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Van Zantens törichte Liebe

Laurids Bruun: Van Zantens törichte Liebe - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens törichte Liebe
publisherAntäus-Verlag
year1940
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080328
projectid97b035b4
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Dort, wo Mijnheer und das Schicksal Pieter Adrian hingeführt hatten, gab es wohl Felsen und Korallenriffe, aber keine Wilden, mit denen er kämpfen konnte. Das erste, was ihm begegnete, war ein Sumpf von Schlamm und Dreck, der Abladeplatz eines Flusses, der auf seinem gemächlichen Lauf durch dichtbevölkerte Gegenden gezwungen wird, alles in sich aufzunehmen, was Tiere und Pflanzen durch Jahrtausende, unter dem ewigen Wechsel der Monsune und Geschlechter, an Überresten zurücklassen. Dieser Sumpf war durch drei Jahrhunderte der Abladeplatz für den durch Malaria und Geldgier vergifteten Stoffwechsel der weißen Eroberer gewesen, bis Zivilisation und Reinlichkeitssinn, der nirgends besser gedeiht als in Holland, alle Sparsamkeitsrücksichten überwand. Die Holländer legten Kanäle an, wie sie es von Haus aus gewohnt waren, siedelten sich längs der kleinen Kanäle an grünen Ufern landeinwärts an und überließen den Schlamm den Eingeborenen.

Tagsüber konnte man sich zur Not in dem alten Stadtteil von Batavia »Benedenstad« – »die niedrige Stadt« –, wie sie genannt wurde, aufhalten, wo die roten Backsteinbauten mit ihren blanken Fensterscheiben, den schmalen Türen und Kupferdächern in Reih und Glied dalagen, als ob die ganze Stadt in Holland erbaut und fix und fertig über das Meer hergeschafft sei; nachts aber begab sich keine weiße Seele mit einem guten holländischen Gewissen in das alte Hafenviertel, wo die Kanäle mündeten. Da die »Lydia« erst spät am Nachmittag angekommen war, blieb sie weit draußen auf der Reede liegen; man wollte den Anbruch des nächsten Tages abwarten, bevor man an Land ging.

Ein herrlicher Garten, so groß wie ein Park, mit breiten, geschwungenen Wegen, wo zwei Sados bequem aneinander vorbeifahren konnten, mit glattem, rotem Kies bestreut, der alles Unkraut erstickte, wo die Rikschas wie über einen Teppich glitten. Die Rasen mit den langen Grashalmen schimmerten blank wie Pferderücken; zum Schutz gegen die Außenwelt hohe, dichte Hecken von rotblühenden Bougainvilleen, die weder Licht noch Geräusch durchließen, und hinter dieser lebenden Mauer reckten sich Palmen, als stünden sie auf den Zehen, um an dem Leben drinnen im Garten teilzunehmen, aus dem sie so oft helle, lachende Stimmen, einen dröhnenden Baß und Musik, Gitarre, Violine und Flöte hörten.

Über blendende Sonnenflecke zwischen spielenden Schatten kam am 16. Februar 1862, nach einem Gewitterguß, dessen Tropfen noch an Blättern und Blumen zitterten, Mijnheer van Zanten in seinem feinen Sado angefahren. Ihm zur Seite saß ein junger Verwandter, in seinem besten Anzug aus himmelblauem Tuch mit goldenen Knöpfen. Pieter Adrians blonder, etwas ins Rötliche spielender Haarschopf leuchtete unter dem Schatten des Wagenverdecks. Er saß hochaufgerichtet und blickte mit staunenden Augen über die Ohren der Ponys, während der Schweiß langsam über Schläfe und Wangen auf den breiten Leinenkragen rann. Hinter dem Sado, der sie am Hafen abgeholt hatte, folgten zwei Büffelkarren mit dem Gepäck.

»Sieh, dort!« sagte Mijnheer und zeigte auf etwas Weißes, das zwischen dem Grün hervorleuchtete.

»Das ist mein Bungalow, meine Villa, mein Heim.«

Ein weißes Gebäude mit leichten, feingewebten Matten vor den Fenstern. Aus dem Dunkel der Veranda tauchten die Umrisse langer Liegestühle, ein runder Tisch und ein hoher Spiegel auf, in dessen oberem Teil sich das Grün des Gartens spiegelte. Und unter dem hohen Bogen, dem Eingang zum Zimmer, stand eine helle Gestalt, die sich vorbeugte, um dem Getrappel der Ponys zu lauschen. Nein, zwei Gestalten waren es: eine zierliche, bewegliche, luftige, die andere breit, ruhig und gesetzt.

»Hallo! – Lydia! – Kleine Maus!« klang es mit dröhnendem Herzenston aus dem Wagen, und Mijnheers behaarte, breite Hand schwang unter dem Wagendach ein Taschentuch, das in der Sonne leuchtete.

Im nächsten Augenblick reckte das junge Mädchen sich über das Geländer, mitten in der Sonne, lachend, mit langen, blonden Locken, die auf ein ausgeschnittenes Kleid aus zartem Musselin herabfielen. Die blasse Röte der halberblühten Jungfrau, das Lächeln der blauen Augen, die lachend, melodische Stimme, das alles wirkte wie eine Offenbarung auf den abenteuerlustigen Jungen.

»Willkommen zu Hause, Papa! Geliebter Pa! Vetter Pieter, willkommen!«

War es nicht Musik? Die Stimme klang wirklich wie göttlicher Wohllaut durch die sonnengesättigte, duftschwangere Luft, die nach dem Regen voll von unsichtbaren Dämpfen war; von dem weit vorspringenden Dachgiebel tropfte noch das Wasser.

Hinter Lydia tauchte Mevrouw van Ermelos würdige Gestalt auf. Sie hatte ihren wohlgeformten, festen Arm, der bis zum Ellbogen nackt war, um den Hals des jungen Mädchens gelegt, als wollte sie sie beschützen, während sie mit der anderen Hand das Taschentuch dem Wagen entgegenschwenkte, der gerade um das letzte Gebüsch wendete.

»Willkommen zu Hause!«

Ein festes, reifes Kinn, ein harmonisches, volles, bereits ein wenig faltiges Gesicht unter hochfriesiertem, leicht ergrautem Haar. Offene, fragende Augen, die dem Leben manches abgelauscht hatten, Augen, die gewöhnt waren, ihre Umgebung aufmerksam zu fassen, Matronenaugen, wach, gebietend, voller Fürsorge, aber ohne Illusionen. Es war die Verwandte und Freundin von Mijnheers verstorbener Frau, die sie als armes Mädchen nach Batavia begleitet hatte und mit der Zeit unentbehrlich geworden war. Sie wurde Lydias Patin und versprach der Mutter auf dem Sterbelager, daß sie das Neugeborene und ihr Heim niemals verlassen wollte. Mevrouw van Ermelo wußte, was sie versprach, und bezahlte den Preis mit ihrer Jugend, die in dem blassen Glück, für andere zu leben, welkte.

Die Hunde, Lydias schlanke Windhunde, Beauty und Force, kamen bei dem Geräusch des herannahenden Wagens über die Rasen, setzten über das mannshohe Gitter, bellten vor Freude und sprangen dem Hausherrn, dessen Fährte sie so lange vermißt hatten, jubelnd entgegen und beschnupperten die zottigen Fesseln der guten alten Ponys, der Gespielen ihrer ersten Jugend.

Während Lydia mit feuchten Augen an der breiten Brust ihres Vaters lag, machte Pieter Adrian Mevrouw seine eleganteste Verbeugung. Als ihr Blick auf dem blonden Haarschopf und dem rotbäckigen Knabengesicht mit den klaren, blauen Augen ruhte und sie den heimatlichen Dialekt hörte, füllten ihre freundlichen Augen sich mit Tränen; Erinnerungen an ihre fröhliche Mädchenzeit stiegen plötzlich in ihr auf: die Kanäle, die Hyazinthenfelder, ein Fluß, der sich zwischen flachen Ufern wand, freundliche kleine Häuser, aus denen Kinder gelaufen kamen, Schlittschuhläufer, die von Ufer zu Ufer eine Kette bildeten, während die Glocke der kleinen Kirche mit hellem Klang läutete; das alles hatte so lange unberührt in ihrem Gemüt gelegen.

»Willkommen!«

Während Lydia in den Armen ihres Vaters lag, hatte sie doch bereits Gelegenheit gefunden, den neuen Vetter zu mustern und sich über seine runde Kopfform und seine linkische Verbeugung zu amüsieren, jetzt lächelte sie ermunternd und ein wenig herablassend, als sie ihn erröten sah und die Bewunderung in seinem Blick las. Sie ging gnädig auf ihn zu, reichte ihm ihre kleine, volle Hand und schüttelte ihre Locken, eine Bewegung, die ihr von klein auf eigen gewesen war und die einen Gunstbeweis bedeutete für den, der eines Kusses noch nicht würdig befunden wurde. Bei dem Lächeln der Fünfzehnjährigen, durch das man bereits die Jungfrau spürte, errötete Pieter, fühlte, daß er errötete, verbeugte sich sehr verlegen, herzlich; dann, als ob er die Macht, die sie über ihn besaß, von sich abschütteln wollte, kehrte er ihr den Rücken, um seine Aufmerksamkeit der Veranda, den Möbeln und all den anderen neuen Dingen, die sich seinem Blick darboten, zuzuwenden.

Ein Boy meldete, daß das Bad bereit sei. Mevrouw trieb zur Eile an, es sei gleich Lunchzeit. Mijnheer faßte Pieter bei der Hand, um ihm den Weg zu zeigen. Als das Gong zum zweitenmal ertönte, kehrten sie fix und fertig zurück, Pieter in einem blendendweißen Leinenanzug mit blanken Knöpfen.

Zwei schlanke braune Boys gingen auf nackten Füßen lautlos hin und her, sie trugen lange weiße Kittel, die seidene Schärpe und der Turban waren rotweißblau, die holländischen Farben.

Pieter saß auf einem hochlehnigen, rohrgeflochtenen Stuhl an Mjnheers Seite, gegenüber saß seine neue Kusine mit langen Locken, Augen blau und milchweiß, Wangen wie Porzellan und weichen, sanftabfallenden Schultern, lächelnd wie eine kleine strahlende und umstrahlte Göttin, die mit sich und der Welt zufrieden ist. Am Tischende, das große, vornehme Buffet hinter sich, saß Mevrouw, und auf ihren Wink reichten die Boys lautlos Teller und Schüsseln.

Der Reis, der auf Pieters Teller lag, war so weiß, jedes Korn so voll und groß, wie er es noch nie gesehen hatte, und außerdem wurden ihm viele verschiedene Zutaten gereicht, mit denen er den Reis mischen sollte; aber er hatte keine Zeit, sich mit den Speisen zu beschäftigen, denn Mijnheer schwatzte ununterbrochen. Er war so froh, daß er wieder zu Hause war und seinem jungen Verwandten alle seine Herrlichkeiten zeigen konnte, so daß er abwechselnd auf seine gutmütige Art prahlte und Pieter mit verblümten Andeutungen, die sich auf seine abenteuerliche Abreise bezogen, neckte.

Pieter mußte sich beständig wehren und versuchte das Gespräch auf andere Dinge zu bringen. Seine Kusine aber, die die Art ihres Vaters kannte, begriff, daß hier etwas Spaßhaftes verborgen war, und schließlich konnte sie nicht länger an sich halten, sie zwinkerte ihrem Vater schelmisch zu, platzte los, und Mijnheer stimmte dröhnend mit in ihr Gelächter ein, während er seine breite Hand versöhnlich über Pieters legte. Schließlich wurde auch Pieter angesteckt, er lachte, überwand dabei seine Verlegenheit und blickte seiner Kusine tief in die lachenden Augen, sie aber schlug die ihren vorsichtig nieder. Mevrouw warf Mijnheer einen fragenden Blick zu, hob die Tafel auf und gab dem Boy Bescheid, daß er den Kaffee bringen sollte.

Mijnheer erhob sich geräuschvoll – der Boy zog schleunigst den Stuhl zurück – und begab sich darauf auf die Veranda, den Arm um sein kleines Mädchen, während Pieter voller Anstand auf Mevrouw wartete, die dem ältesten der Boys, der Sam Saj hieß und eine Art Haushofmeister war, noch einen Bescheid gab. Sam Saj hatte melancholische Augen, und Mevrouw erzählte Pieter, daß er in seinen freien Stunden wehmütige Melodien auf seiner Javaflöte spielte.

Zwischen Frühstück und Mittag zog die Familie sich zurück, sogar Lydia zeigte sich nicht. Sam Saj führte Pieter auf sein Zimmer; es lag im oberen Stock, ein großes, geräumiges Zimmer mit der übliche Matte vor dem Fenster und einem Himmelbett unter dem Moskitonetz, das bis auf die Erde reichte. Unter der Decke hing etwas, das einer Fahne glich und durch das ganze Zimmer ging. Kaum hatte Pieter sich auf einen Liegestuhl gestreckt, der länger war als er selbst, mit flachen Lehnen, auf denen man den Arm ganz ausstrecken konnte, als die Fahne unter der Decke hin und her zu schwingen begann und einen wohltuenden Zugwind auf sein feuchtes Gesicht herabfächelte; er studierte das Phänomen, und sein Blick fiel auf eine Schnur an der Tür. Er öffnete sie und sah draußen einen Boy hocken, den Rücken gegen die Korridorwand, der mit geschlossenen Augen an einer Schnur zog. Er war also der Zugwind; er schien im Traum zu arbeiten, denn nicht die geringste Bewegung in seinem Gesicht verriet, daß er sich beobachtet fühlte.

Als Pieter schließlich im Liegestuhl eingeschlafen war, wurde er von einem polternden, plätschernden Geräusch geweckt. Ein Gewitterguß, dicht wie Nebel, strömte hinter der Hängematte herab; fünf Minuten später hörte der Lärm wie auf Kommando auf, und nach wenigen Minuten schien die Sonne wieder. Es war, als ob Pieter eine Last von den Schultern genommen sei, seine Brust hob sich in einem befreiten, erfrischten Atemzug. Er trat ans Fenster, hob die Matte und füllte seine Lungen mit dem balsamischen Duft, den Blätter und Blumen nach dem heftigen Bad, das alle Poren gereinigt hatte, ausströmten.

Er ging auf den Gang hinaus – zwischen Tür und Fußboden war eine Spalte wie bei allen Türen im Hause: damit die Luft freien Zugang fände, dachte er, – schlich leise, um niemanden zu wecken, zu der Treppe, die zu einem großen, offenen Platz, einer Art Hof führte, wo Zwerghühner sich im Schatten des Hauses in der lockeren Erde Löcher gegraben hatten. Auf der anderen Seite des Platzes lagen ein paar kleine Hütten, eine davon glich einem Hundehaus. Aber weder Beauty noch Force waren zu sehen, alles schien zu schlafen, nur aus einem langen, niedrigen Gebäude, mit einem Dach aus kunstfertig geflochtenen Blättern, klang ein Geräusch, als ob ein Pferd am Halfter zerrte – dort waren wohl die Ponys eingestallt.

Er ging längs des Wohnhauses, bis er die Ecke erreichte, wo das Gitter endete; dort fand er die Tür, die zu der Einfahrt mit dem roten Kies führte, die von einem Beet mächtiger Rizinusbüsche mit breiten, gezackten Blättern eingefaßt war. Pieter ging über die verschlungenen Wege unter hohen Bäumen, wo das Regenwasser in den Wagenspuren blitzte, die die schweren Büffelkarren mit dem Gepäck hinterlassen hatten.

Er folgte den Wagenspuren bis zu dem kleinen originellen Pförtnerhaus, das, ganz aus knorrigen Baumstämmen gebaut, mit Moos überwachsen und vergilbten Palmen- und Pandangblättern gedeckt war. Es lag gleich hinter der hohen Hecke, die den Park von allen Seiten umgab. Vor der Tür spielten einige nackte Kinder unter der Aussicht eines alten Mütterchens, das eine Pfeife rauchte. Ein Greis mit weißbehaarter Brust, bis an die Hüften nackt, erschien in der Tür und verbeugte sich bis auf die Erde, als er Pieters glänzende Goldknöpfe sah.

Später erfuhr Pieter, daß es Sam Sajs Eltern waren, und daß das Haus die ganze Familie mit Söhnen, Töchtern, Schwiegersöhnen, Kindern und Kindeskindern beherbergte. Mijnheer hatte den Garten mitsamt der Familie von dem früheren Besitzer übernommen. Als Pieter und Mijnheer heute vormittag durch das Tor gefahren waren, einem haushohen Bogen aus kunstfertig ineinandergeschlungenen Zweigen zwischen zwei abgestorbenen Riesenstämmen, hatte Mijnheer auf einige große Blumen gezeigt, die von dem Bogen herabhingen und auf den vertrockneten, moosbewachsenen Zweigen schmarotzten, und hatte gesagt, es seien Orchideen aus der Zeit des früheren Besitzers. Sie waren jetzt der Pflege des alten Pförtners überlassen, der seinerzeit dabei gewesen war, als das Pförtnerhaus, das damalige »Orchideenhaus«, gebaut wurde.

Der vorige Besitzer war ein englischer Professor gewesen, der ein Menschenalter auf Java verbracht hatte, um Orchideen zu studieren. Der Professor hatte den Grund und Boden einem eingeborenen Fürsten abgekauft und dem Park den stolzen Namen »Garden of Health« gegeben, Mijnheer hatte den Namen beibehalten.

Hier auf diesem Besitztum wohnte Mijnheer das ganze Jahr. In der schlechten Jahreszeit, wenn der Westmonsun von November bis April wehte, rauschte der Regen herab, und schwere Gewitter waren eine tägliche Erscheinung; dann war die Luft so schwül, daß Körper und Kleidung beständig naß waren; alles in Küche und Speicher schimmelte, die Bäche schwollen, Schlangen und Gewürm krochen in die Häuser, um sich vor der Nässe zu bergen. Anfang Mai aber kam die schöne Zeit, wo nach der Nässe alles um die Wette grünte und das Gewürm von der Feuchtigkeit in der Erde festgehalten wurde, bis die trockenen Winde kamen.

Es war ein Ritt von fünfviertel Stunden von dem Landsitz bis zu dem hohen, dreistöckigen Backsteinbau mit dem Kupferdach und den Fenstern in altem Amsterdamer Stil, der vor ungefähr hundert Jahren von einem Matador erbaut wurde und jetzt Mijnheer van Zantens Geschäft beherbergte, das er selbst gegründet hatte.

Die Faktorei, wie sie genannt wurde, lag in dem ältesten Stadtteil von Batavia, der ursprünglichen »Benedenstad« der Kolonisten, der »niedrigen Stadt«, wo sich nur noch Geschäftshäuser, Speicher und die Gassen des Araber- und des Chinesenviertels befanden, eine City, von Kanälen durchzogen und so ungesund, daß eine einzige dort verbrachte Nacht genügte, um einen Weißen auf Lebenszeit mit Malaria zu vergiften.

Mijnheers Faktorei lag in der Nähe der javaschen Bank in Kali-Besar, an dem Hauptkanal Molenvliet, auf dem Prahme und Boote die Verbindung mit den weit draußen auf der Reede liegenden europäischen Schiffen herstellten. Durch den Molenvliet ging auch der Verkehr von der alten Stadt zu dem neuen, gesunden Villenviertel; dort lag »die Königswiese«, der große, mit Gras bewachsene Manöverplatz, mit dem Palast des Generalgouverneurs auf der einen und der stolzen Wilhelmskirche auf der anderen Seite, von dort gelangte man nach »Weltevreden« mit den Regierungsgebäuden und der Zitadelle Prinz Frederik Hendrik, dem Arsenal und dem Militärlazarett. Dann folgte eine Vorstadt der anderen, wo die Eingeborenen wohnten, mit ihren Blatt- und Bambushäusern, ihren kleinen Gärten, mit Hühnern und Schweinen, Kindern und Greisen, melancholischen Flötentönen und sprödem Saitengeklimper am Feierabend, mit qualmenden Fackeln und der funkelnden Sternennacht, die sich über der schwarzen Dunkelheit und allem, was sie birgt, wie ein Zelt spannte.

Jeden Morgen, Punkt sechs Uhr, bestieg Mijnheer sein Pferd und ritt, von seinem Reitboy begleitet, in der frischesten Stunde des Tages zur Stadt längs des Flusses, wo jeder ihn kannte. Um ein Viertel nach sieben Uhr sah man seine hohe, breite Gestalt mit dem riesigen Manilahut in der Straße auftauchen.

Bei dem Signal des Türwächters wurde das ganze Geschäftshaus zu einem summenden Bienenkorb. In dem Erkerzimmer des ersten Stocks, dessen Fenster zum Kai hinausgingen, erwartete Mijnheers junger Prokurist, Allan Woodford, der zweiunddreißigjährige Irländer (von der westlichen Inselhälfte), Koloniallöwe und Lebemann, den Augenblick, wo Mijnheer sich auf dem Kai zeigte, nachdem er durch die Speicher geritten war. Ein Boy sprang herbei, half dem Chef vom Pferd, Roland bekam sein Stück Zucker, der Boy warf eine Flanelldecke über den nassen Rücken des Pferdes, rieb Bug und Lenden und führte es in den Stall.

Mijnheer Woodford stand abwartend vor seiner Glastür, um den Chef zu begrüßen und ihn durch alle Kontore zu führen, während sie die Geschäfte des Tages miteinander besprachen. Der Rundgang endete in Mijnheers großem, luftigem Privatkontor im zweiten Stock, einem turmartigen Eckzimmer, mit weiter Aussicht über die alte Stadt mit ihren Türmen und Dächern, ihren Nebeln von Hitze und Staub, dem Bergrücken im Süden und dem glitzernden Horizont des Meeres weit drüben im Nordwesten. Von Stadt und Kai, aus Speicher, Kanal und den Vierteln der Eingeborenen stieg ein vielfach gemischter Geruch herauf. Mijnheer aber hatte ihn schon so viele Jahre in der Nase gehabt, daß er ihn nicht mehr spürte.

Woodford war bei den Farbigen nicht beliebt. Alle fürchteten ihn, viele haßten ihn zugleich. In dem vornehmen Viertel Rijswijk hatte er seine behagliche Junggesellenwohnung, wo er sich indessen nur des Nachts aufhielt; zu Mittag aß er im Klub, zusammen mit Kollegen aus anderen Faktoreien, und war er nicht im Geschäft, schwirrte er durch die Stadt, besuchte Konzerte, Militärparaden oder machte vornehmen Damen und ihren Töchtern seine Aufwartung. Er war im Besitz eines kostbaren Reitpferdes und eines Kontos bei dem besten Herrenschneider der Stadt, das stark belastet war.

Seit dem Tage, als die Schaluppe der Faktorei ihn am Kai an Land gesetzt hatte, war er für die Stadt eine Errungenschaft geworden; der stolze Europasegler der Faktorei, »Das südliche Kreuz«, hatte ihn in Kalkutta an Bord genommen, denn sein Vater, der dort lebte, hatte es aus verschiedenen Gründen für zweckmäßig gehalten, daß sein Sohn trotz seiner Jugend Luftveränderung bekam. Bei dem alten Geschäftsfreund in Batavia, Mijnheer Clement van Zanten, eroberte der junge Woodford sich durch Fleiß, gute Manieren und Gefälligkeit sehr bald eine Vertrauensstellung.

»Das übernehmen Sie wohl, Woodford!« war eine stehende Redensart bei ihrem Morgenrundgang geworden, und Woodford war noch keine zwei Jahre im Geschäft, als Mijnheer mit Genugtuung feststellen konnte, daß er sehr viel mehr Zeit für seine Zeitungen und die kleinen behaglichen Nachmittagsspielchen im Klub übrig hatte. Kurz entschlossen beförderte er Woodford zu seinem ersten Sekretär, und bereits ein Jahr später bekam Woodford Prokura.

Nachdem Pieter vierzehn Tage als Gast auf dem Landsitz gelebt hatte, wurde er am 1. März um fünf Uhr morgens von Sam Saj geweckt. Punkt sechs Uhr, nach einem hastig eingenommenen Frühstück – er hatte sich beim Baden verspätet –, schwang er sich mit Hilfe des Reitboys auf das friedlichste Pony aus Mijnheers Stall, ein älteres Tier, das über den Dienst, zu dem es ausersehen wurde, außerordentlich erstaunt war. Pieter, der noch nie auf einem Pferderücken gesessen hatte, sah dem langen Morgenritt mit bangen Ahnungen entgegen.

Mijnheer amüsierte sich im geheimen.

»Herrlicher Ritt, nicht wahr?« sagte er, indem er sich im Sattel umdrehte. Pieter war etwas zurückgeblieben, und der Reitboy, der Befehl bekommen hatte, auf ihn achtzugeben, trieb das Pony zu größerer Eile an.

»Ja«, antwortete Pieter und hob sich ein wenig im Sattel, »aber es ist reichlich warm so zeitig am Tage.«

Das Wasser lief ihm kitzelnd über die Wangen, und das schlimmste war, daß er keine Hand frei hatte, um sich zu trocknen, denn er klammerte sich mit beiden Händen an die Zügel.

»Du mußt die Zügel etwas lockerer lassen!« rief Mijnheer, der die Lage überschaute, »dann geht das Pferd ruhiger. Es ist ein gutmütiges Tier.«

»Famoses Tier!« räumte Pieter ein, versuchte eine ungezwungene Haltung einzunehmen und die Zügel zu lockern. Das Pferd aber verstand seine Absicht ganz und gar nicht, und in der Freude über die wiedergewonnene Freiheit fing es plötzlich an zu galoppieren, so daß Pieter die Steigbügel verlor.

»Himmel!« stammelte er, indem er sich mit beiden Händen an die Mähne klammerte, »ich glaube, ich falle herunter.«

Im nächsten Augenblick war der Reitboy neben ihm, ergriff die Zügel, und Pieter konnte wieder festen Boden fassen.

Woodford war sich über das, was bevorstand, klar, daß sowohl die Familie als auch das Geschäft einen Zuwachs bekommen sollte. Und als Mijnheers breites Gesicht in der Sonne auftauchte, funkelten Woodfords braune Augen in seinem blassen Gesicht. Eine tiefe Verbeugung vor dem Chef, und dann näherte der Prokurist sich dem jungen Mann, den Mijnheer vorstellte, nachdem der Reitboy ihm vom Pferde geholfen hatte.

»Freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen!«

Die sympathische Stimme tat Pieter nach den Beschwerden des Rittes wohl. Woodford gab ihm mit einem kräftigen Druck die Hand, jeder einzelne der langen, schmalen Finger machte sich bemerkbar.

Mijnheer legte seinen schweren Arm um Pieters Schulter.

»Ein grüner Schößling, nicht wahr, Woodford? Ein Ableger aus der guten alten Heimaterde, aus dem wir eine schmucke und nützliche Pflanze ziehen wollen!«

Woodford senkte sein wohlfriesiertes Haupt unter der Wucht von so viel Zutrauen.

Komischen, dünnen Hals hat er, dachte Pieter bei sich.

Mijnheers Stimme dröhnte durch das ganze Treppenhaus und wurde von der Deckenwölbung zurückgeworfen. In sämtlichen drei Stockwerken gab es sicher kein einziges Ohr, das sie nicht hörte und daraus auf die Witterung des Tages schloß. Woodford hatte das feinste Ohr und hatte gleich gemerkt, daß das Barometer günstig stand.

Oben im Zimmer oder richtiger dem Glaskasten, denn bis auf die Wand zum Kai waren alle Wände aus Glas, ließ Pieter seine Augen voller Neugierde über das Bild schweifen, das sich hinter den Glaswänden bot: zwei Reihen Pulte, durch einen Gang getrennt, und an jedem Pult zwei Köpfe über Papiere und Akten gebeugt.

Mijnheer versetzte Pieter einen Schlag auf die Schulter.

»Wir haben einen herrlichen Ritt hinter uns, nicht, junger Mann?«

Woodford lächelte verständnisvoll, als Mijnheer hinter Pieters Rücken diskret auf sein Hinterteil zeigte.

»Ja, ein Ritt in der frischen Morgenstunde«, sagte Woodford mit dem feinen Humor, der ihm Mijnheers Herz gewonnen und dem er seine große Beliebtheit zu verdanken hatte, »das ist das Beste, was wir hierzulande bieten können.«

Pieter gab seine Zustimmung ein wenig zaghaft zu erkennen, und Mijnheer warf einen barschen Blick über das hohe Pult, um sein Lachen zu unterdrücken.

»Wo sind die Papiere?« fragte er.

Woodford reichte ihm zwei große Bogen: »Hier ist der Kontrakt und die Kopie.«

Nachdem Mijnheer sie überflogen hatte, reichte er sie Pieter. Pieters Blick fiel auf einige Worte, die unterstrichen waren und die er nicht verstand. »Supernumerärer Handelsangestellter ad interim.« Das Ganze war wunderhübsch mit einer schwungvollen Handschrift geschrieben, und Pieter fühlte sich fast beschämt, weil so viel Schönschrift und solch feines Papier an seine bescheidene Person verschwendet worden waren.

»Wenn Herr – wie darf ich ihn nennen?« Woodford sah fragend von Mijnheer zu seinem jungen Verwandten.

»Nennen Sie ihn recht und schlecht Pieter!« entschied Mijnheer; als er aber nach einem Seitenblick auf Pieters runden Kopf einen Schimmer von Mißvergnügen sah, mußte er an seinen Vetter, den hochachtbaren Bürger in Amsterdam, denken und verbesserte sich: »Herr Pieter! – oder noch besser: van Zanten junior, – ja, so soll er bis auf weiteres heißen, ich meine, bis er sich zu einer Stellung heraufgearbeitet hat, die einen Titel verleiht. Einverstanden, junger Mann?«

Pieter nickte treuherzig und geehrt, und Woodford gab diensteifrig seinen Beifall zu erkennen, obgleich er gleichzeitig etwas herunterzuschlucken schien.

»Ich meine natürlich im beruflichen Verkehr. Was die Herren für das Privatleben vereinbaren, bleibt ihnen überlassen. Und von dir, junger Mann«, fügte Mijnheer plötzlich ernst hinzu, als habe er verstanden, daß er Woodford soeben eine Pille zum Schlucken gegeben hatte, »erwarte ich, daß du dich der freundlichen Anleitung deines Vorgesetzten, Herrn Woodfords, würdig erweist. Nimm dir ein Beispiel an dem fleißigen, strebsamen Geschäftsmann, der aller Zutrauen genießt und sich durch Liebenswürdigkeit und angenehme Manieren überall beliebt gemacht hat.«

Woodford errötete, seine schmalen Lippen bewegten sich, als ob er etwas sagen wollte, aber er beugte nur den Kopf und lächelte dankbar.

»Herr Pieter wird vielleicht so freundlich sein, den Kontrakt zuerst durchzulesen«, sagte Woodford.

»Das kann er nachher tun«, unterbrach ihn Mijnheer ungeduldig. »Schreibe deinen Namen dorthin.«

Nachdem Pieter mit großer Sorgfalt seinen vollen Namen dorthin gemalt, wo der große Zeigefinger seinen Nagel eingedrückt hatte, gab der Chef seinem Prokuristen einige Anweisungen und fügte dann, an Pieter gewandt, hinzu: »Wenn Woodford dich herumgeführt und mit den übrigen Angestellten bekannt gemacht hat – wie heißt der junge Mann, neben dem er sitzen soll, doch gleich? Richtig, Ruyter –, dann komm in mein Privatkontor; wir wollen zusammen im Klub essen, Sie auch, Woodford. Also, alle beide Punkt zwölf Uhr in meinem Privatkontor.«

Er klopfte Pieter Adrian den Rücken mit seiner großen Tatze und stieg summend, mit knarrenden Stiefeln, die breite Treppe hinauf.

Sie standen mitten in dem großen Kontorraum, den Pieter durch die Glaswand gesehen hatte.

Von sämtlichen acht Pulten folgten neugierige Augen jeder seiner Bewegungen. Am letzten Pult war für einen Dritten Platz gemacht worden.

»Hier ist Ihr Reich, van Zanten junior!« sagte Woodford lächelnd, die Hand auf Pieters Schulter, indem er auf den leeren Platz zeigte, – »bis auf weiteres. Ich zweifle nicht, daß es Ihnen bald glücken wird, die nächste Stufe zu erklimmen. – Ruyter!«

Ein kleiner, schwarzhaariger, blasser Bursche, mit abstehenden Ohren und ungewöhnlich schmalen, abfallenden Schultern, stieg schnell von seinem Stuhl herunter und nahm Aufstellung vor dem Pult, das ihm bis an die Achselhöhlen reichte.

»Dieser junge Mann ist ein Verwandter des Chefs«, – indem Woodford seine Stimme hob, begriffen sämtliche sechzehn Köpfe, daß die Worte an sie alle gerichtet waren. Wie auf Verabredung stiegen sie alle von ihren Drehstühlen herunter und wandten sich Pieter zu, der errötend die Reihe herum nickte.

»Van Zanten junior wird er im Geschäft genannt – das bitte ich zu merken! – In der persönlichen Anrede wird Herr Pieter genügen. Ich spreche sicher in Ihrer aller Namen, wenn ich die Hoffnung auf eine angenehme und nutzbringende Zusammenarbeit ausspreche.«

Damit drückte er Pieters Hand, und auf ein diskretes Zeichen des ältesten Kontoristen traten sie einer nach dem anderen vor, um ihrem neuen Kollegen die Hand zu drücken.

Pieter mußte unwillkürlich über die Feierlichkeit lächeln, und als Woodford mit einer komischen Grimasse einstimmte, mußte Pieter laut herauslachen. Es ist furchtbar nett von dem Prokuristen, dachte er, daß er nicht vergißt, daß er selbst noch jung ist und seinen Untergebenen gegenüber ein guter Kamerad sein kann. Alle die jungen Gesichter hatten ihre Feierlichkeit verloren, und im nächsten Augenblick schwirrten die Stimmen durcheinander. Als aber die weißen Umrisse eines anderen, vielleicht älteren und höheren Vorgesetzten als Woodford hinter der Glaswand auftauchten, sagte Woodford in einem anderen und scharfen Ton:

»Nun bitte an die Arbeit, meine Herren!« Damit machte er kehrt und zog sich in seinen Glaskasten zurück.

Pieter sah ihm verblüfft nach. Es war, als ob zwei ganz verschiedene Wesen in dem Menschen steckten. Das gab ihm mancherlei zu denken, und er kam noch später häufig darauf zurück.

Ruyter zeigte Pieter, wie er einen Haufen Papiere, den man auf sein Pult gelegt hatte, mit Registriernummern und Datum versehen und dieselben Zahlen in ein dickes Geschäftsbuch eintragen sollte, das in einem Schrank neben dem Pult stand und mit beiden Händen gehoben werden mußte. Mit dieser Registratur, wie er es nannte, sollte Pieter seinen Tag beginnen. Eine verflucht langweilige Arbeit, wie Ruyter hinzufügte, bei der man einschlafen konnte.

Dann gab es etwas, was Lagerzettel hieß, die in ein Buch übertragen werden mußten, das Lagerquartant hieß, mit einer Abteilung für Debet und einer für Kredit. Bei diesen Eintragungen riet Ruyter zu großer Vorsicht und erbot sich, Pieter einige Winke zu geben, wie er seine Arbeit am besten angreifen sollte, um sich unnütze Sorgen, die einen Anfänger bedrücken konnten, zu ersparen.

Bei der Kontorarbeit, begann er, mußte man zwischen drei verschiedenen Arten von Arbeit unterscheiden. Vor allen Dingen gab es solche Eintragungen, die kontrolliert werden, und die man darum im eigenen Interesse mit großer Sorgfalt machen mußte, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, den ganzen Kram noch einmal machen zu müssen; dann gab es Arbeiten, die gelegentlich kontrolliert wurden, so daß man nie recht wußte, woran man war. Nachlässigkeit konnte eine Zeitlang gut gehen, aber es konnte auch eine Katastrophe geben, wenn man es am wenigsten ahnte; denn hier spielten reine Zufälligkeiten mit, zum Beispiel, ob der Vorgesetzte gut gefrühstückt oder schlecht geschlafen hatte. Mit anderen Worten, eine vorsichtige Natur sollte diese Arbeit lieber nicht übers Handgelenk machen. Die dritte Kategorie aber, Eintragungen, die gar nicht oder nur mit großer Mühe kontrolliert werden konnten, womit man in Anbetracht der Hitze nicht zu rechnen brauchte, bei solchen Arbeiten konnte man ruhig schlafen, es brauchte nur etwas dazustehen, was nicht gar zu unwahrscheinlich aussah, am besten etwas, was nicht von den vorhergehenden Zahlen zu sehr abstach. Diese Arbeitseinteilung, die Ruyter von seinem Vorgänger übernommen, hatte sich bereits bewährt, denn der Betreffende hatte Karriere gemacht und war Erster Sekretär an einer der größten Faktoreien in Benedenstad.

Damit erhob sich Ruyter, um sich des zweiten Teils seiner Aufgabe zu entledigen.

Auf der Haupttreppe, am Eingang zum zweiten Stockwerk, wo der Hauptbuchhalter residierte, stand ein vornehm gekleideter Boy und blickte mit halbgeschlossenen Augen hochmütig vor sich hin. Pieter griff unwillkürlich an die Mütze.

Ruyter warf ihm einen erstaunten Blick zu.

»Das dürfen Sie nie tun«, sagte er ernst, »einen Eingeborenen grüßen. Mag er auch noch so fein herausgeputzt sein, so darf ein Weißer, der Achtung vor sich selbst hat, ihn überhaupt nicht sehen.«

»Das gefällt mir nicht«, sagte Pieter entrüstet, »die Eingeborenen sind doch auch Menschen.«

Ruyter warf ihm einen Blick zu, als ob er ihn für nicht ganz normal hielte.

Pieter wurde dem Hauptbuchhalter, Mijnheer Wahoegen, vorgestellt, der in seinem Liegestuhl neben dem Schreibtisch lag, mit einem großen Papier in seiner alten, schmalen Hand; er hielt es sich dicht unter seine zwinkernden Augen mit den tiefen Augensäcken, die Brille hatte er sich auf die Stirn geschoben, auf der zu Pieters Erstaunen kein einziger Schweißtropfen zu sehen war. Eine Cerut hing ihm im Mundwinkel. Er kehrte ihnen den Rücken zu und machte bei ihrem Eintritt eine halbe Wendung mit seinem gelben, runzligen Hals, der aus einem gefalteten Batisthalstuch wie aus einer Bettdecke hervorsah. Er besaß die längsten Ohren, die Pieter je an einem Menschen gesehen hatte, ganz mit weißen Härchen bewachsen.

Pieter bekam ihn überhaupt nicht von vorn zu sehen. Ruyter stellte Pieter stotternd vor und erhielt als Antwort ein kurzes Nicken, einen nachlässigen Druck der Hand, die trotz der Wärme feucht war, und ein Grunzen, das die welken Lippen mühsam hervorzubringen schienen.

»Mein Gott, was für ein zahnloser Mummelgreis!« sagte Pieter, als sie wieder draußen waren.

Ruyter sah sich vorsichtig um, bevor er seine Zustimmung zu erkennen gab und Pieter darüber aufklärte, daß der Hauptbuchhalter eine Kapazität sei. Er habe Woodford einmal sagen hören, daß ihm nichts entginge, was für einen Kaufmann in den Kolonien Interesse und Bedeutung haben könne, sogar der Chef beugte sich immer vor der Unanfechtbarkeit seines Urteils. An der Börse sagte man, Mijnheer Wahoegen stellte sein eigenes Gewicht in Goldwert dar. Woodford hatte verstanden, sich bei ihm einzuschmeicheln, wie Pieter später erfuhr, und dies war einer der Hauptgründe, warum Woodford sich trotz seiner Jugend im Geschäftsleben einen Namen verschafft hatte.

Von der Buchhalterei begaben sie sich in das dritte Stockwerk. Dort gab es nichts von Interesse. Ruyter umfaßte es mit der Bezeichnung »ausrangiert und so«. Das Archiv wurde von dem jungen Herrn mit einem mitleidigen Lächeln abgetan; ferner war da ein Raum mit Registraturen aus älteren Jahrgängen in langen, grauen Reihen, von altem Staub bedeckt, ein Raum mit kassierten Pulten, Drehstühlen und anderem Inventar. Ein uralter Boy, »der Staubfresser« genannt, der an Farbe fast nicht von der Umgebung zu unterscheiden war, wohnte und schlief hier oben. Luft und Licht bekam er aus einer runden Luke im Holzwerk unter dem Kupferdach, wo Tag und Nacht eine Temperatur wie in der Hölle herrschte. Viele ahnten überhaupt nichts von seiner Existenz, geschweige ihrer Berechtigung, seine persönlichen Bedürfnisse rangierten unter dem Konto »Instandhaltung der Geschäftsräume, des Hofes und des Kais«.

Ruyter bemerkte, indem er mit einer Handbewegung das Ganze umfaßte:

»Dies hier oben habe ich Ihnen nur der Vollständigkeit halber gezeigt, im Grunde geht es uns nichts an.«

Darauf schüttelten sie sich den Staub von den Füßen und den Jacken und liefen durch alle Stockwerke die Treppen bis zum Lagerraum hinunter, der in gleicher Höhe mit dem Hof und dem Kai lag, sich durch das ganze Haus erstreckte, mit zwei Toren zur Straße und zwei zum Kai.

Hier unten herrschte der Lagerverwalter oder, wie er selbst genannt zu werden wünschte, der Musterchef Don Luis Gayo. Er thronte in dem großen, offenen Vorraum zur Straße, wo die Eingeborenen mit ihren Karren in Reihen vor der Tür hielten und sich zankten, wer zuerst gekommen sei.

Don Luis Gayo war ein Mischling, halb Portugiese, halb Inder, knochendürr, mit erloschenen Augen und zitternden Händen. »Er ist Opiumfresser«, flüsterte Ruyter. Der Mann reckte seinen langen Hals über den spitzen Schultern, wie ein magerer Hahn, als er die beiden jungen Leute auf sich zukommen sah. Das Gerücht von Mijnheers jungem Verwandten war bereits zu ihm gelangt, und darum erhob er sich mit Würde und streckte Pieter lächelnd und heftig nickend seine lange Hand entgegen; es war sein heißester Wunsch, als Vollblut-Portugiese und Gentleman betrachtet zu werden.

Bevor Ruyter es verhindern konnte, lag Pieters kräftige Hand treuherzig in den langen, nervösen Fingern, die ihre Beute nicht losließen, bevor der Mann eine blütenreiche Rede in einer furchtbaren Mischung von Holländisch, Portugiesisch und Englisch vom Stapel gelassen hatte.

Pieter verstand keine Silbe, um so weniger, als dem Mann ein Cerutstummel im Mundwinkel hing und die ganze Zeit mithüpfte. Pieter lächelte und nickte und zog seine Hand zurück. Der Lagerverwalter zog mit zitternden Fingern einige Ceruts aus seiner verschwitzten Westentasche, Pieter aber dankte höflich, er habe noch nicht gefrühstückt.

»Recht so, junger Herr«, der Lagerverwalter nickte und lachte, »niemals vor dem Frühstück rauchen. Sehr richtig! – Hoho! Sehr richtig!«

Pieter lachte auch, obgleich er es gar nicht komisch fand, dem Mann aber schien so viel daran zu liegen, daß man mit in sein Lachen einstimmte, daß Pieter ihm den Gefallen tat.

Schließlich ging das Gelächter des Musterchefs in einen Hustenanfall über, und dabei verlor er seine Cerut aus dem Munde. Während er auf der großen, schmutzigen Waage danach tastete, sprühten seine ruhelosen Augen solche Glückseligkeit, daß Pieter unwillkürlich zurückfuhr. Die Hitze schien dem Mann zu Kopf gestiegen zu sein.

Ruyter zog seine Uhr. Sofort griff der Lagerverwalter in seine Tasche – ein Gentleman hat natürlich eine Uhr, wenn sie auch so groß wie ein Zwieback ist; Pieter wollte auch nicht zurückstehen, seine Uhr war ja aus Gold und noch ganz neu.

»Wie alt ist er?« fragte Pieter, als sie endlich draußen und außer Hörweite waren.

»Das weiß ich wirklich nicht. Ansehen kann man es ihm nicht, aber hier hat er mindestens schon an die zehn Jahre seine Schwindeleien betrieben.«

Pieter sah ihn fragend an.

»Das hat der Kapitän auf der »Lydia« neulich gesagt.«

Da hörten sie ein Geheul, das draußen auf der Straße in den Reihen der Eingeborenen ein Echo fand.

Als Pieter sich umdrehte, sah er, wie der Lagerverwalter seinen Stock über dem Nacken eines Eingeborenen schwang, der sich selbst und einen Sack, den er auf der Schulter trug, draußen in Sicherheit brachte.

»Was ist denn da los?«

»Das Übliche. Er hat wohl einen Anfall von Größenwahnsinn bekommen, weil Sie so töricht waren, ihm die Hand zu geben. Das passiert ihm selten, und nachher kann er nicht vertragen, daß die Eingeborenen ihm zu nahe kommen. Er ist, kurz gesagt, unmöglich in einem anständigen Geschäft, schloß Ruyter mit überlegener Miene, »auf seine Weise aber tüchtig, das muß man ihm lassen. Er ist kriecherisch und feige, vergißt niemals eine Beleidigung, aber weiß mit den eingeborenen Kunden umzuspringen. Neulich fragte ihn ein Zollbeamter, ob man solche olivengraue Gesichtsfarbe vom Opiumrauchen bekäme oder ob es ein Rassensymptom sei. Die Anspielung war nicht mißzuverstehen und geschah in Gegenwart mehrerer Eingeborener. Gayo bekam Krämpfe vor Wut, verfluchte den Zollbeamten, und eine Woche später lag dieser tot in seinem Schuppen ohne Wunde oder sonstige sichtbare Todesursache. Seitdem glauben alle, daß ein böser Geist in Gayo Wohnung genommen habe.«

Wie befohlen, trat Woodford mit Pieter im Privatkontor des Chefs an, bevor das alte Glockenwerk der Wilhelmskirche seine zwölf Schläge getan hatte.

Das Motorboot der Faktorei lag unter den Fenstern des Chefs mit ausgespanntem Sonnensegel bereit, die rotweißblaue Flagge wehte am Vordersteven. Nach kurzer Fahrt gingen sie auf einem großen, offenen Platz mit einem verwitterten Kirchturm im Hintergrund an Land und standen bald darauf im Speisesaal des Klubs. Ein Oberboy mit einem Kamm in seinem schwarzen Haar und in einem weißen Kittel, der ihm bis auf die nackten Füße fiel, kam herbeigesprungen und nahm Mijnheer Hut und Stock ab.

Der Klub war ein majestätisches Gebäude, mit hohen Fenstern, einer geräumigen Halle und breiten, bequemen Treppen, deren dicke Läufer jedes Geräusch erstickten. Alle Fensterläden waren gegen die Sonne geschlossen, ein riesiger Fächer unter der Decke war in ständiger Tätigkeit. Mijnheers graue Stirntolle bewegte sich im Takt mit dem Luftzug.

Mijnheer nickte und winkte den Klubgenossen zu, die an seinen Tisch traten, um ihn nach seiner Reise willkommen zu heißen. Pieter mußte sich unablässig erheben und seinen Bückling machen, wenn er als van Zanten junior, frisch importiert aus dem alten Lande, vorgestellt wurde. Dieser oder jener kannte Pieters Vater, fragte nach ihm und ließ sich aus der guten alten Stadt Amsterdam erzählen.

Die Uhr war schon nach zwei, als die Mahlzeit beendet und man Kaffee mit Likör und Mijnheers Sonntagscerut im Lesezimmer genossen hatte. Der Kellner erschien mit dem letzten »Javabode«, und Woodford, der Bescheid wußte, erhob sich.

»Ich habe jetzt keine Zeit mehr«, sagte Mijnheer, »habe noch eine Konferenz, Woodford aber wird dich in deine neue Wohnung begleiten.«

Er reichte Pieter seine große Hand.

»Was ich noch sagen wollte, ich habe dir eine tüchtige und ordentliche Haushälterin besorgt. Fehlt es noch irgendwo, so laß es mich im Kontor wissen. Was Sitten und Gebräuche anbelangt, so sind die Verhältnisse hier in Java in mancher Beziehung anders als in dem lieben Amsterdam – teils freier, teils enger und strenger. In diesen Dingen aber kannst du dir Woodford als Muster nehmen, darauf versteht er sich.«

Und an diesen gewandt, fügte er hinzu:

»Und von Ihnen, Woodford, erwarte ich, daß Sie ihm die richtige Form geben, die man hier in Batavia von einem Mitglied der Gesellschaft erwartet.«

»Ich werde mein Bestes tun«, sagte Woodford mit einer Verbeugung.

»Also auf Wiedersehen! Ich soll wohl von dir grüßen zu Hause? Und vergiß nicht, an Sonn- und Feiertagen bist du immer draußen am ›Garden of Health‹ willkommen, und wir hoffen, dich auch an anderen Tagen bei uns zu sehen.

Als Pieter sich in der Tür umdrehte, lag Mijnheer bereits im Stuhl, mit geschlossenen Augen, die Zeitung auf dem Bauch.

Unten auf der Kanalstraße, wo die Sonne brütete, winkte Woodford zwei Planki (Eingeborene mit Karren) herbei, und dann ging es durch das Rijswijk-Viertel, wo Woodford wohnte, an der Zitadelle vorbei, über den schönen großen Waterloo-Platz, auf dem die Gedenksäule mit dem holländischen Löwen stand, durch eine breite Straße mit vornehmen Villen und prachtvollen Gärten – Woodford erklärte, daß es das vornehmste Viertel der Stadt, »Weltevreden«, sei –, an der Kaserne vorbei mit dem Exerzierplatz, bis ans Ende der Straße, von wo Pieter einen Blick in die Viertel der Eingeborenen mit ihren Hütten zwischen Bambus, Bananen und Palmen tun konnte. Darauf bogen sie in eine Nebenstraße ein und hielten vor einem kleinen, zweistöckigen Haus, das mitten in einem alten Garten lag.

Auf den ersten Blick sah man nichts als eine schmutzige, graue Mauer mit zwei Reihen Fenstern, vor denen Matten in der stillstehenden Luft regungslos hingen. Kein lebendes Wesen war zu sehen; als sie aber den Garten durchschritten hatten, wurde die Tür lautlos geöffnet, und Sam Saj, Mijnheers oberster Boy, führte sie zum oberen Stockwerk hinauf, wo die Türen zu den Zimmern weit offen standen; da war ein Salon mit einer Veranda zum Garten und eine kleine Schlafkammer dahinter. Woodford ging voran und hob die Fenstermatte, damit Pieter die Aussicht bewundern konnte: über Gärten und dem Exerzierplatz ragte die Säule auf dem Waterloo-Platz. Von der Schlafkammer sah man über die Dörfer der Eingeborenen, über Reisfelder, Kokosplantagen und das offene Land mit der Landstraße, wo er heute morgen geritten war. Hier und da blitzte der Fluß, das Land hob sich im Hintergrund bis zu einer Bergkette, die in der Ferne im blauen Nebel verschwand. Pieter spähte nach dem Landsitz aus, und Woodford, der gleich begriff, wonach Pieter Ausschau hielt, erklärte, daß der »Garden of Health« von jener Kokosplantage dort verdeckt sei.

Sam Saj näherte sich auf lautlosen Sohlen und zeigte auf einen prachtvollen Strauß Bougainvilleen, der in einer Vase auf dem Tisch im Wohnzimmer stand.

»Von Mevrouw!« sagte er und verbeugte sich ehrfurchtsvoll.

Ein starker Duft von Vanille und Nelken stieg aus dem großen Strauß auf, und dahinter sah Pieter ein Glas mit zwei prachtvollen bunten Orchideen. »Von Kusine Lydia« stand auf der weißen Karte, die zwischen den Blumen steckte. Er beugte sich über die glühenden Bougainvilleen, um seine aufsteigende Röte zu verbergen. Woodford aber hatte sie gesehen, lächelte nachsichtig und begriff, daß der junge Mann jetzt gern allein sein wollte. Als Pieter aber Woodfords Schritte auf der Treppe hörte, war es ihm, als ob er den Boden unter den Füßen verloren hatte und noch nicht schwimmen konnte.

»Guten Abend«, sagte plötzlich eine kleine, piepsende Stimme, und in der Tür zur Schlafkammer stand eine kleine, zusammengeschrumpfte Gestalt mit einem alten, grauen, runzligen Gesicht, aber lebhaften, schwarzen Augen.

»Ich bin Mevrouw Hiencke«, sagte sie und knickste, »Witwe des seligen Sergeanten Jean Hiencke von dem dritten Kolonial-Regiment. Ich soll für des jungen Herrn Wohnung und Kost sorgen.«

Sie trocknete sich die Hände an ihrer geblümten Schürze, und Pieter begriff, die Witwe des Sergeanten erwartete von ihm, daß er ihr die Hand geben sollte. Er drückte die kleine, runzlige Hand, und nach wenigen Minuten kannte er bereits ihren ganzen Lebenslauf, wußte, daß sie geborene Portugiesin (aus Makao) sei und ihrem Schicksal in Gestalt des seligen Jean bei einer Militärparade zu Ehren des Gouverneurs begegnet sei. Nach dem Parademarsch hatte dieser sich vor dem Tor der Kaserne erschöpft ins Gras geworfen, und sie sei zufällig vorbeigekommen und habe ihn mit Bananen erquickt. Mijnheer van Zanten – alle guten Engel mögen ihn beschützen – hatte Jean, nachdem er wegen eines Schadens am Bein seinen Abschied bekommen hatte, in seinen Dienst genommen; nun war er schon lange im Himmel, und sie lebte von der kläglichen Pension, die die Regierung ihr gönnte, und von dem, womit Mijnheer und Mevrouw van Ermelo – Madonna möge ihnen beiden zulächeln – sie bedachten. Das Haus gehörte Mijnheer, der ihr das obere Stockwerk überlassen hatte; sie vermietete an junge Herren, zwei wunderschöne Zimmer, nicht wahr? Bei großen Festen gehe sie draußen in der Villa zur Hand, denn in ihrer Jugend sei sie Küchenmädchen in der Küche des Gouverneurs gewesen.

Pieters Weg morgens ins Geschäft, bevor die Sonne angefangen hatte, mit ihrer vollen Kraft zu scheinen, war wie ein Märchen: die militärischen Übungen auf dem großen Platz, die schattigen Gärten der Villen, wo die Palmen sich träge reckten, während die Gartenboys auf bloßen Füßen lautlos herumgingen und die roten Kieswege fegten, als ob es teppichbelegte Fußböden wären, der Waterloo-PIatz mit den vielen verschiedenen Menschenrassen in buntfarbigen Trachten.

An der düsteren Zitadelle kam Pieter vorbei und am Klubgebäude, das um diese Tageszeit geschlossen war. Draußen auf der Treppe saß der Pförtner und bewachte die Boys, die den Fußsteig säuberten. Der würdige und beleibte Mann grüßte Pieter, indem er zwei Finger an seinen Tropenhut legte, der mit dem Abzeichen des Klubs versehen war.

Pieter wollte gerade seinen nagelneuen Tropenhut abnehmen, als er sich erinnerte, daß es gegen die Sitte verstieß und außerdem ungesund sei, den Kopf in der Sonne zu entblößen.

Was mußte man nicht alles lernen! Vieles, das ihm im ersten Augenblick nichtig erschien, von dessen Wichtigkeit er aber durch einen mißbilligenden Blick von Woodford, ja sogar von dem langweiligen Ruyter überzeugt wurde.

Pieter, der sich seiner Arbeit mit Eifer und Gründlichkeit hingab, mußte bald erfahren, daß es eines Gentlemans unwürdig sei, sich mit Rechenfehlern oder dergleichen zu befassen. Nein, Toilettenfragen, Billard und andere Vergnügungen wurden als passende Themata während der Kontorzeit betrachtet. Als Pieter einmal die Erörterung einer geschäftlichen Frage durchzusetzen versuchte, verulkten die übrigen Angestellten ihn, so daß er errötend davon abstehen mußte. Der kleine Ruyter hatte offenbar mit seinen Ratschlägen recht gehabt, man mußte nur das Notwendigste so flüchtig wie möglich erledigen und zu erkennen geben, daß man über dergleichen Arbeit erhaben sei. War man ein Weißer oder war man es nicht? Na also! Der himmelweite Unterschied zwischen den Farben war etwas, was Pieter nicht recht eingehen wollte.

Daß die Beobachtung solch kleiner Gebräuche des täglichen Lebens zu dem gehörte, was Woodford »die batavische Form« nannte, sollte Pieter bald erfahren. Als ein Monat vergangen und das Gerücht vom Auftauchen des jungen van Zanten allgemein bekanntgeworden war, richteten Woodfords Freunde den dringenden Wunsch an ihn, ihnen den jungen Mann vorzustellen, so daß Woodford Pieter eines Tages zum Lunch in die Junioren-Abteilung des Klubs mitnahm, die einen Stock höher lag als der feierliche Raum der Chefs.

Woodford stellte Herrn Pieter Adrian seinen Kollegen und Freunden aus den anderen Faktoreien mit väterlichem Wohlwollen und zierlichen Wendungen vor. Pieter wurde mit überströmender Freundlichkeit empfangen, verhört und geprüft, und nach dem Lunch zeigte es sich, daß er solch ungewöhnliche Anlagen für die schwierige Kunst des Billardspiels besaß, daß er würdig befunden wurde, gegen einen entsprechenden Einsatz an den Wetten des Spiels teilzunehmen. Kurz gesagt, je mehr er von den heimtückischen Likören mit den klingenden Namen trank, desto mehr lieferte er sich aus. Alle wollten mit Herrn Pieter anstoßen, der so rührend unerfahren war mit Bezug auf die Wirkung des Alkohols, alle waren begeistert, seine Bekanntschaft zu machen.

Man vergaß nicht nur, daß es mitten in der Kontorzeit war, sondern ging vom Lunch – »stillschweigend« ist nicht das richtige Wort, denn es herrschte ein solcher Lärm in den Junioren-Klubräumen, daß sogar der Inspektor allerhöflichst um etwas mehr Ruhe bat – wie von selbst zum Mittagessen über. Die Anzahl der Teilnehmer nahm beständig zu, und das Fest endete erst eine halbe Stunde, bevor das Lokal geschlossen wurde. So lange dauerte es, bevor die Spielleidenschaft von der Müdigkeit überwältigt wurde und ein energisches Wort von Woodford dem Gelage ein Ende machte. Als er nämlich Pieter als Mittelpunkt einer Gruppe älterer Gäste sah, um eine Batterie Flaschen geschart, deren Inhalt Pieter bisher nicht einmal dem Namen nach bekannt gewesen, von denen der Oberboy aber behauptete, daß sie von Pieter allein bestellt worden waren, beruhigte er den bekümmerten Kellner mit Hinsicht auf die Bezahlung, sorgte dafür, daß die verschiedenen Teilnehmer nach Hause gebracht wurden und nahm sich selbst Pieters an.

Pieter, der Woodford erkannte, fiel ihm unter Tränen um den Hals. Woodford brachte ihn nach Hause und ins Bett und beruhigte die brave Sergeantenwitwe, die sich über Pieters plötzliche Erkrankung aufregte. Er forderte sie auf, ein gewisses Möbel in Pieters unmittelbare Nähe zu stellen und ihm den Kopf zu halten, ihn aber unter keiner Bedingung am nächsten Morgen zu wecken und ihn dem Schutz der Madonna zu empfehlen – womit die Witwe sofort einverstanden war – und im übrigen auf Pieters gesunde Konstitution zu vertrauen.

Als Pieter sich am zweiten Tage nach dem Unwetter, das ihn sowohl um sein körperliches als auch moralisches Gleichgewicht gebracht, erholt hatte, wunderte er sich, als er in den Rasierspiegel blickte – eine ganz neue Anschaffung, nachdem er erfahren hatte, daß auch Ruyter sich rasierte –, daß er ganz unverändert sei. Auf dem Weg zum Kontor sah er, daß auch die Umgebung von dem Erdbeben unberührt geblieben war; schlimm war nur das Spießrutenlaufen durch die scherzhaften Bemerkungen der Kameraden.

Auch Woodford schien unverändert, als Pieter ihm einen dienstlichen Bescheid zu überbringen hatte, der Prokurist saß in seinem Glaskasten nachlässig auf dem Drehstuhl, den Kopf hinter einem Papier in Folioformat verschanzt, die Füße auf dem Balken des Schreibtisches. Als er endlich aufsah und Pieters Blick begegnete, versteckte er sich schnell wieder hinter dem Papier; in Pieter stieg beim Anblick seines väterlichen Freundes ein peinliches Gefühl auf.

»Na, Junior, wie geht's?« klang die freundliche Stimme hinter dem Foliobogen, und als keine Antwort erfolgte, fuhr er in vertraulichem Ton fort: »Hätte ich geahnt, daß Sie so unerfahren sind, van Zanten junior, würde ich mich Ihrer natürlich mehr angenommen haben; aber einmal ist keinmal. Was ich sagen wollte! Einigen meiner Freunde schulden Sie noch Geld von den Wetten, an denen Sie besser nicht teilgenommen hätten. Aber machen Sie sich keine Sorge, ich habe die Sache für Sie geordnet und den Herren den Text gelesen. Aber merken Sie sich eines, Junior: Spielschulden sind Ehrenschulden, darin ist man hier in Batavia sehr streng. Ich habe siebzehn Gulden für Sie ausgelegt, Sie können sie mir nach und nach zurückzahlen. Und damit Schwamm über Ihr kleines Pech.«

Pieter erschrak über die bedeutende Summe. Er dankte, wie es von ihm erwartet wurde, hinterher aber stieg die Wut in ihm auf, und nur mit Mühe konnte er die Frage unterdrücken, ob dieser betrübliche Abend vielleicht eine Unterrichtsstunde gewesen war in der batavischen Form, von der Onkel Mijnheer gesprochen hatte.

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