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Van Zantens glückliche Zeit

Laurids Bruun: Van Zantens glückliche Zeit - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens glückliche Zeit
publisherS. Fischer Verlag
printrun221. bis 230. Auflage
year1933
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071223
projectidc7f2c441
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Neuntes Kapitel

Eifersucht und Heiratsgedanken

Ali und ich waren sehr glücklich.

Sie schlief in meinen Armen ein und erwachte in meinen Armen.

Ihre helle, melodische Stimme zwitscherte mir den ganzen Tag in den Ohren. Denn sie folgte mir wie mein Schatten und paßte auf, daß mir kein Unheil zustieß.

Oft griff sie mich am Arm und zog mich von einem Baum fort, unter dem ich ruhen wollte, weil sie behauptete, daß MumutDas Mumut einer Person bedeutet: etwas was sie hinterlassen hat, z.B. Spucke, Fußtapfen usw.; außerdem aber auch Zauberei im allgemeinen, ebenso wie Purmea. daran säße. Und lachte ich sie aus, so zeigte sie ernst auf irgendein untrügliches Kennzeichen. Dieser oder jener Vogel – die körperliche Verkleidung irgendeines Geistes, von denen sie eine Menge kannte – hatte etwas auf dem Stamm verloren. Oder sie warf mit Steinen nach einem anderen Vogel, der sich über unserm Kopf auf einem Baum niedergelassen hatte.

Eines Abends fiel eine schimmernde Sternschnuppe herab, als wir gerade zusammen zu dem dunklen, strahlenden Himmel hinaufblickten.

Sie stieß einen Schrei aus und umschlang mich mit ihren Armen, während sie vor Schreck zitterte. Hinterher bekam ich zu wissen, daß die Sternschnuppe ein böser Geist sei, der vom Himmel herabfährt, wenn er sich einen Menschen holen will, den er sich als Opfer ausgesucht hat.

Bekommt sie etwas, das ihr schön oder schmackhaft erscheint, so gibt sie es mir und will nichts haben, bevor ich es geteilt und die größere Hälfte für mich behalten habe. Ihre blanken, lebhaften Augen leuchten bei jeder Freude, die sie in meinen Augen sieht, und verdunkeln sich wie ein Wasserspiegel bei jeder Wolke, die über meine Stirn zieht.

Ihre weichen, gebogenen Lippen aber kräuseln sich jedesmal vor Mißbehagen, wenn ich mit einem der anderen Mädchen spreche. Und sie hat gleich entdeckt, daß Winawa den Platz auf meiner Matte vor ihr innegehabt hat.

Es ist eine stille, fast komische Feindschaft zwischen den beiden. Nur der heimliche Respekt vor mir hält sie davon zurück, zu Handgreiflichkeiten überzugehen.

Winawa neckt sie, indem sie so dicht wie möglich am Feuer neben mir Platz nimmt. Während Ali mich von ihr fortzieht, macht Winawa mir Augen zu und stößt geheimnisvolle Lippenlaute aus, von denen Ali glaubt, daß sie eine erotische Bedeutung haben.

Ali strampelt vor Zorn mit den Beinen, schließlich springt sie auf und hält mir die Augen mit der Hand zu, während sie Winawa gelobt, daß sie ihren Mumut nehmen und den Zauberer bitten will, sie unfruchtbar zu machen, damit sie keinen Mann behalten und den Rest ihres Lebens als »freudlose Witwe«12. Kapitel. – Anmerkung des Herausgebers. verbringen muß.

Wenn es soweit gekommen ist, wird Winawa bedenklich und hält inne. Und mehrere Tage danach achtet sie sorgsam darauf, daß sie keinen Bissen nachläßt, nicht ausspuckt, keine Spur irgendwelcher Art von sich hinterläßt, solange Ali in ihrer Nähe ist und sie finden kann.

Es ist Alis beständiger Kummer, daß sie auf Grund ihres Ranges an gewissen gemeinsamen Arbeiten nicht teilnehmen kann. Sie darf wohl Früchte ernten, aber nicht graben oder pflanzen.

Sie darf auch nicht an dem großen, halbjährigen TatloifangEin kleiner, glänzender Sardinenfisch. Es ist der einzige Fischfang, an dem Frauen teilnehmen dürfen. teilnehmen.

Als der Fischschwarm von dem Ausguckposten, der während der Zeit, in der der Fisch erwartet wird, täglich in der höchsten Kokoskrone postiert wird, signalisiert war, stürzten wir alle zum Strande mit Körben, Stangen, oder was wir gerade in der Hand hatten oder in der Eile erreichen konnten. Und Winawa folgte mir gerade vor Alis Augen auf den Fersen. Sie trampelte und schrie, weil sie nicht mit durfte.

Wir standen bis an die Knie im Wasser und bildeten einen Kreis, um die zahllosen kleinen Fische, die die Wasserfläche wie einen ungeheuren Fischrücken zum Glitzern brachten, bei der eintretenden Flut am Zurückweichen durch die Öffnung des Riffes zu verhindern.

Es wurde mit Körben und Händen und Beinen gesperrt und gerufen und geschrien, um die Fische zurückzuschrecken.

Inzwischen rückten wir immer mehr zusammen, um den Kreis enger und den Schwarm dichter zu machen, damit wir die Fische leichter fangen konnten. Wie auf Verabredung machte der Schwarm kehrt. Die kleinen, behenden Körper blinkten und glitzerten in der Wasserfläche, sprangen ungefähr einen Fuß in die Höhe und wurden in Körben aufgeschaufelt.

Eine wahre Raserei ergriff uns. Die gefüllten Körbe wurden von halbwüchsigen Jungen in die Kanus entleert und zurückgereicht. Einige fingen mit den Händen und schaufelten mit den Armen. Andere schlugen mit Stangen, so daß die Fische betäubt wurden.

Da waren Frauen, die in Raserei ihren Rock abrissen, um damit in Ermangelung eines Korbes zu fischen.

Eine, die in der Eile kein Gerät erwischt hatte, stopfte die Fische in den Gürtel, ins Haar und zwischen die Zähne, so daß die Fische wie glitzernde Schlangenzungen aus ihrem weitgeöffneten Mund hervorzappelten.

Als wir schließlich fertig waren, weil der letzte Rest des Schwarmes uns zwischen den Knien entschlüpfte und sich nicht mehr einholen ließ, wateten wir an Land, mit wehen Füßen, die durch das Herumtrippeln auf dem harten Korallengrund wund geworden waren.

Winawa ging dicht neben mir und Kuda und Milawa an ihrer anderen Seite. Sie waren wegen des guten Fanges in strahlender Laune.

Winawa suchte zwei von den kleinen hellroten Muamua, die MeerwalzenTrepang-Meerwalzen (»beche-de-mer«), werden überall in China gegessen, zum Teil auch von den Europäern, auch im französischen Hinterindien. – Anmerkung des Herausgebers. gleichen, und bot mir die eine. Kuda und die anderen lächelten bedeutungsvoll und beobachteten gespannt, ob ich sie essen würde.

Ich habe Meerwalzen auf Java gekostet, wo sie ebenso wie in China als große Delikatesse eingeführt und verkauft werden; zuerst werden sie gekocht und dann geräuchert oder geröstet, Muamua aber werden von den Eingeborenen roh gegessen wie Austern.

Ich sah sie etwas mißtrauisch an. Dann überwand ich mich und steckte sie in den Mund. Im selben Augenblick verschlang Winawa ihre, wobei sie etwas vor sich hinmurmelte. Kuda, Milawa und die anderen kicherten und ergötzten sich wie über einen guten Witz. Winawa strahlte übers ganze Gesicht und schmiegte sich zärtlich an mich, während sie triumphierend die anderen als Zeugen nahm.

»Habt Ihr gesehen, daß er sie aß?«

»Wir sahen, daß er sie aß!« antworteten sie und genossen die Situation, die ich mir nicht erklären konnte.

Als wir des abends ums Feuer saßen und ich wie gewöhnlich Ali bei mir hatte, sagte Winawa, die uns gerade gegenüber Platz genommen hatte: »Die braune Erde«, – das ist ein Spitzname, den Kuda mir gegeben hat, – »hat heute Muamua mit mir gegessen.«

»Das ist gelogen!« schrie Ali außer sich und packte meinen Arm mit beiden Händen.

»Habt Ihr es nicht gesehen?« sagte Winawa in gleichgültig schleppendem Ton und sah Kuda und Milawa an, während sie sich herausfordernd in den Hüften wiegte.

»Wir haben es gesehen!« bekräftigten die Zeugen wie aus einem Munde. »Er nahm die eine und aß sie, und sie nahm die andere und aß sie.«

»Und sie schmeckte ihm sehr gut!« fügte Kuda hinzu, indem er seine kleinen, stechenden Augen mit einem spöttischen Lächeln auf Ali heftete.

»Das ist gelogen! – das ist gelogen!« schrie Ali mir ins Gesicht und rüttelte mich am Arm, damit ich sprechen solle.

»Freilich hab' ich sie gegessen. Ihr eßt sie doch auch!« sagte ich und machte mich sanft frei.

Ali ließ mich los. Ihr Gesicht verzerrte sich, und sie warf sich auf den Rücken in den Sand, während sie mit den Beinen strampelte und schrie und jammerte.

Ich fuhr in die Höhe und versuchte sie zu beruhigen, aber es war mir nicht möglich aus ihr herauszubekommen, worin mein Verbrechen eigentlich bestand. Sie schrie nur: »Sie soll sterben – und du auch! – sie soll sterben und du auch!«

Schließlich mußten Toko und ich sie hinter das Gemeinschaftshaus tragen, wo wir von den anderen nicht gehört und gesehen werden konnten.

Ich liebkoste sie wie ein Kind, versprach ihr die Sonne und den Mond und alle Halsketten der Welt, versprach ihr zum Zauberer zu gehen, damit er den Tod auf Winawa herabhexen solle, kurz gesagt alles, was sie sich nur wünschen konnte, bis ihr Zorn schließlich nachließ und in ein langes und herzliches Weinen überging.

Auch Toko hatte mich bedenklich und mißbilligend angesehen, als die Sache mit den Muamua ans Tageslicht kam; ich benutzte deshalb den augenblicklichen Frieden, um ihn auszufragen, und erfuhr, daß Muamua ebenso wie die richtigen Meerwalzen für ein Liebesmittel gehalten werden. Ein Weib, das einen Mann dazu verführt, Muamua zu essen, während sie gleichzeitig Zauberworte murmelt, bekommt unbedingte Macht über seine Sinne und kann ihn allein durch Gedanken verhindern, mit einer anderen als mit ihr Liebe zu teilen.

Ich mußte lachen. Und als ich erst angefangen hatte, konnte ich gar nicht wieder aufhören.

Ali richtete sich auf ihren Händen auf und sah mich erstaunt an. Und daran gewöhnt, sich in all und jedem meinen Gefühlen und meinem Willen anzupassen, mußte sie schließlich mitlachen, und ich versuchte sie nun davon zu überzeugen, daß Zauberei keine Macht über mich habe.

Ich hütete mich wohl, ihre Bedeutung überhaupt zu bestreiten – das hätte sie nur betrübt und mich in ihren Augen verdächtig gemacht – sondern ich sagte, daß die Geister über mich, den weißen Mann, keine Macht hätten. Erst als ich darauf verfiel, daß es meine Büchse sei, die die Geister von mir zurückschrecke, beruhigten Ali und Toko sich. Das war etwas, was ihnen einleuchtete.

Alis Gemütsruhe hatte aber doch einen Stoß bekommen. Denn wenn die Geister auch nichts ausrichten konnten, so blieb doch Winawas böser Wille noch übrig. Und da Ali ein tiefes Verständnis dafür hatte, warum Winawa mich nicht lassen wollte, und sich in der Tiefe ihres Herzens nur darüber wunderte, daß nicht auch Milawa und Muwa, kurz gesagt, alle unverheirateten Weiber ihre Liebsten verschmähten, um mir nachzulaufen, so schmiegte sie sich fest an mich, als wir auf der Matte zur Ruhe gekommen waren, und flüsterte mit tränenerstickter Stimme: »Weshalb kaufst du mich nicht? – weshalb kaufst du mich nicht?«

Ich lag noch lange wach und dachte über diese Worte nach, während ich Alis lange, regelmäßige Atemzüge gegen meinen Hals spürte.

Eines Tages, als ich von einer Feldarbeit nach Hause kam, an der Ali nicht teilnehmen durfte, war sie nicht da.

Ich fragte die Frauen, wo sie sei.

»Sie ist im Frauenhaus!«Das Frauenhaus liegt versteckt im Walde. Hier werden die jungen Mädchen vor der Jungfraueinweihung behandelt; und hier verbringt jede Frau die Tage im Monat, wo sie nicht wohl ist. sagten sie.

Natürlich. Sie mußte ja auch mal an die Reihe kommen.

Bereits am ersten Tage vermißte ich sie schmerzlich. Am nächsten wurde es noch schlimmer. Ich machte die Entdeckung, daß ich dieses klopfende Herz an meiner Seite, diese mir stets geöffnete Hand, diesen starken Blick, der sein Licht von meinem nahm, diesen jungen, geraden Sinn, der seine Nahrung von mir bekam und dafür alles zurückgab, was er besaß, nicht mehr entbehren konnte.

In der Mittagsstunde, als alle im Schatten lagen und schliefen, schlich ich mich fort. Ich war nie beim Frauenhause gewesen. Das ist uns Männern nämlich verboten.

Ein Mann, der beim Hause gesehen wird, soll von den Frauen fortgesteinigt werden.

Ich wußte aber, in welcher Richtung es liegen mußte, obgleich kein gebahnter Weg durch den Wald dorthin fühlt. Denn ich hatte hin und wieder Frauen hinter den beiden Hütten, die hart am Walde liegen, hervorkommen sehen, mit neuen Röcken, froh und verjüngt.

Ich suchte nach dem richtigen Weg, bis ich eine Stelle fand, wo die Schlingpflanzen zerrissen und die Zweige geknickt waren.

Ich folgte der schwachen Spur, blieb stehen und lauschte. Ich wußte, daß es nicht weit fort sein konnte; denn drüben auf der anderen Seite begann schon der Kokoshain des Königs.

Als ich den neuen Königszaun erreicht hatte, schwenkte ich ab und ging geradeaus, bis ich einige Hühner gackern hörte.

Auf einmal war ich da. Zwischen den Bäumen, in einer kleinen Lichtung, lag ein viereckiges Haus mit einem hohen, dekorierten Giebel, ähnlich dem des Gemeinschaftshauses. Rings herum war ein mannshoher Bambuszaun.

Ich hörte Frauen drinnen lachen und plaudern. Es war mir sogar, als hörte ich Alis Stimme und ich wagte mich ganz nah an den Zaun heran, wo ich eine Ritze fand, durch die ich hindurchgucken konnte.

Da war sie. Sie ging im Sand und spielte mit einigen Küchlein, denen sie Tarokrumen zuwarf und sie zu fangen versuchte, wenn sie danach pickten.

Ich wurde so froh, als hätte ich sie einen Monat nicht gesehen. Als sie sich schließlich der Stelle näherte, wo ich stand, und ich sah, daß niemand in der Nähe war, fing ich an wie eine Henne zu glucken. Sie lauschte und trat ganz an den Zaun heran, um nach der Henne auszuspähen.

Da rief ich ihren Namen. Sie zuckte zusammen. Dann leuchteten ihre Augen mir wie Sonnen entgegen. Sie faßte sich aber gleich und begann die Henne zu locken. Ich gluckte wieder, lauter und lauter. Sie tat erstaunt und ging dann auf zwei alte Frauen zu, die ich noch nie gesehen hatte und die wahrscheinlich ihr Leben hier im Verborgenen verbringen und das Heiligtum bewachen.

Sie erzählte ihnen von der Henne, die über das Gitter geflogen sei. Da lieferte die eine der beiden Alten ihr eine lange Stange mit einem Haken an einem Ende aus. Damit ging sie zur Tür, die mitten im Zaun ganz in meiner Nähe war. Sie faßte mit dem Haken einen Zapfen, der hoch oben angebracht war, und zog aus allen Kräften. Die schwere Tür, die in einem Flaschenzug hing, glitt längs der beiden Fugen, in die sie eingefaßt war, in die Höhe.

Sie schlüpfte darunter hindurch, nachdem sie die Stange festgestellt hatte, und einen Augenblick später lagen ihre Arme um meinen Hals, während sie die Henne noch immer laut rief und ich als Antwort gackerte.

Plötzlich wurde sie von Angst vor den Folgen meiner Kühnheit ergriffen. Noch einmal drückte sie ihre Brust gegen meine, streichelte meinen Arm mit ihren Händen und schickte mich dann fort.

Sie blieb draußen stehen, abwechselnd rufend und gackernd, bis sie mich nicht mehr sehen konnte und mich hinter den Lianen in Sicherheit wußte.

Dann hörte ich den dumpfen Fall der Tür und war zurück, bevor jemand erwacht war und mich vermißt hatte.

Am Abend, als ich wach und einsam auf meiner Matte lag, faßte ich den Entschluß, Ali zu kaufen.

Das erste, was ich tun mußte, war, mir ein Haus zu bauen. Denn wie konnte ich des Königs Tochter kaufen, ohne ihr ein Heim zu bieten?

Ich fing also an Toko gegenüber zu äußern, daß ich nicht so jung sei wie er, und daß Tongu, der nicht viel älter wäre als ich, schon lange ein backenbärtiger Mann sei, mit eigenem Heim und Herd.

Toko sah mich erschrocken an. Dann runzelte er die Brauen, aber sagte nichts.

Ich versuchte es auf eine andere Weise. Ich redete davon, daß man besser in seinem eigenen Hause schliefe als dort, wo so viele schnauften und mit den Beinen oder den Matten scharrten.

Toko leugnete es nicht. Er runzelte nur die Brauen und sah mißmutig vor sich hin, noch immer stumm.

Am dritten Abend, als wir von der Feldarbeit heimkehrten, klagte ich über Schmerzen im Rücken. Ich könne es nicht vertragen, auf dem Felde mit der brennenden Sonne im Rücken, auf meinen Knien zu liegen. Es wären andere Zeiten für mich gewesen, als ich noch allein bei Tongu wohnte.

Das war zuviel für Toko.

»Wenn du ein Haus bauen und uns verlassen willst,« sagte er mit bebender Stimme, »so sag es; aber schilt nicht mich, der ich aus deiner Hand esse

Da wurde mir auf einmal klar, daß Toko mich als einen Undankbaren betrachtete. Alles was ich gesagt und worüber ich mich beklagt hatte, faßte er nämlich als einen persönlichen Vorwurf auf, als ob er die Verantwortung dafür trüge, daß die Sonne stach und mein Rücken mich schmerzte und daß des Nachts mit den Matten und Beinen gescharrt würde.

Da entschloß ich mich schließlich zu dem Bekenntnis, daß ich Ali kaufen wolle. Er schüttelte bekümmert den Kopf und machte eine Andeutung, daß bei Frauenzimmern kein Glück sei. Man sei nie sicher vor Zauberei. Es wäre besser, seine Brotfrucht allein zu essen, als sie mit anderen zu teilen. Es sei besser, mit Freunden in Frieden zu leben und seine Schlafgefährtin nach Belieben zu wählen, als den Zankvogel auf seinem Dach sitzen zu haben.

Als er merkte, daß alle guten Lebensregeln an mir abprallten, gab er mich mit einem Seufzer auf und fing endlich an, sich für die Sache selbst zu interessieren.

Als er erst richtig verstanden hatte, daß ein Haus gebaut werden solle, und daß er niemandem verraten durfte, weshalb, wurde er fast noch eifriger als ich.

Wenn wir von und zur Feldarbeit gingen, war er in tiefe Gedanken versunken; wenn ich ihn nun fragte, woran er dächte, antwortete er nicht mehr: »an die Luft«, sondern »an den Balkenfuß« oder »an flache Bambus für die Wände« oder dergleichen.

Er wurde mir noch lieber als vorher in dieser Zeit, wo er nur daran dachte, alles so gut wie möglich für mich zu machen, obgleich er wußte, daß er mich nun verlieren würde.

Wir wählten eine passende Stelle im Gemeinschaftswalde, ein Stück vom Strande entfernt, in der Nähe des Kokoshaines.

Wir machten den Boden eben. Tongu verschaffte uns für billiges Geld gutes und trockenes Holz. Er war sehr einverstanden mit meinem Vorhaben und sah mich mit Freuden dem Kreis der Backenbärtigen zuwandern, in dem er selbst ein geachtetes Mitglied war.

Toko spaltete junge Äste zu Dachsparren und war beizeiten bedacht, große und starke Kokosblätter zum Dachdecken zu sammeln.

Ich maß einen länglichen, viereckigen Grund ab – eine große Hütte sollte es sein, eine königliche Hütte für Ali.

Nachdem ich einen Überschlag über den Inhalt meiner Schiffskiste gemacht und damit meinen Tabu festgestellt hatte, gingen Tongu und Toko gemeinsam an die schwierige Wahl von altem, trockenem Kokosholz. Es sollten Eckpfähle sein und erstklassige Balkenfüße mit Kreuz- und Querbalken unter der ganzen Hütte.«

Die Wände wurden aus jungen Stämmen aufgeführt, die in dicke Bretter gespalten und inwendig mit dünnem Bambusrohr bekleidet wurden, wie beim König. Tongu sah dies als einen überflüssigen Luxus an, Toko aber meinte, daß nichts gut genug wäre.

Auf der mittleren Querplanke des Balkenfußes wurde der Sitte gemäß die Feuerstatt errichtet, die aus großen, viereckigen Korallblöcken bestand, die Toko ausgewählt und die wir alle drei behauen hatten. Um diese Blöcke machten wir eine Bekleidung von dickem Holz, wie sie nur in den besten Häusern vorkommt.

Die ganze eine Seite des bambusbelegten Fußbodens bedeckten wir mit einer gewaltigen Schlafpritsche aus flachen Brettern, die Toko sorgsam mit seiner Art geglättet hatte. Die Pritsche war einen Fuß über dem Fußboden, und Tongu flocht zwei herrliche Matten dafür aus dem feinsten Bast, der aus den Rippen der Pandangblätter gewonnen wird. Das war sein Hochzeitsgeschenk.

In der entgegengesetzten Ecke, gleich neben der Tür, war ein Holzgestell, der Garderobenständer der Eingeborenen, an dem sie Waffen und Werkzeug aufhingen. Und unter der Decke, längs der Dachschrägung, liefen um die Wände herum zwei Borte für Eßwaren, Küchengerätschaften und andere nützliche Dinge.

Als das Haus schließlich fertig dastand, von außen mit gebranntem Korallenkalk geweißt, wie nur des Königs und Wahujas Haus es aufzuweisen hat, mit ockergemalter Tür und dito Balkenfuß und mit dem feinsten Kokosflechtwerk gedeckt, da nahmen Tongu, Toko und ich eine letzte Besichtigung von innen und außen vor.

Als alles für gut befunden war und wir wieder vor der Tür standen, fing Toko plötzlich an zu weinen und sein dickes Kraushaar zu zerraufen.

»Jetzt gehst du von mir,« sagte er, »und ich darf nie mehr aus deiner Hand essen. Wer soll mich nun vor Mumut und Purmea behüten?«

Ich versprach ihm, daß wir uns täglich sehen wollten, er dürfe mich jederzeit besuchen. Er aber schüttelte den Kopf und begann wieder von dem Zankvogel auf dem Dach zu sprechen.

Da suchte ich aus meiner Schiffskiste eine Uhr heraus, zeigte ihm, wie er sie aufziehen müsse, und sagte, daß die Geister ebenso bange davor seien wie vor mir und meiner Büchse.

Das tröstete ihn ein wenig, aber er blieb dennoch ernst. Das mit den Geistern war wahrscheinlich ein kindlicher Versuch, sich selbst den Kummer zu erklären, den er bei der Trennung fühlte – einen Kummer, den er noch nicht empfunden hatte und den er sich darum nicht klar zu machen wußte.

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