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Van Zantens glückliche Zeit

Laurids Bruun: Van Zantens glückliche Zeit - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens glückliche Zeit
publisherS. Fischer Verlag
printrun221. bis 230. Auflage
year1933
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071223
projectidc7f2c441
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Fünftes Kapitel

Ein Kawa-Rausch

Eines Morgens ging ich mit den Jungen zur Feldarbeit. Sie sollten zu den Tarofeldern, und Winawa war unter ihnen.

Ihr Blick ist ein hastiger Blitz, der wie ein Puls schlägt. Ihr Haar ist heller als das der anderen und zu kleinen dichten Locken gekraust, die in der Sonne glänzen. Ihre Schultern sind etwas zu breit, aber ihre runden und glatten Arme leuchten in der Armhöhle von feinen Daunen, und dann hat sie Grübchen an den Ellenbogen. Die Brüste sitzen weit auseinander, mit einer weichen und klopfenden Grube in der Mitte, die mit den Atemzügen ein und aus schlüpft und die Muschelkette zum Zittern bringt.

An Männern sind da Toko, der untersetzte Kadu mit den spöttischen Zähnen und der schlanke, schweigsame Fagoda mit dem langen, melancholischen Blick.

An Frauen sind da die neugierige Awa mit der kleinen festen Brust hoch über dem dicken Magen.

Dann ist da die stattliche Muwa mit dem langen schwarzen Kraushaar, das störrisch ist wie ihr Sinn und ihr wie ein Straußbürzel um die Ohren steht.

Dann ist da die kleine, festgebaute Sakalawa mit den starken Hüften und den hübsch gedrehten, hellen Mahagonibeinen. Sie ist derb und vergnügt und eine Lachtaube.

Und Milawa mit der niedrigen Stirn und den dicken, schmollenden Lippen, mit denen sie gewöhnlich ein schmatzendes Geräusch macht. Sie ist sehr beliebt, rundlich und einschmeichelnd und mit hübschen Schultern.

Und dann ist da die breitnasige Nanuki mit dem Blick, der einen nicht losläßt. Sie ist etwas schief im Rücken, zurückhaltend und leidenschaftlich.

Wir liegen in zwei Reihen auf den Knien und pflücken die frischen Blattschößlinge der Taropflanzen, damit die beiden Herzblätter, die sitzen bleiben, besser wachsen können. Dann lockern wir die Erde um die Knolle und rupfen das Unkraut aus.

Die Sonne brennt mir auf dem Rücken, so daß es durch meinen weißen Anzug sticht. Die Mädchen liegen auf den Knien und singen einen unverständlichen Singsang zu ihrer Arbeit, den sie gewiß selbst dichten.

In unserer Reihe ist Toko der Erste. Bei allem, was er sich vornimmt, arbeitet er wie ein Pferd. Das ist seine Natur.

Kuda ist gerade vor mir. Der Schweiß rinnt ihm in blanken Perlen an seiner Kaneelhaut herab und verschwindet unter dem roten Lendentuch.

In der Frauenreihe neben uns ist Muwa Nummer eins. Ich hab' es so eingerichtet, daß ich mit Winawa in einer Linie bin. Ihre blanken Arme leuchten in der Sonne, daß es einem fast in die Augen schneidet.

Die Frauen haben Blumen zwischen den Tarobüschen gepflanzt, als sie vor ein paar Monaten die Knollen legten. Das tun sie überall, wo sich ihnen Gelegenheit bietet.

Da sind hellrote Hibiscus und Kroton mit den bunten Blättern, die die Eingeborenen lieben, und dann die leuchtenden, sonnengelben Koleus, die sie zu Kränzen für ihren Hals flechten.

Schmetterlinge flattern aus jeder Blume auf, die wir berühren. Unaufhörlich müssen wir die Insekten verscheuchen, die uns um die Ohren summen. Und zarte Duftwogen ziehen durch die stille, sonnengesättigte Luft, Vanille und etwas Starkes, das wie Heliotrop duftet. Ich glaube, es kommt von einer Art Gardenien, die links neben uns blühen.

Es ist eine gesegnete Stunde, obgleich es glühend heiß ist. Die Mädchen arbeiten sich singend von Busch zu Busch vorwärts. Sie richten sich auf und spähen nach Blumen aus. Und wenn sie eine sehen, die ihnen gefällt – jede hat ihre Lieblingsblume – legen sie sich platt auf die Erde, bis sie sie erreichen und pflücken können. Zuerst beriechen sie sie mit Nase und Lippen, als wollten sie sie essen. Dann ins Haar damit.

Die Sonne liegt in schillernden Flaggen auf den schweißtriefenden Rücken, die wie hellbraunes Pferdefell aussehen, das kühl in der Luft glitzert.

Kuda kaut Betel und spuckt seitwärts in langen, dunkelroten Streifen, die sich wie Regenwürmer in die weiße, aufgepflügte Erde eingraben.

Ich kann das Brennen auf meinem Rücken nicht mehr aushalten. Darum ziehe ich meinen Rock aus und bin bis zum Gürtel entblößt wie die anderen.

»Seht den Roten!« sagt Sakalawa. So nennen die Mädchen mich meines Haares, das ins Rötliche spielt, und meiner glühenden Backen wegen. Bei den Männern heiße ich der Weiße, wie alle Europäer.

Der Singsang hört auf. Die Mädchen drehen sich auf den Knien um und glotzen mit großen, neugierig verblüfften Augen.

»Glaubt ihr denn, daß nur mein Gesicht rot sei?« frage ich und mache Front.

»Ai-Ai!«

Eine nach der anderen hüpft in die Höhe, wie Elstern, und sie kommen näher, um mich von vorn und von hinten zu besehen. Meine Haut ist natürlich von Schweiß und Hitze rotgefleckt.

Kuda wendet sich zu mir um und lacht offenkundig mit seinen spöttischen Zähnen.

»Schweinerücken!« sagt er und schnalzt mit der Zunge, als solle er zum Festschmaus. Toko, der sich in meinem Namen gekränkt fühlt, versichert, daß der, der einen roten Körper hat, ein reicher Mann sei, der viele Frauen verdiene.

Die neugierige Awa, die mir so nahe ist, daß ihr dickes Bein meinen Ellenbogen streift, kann nicht länger an sich halten. Sie berührt meine Rückenhaut mit zwei vorsichtigen Fingern.

»Ai – Ai!«

Dann streicht sie leicht mit der ganzen Handfläche darüber hin, geht einen Schritt zurück und greift sich verblüfft an ihre kleine, hohe Brust. Sie weiß nicht recht, ob ein rotgefleckter Rücken schön oder unangenehm ist.

Milawa aber, die überzeugt scheint, daß er schön ist, schnalzt mit ihren schmollenden Lippen und fühlt mit ihrer runden Schulter zwischen meine Schulterblätter, während sie ihre Hände auf dem Rücken verwahrt.

Nanukis dunkle Augen sind auch wie festgebannt, während sie unbeweglich, wie festgewachsen, auf ihren hohen Knöcheln steht.

Nur Winawa, von der ich gern befühlt werden möchte, bleibt, wo sie ist. Sie blickt verstohlen mit ihren hastigen Augenblitzen zu mir hin, während ihre Lippen geöffnet sind und die Grube zwischen den Brüsten hastig auf und nieder wogt.

»Komm auch und fühl!« sage ich und strecke die Arme nach ihr aus.

Sie reißt Blätter vom nächstliegenden Tarobusch, wirft sie nach mir und legt den Kopf in den Nacken, wie ein mutwilliges Füllen. Das ist ein gutes Zeichen.

Alles, was sie tut, kleidet sie. Sie hat Liebreiz in jeder Fingerspitze. Allein die Art, wie sie die Hände auf ihren Knien spreizt und sich etwas vorbeugt, wenn sie lauscht. Aber wenn ich mich ihr mit den Lippen nähern wollte, um sie zu küssen, so würde sie glauben, daß ich sie fressen wollte, und würde anfangen zu schreien. »Haben die Frauen bei dir auch einen roten Rücken?« fragt sie.

»Nein, einen schimmernd weißen.«

»Haben sie auch einen Rock über den ganzen Körper, wie du ein Lendentuch?« fragt Awa.

»Sie sind bis ans Kinn zugedeckt und tragen eine Matte, die stramm von der Brust bis zum Leibe geht.«

»Kann man ihre Brüste nicht sehen?« fragt Milawa erstaunt.

»Nein, für gewöhnlich nicht.«

»Woher weiß man dann, ob ein Mädchen hübsch ist?«

»Das weiß man auch nicht, und häufig wird man angeführt.«

Milawa prustet ärgerlich im Namen ihres Geschlechtes: wie Frauen sich nur so unanständig kleiden können!

»Wie können sie dann aber die Brust geben?« fragt Sakalawa, die eine Weile nachgedacht hat, während sie ihre kleinen hohen Brüste mit beiden Händen umspannt.

»Dazu gebrauchen sie ihre Brust auch nicht gern. Sie geben den Kindern lieber Milch aus einem Kürbis

»Woher bekommen sie denn die Milch?«

»Von großen, roten Tieren.«

Sie sitzen mit von sich gestreckten Handflächen und mit großen Augen da.

Dann fangen sie plötzlich alle wie auf Verabredung an zu lachen. Selbst die stattliche Muwa klatscht ihre flachen Hände auf ihre dicken Schenkel.

Sie glauben, daß ich ihnen etwas vorlüge.

»Sind deine Beine auch rot?« fragte Sakalawa, die wieder nachgedacht hat.

»Freilich.«

»Zeig sie uns!« sagt Milawa und beugt sich vor.

Ich streife meine Beinkleider so weit wie möglich über meine Knie hinauf.

»Ai –Ai!«

Milawa rückt unwillkürlich ein Stück zurück, obgleich sie ihre Augen nicht von dem merkwürdigen Anblick losreißen kann.

Winawas Augen springen hervor und sind voller Licht. Dann sagt Fagoda, der Schweigsame, mit dem melancholischen Blick – er hat auch dagesessen und nachgedacht: »Kommt, laßt uns ruhen und träumen.«

Das ist das erlösende Wort. Alle springen auf und schütteln die Erde von sich ab. Arbeitspause. Toko springt voran zu einigen Pflanzen, die in einer Gruppe für sich stehen. Es ist Kawa-Kawa. Er zieht die Wurzel heraus, reinigt sie und verteilt sie in kleinen Stücken unter die Mädchen.

»Laß mich!« rufen sie durcheinander, während sie sich um mich drängen. Ich hatte mich auf meinem Rock in den Schatten gelegt. Sie puffen sich gegenseitig fort, um anzukommen, sperren den Mund mit den Fingern auf, um zu zeigen, daß ihre Zähne heil und rein und ihr Gaumen gesund und ohne Schnupfen oder Schwellung ist. Nur Winawa hält sich zurück, obgleich ich ihren hervortretenden Augen ansehen kann, daß sie mit ganzer Seele dabei ist.

»Du sollst für mich kauen!« sage ich, und sie fängt gleich an.

Auch Kuba, Toko und Fagoda wählen sich jeder ein Kauweib. Die übrigbleibenden werfen sich mißvergnügt auf den Rücken, verschränken die Hände unterm Kopf und fangen an, für sich selbst zu kauen.

Von der Frau, die ein Mann wählt, um den Kawa für sich zu kauen, möchte er während des Rausches am liebsten träumen; und das Kauen bewirkt, daß er gerade von ihr träumt. Tut er es nicht, dann hat sie während des Kauens an einen anderen gedacht; und das ist eine Kränkung, denn sie hätte es ablehnen können.

Winawa ist fertig. Mit verschleiertem Blick und befangenem Liebreiz reicht sie mir eine Kokosschale, in die sie den Kawasaft ausgespukt hat, gießt Kokosmilch aus einer frischen Nuß, die sie gepflückt hat, hinzu und nimmt mit standhaft niedergeschlagenen Augen etwas von mir entfernt Platz.

Ich gieße den Trank mit einem raschen Entschluß hinunter.

Es ist das erstemal, daß ich ihn koste. Aber es geschieht ihretwegen, von der ich gern mehr als nur träumen will. Er schmeckt wie Seifenwasser mit Zucker.

Wir liegen auf dem Rücken, die Hände unterm Kopf, mit hochgezogenen Knien. Da sehe ich, wie einer nach dem anderen sich mit geschlossenen Augen und einem seltsam satten Lächeln auf die Seite wälzt.

Da beginnt Winawa, die ich die ganze Zeit von meinem Platz aus sehen kann, sich von der Erde zu heben und hin und her zu wogen. Sie wird schlanker und heller und verdichtet sich dann wieder und sinkt in ihren Schoß zusammen, dunkel und verlockend rundlich. Sie lächelt und winkt mir mit ausgestreckten Händen und hebt mich, trägt mich mit ihrem leuchtenden Blick in ihre Arme, während sich alles mit mir in einem seligen Tanz dreht. Ihre vollen, glatten Arme pressen meinen Hals. Wunderbare Vögel singen. Schatten senken sich kühl und weich über mein Gesicht und sind voller Wohlgeruch. Ich sinke zusammen und weiß nichts mehr.

Bis ich mit Übelkeit erwache, todmüde in allen Gliedern und mit Stechen im Hinterkopf.

Der Schatten reicht schon bis an die Tarobüsche. Es müssen ein paar Stunden vergangen sein.

Die anderen sind schon bei der Feldarbeit. Nur die zärtliche Milawa, die sich eine Extradosis zu Gemüte geführt haben mag, schläft noch.

Die anderen richten sich auf und lachen mich aus, als ich schwankend zu meinem Arbeitsplatz komme.

Winawa aber arbeitet ruhig weiter und sieht mich nicht an.

Nachdem wir nach Hause gekommen sind, unser Abendessen verzehrt haben und die Flammen des Lagerfeuers tot über dunkle Aschenglut lecken, erheben die Jungen sich, um sich im Gemeinschaftshaus, das uns seinen Giebel zuwendet, zur Ruhe zu begeben.

Toko und Kadu und Fagoda suchen sich jeder ihr Mädchen, – das, das für sie gekaut hat.

Winawa hockt für sich allein, als warte sie, während die anderen neugierig und bedenklich von ihr zu mir blicken.

Ich setze mich neben sie und lege meine Hand um ihre Brust, wie ich es für mein gutes Recht halte.

Es geht ein Zucken durch ihren Körper; aber sie rührt sich nicht, noch erwidert sie meine Liebkosung.

Da kommt einer, den sie den »großen Jäger« nennen, stellt sich vor sie hin und starrt sie an.

Als ich aufstehe, um sie ins Gemeinschaftshaus zu geleiten, versperrt er mir den Weg, faßt Winawa am Arm und pufft sie vor sich her.

Ich will mich nicht so ohne weiteres verdrängen lassen und springe vor; im selben Augenblick aber scharen die jungen Männer sich um die Tür und sehen mich drohend an.

Toko kommt hastig hinzu, berührt meinen Arm und sagt ernst: »Kein Fremder darf im Gemeinschaftshaus schlafen.«

Ich ging enttäuscht nach Hause zu Tongu und wütete über diesen »Gesellschaftszwang«, der mich nun schon zum zweitenmal des Weibes beraubte, das mir gefiel und das mich selbst erwählt hatte.

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