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Van Zantens Insel der Verheißung

Laurids Bruun: Van Zantens Insel der Verheißung - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens Insel der Verheißung
publisherS. Fischer Verlag
printrun161. bis 170. Auflage
year1933
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071223
projectidcbd076ad
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Zwanzigstes Kapitel

Die poetischen Kristalle

Jeden Morgen, wenn Daniel in seiner hochgelegenen Wohnung erwachte, stellte er sich vor seine Burg und wandte sich der Sonne zu, um sein Reich von neuem in Besitz zu nehmen.

Aber er vermißte etwas.

Es gab genug stolze Bäume, über die er hinwegblicken konnte; aber sie waren stumm, und er war nicht sicher, ob sie seinen Blick auch richtig verstanden.

Es war niemand da, an dem er sich reiben, niemand, den er hassen, niemand, dem man Böses nachsagen konnte – kurz gesagt: er vermißte das große Tier.

Was sollte er sprengen? – Wem sollte er das große, unbeschnittene Ich zurückgeben?

Es gab Weiten genug, aber niemanden, über den er sich erheben konnte. Und das machte ihn klein.

Er lauschte der Sprache der Tiere und notierte sich dies und jenes; aber die ursprünglichen, ausdrucksvollen Lautzeichen, von denen er sich so viel versprochen hatte, ließen ihn völlig im Stich. Sobald er zu fragen begann, schwiegen sie hartnäckig still.

Daniel grübelte und litt, weil er den trägen Widerstand der Insel nicht zu brechen vermochte.

Als er eines Morgens nach einem tiefen Schlaf, mit frischen Kräften erwachte, sagte er sich selbst:

»Du mußt der Natur dichter auf den Leib rücken, wenn sie sich dir offenbaren soll. Du mußt mit ihr kämpfen. Die Natur ist ein Weib, mit einem tiefen Geheimnis hinter verschlossenen Lippen.«

Was hatte er doch noch so echt Danielsch in seinem kleinen verunglückten Drama – »Der Schoß der Natur« –, das die Räuberburg so schmählich verunstaltete, geschrieben:

»Es liegt ein Schloß vor dem Schoß, aber es ist weder feuerfest noch diebessicher.«

Er mußte die Odyssee der Menschheit von vorn beginnen, mußte das ganze Stück sozusagen vom Blatt spielen – vom Feigenblatt.

»Vom Feigenblatt bis zum Smoking – und wieder zurück!«

Das war ein glänzender Titel. Er ließ ihn mit einem Seufzer fallen. Denn die Zeit war ja vorbei, wo er dem großen Tier kleine boshafte Bettellieder vorträllerte.

Jetzt sollten Silberposaunen aus seinem Dichteratem erklingen.

Und Daniel machte sich zu einem Robinson. Er schnitzte sich Pfeil und Bogen, und zwar nicht nur aus Romantik allein, sondern auch der vielen kleinen behenden Vögel wegen, die die launenhafte Insel über seinem Kopf hervorlächelte und die mitten in der Kasteiung entschwundene Fleischerinnerungen in ihm wachriefen.

Der Tag, an dem er ein kleines verirrtes Taubenweibchen tötete, das das Opfer ihrer Neugierde wurde, war einer der festlichsten in seinem neuen Dasein.

Er blickte ihr lange in die gebrochenen Augen, strich ihr sanft über die weichen Federn, die von dem rinnenden Blut zusammenklebten, verfluchte in einem Gedicht »Kleine Schwester du –« die Bruderhand, die sie grausam ihres Lebens beraubt hatte, und aß sie wehmütig in einer herrlichen Suppe, die mit Yamswurzeln und unreifen Bananen gekocht war.

Am selben Nachmittag brachte er ein anderes Gedicht in Gestalt einer Jacke zur Welt, die aus feinstem Gras geflochten war. Sie umschloß seine Rippen wie einen Panzer und ersetzte ihm vollständig Hendriks Wollhemd, das jetzt, wie verabredet, gewaschen werden und in andere Hände übergehen sollte.

Nachdem Daniel an diesem Abend seine Zugbrücke heraufgezogen und, wie es seine Gewohnheit war, in alle vier Windrichtungen nach den Wilden, die den Raub begangen, ausgespäht hatte, fühlte er mehr als je, daß er Herr der Insel sei.

Jetzt fängt es an, dachte er bei sich. Er merkte, wie die poetischen Kristalle sein Gehirn kitzelten, und beschloß, mit seinem großen Poem zu beginnen.

»Die Stimme der Einsamkeit« sollte es heißen.

Schon am nächsten Tage, während seine Robinsonhände ein Tau aus dünnen Lianenschnüren flochten, umkreiste die Poesie ihn auf leisen Füßen; und bevor es Abend wurde, hatte er den ersten Abschnitt vollbracht.

»Der Herr der Insel« hieß er und besang Daniel in übernatürlicher Größe.

Er war stolz und froh darüber; in seinem ersten Schöpferglück sandte er dem großen Tier in Amsterdam einen sehnsuchtsvollen Gedanken; aber er ertappte sich selbst darauf, höhnte sich deswegen und verschmähte es sogar, um den Beifall seiner Kameraden am kommenden Sonntag zu buhlen.

Während die Sonne güldenrot in dem Schoß der fernen Palmen versank und alles Lebende sich streckte, um die letzten Strahlen zu erhaschen, während die Vögel sich lauschend auf ihren Bettrand setzten und die Federn für die Nacht zurechtzupften, stand Daniel mit erhobenem Haupt vor seiner Steinburg, den Blick auf die glühenden Palmenwipfel geheftet, und tat der Insel sein Herrngedicht kund.

Kaum aber war die letzte Strophe von seinen Lippen verklungen, da war es, als ob jemand drüben zwischen den Büschen lachte.

Er vergaß den Atem einzuziehen. Es lief ihm kalt über den Rücken – aber nur einen Augenblick. Dann ergriff er Pfeil und Bogen, schritt über den offenen Platz und stand ganze zehn Minuten mit gespannten Nerven vor dem Gebüsch auf Wache.

Jetzt, wo die Kristalle angefangen hatten, sich abzusondern, wollte er sein Leben nicht billig hergeben.

Es zeigte sich aber nichts, und Daniel legte sich wie ein Held zur Ruhe. Er war überzeugt, daß es die Stimme der Natur gewesen sei, die ihren Protest gegen sein Herrngedicht herausgelacht habe.

Es war die Stimme der Einsamkeit, die ihm geantwortet hatte, sie, die er bezwingen wollte.

Jetzt sehnte er sich aber ernstlich nach seinen Kameraden, und wenn es auch nur Pieter Goy wäre. Nicht aus Furcht vor der Einsamkeit – Daniel fürchtete sich nie – sondern um ihnen das Große und Furchtbare mitzuteilen, daß die Natur ihn mit ihrem Protest beehrt habe.

Als er am nächsten Morgen nach einer unruhigen, traumschweren Nacht erwachte, warf er erst einen vorsichtigen Blick auf die Strickleiter, ob sie auch von keinem berührt sei. Er ließ seine Augen um den Horizont herumwandern, bevor er sich aus seiner Burg hervorwagte, wappnete sich mit Pfeil und Bogen und durchsuchte das Gebüsch.

Wenn es nun garnicht die Natur, sondern die Wilden gewesen waren, die ihn gestern verhöhnt hatten, so war sein armseliger Bogen eine schlechte Waffe.

Das Herrschergefühl sickerte langsam in ihm herab, vom Herzen in den Magen und ganz bis in die Knie, wo es sich festsetzte.

Im selben Augenblick schlug ein ferner Schuß an sein Ohr. Seine Knie fingen an zu zittern. Dann aber schoß ihm das Blut in die Wangen.

Das war ja Pieter Goy. Er hatte die Büchse für die Nachtwache gebraucht. Und jetzt erinnerte Daniel sich, daß er vergessen hatte, ihm zu sagen, die Waffe wieder zu den anderen Sachen zu legen.

Pieter hatte also nach Herzenslust die ganze Woche gepafft, während er – der Herr der Insel – sich mit einem armseligen, selbstgefertigten Robinsonbogen begnügen mußte.

Daniel wurde zornig und beschloß, ihn sofort aufzusuchen.

Nicht, weil er ein Bedürfnis nach Menschen hatte, nicht, weil er sich fürchtete, er, der die Einsamkeit ja gerade liebte und ihr sein großes Gedicht widmen wollte, noch viel weniger, weil er sich dachte, daß Pieter Vögel und anderes herrliches Wild geschossen habe – sondern einzig und allein, weil er sich bis ins Tiefste darüber empörte, daß Pieter sich an dem Gesetz verging, und weil er es als seine Pflicht ansah, Pieter Goy zu belehren, wer der eigentliche Herr der Insel sei.

Daniel begab sich sofort auf den Weg. Als er vom Versammlungsort aus endlich Goys Haus erreichte, war es gerade Mittagszeit.

Pieter war just im Begriff, die letzte der Konservendosen, die er als Belohnung für seinen Nachtdienst mitgenommen hatte, zu öffnen; da hörte er ein Geräusch und sah Daniel in höchst eigener Person von der Felswand herunterblicken.

Als der Herr der Insel schließlich vor ihm stand, blickte sein Antlitz streng und düster.

Goy beeilte sich, ihm alles zu zeigen, was er besaß, Haus und Schuppen, Vorratsschrank, Sonnensegel und Fischreuse; das alles aber vermochte den Herrn der Insel nicht zu besänftigen. Im Gegenteil. Und als Daniel schließlich der Büchse ansichtig wurde, bat er sich eine Erklärung über sie aus und ebenfalls über die Dosen, von denen er fünf zählte, die jetzt Dienste als Hausgerät taten.

Goy bekam einen roten Kopf und meinte harmlos, daß von einer Rücklieferung keine Rede gewesen sei. Er beeilte sich, Daniel eine selbstgerollte Zigarre anzubieten und lud ihn zum Mittagessen ein. Als aber alles nichts nützte, blies er seine dicken Backen auf, stemmte die Hände in die Seiten und sagte, daß die Dosen ebensogut ihm gehörten, wie den anderen. Daniel habe ja selbst gesagt, daß das Eigentumsrecht einer der schlimmsten Schäden der menschlichen Gesellschaft sei.

Da lächelte Daniel in seiner Überlegenheit.

»Ganz recht,« sagte er, »und darum darfst du auch die Büchse nicht für dich allein behalten.«

Pieter besann sich einen Augenblick. Dann wurde es ihm auf einmal klar, daß Daniel ihm die Büchse nicht gönne. Er hatte ihn natürlich schießen hören und wollte selbst etwas Gutes für seinen Magen haben.

»Das ist wahr,« sagte er scheinheilig, »daran hab' ich nicht gedacht. Ich meinte, es sei Sünde, sie verrosten zu lassen. Aber wenn jemand Nutzen davon haben soll, so bist natürlich du es, der eigentliche Herr der Insel. Bitte!«

Er reichte Daniel die Büchse. Im selben Augenblick sah er im Gebüsch über der Felswand ein Taubenpärchen Verstecken spielen.

»Sst!« flüsterte er, »sieh die Tauben dort oben. Schieß sie, dann wollen wir einen ordentlichen Schmaus halten!«

Daniel blickte in die Höhe. Er hatte noch nie im Leben eine Büchse abgeschossen; aber er schämte sich, es zu bekennen, und legte die Büchse gegen die Backe, wie er es bei anderen gesehen hatte.

Aber er drückte das verkehrte Auge zu, auch war es ihm nicht ganz geheuer, den Schuß so dicht am Ohr zu haben; er hatte gehört, daß man dabei eine ordentliche Ohrfeige wegbekommen könne; und wenn er fehlschoß, würden die Vögel davonfliegen und ein delikates Mittagessen zum Teufel gehen.

»Ich bin schon so lange aus der Übung,« flüsterte er und reichte Pieter die Büchse, »und ich seh' auch nicht scharf. Schieß du lieber.«

Pieter schoß und bekam sie alle beide.

Daniel beruhigte sich; und während Pieter die Tauben geschäftig zubereitete – sein Mund stand keinen Augenblick still dabei – besänftigte sich sein Gemüt.

Da Hendrik und Jakob ebenso schlechte Schützen waren wie er, so meinte er, daß man Pieter die Büchse ruhig lassen könne, die ja übrigens in dem alten Staat auch ihm gehört hatte. Dafür aber sollte Pieter ihnen allen eine Sonntagsabgabe an Vogelwild liefern.

Daniel schien zu vergessen, daß Fleischnahrung verboten und nur für den Notfall da sei. Goy dachte wohl daran, aber er hütete sich, ihn daran zu erinnern.

Im Gegenteil, er beeilte sich, ihn beim Wort zu nehmen und die Verabredung festzuhalten; und als er gegen Abend von ihm Abschied nahm, nachdem er ihn noch ein großes Stück begleitet hatte, war Daniel so sanft gestimmt, wie er ihn noch nie gesehen hatte.

Der Herr der Insel gelangte schließlich zu seiner Steinburg zurück; sein Arm war totmüde von all dem Wild und anderen guten Sachen, die Pieter ihm als Vorschuß auf die Sonntagsabgabe mitgegeben hatte.

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