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Van Zantens Insel der Verheißung

Laurids Bruun: Van Zantens Insel der Verheißung - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens Insel der Verheißung
publisherS. Fischer Verlag
printrun161. bis 170. Auflage
year1933
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071223
projectidcbd076ad
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Das Fell des Bären

Pieter hatte endlich ein Holz gefunden, womit er das Kanu ausbessern konnte. Er schnitzte sich Holzpflöcke mit seinem Taschenmesser, bohrte mit einem spitzen Stein Löcher und trieb sie statt Nägel hinein.

Je mehr die Arbeit fortschritt, desto eifriger wurde er. Als der Rumpf ausgebessert war, machte er ihn mit Bast und Lianen dicht, die er mit dem zähen Saft einer Palme, die er nicht kannte, einschmierte.

Nachdem er sich schließlich von der Wasserdichtheit des Bootes überzeugt hatte, war er stolz und glücklich und gönnte sich keine Ruhe, bevor er sich Mittel und Wege zu Riemen und Steuer, Mast und Segel ausgedacht hatte.

Er träumte des Nachts davon und vernachlässigte seine Büchse, saß meistens zu Haus und schnitzte oder flocht.

Wenn Hendrik zu der Zeit, wo er sonst unterwegs zu sein pflegte, angeschlichen kam, konnte er ihn schon von weitem bei der Arbeit singen und pfeifen hören.

Eines Morgens früh, als alles ganz still war, wagte Hendrik sich bis zum Abhang vor und ließ vorsichtig einen seiner Naturtriller ertönen.

Da erschien Evas Gesicht in der Tür mit allen Zeichen des Entsetzens. Sie hatte kaum Zeit ihm abzuwinken, bevor Pieter seinen runden Kopf durch die Tür der Hütte steckte – er war im tiefsten Morgennegligee – und nach dem Laut ausspähte, den er zu kennen meinte.

Hendrik versteckte sich noch rechtzeitig, während Eva mit dem unschuldigsten Gesicht von der Welt mit Pieter zusammen nach dem Vogel Ausguck hielt.

Hendrik Koort fluchte seinem bösen Geschick und gab die Versuche auf.


Am folgenden Sonntag, als sie ums Feuer saßen und Kaffee tranken, während Pieter mit seinem unzerstörbaren Seelengleichgewicht allein für die Unterhaltung sorgte, machte der Maler sich Daniels saure Schweigsamkeit und Jakobs Herzensseufzer zunutze.

»Brüder,« sagte er, »so kann es nicht weitergehen!«

Daniel und Jakob blickten hastig auf. Hendrik sah ihren Gesichtern an, daß er an einem Geschwür in ihrem Inneren gerührt hatte, und schnitt kühn drauf los.

»Die Sonneninsel trifft keine Schuld,« sagte er mit einem entgegenkommenden Blick auf den Herrn der Insel – »die Insel kann nicht besser sein, als sie ist, aber wir haben die Sache falsch angegriffen. Das sage ich, und dabei bleibe ich.«

Hendrik schlug sich zur Bekräftigung auf seine Schenkel und starrte festen Blickes vor sich hin.

Pieter sah von der Seite zu ihm auf und sagte unwillig:

»Warum kann es nicht so weiter gehen? Ich finde, es geht großartig.«

»Da haben wir es – Pieter findet, daß es großartig geht, während wir anderen fast verkommen vor Einsamkeit und Gicht und Leibschmerzen. Wenn auch der Staat und das große Tier vom Übel sind, so sage ich dennoch: der Mensch ist nicht dazu geschaffen, allein zu sein. Entweder verfällt er dabei der Faulheit und der Melancholie, oder er sieht Gespenster am hellichten Tage.

Und warum findet Pieter, daß es großartig geht,« fuhr er fort und heftete seinen Blick auf Goys rundes, glänzendes Gesicht, mit dem strohgelben Haar, das ganz lang geworden war und sich an den Ohren lockte.

Pieter schlug die Augen nieder, wurde rot und begann mit einem Stock im Feuer zu stochern.

»Weil er eine Pferdenatur hat und geschickter mit seinen Händen ist als wir; denn wir haben ja nicht von Kindesbeinen an Gläser gespült und Bier geschenkt und so. Für jemanden, der es in den Händen hat, ist es eine Kleinigkeit, sich eine ordentliche Hütte zu bauen, mit Schuppen und Vorratsschrank und Sonnensegel und Holzblock; wer es aber wie wir anderen im Kopf hat –«

Daniel hatte die Ohren gespitzt:

»Woher weißt du, wie es bei Pieter aussieht?«

Auch Pieter sah auf und fragte forschend:

»Ja, woher weißt du das?«

Jakob, der so viel zu verbergen hatte, beeilte sich hinzuzufügen, um nicht selbst in Verdacht zu kommen:

»Wie kannst du das so genau wissen, Hendrik?«

Da hab ich mich verlaufen, dachte der Maler und ärgerte sich. Jetzt ist es das beste, Farbe zu bekennen.

»Weil ich es mit meinen eigenen Augen gesehen habe, als ich eines Tages mit meinem Skizzenbuch unterwegs war – ach, das ist schon lange her!« beeilte er sich hinzuzufügen, um Eva nicht zu verraten.

Dann sprach er ausführlich von Pieters Herrlichkeiten, um Daniel und Jakob dorthin zu locken, wohin er sie haben wollte.

Beer blickte beschämt vor sich nieder, während Daniel den Kopf in den Nacken legte und dem Flug der Wolken folgte.

»Na, und was weiter?« fragte Pieter mißmutig, als Hendrik schließlich fertig war.

»Was weiter? – Da der Mensch nicht dazu geschaffen ist, allein zu sein, so müssen wir natürlich zusammenziehen. Und da es Pieter ein Leichtes ist, zu bauen und zu tischlern und zu kochen usw., so hat es doch wahrhaftig keinen Zweck, daß wir anderen uns mit Dingen abquälen, von denen wir nichts verstehen – Gott sei Dank – denn wir haben wichtigere Dinge im Kopf. Darum schlage ich vor, daß wir alle in die Nähe von Goys Hütte ziehen. Ich weiß nicht, ob du am Strand wohnst, Daniel – davon hast du nie etwas erzählt – und bei Jakob ist es wohl auch nicht zu verlockend. Bei Pieter aber, da ist ein Wasserfall und eine Felswand, die Schutz gewährt, und ein flacher Strand mit Schildkröten und ein weiter Blick über das Riff, und Fischfang. – Wie gemütlich könnten wir dort alle beisammen wohnen. Ich meine nicht, daß wir uns gegenseitig auf den Pelz rücken wollen. Hundert Schritte oder mehr müssen zwischen jedem sein. Aber ich sehe nicht ein, warum Pieter ein Patent auf den besten Wohnplatz der Insel haben soll!«

Pieter glühte vor innerer Erregung und der Schweiß brach ihm aus den Poren.

»Hast du gehört, Daniel?« sagte er weinerlich und wandte sich hilfeflehend an den Herrn der Insel, der noch immer weitab zu sein schien, »hast du gehört, was er sagt? – Haben wir nicht Einsamkeit gesucht? – Sind wir nicht dem Staat aus dem Weg gegangen – mit seinem Mein und Dein, seinem Sollen und Dürfen? Wollten wir nicht wie die ersten Menschen sein – mit – mit Früchten und Palmen – und überhaupt. Und kaum sind wir damit in Schwung gekommen, so wirft Hendrik die ganze Geschichte über den Haufen. Da hab ich mich die ganze Zeit mit meiner Arbeit und – meiner Einsamkeit – gefreut, und nun soll ich es büßen, daß Hendrik zu faul ist, sich ein ordentliches Haus zu bauen, und statt dessen mit seinem Skizzenbuch herumläuft.«

»Pieter,« sagte Daniel und betrachtete ihn mit strengen Blicken, »du redest von Dingen, die du nicht verstehst. Da du so geschickte Hände hast, solltest du froh sein, daß du auf einem Gebiet, das dir liegt, wirken und für andere arbeiten kannst. Da du dir schon längst das Deine besorgt und nichts mehr zu tun hast, so müßte es dich doch beglücken, eine ernste Aufgabe zu haben, ebenso wie wir anderen.«

»Ich habe nichts mehr zu tun?« fuhr Pieter auf, seine wunderbare Seelenruhe war jetzt ganz verschwunden. »Schieße ich vielleicht nicht Vögel für uns alle? Habe ich nicht die Fische gefangen, die ihr, eben verzehrt habt? Ich nichts zu tun? Oh, du lieber Gott, den ganzen Tag haben wir alle beide bis über die Ohren zu tun.«

»Alle beide?« Hendrik drang mit seiner gewölbten Stirn auf ihn ein – »wer sind alle beide?«

Verflucht! – Pieter wurde feuerrot vor Verlegenheit. Jetzt saß er in der Patsche.

»Hat Pieter sich vielleicht vermehrt?« fragte Hendrik neckend.

Jakob wagte nicht aufzusehen. Er war von seiner schuldbeladenen Mitwissenschaft bedrückt. Daniel aber erhob sich in seiner vollen Autorität, trat dicht an Pieter heran, bohrte seinen Adlerblick in Pieters scheu umherirrende Augen und sagte streng:

»Heraus mit der Wahrheit, Pieter Goy, wenn du es nicht mit uns verderben willst!«

Pieter saßen die Tränen im Halse vor Ärger und Scham. Wie bereute er jetzt, daß er sie nicht gleich vorgezeigt hatte!

Nachdem er alles erzählt und Daniel genau Rede und Antwort über Evas Alter und Aussehen gestanden und dabei den eigentlichen Grund, weshalb er sie seinen Brüdern verheimlichte, zu beschönigen versucht hatte, da sagte Hendrik mit vorwurfsvollem, traurigem Ton in seiner tiefen Baßstimme:

»Pfui, Pieter, wie konntest du das übers Herz bringen! Wir haben dich aus deiner langjährigen Knechtschaft in der Löwenhöhle befreit, wir haben Geldopfer für deine Reise und Aussteuer gebracht, wir haben uns deiner angenommen, um dich zu unserem Niveau emporzuheben. Und dann lohnst du es uns, indem du dir erst die Büchse aneignest –«

»Ihr wußtet ja doch nichts damit anzufangen,« wandte Pieter zaghaft ein und schnappte beschämt nach Luft.

»Und als der liebe Gott so gnädig war, ein junges, braunes Weib an unsere Insel zu schwemmen, da nahmst du auch sie für dich in Anspruch und hieltest sie vor uns geheim.«

»Ja, aber –«

Pieter wollte eine Einwendung machen; Hendrik aber unterbrach ihn scharf:

»Du willst doch nicht die freche Behauptung aufstellen, daß wir auch mit ihr nichts anzufangen wußten?«

Jakob schlug die Augen nieder und rieb errötend seine mageren Hände gegeneinander.

Pieter versuchte eine zornige Miene aufzusetzen; bevor er aber die richtigen Worte gefunden hatte, sagte Daniel, dessen Phantasie durch dieses seltsame Ereignis in lebhafte Schwingungen versetzt worden war:

»Alles, was an den Strand geschwemmt wird, gehört dem Herrn der Insel. Du hättest wissen müssen, daß das Mädchen mir zukam.«

Es gab ein großes Geschrei.

Selbst der friedliche Jakob, der die kurze Begegnung als eine der schönsten Erinnerungen seines Lebens aufbewahrte, fuhr in die Höhe und protestierte energisch. »Dir?« schrie Hendrik. »Gibt es vielleicht etwas hier auf der Insel, was Eigentumsrecht heißt? – Sind wir dem Staat entflohen, um einen neuen zu gründen, mit Mein und Dein, und Sollen und Müssen? – Das Mädchen gehört uns allen zusammen! Und ich kann sowohl dir wie Pieter Goy erzählen, daß ich mir bereits meinen Anteil genommen habe!«

Hendrik stellte sich kriegsbereit auf, die Hände in den Seiten. Jetzt war es heraus, und er war bereit, seinen Standpunkt gegen jedermann zu verteidigen.

Pieter hatte den Sinn seiner Worte nicht gleich erfaßt. Er betrachtete ihn von oben bis unten. Dann fiel ihm ein, daß Hendrik ihn bei dem Wort »wir« ertappt hatte. Und er erinnerte sich des Morgens, als er den Vogeltriller gehört, der denen des Malers so ähnlich war; alle diese kleinen Dinge warfen ein plötzliches Licht über gewisse, unerklärliche Schwingungen in Evas ehelicher Entwicklung, die er in letzter Zeit beobachtet hatte.

Plötzlich wurde ihm die ganze, beschämende Wirklichkeit klar.

»Da soll doch gleich –« fluchte er und ballte Hendrik seine Faust entgegen, »Donnerwetter, soll das Weib aber Hiebe kriegen!«

»Hiebe? – Willst du ein Weib schlagen, weil sie frei über ihre eigene freie Persönlichkeit verfügt? – Wir sind hier nicht in Amsterdam, mein Lieber! Wir sind freie, nackte Menschen, ohne Priester und Standesamt, ohne Staat und Polizei.«

»Ach, wären wir doch zu Hause!« jammerte Pieter, »da gibt es doch Recht und Gesetz für jedermann. Kein anständiges holländisches Mädchen würde so undankbar gehandelt haben. Aus dem Wasser hab ich sie gezogen und gespeist, als ob sie meinesgleichen wäre – und dann – dann –«

Pieter war mit seiner Kraft zu Ende. Der liebe Gott hatte ihm ein nacktes, braunes Weib geschickt, und er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, es zu einer Eva nach seinem eigenen Herzen zu erziehen, zu einem Weib, mit dem einem Mann in guten und bösen Zeiten gedient sein konnte. Und nun war es trotzdem wie in Groningen gegangen, daß der erste, beste –«

»Und wenn nun ein Kind kommt,« stammelte er in größter Erregung, »was sehr wahrscheinlich ist – soll das Kind dann vielleicht nicht mir gehören? Daniel, hörst du, was ich frage? – Ist es Recht und Gesetz, daß das Kind uns allen gehören soll?«

Daran hatte Daniel nicht gedacht. Das Kind war eine Konsequenz, die er nicht vorausgesehen hatte. Jetzt aber durchdachte er den Fall in aller Eile. Und das Kind gab den Ausschlag.

Er trat gebieterisch zwischen Pieter und Hendrik, die sich noch immer kriegerisch gegenüberstanden. Er wartete, bis die Gemüter sich etwas beruhigt hatten. Dann versammelte der Herr der Insel die Sonnenbrüder um sich und verkündigte das Urteil.

Es sollte so sein, wie Hendrik vorgeschlagen hatte. Sie wollten alle an Pieters Strand ziehen, weil er sich als der günstigste Wohnplatz erwiesen hatte. Jeder sollte sich nach Pieters Vorbild ein Haus bauen, zweihundert Fuß von einander entfernt, damit das Gesetz der Einsamkeit nicht verletzt würde. Pieter sollte wie bisher Büchse und Weib behalten; – letzteres jedoch nur, wenn sie ihn aus freier Neigung wählte, ohne Zwang und ohne Fessel, – denn es lag den Sonnenbrüdern fern, die freie Persönlichkeit eines Weibes zu kränken, selbst wenn es kaneelbraun und wild war. Dafür aber sollten Goy und sein Weib die Verpflegung übernehmen und das Essen zubereiten, während jeder seinen Fähigkeiten entsprechend zur Einsammlung von eßbaren Dingen beitragen mußte.

Und wollte es das Schicksal, daß ihr Staat – nein, nein, ihre Anzahl, durch ein Kind vermehrt würde, so solle dieses Kind Pieter gehören. Er allein solle wie ein Vater dafür sorgen und die volle Verantwortung für seine Entstehung tragen.

»Auch wenn es mit rotem Haar und Stirnbeulen geboren wird?« fragte Hendrik und sah Pieter Goy, der mit gesenktem Kopf dastand und das Urteil entgegennahm, schadenfroh an.

»Auch dann!« entschied Daniel und lächelte nicht.

Als es Abend werden wollte, wanderten die Sonnenbrüder auf Daniels Geheiß nach Pieter Goys Hütte, um die Bekanntschaft seines Weibes zu machen und nach gemeinsam verbrachter Nacht neue Wohnstätten zu wählen.

Pieter Goy hatte sich mit seinem Schicksal ausgesöhnt. Er erzählte von seinem fertig gebauten Kanu, und als die Sonnenbrüder den Bambushain passiert hatten und die Felswand in der Ferne auftauchte, da begann bereits, dank Jakobs Vermittlung, eine recht versöhnliche Stimmung zwischen Hendrik und Goy zu sprießen.

Im Halbdunkel kletterten sie den Zickzackpfad hinab; und als sie die Hütte zwischen den Bäumen auftauchen sahen, erhob Pieter in einer Art Vaterfreude seine Stimme und pfiff, wie er zu tun pflegte, wenn er von der Jagd zurückkehrte.

Eva aber zeigte sich nicht.

»Sie ist eine große Schlafratte!« sagte er entschuldigend und lief auf die offenstehende Tür zu.

Die Hütte war leer. Das Bett war leer. Als er auf den Hof kam, sah er, daß auch der Vorratsschrank leer war. Der Topf hing nicht mehr auf seinem Platz, und die Konservendosen, die als Hausgerät gedient hatten, waren verschwunden.

Da wurde er von einem furchtbaren Gedanken gepackt. Mit der Büchse in der Hand stürzte er zum Strand hinunter, wo er das Kanu gebaut hatte.

Auch das war verschwunden – mit Riemen und Steuer, mit Segel und Mast.

»Sie ist mit allem durchgegangen!« rief er und sank weinend in Hendriks Arme.

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