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Van Zantens Insel der Verheißung

Laurids Bruun: Van Zantens Insel der Verheißung - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens Insel der Verheißung
publisherS. Fischer Verlag
printrun161. bis 170. Auflage
year1933
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071223
projectidcbd076ad
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Pieter Goys Seelenstärke

Pieter sah einer frohen und hellen Zukunft entgegen. Er brauchte nicht mehr selbst Feuer anzumachen. Er hatte ein Weib, das Wasser trug, wusch, zu Hause blieb und die Hütte bewachte, wenn er auf die Jagd ging, das Vögel rupfte und Eingeweide ausnahm.

Er hatte jemanden, der seinem geringsten Wink gehorchte, seine Mückenstiche auf dem Rücken kratzte, ihn fächelte, wenn es heiß war, an dem er seine üble Laune auslassen konnte, wenn er schlecht geschlafen hatte oder verdrießlich war.

Sie zog wohl bisweilen ihre schwarzen Brauen zusammen und schmollte mit ihren dicken Lippen, aber ihm freche Antworten geben und sich gegen den Willen des Mannes auflehnen, wie es schlechter Frauen Art ist, das konnte und wagte sie nicht.

Kurz gesagt, sie diente ihm getreulich bei Tag und bei Nacht.

Pieter Goy vermißte sein geliebtes Amsterdam nicht mehr. Er hätte allerdings auch noch gern Hühner und Kaninchen gehalten, da sich das aber nicht gut machen ließ, so opferte er sich ganz und gar der Aufgabe, die Gott ihm anvertraut hatte, und machte Eva zu einer getreuen Helferin, nach dem alten holländischen Rezept, das er von seinen Vorfahren geerbt hatte.

Er vermißte es natürlich sehr, daß er niemanden hatte, der ihn beneiden konnte. Und als der Sonntag kam, bedauerte er, daß er sie nicht mit zum Versammlungsort nehmen konnte.

Er ermahnte sie mit Wort und Blick zu Wachsamkeit und Fleiß, trug ihr auf, die Matte fertig zu flechten, die er in Arbeit gehabt hatte, damit sie nicht auf sündhafte Gedanken käme und sich an Dingen vergriffe, die er an einem Ort versteckt hatte, den er das Magazin nannte. Er versuchte ihr durch Zeichen klarzumachen, daß es dort oben ein Auge gäbe, das über alles wache; sie aber mißverstand ihn und holte den Sonnenschirm, den er aus Pisangblättern gemacht hatte.

Schließlich gab er eine Verständigung auf diesem Gebiet auf und ging von dannen, während sie in der Tür stand und ihm nachblickte. Jedesmal, wenn er sich umsah, begegnete sein Auge ihrem ehrlichen Gesicht, dessen bekümmerter Ausdruck ihm unendlich wohltat.

Pieter hatte schon verschiedene trübselige Zusammenkünfte auf der Sonneninsel mitgemacht, diese aber schien ihm noch die traurigste von allen zu sein.

Vielleicht aber kamen ihm die anderen so sauertöpfig vor, weil er selbst so vergnügt war.

Jakob Beer war so heiser, daß er kaum ein Wort sagen konnte. Der furchtbare Wolkenbruch hatte die Pisangs geknickt, sein Dach eingedrückt und ihn und sein Bett unter Wasser gesetzt. Jetzt war der Schaden repariert, aber die Erkältung konnte er nicht los werden. Und was für den Krüppel das Schlimmste war: seine arme Violine hatte auch Regen bekommen und war ebenso heiser wie er.

Hendrik Koort pries die Herrlichkeiten der Insel in einem Ton, der Daniel abwechselnd rot und blaß machte und selbst den gutmütigen Pieter Goy in Harnisch brachte.

Hendrik hatte die ganze Nacht oben in seinem alten Nest zubringen müssen, weil sein hohler Baum voll Wasser gelaufen war. Und nicht genug, daß die Gicht ihn seitdem so geplagt hatte, daß er manchmal vor Schmerzen am liebsten laut geschrien hätte, sondern als er gegen Morgen einschlief, war er noch dadurch geweckt worden, daß ein Ast, den der Sturm geknickt hatte, ihm auf sein linkes Bein fiel, so daß es noch jetzt grün und blau war.

Daniel hatte keinen weiteren Schaden durch das Wetter erlitten, als daß der Sturm seine eine selbstgefertigte Jacke über die Bäume ins Tal entführte. Sie hatte zum trocknen zwischen einigen Zweigen gehangen und er hatte vergessen, sie zu bergen.

Pieter tröstete seine Brüder so gut er es vermochte. Er sprach aus seinem übervollen Herzen heraus von allem, was sie der Insel zu verdanken hätten. Er pries den Segen der Einsamkeit solange, bis selbst Daniel gereizt wurde und ihm befahl, den Mund zu halten.

Hendrik schielte ärgerlich zu Pieter hin und sagte:

»Hast du vielleicht das ganze Unwetter verschlafen, da du so vergnügt und zufrieden bist.«

Sie drängten sich um ihn, um zu hören, wie er so unbeschadet davongekommen sei.

Pieter erzählte mit strahlendem Gesicht von der fürchterlichen Nacht, wie sein Haus bedroht gewesen, und von dem Meer, das keinen Meter von seinem Haus entfernt gewesen sei.

Als er schließlich den Verlust der kostbaren Reuse erwähnte, als sei sie nur eine Kokosnuß, die das Meer ihm geraubt habe, – als er mit untergeschlagenen Beinen am Feuer sah und seinen selbstgemachten Tabak paffte, während es aus all seinen Grübchen lachte, weil er an das dachte, was das Meer ihm statt der Reuse gegeben hatte, – da wunderten sie sich alle über ihren alten Futtermeister und beneideten ihn um seine Seelenstärke.

Jakob Beer dachte an das gemütliche Heim mit Sonnensegel und Vorratsschlank. Er schlug die Augen schuldbewußt nieder, weil er fürchtete, daß die anderen ihm den heimlichen Ausflug vom Gesicht ablesen könnten.

Pieter ist aus purer Dummheit so vergnügt, dachte Hendrik, gelobte sich aber gleichzeitig, ihm einen heimlichen Besuch abzustatten, um ihm diese Kunst abzulauschen.

Daniel sah Pieter fest in die Augen und dachte an das gute Mittagessen, das er bei ihm bekommen hatte. Er vermied es, von seinem Besuch zu sprechen, obgleich er ja nur in einer gesetzmäßigen Angelegenheit, als Herr der Insel dort gewesen war.

Als Pieter schließlich mit seiner Sonntagsabgabe herausrückte, sagte er auch nichts von seinem Besuch und der Verabredung. Es sah aus, als seien es Geschenke. Da waren zwei hübsche Vögel für jeden und einen extra für Daniel, seines schwachen Magens wegen.

Hendriks saures Gesicht klärte sich auf. Er patschte Goy auf den Rücken und ließ zum erstenmal seit langer Zeit seine Naturtriller ertönen.

Jakob Beer strich mit seinen langen, dünnen Fingern über die weichen Federn und sprach gerührt vom Menschen, der der brutale Feind der Natur sei. Da fiel ihm ein, daß er Pieter damit kränken könne, der so gut gegen ihn gewesen war.

»Du glaubst doch nicht, daß ich dich meine, Pieter,« sagte er.

Pieter glaubte gar nichts, denn er hatte überhaupt nicht zugehört. Er dachte an Eva, und wie es ihr wohl in der Einsamkeit ergehen mochte.

Die anderen sollten ahnen –

Wenn er es nun sagen würde –?

Um Gottes willen – er war doch nicht verrückt.

Pieter aber konnte nicht länger an sich halten. Irgendwo mußte es heraus. Und während er die Suppe zubereitete, begann er plötzlich aus vollem Halse zu singen:

Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Dem sendet er ein liebend Weib!

Er wußte gar nicht, daß er das gute, alte Lied im Kopf hatte, bevor es ihm von selbst auf die Lippen gekommen war. Als er es aber erst mal bewußt sang, da freute er sich dessen sehr und wiederholte es immer wieder – dieselben Worte, denn mehr konnte er nicht.

Jakob war der einzige, der hörte, wie falsch Pieter sang. Die anderen sahen nur, daß ihr gutmütiger, gesetzter, ehemaliger Futtermeister ganz aus Rand und Band war.

Seine runden Augen traten ihm vor Entzücken aus dem Kopf, die Füße bewegten sich im Walzertakt, und seine Arme rundeten sich in der Luft, als ob er daheim in Groningen beim Schützenfest mit Marie zum Tanz antrat, bevor der Luftikus im Fahrwasser auftauchte.

So hatte noch keiner von den anderen ihn gesehen. Hendrik blickte ihn einen Augenblick verblüfft an. Dann lachte er, daß die Tränen ihm in den roten Bart liefen, stimmte mit ein, glitt an Mariens Stelle in Pieters geöffnete Arme und hopste mit ihm herum.

Daniel überlegte, ob es möglich sei, daß Pieter holländischen Schnaps auf die Insel geschmuggelt habe – oder ob es ihm vielleicht geglückt sei, heimischen Alkohol herzustellen, ebenso wie er sich Tabak bereitete.

Da er aber keine Lösung finden konnte, so kniff er die Augen zusammen und beschränkte sich darauf, das Phänomen zu studieren.

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