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Van Zantens Insel der Verheißung

Laurids Bruun: Van Zantens Insel der Verheißung - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens Insel der Verheißung
publisherS. Fischer Verlag
printrun161. bis 170. Auflage
year1933
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071223
projectidcbd076ad
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Vierzehntes Kapitel

Räuber im Wald

Nach Mittag hörte die Sonne wieder auf zu scheinen und von neuem zogen dicke Regenwolken von Norden über die Insel. Ein kühler Wind strich in langen Stößen durch die Baumwipfel.

Jakob Beer zog seine spitzen Knie in die Höhe und begann so gottsjämmerlich zu husten, daß es Pieter Goy ins Herz schnitt.

Daniel erhob sich und machte Turnübungen, während Hendrik zu singen begann, um sich warm zu halten.

Pieter stocherte im Feuer herum, aber es war schon längst ausgegangen. Er hatte seit einigen Tagen einen Schnupfen, den er schon überwunden glaubte, aber jetzt fing seine Nase wieder an zu laufen. Hendrik rieb sich über den Lenden, wo seine Gicht saß. Daniel legte seine Hände über den Leib, um ihn zu wärmen. Seit er Diarrhöe gehabt hatte, war es immer, als habe er einen Eisklumpen im Leibe; aber er war zu stolz, um sich etwas anmerken zu lassen, und wartete, daß die anderen sich zuerst über die Kälte beklagen würden.

Goy lag auf dem Rücken und starrte in die schweren, ziehenden Wolken. Er träumte sich nach Amsterdam zurück und dachte, wer wohl seinen Platz im Café geerbt habe. Wenn es dort auch düster und muffig war, so war es andererseits immer herrlich warm gewesen.

Wie er so lag und träumte, fiel ihm ein großer, schwerer Tropfen auf die Nase. Er blickte sich um, streckte prüfend die Hand aus, lauschte und – –

Ja, ganz recht. Jetzt bekam er einen Tropfen auf die Hand und wieder einen ins Gesicht.

Er erhob sich und sah sich nach den anderen um.

Beer schlief mit offenem Mund, die Arme um die Knie geschlungen. Trotz des festgewachsenen Lächelns sah sein Gesicht so leidend aus, daß es Pieter von neuem ins Herz schnitt.

Er warf einen Blick auf Daniel; der aber saß in sein Tagebuch vertieft, mit dem Bleistift in der Hand, und hatte noch nichts vom Regen gemerkt.

Hendrik dagegen schob die breiten Schultern in die Höhe, schloß das Hemd fest am Hals und rückte unter den Busch; Goy aber konnte seinen dicken Lippen ansehen, daß er vor sich hinfluchte.

Da wurde Jakob Beer von einem neuen Hustenanfall geweckt, der ihm das Blut in die Wangen trieb. Er sah sich mit einem hilflosen Ausdruck in seinen großen, klaren Augen um, während das Lächeln sich in Schmerz verzog.

Jetzt konnte man es auf dem Laub tröpfeln hören und im nächsten Augenblick fing es so heftig an zu regnen, daß man die Strahlen zwischen den Stämmen sah.

Da konnte Pieter Goy nicht länger an sich halten.

»Daniel!« sagte er und pflanzte sich vor dem Herrn der Insel auf, »würdest du es nicht angebracht finden, daß wir unsere guten, warmen Kleider wieder anziehen? Ich habe einen Mordsschnupfen und Jakob friert und hustet, daß es einem ordentlich ins Herz schneidet.«

Obgleich Daniel einen Eisklumpen im Magen hatte und sich bitterlich nach seinem warmen Rock sehnte, den er neulich feierlich abgelegt hatte, wollte er doch nicht in die Klagen über die Insel einstimmen, für deren gute Eigenschaften er sich als ihr Herr und Entdecker verantwortlich fühlte.

»Du siehst schlecht aus, Jakob!« sagte er, »friert dich?«

Jakob lächelte und kauerte sich zusammen. Er sagte nichts; aber das war auch überflüssig. Man konnte sehen, wie ihm die Zähne im Mund zusammenschlugen.

»Man muß auch nicht so still dasitzen und vor sich hinglotzen,« sagte Daniel und stand auf, »das widerspricht der ursprünglichen Natur des Menschen.«

Jakob Beer heftete seine klaren Augen auf Daniel und lächelte.

Er war so sehr an Leiden gewöhnt, daß er weiter nicht darüber nachdachte. Er hatte sich daran gewöhnt, seine Zuflucht zu den Träumen der Töne zu nehmen, so wie andere sich mit Opium oder Morphium betäuben.

Daniel blickte zum Himmel hinauf – es war kein Fleckchen Blau zu sehen –, dachte an seinen schönen warmen Mantel und sagte schließlich:

»Obgleich ich nicht dafür bin, festgesetzte Bestimmungen umzustoßen, so sehe ich doch ein, daß wir mit Rücksicht auf Jakobs Gesundheit unseren Vorsatz vorläufig aufgeben müssen, uns in Übereinstimmung mit dem Klima der Sonneninsel zu kleiden. Wenn man es genau überlegt, beruhen der Staat und die menschliche Gesellschaft ja auch nicht eigentlich auf der Bekleidung. Ich finde also, daß es bis auf weiteres jedem gestattet sein mag, so viel von seiner alten Bekleidung anzulegen, wie er es für gut befindet – ich meine, wie seine Gesundheit es erfordert.«

»Famos!« schrie Goy und eilte auf Jakob zu, um ihm beim Aufstehen zu helfen.

Hendrik kam unterm Busch hervor.

»Au, verflucht!« sagte er unwillkürlich und rieb sich den Rücken. »Ich hab' Gicht bekommen, weil ich heut morgen zu nah ans Feuer gerückt bin. Jetzt muß ich mich wohl auch dazu bequemen, etwas Warmes anzuziehen.«

Daniel kämpfte innerlich einen Kampf; bevor er aber mit den anderen die Öffnung der Höhle erreicht hatte, bekannte auch er:

»Es ist merkwürdig,« sagte er, »wie so eine Diarrhöe an den Kräften zehrt. Mein Magen will gar nicht wieder warm werden. Ich glaube wirklich, daß Goy recht hat. Man muß zu Anfang etwas vorsichtig sein, bis man sich an die neuen Verhältnisse gewöhnt hat. Ich glaube, auch ich werde meine alte Bekleidung wieder anziehen.«

Pieter Goy war wie gewöhnlich voran, wenn es Arbeit galt.

Während der Regen auf seinen breiten Rücken klatschte, schob er die Kiste mit dem Proviant vom Eingang fort. Kaum aber war er in die Höhle hineingekommen, als ihm ein Laut der Überraschung entfuhr und er sich wieder am Eingang zeigte.

»Jemand ist bei den Kisten gewesen!« sagte er und sah prüfend vom einen zum anderen. Aber keinem war ein böses Gewissen anzusehen.

»Weißt du nicht mehr, Daniel, wir beiden haben das Zeug verpackt!«

»In der grünen Kiste.«

»Ja, in der grünen; und wir haben sie doch hinterher abgeschlossen, nicht?«

»Ja – und Steine auf den Deckel gelegt, um ihn herunter zu pressen, damit keine Feuchtigkeit hineindringen kann.«

»Ja, denn sie war übervoll. – Kommt her und seht: die Steine liegen auf der Erde und das Schloß ist geöffnet.«

Sie drängten sich im Eingang und beugten sich vor, um zu sehen. Dann richteten sie sich wieder auf und betrachteten sich gegenseitig mit Mißtrauen.

»Kreuzbomben noch eins, ich bin es nicht gewesen!« sagte Hendrik beleidigt.

Jakob sah Daniel mit großen, erschreckten Augen an:

»Du glaubst doch nicht, daß ich es gewesen bin?«

»Laßt uns nachsehen, ob etwas fehlt!« sagte Daniel und schubste die anderen beiseite.

Goy folgte ihm.

Die Kiste fühlte sich so unheimlich leicht an, als sie sie ins Licht rückten. Dann hoben sie den Deckel ab.

Im selben Augenblick rief Pieter:

»Da hört doch verschiedenes auf!«

Es waren weder Jacken noch Westen noch Beinkleider da.

Daniel erbleichte und suchte mit nervösen Händen ganz bis auf den Grund.

Da faßte er etwas, zog es heraus und hielt es ins Licht. Es war eine wollene Unterjacke und zwei Paar Unterhosen von Hendrik Koorts bekannten schwarz und weiß gestreiften.

Das war alles, was sich in der Kiste fand.

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