Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Laurids Bruun >

Van Zantens Insel der Verheißung

Laurids Bruun: Van Zantens Insel der Verheißung - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens Insel der Verheißung
publisherS. Fischer Verlag
printrun161. bis 170. Auflage
year1933
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071223
projectidcbd076ad
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel

Für des Reeders Geld

Während das Kleeblatt durcheinanderschrie und all das Schöne und Große entwickelte, was es erwartete, irrten die ehrlichen Augen des Futtermeisters vom einen zum anderen. Sein Gehirn arbeitete schwer, um ihnen bei ihrem Flug zu folgen. Von so viel Reichtum und Glück hatte er keine Ahnung gehabt. Er merkte es an der Seligkeit ihrer trunknen Blicke, an der Zartheit ihrer Worte, daß es sich hier um etwas viel Besseres handelte, als sich bis in die Nacht hinein von der einen schmutzigen Stube in die andere halbtot zu rennen, Gläser abzutrocknen und Gästen Bier einzuschenken, Leuten, die kamen und gingen, und denen es ganz gleichgültig war, ob man tot oder lebendig war.

»Ist es wahr, daß ihr alle reisen wollt?« fragte er und sah vom einen zum anderen, während sein Gehirn einen Überschlag über das Kapital machte, das er in dem »Kleeblatt« stehen hatte.

»Ist es wahr«, fragte er, »oder dichtet ihr euch das nur so zusammen?«

Daniel blickte von den Weiten, in die sein Adlerblick geirrt war, auf ihn herab und fragte streng:

»Was haben Sie eben gesagt?«

Der Futtermeister gab seinem Herzen einen Stoß und richtete sich auf seinem Stuhl auf.

»Ich sagte nur, wenn es wahr ist, daß ihr alle reist, dann reise ich auch mit.«

Die blauen Augen blickten treuherzig aus dem rotbäckigen Gesicht, während seine fette Hand nervös an der Westentasche nestelte, wo er die Golduhr trug, an der er noch immer abzahlte.

»Was wollen Sie?«

Hendrik drehte sich zu ihm herum und vertiefte sich in seinen Anblick.

Jakob Beers Augen wurden feucht und mild. Ihm wurden Pieter Goy und seine treuen, blauen Augen plötzlich so lieb.

Daniel setzte sich vor Überraschung auf seinen Stuhl. Dann ließ er seine Augen musternd über den Futtermeister schweifen. Er betrachtete das strohgelbe Haar, das sorgfältig an den Schädel geklebt war, den kugelrunden, auf der Stirn schweißglänzenden Kopf, die dicken rotbäckigen Pausbacken, die kleine Stumpfnase, den hellgelben Schnurrbart, die vollen, etwas aufgeworfenen Lippen und das weiche, hängende Kinn. Dann glitt sein Blick über die wohlgenährte Brust, die unter dem schmierigen Frack schwoll, von schmalen Schultern eingeklemmt, bis er zu den soliden Beinen kam, die das Ganze trugen.

Ja, das war die personifizierte Kraft. Das war Ehrerbietung und Dienstwilligkeit. Vielleicht sogar Freundschaft. Die fröhliche Ergebenheit einer unzusammengesetzten Natur einem herrngebornen Geist gegenüber.

Daniel empfand etwas wie Rührung. Es bewegte sie alle drei, daß der Futtermeister, ihr ehrlicher Privatgegenstand, der sie bedient und den sie angepumpt hatten, so voller Ergebenheit dasaß und sich nicht von ihnen trennen wollte.

Ihr Verhältnis zu Pieter Goy rückte plötzlich zu einer Dankesschuld auf. Bei allen dreien wurde ihm ein Konto eröffnet.

»Ja, aber das Geld, Pieter?« fragte Hendrik. »Denn solche Reise kostet mehr als ein Ausflug nach der ›Insel‹.«

Es war eine bekannte Tatsache, daß Pieter Goy seine wenigen freien Sommertage auf einer kleinen grasbewachsenen Insel in der Zuydersee verbrachte, deren volkstümlicher Name nur »Insel« war.

Daniel, der mit dem Angebot in der Hand dasaß, war Herr der Situation. Von ihm mußte alles Gute kommen. Er schenkte Wein ein, und als sei es die natürlichste Sache von der Welt, nahm er ein Bierglas (Weingläser waren nicht mehr da), schenkte es voll und schob es Pieter Goy hin, der bis unter die Augen errötete und einen Augenblick zögerte, bevor er das Glas ergriff.

Dann wurde stillschweigend getrunken. Daniel setzte sein Glas hin, sah vom einen zum anderen und sagte leutselig:

»Meint ihr vielleicht, daß der Alte so verrückt ist, für andere als für mich die Reise zu bezahlen?«

Jakob Beer bekam einen guten Einfall:

»Sag ihm, Daniel, daß es eine Ehre für einen Mann wie ihn ist, die junge, kämpfende Kunst zu stützen. Und du, Hendrik – ja, das solltest du tun – biete ihm deine »Insel der Verheißung« an, wenn sie fertig wird. Und ich werde ihm die große Natursinfonie widmen, die ich drüben unter Palmen komponieren will. ›Meinem edlen Wohltäter‹ – ›An den, ohne dessen väterliches Wohlwollen dieses Werk vielleicht nie das Licht der Welt erblickt hätte‹ – oder ähnlich. Was meint ihr dazu?«

»Und Pieter,« sagte Hendrik Koort, »soll der ihm vielleicht gratis in der Löwenhöhle servieren, wenn er zurückkommt?«

Daniel lehnte sich in seinen Stuhl zurück und starrte wieder zu den Weiten hinauf, während er sich über sein dünnes Haar strich.

Hendrik Koort konnte ihm ansehen, daß er drauf und dran war, eine Lösung zu finden. Darum gebot er Jakob Schweigen, der wieder in Betrübnis verfallen war und ihr durch viele und vage Worte Ausdruck geben wollte.

Pieter Goy wußte nicht, ob er dem Neuen, was ihm passiert war, Glauben schenken konnte, daß Hendrik Koort ihn »Pieter« genannt, als gehöre er mit zum Kleeblatt – und daß Daniel ihm eingeschenkt hatte.

Er saß und sann darüber, während sein Blick über die schmutziggelben Wände schweifte.

Es war plötzlich, als ob die Löwenhöhle ein Zimmer geworden sei, in dem er mehr zu tun hatte, als nur aufzuwarten. Worte wie »Häuslichkeit und Behaglichkeit« schwebten ihm vor – etwas, was er seit seinen Knabenjahren nicht mehr gekannt hatte und an das er nur mit Rührung zurückdenken konnte.

Während die anderen auf das warteten, was Daniel ausspekulieren würde, wurde es Pieter Goy auf einmal so recht wohl zumute. Ein plötzliches beglücktes Gefühl schwoll in seiner breiten Brust und spiegelte sich in seinen blauen Augen.

Er rückte seinen Stuhl näher an den Tisch heran und sagte treuherzig:

»Wann soll's denn losgehen?«

Daniel fühlte, daß er Herr über Wohl und Weh der anderen sei, ein ganz neues Gefühl, das ihn stolz und anspruchsvoll machte.

Er richtete sich höher auf und sagte:

»Der Alte stellt mir eine Summe zur Verfügung, eine Summe, die ich erst in Brisbane heben kann. Darauf gehe ich nicht ein.«

»Nein, darauf gehen wir nicht ein,« wiederholte der Maler und winkte ab. »Vielleicht gibt es überhaupt gar nichts, was Brisbane heißt, wenn wir rüberkommen. Vielleicht hat der Alte sich das nur bei seinem Whisky zusammengeschwindelt, um uns loszuwerden.«

»Soweit ich mich erinnere, ist Brisbane eine vollkommen moderne Stadt.«

Hendrik Koort machte ein langes Gesicht.

»Dann können wir ja ebensogut hierbleiben, wo man Cafés und Leihhäuser kennt, und weiß, wie man sich decken soll, wenn man in der Patsche sitzt.«

»Halt den Mund, Maler! – Also Brisbane akzeptiere ich nicht, überhaupt kein in Aussicht gestelltes Geld. Was mein ist, das will ich gleich haben.«

Jakob Beer sah bewundernd zu ihm auf und Hendrik nickte kräftig.

»Dagegen,« fuhr Daniel fort, nachdem er sich eine Zigarette angezündet hatte, »dagegen bin ich bereit, unter der Bedingung mit der ›Atlanta‹ fortzureisen, daß man mir die Weiterreise von Brisbane nach – nach einer Insel garantiert, eine näher von mir zu bezeichnende, öde Insel in irgendeinem von mir erwählten Archipelag.«

»Archipelag,« fragte Dieter Goy, »was heißt das?«

»Das heißt Inselgruppe. Da ist der indische Archipelag und – und viele andere.«

»Eine Insel mit Urwäldern und Palmen!« fügte Jakob Beer träumend hinzu.

»Mit Korallen und Affen und Kokosnüssen, und überhaupt tropischem Tier- und Pflanzenleben!« erklärte Hendrik Koort.

»Eine unbewohnte Insel,« stellte Daniel fest, »eine von jeglichem Menschendasein vollständig unberührte Insel.«

Der Maler nickte mit offnem Mund und großen Augen. Beer wippte auf seinem Stuhl hin und her. Er war schon drüben unter dem Schatten der Palmen und lauschte tropischen Naturtönen. Nur Pieter Goy starrte auf Daniels flackernde Augen und wartete gespannt darauf, wie er es möglich machen würde, daß sie alle mitkommen konnten.

Je mehr Daniel merkte, daß aller Segen von ihm ausgehen würde, desto größer wurde seine Zuversicht, desto fester sein Standpunkt.

Er warf sich mächtig ins Kreuz und haute mit seinen Knöcheln auf den Tisch, als ob es der Reeder selbst und nicht Pieter Goy sei, der dort furchtsam und ehrerbietig vor ihm auf dem Stuhl saß, während er ihm seine Bedingungen diktierte.

»Meine Bedingungen sind,« – Daniel beugte seinen langen Oberkörper vor und bohrte seinen strengen Blick in Pieter Goy, so daß der Futtermeister sich erschrocken zurückzog – »meine Bedingungen sind, daß die Summe, die ich in Brisbane heben sollte, mir bereits vor der Abreise an einem von mir näher bezeichneten Ort ausgezahlt wird. Und diese Summe will ich dazu verwenden, um nicht nur mich, sondern auch meine lieben Freunde auszurüsten, die mich begleiten sollen, indem ich willig bin, einen Teil der Reisekosten für sie aus genannter, nicht unbedeutender Summe zu bestreiten.«

Hendrik Koort fuhr in die Höhe, so daß der Stuhl umfiel, und streckte seine Arme über den Tisch nach Daniel aus.

Jakob Beer weinte vor Rührung und suchte vergeblich nach Worten für seinen Dank.

Pieter Goy aber, dem die Blässe der Entscheidung auf den Wangen lag, stand vom Stuhl auf, reichte Daniel seine fleischige, rote Hand und sagte mit gefaßter Andacht, indem er einen dicken Strich über die kleinen Vorschüsse machte, die er Daniel im Laufe der Zeit geleistet hatte:

»Schönsten Dank auch, Hooch!«

Jetzt aber kamen Hendrik Koort Bedenken.

»Glaubst du, daß der Reeder sich darauf einläßt? – Du kennst ihn doch.«

Daniel hatte sich gesetzt, zufrieden und satt in seiner Größe. Er zuckte nur abweisend die Achseln.


Es glückte.

Der Reeder sträubte sich, sowohl mündlich wie schriftlich, aber schließlich ergab er sich. Denn Daniel war fest und unerbittlich.

Einen Monat später, als der »Schoß der Natur« längst begraben und vergessen war, reisten Daniel und seine Freunde prunklos – denn der Alte hatte die Bedingung gestellt, daß die Presse ihre Nase nicht in seine privaten Angelegenheiten stecken dürfe –, aber voll bebender Erwartung nach Marseille, wo sie an Bord der »Atlanta« gingen, die inzwischen schon in Le Havre, Bordeaux und Malaga gewesen war.

Von Marseille ging die Reise direkt nach Port Said. Dann sollte unterwegs Ceylon, Freemantle und Melbourne angelaufen werden; und wenn die »Atlanta« schließlich Brisbane erreicht hatte, sollten die Freunde die Reise mit einem Pacificdampfer fortsetzen, der über die Fidschi-Inseln nach San Francisco ging.

Die Billette von Brisbane hatte der Reeder – sicherheitshalber – selbst besorgt. Durch seine ausländischen Verbindungen war es dem Alten geglückt, den Dampfer, mit dem sie weiterreisen sollten, zu veranlassen, die Freunde auf einer kleinen Insel zu landen, die zu den äußersten Vorposten der Fidschi-Inseln gehörte, und die von der regelmäßigen Dampferverbindung in einem Abstand von einigen Meilen passiert wurde.

Daniel war in der Bibliothek gewesen und hatte große geographische Werke studiert, bevor er die Insel gefunden hatte, die alle Forderungen, die er an sie stellte, erfüllte.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.