Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Laurids Bruun >

Van Zantens Insel der Verheißung

Laurids Bruun: Van Zantens Insel der Verheißung - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens Insel der Verheißung
publisherS. Fischer Verlag
printrun161. bis 170. Auflage
year1933
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071223
projectidcbd076ad
Schließen

Navigation:

Achtundzwanzigstes Kapitel

Die Affen

Eine Woche später lag das Kanu fertig ausgerüstet für die lange Reise. Die Proviantkiste war an Bord gebracht und alles, was sie an Zeug und Matten besaßen, um sich gegen Regen und Nachtkälte zu schützen; aber im übrigen hatten sie nur das Notwendigste mit. Denn der Platz war knapp und das Boot durfte nicht zu tief liegen.

Daniel wünschte, daß sie um die Landzunge herum zu der Stelle ruderten, wo sie vor einem Jahr gelandet waren. Hier hatten sie die Sonneninsel in Besitz genommen, hier wollten sie ihr auch das letzte Lebewohl sagen.

Es war dieselbe Küste, die sich hell und lächelnd vor ihnen ausbreitete. Es waren dieselben Palmen, die ihre schuppigen Stämme in die blaue Luft erhoben. Es war derselbe felsige Strand, wo die Matrosen ihre Kisten an Land gesetzt hatten. Jetzt wie damals huschten bunte Vogelfedern pfeilschnell durch die Luft. Vielleicht waren es auch dieselben Papageien, die vom Waldsaum zu ihnen herüber schrien.

Und doch – wie verschieden bot sich das Bild ihren Augen dar, nachdem ein Jahr ihres Lebens – ein mühsames, seltsames Jahr – dort zwischen den Stämmen verborgen lag.

Sie blickten der Insel lange in ihre unergründlichen Augen.

Da erhob Daniel sich vorn im Boot. Er nahm seinen Hut ab und hielt folgende Rede:

»Sonneninsel, du hast nicht alles erfüllt, was wir von dir erwarteten, als wir dich in Besitz nahmen, das ist wahr. Aber jetzt, wo wir die Herrschaft über dich niederlegen und dich dir selbst zurückgeben, sollst du wissen, daß du in deinem Schoß einen Teil unseres Ich birgst. Dafür nehmen wir aber auch etwas mit uns, was deines ist. Bevor wir dich kennen lernten, wußten wir nicht, was Einsamkeit bedeutet. Jetzt wird die geheimnisvolle Stimme deiner Einsamkeit mir in schlaflosen Nächten in dem alten Land vor den Ohren klingen; und bei dem Krieg auf Gnade und Ungnade mit dem großen Tier, zu dem wir jetzt zurückkehren, wird die Erinnerung deines Friedens wie ein Sehnsuchtsseufzer in unserer Brust aufsteigen. – Leb wohl, Sonneninsel! Leb wohl, du teure Insel! – Leb wohl, leb wohl!«

Daniel schwenkte seinen Hut. Sie schwenkten alle ihre Hüte. Hendrik und Pieter riefen ebenfalls: »Leb wohl, leb wohl!« Jakob Beer aber war nicht dazu imstande; er dachte an seine große Sinfonie, während klare Tränen ihm über die Backen liefen.

Da plötzlich wurde es lebendig zwischen den dunklen Stämmen und ein merkwürdiger Laut drang zu ihnen aufs Wasser hinaus.

»Da hat jemand gelacht!« sagte Hendrik und erinnerte sich, wie er dieses Gelächter zum erstenmal gehört hatte, als sie vor ihren Kisten ums Feuer herumsaßen.

Er hatte niemals, trotz Daniels Versicherungen, den Glauben an die Affen ganz aufgeben können. Jetzt, wo er zum letztenmal zur Insel hinüberblickte, während Pieter das Boot mit kräftigen Schlägen über die stille, blinkende Fläche der Lagune ruderte – da sah er und die anderen mit ihm, wie die Büsche sich auf dem felsigen Ufer bewegten. Sie sahen – was Hendrik am allerersten Tag gesehen hatte – wie dunkle Gestalten sich hastig an den schlanken Palmenstämmen herunterschwangen. Da war eine, da waren zwei, da waren viele.

Die seltsamen Wesen liefen durch den Schatten des Abhanges in das weiße Sonnenlicht des Strandes hinaus.

Und sieh – als sie im vollen Licht standen, da waren es kleine, kurzbeinige Menschen mit langen Armen. Sie waren mit Rock und Weste bekleidet, und der eine hatte sich eine gestreifte Wolljacke um den schwarzen Kopf gewickelt.

Pieter ließ vor Staunen die Ruder sinken. Und bevor noch einer von ihnen Worte gefunden hatte, sahen sie, wie die Wesen die Arme nach ihnen ausstreckten; der, der die Wolljacke um den Kopf hatte, riß sie ab und schwang sie, wie Daniel seinen Hut geschwungen hatte.

Gleichzeitig gellte ein seltsamer Lachchor übers Wasser.

Die Sonnenbrüder aber erkannten im selben Augenblick ihre guten, alten Anzüge. Sie sahen sich an und wußten jetzt, wer ihre Sachen aus der Kiste gestohlen hatte.

Hendrik war der erste, der seine Sprache wiedergewann.

»Wir kamen zur Insel,« sagte er beschämt, »um nackt wie die ersten Menschen umherzugehen. Die Affen aber waren klüger. Während wir Gicht, Schnupfen, Magenkatarrh bekamen, gingen sie herum und ließen es sich in unseren verschmähten Anzügen wohl sein. Könnt Ihr hören, wie sie uns auslachen.«

Jakob starrte mit großen Augen auf einen kleinen schiefen und mageren Gesellen, der seinen guten, alten Rock trug und mit seinem ganzen Gebiß grinste. Es war ihm, als ob er ihn schon mal gesehen hatte. Ja, richtig – es war die Spukgestalt, die ihn vor Entsetzen von seinen Schlafpisangs fortgejagt hatte. Waren es vielleicht auch Affenweibchen gewesen, die er mit seiner Tingel-Tangelmusik zu sich herangelockt hatte, als er sich nach Eva sehnte?

Hendrik sagte nichts mehr. Er grübelte. Manches von dem rätselhaften Wesen der Insel wurde ihm plötzlich klar. Er dachte an den wunderbaren »Sonnenaufgang«. War es das Genie Koort, das ihn im Traum gemalt hatte – oder –

Er spähte hinüber, ob nicht auch das naseweiße Tier mit den häßlichen Zacken irgendwo am Strand saß und mit seinen glasklaren Augen grinste. Aber er konnte es nirgends entdecken.

Daniel gedachte der Stimme der Einsamkeit, die ihn verhöhnt, als er der Insel mit lauter Stimme seine ersten poetischen Kristalle kundgetan hatte. Aber er erzählte den anderen nichts davon und schlug es sich flugs aus dem Sinn.

»Es waren also doch Affen auf der Insel!« sagte Pieter Goy und ließ seine Ruder einen Augenblick ruhen.

Als sie das Riff erreichten und Pieter das Boot mit vorsichtigen Ruderschlägen längs des Schaumgürtels auf die Ausgangsstelle zubugsierte, sah er etwas Bretterwerk, das zwischen den Korallstöcken im Riff festgeklemmt war. Das Wasser schäumte darüber hin und her.

Pieter ruderte so nah heran, wie möglich, um das Bretterwerk näher in Augenschein zu nehmen.

Es sah aus wie der Deckel einer großen Kiste, Eisenstangen gingen quer darüber hin. Die Korallenäste hatten sich dazwischen geschoben und hielten es so fest, daß das Meer es nicht an sich reißen konnte.

Etwas davon entfernt ragte ein breites Holzstück aus den Korallen heraus. Buchstaben waren in das Holz eingebrannt.

Pieter konnte sie nicht deuten; Daniel aber las »Hagenbeck«. Da wurde es ihm klar, daß sie die Überreste eines Käfigs gefunden hatten.

Er behielt also doch recht. Die Affen waren nicht heimisch auf der Sonneninsel. Sie waren ebenso wie er und seine Freunde eingewandert. Das Schiff, das sie zu den zoologischen Gärten Europas bringen sollte, war gestrandet und das Riff hatte den Käfig zerschlagen; die Affen aber hatten sich an Land gerettet.

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.