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Van Zantens törichte Liebe

Laurids Bruun: Van Zantens törichte Liebe - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens törichte Liebe
publisherAntäus-Verlag
year1940
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080328
projectid97b035b4
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Was weiter in jener Nacht geschah, hat van Zanten nur angedeutet. Wo der Junker, der begehrteste Lebemann der Stadt, der in Wirklichkeit aber nur ein großer, leichtsinniger, liebenswürdiger Junge war, sie in jener Nacht, als alle Lokale bereits geschlossen waren, hinführte, darüber ist Pieter sich wahrscheinlich selbst nicht klar gewesen.

Anfangs versuchte Woodford, den Junker, sein bewundertes Ideal, zurückzuhalten, als dieser aber seiner kräftigen Jugend die Zügel schießen ließ, wollte Woodford auch nicht zurückstehen. Aus den Nebeln der Nacht behielt Pieter den Eindruck, daß die beiden einander zu überbieten versuchten, während Pieter in einer Mischung von Bewunderung und Beschämung zusah.

Als der Phaethon von der Königstraße in das südliche Viertel der Stadt einbog – daran erinnerte sich Pieter deutlich –, gab der Junker dem Boy Weisung, in eine dunkle Seitenstraße zu fahren und unter einer dämmrigen Laterne vor einem Tor haltzumachen.

Sie kamen in einen Raum, wo eine stark bezechte Gesellschaft versammelt war und Wein von halbentkleideten Mädchen aus Mischrassen serviert wurde. Pieter wunderte sich, warum sie alle so lustig waren; als aber eines der Mädchen mit einem Wald von schwarzem Kraushaar und üppigen Brüsten zu ihm sagte, er sei ein lieber Junge, und ihm einen Kuß mitten auf den Mund gab, wurde er sehr verlegen und errötete über und über, mußte aber mit in ihr Lachen einstimmen.

Sie bekamen Champagner. Van Heltz, den alle zu kennen schienen, wollte nichts anderes trinken. Anfangs hielt Pieter sich zurück, davon aber wollte sein neuer Freund nichts wissen, und als Pieter schließlich ebenso selig geworden war wie die anderen, sollte das Lokal geschlossen werden.

Die Boys gingen herum und löschten die Lichter, der Wirt erschien und bat und flehte, van Heltz aber ließ sich erst bewegen, den Ort seiner Freuden zu verlassen, als Woodford ihm den Namen eines anderen Zufluchtsortes ins Ohr flüsterte.

Als sie im Wagen saßen, entdeckte Pieter zu seiner Verwunderung, daß sie ihrer vier waren. Eines der Mädchen saß da, in einen Mantel gehüllt. Es war eng im Wagen, sie kniff ihn ins Bein, aber es tat gar nicht weh; das ganze Leben erschien ihm spaßhaft.

Dann erinnerte er sich, daß sie sich plötzlich in einem niedrigen Zimmer, eher einer Hütte, befanden, die von einer Laterne, die unter den Deckenbalken hing, spärlich beleuchtet wurde.

In einer Ecke, gegen die Bambuswand gelehnt, saß ein altes Mütterchen mit einer Pfeife im Munde; sie schwatzte ununterbrochen, und neben ihr hing ein Papagei in einem Bauer und schimpfte, als die Fremden hereinkamen.

Woodford und der Junker streckten sich auf den teppichbelegten Ruhebänken an den Wänden und schäkerten mit zwei Frauen, derjenigen, die sie selbst mitgebracht hatten, und noch einer.

Natürlich gab es wieder etwas zu trinken. Die Alte rührte sich nicht vom Fleck, sondern schickte ein halbwüchsiges Mädchen auf bloßen Füßen mit einem Tablett herum, auf dem Flaschen und Gläser standen. Pieter wunderte sich über ihren starren, ausdruckslosen Blick, während sie ihm das Tablett reichte. Er wies sie ab, wollte nichts zu trinken haben, sie aber blieb stehen und starrte vor sich hin, bis ihm klar wurde, daß sie blind sei.

Ein Tam-Tam begann zu brummen, eine gebrechliche Gitarre zu klimpern. Pieter suchte mit den Augen durch den dunklen Raum und entdeckte zwei braune Burschen, die in einer Ecke hockten; das Licht der Deckenlaterne spiegelte sich in ihren blanken Knabenaugen.

Die Musik wurde wilder, und als die Burschen anfingen zu singen, sprangen die Frauen auf und schwangen sich im Takt zu der Musik.

Vor Pieters Augen war ein Nebel, in dem alles durcheinanderwirbelte. Plötzlich aber sah er einen helleren Schein durch den Nebel, und nach und nach wurde ihm klar, daß die beiden Mädchen beim Tanz ihre Kleider abgestreift hatten und ihre nackten Körper um zwei hohe Leuchter schwangen, die die Alte oder das blinde Mädchen offenbar angezündet hatte.

Der Schatten der Tanzenden schwirrte gespensterhaft über die Wände, während die Alte die Kleidungsstücke, die die Mädchen abgestreift hatten, geschickt mit einem Stock zu sich heranzog.

Nach einer Weile drehten auch Woodford und van Heltz sich mit im Tanz. Die Alte stimmte krähend in den Gesang ein, der Papagei kreischte wie ein Rasender; und die Burschen saßen über die Instrumente gebeugt, aus vollem Halse brüllend, als gelte es einen Wettlauf.

Pieter merkte, daß die Alte ihm mit heftigen Gebärden durch den ohrenbetäubenden Lärm etwas zurief, was er nicht verstand. Plötzlich griff sie nach dem blinden Mädchen, riß ihr das Zeug vom Leibe und stieß sie in die Mitte des Raumes. Das Mädchen tastete blind mit den Armen nach den Tanzenden, die Mädchen rissen sie mit sich in den wirbelnden Tanz und schleuderten sie Pieter lachend in die Arme, der auf dem Diwan lag. Er fühlte das Gewicht ihres Körpers, das war das letzte, dessen er sich erinnerte.

Er kam erst wieder zu sich, als er Woodfords Stimme hörte:

»Kommen Sie, wir wollen nach Hause.«

Er sah nichts mehr von der Alten, den Mädchen oder den Musikanten, es war, als ob er das Ganze geträumt habe. Draußen beugte van Heltz sich aus dem Wagen und zog ihn lachend herauf.

Der Schlaf hatte ihn gestärkt, die Nachtluft machte ihn ganz wach, und bevor er seine Wohnung erreicht hatte, war der Rausch verflogen. Woodford wollte ihm aus dem Wagen helfen, er aber stieß seinen Arm fort und eilte durch den Garten zu seinem Haus.

Jontheer van Heltz rief ihm mit lallender Stimme »Gute Nacht« nach, Pieter drehte sich um und wünschte ihnen »Guten Morgen«.

Als Pieter am nächsten Morgen Woodford im Treppenhaus des Kontors begegnete, mied er seinen Blick. Er hatte solche Wut auf Woodford, daß er sich zu verraten fürchtete, falls ihre Blicke sich begegneten.

Es entging Woodford nicht, und wie es seine Gewohnheit war, faßte er den Stier bei den Hörnern, indem er Pieter beim Ärmel die Treppe mit heraufzog, wo niemand sie hören konnte, und mit bekümmerter Stimme zu ihm sagte:

»Eine tolle Nacht, nicht wahr, Herr Pieter? Ich schäme mich geradezu. Dieser Jonkheer van Heltz kann nie genug bekommen.«

Er streckte Pieter seine schmale Hand kameradschaftlich entgegen und sagte herzlich:

»Wir wollen uns gegenseitig versprechen, daß so etwas nicht noch einmal passiert. Sie mit Ihrer Jugend und ich mit meiner Erfahrung sind zu gut für dergleichen – und außerdem – (er machte eine Bewegung, als ob er vor Ekel ausspuckte) – in Gegenwart von Eingeborenen! Wir wollen uns gegenseitig geloben, diese Nacht wie ein tiefes und betrübliches Geheimnis zu bewahren.«

Pieter sah ihn verdutzt an. Er war drauf und dran, zu erwidern, daß er sich nichts vorzuwerfen habe. Woodfords Hand aber hielt ihn fest. Na, dachte Pieter, es ist immerhin ein gutes Zeichen, daß er sich schämt. Sollte ich ihn vielleicht zu streng beurteilt haben?

Pieter erwiderte schweigend Woodfords Händedruck und eilte an seine Arbeit.

Im Laufe des Vormittags traf die seltene Begebenheit ein, daß Mevrouw und Lydia vor dem Geschäftshaus vorfuhren.

Woodford, der sie von seinem Glashaus erspäht hatte, eilte hinaus, und alle Kontoristen stürzten an die Fenster. Als Pieter, der am weitesten fort saß, ein Fenster erreichte, waren die Damen bereits ausgestiegen.

Er sah, wie Woodford Mevrouw sehr ehrerbietig die Treppe hinaufführte und dann hinter ihrem Rücken Lydias kleine, weißbehandschuhte Hand an seine Lippen drückte, während er ihr etwas zuflüsterte. Pieter meinte, sie errötete, während sie ihre Veilchenaugen vorwurfsvoll auf Woodford heftete, offenbar warf sie ihm sein plötzliches Verschwinden gestern abend vor.

Pieter ballte vor Wut die Hände, während er sich an seinen Platz zurückbegab.

So war es also um Woodfords Reue bestellt! Wie war es nur möglich, daß er mit dieser Erinnerung ihrem unschuldigen Blick begegnen, ihre kleine Hand mit seinem falschen Lächeln an die Lippen drücken konnte!

Die Damen kamen nicht mit herauf. Als sie hörten, daß Mijnheer das Kontor bereits verlassen habe, beschloß Mevrouw, daß sie zuerst ihre Besorgungen machen und ihn dann im Klub aufsuchen wollten.

Pieter guckte durch die Glaswand über das Treppenhaus hinaus. Er sah, wie sie sich von Woodford verabschiedeten, der sich vor Höflichkeit nicht zu lassen wußte. Er meinte, Lydia winkte zu ihm hinauf, vielleicht aber hatte sie nur nach einer Fliege geschlagen; auf alle Fälle aber machte er eine Verbeugung.

Die versöhnliche Stimmung, die Woodford durch seine Selbstanklage, durch seinen Händedruck in ihm geweckt hatte, war wie fortgeblasen. Während Pieter seine Lagerzettel registrierte, sann er wutbebend darüber nach, was er tun könnte, um Lydia vor Woodfords Nachstellungen zu bewahren.

Noch eine Überraschung wartete seiner. Nach dem Lunch wurde Woodford zu einer Konferenz beim Chef gerufen, und als er zurückkam, winkte er Pieter zu sich in sein Glashaus.

Als Pieter hereinkam, stand er vor seinem Schreibtisch mit einem Schreiben in der Hand und hielt folgende feierliche Rede:

»Herr Pieter Adrian van Zanten, hiermit habe ich die Ehre und das Vergnügen, Ihnen mitzuteilen, daß der Chef in Anerkennung Ihres Diploms als perfekter Handelsgehilfe – und auf meine Empfehlung – Sie befördern und Ihnen Gelegenheit geben möchte, sich die praktischen Warenkenntnisse anzueignen, die ein junger Handelsmann nötig hat, um zu einer leitenden Stellung zu gelangen. Nun hat es sich gezeigt, daß die etwas veraltete Geschäftsführung in der Lagerabteilung – also unten bei Don Luis Gayo – einer Kontrolle bedarf, und der Chef hat Sie – ebenfalls auf meine Empfehlung – mit dieser Aufgabe betraut. Sie bekommen dadurch Gelegenheit, eine Probe Ihrer Intelligenz und Fähigkeit abzulegen.«

Woodford senkte das Schreiben, das er in der Hand hielt, und machte eine Pause, damit Pieter seine Worte verdauen konnte.

An dem verschmitzten Lächeln in Woodfords Augenwinkeln, das Pieter so gut kannte, sah er, daß seine Worte eine tiefere Bedeutung hatten. Er erinnerte sich an Ruyters Bemerkung gleich zu Anfang, als er von dem »Schwindel« des Musterchefs gesprochen hatte. Pieter sollte also offenbar mit dem ehrenvollen Auftrag bedacht werden, diesen Schwindel aufzudecken und ihm ein Ende zu machen. Wahrscheinlich keine angenehme Aufgabe, dachte er, der Portugiese war ja halb verrückt!

»Eine beneidenswerte Aufgabe ist es nicht«, bemerkte Woodford, als ob er Pieters Gedanken erraten habe. »Immerhin ist es eine Beförderung, und glückt es Ihnen, dann ist Ihre Karriere gemacht.«

Darauf schüttelte er die Feierlichkeit von sich ab, warf sich auf den Stuhl, legte die Füße auf den Schreibtisch, streckte Pieter seine Hand entgegen und sagte bedeutungsvoll:

»Sie können sich bei mir bedanken, Junior. Mijnheer meinte, Sie seien reichlich jung für diesen Posten. Fast hätte ich es vergessen« – er stand auf und wurde wieder ganz Vorgesetzter –, »ich sollte Ihnen vom Chef noch sagen, Pünktlichkeit sei die erste Tugend für einen jungen Mann, und außerdem deutete er an, daß Sie sich die Kunst, die Eingeborenen auf den ihnen gebührenden Platz zu verweisen, noch nicht recht angeeignet hätten.«

Obgleich Pieters Wut über den Handkuß, den Woodford heute morgen auf Lydias Hand gedrückt, noch nicht ganz verraucht war, mußte er zugeben, daß er Woodford zu Dank verpflichtet sei. Nach kurzem Zögern murmelte er etwas von »des Vertrauens würdig erweisen« oder dergleichen, und damit war die Audienz beendet.

Als Woodford Pieter am nächsten Morgen bei Don Luis Gayo einführte, wurde Pieter noch einmal Zeuge von der Gewandtheit, über die Woodford verfügte. Jeder, der dieser Vorstellung beiwohnte, mußte den Eindruck gewinnen, daß Pieter dem Musterchef als die Hilfe zugeführt wurde, nach der er auf dem ihm anvertrauten Posten schon lange verlangt hatte.

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