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Van Zantens törichte Liebe

Laurids Bruun: Van Zantens törichte Liebe - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens törichte Liebe
publisherAntäus-Verlag
year1940
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080328
projectid97b035b4
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Niclas Tyacke saß rittlings auf der Brustwehr und blickte schwermütig zur »Antelope« hinüber.

Sie wiegte sich mit ihrem breiten Bug und dem Achterkastell auf den sanften Wellen; der Südwind blähte die Spitzsegel, die zum Trocknen gehißt waren. Oben im Ausguckkorb saß der Zimmermann und besserte etwas aus, Tyacke konnte ihn an seinem roten Halstuch erkennen.

Tyacke meinte, er habe nie ein schöneres Schiff gesehen. Es lag dort auf dem Wellenspiegel und blickte schnippisch auf seine Stückpforten herab, wie eine Jungfrau auf ihre kleinen Brüste: »Komm mir nicht zu nah!«

Alles an Bord, die Kojen, die Takelage, die Verpflegung und die Besatzung waren erstklassig, und das alles hatte er aufgegeben wegen des Ersten Steuermannes, dieses verfluchten Irländers mit seinem hängenden Schnurrbart und dem Haarbusch auf der Stirn. Man war ja nicht umsonst Schotte, eigensinnig wie ein Schotte, dumm wie ein Schotte, verhöhnte er sich selbst.

Er spuckte im weiten Bogen über das Wasser, schwang sein Bein über die Mauer und schlenderte durch die Praya grande, die in einem langgestreckten Bogen längs des inneren Hafens ganz bis zur Mole hinausführte.

Die Luft war feucht und schwül, der Himmel hing tief und grau. Obgleich die Sonne nicht schien, blendete das Licht, so daß man die Augen zukneifen mußte. Sein Kopf schmerzte, als säße er in einem Schraubstock. Sollte ein Taifun im Anzug sein?

Er seufzte melancholisch und wandte die Augen von dem armierten Schoner ab, mit seinen dreihundert Tonnen und kleinen Schießlöchern, sandte ihm einen letzten, entsagungsvollen Blick und schritt dann über die breite Promenade, indem er den Schatten unter den alten Alleebäumen aufsuchte. Die Sonne hatte gerade die Wolken durchbrochen. In dem Palast des Gouverneurs waren alle Läden in der Mittagshitze geschlossen, bei Fußsteig davor war blendend weiß.

Wen sieht er da? Wahrhaftig, Dull kommt aus einer knarrenden Tür, einen kläffenden Hund auf den Fersen, er kommt aus dem Hause des Superkargos, das blanke Schild der Kompanie hängt über der Tür. Dull trägt die Ledermappe des Kapitäns mit dem goldverzierten Wappen unter dem Arm. Thomas Dulton war Niclas' Kamerad auf der »Antelope«.

Niclas aber möchte nicht gesehen werden; er biegt in eine Seitengasse ein, die zur Hauptstraße führt, wo die Chinesen mit großen, flachen Strohhüten und Zöpfen, die bis an die Füße reichen, auf lautlosen Filzschuhen längs der Häuser schlendern und sich über die offenen Auslagen beugen; die eingeborenen Kaufleute wohnen in kleinen Holzkäfigen über ihren Läden, nur hin und wieder sieht man ein gemauertes Haus. Lange, breite Papierstreifen hängen von den Hausfassaden herab, verkünden den Namen des Kaufmanns und preisen seine himmlischen Waren.

Eine schreiende Sau, die geschlachtet werden soll, wird, mit den Beinen nach oben, in einem großmaschigen Netz von zwei halbnackten Kulis an Stangen getragen. Hühner stieben bei dem Geschrei auseinander, ein herrenloser Köter versucht dem Schwein an die rote, schreiende Schnauze zu fahren.

Für Niclas ist das alles nichts Neues, es ist schon seine dritte Reise nach dem Osten, dennoch wundert er sich über all die seltsamen Geschöpfe, die es auf Gottes Erde gibt.

Etwas weiter fort in der Straße sieht er einen Seemann, der mit einem Satz von den hohen Stufen eines Hauses mit offenstehenden Fenstern herabspringt; aus dem Hause klingt eine miauende Mädchenstimme und eine dreisaitige Gitarre, wie sie von den Geishas in den Teehäusern gespielt wird.

Es ist ein Jungmann mit einer Stupsnase und blondem Haar, das ein wenig ins Rötliche spielt. Niclas mustert ihn, während er auf ihn zukommt. Ein Grünschnabel, denkt er, der wie er selbst durch einen Zufall an Land gespült worden ist und sich schon eine Weile hier aufgehalten hat, denn sein Gesicht hat die frische Salzwasserfarbe verloren; wahrscheinlich wird von seiner Heuer nicht mehr viel übrig sein. Sicher ist er Stammgast bei dem Chinesen dort an der Ecke und wohnt bei einem seiner Mädchen. Niclas kennt den Rummel, und weil er selbst einsam ist, tut der Grünschnabel ihm leid, der abseits geraten zu sein scheint. Er muß an seine erste Reise nach dem Osten und die Hitze denken.

Der Bursche biegt in die Rua de Felicidad, die Straße des Glücks, ein; dort geht er langsam und betrachtet die Spielhöllen. Zwar weiß er genau, in welche er gehen will, aber es macht ihm Spaß, die Schilder zu betrachten. Hinter viereckigen Papierlaternen steht der Name des Geschäfts über der Tür, mit chinesischen Buchstaben und auf portugiesisch; der junge Mann kann weder das eine noch das andere deuten, aber er weiß, was drinnen los ist.

Madan Blanchard – so heißt der blonde Jungmann – tritt in das Haus ein, wo sein Mädchen, eine kleine, rundbäckige Miezekatze mit schwarzem, blankem Haar und seidenen Pantoffeln an den Kinderfüßen, mit ihrer Mutter auf ihn wartet. Sonst hat sie ihren Stand neben dem Eingang von Wong-wos Spielhaus. Abends, wenn die Papierlaternen angezündet sind, kommt sie und ihre Mutter, falls das Geschäft gut gewesen ist, in der Rikscha angefahren, und wenn es schlecht gewesen ist, watscheln sie mühsam auf ihren verkrüppelten Füßen. Die Mutter führt die Tochter am Arm, denn sie ist blind. Auf ihrem Gesicht liegt stets ein süßes Lächeln, als dächte sie an etwas Hübsches mitten in dem Gedränge. Dieses Lächeln hatte es Madan angetan, als er ihr und der Mutter am ersten Abend begegnete; er kam aus Wong-wos Spielhaus, voller Erwartung, zu allem möglichen aufgelegt, und erbot sich, die kleine Blinde auf seinen Armen zu tragen; die Mutter dankte ihm, und Bi-Fi, so hieß die Kleine, gab gleich ein Stück auf ihrem dreisaitigen Instrument zum besten.

Bevor es Nacht wurde, hatte die Mutter ihn Wong-wos Glücksspiel gelehrt, »einzigartig in den Feengärten des Ostens«, hatte erfahren, wieviel er noch von seiner Heuer besaß, hatte versprochen, es für ihn aufzuheben – »Makao sei voll von Dieben« – und hatte ihm ein behagliches Heim verschafft, bestehend aus zwei kleinen Stuben, nicht größer als Kanarienvogelbauer, die er für eine angemessene Summe mit Bi-Fi teilen durfte. Wenn Madan von seiner Morgenwanderung im Hafen zurückkehrt, wo alle ein- und ausgehenden Schiffe ihn interessieren, ißt er mit Bi-Fi auf chinesisch zu Mittag, das hat er schnell gelernt. Dafür hat er sie dies und das von dem täglichen Leben in seiner Heimatstadt aus der südwestlichen Ecke von England gelehrt. Seemannsausdrücke, gute Manieren und andere nützliche Dinge. Das hat Veranlassung zu viel Gelächter gegeben, und sie hat ihn in verschiedene Teehausgebräuche eingeweiht, die für einen jungen Mann, der vorwärts will, nicht unwesentlich sind. Das war im Jahre des Herrn 1783.

Auf diese Weise vergeht der Tag, und mit Eintritt der Dunkelheit beginnt Bi-Fis Arbeitszeit. Sie nimmt an der Ecke vor dem Eingang des Spielhauses Aufstellung und miaut zu den Klängen der dreisaitigen Gitarre, indem sie Vorübergehende mit ihrem süßen Lächeln lockt, sie mit ihren blinden Augen daran erinnert, daß Konfutse ihnen eingeprägt hat, man solle dem Leidenden Barmherzigkeit erweisen.

Die Abendstunden, die Madan Blanchard allein totschlagen muß, verbringt er in Wong-wos Salon und versucht sein Glück innerhalb der Grenzen der Summe, die Bi-Fis Mutter ihm jeden Abend von seiner eigenen Heuer auszahlt.

In den Spielsälen sitzen alte und junge Chinesen um den grünen, viereckigen Tisch. Ein Chinaboy mit einem blanken, unbeweglichen Gesicht wie ein Zifferblatt klaubt mit einem Bambusstab, regelmäßig wie ein Pendel, die durchlöcherten chinesischen Geldstücke, die in einem Haufen vor ihm auf dem Tisch liegen, Stück für Stück auseinander.

Das Fantam-Spiel ist sehr einfach. Man setzt auf 0, 1, 2 oder 3. Der Bankier ordnet die Münzen in kleinen Haufen zu vieren, und die Zahl der Münzen, die schließlich übrigbleibt, 0, 1, 2 oder 3, hat gewonnen. Den Einsatz, den man gemacht hat, bekommt man dreifach zurück, abzüglich acht Prozent für die Bank.

Hier und in der Opiumbar geben die kleinen, fleißigen Arbeitsbienen mit den schiefen Augen ihren elenden Tagelohn aus, um das bißchen Honig zu saugen, mit dem sie am Leben kleben. Von den hohen, dreibeinigen Stühlen starren sie mit blanken Augen auf den Tisch, wie Ratten ins Licht, die fahlen Gesichter sind unbeweglich, nur der Blick lebt. Will der Schlaf sie überwältigen, gibt es im Nebenraum Ruhelager, wo sie sich ausschlafen können. Auf diese Weise vergeht die Nacht. Oben auf der Galerie, die rings um den Saal herumläuft, sitzen Seeleute, die Heuer und Mußestunden totschlagen. Aus der Stadt kommen Kontoristen aus der Superkargo-Gesellschaft (sie wollen nicht gesehen werden und sitzen im Hintergrund), Aufseher aus den Lagerhäusern am Hafen und Matrosen, die sich wie Fische auf festem Boden gebärden. Sie sitzen zwischen Chinesen aus der Chinastadt, die ein eigenes Geschäft besitzen.

Man legt seinen Einsatz in einen Korb, der an einer Schnur unter der Decke hängt und auf den grünen Tisch hinuntergehißt wird, der Gewinn wird hineingelegt und zu den Spielenden auf der Galerie heraufgezogen. Die Spieler sitzen auf niedrigen, bequemen Stühlen und nippen an den Dingen, die das Spielhaus gratis verabreicht; sobald der Gast seinen Platz gewählt hat, wird von einer schmalen, gelben Hand lautlos eine kleine Schale mit einer Zigarette, einer Mandarine, einer Pflaume ober dergleichen vor ihn hingesetzt.

Madan folgt dem Spiel mit großen Augen, in denen sich das Licht der Deckenlampe spiegelt; er liegt mit beiden Armen über der Balustrade und winkt hinunter, wenn jemand nach oben blickt. Jedesmal, wenn er sein Glas Gin ausgetrunken hat, setzt der Boy lautlos und ungebeten ein neues vor ihn hin. Er ist schon halb betrunken, als Niclas Tyacke hereinkommt und neben ihm Platz nimmt.

Madan entdeckt ihn und nickt; der Korb hängt gerade vor ihm. Er legt seinen Einsatz hinein und hält ihn zurück, damit auch Niclas seinen Einsatz machen kann. Er stößt ihn kameradschaftlich in die Seite: »Macht Spaß, nicht?« und läßt den Korb los.

Nachdem das Spiel wohl zehnmal wiederholt worden ist und Niclas gewonnen hat, ladet er Madan ein, irgendwo ein Glas mit ihm zu trinken.

Während sie durch die Straße gehen, erzählen sie sich gegenseitig das Wichtigste aus ihrem Leben; Madan ist mit der »Mermaid« nach Makao gekommen und will Heuer nach Europa nehmen, wann es ihm paßt, das heißt, wenn er kein Geld mehr hat.

Er wird beinahe nüchtern, als er erfährt, daß Niclas mit der »Antelope« gekommen ist, seine Augen glänzen, während Niclas erzählt. Der Steuermann, ein verdammter Irländer, hatte eines Tages behauptet, daß zwei ausgewachsene Schotten nicht imstande wären, es mit einem achtzehnjährigen Irländer aufzunehmen; da hatte Niclas ihm angeboten, auf der Stelle das Gegenteil zu beweisen, und wäre nicht Thomas Dulton dabeigewesen und hätte ihn beim Kragen gepackt, er würde den Ersten Steuermann vor den Augen der ganzen Mannschaft niedergeschlagen haben.

»Dieser eingebildete Idiot!« sagt Madan und spuckt in weiten. Bogen aus. »Die Irländer von der Westküste sind alle eine verfluchte Bande. Meine Mutter war Irländerin, aber natürlich von der Ostküste. ›Trau nie einem Irländer aus dem Westen!‹ sagte sie immer.«

Niclas wurde Madans Freund und Beschützer, weil seine Mutter Irländerin von der richtigen Sorte war.

Auf Madans Empfehlung kehrten sie bei China-Tom ein, der Tee mit Gin und Bitter in seinem offenen Laden mitten auf der Straße verabreichte. Niclas spendierte. Madan spielte mit dem Zopf eines jungen, spindeldürren Chinesen, der vor ihnen saß und sich den Zopf wie einen Zügel um den Leib geschlungen hatte, ohne weiter darüber nachzudenken, begann Madan den Zopf abzuwickeln, bis der knochendürre Chinese fast vor Wut explodierte.

»Nimm dich in acht!« sagte Niclas warnend, »es ist dasselbe, als ob jemand dir die Hosen auszieht.«

Madan war so weit heruntergekommen, wie Niclas sich selbst nur ungern sehen würde. Darum beschloß er, sich des Kameraden anzunehmen. Er faßte ihn unter den Arm, China-Tom puffte ihn in die Seite und rief ihnen »Gute Nacht« und »Auf Wiedersehen« zu.

»Halts Maul!« sagte Niclas und bugsierte Madan um die Ecke des Büfetts. Als sie draußen auf der Straße standen, wollte Madan nach Hause, nach Cornwall in England; als sie aber die Straßenecke erreichten, wo Bi-Fi ihren Stand hatte, besann er sich eines Besseren und wollte zu seinem Mädchen es sei Sünde um die Kleine mit den blinden Augen.

Mag er sich zuerst ausschlafen, dachte Niclas und begleitete ihn zu seinem Kanarienvogelkäfig. Morgen aber –

Kaum war es Tag geworden, als Niclas vor der Tür erschien und nicht aufhörte, mit der Faust dagegen zu donnern, bis die Mutter kam und ihn hereinließ.

Madan schlief noch, aus dem Käfig klang Schnarchen und Miauen. Mittlerweile hielt Niclas eine handfeste Abrechnung mit der Alten und zwang sie, ihm den elenden Rest von Madans Heuer auszuliefern, schreiend und drohend mußte sie zusehen, wie Niclas in den Kanarienvogelkäfig einbrach und Madan von der Bettmatte hob, während Bi-Fi sich wie ein Kreisel drehte und ihre Beute mit Zähnen und Krallen verteidigte. Es war erstaunlich, wie die funkelnden, gelben Augen der armen Kleinen, die angeblich blind war, jeder Bewegung von Niclas zu folgen vermochten, und wie treffsicher sie ihn mit Gegenständen aus dem Zimmer – auf Einzelheiten wollen wir lieber nicht eingehen – bombardierte.

Niclas kleidete seinen neuen Freund, der viel zu schläfrig war, um selbständig zu handeln, notdürftig an. Zum Schluß warf ihm sein kleines blindes Mädchen noch ihren seidenen Pantoffel an den Kopf, während sie seine Mütze zur ewigen Erinnerung behielt.

Eine Tasse glühendheißen Tee mit Rum bei China-Tom brachte Madan vollends zur Besinnung, und Arm in Arm schlenderten die beiden Freunde durch die Praya grande, wo die chinesischen Boys im Begriff waren, vor den Herrschaftshäusern zu fegen.

Niclas gab ihm sieben Schillinge, das war alles, was er von der Heuer gerettet hatte. Darauf setzten sie sich selbander auf die Brustwehr, wo Niclas gestern morgen gesessen hatte. Niclas zeigte auf die »Antelope«.

»Sieh dort!«

Madan riß die Augen auf. Nachdem er sich an dem herrlichen Schiff satt gesehen hatte, richtete er sich höher auf, schlug mit der Hand auf die Mauer, daß es klatschte, und schwur, daß er dort Heuer suchen wollte, mochte der Kapitän auch ein Irländer von der Westküste sein.

Niclas überlegte. Er wollte Dulton vor dem Büro des Superkargos auflauern und ihn zu Rate ziehen. Er seufzte tief, ihm war das Paradies ja verschlossen, des verfluchten Steuermannes wegen.

Kaum hatte er seinen Entschluß gefaßt, als ein bekanntes Pfeifen vom Wasser her sein Ohr erreichte. Die Schaluppe der »Antelope« glitt sacht über die blanke Wasserfläche, von einem Waisenhausknaben gerudert. Am Steuer saß Dulton, sein Freund und Kamerad, Thomas Dulton, der immer durch eine Zahnlücke pfiff. Engländer, zuverlässig, ob es eine Schlägerei oder Sauferei galt, ein guter Kamerad, obgleich er Bursche beim Kapitän war.

Diesmal ging Niclas ihm nicht aus dem Wege, es war auch keine Zeit mehr, denn Thomas Dulton hatte ihn gesehen, das konnte er an seinem Pfeifen hören.

»Gut gerudert!«

Die Schaluppe glitt auf den Strand, und Thomas sprang mit seinen langen, dünnen Beinen über den Steven.

»Wie geht's, Alter?« Er streckte Niclas seine Hand entgegen, sein Arm war lang und mager, nackt bis zum Ellbogen.

Niclas spuckte gemächlich über den Kopf des neugierigen Waisenhausjungen hinweg, um ihm seine Geringschätzung auszudrücken.

»Mir geht's famos«, sagte er mürrisch; »wie lange wollt ihr eigentlich noch liegenbleiben?«

Dull faßte die goldverzierte Ledermappe fester unter den Arm, gab dem Jungen Bescheid, daß er ihn drüben an der Brücke erwarten sollte, schwang sich pfeifend über die niedrige Brustwehr und setzte sich neben den Schotten mit den breiten Schultern und dem mageren, sehnigen Körper. Durch das offenstehende Hemd sah man eine Sonne mit Strahlen und einen Anker auf der sonnengebräunten Brust.

»Der Super kommt morgen nachmittag mit dem Arzt und dem Kapitän an Bord, und gegen Abend stechen wir in See.«

Niclas blickte zum Schiff hinüber und sah, daß es segelfertig war.

»Geht's nach Hause?« fragte er, als ob es für ihn das Gleichgültigste von der Welt sei.

Dull pfiff geheimnisvoll.

»Was sollen wir mit einer Ladung von sechzehn verfluchten Chinesen, wenn's nach Hause geht? Und der Proviant riecht auch nicht nach Rückreise.«

»Was denn? Geht's auf Entdeckungsreisen?«

Niclas schielte, das tat er immer, wenn etwas ihm zu Herzen ging. Madan hatte seine großen, blauen Knabenaugen weit aufgerissen.

»Eine richtige Entdeckungsreise?« fragte er und dachte an James Cook. »Bei mir zu Hause leben zwei Matrosen, die Cooks letzte Reise mitgemacht haben, der eine ist Leuchturmwächter, der andere –« Er packte Dulton am Arm: »Könnt ihr nicht einen Jungmann gebrauchen?«

Dulton musterte ihn von oben bis unten mit zusammengekniffenen Augen, während Madan die Brust vorschob und sein reiches, blondes Haar in den Nacken warf.

»Irländer?« fragte Dull ein klein wenig überlegen.

»Ja, aber von der Ostküste«, war die prompte Antwort, »Madan Blanchard! Zwanzig Jahre alt!«

Er bekam einen roten Kopf, denn als er »Grünschnabel« in Thomas Dulls erfahrenen Augen las, hatte er sich schnell ein Jahr älter gemacht.

Dull blickte von Madan zu Niclas, und als der Schotte zustimmend nickte, pfiff er sich ein Stück, während er überlegte.

»Können sich ja mal vorstellen«, sagte er und zeigte mit dem Daumen auf das Bürohaus.

Madan machte ein dummes Gesicht.

»Beim Superkargo«, erklärte Niclas. Er schielte zu seiner lieben »Antelope« hinaus, das Herz schnürte sich ihm zusammen, und mit einem scheuen Blick auf Dull fügte er hinzu:

»Soll ich mitgehen?«

Dull verstand ihn. Er und der Schotte waren auf der Reise gute Freunde geworden, und er wußte, daß der Super dem Kapitän einen verfluchten Portugiesen aufschwatzen wollte. War Niclas da nicht eher dran? Dull richtete sich höher auf; man war nicht umsonst Bursche des Kapitäns und des Ersten Steuermannes, der ja schließlich auch ein ganzer Kerl war, obgleich er von der Westseite Irlands stammte – wenn Niclas ihm eine Entschuldigung machen würde –

»Ich werd' mal mit dem Kapitän reden«, sagte er und pfiff durch seine Zahnlücke. »Was aber willst du mit dem Steuermann machen?«

Er kniff die Augen zusammen und sah Niclas von der Seite an, während er einen Triller pfiff.

Niclas schielte. Sollte er den Schuft um Entschuldigung bitten?

»Sag mal, wie war es damals eigentlich«, sagte Dull, der ihm helfen wollte, »warst du nicht ein wenig betrunken?«

»Keine Spur.«

»Hm«, meinte Dull gedehnt, »ich glaubte, du hattest dir auf der Freiwache ein paar Gläser hinter die Binde gegossen.«

»Hast du das wirklich gemeint?« Niclas betrachtete ihn mit unschuldigen Augen.

»Ja, ich kann mir nicht vorstellen, daß du den Steuermann in nüchternem Zustand verprügelt hättest.« Dabei pfiff er vor sich hin; es klang, als ob er sagen wollte: »Mach deine Dummheit wieder gut.«

Niclas blickte zu der »Antelope« hinüber, als wollte er ihr das letzte Lebewohl sagen. Schließlich aber meinte er mit großer Selbstüberwindung: »Mag sein, Dull, daß ich ein paar Schnäpse zuviel getrunken hatte.«

»Sag es ihm selbst«, riet Dull mürrisch. Darauf schwang er sich über die Brustwehr und begab sich pfeifend auf den Weg zum Büro. Niclas und Madan blickten ihm verblüfft nach.

»Meinst du, daß wir uns beide beim Super melden sollen?« rief der Schotte hinter ihm her.

Dull sagte über die Schulter gewandt: »Erwartet mich unten bei der Schaluppe.«

Auf diese Weise wurde aus dem Engländer Dull, dem Schotten Nick und dem Irländer (von der Ostküste) Mad ein dreiblättriges Kleeblatt, das der Schiffsarzt später »The united Jacks« nannte.

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