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Van Zantens törichte Liebe

Laurids Bruun: Van Zantens törichte Liebe - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens törichte Liebe
publisherAntäus-Verlag
year1940
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080328
projectid97b035b4
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Anmerkung des Herausgebers

Zwischen van Zantens Papieren fand ich eine formelle Einladung von Mijnheer Clement van Zanten zur Hochzeit seiner Tochter Lydia mit seinem Kompagnon Mijnheer Allan Woodford, den 3. August datiert. Diesen Brief kann van Zanten erst um den 8. August erhalten haben. Unter seinen Papieren befindet sich auch eine Kladde zu einem Brief, datiert den 10. August, worin er sehr formell bedauert, daß er wegen eines Magenübels die lange, beschwerliche Reise, hin und zurück, nicht anzutreten wage. Die Hochzeit sollte am 27. August stattfinden. Obiger Zusatz« zu »Madan Blanchards Abenteuer« ist also an Lydias Hochzeitstag geschrieben.

Entschluß

Ohne Datum.

Es ist entschieden, ich will Schriftsteller werden, will das Buch über »Meine glückliche Zeit« herausgeben. Und habe ich Erfolg, will ich versuchen – obgleich so viele Jahre vergangen sind –, einen Schluß zu meinem ersten literarischen Versuch »Madan Blanchards Abenteuer« zu schreiben und auch ihn herausgeben.

Dieser »Entschluß« steht auf der Rückseite des Bogens, auf dem der »Zusatz« niedergeschrieben ist; es besteht hier also ein Zusammenhang. Er ist ohne Datum; da aber »Meine glückliche Zeit« als ein abgeschlossenes Werk darin erwähnt wird, kann die Bemerkung erst im Jahre 1876 niedergeschrieben worden sein, also zehn Jahre nach dem »Zusatz«, zu Anfang der Zeit, die van Zanten selbst seine »ästhetische Periode« nennt. Ich verweise auf das Vorwort zu »Van Zantens glückliche Zeit«.

Der Entschluß gelangte nicht zur Ausführung, van Zanten trat überhaupt zu seinen Lebzeiten nicht als Verfasser auf. Das erwähnte Erstlingswerk erschien erst vier Jahre nach seinem Tode.

Ich möchte noch bemerken, wenn es in genanntem Vorwort heißt, daß das Buch teils auf holländisch, teils (von Kapitel X) auf englisch geschrieben ist, und daß zwischen diesen Abschnitten mindestens zehn Jahre liegen, dies wahrscheinlich auf einem Irrtum beruht.

Zwischen den hinterlassenen losen und sehr knappen Tagebuchnotizen aus dieser Zeit findet sich eine Notiz über »meine Übersetzung«, die sich offenbar auf den vermeintlich originalenglischen Text des halben Buches bezieht. Doch ist anzunehmen – auch durch das Manuskript wird diese Annahme gestützt –, daß das Buch tatsächlich während seines zweiten Aufenthaltes in Batavia ganz auf holländisch verfaßt und der vermeintlich später auf englisch geschriebene Teil eine Übersetzung von van Zanten selbst ist. Nachdem er den Beschluß gefaßt hatte, das Buch zu veröffentlichen, hat er vielleicht überlegt, daß die Herausgabe auf englisch günstiger sein würde. Später mag dann dieser Teil auf holländisch abhanden gekommen sein, so daß das Manuskript halb auf holländisch, halb auf englisch vorlag.

Daß der Beschluß nicht zur Ausführung kam, hat wahrscheinlich seinen Grund in van Zantens von ihm selbst so oft bedauertem Wankelmut. Mir, der ich ihn so gut gekannt habe, erscheint es durchaus nicht unwahrscheinlich, daß er, nachdem er die Probeübersetzung angefertigt hatte, selbst nicht schlüssig werden konnte, ob er das Buch in seiner Muttersprache oder lieber in der Weltsprache Englisch herausgeben sollte.

Über van Zantens Leben auf der einsamen und ungesunden Insel Tjelatjap mag noch folgendes hinzugefügt werden.

Wie Mijnheer vorausgesagt hatte, nahm van Zanten seine Zuflucht zu Büchern, in den vielen müßigen Stunden des ersten Jahres gab er sich ganz dem Lesen und Studieren hin. Da die Bitterkeit fortfuhr, in seinem Gemüt zu nagen, versuchte er sich Erleichterung zu verschaffen – seine eigenen Worte –, indem er aus seinem alten Plan (siehe Tagebuch, 17. Juli) Ernst machte und von Madan und seiner Abenteuerfahrt ein lebendiges Bild ausarbeitete; damals war der Plan ein Ausdruck seiner Sympathie für Madan gewesen, jetzt war es der Versuch, in der Dichtung das zu finden, was das Schicksal ihm versagte, als es ihn zu einem Handelsmann statt zu einem Seemann und Abenteurer wie Madan gemacht hatte.

Vom Herbst 1865 bis zum Frühjahr 1866 hat er Trost in dieser Arbeit gefunden; durch die Mitteilung von der Hochzeit aber ist die Wunde wieder aufgebrochen, und die Bitterkeit hat den Heilungsprozeß unwirksam gemacht. (Siehe »Zusatz«.)

Die Arbeit auf der Insel – ohne Mischblut-Vermittler, in direktem Umgang mit den Eingeborenen, teils Landleuten, teils Fischern – verlief reibungslos. In Tjelatjap, das so fern von der großen Stadt gelegen war, hatte man sich noch keine Vorstellung davon gebildet, was und wieviel man zu fürchten hatte, und daß man vor dem weißen Halbgott auf der Hut sein mußte. Van Zanten lernte dort eine so einfache und treuherzige und zugleich kindliche Rasse kennen, daß er sich kraft seiner tiefen Menschlichkeit nicht nur zu ihr hingezogen fühlte, sondern im Bewußtsein seiner natürlichen Überlegenheit jeden zu seinem Recht kommen ließ, ohne Rücksicht auf die Farbe.

Noch war kein Jahr vergangen, als er es auf diesem Wege so weit gebracht hatte – zum Erstaunen von Mijnheer und der Firma –, daß man anerkennen mußte, in ihm eine allererste Kraft zur Bearbeitung jungfräulicher Reviere zu haben, das heißt abseits gelegener Inseln, wo die Weißen noch keine Gelegenheit gehabt hatten, sich unangenehm bemerkbar zu machen.

Unmittelbar nach der Hochzeit 1866 erhielt van Zanten von Mijnheer persönlich ein Schreiben. Zuerst erkundigte er sich nach Pieters Gesundheit, die offenbar in dem ungesunden Klima gelitten habe, da man seine Anwesenheit bei dem großen Familienfest hatte missen müssen. Dann folgte eine Beschreibung des pompösen Festes und viele Grüße von Mevrouw: »Sie fühlt sich so einsam, seit Lydia aus dem Nest geflogen ist« –, und schließlich machte er ihm das vorteilhafte Angebot einer Stellung als selbständiger Aufkäufer auf der Insel Jap (zur Karolinen-Gruppe gehörig), wo die Faktorei ein Depot einrichten wollte, um von dort neue und ferne Inseln, »die den Segen der Zivilisation bisher noch nicht kannten«, für die Firma zu gewinnen. Diese Arbeit sollte van Zanten organisieren und leiten.

Van Zanten griff mit Freuden zu. Sobald eine Ablösung für ihn gefunden war, reiste er nach Jap und blieb dort bis zum Februar 1872.

Wie und wann van Zanten schließlich in die Nähe der Pelli-Inseln kam, wo Alis Insel ein paar Tagereisen von ihren Schwesterinseln entfernt liegt, das ist bereits in dem erwähnten Vorwort zu »Van Zantens glückliche Zeit« berichtet worden.

Nachwort des Herausgebers

Eines Tages, im Juni 1928, wurde mir als Herausgeber der weltbekannten Van-Zanten-Bücher aus einem Antiquariat in Paris ein gut erhaltenes Exemplar von einem seltenen französischen Buch angeboten, in dessen Besitz man durch einen glücklichen Zufall gekommen war.

Der umständliche Titel des Buches heißt in der Übersetzung: »Bericht von den Pelew-Inseln«, gelegen im westlichen Teil des Stillen Ozeans; ausgearbeitet auf Grund von Journalen und Mitteilungen von Kapitän Henri Wilson und mehreren seiner Offiziere, die im August 1783 auf der »Antelope«, einem Post- und Frachtschiff der Ostindischen Kompanie, Schiffbruch litten. Übersetzt aus der von Herrn George Keate, Mitglied der kal. Gesellschaft und des archäologischen Instituts, besorgten englischen Ausgabe.

Paris Le Jay fils 5 Maradan, Buchhandlung. 1788.

Das Buch hat einen Umfang von 384 Quartseiten und ist mit einer geographischen Karte und zahlreichen Kupferstichen versehen. Es ist im viertletzten Jahr des ancien régime erschienen, noch während der königlichen Zensur, die erst 1791 aufgehoben wurde, und trägt darum ganz unten auf dem Titelblatt den Stempel: »Avec approbation et permission«; nach dem Titelverzeichnis und der Druckfehlerliste steht folgende offiziöse Anmerkung:

»Ich habe im Auftrag von Monseigneur dem Großsiegelbewahrer ein Manuskript gelesen mit dem Titel: ›Kapitän Wilsons Reise auf der »Antelope« etc.‹. Dieses Werk ist um so interessanter, als es mit den Sitten und Gebräuchen eines bisher unbekannten Volkes bekannt macht, deren Eigentümlichkeiten von einem gelehrten Schriftsteller in England geschildert und veröffentlicht wurden.

Paris, den 26. August 1788.

gez. Mentellek.«

Unter dieser Bekanntgabe ist in seiner ganzen feierlichen Länge (mehr als eine Quartseite in Petit) das Kgl. Privilegium abgedruckt, gegeben von Louis (»par la grace de Dieu Roi et France et de Navarre«) an die Buchhändler Le Jay fils & Maradan, unterfertigt (»par le Roi en son Conseil«) Le Begue.

Nach einer historischen Übersicht über die Entdeckung der Inseln wird geschildert, wie der armierte Schoner »Antelope« von etwa 300 Tonnen am 20. Juli 1783 von Makao mit versiegelten Orders in See stach, wie er mit widrigen Winden zu kämpfen hatte und am 10. August, kaum drei Wochen nach der Ausfahrt, vor einer Insel der Pelew-Gruppe, die die Eingeborenen Oroolong-Insel nennen, auf ein Riff lief. Dann folgt die Beschreibung des eingeborenen Königs Abba-Thulle, seiner Brüder und Minister. Sie zeugt von sympathischem Verständnis für die Eingeborenen. Kriege zwischen den Königen der verschiedenen Inseln werden eingehend geschildert, bei denen die Engländer eine entscheidende Rolle spielen, dank ihrer Schiffskanonen, die man mitsamt anderem Material und dem größten Teil des Proviants an Land gerettet hatte, bevor das Schiff auf dem Riff von den Wellen zerschlagen wurde. Zum Dank bekommen die Engländer die Insel geschenkt, auf der sie gestrandet sind. Sie bauen ein neues Schiff zur Heimreise. Als das Schiff fertig ist und die Rückreise bevorsteht, meldet sich ein gewisser Jungmann Madan Blanchard, von dem bisher nichts berichtet wurde, nur sein Name steht auf der Mannschaftsliste, und bittet, ob er auf der Insel bleiben dürfe.

Der Kapitän versucht ihn von seinem Vorsatz abzubringen, als es aber nichts nützt, teilt er ihn dem König mit, der es als eine große Höflichkeit von seiten der Weißen auffaßt. Er dankt dem Matrosen und verspricht, ihn mit zwei Frauen, Haus und Boden und dem Rang eines Ministers auszusteuern. Weiter erfährt man nichts über Madan.

Um sich für die Freundlichkeit der Engländer erkenntlich zu zeigen, äußert der König den Wunsch, daß sein zweitältester Sohn, der blutjunge Lee-Boo, mit dem Schiff nach England fahren und unter persönlicher Aufsicht des Kapitäns in die Gottähnlichkeit der Weißen eingeweiht werden solle, damit er als Lehrer und Führer seines Volkes heimkehren kann. So geschah es, und alle hatten den fröhlichen und treuherzigen jungen Mann gern. Er kam nach London und wohnte bei dem Kapitän und seiner Frau; den ersten nannte er »Kapitain«, die Frau aber »Mutter«. Bereits in dem darauffolgenden Jahre 1784 wurde er, kaum zwanzig Jahre alt, von einer in London grassierenden Pockenepidemie hingerafft. Er liegt auf dem Friedhof von Rotherhithe begraben, wo die englisch-ostindische Kompanie ihm ein Denkmal errichtet hat.

Das Buch beschäftigt sich recht eingehend mit politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen in König Abba-Thulles kleinem Inselreich. Sitten und Gebräuche der Bevölkerung werden beschrieben, Werkzeuge und Waffen; man bekommt einen Begriff von der geistigen Verfassung, dem Charakter und den religiösen Vorstellungen der Eingeborenen, und das Buch schließt mit einem Wörterverzeichnis der Eingeborenensprache.

Als einzigen Passagier hatte die »Antelope« einen gewissen Mr. Dewis an Bord,Siehe »Madan Blanchards Abenteuer«. von dem berichtet wird, daß er Zeichentalent habe. Diesem Talent ist das Bild Abba-Thulles und einer Frau seines Hauses, Ludée, zu verdanken (von der übrigens nichts weiter erzählt wird); das Bild des Kapitäns ist eine Reproduktion nach einer Malerei von Russell, Mitglied der Kgl. Akademie. Außerdem fand sich noch ein Bild von dem verschanzten Zeltlager der Schiffbrüchigen.

Daß ich mich so eingehend mit dem Buch über die »Antelope« und dem Schicksal ihrer Mannschaft beschäftige, hat seinen Grund darin, daß es solch starken Eindruck auf van Zanten gemacht hat. Als er, um bittere Erfahrungen zu vergessen, Zuflucht in dichterischer Betätigung sucht, gibt dieses Buch ihm den äußeren Stoff, Vorstellungskreis des Buches befruchtet seine Phantasie, obgleich es so lange her ist, seit er es gelesen hat. (Siehe »Entschluß«, Seite 182Es ist interessant, wie van Zanten bereits in seinem ersten literarischen Versuch Erlebtes zu verwenden versteht: Woodford, Irländer von der Westküste (S. 51) wird als Motiv im Abenteuer benutzt (S. 145), das blinde Mädchen aus der Hütte in Batavia (S. 97) kehrt im Abenteuer wieder (S. 139). In Wahoegen (S. 59) mit den langen, behaarten Ohren wild der aufmerksame Leser übrigens leicht das Modell, sogar der Name erinnert daran, zu Wahuja in »Van Zantens glückliche Zeit« erkennen, usw.) Doch ist das Buch auch an und für sich interessant, ein Zeitdokument von allgemein menschlicher Bedeutung, nicht nur durch die Originalität und Neuheit des Stoffes, sondern auch wegen seines lebendigen, fast modernen Verständnisses für das Verhältnis zwischen weißen und farbigen Rassen. Es ist das ancien régime, das sich kaum ein Jahr vor der »Erklärung der Menschenrechte«, also unmittelbar vor der großen Revolution, auf Entdeckungsfahrt in ferne, neutrale Gebiete begibt. – Dieses Werk, meine ich, verdient aus hundertundfünfzigjähriger Vergessenheit hervorgeholt zu werden, und ich behalte mir vor, falls die Lesewelt sich genügend dafür interessiert, später eine gekürzte Ausgabe zu besorgen.

Über den Einfluß, den das Abenteuer der »Antelope« auf van Zanten ausübte, möchte ich zum Schluß noch folgendes bemerken: Aus dem »Zusatz« (Seite 181) geht hervor, daß van Zantens Interesse für das Werk nach dem Erlebnis in Batavia abnahm. Das früher so hochgeschätzte Buch konnte ihm keinen Stoff mehr zur Beantwortung der Frage geben, die sein Gemüt jetzt ganz erfüllte; im Verhältnis zu dem Ernst und der Tiefe dieser Frage erscheint das Buch nur wie ein Spielzeug – eben nur wie ein Abenteuer.

Lange hatte er sich mit der Vorstellung getröstet, daß das Schicksal es gut mit ihm gemeint, ihn vielleicht vor Schlimmerem bewahrt hatte, als es ihn, bevor die Reise noch begonnen, aus dem Kurs trieb. Als er aber einen schlimmeren Schiffbruch erlebte, als das Meer ihm bereiten konnte, fragte er sich selbst, warum seiner Fahrt über das Meer Hindernisse in den Weg gelegt worden waren, – konnte das etwas anderes als ein böses Geschick gewesen sein?

Diese Frage, die jeder Schiffbrüchige sich wohl in einem ähnlichen Fall stellt, beschäftigte van Zanten bis zu seiner letzten Stunde.

Wir wissen nicht, zu welchem Resultat er gekommen ist. Für uns aber steht fest, daß, falls er diesen Schiffbruch nicht auf seiner ersten Ausfahrt erlitten hätte, wir nie etwas von der glücklichen Insel erfahren, nie »Ali«, »Toko« oder die übrigen Van-Zanten-Werke kennengelernt haben würden.

Wieviel davon Dichtung, wieviel wirklich Erlebtes ist, wird kaum jemals festgestellt werden. Doch in der Überzeugung, daß auch für van Zanten ein tieferer Zusammenhang zwischen »den großen Schmerzen« und »den kleinen Liedern« bestanden hat, können wir vielleicht die Frage beantworten, indem wir darauf hinweisen, daß seine lebendige und bunte Dichtung das Resultat des bunten und rastlosen Lebens wurde, das der Schiffbruch in Batavia zur Folge hatte.

An den Früchten sollen auch Lebensschicksale erkannt werden. Hier folgt nun eine der Erzählungen van Zantens:

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