, hustend und nach Atem ringend, seinen Schnabel durch die Federn des entfalteten Flügels streichen mußte, um den Dunst loszuwerden.

Mitten in der Landschaft sprangen riesige Hunde mit gedrehten Widderhörnern. Sie versuchten, sich den speienden Kratern zu nähern, ohne sich die Pfoten zu verbrennen. Je näher sie kamen, desto wilder umkreisten sie den roten Rachen, den sie wohl für den eines Feindes hielten, der sie zum Kampf herausforderte.

Ein heißer, tiefgehender Wind strich über die Landschaft; als er einen Augenblick aus anderer Richtung kam, gelang es einem der Widderhunde, dem Krater so nahe zu kommen, daß er die Blase, die ihm unterm Bug hing, in einem großen Strahl in den Feuerrachen entleeren konnte.

Eine gelbe Rauchsäule stieg siedend empor und legte sich in Blasen um die Kratermütze, so daß das Tier halb erstickt und heulend zurücktaumelte, während seine Genossen ihre Schnauzen auf das Herrscherpaar richteten und ein beleidigtes Geheul anstimmten, als wüßten sie, daß die Menschenpferde in der Dämmerung standen und ihrem Treiben hohnlächelnd zusahen.

Die Herrscher setzten sich wieder in Bewegung, und nach wenigen Minuten schon machten wir vor einem mächtigen Steinblock halt, der an dem äußersten Hang des großen Felsentales lag.

Die Stute stieß einen Posaunenstoß aus, und hinter dem Felsen antwortete eine zarte, muntere Stimme.

Der Zentaur wälzte mit seinen Riesenhänden den Block beiseite, und in der Öffnung einer Höhle kam ein Zentaurfohlen zum Vorschein.

Es war dunkel an Haar und Hautfarbe, mit hochsitzenden Brustknospen in der glatten Mädchenhaut; unter der linken Brust hatte es ein Muttermal, so groß wie eine Faust und rot wie geronnenes Blut.

Nachdem es mich gründlich in Augenschein genommen hatte, breitete es die Arme aus, wie der Herrscher getan hatte, warf das gelockte Haar in den Nacken und stieß ein Lachgeheul aus, das vom Kraterrand Echo gab.

Der Herrscher drehte sich, so daß sie mich von allen Seiten bewundern konnte. Als er meinen Arm losließ und seinen Hinterkörper senkte, um mich gerade vor dem Höhleneingang abzusetzen, sprang das Fohlen scheu zur Seite und drückte sich gegen den Felsen, während der seidige, hocherhobene, jungfräuliche Schwanz heftig gegen den umgewälzten Steinblock schlug. Hinter den langen, zottigen Augenwimpern aber war der Mädchenblick neugierig auf mich gerichtet.

Der Herrscher streckte seinen Hinterkörper, reckte die Arme und gähnte, daß es in seinen Kiefern knackte. Darauf fuhr er sich mit den Fingern ordnend durch den grauen Nackenschopf, der ihm bis über den Rücken wuchs, ließ den Blick über sein Reich gleiten und witterte mit geblähten Nasenflügeln die weißlichen Wolken über dem Krater.

Seiner Tochter strich er liebkosend mit dem Schwanz über die Seite, mir fächelte er gnädig um die Ohren, worauf er sich in die Dunkelheit der Höhle zurückzog.

Gleich darauf hörte ich, wie er sein Abendessen kaute, und merkte plötzlich, daß ich sehr hungrig war. Dazu kam die Angst um Toko, die Sorge, wie unser Abenteuer enden würde, alles stürmte mit solcher Wucht auf mich ein, daß ich mich gegen den Felsen stützen mußte, um nicht umzusinken.

Die Stute hatte mich stumm beobachtet, während sie wie in Gedanken liebkosend über die Flanke der Tochter strich. Darauf begab sie sich in die Höhle, kam gleich darauf zurück und hielt mir eine Handvoll großer gelber Körner hin, die wie Mais aussahen.

In plötzlicher Ausgelassenheit machte die Tochter einen Satz auf mich zu, sprang aber scheu zurück, als sie meinem Blick begegnete; darauf stellte sie sich mit gespreizten Beinen auf, um mich essen zu sehen.

Ich versuchte, die harten Steine zu kauen, und sie machte unwillkürlich meine Mundbewegungen nach. Darauf suchte ich längs des Felsens nach dem Wasser, das ich rieseln hörte. Sie folgte mir neugierig.

Ich kniete nieder, die Hand auf den Felsen gestützt, und ließ mir den glitzernden Strahl in den Hals laufen. Sie beugte sich vor, um besser zu sehen. Als mir der Mund aber so voll war, daß ich aufspringen und husten mußte, sprang auch sie auf und warf den Kopf in den Nacken, so daß die Haare sich auf ihrem festen, runden Mädchenhals sträubten.

Sie hüpfte auf den Vorderbeinen wie ein Füllen auf der Weide, während ihr ein Gelächter wie reiner, klarer Glockenklang aus dem weitgeöffneten Mund mit den schimmernden, gierigen Zähnen sprudelte. Sie konnte gar nicht wieder aufhören. Als ich schließlich mitlachen mußte, schlug sie nach meinen Händen, so daß die Kerne uns um die Ohren flogen.

Aus der Höhle klang jetzt die brummende Stimme der Mutter – einmal, zweimal, das drittemal zornig; da richtete das Mädchen sich auf, strich sich das Haar glatt, streckte die Hand nach mir aus und zog mich mit sich zum Eingang, indem sie zur Seite trat, um mich von hinten in Augenschein zu nehmen – was hatte ich nur mit meinem Hinterkörper und Schwanz gemacht?!

Wieder sprudelte das Lachen in ihr, die Mutter aber machte ihm brummend ein Ende: der Herrscher wollte schlafen. Da stieß das Zentaurfohlen mich vor sich in die Dunkelheit hinein.

Ich tastete mich über den Boden, der mit etwas Weichem, Warmem bestreut war, indem ich mich vorsichtig der Stelle, wo ich den Herrscher schnarchen hörte, fernhielt. In der dämmrigen Beleuchtung, die durch den Eingang hereinfiel, suchte ich mir eine Ecke, wo ich mich niederlegen konnte.

Mutter und Tochter rollten gemeinsam und mit großer Mühe den schweren Stein vor die Höhle.

Jetzt war es ganz dunkel. Und nach den wundersamen Ereignissen des Tages überfiel mich eine so plötzliche Müdigkeit, daß ich meine hochgezogenen Knie streckte und in einen totenähnlichen Schlaf versank.

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