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Van Zantens Insel der Verheißung

Laurids Bruun: Van Zantens Insel der Verheißung - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens Insel der Verheißung
publisherS. Fischer Verlag
printrun161. bis 170. Auflage
year1933
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071223
projectidcbd076ad
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Fünftes Kapitel

Die Sonnenbrüder

Nachdem Daniel sich überzeugt hatte, daß alles an Land war, und der Bootführer mit seinen Matrosen, die das Gepäck getragen hatten, zur Rückkehr bereitstand, trat eine augenblickliche Stille ein, bei der alle – sowohl die, die zu den Menschen zurückkehren, als die, die sich der Natur auf Gnade und Ungnade ergeben wollten – von einer feierlichen Beklemmung überfallen wurden.

Daniel begriff, daß der Augenblick etwas Ungewöhnliches erforderte.

Von dem Geld, das der Reeder ihm gegeben hatte, waren noch ungefähr hundert Gulden nach.

Indem er seine Börse herauszog, um der Mannschaft ein Trinkgeld zu geben, fiel ihm ein, daß es das letztemal sei, daß er der menschlichen Gesellschaft geben sollte, was ihres war, zum letztenmal sollte er einen Unterschied zwischen mein und dein machen.

Diese runden, goldenen Dinger, die jetzt in seiner Hand wogen – denen er und seine Gefährten in erbittertem und vergeblichem Kampf im alten Land nachgejagt waren, – deren Glanz vor zwei Monaten ihre Augen zum Strahlen, ihre Herzen zum Schlagen gebracht haben würde, – waren jetzt plötzlich zu bedeutungslosen Dingen geworden, die man weder essen noch trinken, sondern höchstens als Schmuck an die Uhr oder an einer Kette um den Hals einer Frau hängen konnte – wenn ein Frauenhals dagewesen wäre. Ja, die Börse, in der sie lagen, wie alt und verschlissen sie auch war, bekam plötzlich mehr Wert, denn darin konnte man vielleicht irgend etwas aufbewahren.

Er ließ seinen Blick über den Strand schweifen, über das unendliche Meer, wo der Rauchstreifen des Dampfers noch schwach an der Horizontlinie zu sehen war, über die Palmenblätter, die mit einem leisen Laut gegeneinander strichen.

Das alles rückte ihm plötzlich, wo das Geld ihm nicht mehr den Weg versperrte, viel näher.

Jetzt galt es nicht mehr dieser kleinen blanken Stücke habhaft zu werden, jetzt galt es an die Dinge selbst heranzukommen.

Was wohl schwerer sein würde? dachte er unwillkürlich, während eine ernste Wolke ihren Schatten über sein Gemüt warf. Aber es war nur ein Augenblick.

Dann schüttete er die Münzen in seine Hand und erfreute sich zum letztenmal an ihrem Klang.

»Alles dies ist euers!« sagte er und zeigte den Leuten das Geld, »teilt es brüderlich.«

Die Matrosen legten die Hand an die Mütze, schielten aber gleichzeitig auf seinen hocherhobenen Kopf, als ob sie daran zweifelten, daß er recht bei Trost sei.

Der Bootführer aber, der ein beinah gebildeter Mann war, drückte Daniel die Hand, stellte sich auf und sagte:

»Wir wünschen Ihnen, daß Sie alles das hier finden mögen, was Sie erwarten – und noch mehr dazu. Daß keine Krankheit oder anderes Unheil Sie betreffen möge, Überschwemmungen oder Orkan, oder was sonst in diesen Gegenden vorkommen soll. Und daß Sie froh und gesund zurückkehren mögen.«

»Kameraden«! sagte er stark und trat fest auf den Stein, worauf er stand, während er sich an die Matrosen wendete.

Im selben Augenblick flogen die Mützen ab und drei ernste Hochrufe für Daniel und seine Freunde klangen von den Lippen der stumpfen Gesichter.

Der Maler riß seinen Tropenhelm ab, ging mit Tränen in den Augen von einem zum anderen und reichte den Matrosen seine breite, behaarte Rechte, die jeder gründlich drückte.

Nachdem das besorgt war, zog er sein Portemonnaie hervor und leerte es bis auf den letzten Rest. Auch ihm war es klar geworden, daß Geld von jetzt ab wertlos sei.

Jakob Beer hatte Zeit seines Lebens eine schicksalsschwangere Verachtung gegen Geld gehegt. Jetzt trennte er sich leichten Herzens von der letzten Münze.

Pieter Goy aber wurde rot und blaß. Seine Hand griff unwillkürlich nach der Tasche, als wolle er sie gegen Gewalt schützen.

Vor der Abreise hatte er seine ganze bewegliche Habe zu Geld gemacht und den letzten Rest seines mütterlichen Erbes in der Sparkasse behoben; diese ganze Herrlichkeit bewahrte er in guten holländischen Dukaten auf seiner Brust, in einem kleinen Lederbeutel, den er selbst genäht hatte.

Die Freigebigkeit der anderen war ihm unverständlich, ja, fast verbrecherisch erschien sie ihm. Wie konnte Daniel ihren letzten Notschilling an diese fremden Menschen wegwerfen, die sich über sie lustig machen und im übrigen das schöne Geld bei ihrem ersten Landurlaub in Whisky und schwarze Mädchen umsetzen würden.

Und war es denn wirklich Daniels und seiner Freunde Absicht, daß sie nie zurückkehren wollten?

Pieter Goy sah in plötzlicher Hilflosigkeit vom einen zum anderen. Dann ließ er seine Blicke über die Palmen schweifen, über die Wurzeln, die sich an die Felsspalten klammerten, über die sonnengetrockneten Seesterne und andere wunderliche Seetiere, die in der Sonne glänzten.

Eine plötzliche Angst vor all diesem Blendenden und Fremden griff ihm ans Herz, so daß er sich von ganzer Seele zu der kleinen grünen Insel in der Zuydersee zurückwünschte.

Nee, wahrhaftig nicht! Es fiel ihm nicht ein, das letzte, was ihn an all das Alte band, fortzuwerfen. Wenn alles schief gehen sollte, so würden sie doch noch den Lederbeutel mit den Goldstücken haben. Es würde wohl mal ein Dampfer vorbeikommen, der sie für Geld und gute Worte mitnähme.

Nicht, daß er nur daran dachte, sein eigenes Fell in Sicherheit zu bringen oder jemanden zu verraten.

Aber dennoch – das Geld wollte er aufbewahren. Keiner sollte wissen, daß er es hatte. Später konnte es ihnen allen vielleicht zugute kommen.

Pieter Goy nahm bedächtig sein Portemonnaie heraus, als die Reihe an ihn gekommen war.

Er öffnete es und zeigte in der Runde, daß ein paar Gulden und etwas Kupfergeld seine ganze Habe sei.

Das sollten die Matrosen haben. Freilich, alles, alles sollten sie haben. Und Pieter Goy ging von Mann zu Mann, und verteilte gerecht und zu gleichen Teilen. Und als ein halber Gulden übrigblieb, ließ er ihn sich beim Bootführer wechseln und verteilte auch den noch.

Die Matrosen fühlten instinktiv, daß Pieter Goy, trotz der Gleichheit in der Kleidung, unter dem Rang seiner Gefährten und ihnen selbst viel näher stehe – sie wurden jovial und drückten seine Hand auf eine herzlichere Weise als die der anderen.

Noch einmal wurde gegrüßt. Dann machten die Matrosen, mit dem Bootführer an der Spitze, kehrt.

Bedächtig gingen sie über den Strand.

Daniel und seine Gefährten sahen sie von Stein zu Stein springen. Der Heizer war der letzte.

Sie schwangen sich über die Reeling ins Boot. Das Tau wurde losgemacht und der Anker aus der Felsenspalte gezogen.

Jeder Mann nahm seinen Platz ein.

In der tiefen Stille hörte man das langsame und vorsichtige Töff-Töff der Maschine.

Als das Boot endlich klar war und in einem kurzen Bogen herumschwenkte, erhob der Bootführer sich achtern. Die Mützen wurden in der sonnenklaren Luft geschwenkt und drei kräftige Hurras klangen zur Insel hinüber.

Der Maler lief zum Strand hinunter, indem er von Stein zu Stein sprang, und die anderen folgten ihm.

Da standen sie in der Sonne, mit entblößten Häuptern, und erwiderten den Gruß.

Schweigend starrten sie dem Boot nach, solange sie es noch erblicken konnten. Als es schließlich hinter der Schaumlinie des Korallriffs verschwunden war, wandte Daniel sich zur Insel um, die mit ihren niedrigen Felsen dalag, ihren dichtverschlungenen Bäumen, ihren Papageien und was sie ihnen sonst noch an Geheimnisvollem verbergen mochte.

»Diese Insel«, sagte er feierlich, »die wir hiermit in Besitz nehmen, soll von jetzt ab die Sonneninsel heißen. Und wir selbst wollen uns Sonnenbrüder nennen.«

Ein Papagei schrie einen wütenden Protest zu ihnen herab.

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