Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Laurids Bruun >

Van Zantens törichte Liebe

Laurids Bruun: Van Zantens törichte Liebe - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens törichte Liebe
publisherAntäus-Verlag
year1940
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080328
projectid97b035b4
Schließen

Navigation:

Die Arbeit ging ihren gewohnten Gang. Aru Ayub nahm die Waren in Empfang, wog sie und rief Maß und Gewicht zu Pieter hinüber, der sie wiederholte und auf dem Schein notierte. Er sah, wie die Eingeborenen selbst aus ihrem Warenbestand eine Probe nahmen; wenn sie zu Pieter gelangt war, prüfte er die Ware, wie Gayo es zu tun pflegte, und verkündete dann mit lauter Stimme: »Klasse eins.« Wenn er den Preis auf dem Lagerschein notiert hatte, nahm Gayos Gehilfe den Sack mit dem Muster und brachte ihn irgendwo hinter der Schranke unter.

Als Gayo sich eine Woche später wieder zum Dienst meldete, reichte er Pieter die Hand, als ob nichts geschehen sei. Pieter erkundigte sich teilnehmend nach seinem Befinden, übergab ihm die Rechenschaft und versicherte wahrheitsgemäß, daß alles seinen gewohnten Gang gegangen sei.

Eigentlich fühlte Pieter sich erleichtert, daß Gayo zurückgekehrt war, denn es war ihm peinlich, eine Untersuchung gegen ihn in Gang zu sehen, während der Mann krank und wehrlos war. Jetzt konnte er sich seiner Aufgabe wieder ohne Skrupel widmen.

Er verschaffte sich einen Hauptschlüssel und begab sich hin und wieder nach Feierabend auf Abenteuer in den großen Speicherraum.

Als er einmal spät unterwegs war – es war einer von den offiziellen Klubabenden, die bis in die Nacht dauerten –, betrat er den Speicher zu einer nächtlichen Runde. Er hatte sich eine Taschenlaterne mit einer starken Linse angeschafft, die auf- und zugeblendet werden konnte. Die Ratten flüchteten bei seinen Schritten nach allen Seiten, nur einige, von dem Licht geblendet, starrten mit ihren funkelnden Augen in die Lampe. Es war unheimlich, und Pieter eilte unverrichteter Sache wieder hinaus.

Eines Abends, gerade als er im Begriff war, die Lampe zu löschen und hinauszugehen, hörte er das Geräusch von knarrenden Stufen. Es kam von dem Raum hinter Gayos Verschlag. Er blendete ab und ging vorsichtig näher.

Jemand kam mit schleichenden Schritten oder barfüßig die Wendeltreppe herab. Schnell versteckte Pieter sich hinter einen der großen Stützballen, die die Decke trugen. Bald darauf sah er bei dem schwachen Licht, das durch das Fenster fiel, eine Gestalt aus Gayos Raum kommen, einen kleinen Mann, der sich zwischen den Kisten bewegte, als sei er dort zu Hause. Pieter hörte, daß ein Zündhölzchen abgerissen wurde, eine Kerze wurde angezündet und in eine Flasche gesteckt. Darauf nahm der Mann einen Besen und begann zu fegen; offenbar verrichtete er ganz unbekümmert seine Arbeit. Pieter trat hinter dem Balken hervor und begann zu summen, als ob auch er hier seiner Arbeit nachginge, während er die Lampe über dem Boden suchen ließ.

Der Mann hörte überrascht und neugierig zu fegen auf, Angst schien er nicht zu spüren. Pieter trat ganz nahe an ihn heran, richtete die Lampe auf ihn und fragte:

»Wer bist du?«

Ein altes, welkes Gesicht mit erloschenen Augen starrte ihn an. Pieter meinte, dieses seltsam blicklose Auge, diese welken Züge mit ihrer gespensterhaften Unbeweglichkeit schon einmal gesehen zu haben.

Richtig, es war ja »der Staubfresser« aus dem obersten Stockwerk.

»Was machst du hier?« fragte Pieter.

»Fege.«

»Bist du Lagerarbeiter?«

Der Eingeborene nickte und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Die Tür zu Gayos Raum mit der Wendeltreppe hatte er offenstehen lassen. In einer Ecke zwischen Kisten stand ein Schubkarren mit einer Kiste, die mit einer dunklen Masse halb gefüllt war. Eine Schaufel und einige halbgeleerte Säcke lagen herum.

Pieter meinte, der Mann sei geistesschwach, da er weder Furcht noch ein schlechtes Gewissen verriet.

»Fegst du hier jede Nacht?« fragte Pieter.

Der Mann schien die Frage nicht zu verstehen, starrte nur unverwandt in die Linse, als Pieter sie abblendete, wandte er sich wieder seiner Arbeit zu.

»Und wohin bringst du das alles?« fragte Pieter.

Der Mann setzte seine Arbeit fort, als ob er nichts gehört habe.

Pieter sah ein, daß es keinen Zweck hatte, ihn weiter auszufragen; er blieb stehen und folgte der Arbeit mit den Augen. Als die Kiste auf dem Schubkarren gefüllt war, schob der Staubfresser sie zur Rückwand von Gayos Raum, wo bereits eine ganze Reihe von derselben Sorte stand. Er stellte die gefüllte Kiste auf die Erde und lud statt ihrer eine leere auf den Karren, schob sie zu der Stelle, wo gefegt werden sollte, und setzte seine Arbeit fort. »Wie lange sollst du hier noch arbeiten?« versuchte Pieter noch einmal.

»Bis ich fertig bin«, antwortete der Mann und zeigte über den Fußboden zum Verschlag des Musterchefs. Dort im Dunkeln, unter dem Ladentisch, standen Säcke verschiedener Größe, und auch Gefäße mit Mustern in losem Gewicht. Auf dem Fußboden schwamm es von Bohnen, die aus einem offenen Sack gerollt waren.

Es war also die Aufgabe des Staubfressers, die Muster zur Weiterbeförderung zu sammeln. Jemand mußte es ja tun, dagegen ließ sich nichts sagen. Wo aber wurde der Inhalt dieser Kisten und Säcke hingebracht, wo landeten sie und wurden in Geld umgesetzt – das war die Frage.

Pieter lag lange wach und dachte darüber nach. Als er am nächsten Morgen seine Arbeit neben Aru Ayubs großer Waage, wohin er nach Gayos Genesung zurückgekehrt war, begann, konnte er die Erlebnisse der Nacht nicht vergessen.

Suchend glitt sein Auge durch den langgestreckten Raum. Es folgte den Lagerarbeitern, während sie auf ihren Schubkarren die abgefertigten Waren zu den mit Buchstabe und Nummer bezeichneten Warenverschlägen rollten. Er beobachtete die Gesichter der Eingeborenen – viele kannte er bereits –, studierte ihr Mienenspiel und ihre Gesten und lauschte ihrem Gespräch, wenn sie sich bei den Wegkreuzungen begegneten.

Da sah er einen Eingeborenen von der entgegengesetzten Ecke mit einer hochgeladenen Schubkarre kommen. Sie fiel ihm auf, weil die anderen immer nur eine einzelne Kiste oder einen Sack auf ihrem Schubkarren hatten. Pieter folgte ihm mit den Augen, bis er durch die schmalen Wege zwischen den Warenverschlägen das andere Ende des Ladentisches erreicht hatte. Zu seiner Verwunderung sah er, wie der Eingeborene die Klappe des Ladentisches hob, seinen Schubkarren durchschob, die Klappe wieder hinter sich zuschlug und mit seinem schwergeladenen Karren auf den Wieger bei der großen Waage zuging.

Pieter konnte das Gesicht des Mannes nicht sehen, es wurde von der Ladung verdeckt. Als er den Karren aber drehte und auf die Waage zukam, sah er das Profil. Es war der Staubfresser! Er sollte bei Aru Ayubs großer Waage abliefern, was er im Laufe der Nacht zusammengefegt hatte.

Im selben Augenblick verstand Pieter den ganzen Zusammenhang.

Der Musterchef hatte durch sein Werkzeug, den Wieger, den Eingeborenen zu verstehen gegeben, daß die Wertschätzung der Ware davon abhing, wie groß die Probe war, die zur Verfügung gestellt wurde. Auf diese Weise hatte der Chef ein reines Gewissen, weil der Eingeborene selbst die Größe des Musters bestimmte. Der große Lieferant, der ein großes Muster zur Verfügung stellte, bekam den höchsten Preis, der kleine aber nur, wenn er von seiner kleinen Lieferung einen unverhältnismäßig großen Teil opferte. Für diese aufgezwungene Bestechung hielt der Musterchef die Eingeborenen dann durch die Kasse der Firma schadlos, indem er ihnen teils erstklassige Bezahlung zusicherte, teils auf dem Lagerschein das volle Gewicht notierte, also ohne Abzug des Musters, das hinter dem Ladentisch des Chefs verschwand und das Minus ausmachte; der Staubfresser sammelte das Ganze zusammen, ohne zu ahnen, daß er mitschuldig war. Und anstatt das Erschwindelte um die Ecke zu bringen und einem Hehler zu Hehlerpreisen zu verkaufen, krönte Gayo sein Werk, indem er seiner eigenen Firma ganz einfach das bereits Bezahlte zu höchstem Preis verkaufte.

Letzten Endes, so schloß Pieter seine Betrachtungen, hatten die fernen Kunden der Faktorei auf den europäischen Märkten den Verlust zu tragen, da die Waren, die mit höchstem Preis bezahlt wurden, sich wahrscheinlich als drittklassig erweisen würden. Hier, dachte Pieter, lag das größte Übel, denn früher oder später mußte ja eine Firma, die schlechte Ware lieferte, in der Konkurrenz mit anderen, ehrlichen Handelshäusern den kürzeren ziehen und langsam, aber sicher ihrer Auflösung entgegengehen.

»So liegt die Sache, meine Herren!« schloß Pieter mit berechtigtem Selbstgefühl den Vortrag, den er in Gedanken vor einer Versammlung batavischer Handelsmatadore hielt, die um einen grünen Tisch saßen, mit Mijnheer an der Spitze.

Die Sache war reif, um vorgelegt zu werden.

Als Pieter sich am nächsten Vormittag bei Woodford einfand, um seinen Bericht abzulegen, fand er, daß eine Veränderung mit dem Prokuristen vorgegangen war. Er war gleichsam größer geworden. Ob er das Große Los gewonnen hat? dachte Pieter bei sich. Fröhlich summend, drehte Woodford sich um, schlug Pieter auf die Schulter und fragte:

»Was gibt's, Junior? Sie sehen so feierlich aus.«

Pieter sagte, es handele sich um die Kontrollangelegenheit.

»Ach so«, sagte der Prokurist gelangweilt; er schien sich den heiteren Morgen ungern durch Unannehmlichkeiten verderben zu lassen.

»Was haben Sie denn zu berichten?«

»Ich habe einen schriftlichen Bericht verfaßt«, begann Pieter sehr ernst, »und da die Sache viel wichtiger für das Ansehen der Firma ist, als vorauszusehen war, möchte ich anheimstellen, ob es nicht besser ist, ihn dem Chef persönlich vorzulegen.«

Ein helles Lächeln machte sich auf Woodfords Gesicht breit. Es begann in den Augenwinkeln, verteilte sich in Strahlen über die etwas eingefallenen Schläfen, zog sich über die mageren Wangen, bis es die schmalen Lippen erreichte.

»Auf Ihre Anheimstellung muß ich leider erwidern«, begann Woodfort vergnügt, »daß Mijnheer, Ihr Onkel, gerade gestern seine jährliche Ferienreise angetreten hat. Er ist nach Buitenzorg gefahren, wo er seine Jagdgefährten trifft, und wird kaum vor sechs Wochen zurück sein. Er hat mir die Ehre erwiesen, mich während seiner Abwesenheit als Stellvertreter einzusetzen. Lassen Sie mich darum hören, was Sie zu berichten haben, ich werde dann entscheiden, ob die Sache bis zu seiner Rückkehr ruhen soll – oder ob ich selbst eine Entscheidung zu treffen wünsche.«

Warum er bei dieser Mitteilung etwas wie Angst empfand, darüber ist Pieter sich nie recht klar gewesen. Er wollte etwas sagen, doch war es ihm nicht möglich, ein Wort über die Lippen zu bringen. Darum nahm er seinen schriftlichen Bericht und entfaltete ihn.

»Bitte mündlich, Junior!« bat Woodford, indem er mit scherzhaftem Entsetzen auf das umfangreiche Dokument zeigte.

Pieter begann. Anfangs ging es nur schwer, schließlich aber redete er sich warm.

Woodford hörte ihm aufmerksam zu, während er seine langen, blanken Nägel, auf die er stolz war, rieb. Hin und wieder sandte er Pieter einen kurzen Seitenblick oder ließ ein leises Grunzen hören, das sowohl Anerkennung als auch Zustimmung oder nur Erstaunen bedeuten konnte; erst als Pieter Wahoegen nannte, wurde Woodford so interessiert, daß er seine Nägel vergaß.

Pieter schloß mit dem Hinweis darauf, wie schädlich die Sache für das Ansehen der Firma auf den europäischen Märkten werden könnte.

»Sehr interessant, Junior!« sagte Woodford. »Wer hätte das von Don Luis Gayo gedacht!«

»Ja, nicht wahr«, meinte Pieter, »da er so eitel ist und gern für einen Ehrenmann gehalten werden will, sollte man glauben, daß er vor allen Dingen ehrlich sei.«

»So meinte ich es allerdings nicht!« Woodford unterdrückte ein Lächeln. »Was nun Ihre Auffassung betrifft, daß der Ruf der Firma auf europäischen Märkten geschädigt sei, ja, daß das ganze Unternehmen sogar seiner Auflösung entgegengehe – –«, Woodford machte komisch entsetzte Augen, »so kann ich Ihnen die Beruhigung geben, daß in jeder Faktorei Schwindeleien vorkommen, nur die Methode ist verschieden. Und natürlich sind es die Kunden, die den Verlust tragen müssen; die Faktura soll ja alles decken und noch dazu einen Überschuß geben; wovon sollten wir anderen sonst leben? So viel Schlauheit aber hätte ich dem Portugiesen nicht zugetraut!« fügte er mit ehrlicher Bewunderung hinzu, »das ist das Gerissenste, was ich bisher in diesem Fach erlebt habe! Um allen Unannehmlichkeiten der Hehlerei zu entgehen, verkauft er uns unsere eigenen Waren! Das ist geradezu genial. Und den halben Idioten dazu zu verwenden, den niemand kennt, den sogenannten Staubfresser, der den Zusammenhang gar nicht ahnt und kaum zwei zusammenhängende Worte herausbringen, darum auch unmöglich mehr aussagen kann als ein Besen, eine Schaufel oder eine Schubkarre!«

Er dankte Pieter im Namen der Firma, beglückwünschte ihn zu der glücklichen Lösung des Rätsels – vielleicht habe er die Sache etwas eifriger betrieben, als sie im Grunde wert sei –, was aber natürlich sein Verdienst nicht verringerte. Wie gesagt, vorerst wollte er die Sache überdenken und ihm dann später Bescheid sagen. Vorläufig dürfe Pieter mit niemandem darüber sprechen, damit keiner im Lager Unrat ahne. Und damit legte er Pieter beschützend eine Hand auf die Schulter und schob ihn wohlwollend hinaus. Wieder spürte Pieter das seltsame Angstgefühl; es war, als ob es von der schmalen Hand auf seiner Schulter ihm durch den Körper kroch.

Als Pieter einige Tage später aus dem Lager kam, begegnete er Woodford, der aus der Buchhalterei trat. Als ihre Augen sich trafen, wußte Pieter sofort, daß der Prokurist mit Wahoegen über ihn gesprochen hatte.

»Ich habe soeben mit dem Alten gesprochen«, sagte Woodford, dem das Aufflackern in Pieters Blick nicht entgangen war. »Wir sind übereingekommen, die Sache bis zu Mijnheers Rückkehr auf sich beruhen zu lassen. Also, Junior, vorläufig dichthalten und gute Miene zum bösen Spiel machen.«

Er zögerte einen Augenblick, sah sich um und fuhr dann flüsternd fort:

»Ich kann Ihnen anvertrauen, daß Gayo heute morgen bei mir gewesen ist und sich über Sie beklagt hat. Er behauptet, Sie hätten an dem Morgen, als er krank wurde, die Disziplin in Gegenwart der Eingeborenen verletzt.«

Pieter hatte eine zornige Erwiderung auf den Lippen, Woodford aber faßte ihn am Arm und bedeutete ihm zu schweigen, indem er einen vielsagenden Blick auf die Treppe warf, wo die Boys mit Bescheid und Papieren von Abteilung zu Abteilung eilten.

»Also Diskretion, Sie verstehen!« Der Vorgesetzte sprach zu einem Untergebenen, das war nicht mißzuverstehen. »Von dem, was ich Ihnen soeben gesagt habe, wissen Sie nichts, ebensowenig wie Gayo ahnt, daß Sie etwas davon erfahren haben.«

Als Pieter in der Mittagspause desselben Tages Gayo grüßte, konnte er ihm nichts anmerken. Er war freundlich und lächelte wie immer, äußerte sich über das Wetter, sicherte sich einen Extra-Händedruck; dagegen hatte Pieter das Gefühl, daß das Personal, von Aru Ayub und abwärts, ihn mied, als ob er etwas an sich habe oder etwas von ihm ausgehe, das für einen Eingeborenen gefährlich sei. In ihren Augen aber las er weder Zorn noch Furcht; wichen sie seinem Blick aus, so war es eher, als ob vernünftige Leute ihre Fenster schließen oder sich von vereinzeltstehenden Bäumen fernhalten, wenn es blitzt.

Einige Tage darauf bat Woodford Pieter ganz kurz – er hatte es überhaupt in dieser Zeit, wo er den Chef vertrat, sehr eilig –, er möge sich auf der Seite des Ladentisches halten, die ihm von vornherein angewiesen war, die andere sei das Gebiet des Musterchefs.

Während Mijnheers Abwesenheit ruhte ein beständiger Druck auf Pieter, er konnte sich von dem Angstgefühl, das ihn an jenem Tag befallen hatte, nicht frei machen. Ihm war, als müsse er beständig auf seiner Hut sein, ohne daß er sich darüber klarwerden konnte, wo oder wer der Feind sei.

Auch draußen auf dem Landsitz spürte er, ob nun mit Recht oder Unrecht, einen ihm feindlichen Einfluß.

Während Mijnheers Abwesenheit hatte nur einmal ein Leseabend stattgefunden, und Woodford war unangemeldet gekommen, mit vielen Entschuldigungen. Er hatte gefragt, ob er zuhören dürfe, war überhaupt überströmend liebenswürdig gewesen, auch gegen Pieter, und dennoch – ja, Pieter wußte selbst nicht, was es eigentlich war.

Am darauffolgenden Mittwoch war Miß Ball krank gewesen; Sam Saj war mit dem Bescheid ins Kontor gekommen, Woodford aber hatte ihn Pieter überbracht.

Pieter grübelte darüber, ob vielleicht Mijnheer selbst dahintersteckte. Hielt er das Interesse für die Literatur vielleicht für sinnlos, fürchtete er, es würde Lydia Fliegen in den Kopf setzen, oder was mochte es sonst sein? Hatte es vielleicht im Familienkreis irgendeine Meinungsverschiedenheit, einen Wortwechsel gegeben, wofür die Literatur die Schuld bekam?

Auf alle Fälle konnte Pieter sich nicht von dem Verdacht frei machen, daß Woodford seine Finger mit im Spiel gehabt habe. Eines war sicher – das hatte Pieter Sam Saj entlockt –, Woodford stand auch außerhalb des Kontors mit Mijnheer durch reitende Stafetten in Verbindung.

Was die Damen betraf, so hatte Pieter ihnen allerdings nichts anmerken können; außer jenem einzigen Mittwoch hatte Pieter nur durch Sam Saj oder Frau Hiencke von ihnen gehört; einmal war Mevrouw bei ihren Einkäufen in der Stadt auch im Kontor gewesen und hatte ihr Bedauern darüber ausgesprochen, daß man auf Grund von Mijnheers Abwesenheit und Miß Balls Krankheit nicht Gelegenheit habe, ihn so häufig wie sonst zu sehen.

Indessen ging die Arbeit im Kontor von Tag zu Tag auf dieselbe Weise weiter. Pieter stellte sich mit Absicht blind und taub – was blieb ihm auch anderes übrig? Er drückte Gayo die Hand, als ob nichts passiert sei, jedesmal, wenn es diesem Mischling behagte, einem Zollbeamten oder vor wem er sonst prahlen wollte, zu zeigen, wie freundschaftlich er mit dem jungen Verwandten des Chefs stand.

Pieter lächelte den blöden Augen zu, wiederholte Ayubs Zuruf von der großen Waage und Gayos Preisangaben, notierte alles mit gebührendem Ernst und sah von Woche zu Woche den Staubfresser als eingeborenen Lieferanten mit Gayos gestohlenem Gut an der Waage erscheinen. Dieses falsche Spiel ärgerte und demütigte ihn, so daß er es eines Tages satt hatte und beschloß, ihm ein Ende zu machen.

Eines Tages, kurz vor Mittag, begab er sich zu Woodfords Glashaus. Er sah, daß der Prokurist in seinem Büro war, aber hinter der Milchglasscheibe sah er auch die Umrisse einer anderen Gestalt. Er setzte sich draußen auf die Bank. Nachdem er eine Weile umsonst gewartet hatte, beschloß er, die Angelegenheit bis morgen zu verschieben, als die Tür endlich aufging und, von Woodford höflich begleitet, Don Luis Gayo heraustrat.

Er stieß gegen Pieter, der sich erhoben und einen Schritt auf die Tür zu gemacht hatte. Als Gayo sich umdrehte, um sich wie ein Gentleman zu entschuldigen, sah er, mit wem er es zu tun hatte.

»Ah, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, lieber junger Herr«, sagte er schnell gefaßt, und hob seine Arme wie zu einer Umarmung. »Hier an der nährenden Quelle sehen wir uns wieder!« Er kicherte selbstzufrieden über den poetischen Ausdruck, der ihm von den Lippen geflossen war.

Pieter konnte sich des feuchten Druckes der mageren Hand nicht erwehren. Als Gayo mit seinem schwankenden Gang die Biegung der Treppe erreicht hatte, winkte er zurück, während sein Gesicht von der Glückseligkeit strahlte, die eine genügende Dosis Morphium hervorzuzaubern imstande war.

Woodford stand hinter der halbgeöffneten Tür und amüsierte sich über den Auftritt.

»Wissen Sie, was ich hier habe?« sagte er, als er die Tür hinter Pieter geschlossen und ihm einen Stuhl angeboten hatte. Damit zeigte er ihm einen Foliobogen mit großer, geschnörkelter Schrift und Fingerabdrücken auf dem Rande, deren Berührung der patente Woodford vorsichtig vermied. »Es ist eine Klage von Don Luis gegen Don Pieter Adrian van Zanten wegen Übergriffs und Disziplinverletzung im Beisein von Eingeborenen. Außerdem soll der Beklagte an einem ernsten Krankheitsanfall des Klägers schuld sein, der eine Woche schmerzhaften Krankenlagers zur Folge hatte, wofür ein ärztliches Attest vorliegt. Es wird Schadenersatz verlangt für Arztkosten und Kreditschädigung.«

Woodford lachte herzlich, fügte dann aber ernst hinzu:

»Immerhin sind Zeugen da, daß Sie seinem Untergebenen, dem Wieger, verboten haben, seinen Befehl auszuführen, ihm seinen Stock fortgenommen und den Arbeitern Konterorder gegeben haben. Und was das Schlimmste ist, Sie haben einen Eingeborenen in seiner Aufsässigkeit unterstützt.«

Pieter fuhr auf.

»Allerdings. Da Gayo offenbar nicht bei Sinnen war. Ich habe nur getan, was recht war, alles andere ist Lüge.«

»Ruhig! Ruhig! Ich berichte ja nur. Es ist Gayos Darstellung, und er behauptet, daß er Zeugen hat. Wie Sie aber sehen, liegt eine schriftliche Klage in bester Form vor, die wir nicht übersehen können, um so weniger, als er ausdrücklich verlangt, daß sie dem Chef persönlich vorgelegt wird.«

Woodford legte seine Hand beruhigend auf Pieters Schulter, und wieder – stärker als je – war es Pieter, als ob ihm ein Strom heimlicher Feindschaft von der schmalen Hand durch den Körper rann.

»Übrigens trifft es sich so günstig«, fuhr Woodford fort, »daß Mijnheer gerade heute, früher als erwartet – einer seiner Jagdfreunde ist krank geworden –, zurückgekehrt ist. Davon hat Gayo erfahren, und da ich gleich nach dem Lunch beim Chef zum Vortrag befohlen bin, muß ich ihm diese Sache mit den anderen, die auf seine Rückkehr gewartet haben, vorlegen. Also entschuldigen Sie mich. Auf später.«

Nachmittags schickte Woodford nach Pieter. Er empfing ihn stehend, war Vorgesetzter, ohne Lächeln, kühl, knapp. »Ich kann Ihnen mitteilen, daß die Sache zwischen Gayo und Ihnen bei meiner Konferenz mit dem Chef nur ganz kurz erwähnt wurde, es gab so viele wichtigere Dinge zu besprechen. Der Chef hat mir aufgetragen, Ihnen seinen Gruß zu überbringen, die Anerkennung der Firma für Ihren Eifer auszusprechen – abgesehen von dem Fehler, den Sie in jugendlichem Diensteifer begangen haben – und Sie zu bitten, gegen sechs Uhr draußen auf dem Landsitz zu sein; er hofft, daß er dann eine Viertelstunde übrig haben wird, um die Sache näher mit Ihnen zu besprechen. Wie knapp seine Zeit nach seiner Rückkehr ist, werden Sie daraus ermessen können, daß er mich zu fünf Uhr bestellt hat, damit wir bei einem frühen Mittag, wir beide ganz allein, sogar die Mahlzeit zu wichtigen Besprechungen ausnützen können.«

Woodford sollte also mit Mijnheer allein essen! Das mußten wahrlich wichtige Besprechungen sein!

Pieter beobachtete ihn aufmerksam. Ja, eine Veränderung war mit Woodford vorgegangen, er war gleichsam ansehnlicher geworden, mehr Vorgesetzter, weniger lächelnd, weniger Kamerad, obgleich doch Pieter gleichzeitig aufgerückt und ihm dadurch eigentlich näher gekommen war. War ihm das Amt als Stellvertreter zu Kopf gestiegen? Und gleichzeitig war er soignierter als sonst, geradezu elegant. Der nagelneue Schlips war fest um den hohen, modernen Kragen gebunden, die Hemdbrust und die plissierten Manschetten waren aus Seide – die neueste Mode, die Jonkheer van Heltz bei dem letzten, vielbesprochenen Empfang des Generalgouverneurs eingeführt hatte. Und auch der Rock war neue, Pieter sah es erst jetzt. Wie er über der Schulter saß, die schlanke Taille umschloß! Funkelnagelneu herausgeputzt, höhnte Pieter im stillen, als ginge er auf Freiersfüßen!

Geck, Affe! dachte Pieter, während ihm das Blut zu Kopfe stieg, von dem hatte man sicher keinen »Fehler, in jugendlichem Diensteifer begangen«, zu fürchten...! Er warf den Kopf in den Nacken und sah Woodford fest in die Augen, als er antwortete:

»Ich danke Ihnen für die Übermittlung des Bescheides. Die Sache aber ist so wichtig für mich, daß ich mir erlauben werde, meinen Onkel so frühzeitig aufzusuchen, daß ich Gelegenheit habe, ihm selbst meine Sache vorzulegen und das Urteil aus seinem eigenen Munde zu erfahren.«

Woodford machte eine hastige Wendung, als fühlte er eine Waffe gegen sich gerichtet. Seine Lippen öffneten sich erstaunt, und ein hastiger Seitenblick streifte Pieters Gesicht.

»Ich habe Ihnen meinen Auftrag ausgerichtet«, sagte er. »Was Sie danach zu tun gedenken, bleibt Ihre Sache.«

Er zuckte seine Achseln und wandte Pieter den Rücken.

Pieter merkte, daß er zu weit gegangen war und eilte fort. Hatte er A gesagt, mußte er auch B sagen.

Er schickte einen Bescheid ins Lager hinunter, daß er den Rest des Tages verhindert sei, und verließ das Kontor.

Er eilte nach Hause, kleidete sich um, machte sich so fein wie möglich, in dem unklaren Gefühl, daß seiner ein Wettkampf wartete, fest entschlossen, sich nicht aus dem Felde schlagen zu lassen.

Auf Freiersfüßen! dachte er. War es wirklich so, dann mußte er, der Lydia liebte, sie vor diesem Menschen, der ihrer in keiner Weise würdig war, bewahren. Sie und ihre Angehörigen ahnten ja offenbar nicht, was Woodford für ein Halunke und Verführer war; er, Pieter Adrian, wollte ihnen die Augen dafür öffnen.

Pieter mietete einen Sado bei dem Neffen der Sergeantenwitwe, in derselben Straße, wo er wohnte, und versprach ihm doppelte Bezahlung, falls er in vierzig Minuten draußen auf dem Landsitz sein würde, das hieß nämlich, zehn Minuten vor der Zeit, die Mijnheer für Woodford bestimmt hatte.

Pieter wußte, daß Woodford mit einer Rikscha hinauszufahren pflegte, das war das schnellste und sicherste Beförderungsmittel auf der Landstraße. Denn Woodfords Reitpferd war viel zu kostbar, um es fremden Händen anzuvertrauen, falls ihm unterwegs auf dem schlechten Wege etwas zustieß; falls aber der Rikscha-Kuli Arme und Beine brach, dann in die nächste Hütte mit ihm und mit einem anderen weiter. Was war das Leben eines Eingeborenen wert?

Pieter hielt scharf Ausguck unterwegs, er kannte die Entfernung genau und wußte, daß er mit wenigstens fünf Minuten Vorsprung rechnen konnte. Zu seiner Erbitterung aber war etwas an dem einen Hinterrad nicht in Ordnung, sie mußten haltmachen, damit der Kutscher die Schraubenmutter fester anziehen konnte.

Während sie am Wegsaum hielten, sah Pieter eine Rikscha näher kommen. Er stieg aus und beugte sich hinter den Wagen, als ob er dem Kutscher helfen wollte. Und durch die Speichen sah er Woodford in größter Eile vorbeirollen, ohne sich umzusehen. Kurz darauf war sein Wagen so weit, daß sie weiterfahren konnten. Der Staub der Rikscha lag wie eine rollende Wolke ein gutes Stück Wegs vor ihnen.

Sie erreichten die Kokosplantage, fuhren hindurch, und vor ihnen lag der Landsitz »Garden of Health« mit seinem dunklen Park und dem hohen Blumentor.

Das kleine Pförtnerhaus wurde repariert. Pieter sah ein Gerüst, das zwischen dem Tor und der Bretterwand des Hauses errichtet war, ein Eingeborener war im Begriff herunterzuklettem und sah den beiden Fahrzeugen, die sich näherten, entgegen, die Rikscha voran, die Sado hinterdrein.

Neben dem Tor stand ein kleiner gebückter Mann; es war Sam Sajs Vater, der drauf und dran war, das Tor zu öffnen; wahrscheinlich erkannte er Woodfords lange Gestalt, die bei den Stößen auf der schlechten Landstraße auf und nieder hüpfte. Pieters Kutscher fuhr alles, was das Zeug halten wollte, und seufzte jedesmal hörbar, wenn das gebrechliche Fahrzeug einen Stoß bekam.

Pieter wunderte sich, warum Woodford es so eilig hatte, er sollte ja erst um fünf Uhr auf dem Landsitz sein. Klopfenden Herzens dachte er, ob Woodford vielleicht jemand anders guten Tag sagen wollte, bevor er bei Mijnheer antrat?

Pieter trieb den Kutscher zur Eile an, ohne darüber nachzudenken, wie peinlich es sein würde, wenn sie Seite an Seite ihren Einzug hielten.

Was war das? Pieter griff unwillkürlich durch die Luft: Er sah, wie die Rikscha einen gewaltigen Sprung machte und mitten auf dem Wege umkippte; offenbar war sie dem Gerüst zu nahe gekommen, denn es schwankte wie nach einem Stoß. Im nächsten Augenblick hörte Pieter ein furchtbares Geschrei. Der Kuli lag auf dem Boden, während Woodford mit seinem Stocke auf ihn einschlug.

Dann wurde es still. Pieter sah, wie Woodford seinen Rock auszog und gegen das Licht hielt. Er säuberte ihn, so gut es ging, zog ihn wieder an und eilte zu Fuß durch das Tor.

Als Pieter das Tor erreichte, lag der Kuli noch auf dem Wege; er war bewußtlos. Blut rann ihm über den entblößten Rücken und vermischte sich mit dem Staub der Landstraße. Als Pieters Kutscher den Kuli aufhob, um ihn ins Haus zu tragen, schlug er die Augen auf. Stöhnend befühlte er seinen Rücken und versuchte die Glieder zu bewegen. Nichts war gebrochen, das Blut rann aus den Wunden, die Woodfords Stock ihm geschlagen hatte, sie entlockten ihm die Schmerzenslaute.

Mühsam richtete er sich auf und zeigte auf das Gerüst, wo eine Latte baumelte, die in eine Radspeiche gegriffen und die Rikscha umgeworfen hatte.

Der Pförtner erklärte gestikulierend, daß ein Nagel in Mijnheer Woodfords Rock ein Loch gerissen habe.

Pieters Kutscher zog die zerschmetterte Rikscha beiseite, während die beiden Alten dem Verletzten, der bei jedem Schritt wimmerte, ins Haus halfen.

Nachdem die Frau Wasser geholt hatte, wusch Pieter die blutigen Striemen aus und machte aus seinem großen neuen Taschentuch einen Verband.

Pieters erster Gedanke war, Woodford mit seinem Wagen einzuholen und ihn wegen seiner Roheit gegen den Kuli zur Rechenschaft zu ziehen. Doch sah er ein, daß es nur einen Skandal geben würde, und welches Recht hatte er, sich da hineinzumischen? Was würde Mijnheer, was die Damen dazu sagen? Woodford würde den Spieß umdrehen, würde ihm seine Samariterdienste gegen einen elende Kuli vorwerfen, der seine wohlverdiente Strafe bekommen hätte! Vor den Augen seines Vorgesetzten – im Beisein von Eingeborenen! Und was dieses Argument in Mjnheers Augen bedeutete, das wußte Pieter.

Um Lydias Mißfallen nicht zu erregen, entschloß er sich, einen Skandal zu vermeiden. Auch sah er ein, daß er sein Gemüt beruhigen mußte, bevor er Woodford gegenübertreten konnte. Er ließ den Wagen auf dem rückwärtigen Weg zum Hause fahren, während er zu Fuß durch die Hauptallee ging. Er wollte ein wenig unter den hohen Bäumen schlendern und sich fassen; da der Wettlauf aufgegeben war, hatte er keine Eile mehr.

Veranda und Gartenzimmer waren leer, als Pieter schließlich das Haus erreichte.

Er streckte sich auf einem Liegestuhl in einer Ecke der Veranda, wo Lydias Papageien ihn gleich zu unterhalten begannen.

Hin und wieder meinte er Mijnheers Stimme aus dem kleinen Speisezimmer zu hören.

Plötzlich stand Sam Saj grüßend in der breiten Türöffnung zum Saal. Das Geschwätz der Papageien hatte ihm verraten, daß Besuch gekommen war. Er machte ein bekümmertes Gesicht, denn die Herren aßen ja dort drinnen, er aber hatte keinen Bescheid bekommen, ein drittes Kuvert aufzulegen.

Pieter beruhigte ihn, er sei nur zu früh gekommen, Mijnheer erwarte ihn erst um sechs Uhr.

Hatte Sam Saj jemanden gern, so war er imstande, dem Betreffenden Wünsche und Fragen vom Gesicht abzulesen. Darum berichtete er gleich, daß Mevrouw ihre Migräne habe und zu Bett liege, aber zum Abend aufstehen wolle, daß Fräulein Lydia mit ihr auf dem Zimmer gegessen habe und jetzt im Begriff sei, sich umzukleiden. Er wolle ihr Pieter gleich melden, und sie würde sicher nicht lange auf sich warten lassen.

Am liebsten hätte Pieter Sam Saj wegen dieser einfachen, tröstenden Worte die Hand gedrückt, Sam Saj konnte ihm also ansehen, daß er trostbedürftig war. Ich muß mein Gesicht besser in der Gewalt haben, dachte Pieter und preßte seine Lippen aufeinander. Für Speise und Trank dankte er, was er soeben erlebt, hatte ihm jeglichen Appetit genommen. Er wollte hier still im Schatten sitzen und ruhen, während er wartete.

Die Papageien beruhigten sich. Die große summende Einsamkeit des Parkes legte sich auf ihn und schenkte ihm süße Erschlaffung nach einer schlaflosen Nacht und einem rastlosen Tag, dessen aufregende Stunden sich gejagt hatten, ohne Auslösung zu bringen.

Er wußte selbst nicht, wie lange er dort gelegen, den Kopf auf Mevrouws Kissen, einem kunstvoll gestickten Goldfasan, dessen Entstehen unter fleißigen und liebevollen Händen er Mittwoch für Mittwoch verfolgt hatte – wußte nicht, wie lange die Orchideen in dem großen Kristallglas auf dem Tisch mit ihrem Duft seinen Traum von Lydia genährt hatten.

Er fuhr in die Höhe, als er Mijnheers Stimme und Woodfords knarrende Schritte auf dem Fußboden hörte.

Pieter war noch etwas schlafbefangen, als er sah, wie Mijnheer Woodford eine Cerut und Feuer reichte. Satt und zufrieden stand er da, die zwei untersten Knöpfe seiner Weste geöffnet, und blies den Rauch seiner Cerut von sich. Pieter hörte, wie er zu Woodford sagte:

»Das übernehmen Sie also.«

Im selben Augenblick entdeckte er Pieter.

»Da bist du ja.«

Pieter eilte auf ihn zu und begrüßte ihn. Woodford zog sich diskret in die andere Ecke der Veranda zurück.

»Entschuldigen Sie uns so lange«, sagte Mijnheer zu ihm und fügte hinzu: »Die Damen werden bald kommen, und eine von ihnen wird Ihnen sicher gern den häßlichen Riß in Ihrem neuen Rock nähen.«

Woodford nickte lächelnd.

»Du verstehst wohl«, fuhr Mijnheer, zu Pieter gewandt, fort, indem er durch den Gartensaal ging, »daß ich mit Woodford sehr ernste Dinge zu besprechen hatte, darum konnte ich dich nicht zum Mittagessen bitten, und ich habe, ehrlich gesagt, ganz vergessen, Sam Saj zu sagen, daß du später kommst – Mijnheer sah sich nach dem Boy um –, »aber ich hoffe, daß du etwas zu essen bekommen hast – sonst –«

»Vielen Dank«, sagte Pieter, »ich habe zu Hause gegessen.«

»Schön, laß uns dann zur Sache kommen.«

Mijnheer räusperte sich und schritt schneller aus.

Kaum hatten sie das Arbeitszimmer erreicht und die Tür hinter sich geschlossen, als er herausplatzte:

»Das ist ja eine schöne Geschichte –«

Er sah Pieter zornig an, die dicke Halsader schwoll unheilverkündend. Pieter aber, der auf alles gefaßt war, richtete sich höher auf und sagte:

»Ich erlaube mir, Sie daran zu erinnern, Mijnheer Onkel, daß mir durch Ihr Wohlwollen und auf Empfehlung des Prokuristen eine bestimmte Aufgabe anvertraut wurde – eine wenig beneidenswerte Aufgabe, wie der Prokurist selbst sagte –, durch die ich meine Intelligenz beweisen und auch meine Warenkenntnis erweitern sollte. Ich habe mein Bestes getan und die Aufgabe gelöst.«

»Gelöst, ja, das bestreite ich nicht – in der Realität, aber in der Form, Monsieur? Was habe ich hören müssen?« Er nahm ein Papier vom Schreibtisch, das Pieter gleich erkannte. »Hier liegt eine Klage vor von unserem langjährigen Lagerverwalter und Musterchef. Du wirst verklagt wegen Verletzung der Disziplin in Gegenwart von Eingeborenen.«

»Der Mann war von Sinnen. Statt sich gekränkt zu fühlen, sollte er sich lieber bei mir bedanken, daß ich einen Skandal verhindert habe. Was aber bedeutet das alles im Verhältnis zu dem verbrecherischen Schwindel, den ich aufgedeckt habe? Ich appelliere, Mijnheer Onkel, an Ihren bekannten – Ihren bekannten –«

»Unsinn!« donnerte Mijnheer.

Da sah er, wie in Pieters rundem Kopf eine heftige Röte aufstieg, und eine Mischung von Respekt und Wohlwollen trat unwillkürlich in Mijnheers Blick.

»Darauf komme ich später zurück. Wie gesagt, es ist nicht meine Absicht, dir die Anerkennung zu versagen, die du verdient hast, das wirst du gleich sehen. Aber ich habe dir bereits früher eine Warnung zukommen lassen, weil ich hin und wieder gehört habe –«

Mijnheer stand auf und stellte sich breitbeinig vor Pieter, der ebenfalls aufgesprungen war.

Wieder leuchtete trotz des Ingrimms ein gewisser Respekt in seinen Augen, den barschen Ton aber änderte er nicht, als er fortfuhr:

»Du hast eine merkwürdige Vorliebe für die Eingeborenen, ein Interesse für ihr Wohl und Wehe, das durchaus nicht am Platz ist – und das wir im Geschäft nicht dulden können. Diese jugendliche Unreife mußt du abstreifen, wenn du es hier zu etwas bringen willst. Die Eingeborenen dürfen nie und unter keinen Umständen vergessen, wo sie hingehören, sie müssen sozusagen immer unter der Peitsche stehen. Falsch angebrachte Humanität können wir hier draußen nicht gebrauchen, dadurch bringst du mich, deinen Verwandten und Chef, in eine schiefe Stellung! Das fehlte gerade! Weißt du, was Wahoegen, der hochgeschätzte Senior unserer Firma, ja von ganz Batavia, sagte, als Gayos offizielle Klage ihm zur Begutachtung vorgelegt wurde: ›Und wäre er auch der Sohn des Chefs, so können wir ihn hier im Hauptkontor nicht gebrauchen.‹«

Er machte eine Pause, und Pieter duckte sich unwillkürlich. Auf solch grobes Geschütz war er nicht vorbereitet; er konnte keine Worte finden.

»Verfluchte Geschichte!«

Mijnheer ging auf und ab, die Hände auf dem Rücken. Schließlich blieb er vor Pieter stehen.

»Na, junger Mann, tröste dich! Glücklicherweise hat Woodford einen Ausweg gefunden, der alle Teile befriedigen wird. Siehst du, gerade heute ist eine sehr wichtige Entscheidung für die Firma getroffen worden. Als Anerkennung für Woodfords ganz vorzügliche Geschäftsleitung während meiner Abwesenheit – ich kann dir anvertrauen, daß die ›Stellvertretung‹ eine Probe war, die er mit Glanz bestanden hat, er hat unter anderem der Firma wichtige Geschäftsverbindungen zugeführt, aber darauf verstehst du dich noch nicht –, na, kurz und gut, ich habe Allan Woodford heute als Kompagnon in meine Firma aufgenommen. Dieses Ereignis haben wir mit unserem kleinen Diner zu zweien besiegelt. Du bist der erste, der die Ehre genießt, davon zu erfahren, im Vertrauen, offiziell wird es erst in einer Woche bekanntgegeben werden. Und der Zufall will, daß Woodfords erste Amtshandlung in seiner neuen Stellung dich betrifft. Sie gibt Zeugnis von seiner loyalen und verständnisvollen Denkweise, indem er dir in Anerkennung deiner Verdienste eine Beförderung gewährt – eine Beförderung, verstehst du –, während er gleichzeitig den Musterchef, den du in jugendlich übertriebenem Eifer gekränkt hast, zu seinem Recht kommen läßt. Ich kann dir erzählen, daß der Musterchef in seiner Klage den festen Entschluß äußert, sich zurückzuziehen, falls du weiter im Lager beschäftigt wirst. Natürlich stützt er sich dabei auf Wahoegens ziemlich unverblümte Erklärung und fügt hinzu – übrigens sehr taktvoll –, daß es ihm sehr peinlich ist, in dieser Weise gegen einen nahen Verwandten des erhabenen Chefs aufzutreten, und versichert zum Schluß, daß er gegen dich persönlich nicht das geringste habe, daß er deine vortrefflichen Eigenschaften schätze, wie aber solle er in Zukunft seine Autorität den Eingeborenen gegenüber bewahren, nach dem, was in Gegenwart sowohl von Arbeitern wie Lieferanten geschehen sei? Im übrigen verweist er auf seine bereits im voraus stark angegriffenen Nerven und so weiter, und so weiter.«

Er machte abermals eine Pause, und abermals stand Pieter verblüfft, wortlos.

»Du begreifst wohl«, begann Mijnheer wieder und faßte seinen jungen Verwandten am Rockaufschlag, »du begreifst wohl, daß es aus verschiedenen Gründen notwendig ist, dich aus dem Hauptkontor zu entfernen, jedenfalls bis auf weiteres. Da nun in unserer südlichen Filiale Tjelatjap gerade ein Posten frei geworden ist – der alte Grooft ist vor einer Woche hier in Batavia ins Krankenhaus eingeliefert worden –, so haben wir uns entschlossen, dir diese Filiale und Schiffsstation als selbständigem Leiter anzuvertrauen. Ein selbständiger Leiter hat das Gehalt eines ersten Angestellten hier im Büro, außer den Repräsentationsgeldern und so weiter. Du siehst also, daß ich recht hatte, als ich es eine Beförderung nannte. Unsere einzige Sorge ist, daß du für den Posten zu jung bist, aber das bessert sich ja mit den Jahren – haha – und wir sind überzeugt, daß du dein Bestes tun wirst, um dich unseres Vertrauens würdig zu erweisen.«

Es dauerte eine Weile, bevor Pieter sich gefaßt hatte und den Dank stammeln konnte, den Mijnheer offenbar von ihm erwartete. Er beugte den Kopf tief, als er Mijnheers ausgestreckte Hand drückte, er wagte den Kopf nicht zu heben, weil seine Augen voller Tränen standen, Tränen der Kränkung, der Enttäuschung, des Schmerzes – ach, Lydia, Lydia! Mijnheer, der es für ein Zeichen der Dankbarkeit und des Gehorsams hielt, klopfte ihm väterlich die Schulter.

»Tjelatjap liegt der berühmten Blumeninsel gerade gegenüber, die ebenso schön wie ungesund ist. Ihr mußt du dich fernhalten, darfst nur bei Sonnenuntergang zu ihr hinüberblicken, wenn die Abendwolken wie violette Decken über den niedrigen Bergen hängen. Ich bin einmal dort gewesen, und es war sehr schön. Aber einsam, sehr einsam wird es dort für dich sein, doch du liebst ja die Einsamkeit, das hast du mir schon in Amsterdam anvertraut, und in gewisser Weise verstehe ich dich. Außerdem hast du dort Gelegenheit« – Mijnheer lachte munter und rieb sich das Kinn – »die Eingeborenen in der Nähe zu betrachten und sie kennenzulernen, wie sie wirklich sind. Denn ich glaube, deine Vorliebe für sie stammt aus den Reisebeschreibungen oder deiner Abenteuerlust, denn du bist ja auf der Suche nach Abenteuern, nicht wahr? Darum wird es dir gut tun, eine Dosis Wirklichkeit zu schlucken und dir die Sache mal in der Nähe anzusehen, hahaha. Außerdem bekommst du Zeit in der Einsamkeit, dich deiner anderen Vorliebe, der 'Literatur', zu widmen; ich werde dafür sorgen, daß du aus der Bibliothek Bücher zugeschickt bekommst. Ja, ja, jeder nach seinem Geschmack. Ich war auch einmal jung und hatte meine Passionen, wollte zum Zirkus, haha, Schulleiter oder dergleichen werden. Hörte ich von einem Wanderzirkus in der Nähe, gleich ritt ich viele Meilen, machte Dummheiten, und mein Vater schalt: ,Aus dir wird nie etwas Gescheites werden, du mit deinen Clowns und Zigeunern!' Ehrlich gestanden, eine kleine teuflische Tänzerin kurierte mich durch ihre Falschheit. Und jetzt kann ich keinen Zirkus mehr vertragen. So wird es auch dir gehen, darum erzähle ich es dir, hast du dir erst die Hörner abgelaufen – deine Literatur und all die komischen Ideen –, wirst du in aller Stille ein vernünftiges und nützliches Mitglied der Gesellschaft werden. Junges Blut – junges Blut! Merk dir meine Worte, ich spreche an Vaters Statt zu dir. Also pflege du nur deine Literatur in der Einsamkeit, bis du sie satt bekommen hast. Ist ein Pferd auch noch so durchgängerisch, schließlich kehrt es doch zu der gefüllten Krippe zurück. Das ist meine Meinung.«

Pieter Adrians anhaltendes Schweigen hatte Mijnheers freundliches Gemüt weich gestimmt. Er klopfte ihm wieder die Schulter und sagte sanft und heiter:

»Also, ich gratuliere! Wir werden dich vermissen, das kannst du mir glauben! Aber es gibt ja etwas, was Ferien heißt, und die Entfernung ist nicht größer, als daß du die Reise in fünf Tagen zurücklegen kannst, einen Tag zur See, bis Pekalonga, und von dort vier Tage über Land durch die Provinz Banjumas – herrliche Jagd gibt's dort. Nun aber mußt du mich entschuldigen, ich habe noch allerhand mit Woodford an diesem bedeutungsvollen Tage zu besprechen. Hier hast du eine Cerut, mach einen Spaziergang durch den Park und laß dir deine neue Stellung durch den Kopf gehen. Mittlerweile werden die Damen herunterkommen, und du kannst einen gemütlichen Abend mit ihnen verleben, während ich mit Woodford noch Geschäftliches zu erledigen habe.«

Als Pieter von seiner Wanderung durch den Park zurückkehrte und gerade um das letzte Gebüsch biegen wollte, hörte er Lydias Stimme oben am Hause. Das Blut schoß ihm zum Herzen, es war so lange her, seit er sie gehört hatte.

Wahrend er auf das Haus zueilte, dachte er, daß es nun mit den Mittwochabenden vorbei sei, bald würde eine Reise von fünf Tagen zwischen ihnen liegen. Der Gedanke schnitt ihm so tief ins Herz, daß er einen Augenblick stehenbleiben mußte, um die Beklemmung zu überwinden.

Als er schließlich um das Gebüsch bog, sah er Lydia in einem neuen, weißen Kleid neben dem runden Gartentisch stehen, über Woodford gebeugt, der auf der Bank vor ihr saß. Sie waren so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß sie ihn gar nicht sahen.

Lydia hatte beide Hände auf Woodfords Schulter gelegt, jetzt hob sie die eine langsam, und im selben Augenblick begriff Pieter, was dort vorging – sie nähte den Riß in seinem Rock.

Wahrscheinlich hatte Woodford auf der Veranda gesessen, als sie herunterkam, und hatte sie gebeten, den Riß in seinem Rock zu nähen – Mijnheer hatte ihn ja selbst dazu aufgefordert.

»Was haben Sie mit dem Sünder gemacht?« hörte Pieter Lydia fragen.

Woodford schwang seinen rechten Arm, als hielte er einen Stock.

»Sie können mir glauben, das passiert ihm nicht wieder!!«

Er lachte kurz und hell auf. Und Lydia stimmte mit ein.

»Ihr schöner, neuer Rock«, sagte sie mit ihrer weichen Stimme und strich wie in Gedanken über die Stelle, die sie genäht hatte. »Dank!« flüsterte er, griff nach ihrer Hand und küßte sie.

Errötend senkte sie ihren lockigen Kopf. Da sprang er auf und drückte ihre Hände gegen seine Brust. So standen sie eine Weile.

Da sah Pieter, wie Woodford ihre Arme hob, und sie legten sich willig um seinen Hals.

Er beugte seinen Kopf zu ihr herab, und ihre Lippen begegneten sich.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.