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Van Zantens glückliche Zeit

Laurids Bruun: Van Zantens glückliche Zeit - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorLaurids Bruun
titleVan Zantens glückliche Zeit
publisherS. Fischer Verlag
printrun221. bis 230. Auflage
year1933
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071223
projectidc7f2c441
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Vorwort

»Van Zantens glückliche Zeit, ein Liebesroman von der Insel Pelli«, so heißt in der Übersetzung der Titel eines Buches, das den Holländer Pieter Adrian van Zanten zum Verfasser hat, der am 3. Januar 1846 in Amsterdam geboren wurde und am 15. November 1904 an Lungenentzündung in einem Hotel in Paris, in der stillen Collegien- und Pensionsstraße Rue Notre-Dame-des-Champs, hinter dem Luxembourg-Garten, verstarb.

Das hinterlassene Manuskript ist teils auf holländisch, teils (von Kapitel X an) auf englisch geschrieben; und diese beiden Abschnitte bezeichnen, zufolge eines ebenfalls hinterlassenen Tagebuches, zwei verschiedene Zeitabschnitte, zwischen denen mindestens zehn Jahre liegen. Wahrscheinlich ist das letzte Kapitel als Abschluß abermals ein oder zwei Jahre später geschrieben worden, zu einem Zeitpunkt, wo der Verfasser eine Veröffentlichung des Manuskriptes als Buch plante, – eine Absicht, die er aus unbekannten Gründen später wieder aufgegeben hat.

Da sich in dem Tagebuche Andeutungen finden, daß der vorliegende Roman die einzige von van Zantens hinterlassenen Arbeiten ist, die er zu Lebzeiten bereits einmal herauszugeben gedachte, und da sie mit diesem Zweck vor Augen abgerundet und mit einem Titel versehen ist, so habe ich sie dazu ausersehen, van Zantens Debüt-Buch zu sein.

Ich will im nachfolgenden – teils durch Mitteilungen, die van Zanten mir persönlich gemacht hat, teils durch seine im Tagebuch niedergeschriebenen Aufzeichnungen – Rechenschaft davon ablegen, wer van Zanten war und wie ich, ein dänischer Schriftsteller, dazu komme, ihn in die Literatur einzuführen.

Ich schicke voraus, daß es sich hier weder um eine literarische Porträtzeichnung noch um meine subjektiven Eindrücke von seiner Persönlichkeit handeln soll – das gehört auf ein anderes Gebiet und wird vielleicht ein anderes Mal berührt werden –, sondern nur um positive Aufklärungen zur Einführung in ein seltenes und eigenartiges Buch, dessen Verfasser ein seltenes und eigenartiges Lebensschicksal gehabt hat.

Van Zantens Vater war ein wohlsituierter Instrumentenhändler in Amsterdam, dessen Frau frühzeitig starb, so daß der Sohn sich ihrer nur dunkel erinnerte.

Da der Vater fast den ganzen Tag in seinem Geschäft war, lag die Erziehung des Sohnes ganz und gar in den Händen der Haushälterin, einer strengen und wortkargen Person, die er nicht leiden konnte. Er hielt sich meistens für sich und streifte in seinen Freistunden am Hafen umher.

Als Adrian zwölf Jahre alt war, heiratete sein Vater die Haushälterin. Der Knabe nahm sich dies sehr zu Herzen und wurde auf seinen eigenen Wunsch gleich nach seiner Konfirmation zu einem Vetter seines Vaters geschickt, der eine große Faktorei in Batavia hatte, wo er im Kolonialhandel ausgebildet werden sollte.

Von seinen Lehrjahren in Batavia sind keine Aufzeichnungen vorhanden. Ich erinnere mich, daß van Zanten mir in Paris erzählte, daß er als junger Kommis ganz der Gesellschaft seiner Kameraden überlassen gewesen sei und daß sie ihn als erstes Kartenspielen und Whiskytrinken lehrten, daß er darauf einen heftigen Anfall von Klimafieber bekam und im Hause seiner Verwandten verpflegt wurde; und daß er nach seiner Genesung erst viele Jahre später in Europa wieder Whisky anrührte.

Ferner hat er einmal angedeutet, daß er seine erste tiefgehende Enttäuschung in ganz jungen Jahren erlebte, als eine sehr hübsche und gewandte Kusine (wahrscheinlich die Tochter seines Chefs), in die er hoffnungslos verliebt war, seine jugendlichen Gefühle zum besten hielt. Von dieser Enttäuschung rührt wahrscheinlich sein Widerwille gegen den Begriff »Dame« her, der in all seinen Arbeiten zu Worte kommt und dessen ich mich deutlich aus unseren Gesprächen erinnere. Es war eine seiner Lieblingsbehauptungen, daß die »wilde« Frau sowohl körperlich wie geistig weit höher stehe als die zivilisierte Europäerin, jedenfalls was die Frau der guten Gesellschaft in den Kolonien betrifft.

Van Zanten zeigte bereits in jungen Jahren die seltene Anlage, die Eingeborenen zu verstehen und von ihnen verstanden zu werden. Er wollte nicht einsehen, daß sie geringer seien als er, und verkehrte darum auf gleichem Fuß mit ihnen, obgleich ihm dadurch manche Unannehmlichkeiten im Zusammenleben mit der von den Europäern verdorbenen Mischrasse erwuchsen, auf die er im Geschäftsleben hauptsächlich angewiesen war.

Um diese wertvolle Fähigkeit auszunutzen, die in der Stadt und im Hauptkontor eher Schaden anrichtete, wurde er von der Faktorei, noch bevor er die Zwanzig erreicht hatte, als selbständiger Einkäufer nach den Südsee-Inseln geschickt. Der Hauptversand der Faktorei bestand aus Kaffee und Gewürzen, und als Einkaufsorte wurden vorzugsweise solche Inseln gewählt, wo die Europäer den Eingeborenen noch keinen Begriff von dem Wert ihrer Naturprodukte gegeben und darum den Markt noch nicht »verdorben« hatten.

Van Zanten, dem die derbe Natürlichkeit der Holländer im Blut lag, kam während dieser Jahre der tropischen Inselnatur so nah, wie wohl kaum ein Europäer es vor oder nach ihm erreicht hat. Er erwarb sich eine genaue Kenntnis von dem Leben und der Denkweise der Mikronesier und Polynesier. Er hat mir oft gesagt, daß die Jahre, die er als einziger Weißer unter den Eingeborenen, hauptsächlich bei den Mikronesiern auf den Karolinen und Ladronen, verbrachte, die glücklichsten seines Lebens gewesen seien. Bezeichnend dafür ist der Titel des vorliegenden Buches.

Aus dem Tagebuch, das hin und wieder sehr kurz gefaßt ist und große Lücken aufweist, ist nicht deutlich zu ersehen, auf welchen Inseln und wie lange er auf jeder gelebt hat. Die Lücken im Tagebuch haben offenbar darin ihren Grund, daß es ihm in dem vollkommenen Naturdasein, das er jedesmal führte, wenn er allein zwischen den Eingeborenen lebte, an Schreibmaterial fehlte.

In den Aufzeichnungen wimmelt es von den Namen kleiner Inseln, die er mehr oder weniger flüchtig von einem festen Depot auf einer der größeren, bekannteren Inseln aus besucht hat. Es ist leider unmöglich gewesen, diese kleinen Inseln zu identifizieren, weil die Namen offenbar nach dem Laut der Benennung der Eingeborenen niedergeschrieben sind.

Nach Art von Tagebuchschreibern setzt er immer die Gegend als bekannt voraus. Auch die Daten sind sehr mangelhaft. An einigen Stellen sind sie ganz nach Art der Berechnung der Eingeborenen niedergeschrieben, unverständlich für den, der die Sprache nicht kennt. Er beschränkt sich darauf, wenn ihm kein Kalender zu Gebote steht, mit Monsum- oder Mondwechsel zu rechnen, wie die Eingeborenen es tun. Bisweilen steht sehr genau in längerer Reihenfolge zum Beispiel: Montag, den 3., Dienstag, den 4. und so weiter; aber sowohl den Monat wie die Jahreszahl muß man erraten.

Auf der Insel Yap, die zu den Karolinen gehört, hat er sich fünf Jahre als Depotchef aufgehalten. Im Januar 1872 schließt ein Abschnitt seines Tagebuches mit der Bemerkung, daß er Anweisung bekommen hat, nach Batavia zurückzukehren; da er aber nicht zurück will, beschließt er, seinen Abschied zu nehmen und die Pension zu verlangen, die ihm nach zehnjähriger Dienstzeit zukommt. Er will Tongu (siehe erstes Kapitel in dem vorliegenden Buch) nach seiner Heimatinsel begleiten, die – so schreibt er – ein wahres Paradies sein soll.

Daß er diesen Plan verwirklicht hat, geht aus dem vorliegenden Buch hervor, das von Tongus Insel handelt, die von den Eingeborenen Pelli genannt wird und wahrscheinlich zu den Pelew-Inseln gehört, die südöstlich von den Philippinen liegen, unter 6-8° nördlicher Breite. Auf dieser Insel verbrachte er, wenn man sich auf die Angaben in diesem Buch verlassen kann, über zwei Jahre, – eine glückliche Zeit, die mit der im letzten Kapitel des Buches geschilderten Katastrophe endigte, worauf er die Insel verließ. Mit Tongus und Tokos Hilfe glückte es ihm, nach Yap zu kommen, von wo er mit der ersten Schiffsgelegenheit nach Batavia zurückkehrte; aus dem Tagebuch ersieht man, daß er dann von neuem in den Dienst der Faktorei eintrat.

Während der Jahre, die er in Ruhe in Batavia verlebte, scheint der erste (der holländische) Teil dieser Erzählung geschrieben zu sein, in seiner »ästhetischen Periode«, von der er mir in Paris erzählte. Er führte ein Klubleben, las viel und begann zu schreiben mit der Absicht, als Schriftsteller aufzutreten. Aus unbekannten Gründen wurde diese Absicht wieder aufgegeben. Das Tagebuch zeigt, daß er sich von neuem aussenden ließ. Er wirkte als Depotchef und Einkäufer auf den Marschall- und Salomoninseln, war aber im Jahre 1880 abermals auf Java.

Da erhielt er 1882 einen Brief von seinem Vater, in dem er ihn bittet, nach Holland zurückzukehren. Der alte van Zanten hatte einen Anfall von Apoplexie gehabt, fühlte sein Ende herannahen und wollte seinen Sohn gern noch einmal sehen.

Van Zanten ordnete alles für seinen Aufbruch und reiste nach Europa. Bevor er aber Amsterdam erreichte, starb sein Vater.

Nach der Erbteilung mit der Witwe, die er nicht persönlich gesprochen zu haben scheint – das Tagebuch spricht nur von Briefen, die zwischen ihnen gewechselt wurden – verblieb ihm eine Erbschaft, die groß genug war, daß er den Rest seines Lebens sorglos als Rentier verbringen konnte.

Da er keine Erben hatte, kaufte er sich eine Leibrente und ließ sich in London nieder, wo er bis 1892 ein einsames und regelmäßiges Klubleben führte. In dieser Periode wurde der englische Teil des Romans geschrieben; und hier war es, wo er eine Zeitlang abermals den Gedanken erwog, als Schriftsteller aufzutreten.

Welche neuen Betrachtungen oder Erlebnisse diesen Plan abermals zu Wasser werden ließen, ist aus dem Tagebuch nicht zu ersehen. Kurze Zeit darauf aber befindet er sich in Paris; und nun beginnt ein unstetes Reiseleben, das, unterbrochen von jahrelangen Aufenthalten in Paris, London und Neapel, bis zu seinem Tode währte.

Ich traf van Zanten zum erstenmal in einem Pensionat in Bern im Winter 1895.

Drei Wochen lang wohnten wir Tür an Tür und aßen täglich am selben Tisch. Mein erster Eindruck von ihm war nicht günstig. Er war groß und stark, mit dichtem, rotblondem Haar und Vollbart; etwas träge in seinen Bewegungen und mit großen, blauen Augen, die – um einen Ausdruck von ihm selbst zu gebrauchen – einen eigenartig »entblößten« Ausdruck hatten.

Er erschien kalt und blasiert. Es belustigte ihn, seine Umgebung mit seiner Verachtung für europäische Zivilisation und europäische Frauen zu reizen.

Als er zufällig erfuhr, daß ich Schriftsteller sei, faßte er Interesse für mich; ohne mich damals ahnen zu lassen, daß er selbst schrieb, öffnete er mir sein Herz und erzählte zu meiner großen Freude unumwunden von seinem Leben auf den Südseeinseln.

Trotz seiner fünfzig Jahre erzählte er, wenn er in Schwung kam, außerordentlich jugendlich, und sein Zuhörer saß still lauschend dabei, ohne ihn durch Fragen zu unterbrechen. Munter, derb und gleichzeitig voll Gemüt erzählte er von seinen glücklichen Jahren, wie er sie nannte. Frisch und innig durchlebte er alles noch einmal in Gedanken, während er erzählte; oft mußte er innehalten, um seiner Bewegung Herr zu werden.

Vieles von dem, was er erzählte, war so neu und so erstaunlich, daß ich im stillen, trotz meines Interesses, die Hälfte für Reiseaufschneiderei hielt. Später aber, als ich ihn näher kennen lernte, sah ich ein, daß ich ihm unrecht getan hatte. Wahrheitsliebe und Widerwillen gegen alles Gemachte war tatsächlich ein tiefwurzelnder Charakterzug bei ihm. Später, in Paris, lernte ich in ihm einen der ursprünglichsten, in seiner Natürlichkeit ungebundensten Menschen kennen, der mir jemals in Dänemark und im Auslande begegnet ist.

Trotz des Altersunterschiedes wurden wir gute Freunde. Als ich Bern verließ, bat er mich um meine Adresse, benutzte sie aber nicht.

Es vergingen einige Jahre, und ich sah ihn an einem Januarabend im Jahre 1899 vor dem Café d'Harcourt auf dem Boulevard St. Michel im Quartier Latin wieder, wo er sich an dem munteren Nachtleben der Studenten ergötzte.

Wir musterten einander lange. Dann hob er sein Glas und nickte mir wiedererkennend zu; und ich eilte an seinen Tisch.

Von da an trafen wir uns jeden Abend bei Harcourt. Wie allen einsam lebenden Menschen, fiel es ihm schwer, sich zu begrenzen, wenn er erst einmal angefangen hatte zu erzählen. So sind wir viele Nachtstunden auf dem Boule-Miche hin und her gewandert, während er von den Südseeinseln erzählte, auf die er immer wieder zurückkam.

Er fühle sich nicht wohl in Europa, sagte er. Und wenn er seinem tiefen Heimweh nach den Inseln nicht Folge gab, so lag es wahrscheinlich daran, daß er eine Enttäuschung fürchtete, wenn er die Resultate der »Kulturarbeit« zu sehen bekäme, die seit seinen glücklichen Tagen durch die Europäer solch ungeheuren Aufschwung genommen hatte, besonders seit die Deutschen drüben festen Fuß gefaßt hatten.

Als ich ihn eines Abends auf seinem einsamen und tristen Hotelzimmer in der Rue Jacob besuchte, kamen wir auf Literatur zu sprechen, und ich redete ihm eindringlich zu, seine Erinnerungen niederzuschreiben. Da war es, daß er mir seine früheren literarischen Anfechtungen gestand, und mir seine ästhetische Periode in Batavia verriet, wo er »sowohl Verse wie Prosa fabrizierte«, und halb verlegen, halb selbstbewußt erzählte er von seinem Tagebuch und von Manuskripten, die er liegen hätte.

Ich fragte ihn, ob ich nicht einiges davon lesen dürfte. »Ja, nach meinem Tode!« sagte er und ging zu etwas anderem über.

Einige Abende danach erzählte er mir zum erstenmal von Ali, die die Hauptperson in dem vorliegenden Roman ist. Gedämpft und vorsichtig erzählte er, wie man eine Sache berührt, von der man eigentlich nicht hatte sprechen wollen.

Bevor ich ging, versuchte ich noch einmal ihn zu bewegen, mir etwas von seinem Manuskript zu zeigen.

»Ja, das wäre so was für einen Schriftsteller!« sagte er neckend und zwinkerte mit den Augen.

»Sie sollen das Ganze bekommen, wenn ich tot bin!« – Das war sein letztes Wort in dieser Angelegenheit. Ich nahm es für Scherz; und einige Abende danach befand ich mich auf der Heimreise.

Diesmal wechselten wir einige Briefe. Seine wurden kürzer und kürzer. Zuletzt hörte ich von ihm aus Neapel, auf meinen letzten Brief aber bekam ich keine Antwort.

Als ich im Herbst 1903 wieder nach Paris kam, suchte ich van Zanten vergeblich in unserem Stammcafé und in seinem Hotel. Man wußte hier nichts von seiner Adresse. Auf dem holländischen Konsulat, wo ich mich zuletzt erkundigte, wußte man dagegen, daß er sein ganzes Mobiliar in einem Mietszimmer in Paris untergebracht habe und sich selbst auf Reisen befände, wahrscheinlich in den Kolonien.

Ich dachte an sein Heimweh nach den Inseln und gab die Hoffnung auf, ihn jemals wieder zu Gesicht zu bekommen. Für alle Fälle hinterließ ich auf dem Konsulat einen Brief zur eventuellen Weitersendung, in dem ich ihm mitteilte, daß ich ihn vergeblich aufgesucht hätte und gern etwas von ihm hören würde.

Ob dieser Brief ihn jemals erreicht hat, weiß ich nicht; jedenfalls erhielt ich nie eine Antwort darauf; und die Erinnerung an unsere Begegnung kam in die Rumpelkammer meines Gehirns.

Da empfing ich im Februar vorigen Jahres, während ich mich in Nizza aufhielt, einen Brief mit dem Wappen des holländischen Konsulats und mit vielen Poststempeln. Er war mir durch eine Reihe wechselnder Adressen nachgeschickt worden.

Der Brief enthielt eine Mitteilung über van Zantens Tod samt einer Abschrift seines Testamentes, worin er »Mijnheer Laurids Bruun van Denemarken« eine Sammlung Manuskripte und Tagebücher zu Erb und Eigen vermacht, »und soll er frei verfügen, was von dem Hinterlassenen wert ist, der Öffentlichkeit vorgelegt zu werden, und wo es erscheinen soll«.

Indem ich nun also Pieter Adrian van Zantens Debütbuch in die Welt sende, erfülle ich damit nicht allein eine liebe persönliche Pflicht, sondern ich glaube, daß ich gleichzeitig die Literatur mit einer interessanten und eigenartigen Arbeit bereichere, die Einblick in ein neues und fruchtbares Dichterland gewährt. Ich brauche kaum hinzuzufügen, daß ich es mir habe angelegen sein lassen, die in van Zantens Buch herrschenden natürlichen und ethnographischen Verhältnisse womöglich durch die vorhandene Literatur zu verifizieren; es ist mir also gelungen, in den meisten Fällen genaue Übereinstimmung mit zuverlässigen Berichten anderer über Volksleben, Sitte und Aberglaube zu konstatieren.

Es ist betrübend zu denken, wie wenig dazu gehört, um das Schicksal eines Menschen zu verändern. Wenn van Zanten seinem ursprünglichen Plan gefolgt wäre und dieses Buch veröffentlicht hätte, so wäre es aller Wahrscheinlichkeit nach in der Mitte der siebziger Jahre erschienen, in seiner ästhetischen Batavia-Periode, also bevor noch Kipling, der 1865 geboren ist, daran dachte, das indische Festland für die Literatur zu erobern. Jetzt ist Kipling mit Recht weltberühmt; van Zanten aber, dessen Buch mit Hinsicht auf die Originalität des Stoffes, auf die Ursprünglichkeit und Anschaulichkeit der Darstellung so sehr an Kiplings Bücher erinnert – ist unbekannt und ohne Namen gestorben.

Nach und nach, soweit meine eigene Produktion mir Zeit dazu läßt, werde ich auch die übrigen van Zantenschen Manuskripte, sofern sie sich dazu eignen, in Dänemark erscheinen lassen.

Was das Ausland betrifft, so werden Schritte getan werden, damit der vorliegende Roman in einer deutschen, englischen und holländischen Ausgabe erscheint, ebenso wie es mir auch hoffentlich gelingen wird, die übrigen Manuskripte in kritischer Ausgabe nach und nach in einer oder mehreren Weltsprachen herauszugeben.

Ich möchte noch hinzufügen, daß ich mich in meiner Übersetzung dem Original genau angepaßt habe, ebenso wie ich es mit Absicht unterlassen habe, sprachliche und literarische Ungeschicklichkeiten, die den Anfänger verraten, zu verbessern (z. B. die Benutzung der Gegenwarts- und Vergangenheitsform in derselben Satzperiode); dennoch habe ich mich hin und wieder gezwungen gesehen, ein Wort oder einen Ausdruck zu dämpfen oder ganz auszulassen, dessen allzu große »Natürlichkeit« nach dänischen Begriffen eine direkte Widergabe unmöglich gemacht hätte. Ich nehme an, daß van Zanten, wenn er das Buch der Öffentlichkeit übergeben hätte, selbst geändert haben würde, was die Geschmacksgrenze des gedruckten Wortes überschreitet. Dennoch werden vielleicht einige Leser finden, daß ich in dieser Beziehung nicht streng genug gewesen bin.

Kopenhagen, im Mai 1903

Laurids Bruun

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