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Van Zantens Insel der Verheißung

Laurids Bruun: Van Zantens Insel der Verheißung - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens Insel der Verheißung
publisherS. Fischer Verlag
printrun161. bis 170. Auflage
year1933
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071223
projectidcbd076ad
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Siebentes Kapitel

Jakob Beer

Jakob – der kleine Jakob Beer, mit der langen, spitzen Nase unter den zusammengewachsenen Brauen, mit dem scheuen Blick in den traummüden Augen und dem festgewachsenen Lächeln auf den schmalen Lippen – schleppte den Rucksack und die Violine auf seinem schiefen Rücken durch das hohe Gras.

Es kitzelte seine dünnen Spielfinger, wenn er sich zur Seite neigte. Es stach ihm ins Kinn und strich ihm um die Nase; aber er achtete dessen nicht. Er ging mit gesenktem Kopf unter dem Schatten der hohen Bäume und dachte an das Leben, das jetzt seinen Anfang nehmen sollte.

Es war ein ganz eigenartiges Gefühl, hier zu gehen und auf den Herzschlag der Insel zu lauschen. Die Sonne drang durch die ineinandergefilzten Baumkronen über seinem Kopf nicht zu ihm herab. Die Luft war so heiß, daß der Schweiß ihm bei jedem Schritt aus der Stirn brach; aber er achtete es nicht. Er wanderte und wanderte unentwegt, indem er sich dem Willen des Waldes fügte und den Weg einschlug, der ihm freigelassen wurde.

Seine Seele schwamm in die grüne Welt hinaus und rührte an dem zarten Glockenspiel der langen, schmalen Blätter, die zitternd widertönten. Sie bebte bei den Warnungsrufen, die bunte Vögel miteinander wechselten, indem sie unter dem mächtigen Blatthimmel hin- und herschwirrten.

Ausgelassene Sonnenstrahlen saßen schelmisch auf der Lauer und warteten darauf, daß das Laub sich im Luftzug bewegen würde; dann sprangen sie weiter und streichelten im Vorbeihuschen das blinkende Gefieder der Vögel mit einer kitzelnden Liebkosung. Der Vogel lachte, drehte sich im Flug nach der Sonne um und strich mit seinem Schnabel über die geküßte Stelle.

Schließlich wurde Jakob müde und setzte sich ins Gras, mit dem Rücken gegen einen Stamm, der glatt und weiß war. Schlanke Fäden hingen von dem dunklen Laub herab, verwickelten sich ineinander, schwirrten, wenn der Wind in den Baumkronen raschelte, und schwangen sich in rhythmischen Tönen wie Wasser, wenn es über moosbedeckte Steine rieselt.

Eine Frucht löste sich hoch oben. Sie glitt an glatten Blättern vorbei, die sie vergeblich zu fangen versuchten, brach durch Buschlaub, das so dicht wie Flechtwerk war, und fiel mit einem Klatschen zur Erde, als ob ein Ruder ins Schilf fällt.

Er wollte aufstehen, aber die Einsamkeit hielt ihn fest.

Tiefe Harfentöne drangen rings herum aus der Erde, während von den Sonnenstrahlen, die hinter den Baumkronen tanzten und sich zu den grünen Schößlingen herabsehnten, klingende Cellotöne in sein Ohr tropften.

Da begann der Wind hoch oben die Violinen zu streichen. Von fernen Palmengipfeln mischte das Violoncell seine Klage hinein. Flöten gellten aus gespannten Vogelkehlen.

Die Töne klangen zu einer mächtigen Harmonie zusammen, die seinen Körper von der Erde hoben und ihn wie bei Seegang auf Tonwogen hin- und herwiegten.

Er erwachte. Die Sinfonie erfüllte noch sein Ohr; aber ihm schien, als sei es das Meer, das sang. Es waren die Riesenwogen, die das Schiff schaukelten, während er in seiner Koje lag.

Die Seekrankheitsgefühle hatten sich wieder gemeldet, während das grüne Licht unter den Baumwipfeln dunkler und kühler geworden war.

Er blickte sich um, um sich zurechtzufinden. Sein Rucksack und Violinkasten lagen neben ihm. Der Rücken schmerzte ihn von dem harten Stamm. Die Vögel schwiegen. Durch die totenstille Luft wälzte die Fülle der Einsamkeit sich auf ihn, bedrückte sein Herz und beängstigte ihn. Er mußte an Gott und den Tod denken, und faltete die Hände in Ehrfurcht vor der Ewigkeit, die ihn von allen Seiten mit dem starren Blick der Vergänglichkeit anblickte.

Er ahnte nicht, wie lange er geschlafen hatte, er wußte nur, daß er auf einer schwimmenden Insel lag, mitten in einem Ozean, der die Erde in Teile und die Menschen in Rassen schied. Nicht einmal der Himmel dort oben hinter den Baumwipfeln brachte ihm Botschaft von seiner Vergangenheit. Nur die Sonne war dieselbe, aber jetzt war sie gewiß untergegangen.

Sein Hemd, seine Hosen, – er fühlte an sich hinab und erkannte das einzige, was ihm von all dem Früheren geblieben war. Eine furchtbare Beklemmung benahm ihm den Atem. Er sprang auf und wollte davonlaufen; kaum aber hatte er die ersten Schritte getan, als er stehen blieb und den Kopf beugte.

Er war ja gerade ausgezogen, um diese alles beglückende Einsamkeit zu suchen. Und jetzt, wo sie ihn ringsherum von den Büschen anstarrte, bekam er Angst vor ihrem Blick.

Daniel hatte recht. Es war der Rucksack, die Kleidung, – alles, was der Gesellschaft angehörte, das ihn noch band. Wenn erst alles das, was der modernen Gesellschaft angehörte, zurückgezahlt war, dann würde die Einsamkeit das tief im Innern Schlummernde zum Leben erwecken; der ursprüngliche Mensch würde neu erstehen in seiner Herrlichkeit.

Er ergriff Rucksack und Violine und eilte in dem schwindenden Tageslicht vorwärts. Er wußte ja, wenn die Sonne erst unter den Horizont gesunken sei, dann würde die Dunkelheit mit plumpen Händen zugreifen. Hier strich keine barmherzige Dämmerungshand sanft über die Augen.

Er ging dem flüsternden Laut nach, der durch seine Träume geklungen hatte. Er meinte, er müßte von den kleinen rieselnden Bächen herrühren, wo der Fluß die Kluft passierte. Er wollte dessen Ufer aufsuchen, um Schutz gegen die Nacht zu suchen.

Aber er fand nur Wald und abermals Wald. Keine Lichtung war zu erblicken. Bereits drohte die Dunkelheit. Da gab er sein Vorhaben auf und sah sich an Ort und Stelle um.

Ganz in seiner Nähe erhoben sich einige zusammengewachsene Büsche. Sie standen wie in einem Beet beisammen, mit langen, wehenden Blättern. Es waren gewiß Pisangs. Ihre Stämme fühlten sich ganz elastisch an, und die Blätter hingen wie ein schützendes Dach über der Erde.

Er legte seinen Rucksack unter den Kopf, wickelte sich in seine wollene Decke ein, obgleich die Nacht so warm wie eine heiße Julinacht in Holland war, und schloß seine Augen unter den langen Blättern.

Es dauerte lange, bevor er einschlafen konnte. Er mußte sich durch viele verschiedenartige, geheimnisvolle Laute hindurchlauschen, die sich aus der Stille in der schwarzen Dunkelheit hervorschlichen, bevor der Schlaf ihn in seine Arme nahm.

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