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Van Zantens Insel der Verheißung

Laurids Bruun: Van Zantens Insel der Verheißung - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens Insel der Verheißung
publisherS. Fischer Verlag
printrun161. bis 170. Auflage
year1933
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071223
projectidcbd076ad
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Elftes Kapitel

Die erste Zusammenkunft

Der erste Sonntag brach mit bewölktem Himmel und kühler Luft an.

Nachts hatte es geregnet. Daniel war in seiner Burg davon aufgewacht, daß es durch das Segeltuch seines Rucksacks auf ihn herunterregnete.

Jetzt war die Sonne im Begriff aufzugehen. Der helle Schein der Dämmerung kämpfte mit den schweren Regenwolken, die über dem Ozean davonzogen.

Er schüttelte sich vor Kälte und kroch eiligst aus seiner Burg, um sich etwas Bewegung zu machen und seine steifen Glieder zu rühren.

Während er auf dem freien Platz vor seiner Behausung auf und ab rannte, mußte er unwillkürlich an den kleinen, düsteren Kanal unter seinem Fenster in Amsterdam denken, wo er so oft das Spiegelbild des grauenden Tages gesehen und trostlos in einen trostlosen Himmel gestarrt hatte, während er sich selbst fragte, ob es sich überhaupt lohne aufzustehen, um von neuem einen langen Tag den aussichtslosen Kampf mit der modernen Gesellschaft zu kämpfen.

Er strich hastig die bösen Erinnerungen aus seinem Gedächtnis, besann sich mit Freuden darauf, daß es endlich Sonntag geworden sei, bedeckte die Öffnung seiner Höhle mit einer Türmatte, die er aus Lianen geflochten hatte, und machte sich schnell auf den Weg.

Der Weg war nicht schwer zu finden. Er brauchte nur dem Pfad zu folgen, den er selbst durch den Wald gebahnt hatte und der durch die durchschnittenen, schlaffhängenden Lianenschnüre kenntlich war.

Es fror ihn in der frischen Morgenluft und er schritt so schnell aus, daß die Uhr erst halb Zehn war, als er den Versammlungsort, den Abhang über der Höhle, wo die Kisten verborgen standen, erreichte.

Ei wollte gerade zur Höhle hinunterklettern, als er ein Rascheln im Laub hörte und Pieter Goys derbe Erscheinung im Halbdunkel der Stämme auftauchen sah.

Er setzte sich gemächlich auf den Abhang, baumelte mit den Beinen, pflückte einen Grashalm und stocherte sich damit die Zähne.

»Hallo!« rief Pieter ihm aus dem Wald zu.

Daniel winkte ihm zu, blieb aber ruhig sitzen. Er war ja Herr der Insel.

Pieter Goy kam jetzt ins volle Tageslicht hinaus, rot und verschwollen in seinem runden Gesicht, den Rucksack auf dem Nacken, genau so, wie er vor einer Woche ausgewandert war.

»Warum hast du dein ganzes Gepäck mitgebracht?«

»Ich werde doch nicht so dumm sein, es liegen zu lassen. Es ist ja mein ganzes Hab und Gut.«

»Wer sollte es wegnehmen?«

»Das kann man nie wissen.«

Goy warf den Rucksack auf die Erde und reckte seine steifen Glieder, daß sie knackten.

Es ärgerte ihn, daß Daniel dasaß und sich die Zähne stocherte. Er selbst hatte noch keinen Bissen gegessen. Er war früh aufgebrochen, um reichlich Zeit zu haben, wenn er sich verlaufen sollte.

Er blickte verstohlen zur Höhle. Nein, die war nicht angerührt.

»Es ist wohl Zeit, ein Feuer zu machen,« sagte Daniel und stand auf, »das Feuer ist das Versammlungszeichen aller Naturkinder.«

»Davon weiß ich nichts. Aber ich weiß, daß es wärmt. Und es ist hundekalt.«

Pieter Goy mußte niesen. Er war erkältet und übel gelaunt.

Daniel sah ihn an, sagte aber nichts.

Goy sammelte Laub und Reisig. Aber es war nicht leicht, es zum Brennen zu bringen, denn das meiste war feucht. Er lag eine halbe Stunde auf seinen runden Knien und blies hinein, bevor es ihm glückte.

Es spuckte und knisterte, rauchte und stank, schließlich aber stieg eine muntere Flamme in die Höhe.

Daniel streckte sich auf den besten Platz, mit dem Rücken gegen den Abhang. Ab und zu beugte er sich vor, um seinen Leib zu wärmen, während Pieter Goy seine Hände über dem Feuer rieb und nach den anderen ausspähte.

Lieber Gott, dort arbeitete der Krüppel sich mühsam durch das feuchte Gras. Nein, wie war er schmal im Gesicht geworden!

Goy blickte ihm voller Mitleid entgegen und winkte ihm mit beiden Händen zu.

Als Jakob Beer schließlich den Abhang erreicht hatte, sank er erschöpft am Feuer nieder.

Er war so außer Atem, daß er nicht gleich etwas sagen konnte. Aber er lächelte Daniel und Pieter mit Augen zu, die ganz groß und klar geworden waren.

»Na, wie wars denn?« fragte Goy und klopfte ihm vorsichtig den schiefen Rücken.

»Großartig! – ist es nicht eine herrliche Insel?

Goy antwortete nicht, sondern begann im Feuer herumzustochern, während Daniel in begeisterte Worte über den unendlichen Frieden ausbrach.

»Na, ich danke!« murmelte Pieter. Er dachte an die kleinen grünen Papageien, die ihn jeden Morgen mit ihrem boshaften Gezeter weckten.

Beer fing an zu husten und rückte näher an das Feuer heran, das sich in seinen klaren Augen spiegelte. Daniel wurde ungeduldig. Hendrik Koort kam wie gewöhnlich zu spät. Sie waren alle drei furchtbar hungrig.

Dann fingen sie an, den Eingang zur Höhle zu räumen.

»Es sieht aus, als ob jemand dabei gewesen sei!« sagte Goy und blickte bedenklich auf das Laub, das zwischen die Steine gestopft war.

»Unsinn!« sagte Daniel, »hier ist ja niemand außer uns. Der Regen wird das Laub fortgespült haben.«

Die Proviantkiste, die vorne an stand, weil sie zuerst gebraucht werden sollte, wurde geöffnet, und Daniel nahm heraus, was sie nötig hatten. Schiffszwieback, Fleischkuchen, aus denen Suppe gekocht werden sollte, Kaffee und Zucker.

Goy wurde gerührt, als er die Etiketten mit den lieben, holländischen Worten las. Es war wie ein Gruß aus der Heimat. Und das Wasser lief ihm im Mund zusammen, als er die Dose geöffnet hatte und den heimatlichen Fleischgeruch einatmete.

»Fleisch ist ja eigentlich verboten!« sagte Daniel, »aber da wir es nun mal mitgebracht haben –«

»Das fehlte gerade!« Pieter hielt die Dose mit beiden Händen fest, damit sie ihm nicht genommen werden konnte.

In dem Augenblick als er den Topf übers Feuer hing, erklangen Hendrik Koorts bekannte Naturtriller aus dem Dickicht über dem Abhang.

Daniel sprang auf und rief: »Hallo«, damit er wissen sollte, wo sie seien; denn der Abhang verdeckte sie.

Da knackte es durchs Laub. Hendrik ließ das holländische Nationallied mit seiner Baßstimme ertönen und zeigte sich plötzlich über ihren Köpfen.

»Du kommst viel zu spät!« sagte Daniel vorwurfsvoll.

»Ich hab' mich im Wald verlaufen!«

Hendrik warf sein Gepäck hinunter und sprang selbst auf allen Vieren hinterher.

Sein rotes Haar sah struppig unterm Strohhut hervor, der von dem tropfenden Laub im Walde durchnäßt war.

Der Bart war ihm bis unter die Augen und tief auf die nackte Haut unterm Hemd gewachsen.

Er reichte allen die Hand und zeigte strahlend seine Füße.

Die Socken hatte er ausgezogen und statt der Stiefel trug er eine seltsame Bandage an den Füßen aus geflochtenen Lianen und einem Stück Rinde als Sohle.

»Was ist das?«

»Naturbekleidung!« sagte er vergnügt, »Sandalen. Soweit bin ich.«

Er begann von seinen Erlebnissen zu erzählen und von seinem Robinsonbaum, bis Daniel ihn unterbrach:

»Das werden wir nachher noch alles erfahren, wenn die Tagebücher an die Reihe kommen. Jetzt wollen wir essen.«

»Friert euch vielleicht?« fragte der Maler und blickte sich verächtlich im Kreise um.

Er rückte ein Stück vom Feuer fort und öffnete das Hemd am Halse. Kälte konnte ihm nichts anhaben. Er war der echte Sohn der Sonneninsel. Indem er sich aber setzte, griff er sich verstohlen nach der Hüfte. Seit der ersten Nacht im Baum hatte er Gicht gehabt.

Es dampfte jetzt mit einem so lieblichen Duft aus dem Kessel, daß selbst Daniel ihm nicht widerstehen konnte.

Goy beugte sich mit weitgeöffneten Nasenlöchern darüber, während Jakob Beer sich zurechtsetzte und die dünnen Beine wie ein Chinese übereinander schlug.

Während sie die Suppe mit dem Fleisch und dem aufgeweichten Zwieback verspeisten, wurde das Wasser für den Kaffee aufgesetzt. Und als der bekannte liebe Duft die Luft zu würzen begann, wurde die Stimmung so gerührt, daß Hendrik Koort seine Naturtöne trillerte.

Pieter Goy hatte seine Arbeit beendigt. Er lehnte sich behaglich gegen den Abhang und setzte seine Kaffeeschale neben sich.

Dann zog er seine Shagpfeife heraus, stopfte sie mit etwas, das er lose in der Tasche trug, machte einen Zweig im Feuer glühend und zündete sich eine Pfeife an.

Ein würziger Rauch, der nicht nach Tabak roch, vermischte sich mit dem Kaffeeduft.

Hendrik schielte nach der Pfeife.

»Wo hast du das Zeug her?«

»Das ist ein Tabak, den ich selbst erfunden habe.«

Sie wollten alle daran riechen.

»Pfui Teufel!« sagte Daniel und zog seinen Kopf zurück. »Er riecht wie geröstete Kräuternelken!« erklärte Jakob Beer.

»Laß mal schmecken!« bat Hendrik.

Dann schmeckten sie der Reihe nach Pieter Goys Pfeife; obgleich sie die Nase rümpften und hinterher ausspuckten, beneideten sie ihn doch insgeheim und gelobten sich, daß sie auch Kräuter ausfindig machen wollten, die sich zum Rauchen eigneten.

Wenn es auch scheußlich schmeckte, so tat eine warme Pfeife unter der Nase doch immerhin wohl. Die Insel war ja sehr gut, es war eine großartige Insel; aber Tabak vermißte man entschieden.

Während Kaffee getrunken wurde, verteilten die schweren Wolken sich und zogen über den Ozean davon. Die Sonne schien so lustig, daß sie vom Feuer fort und unter den Schatten der Bäume rückten.

Daniel erklärte, daß jetzt die Zeit für die Tagebücher da sei.

»Jakob fängt an.«

Hendrik murmelte etwas von »sich-als-Herrn-aufspielen«, Daniel aber tat, als höre er es nicht.

Jakob Beer lehnte seinen schiefen Rücken gegen einen Baumstamm und blätterte mit seinen dünnen Spielhänden, die voll von Schrammen waren, zwischen den Seiten seines Taschenbuches, während Daniel sich ins Gras streckte. Goy legte sich auf den Bauch, stützte den Kopf in die Hände und heftete seine gutmütigen, runden Augen auf das bewegliche Gesicht des Krüppels.

Hendrik Koort lag auf dem Rücken und starrte in die Stämme hinauf, während er seine sandalenbekleideten Füße von sich streckte und seine zahlreichen Mückenstiche, die ihn jetzt in der Wärme juckten, kratzte.

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