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Van Zantens Insel der Verheißung

Laurids Bruun: Van Zantens Insel der Verheißung - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens Insel der Verheißung
publisherS. Fischer Verlag
printrun161. bis 170. Auflage
year1933
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071223
projectidcbd076ad
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Siebzehntes Kapitel

Das Auge der Einsamkeit

Als Jakob endlich wieder seinen Blick auf die Wirklichkeit richtete, betrachtete er voller Staunen die vier Pfähle, die sich fragend in die Höhe reckten.

»Was in aller Welt haben die zu bedeuten?« dachte er. Dann erinnerte er sich, daß er sich ein Haus hatte bauen wollen, ebenso warm und geschützt wie Pieter Goys.

Aber er hatte keine Lust, die Arbeit fortzusetzen. Jetzt, wo er das einzige gefunden hatte, was auf ihn wartete, die Sinfonie, erschien ihm alles andere überflüssig.

»Du eignest dich doch nicht zu praktischer Arbeit,« dachte er und gab es mit einem Seufzer auf.

Er war müde, hatte Kopfschmerzen und starrte in den Laubhimmel hinauf, wo es bereits zu dunkeln begann.

Die Vögel schwiegen. Kein Luftzug rührte sich. Die Blätter hingen ganz still, als lauschten sie mit verhaltenem Atem.

Während er in der tiefen Stille dalag und die Tonträume vergeblich von neuem heraufzubeschwören versuchte, wurde er plötzlich von einer tiefen Beklemmung befallen.

Es war, als ob eine Gefahr in seiner Nähe lauere. Er richtete sich auf dem Ellbogen auf und blickte sich erschrocken um.

Die Stämme aber standen unbeweglich da, mit der leeren Dämmerung zwischen sich.

Er redete sich selbst beruhigend zu, aber es half nichts. Die Beklemmung verließ ihn erst, als er aufgestanden war und die Büsche ringsherum untersucht hatte.

Am nächsten Morgen erwachte er mit einem gehörigen Hunger. Er eilte zur Kokospalme und sammelte die Nüsse, die im Laufe der Nacht heruntergefallen waren; Saft und Kern aber sättigten ihn nicht. Dann ging er zu den Brotfruchtbäumen, wo er neulich die Vogeleier gefunden hatte. Hart am Stamme, von dem dichten Laub der Schlingpflanzen verdeckt, hatte er die fast kugelrunden Nester gesehen.

Er durchstöberte das Laub lange vergeblich mit seinen dünnen Fingern; da flatterte plötzlich ein schreiender Vogel über seinem Kopf.

Er guckte nach oben und sah, daß er zu niedrig gesucht hatte. Weiter oben liefen dünne Streifen von Vogelschmutz an den Stämmen herunter.

Er klammerte sich an die zähen Stengel der Schlingpflanzen und kletterte hinauf, bis er die weißen Streifen erreichte. Im selben Augenblick war die Luft voll von schreienden Vögeln, die so groß wie Tauben waren. Sie schwirrten um seinen Kopf und schrien mit weitgeöffneten gelben Schnäbeln, aber sie wagten sich nur bis auf Armeslänge an ihn heran.

Hier unter dem Laub waren die Nester so dicht beieinander, daß er nur die Hand auszustrecken brauchte, um sich zu versehen.

Jakob taten die schreienden Mütter, die dort in der Luft hingen und mit ihren dunkelblauen Flügeln schlugen, leid. Er hätte sich herzlich gern mit einem Ei aus jedem Nest begnügt. Aber die Öffnung der Nester war dem Stamm zugekehrt und nicht groß genug, um die Hand hineinzustecken, so daß er gezwungen war, das ganze Heim zu zerstören.

Er nahm so viele, wie er tragen konnte. Um jeden Baum saß in Manneshöhe ein Gürtel von Vogelschmutz, als habe ein Maurer oben die Äste geweißt und mit seinem Pinsel gespritzt.

Jakob holte Wasser aus dem kleinen Teich in der Lichtung, zündete Feuer an und kochte seine Eier. Wohl wurden sie etwas hart, aber sie schmeckten dennoch herrlich, mit frischer Kokosmilch und halbreifen Bananen.

Es erging ihm wie gestern. Gegen Mittag stimmte die Natur ihre Vogelkehlen, Palmenfinger, Pisangblätter, Insektenflügel. Dann wurde mit vollem Orchester gespielt, während Jakob mit offenem Mund und halbgeschlossenen Augen lauschte.

Nach dem Mittagessen begann er über seine große Sinfonie, »Die Natur«, zu sinnen, nahm seine Violine zur Hand und tastete über die Saiten, während die Vögel schwiegen und ihm erstaunt zuhörten.

Als er schließlich ermattet aus dem Tonreich in die Wirklichkeit zurückkehrte und sich ins Gras streckte, den Blick auf den Laubhimmel gerichtet, da überkam ihn dieselbe seltsame Beklemmung wie gestern.

Er fuhr in die Höhe, überzeugt, daß irgend etwas zwischen den Stammen es auf ihn abgesehen habe.

Da wurde ihm plötzlich klar, daß es die Einsamkeit sei, die ihn mit ihrem starren Auge anblickte. Er begann laut mit sich selbst zu sprechen, um sie zu vertreiben. Es war kein Echo da, dennoch schien der Wald seine Worte zu wiederholen und sie mit entstellter Stimme wiederzugeben.

Er ging zeitig schlafen, lag aber lange wach und lauschte angstvoll den geheimnisvollen Lauten, die die Nacht über den Schlaflosen herabträufelt.

Auf diese Weise vergingen mehrere Tage.

Solange er in seinem Tonreich war und auf der Violine nach seiner Sinfonie tastete, war er glücklich. Kaum aber ergriff die Umgebung von ihm Besitz, so begann die Einsamkeit ihn anzustarren, bis sich ihm das Herz in unwillkürlicher Angst zusammenzog.

Eines Abends wurde er von rasender Sehnsucht nach seinen Kameraden gequält, aber es war erst Donnerstag und noch zwei ganze Tage und drei lange Nächte standen ihm bevor.

Am Freitag wurde es noch schlimmer.

Er erwachte schon morgens mit der Beklemmung im Herzen. Gleich nach dem Frühstück fing er an zu spielen, um seinen eigenen Gedanken zu entfliehen. Er spielte eifrig drauf los, alte und neue Sachen; aber er war sich die ganze Zeit darüber klar, daß er nur spielte, um sich selbst zu vergessen, und darum glückte es ihm nicht.

Als er schließlich mit Schweiß auf der Stirn die Violine sinken ließ und trostlos durch die Stämme starrte, da fuhr er voller Entsetzen in die Höhe.

Denn ihm war, als habe er seine eigene kleine, schiefe Gestalt in seinem guten, alten Rock um einen Baumstamm schlüpfen sehen.

Lange saß er blaß und unbeweglich da und starrte hinter der Erscheinung her, während das Herz ihm in der Brust hämmerte.

»Du scheinst den Verstand verloren zu haben!« dachte er. »Die Einsamkeit hat dich verrückt gemacht.«

Im nächsten Augenblick stürzte er zu seinem Schlafpisang. Ohne weiter über seine Handlung nachzudenken, steckte er einige Bananen zu sich, füllte eines der kugelrunden Nester mit Eiern und stopfte sie sich auf die Brust; darauf verbarg er seine Früchte und Habseligkeiten unter der Wolldecke und dem Rucksack. Nur von der Violine konnte er sich nicht trennen und hing sie sich mit dem Kasten über den Rücken.

Ohne einen Blick zurückzuwerfen, eilte er durch das Gehölz auf die Lichtung zu, stand eine Weile, bis er die Richtung gefunden hatte, und ging dann denselben Pfad zurück, den er sich zum Versammlungshaus unterm Abhang gebahnt hatte.

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