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Gutenberg > Karl Gutzkow >

Uriel Acosta

Karl Gutzkow: Uriel Acosta - Kapitel 5
Quellenangabe
typetragedy
booktitleKarl Gutzkows Meisterdramen
authorKarl Gutzkow
year1902
publisherVerlagsbuchhandlung von Hermann Costenoble
addressBerlin
titleUriel Acosta
created20020804
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1847
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Vierter Aufzug.

Im Tempel.

Ein niedriges Gemach, rechts und links mit offenen Eingängen. An den Wänden sind die Gesetztafeln mit hebräischen Buchstaben gemalt. Im Hintergrunde trennt ein großer Vorhang dies Gemach vom Innern der Synagoge, das erst später sichtbar wird.

Erster Auftritt.

Santos. De Silva (treten auf). Später Diener.

Silva. Und niemand ward inzwischen eingelassen?

Santos. Er blieb allein, wie das Gesetz es will.
Als er ans Thor der Synagoge pochte,
Da hat er Gottes Finger wohl erkannt.

Silva. Mit Steinen wirft der Finger Gottes nicht.

Santos. Doch in dem Zorn des Volkes mußt' er fühlen,
Was er zu fühlen selbst sich nicht gestand.
Verhöhnt, ohnmächtig, mit zerriss'nen Kleidern,
Sank er im Hof der Synagoge nieder.
In Einsamkeit, von allem abgeschnitten,
Was die Betrachtung hätte stören können,
Erwartet er Befreiung und Versöhnung.

Silva. Daß er die eine wie die andere fände!
Vom Krankenbett der Mutter ward ihm nichts
Gemeldet?

Santos.       Seine Brüder wünschten Einlaß.
Doch hätt' ihn die Gefahr der Mutter ängst'gen,
Als Folge seines Fluchs erscheinen können –

Silva (bei Seite).
Großmüt'ge fromme Vorsicht das!

Santos.                                                   Auch Judith,
Manasses Tochter, die Prophetin Baals,
Die meinem Fluch die Spitze bieten wollte,
Bat oft um Einlaß –

Silva.                               Auch zurückgewiesen?
Ganz Amsterdam erfüllt ja Schreckenskunde
Vom zweiten Sturz Manasse Vanderstratens!
Jochai, o, der hat es wohlverstanden,
Sich ihm als Sproß des reichsten Handelshauses
Mit künstlichen Umstrickungen zu zeigen.
Zu träumerisches Leben hat mein Schwager
In seinen Bildern, seinem Park geführt,
Und im gewohnten Gleise, sicher, sorglos
Trug ihm sein Pfund die immer gleiche Rente.
Da plötzlich stellt der junge Handelskünstler,
Der abgewiesene Schwiegersohn, ihm Fallen,
Wie sich's in London, in Venedig lernt,
Wenn man mit einem Pfiff die Handelswelt
Auf eine einz'ge Kasse hetzend jagt.
Mein Schwager unterliegt – und Ben Jochai,
Von Liebesglut entzündet trotz der Rache,
Will jetzt, den Jammer, die Verzweiflung nutzend,
Die Hand zu friedlicher Entscheidung bieten.
Und welche kann das sein? Darf Judith zögern,
Dem Vater sich zu opfern? Muß sie nicht
Das furchtbar Schmerzliche, Verrat des Freundes,
Muß sie den eignen Tod nicht bieten können,
Um den zu retten, der nicht leben kann,
Wenn er in seinem Glücke nicht mehr lebt?
Was sie von Uriel wollte, Widerruf
Um Mutter, Brüder und um sie – das muß
Sie selber jetzt um ihren Vater können.
Und all' das, alles habt Ihr ihm verschwiegen?

Santos. Die Prüfungszeit verbietet mit der Welt
Jedweden, selbst den schriftlichen Verkehr.

(Ein Diener bringt einen Brief.)

Diener. An Uriel Acosta dieser Brief.

Santos. Ihr wißt, daß er nicht angenommen wird.

Diener. Sein Bruder war es, der ihn brachte, Ruben;
Er bittet flehentlich ihn abzugeben.

Santos. Nehmt diesen Brief zurück – nicht ist's erlaubt,
Daß eine Botschaft in die Zelle dringe,
Wo Reue sich zur Buße vorbereitet.

(Der Diener geht mit dem Briefe ab.)

Silva. Wo stände das geschrieben? Ihr verhindert,
Daß sich ein stiller Seufzer zu ihm stiehlt?
Von Judiths kummervollen Nächten soll,
Vom Sturz Manasses nicht ihm Kunde werden?
Ihr wißt, er widerruft ja nur als Sohn,
Er widerruft um eine Braut. Die Gründe,
Daß er sich beugt, sie haben sich verändert!
Was ein verzweifelnd Herz der Liebe, was
Ein brechend Mutterherz zu melden hat,
Es ist nicht ehrlich, das ihm zu verschweigen.

Santos. Seht dort den Greis Akiba, den der Glaube,
Sein festes Halten an Gesetz und Regel
Noch neunzigjährig wie verjüngt! – Acosta
Wird aus des Rabbi Hand das Formular
Des Widerrufs empfangen. Gehet draußen
Einstweilen zu der betenden Gemeinde!
Nach wenig Stunden stillt Ihr Eure Sehnsucht.

Silva. Ich werde geh'n, doch handelt weise mit
Dem Reuevollen, dem Ihr danken müßtet,
Daß eines solchen Mannes Unterwerfung
Den Zauber Eures Priestertums vermehrt;
Ich wünsche, daß sich dieser Tag zum Guten wende
Und daß Ihr seine Reue nicht bereut.
(Ab nach außen.)

Zweiter Auftritt.

Rabbi Akiba, ein hochbetagter Greis, geführt von zwei jüngeren Rabbinen. Rabbi van der Embden mit einer Pergamentrolle. Santos. Später Uriel.

Akiba (den man zu dem Ehrensessel an den Tisch geführt hat).
Bringt Ihr den Widerruf, van Embden?

Embden.                                                       Hier,
Ehrwürd'ger Ben Akiba – abgeschrieben
Auf diesem Pergament!

Akiba.                                   So laßt mir denn
Den Reuigen zum letzten male vor!
Setzt Euch um mich und glaubt, das alles war
Schon einmal da.

Santos.                       Acosta seh' ich kommen.

Akiba. Das war schon alles da. Setzt Euch, Rabbinen!
Van Embden soll indes die Feder führen. –
Das bloße Wort verfliegt in Lust und Lüge.
Das war schon alles da – glaubt mir, Rabbinen!
Epikuräer, Spötter, Glaubensspalter –
Die Jugend denkt, es wären Neuigkeiten –
Es war schon alles da – glaubt mir, Rabbinen –
In unserm Talmud kann man jedes lesen
Und alles ist schon einmal dagewesen.
(Uriel tritt blaß und verfallen auf.)
Setzt Euch, Acosta! Drüben steht – nicht wahr,
Dort drüben steht ein Stuhl, Rabbinen? Wie?
Setzt Euch, Acosta! Wißt, ich zähle neunzig –
Und neunzig Jahre sieht man wohl
Die müden Füße – nach – die müden Füße!
(Er setzt sich.)

Santos. Ihr habt die kürzere Frist begehrt, Acosta –

Akiba. Laßt mich, de Santos – Ben Akiba hat
Mit Uriel zu reden – alles dagewesen!
Seht denn, mein junger Uriel Acosta –
Zwei Wege gab es immer für die Zweifler,
Wenn sie des Zweifelns überdrüssig wurden –
Der eine Weg der Reue kurz, doch streng,
Der and're milde, doch von längerer Dauer.

Uriel. Ich will den kurzen! Tötet mich! Nur rasch –!
Ich will mich nicht besinnen, wie ich sterbe.

Akiba. Was eilt Ihr so, mit Euern jungen Füßen,
Die lange wandern können, bis Ihr ruht,
Die lange halten bis zum letzten Halt?
Die Reue ist ja nicht für uns, sie ist
Für dich! Was eilst du so in wildem Sturm?
Um mich brauchst du die schnelle Reue nicht!
Wenn ich sie nicht mehr sehe, sieht sie Gott.

Uriel. Soll ich denn immer, ewig wiederholen,
Was ich schon viel zu oft Euch zugestand?

Akiba. Nein! Nein! Ich weiß, auf Fasten, Reinigung,
Auf Talmudlesen hast du kein Vertrauen –
So war es immer, immer war es so –
Drum frug' ich dich zum letzten mal, Acosta,
Fühlst du aus deines Herzens tiefstem Grunde,
Daß du in deinem Buche Gott gelästert?

Uriel. Den Gott, der nur ein Gott der Juden wäre,
Den hab' ich nie verstanden, oft beleidigt –
Im Protokolle steht es schon geschrieben –

Santos. Nur doppelsinnig, trügerisch und falsch,
Ist alles, was du zugestanden hast:
Sophisma ist's – beweise, was du glaubst!
Beweise, was zu glauben du uns täuschest!

Akiba. Beweisen, Santos? Ueberlegt! Beweisen!
Ihr müßt nicht drängen in den kranken Mann!
Wie kann man, was man glaubt, beweisen wollen!
Vergebt, de Santos – manchmal sprecht Ihr selbst
Wie ein Epikuräer! Wie! Beweisen!
Bewiesen ist die Sonne, weil sie scheint,
Bewiesen ist das Feuer, weil es brennt,
Bewiesen ist die Offenbarung Gottes,
Weil sie in unserm Bund geschrieben steht,
(zu Santos)
Von Euch nicht – (zu Acosta)
                            nicht von Euch will ich's bewiesen.

Embden. Dann einfach sag' uns, was du glauben willst!

Uriel. Ich sagt' es ja – ich sprach es Euch ja nach,
Daß Gott die Juden sich zumeist erwählt,
Nur ihnen sich gezeigt von Angesicht,
Nur ihnen menschlich sich verständigte,
Nur ihnen sprach, nur ihnen Zeichen gab,
Nur ihnen eine Offenbarung schrieb,
Wo jedes Wort und jedes Lesezeichen
Als göttliche Vernunft zu nehmen ist.
Ich glaube, daß mein Geist mich irre führt,
Daß wir Buchstaben nimmermehr zu deuteln,
Am Worte Gottes nicht zu meistern haben –
Ich glaube das, ich wiederhol' es hier –
Und glaub' es glaubend, dankend Euch von Herzen,
Daß Ihr es zu beweisen mir erspart.

Santos. Nur Trotz zeugt dieses Zugeständnis.

Akiba.                                                             Nimm
Den langen Weg, dann wird, was du bekennst,
Ins inn're Herz dir fließen von der Zunge.
O wähle doch den langen Weg, Acosta!
Er wird dir Friede gießen in die Brust,
In deine kranke Seele, guter Sohn!
In solchen Zweiflern, wie du bist, Acosta,
Steckt nur der allzu wilde Drang des Forschens.
Im Talmud hat es viele schon gegeben,
Die irre werden durch zu vieles Wissen,
Da war (halb zu den übrigen Rabbinen gewendet)
            ein großer Zweifler schon, mit Namen
Elisa Ben Abuja, Schüler selbst
Von einem uns'rer weisesten Rabbinen,
Und Rabbi Mehir wieder war sein Schüler
Und weil er zweifelte, (steht auf) ward er verflucht.
Elisa Ben Abuja war wie du,
Man scheute sich, den Namen auszusprechen
Und hieß ihn Acher – Acher heißt der and're,
Der and're nur, so schreibt von ihm der Talmud – –
Der and're hieß Elisa und es stieg,
Als er gestorben, dunkel aus dem Grabe
Ein ew'ger Rauch – das Grab, es rauchte – bis
Sein Schüler, Rabbi Mehir, linderte
Die Ruhe seiner Seele durch Gebet,
Er betete, der Schüler für den Meister,
Und aus dem Grabe rauchte es nicht mehr.
Ein solcher Acher bist du. – Es war alles da.
(Setzt sich.)

Uriel. Hab' ich den Ruhm der Neuheit denn begehrt?
Der Rauch des Acher ist die Feuerseele,
Der Flammengeist, den Ihr mit ihm begrubt!
Ein Acher bin ich selbst, ich bin der and're,
Der ewig and're; denn im Anderssein
Liegt die Gewähr des ewigen Entstehens.
Und wie der Talmud doch zu deuten ist,
So hört! Ein Acher, dünkt mich, lebte nie!
Der Acher ist das Bild des reinen Denkens,
Denn nur im andern seh' ich, wie ich bin,
Im andern fühl' ich meine eig'ne Wahrheit,
Im andern lern' ich meine Unterscheidung,
Das and're ist des Zweifels heiligstes
Symbol. Der Zweifel ist des Glaubens Nahrung –
Und jeder Denker muß sich Acher sein.
Ja, wie der Talmud klüger ist denn Ihr,
So giebt er Achern, der ein Bild nur ist,
Der nie gelebt hat, einen großen Lehrer
Und einen größern Schüler, beide fromm;
Denn nur aus Zweifel kommt ein frommer Glaube.

Akiba. De Santos! – hab' ich recht gehört – es hätte –
Elisa Ben Abuja nie gelebt?
Ein Wirkliches, ein Mensch, im Talmud lebend,
Der wäre nur ein Bild, nur eine Mythe –?
Und was der Glaube fest umfangen hält
Wie Fleisch und Bein, leibhaftig, allen faßbar,
Das wären Wolken, Dunstgebilde, die
Erst später menschlich sich gestaltet hätten?
Nein, das ist eine Meinung noch zu neu
Und wohl zu sühnen, da sie nie gewesen –
Gebt ihm des Widerrufes Formular!

Santos (giebt Uriel das Papier).
Euch beugt das Schicksal nur, die Demut nicht.
Von dem, was Eure Lippen hier bekennen,
Weiß Euer Geist nichts, der im Argen bleibt.
(Zeigt nach hinten.)
Dort auf dem Tabernakel les't die Sünden,
Der Ihr Euch zeiht mit künstlicher Verstellung
Vor allem Volke, das sich schon versammelt.

Uriel. Wie? Vor dem Volk!

Akiba.                                 Les't alles erst allein,
Was Ihr mit fester deutlicher Betonung
Vor der Gemeinde zu bekennen habt!
Ei, ei! Der Acher nie gelebt? Acosta,
Ihr lebt doch! Warum soll denn Ben Abuja
Nur Mythe sein!

Uriel.                           o nur zu wahr! Ich lebe!

Akiba. Nun seht! Dann hat der Acher auch gelebt!
Ja, ja, mein Sohn, geht hin und widerruft,
Nur um im Denken nüchterner zu bleiben –
Und leset fleißiger daheim im Talmud!
Es haben alle Zweifler widerrufen
Und was auch einer noch so Kluges fand,
Es war nur Blüte eines frühern Keims.
Das Neue nur ist droben! Hier war alles
Schon einmal da – schon alles dagewesen –
(während er nach rechts abgeführt wird)
Und fleißig Talmud lesen – junger Acher!
(Im Abgehen.)
Schon dagewesen – alles dagewesen.

(Santos und Embden folgen.)

Dritter Auftritt.

Uriel (allein). Dann Ruben.

Uriel (das Pergament betrachtend).
Entehrendes Geständnis, du stehst treuer
Auf diesem Pergamente nicht gemalt
Mit schwarzen Dolchen, Pfeilen, Vipernzungen,
Als hier in meiner Brust mit roten Wunden!
Kein Balsam wird mir diese Wunden heilen.
Und heilte sie vielleicht die milde Zeit,
So werden die zurückgebliebenen Narben
Mich nicht wie eines Kriegers Narben ehren – –
In meinem Kerker war es diese Nacht,
Als säh' ich meine Mutter. Sanft und linde –
Hat sie mich trösten wollen – und zur Seite,
Verklärt von einem blendendweißen Lichtglanz,
Stand Judith – Ich erwachte – Kalt begrüßten
Mich wieder meine nackten Kerkerwände
Und zornig faßt' es mich, wie Galilei.–
Ha, Galilei! Als du auf der Folter,
Die Erde stehe still, beschwören mußtest,
Da sprangst du, wie die Schrauben nachgelassen,
Empor und riefst den Kardinälen donnernd
Dein stolzes Wort: Und sie bewegt sich doch!
Und dies dein »Sie bewegt sich doch« will mich
Seitdem nicht mehr verlassen, immer, immer
Klingt mir's im Ohre: Sie bewegt sich doch –
Und sie bewegt sich doch –
(Hinter der Szene beginnt ein Psalm, von Kindern gesungen.)
                                            Ha, diese Stimmen!
Accorde unschuldsvoller Kinderseelen!
Nicht wissend singen Kinder Rachepsalmen –
Muß es denn sein? Allmächtiger dort oben,
Wie ist das dir, wenn ich mich krümme – kann
Kein Arm herniederlangen ans dem Nichts?

Ruben (hinter der Szene).
Ich muß – laßt mich zu ihm – ich muß!

Uriel.                                                           Das ist
Die Stimme meines Bruders!

Ruben (auftretend).                         Uriel!

Uriel.                                                         Bruder,
Nicht vor der Schmach, nein nach ihr brauch' ich Liebe!

Ruben. Man will den Eingang uns zu dir verwehren,
Den Brüdern ihres Bruders Anblick rauben –
Laß ab! Im Namen der Verwandten komm' ich –
Wir wollen dulden, wollen dich nicht drängen
Zum Widerrufe! Thu' ihn nicht um uns!

Uriel. Der Mutter hab' ich's feierlich gelobt.

Ruben. Der Mutter! Ach der lebenden! Doch noch
Ihr letzter Blick, der dich vergebens suchte –
Und in der blinden Nacht gebrochen ist –

Uriel. Die Mutter tot? Tot unsere Mutter? Tot?

Ruben. Den Brief, den ich dir schrieb, empfingst du nicht –
So macht ich mir gewaltsam Bahn zu dir –
Ja, Bruder, uns're Mutter ist nicht mehr,
Wo Menschenfluch uns schaden kann!

Uriel.                                                             Ist tot! – –
Und doch – kann sich durch solchen Schmerz ein Trost,
Ein Lächeln noch durch solche Thränen stehlen,
So möcht' ich danken dem Geschick, daß sie
Gesühnt mich glaubte, eh' ich's wirklich bin,
Und starb, eh' ich gelitten, was ich leide.–

Ruben. Laß ab! Wir ziehen nach dem Haag und suchen
Uns dort ein neues Glück –

Uriel.                                           Was sprichst du –! Wie
Vermag ich abzulassen! Weißt du doch,
Mein Herz gehört nicht mir in beiden Hälften;
Die Mutter gab die eine mir zurück –
Die and're – (Es erschallt der Widderhörnerton.)

Ruben (will ihn zurückhalten).
                      Judith?

Uriel.                                 Laß mich, Bruder! Sieh',
Der stumme Blick der Liebe Judiths winkt – –!

(Er stürzt nach hinten.) (Der Choral hört auf.)

Vierter Auftritt.

Hinten wurde der Vorhang aufgezogen. Man sieht die Synagoge. Eine Erhöhung von wenig Stufen führt auf das Tabernakel, von wo herab man in den durch Kron- und Wandleuchter erhellten Raum sieht. Auf dem Tabernakel sitzen: Santos, Embden und zwei Rabbiner mit Taleds (Gebetschleiern) auf dem Haupte. Die Vorigen.

Santos. Ich lade dich vor diese Schranken, Uriel
Acosta! Israel harrt deiner Buße!

Ruben (kämpft mit sich, die Wahrheit zu sagen).
Nein, Bruder! – Judith – wird –

Uriel.                                                 Du sprichst ihn aus
Den Namen, der mein Schicksal werden muß!
Jetzt gieb dir Mut, du feiger Fuß! Ich schreite
Nicht rechts, nicht links, nach Christus, Sokrates,
Nach Hussens Feuertod nicht neidisch schielend,
Empor zum dreimal blut'gern Tod der Schande!
(Er geht entschlossen die Stufen hinan.)

Ruben. O schaudervolle Wendung des Geschicks –!
Noch weiß er nicht, was sich jetzt eben
Im Hause Vanderstratens muß entscheiden!
Er widerruft um eine Mutter, die
Ihm stirbt! Um eine Braut, die – jetzt vielleicht
Für immer, immer ihm verloren ist!

Santos (hinaussprechend.)
Hör', Israel, und jauchzet alle Lande!

Uriel (liest aus dem Pergament, unter ferner Begleitung einer Musik).
»Ich Uriel Acosta, von Geburt
Ein Portugiese, Jude meines Glaubens,
Gestehe hier vor Gottes Auge, daß
Ich seiner Gnade mich unwürdig fühle.
Als Knabe schon bekannten meine Lippen
Den Christenglauben, den mein Herz verwarf;
Dann Jakobs Glauben wiederum bekennend
Mit äußerm Schein und heuchelnder Verstellung
War ich nicht Christ, nicht Jude, haßte beide,
Insonders aber haßte ich mein Volk.
Was ihm nur heilig ist, hab' ich verhöhnt,
Mit Lust gethan, was das Gesetz verbietet.
Wo des Verstandes Kraft den Missethaten
Den Schein der Ueberzeugung nicht verlieh,
Nahm ich den Spott zu Hülfe, schrieb ein Buch,
Das Belial mir eingegeben hat –
O Fluch der Hand, die dieses Buch geschrieben –
Die Mutter zu ermorden war sie fähig –«

Ruben (für sich).
Die Lüge trifft dich nicht –

Uriel.                                         »In Blut getaucht
Hab' ich die Feder, die es schrieb. Gelogen
Ist alles, was in meinem Denken mir
Mit unserm Glauben nicht vereinbar schien,
Und was ich Quelle der Vernunft genannt,
Wo ich Euch riet, die Dürstenden zu tränken,
Das war nur Wasser aus dem Trog des Tiers,
Das wir verachten seit der Väter Tagen.
Das eigne Wort des höchsten Gottes hab' ich,
Die Offenbarung, fälschlich mir verändert,
Den Sinn entstellt mit frevelnder Erfindung,
Gefälscht hab' ich die Worte der Propheten
Mit schadenfroher Lust an meiner Lüge –
(Er kann kaum noch weiter und sinkt schon ohnmächtig. Die beiden Rabbinen halten ihn.)
Und nunmehr – fühl' ich mich – so tief verworfen
In dieser Eitelkeit aus meine Meinung,
Daß ich die Strafe, die gerecht mich traf,
Des Bannes Fluch durch Reue will versöhnen!
Und daß ich demutsvollen Sinns mich zeige,
Hoffärtig nicht vor meinen Brüdern wandle,
So will ich mich an dieses Tempels Ausgang,
Am Thor der Synagoge auf die – Erde
Als – Büßer – legen! Jedermann von Euch
Erhebe seinen Fuß, – um – über mich
Hinweg – – (Er sinkt nieder.)

Ruben.                 Was hör' ich?

Santos (nimmt die Rolle und liest). An des Tempels Ausgang,
Am Thor der Synagoge auf die Erde
Als Büßer legen! Jedermann von Euch
Erhebe seinen Fuß, um über mich
Hinwegzuschreiten an des Thores Schwelle!«

Ruben (außer sich).
Ihr schändet keinen oder mich mit ihm!

(Er stürzt davon. Uriel wurde inzwischen bewußtlos vom Tabernakel nach hinten hinuntergetragen. Die Priester folgen.)

Statt der Musik hört man fortdauerndes Gebetmurmeln.

Fünfter Auftritt.

Jochai, De Silva kommen eilend von vorn.

Silva. Was wollt Ihr thun? O schämt Euch, Ben Jochai!
Hat Euch das Uebermaß des Glücks verwirrt?

Jochai (hinausblickend).
Sieh' da! Du Stolzer! Krümmst du dich im Staube!
Er soll es hören, ja im Staube hören,
Daß er in seiner Rechnung sich betrog!
Um ein Phantom nur hast du widerrufen!
Judith ist mein und keine Siegespalme
Wird dir aus ihrer Hand entgegenblüh'n!
(Er eilt über das Tabernakel hinweg.)

Silva (an den Stufen).
Ihr Schicksalsmächte, seid ihr denn dieselben,
Die an dem Thor des Himmels Wache halten?
Sind Cherubim mit Flammenschwerter Engel,
Sind es Dämonen aus der Unterwelt –?
Wie konnte das gescheh'n? Ich sinn' und klage,
Indessen Uebermut dort triumphiert.
(Er steigt höher und sieht hinaus.)
Jochai will der erste über ihn,
Hinweg mit seinem Fuße schreiten. Ha,
Unglücklicher, auch du wirst straucheln einst!
Er thut's – Er wagt's – Acosta springt empor –
Entsetzen starrt aus dem empörten Auge –
Jochai's Wort muß er vernommen haben –
Die Kleider reißt er ab, die tiefbeschimpften,
Man weicht ihm aus! Er stürzt hierher – Verhängnis!
Und glaub' ich doch, daß du vom Himmel stammst?

Sechster Auftritt.

Santos, Embden Rabbinen treten unten in Bestürzung auf. Die Gemeinde. Darauf Uriel.

Santos. Die Thüren auf!

Embden.                         Entlaßt das Volk. Er frevelt –!

Alle. Er lästert!

Uriel (erscheint in wildem Aufzuge, entstellt, auf dem Tabernakel).
                    Schweigt! Ihr alle schweigt – ich kenn' Euch alle –!
Der reiche Ben Jochai – war's Jochai,
Der eben mich mit seinem Fuße trat?

Silva. Beugt Euch dem Willen des Geschicks, Acosta!
Tragt sanft und milde, was es Euch verhängt!

Uriel. Ihr seid de Silva –

Santos.                             Wenn um Judith nur
Du widerriefst, so strafte dich der Herr.
Sie wird das Weib Jochais!

Uriel.                                             Hab' ichs doch
Gehört?

Silva.             Acosta! Forscht nicht, wie im Drange
Des schmerzlichsten Geschicks ein Kindesopfer
Gefordert wurde – tragt es, weil es ist!

Uriel (kämpft, sich an diese Nachricht zu gewöhnen. Seine Brust hebt sich, seine Augen rollen. Endlich stürzt er verzweifelnd an Silvas Brust).
Ich gab den Tod mir um zwei Leichen, Silva!
O allzu sterblich sind die Sterblichen!

Santos. Du Tempelstörer, ende deine Reue!
Noch ist die letzte Sühnung nicht vollzogen.

Uriel. Noch Sühnung? Hört! Und sie bewegt sich doch!

Silva (bei Seite).
Das Wort des Galilei?

Uriel.                                   Stürzt, ihr Felsen,
Von meiner Brust! Du Zunge werde frei!
Gefesselte Vernunft, erhebe dich
Mit eines Simsons letzter Riesenstärke!
Mit meinem Arm zerdrück ich Eure Säulen –
Dem blinden Geigenspieler fällt es ein,
Er selber sei der Held, der seinen Schmerz
Besingt, um Euch zum lust'gen Tanz,
Mit seinem Lied zur Freude aufzuspielen!
Zum letzten Male schüttle ich mein Haar,
Und rufe: Was ich las – es ist nicht wahr!

Santos und Alle.
Hinweg, hinweg mit ihm!

Uriel.                                         O leugnet Ihr
Das Sonnenlicht durch diese matten Kerzen?
Sagt Ihr, die Sterne glaubten das, was wir?
Unsterblich dünkt Ihr Euch in Euerm Wahn?
Ihr Eintagsfliegen, sommernachtgeboren
Und wie ein Nichts im ew'gen Raum verloren!
An Worte fesselt Ihr den Geist, an Worte
Den ew'gen Gott, an diese ird'sche Schöpfung,
Die Euer Auge kaum begreifen kann?
Wir wollen Freiheit von dem alten Joch!
Nur die Vernunft sei das Symbol des Glaubens!
Und wenn wir zweifeln, Wahrheit aufzufinden,
So ist es besser, neue Götter suchen,
Als mit den alten, statt zu beten, fluchen!

Santos. Du glaubst, du hast den Denker dir befreit?
Nur deinen Dämon hast du losgebunden.

Uriel. Den Dämon! Ja, de Santos, meinen Dämon!
Ich glaub' an Euern Gott, Gott Adonai,
Den Gott, der seinen Feind zertritt wie Thon!
Den Gott, dem Feuer aus dem Munde geht,
Den Gott, der Rache übt ins dritte Glied!
Ich bin ein Mensch, wie dieser Gott des Zorns,
Und will ihm dienen, Euerm Gott der Rache!
(Er stürzt fort.)

Silva. So weit ist es gekommen! O zerreißen
Möcht' ich dies Kleid und Buße thun vor Reue,
Daß ich die Hand gelieh'n zu solchen Freveln!
An den entweihten Tempeln sind die Hüter,
Am Fall des Glaubens nur die Priester schuld!

Santos. (zu den Rabbinen).
Was zu beschließen, wird Akiba sagen.
Wir seh'n uns morgen auf Ben Jochais Hochzeit.

Der Vorhang fällt.

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