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Urchristentum

Georg Brandes: Urchristentum - Kapitel 3
Quellenangabe
typeessay
authorGeorg Brandes
titleUrchristentum
publisherErich Reiss Verlag / Berlin
printrunErstes bis fünftes Tausend
year1927
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150413
projectid5abc15d3
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Paulinismus

1.

Es gibt noch heutigestags halbwüchsige Jugend beiderlei Geschlechts, die eine gefährliche Neigung hat, zu denken. Was wir Erziehung nennen, besteht in der Regel aus der Bestrebung, dies den Jungen gründlich abzugewöhnen. Diese Bestrebung hat erstaunliche Erfolge gezeitigt. Der geistige Standpunkt der ungeheuren Mehrheit ist der Beweis dafür. Es ist eine Phalanx von Unwissenheit, Aberglauben und Selbstsicherheit gebildet, die ein einzelner unmöglich durchbrechen kann. Aber diese ungeheure Mehrheit, die zudem unübersehbare Reserven von Gedankenleeren hinter sich hat, besitzt nur die äußere Macht. Sie wird natürlich von jenen Wissenschaftlern gestützt, deren Wissenschaft aus der Kenntnis von allem besteht, was nicht wissenswert ist, von den Männern der Kirche, die diese Mehrheit in Gemeinden organisiert haben. Sie wird von Politikern gefördert, die ihre Anhänger in Parteien geordnet haben, deren innere Verhältnisse durch Denken verwirrt und gestört werden würden, von Militärs und Beamten, denen Disziplin notwendigerweise die Hauptsache, selbständiges Denken dagegen eine Fahrt ins Unsichere und Gefahrdrohende bedeutet.

Für die wenigen die heute durch ehrliches Forschen und Grübeln zur Erkenntnis der Wahrheit in einer gegen achtzehn Jahrhunderte alten Literatur zu gelangen suchen, ist das Schlimmste, daß sie sich jetzt auch noch mit der widerlichen, unmöglichen liberalen Theologie herumstreiten müssen, die immer wieder Steine auf die Schienen des Gedankens legt.

Es lag doch ein guter, religiös-paradoxaler Sinn in einem Halbgott, der von einem Engel verkündet, von einer Jungfrau geboren, in eine Krippe gelegt, von einem himmlischen Chor begrüßt, von königlichen Magiern verehrt, vergebens vom Teufel versucht, dem in der Hauptstadt des Landes als Erlöser gehuldigt, der dann angeklagt, bespien, gefangen, verhöhnt, gekreuzigt und begraben wurde, auferstand und hierauf zur Rechten seines Vaters auf dem himmlischen Throne saß.

Allerdings hat diese Schwärmerei kein Verhältnis zur Wirklichkeit. Aber an diese Schwärmerei, die man Religion nennt, hat man neunzehnhundert Jahre geglaubt, und wenn man die Namen Dionysos, Attis, Adonis, Mithras oder Osiris für den im christlichen Europa geltenden Namen »der Gesalbte« einsetzt, dann ist diese Sage schon Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung das religiöse Geheimnis gewesen.

Der Erlöser der Liberalen, Humanen und Rationellen dagegen, als hochbegabter Handwerkerssohn, als edler Wanderprediger in Galiläa und späteres Opfer des Hanges eines boshaften Jüngers zum Verrat und seiner Lust auf Silbergeld, dieser Erlöser, der nach seinem qualvollen Tode das moralische Ideal für die Spießbürger des zwanzigsten Jahrhunderts geworden, das ist ein trauriger Scherz, auf alle Fälle nur ein vielfach verschlimmertes und abschreckendes Surrogat. Das ist Feigenkaffee. Ich las einmal auf einem Schild in einer deutschen Kleinstadt die rührende Reklame: Hier erhältlich echter Feigenkaffee. Das ist die liberale Theologie eben: Echter Feigenkaffee.

2.

Das Christentum, das sich all die Jahrhunderte in Europa geltend gemacht hat, stammt von Paulus. Sicher sind allerdings alle ihm zugeschriebenen Episteln unecht, insofern, als sie im zweiten Jahrhundert geschrieben und nur mit seinem Namen versehen sind, aber er scheint der Urheber der paradoxalen, in vielen Punkten widerspruchsvollen Lehre zu sein, die sich aus ihnen ausziehen läßt.

Die zwei ersten Fragen, die sich dem Forschenden stellen, sind folgende: Was hat die Lehre Pauli mit dem Urchristentum gemein, und was hat sie mit dem griechischen Geist gemein? Die Beantwortung der Fragen wird dadurch erschwert, daß wir nur durch das Studium des Paulus dem Glauben der ersten Gemeinden auf die Spur kommen können. Die Evangelien, die später geschrieben sind, weisen keinen Weg, und Episteln wie die Jakobs oder wie der erste Brief des Petrus zeigen uns höchstens eine Denkweise, die von der Paulinischen abweicht, keineswegs aber eine, die älter ist.

Worin nun das Paulinische Christentum besteht, läßt sich ohne besondere Schwierigkeiten aus den ihm zugeschriebenen Briefen herauslesen. Es besteht in der Gewißheit, daß der tote, auferstandene Jesus der Messias gewesen ist, von dem die Juden so lange geträumt hatten, und in der Erwartung seiner im Laufe ganz kurzer Zeit bevorstehenden Rückkehr.

Paulinismus und griechischer Geist haben nur die religiöse Sprache, aber keinen Gedanken gemein. Paulus hat nichts weniger getan, als das Christentum zu hellenisieren.

Vermutlich hat der pharisäisch erzogene junge Jude aus Tarsos von der Jesus genannten Gottheit einer kleinen jüdischen Sekte gehört und ist dadurch an den getöteten, wiederauferstandenen Adonis und an den leidenden Diener Jahves bei Jesaia 53 erinnert worden. Dadurch ist er auf den Gedanken gekommen, daß Jahve sich selbst in menschlicher Gestalt offenbart hätte und dann durch Tod und Auferstehung – noch einmal – Gott geworden sei.

Das griechische Denken hatte sich mit dem Gegensatz zwischen der Welt der unsterblichen Götter und der der sterblichen Menschen beschäftigt, einem Gegensatz, der doch nicht ausschloß, daß diese beiden Welten sich nicht selten begegneten.

Der Paulinismus macht aus dieser Doppelheit eine Dreiheit. Er spaltet die überirdische Größe und macht einen Unterschied zwischen Jahve selbst und dem göttlich Überirdischen, das in Jesus verkörpert ist.

Das ursprüngliche Judentum war nach dem Begriff jener Zeit vernünftig, kannte, was spätere Zeiten Mystik genannt haben, ebensowenig, wie es Sakramente kannte. Denn die Beschneidung, die von den Ägyptern, welche sie forderten, übernommen zu sein scheint, und die an die Muhamedaner, welche an ihr festhalten, und an fast alle afrikanischen Völker vererbt wurde, war wenig geheimnisvoll, ein religiöser Brauch, dem man bei den Juden eine abergläubische Motivierung gab. Erst mit der Apokalypse und den Apokalyptikern nähert sich das Judentum der Mystik, und eine Anknüpfung an die griechisch-orientalischen Mysterienreligionen findet statt.

3.

Die jüdische Religion war verhältnismäßig einfach gewesen. Sie handelte von Jahve und seinem Gesetz, von der Furcht vor seinen Strafen, von seinen Verheißungen und förmlichen Versprechungen.

Mit den Dogmen, an welche die Paulinischen Sekten sich klammerten, Erdenleben, Tod und Auferstehung Jesu, kam Verwirrung in die jüdische Religion, die aufzugeben zunächst niemand einfiel. Nicht einmal Paulus scheint, soweit ersichtlich, an die Stiftung einer neuen Religion gedacht zu haben; aber der Schwerpunkt der alten Religion war ein anderer geworden.

Es entstanden in großer Zahl Fragen, die niemand bisher gezwungen gewesen war, sich vorzulegen, geschweige denn zu beantworten.

Man arbeitete daran, die Gnade an Stelle des Gesetzes treten zu lassen. Aber die Vorstellung von Lohn und Strafe, die bewahrt wurde, verwandelte sich allmählich aus Lohn und Strafe in diesem Leben in eine Rechtshandlung nach dem Tode und der Auferstehung. Worin bestanden nun Lohn und Strafe? Der Lohn bestand nicht mehr in einem langen irdischen Leben und die Strafe nicht mehr in Krankheit und Tod. Lohn und Strafe wurden überirdisch und unterirdisch.

Wer aber sollte bei der Wiederkehr Jesu auferstehen? Gab es eine oder zwei Auferstehungen? Fand die letzte Auferstehung am Jüngsten Tage statt? Und wer fällte am Jüngsten Tage die Urteile? Was geschah mit den letzten Geschlechtern, die noch am Leben waren, wenn der Jüngste Tag kam? Wie verhielten sich die Auserkorenen zum Urteil? Was geschah mit den Getauften und den ursprünglich Auserkorenen, die ein unwürdiges Leben geführt hatten? Wurden sie Gegenstand der Gnade, die sie verspielt hatten? Kannten die Anhänger des Paulus überhaupt eine allgemeine Auferstehung der Toten? Oder waren viele der Seligkeit verlustig gegangen und wurden aus dem neuen Reiche des Messias ausgeschlossen? Das waren Fragen genug zum Grübeln, aber Fragen, mit denen wir uns nicht beschäftigen wollen.

Es wurde oben bemerkt, daß der Paulinismus die überirdische Größe spaltete. Im griechisch-orientalischen Vorstellungskreis wurde ja gewöhnlich ein Mensch im Himmelreich der Götter aufgenommen. Der als Mensch Geborene wurde später vergöttlicht.

Der Paulinismus beschäftigt sich mit andern Grundvorstellungen. Der erste Adam hatte durch seinen Ungehorsam die Menschheit unter die Herrschaft des Todes gebracht. Der zweite Adam war Christus, weil er kraft seiner Auferstehung der Stammvater eines neuen Geschlechtes wurde, das Teil an Jahves unvergänglichem Dasein und Anspruch auf den geistig-himmlischen Körper erhielt, in den Christus zuvor gekleidet war. Vom Himmel kam der zweite Adam. Er hatte sich auf Erden offenbaren und Körperlichkeit annehmen müssen, da er nur dadurch der Beginner der Auferstehungsmenschheit werden konnte.

In den hellenischen Mysterienreligionen stieg der einzelne Schritt für Schritt zur Vergötterung empor, die der Lohn dessen war, der nicht nur in das Schicksal des Osiris oder Attis eingeweiht war, sondern längst den Gott in sich leben und wirken gefühlt hatte. Im Paulinismus ging der einzelne in der Gemeinde auf, und die ganze Gemeinde schwang sich auf einer unermeßlichen Himmelsleiter empor, die von überirdischen Mächten hinaufgezogen wurde und mit einem Schlage alle, die sie betreten hatten, in himmlische Gegenden versetzte.

In den Mysterienreligionen hieß es: »Wir wollen nicht mehr sündigen; also unterwerfen wir uns der Einweihung.« Und langsam, außerordentlich langsam gelangte zum Beispiel der an Isis Glaubende empor. Er durfte zwar im Tempel wohnen, hatte aber im übrigen nichts gemein mit denen, die sich ganz der Gottheit ergaben und ihr Joch auf sich genommen hatten. Ebenso galt es in der Mithrasreligion, sich »zum heiligen Kriegsdienst« gemeldet zu haben. In beiden Religionen wurden von den Mysteriengläubigen ein Diensteid und strenge Enthaltsamkeit gefordert. Die uns von Apuleius beschriebenen Mysterien entsprechen genau den ägyptischen Mysterien und Zeremonien, durch die der Pharao bei seiner Thronbesteigung zum Gotte wurde.

Hiermit soll nicht gesagt sein, daß die Lehre Pauli, wie sie in seinen Episteln entwickelt wird, ein klares, zusammenhängendes System ausmacht. Im Gegenteil, sie enthält die tiefsten, entscheidendsten Widersprüche. Bald ist sie deutlicher Gnostizismus, behauptet, daß das Gesetz abgeschafft, die Gnade an seine Stelle getreten sei (Brief an die Römer 6, 15) oder (wie im 1. Brief an die Korinther 6, 12): »Ich habe es alles Macht; es frommet aber nicht alles. Ich habe es alles Macht; es soll mich aber nichts gefangennehmen.« Bald ist die Lehre unsicher. Gnosis, das heißt Wissen, wird mit Mißtrauen betrachtet: »Das Wissen blaset auf, aber die Liebe bessert« (1. Korinther 8, 1). Bald wieder werden wir mit äußerster Heftigkeit vor den Gnostikern gewarnt, obwohl doch gerade sie den Übergang von einem gesetzestreuen Judentum zum keimenden Christentum bildeten. Siehe im 1. Brief an Timotheus (6, 20): »O Timotheus! bewahre, das dir vertrauet ist, und meide die ungeistlichen, losen Geschwätze und das Gezänke der falsch berühmten Kunst (Gnosis).«

4.

Es gibt gewisse einfache Grundideen, über die Denkende in unseren Tagen im voraus zur Einigkeit gelangt sein sollten.

In den Weissagungen von einem Messias, wie in der Erfüllung dieser Weissagungen, war der Messias nur ein ideales Erzeugnis des religiösen Bewußtseins eines kleinen Volkes des Altertums. Als sichtbarer und hörbarer Einzelmensch kann er nicht existiert haben.

Allgemeiner ausgedrückt: Alles, was das religiöse Bewußtsein betrifft, ist dessen eigenes Werk.

Der eigentliche Vorgänger der ganzen modernen holländischen Bibelkritik ist nicht Ferdinand Baur, der Begründer der Tübinger Schule, sondern der nicht weniger berühmte deutsche Kritiker Bruno Bauer (1809-1882.)

Nicht wenige der Ergebnisse, zu denen er bereits in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gelangte, haben noch Gültigkeit. In einzelnen entscheidenden Punkten befand er sich lange auf falscher Spur und leitete eine Zeitlang auch andere irr. Die Älteren unter den heute Lebenden sind zum Beispiel in der Vorstellung aufgewachsen, daß das Evangelium nach Markus, obwohl es nur den zweiten Platz im Neuen Testament einnimmt, älter als das Evangelium nach Matthäus ist. In Wirklichkeit beweist nichts diese Behauptung, während außerordentlich viel für ihre Unrichtigkeit spricht. S. Hoekstra, Professor in Amsterdam, hat schon im Jahre 1871 ausgesprochen, daß der ausgeprägte Gnostizismus bei Markus auf eine späte Entwicklungsstufe deutet, so daß Markus nicht den geringsten Wert als Quelle für das Leben Jesu hat, nicht mehr Wert als das Evangelium des Johannes, das heute von keinem Denkenden mehr als historische Quellenschrift aufgefaßt wird.

Anfangs glaubte Bruno Bauer noch an die historische Existenz des in den Evangelien geschilderten Erlösers. Bald jedoch änderte er seine Überzeugung und sah ein, daß die Quelle der Evangelien das Gefühlsleben der Evangelisten, ihre Phantasie war, die einen mystischen Inhalt in Form von Gestalten und Ereignissen auffaßte und darstellte.

Er hatte ursprünglich Markus für älter als Matthäus gehalten, weil sich im zweiten Evangelium ein paar Mythen weniger als im ersten finden. Allmählich sah er, wie nach ihm der Holländer Loman, ein, daß, wenn man alles Unmögliche aus den Evangelien entfernt hat, deshalb nicht das wirklich Geschehene zurückbleibt. Statt das Mirakulöse ausscheiden zu wollen, müssen wir verstehen, daß die Evangelien überhaupt nicht aus einem Drang nach historischer Gewißheit und Sicherheit heraus, sondern aus den Bestrebungen gewisser altkirchlicher Parteien entstanden, die in ihren Kreisen herrschenden Vorstellungen zu einem lebenden Bilde zusammenzufassen und dieses Bild durch die Würde und Glaubwürdigkeit des Halbgottes zu festigen.

Der Jesus der Evangelien ist als Persönlichkeit eine undeutliche Gestalt. Selbst sein Geistesleben bleibt unklar. Wir erfahren nichts darüber, wie er sich im Innersten zur Messiashoffnung, zur jüdischen Gesetzgebung, zur römischen Herrschaft verhalten hat. Aber wir verstehen, daß er der Idealsohn des jüdischen Volkes gewesen ist. Er ist der Ausdruck für die zähe Geduld des kleinen Volkes, seinen Glauben an die Zukunft, seine Begeisterung, seine Selbstkritik. Er lebt und stirbt wie sein Volk. Er aufersteht aus seiner Erniedrigung, als Jerusalem und der Tempel der Stadt zerstört sind. Das fleischliche Jerusalem stirbt also, lebt aber wieder auf, ersteht aus dem Grabe unter einem neuen Namen, der trotz dem Unwillen des Volkes mit dem seinen verschmilzt.

5.

Die Furcht der Menschen vor dem vielen Nichtvorauszusehenden, das sie im Leben treffen kann, im Verein mit der menschlichen Einbildungskraft, die, gestützt auf Begriffe wie Ursprung und Ende, Recht und Unrecht, Schuld und Strafe, Macht und Abhängigkeit, nicht ganz im Leeren arbeitet, hat zeitig die Vorstellung von Göttern und von einem Gotte hervorgebracht, der Ähnlichkeit mit einem irdischen Herrscher besaß, fern und doch stets im Geiste anwesend war, über die Geschicke der Menschen gebot und allwissend bald Belohnung und bald Strafe austeilte, der sich bald als milde, bald als grausam erwies.

Zu Beginn unserer Zeitrechnung entstand die Idee, daß Gott und Mensch in ihrem Wesen einander nicht fremd wären, und diese unbestimmte Idee ist es; die der Keim zur Entstehung des Christentums wurde.

Es bestand allerdings in Palästina eine Art messianischer Erwartung, aber keine Sicherheit über das nahe bevorstehende Kommen des Messias. Wenn die Evangelisten an mehreren Stellen Jesus so hartnäckig seinen Jüngern verwehren lassen, zu sagen, wer er ist, so beruht das auf der Überzeugung, daß, wer sich selbst Messias nannte, nie Glauben oder Anerkennung finden würde.

Die Apostelgeschichte kann unmöglich denselben Urheber gehabt haben wie die dem Paulus zugeschriebenen Briefe. Beide Teile sind späte Erzeugnisse. Die Apostelgeschichte scheint von dem Zusammenschreiber, dem man das Evangelium nach Lukas verdankt, verfaßt und von ihm mit Erweiterungen versehen zu sein. Der dort aufgestellte Gegensatz zwischen Petrus und Paulus, der seinerzeit die Tübinger Schule fesselte und ihr als der Schlüssel zu dem inneren Leben und dem inneren Streit im Urchristentum erschien, ist nicht Geschichte, sondern Erfindung einer späteren Zeit.

Das Hauptwerk des frühen Christentums war die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Judentum und christlicher Heidenschaft, die lange Zeit in Anspruch nehmende Verschmelzung der beiden einander widerstrebenden Mächte. Das Buch Die Apostelgeschichte ist eher ein Versuch, die beiden Gegensätze zu verflachen als sie auszugleichen; diese Schrift will Paulus keine neuschöpferische Eigentümlichkeit zugestehen; sie spinnt das Revolutionäre in der neuen Richtung so ein, daß es in der gangbaren Überlieferung aufgeht.

Die Schrift hat lange gebraucht, um sich geltend zu machen. Vom Brief an die Römer bis zum 1. und 2. Brief an die Korinther spürt man, daß den Autoren die Apostelgeschichte ganz unbekannt ist. Diese Kenntnis spürt man erst im Brief an die Galater, dann in den kleinen Briefen. Sie alle stammen von verschiedenen Urhebern und ausnahmslos aus dem zweiten Jahrhundert.

Vieles deutet darauf hin, daß es ein jetzt verlorenes Urevangelium gegeben hat. Aber das ist doch nur eine nicht bewiesene Vermutung. Hat es existiert, so hätte man darin aller Wahrscheinlichkeit nach verfolgen können, wie Judentum und griechischer Geist jener Zeit einander allmählich durchdrangen. Das Urevangelium muß den Fortschritt der neuen, damals als revolutionär aufgefaßten Gedanken und ihre befreiende Macht in einem Geistesleben, das in alte Gesetzesregeln eingeschnürt war, zum Gegenstand gehabt haben.

Alles ist ja hier Ungewißheit und Vermutung, oder doch wenigstens fast alles. Soviel ist jedoch kraft der Beschaffenheit der Menschheit klar: Allmählich wurde die Mitteilung nach den verschiedenen Anforderungen des Lesers variiert.

Soweit ersichtlich, hatte die neue Bewegung zwei Brennpunkte, Rom und Alexandria, die beiden Werkstätten, wo Okzident und Orient zusammengeschweißt wurden. In Alexandria wurde das Judentum teils durch den von Herakleitos stammenden Logos, teils durch neuplatonische Ideen bereichert. In Rom kristallisierte sich die Weltbetrachtung der hellenischen Naturphilosophie zu Monotheismus und Gesetzestreue.

Die Werke Philons mit ihrer Umdeutung des Alten Testaments sind die Vorrede zum Christentum. Unbewußt bereitet er es vor. Im übrigen wirkt in Alexandria er mit den Stoikern, das Judentum mit der römischen Fähigkeit zur Zentralisation zusammen. Sogar die römischen Kaiser wirken durch Errichtung ihrer Weltmacht mit zur Verbreitung des Christentums. In den Gemütern entsteht eine Parallele zwischen diesem Herrn der Welt und dem Herrn des Himmelreichs.

Früh versteinerte allerdings der Glauben und wurde aus einer begeisterten Schwärmerei zu einer katholischen Glaubensregel. Was in den Evangelien anfangs aufrührerisch gewesen war, wurde zu gesetzlichem Katholizismus. Aber die ursprüngliche Flamme erlosch lange nicht.

6.

Vergebens spähen wir nach schriftlichen Nachweisen hinsichtlich des ältesten Christentums. Nachweise finden sich weder im Talmud noch bei Josephus oder in den jüdischen Apokalypsen. Es besteht noch heute keine Einigkeit bezüglich der Hauptquellen, aus denen eine Kenntnis von der vermeintlich historischen Gestalt, nach der die Religion Europas ihren Namen trägt, abgeleitet werden könnte. Nicht zwei Forscher haben sich eine übereinstimmende Vorstellung von ihm machen können. Die Nachwelt hat nichts gehabt, nach dem sie gehen könnte, als einen persönlichen Eindruck, eine Eingebung, die keinen Allgemeinwert hat.

Ebendort, wo Ernest Renan sagt: »Hier spüre ich, daß ein Augenzeuge spricht«, sagt Renans keineswegs weniger gelehrter und ebenso geistesfreier Genosse Eduard Zeller: »Hier finde ich deutlich Dichtung.«

Beide sprechen also von Ereignissen, bei denen sie sich von Vermutungen leiten lassen, von denen sie aber in Wirklichkeit nichts wissen.

Wie schon in der kleinen Schrift » Die Jesussage« berührt, findet sich keinerlei zuverlässige Erwähnung der Christen bei den römischen Schriftstellern. Seneca kennt den Bericht des Tacitus vom Brande Roms und den nachfolgenden Schrecken gar nicht, kennt weder die Christenverfolgungen noch die unmögliche Sage von den lebenden Fackeln.

Und welche Sicherheit haben wir überhaupt dafür, daß Tacitus in seinen Annalen etwas Derartiges geschrieben hat. Nicht ein einziges Werk von einem einzigen griechischen oder römischen Schriftsteller des Altertums ist uns in die Hände gekommen, außer in Kopien, die von Mönchen im Mittelalter hergestellt wurden. Seit dem Augenblick, da Konstantin den Thron von Byzanz bestieg, und unter seinen sämtlichen christlichen Nachfolgern wurde aller Widerspruch gegen Dogmen und Legenden mit Gewalt und Macht unterdrückt. Ein Gebot von Theodosius und Valentinian, das in das Gesetzbuch Justinians eingeflochten ist ( De summa trinitate, const. 3), befiehlt, alles, was Porphyrius oder ein anderer gegen die Religion geschrieben hat, den Flammen zu übergeben, und bestimmt die Todesstrafe für jeden, der sich im Besitz solcher Schriften befindet oder sie liest.

Und man glaube nicht, daß die freie Forschung nach Erfindung der Buchdruckerkunst bessere Bedingungen erhielt. Durch einen päpstlichen Brief vom 1. Juni 1501 verbot Alexander VI. Borgia, der heilige Mann, den Buchdruckern unter Strafe des Kirchenbannes, ein Buch zu veröffentlichen, das nicht von den Erzbischöfen oder ihren Stellvertretern legitimiert war, und gebot ihnen, jedes Buch zu beschlagnahmen oder zu verbrennen, das ketzerische Lehren enthielt. Ja, am 13. Januar 1535 unterzeichnete Franz I. von Frankreich aus Angst vor den Ketzern eine Verordnung, die unter Todesstrafe jedem verbot, einerlei welches Buch zu drucken, und gleichzeitig unter Androhung von Todesstrafe alle Buchhandlungen schließen ließ. Die Sache war zu wahnsinnig, um auch nur bis Ende des Jahres aufrechterhalten zu werden.

Sollte wirklich – so wenig wahrscheinlich es ist – Tacitus die Stelle von der Christenverfolgung Neros geschrieben haben, so müßte es geschehen sein, weil das Schauspiel in den Gärten Neros ihm malerisch erschienen wäre. Schon Gibbon hat bemerkt, daß Tacitus erst einige Jahre vor dem Brande Roms geboren wurde und nur aus Büchern oder Erzählungen Ereignisse kennen konnte, die in seiner Kindheit eingetreten sein sollen. Sechzig Jahre später, als er selbst seine Annalen schrieb, war er offenbar weniger von den Ideen, die die Römer unter Nero hegten, als von den Vorurteilen erfüllt, die unter Hadrian herrschten, als die ersten großen Christenverfolgungen stattfanden.

Höchst bezeichnend ist, daß Suetonius, Philon, Seneca, Juvenal, Plutarchos, Plinius überhaupt nicht von den Christen sprechen. Der bekannte Brief von Plinius dem Jüngeren, als angeblichem Prokonsul in Bithynien, an Kaiser Trajan, ob er die Christen bestrafen solle oder nicht, ist unzweifelhaft eine Fälschung. Man sieht nicht recht, warum die Christen überhaupt bestraft werden sollen; denn aus seinen Untersuchungen und Verhören (teilweise peinlichen Verhören) geht hervor, daß sie vorzügliche, gesetzestreue Bürger sind.

Aber das Ganze ist erdichtet. Der Brief wurde im Jahre 1505 von Aldus Manutius nach einer Kopie gedruckt, die von einem gewissen Pietro Landri nach Frankreich gebracht sein sollte und von dem Mönch Jucundus aus Verona hergestellt worden war. Bezüglich des Originalmanuskripts behauptet Aldus, daß es ein Pergament war, in dem die Schriftzeichen sich derart von der sonst angewandten Schrift unterschieden, daß es ihm unmöglich war, den Inhalt zu entziffern. Das Original ist zudem verschwunden.

Die Gelehrten haben sich in ihrem theologischen Eifer von einem Mönch Jucundus aus dem Jahre 1505 anführen lassen, der sich für einen Plinius aus dem Jahre 103 ausgab. Der fromme Betrug wird durch den Umstand gekrönt, daß Plinius, der in seiner Eigenschaft als Prokonsul von Bithynien Rapporte an Kaiser Trajan geschrieben haben soll, vermutlich nie in dieser asiatischen Provinz gewesen ist, jedenfalls Prokonsul nicht dort, sondern in Pontus, an den Ufern des Schwarzen Meeres war.

Der Verfasser des bekannten Plinius-Briefes hat die Bedeutung der christlichen Sekte dadurch betonen wollen, daß sie schon im Jahre 103 den Stoff zu einem Briefwechsel zwischen einem Kaiser und einem Prokonsul als Prokurator Bithyniens abgeben konnte P. Hochart; Etudes sur la persécution des chrétiens. Paris 1885..

Die Quellen lassen uns beständig als unzulässig oder gefälscht im Stich.

7.

Der vulgäre und voreingenommene Leser bildet sich in der Regel ein, aller Bibelkritik läge eine Art teuflischen Hasses gegen die Hauptperson der Bibel und seine sogenannten Apostel zugrunde.

Dem widerspricht unter anderm die Tatsache, daß derjenige von den holländischen Bibelkritikern, von dem die Arbeit der Denkenden in diesem relativ freisinnigen Lande ausging, Allard Pierson (1831-1896), ursprünglich Pietist, acht Jahre lang Prediger an l'Eglise Wallone, dann Professor der Kirchengeschichte in Heidelberg war, bis er als Professor der Literatur und Kunstgeschichte in Amsterdam endete.

In seiner ersten Schrift analysierte er die Bergpredigt. Da man herausgefunden hatte, daß die Jesusreden im Evangelium Johannis unhistorisch waren, nahm er die Synoptiker auf sich. Ferdinand Baur, der Gründer der Tübinger Schule, hatte noch in der Bergpredigt etwas Ursprüngliches, Ganzes gesehen. Pierson fragte: Woran erkennt man das Ursprüngliche, an unserm bloßen Gefühl davon?

Jetzt wissen wir, daß die Situation, in der Jesus die Bergpredigt gehalten haben soll, unvorstellbar ist. Diese Predigt ist überhaupt nie gehalten worden. Das Ganze ist jüdische, geheimnisvolle Weisheit (Chokmah). Es gibt keine Wendung darin, von der mit Sicherheit gesagt werden kann, daß sie von Jesus stammt. Die Bergpredigt kann überhaupt nicht vor dem Jahre 70 niedergeschrieben worden sein.

Die Überlieferung, nach der Jesus als der große Lehrer aufgefaßt wird, ist matt und viel jünger als die Vorstellung von ihm als Halbgott.

Das Kennzeichen der ursprünglichen Christen war, daß diese Menschen im Gegensatz zu den Griechen das in jenen Zeiten gepriesene Ideal von Hilfsbereitschaft, Demut, Verträglichkeit oder der inneren Kraft, die den Tod überwindet, nicht mehr Herakles oder Asklepios, sondern Jesus Christus nannten.

Auf das Leben Jesu, seine mirakulöse Geburt usw. wandten sie vorzugsweise griechische Mythen an, die sie mit gesundem Takt nach Sagen von der Art formten, wie sie den gewonnenen Seelen zusagte. Auf seine Lehre wandten sie besonders Sprüche, Redensarten und Gleichnisse an, die aus der jüdischen Weisheit geholt waren, welche ihre Blütezeit unter den Makkabäern gehabt hatte, und diesen Schatz vermehrten, betonten und verschönerten sie mit Hilfe des noch nicht ausgestorbenen griechischen Erfindungsgeistes.

Die liberale Theologie hat die Wunder Jesu über Bord geworfen, um ihn als Lehrer zu bewahren. Das läßt sich nicht ohne eine Mischung aus Willkür und Leichtgläubigkeit tun. Die konservative Kritik des Neuen Testaments hat, um das historische Gepräge des Marcus-Evangeliums zu stärken, angeführt, daß darin nicht die Geburts- und Kindheitsgeschichte vorkommt. Darauf antwortete seinerzeit Pierson: »Der Umstand, daß in einer Schrift, die eine Vielfältigkeit von Mythen enthält, ein paar anderswo mitgeteilte Mythen fehlen, sichert ihr noch nicht historischen Wert. Denn dieser Umstand kann von der dogmatischen Kritik eines späteren Autors abhängen. Auch das Johannes-Evangelium, das reine Theologie ohne einen Schimmer historischen Geistes ist, erwähnt mit keiner Zeile die jungfräuliche Geburt oder die Begabung Jesu, der als Kind die Schriftgelehrten an Weisheit übertroffen haben soll.

Was Jesus hat sagen können oder nicht, mußte aus den Berichten hervorgehen, wenn sie zusammengehalten wurden. Aber darüber kann man nicht nach einer willkürlichen Vorstellung urteilen, die sich dieser oder jener heute Lebender gebildet hat.

Alles wird dadurch erschwert, daß der Jesus der Evangelien deutlich so gedacht ist, als habe er eine Weisheit für die Eingeweihten, eine andere für die Nichteingeweihten gehabt. Marcus läßt ihn das ausdrücklich betonen (4,11), wenn er zu seinen Jüngern sagt: »Euch ist's gegeben, das Geheimnis des Reichs Gottes zu wissen; denen aber draußen widerfähret es alles durch Gleichnisse.«

8.

Es wurde oben erwähnt, daß die Quellen, sogar die, welche jahrhundertelang als die reinsten galten, durch Fälschungen getrübt sind. Man nehme zum Beispiel den Brief an die Galater. Der ist von irgendeinem eifrigen Anhänger des Paulus zusammengeschrieben und richtet sich nur scheinbar an die wirkliche Gemeinde, ist aber seinem ganzen Gusse nach das, was man heute einen offenen Brief nennt. Er verliert sich in der Schilderung des Paulus als eines höheren Wesens, dessen Autorität von Gott und Jesus stammt, und der unbedingten Gehorsam fordert. Ehe er sich dessen bewußt war, hatte Christus in ihm gelebt.

Nach seiner angeblichen Bekehrung (durch Gesichts- und Gehörshalluzinationen) hat er sein Leben dem Dienste Jesu geweiht. Nichtsdestoweniger hat er jeden Umgang mit den Jüngern Jesu vermieden. Er ist nicht neugierig, irgend etwas über den Gottmenschen zu erfahren, dessen Anhänger er verfolgt hat, dessen menschlicher Umgangskreis aber noch am Leben ist. Er reist lieber für drei Jahre nach Afrika.

Ein holländischer Schriftsteller hat irgendwo zur Erläuterung geschrieben: Ein feuriger, süditalienischer Sophist hat sich leidenschaftlich über den an Sokrates begangenen Giftmord gefreut. Einige Jahre später geht ihm ein Licht auf. Er sieht ein, daß es der hervorragendste Mann Athens war, der ein ungerechtes und empörendes Schicksal erlitt, indem er, ohne ein Verbrechen begangen zu haben, hingerichtet wurde. Er sieht ferner ein, daß es das einzig richtige ist, wie Sokrates zu leben, zu fühlen, zu denken, zu handeln. Aber, weit entfernt, schnell nach Athen zu reisen, wo Platon und Alkibiades noch leben, und von ihnen zu erfahren, was Sokrates gesagt und gelehrt hat, zieht er nach Ägypten, hält sich dort drei Jahre auf und wird dann von der leichtgläubigen Umgebung für die glaubwürdigste Autorität und der vertrauenerregendste Deuter der sokratischen Lebensanschauung angesehen. Man vergleiche!

Der Verfasser des Briefes an die Galater, der im Namen des Paulus spricht, hat sich noch keinerlei klare Vorstellung von Charakter und Wesen des Mannes gemacht, in dessen Namen er auftritt.

Bald ist dieser Paulus ganz aus dem Häuschen vor Selbstgefühl und Rücksichtslosigkeit. Er gebraucht Kraftausdrücke wie »es gibt nicht zwei Evangelien«, das heißt, daß seine ist das einzig richtige. Oder: »Was Petrus und andere gewesen sind, geht mich nichts an.« Dann gleichzeitig eine ewige Rücksichtnahme auf das, was man mit einem modernen Ausdruck das Offizielle in den Gemeinden nennen kann, um sich dadurch die gleiche Existenzberechtigung wie Petrus und das, was dieser Name repräsentiert, zu sichern. Petrus wird zum Evangelisten der Juden, er selbst zu dem der Heiden gemacht; sie können also friedlich nebeneinander gedeihen.

Das meiste hier wirkt geradezu erdichtet. Während der Verfasser im Brief an die Galater (1,17) von seiner überraschenden, aber ungestörten Abreise nach Arabien nach der Offenbarung bei Damaskus erzählt, teilt er im 2. Brief an die Korinther (11, 32) mit, daß der Gouverneur des Königs Aretas in Damaskus die Stadt bewachen ließ, um ihn zu ergreifen; daß er aber in einem Korbe durch ein Fenster über die Mauern herabgelassen wurde und so den Händen des Gouverneurs entging. An der angeführten Stelle des Briefes an die Galater hat Paulus die Nachstellungen dieses Landesherrn ganz vergessen und sagt einfach, daß er von Arabien wieder nach Damaskus zurückging.

Im Briefe an die Galater (2, 10) sind Paulus und Petrus in Jerusalem vereint, das Paulus vierzehn Jahre lang nicht gesehen haben will. Sie haben die gemeinsame Aufgabe, »der Armen zu gedenken«, wessen Paulus sich denn auch befleißigt. Aber nur eine einzige Zeile weiter teilt er mit, wie er Petrus bei seiner Ankunft in Antiochia als heuchlerisch und treulos entlarvte, weil Petrus mit den Griechen zusammen zu essen pflegte, sich jetzt aber, aus Furcht vor dem Fanatismus angekommener Juden, von seinen täglichen Genossen zurückzog.

Dem Verfasser ist es offenbar darum zu tun, die Speiseregeln des mosaischen Gesetzes als völlig gleichgültig hinzustellen, und der Angriff auf Petrus gilt nicht dem Umstand, daß er (was nach dem Gesetz verboten war) dieselben Speisen wie die Griechen aß, sondern daß er später aus Furcht vor dem Tadel rechtgläubiger Juden damit aufhörte. Im 1. Brief an die Korinther (10, 25) wird die Gleichgültigkeit gegenüber den Bestimmungen des mosaischen Gesetzes mit außerordentlicher Heftigkeit ausgedrückt: »Alles, was feil ist auf dem Fleischmarkt, das esset und forschet nichts, auf daß ihr des Gewissens verschonet.« Immer schärfer wird hier der Unwille gegen die als unwesentlich aufgefaßte Gesetzestreue ausgesprochen. »Wiewohl wir von Natur Juden und nicht Sünder aus den Heiden sind, doch weil wir wissen, daß der Mensch durch des Gesetzes Werke nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesum Christ, so glauben wir auch an Christum Jesum, auf daß wir gerecht werden durch den Glauben an Christum, und nicht durch des Gesetzes Werke; denn durch des Gesetzes Werke wird kein Fleisch gerecht ... Ich bin aber durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, auf daß ich Gott lebe.«

Daß die Verwirrung in diesem Gehirn während des Religionswechsels groß gewesen ist, sieht man klar, wenn im Brief an die Galater (2, 16) die Hoffnung ausgesprochen wird, daß man durch den Glauben, nicht durch Werke des Gesetzes gerecht werde. Dieser Versuch einer vollständigen Losreißung vom Judentum ist um so barocker, als die Hinzufügung »denn kein Mensch wird gerecht usw.« nichts anderes ist als ein klein wenig geändertes Zitat aus dem Alten Testament, Psalm 43, 3: »Denn keiner, der lebt, ist gerecht vor dir.«

Die Stelle ist offenbar nach dem Grundtext angeführt, und vermutlich ist nach dem Brief an die Römer (3, 20) hinzugefügt: »Darum daß kein Fleisch durch des Gesetzes Werke vor ihm gerecht sein mag; denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.«

Wie hat jemand glauben können, daß ein Paulus so unverständlich an einen rohen keltischen Volksstamm wie die Galater geschrieben hätte! Warum reist er nicht lieber zu ihnen, als in so dunklen Worten von Ephesus aus mit ihnen zu korrespondieren?

Im 2. Brief an die Korinther wird stark betont, wie gleichgültig es ist, ob jemand Jesus persönlich gesehen oder gekannt hat. Man fühlt, daß eine starke Partei gegen den Paulinismus geltend gemacht hat, daß sein Urheber keinerlei persönliche Berührung mit dem gehabt hat, in dessen Namen er beständig sprach. Im selben Brief (5, 6) befindet sich ein unzweifelhafter Ausfall gegen die, welche sich vielleicht rühmen wollen, Jesus gekannt zu haben, als er noch lebte: »Darum von nun an kennen wir niemand nach dem Fleisch; und ob wir auch Christum gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr.«

Im Briefe an die Galater (2, 6) wird es sogar fast zu einer Herabsetzung, Jesus gesehen zu haben und sein persönlicher Jünger gewesen zu sein.

Dies wird nach der Gewohnheit der Paulinischen Briefe gezwungen und gekünstelt ausgedrückt, aber der Sinn ist unzweifelhaft: »Von denen aber, die das Ansehen hatten, welcherlei sie weiland gewesen sind, da liegt mir nichts an; denn Gott achtet das Ansehen der Menschen nicht; mich haben die, so das Ansehen hatten, nichts anderes gelehret.« Daß Paulus keinem Apostel oder Jünger auch nur die geringste Belehrung verdankt, wird gleich im 1. Brief an die Galater (11-12) hervorgehoben: »Ich tue euch aber kund, lieben Brüder, daß das Evangelium, das von mir geprediget ist, nicht menschlich ist. Denn ich habe es von keinem Menschen empfangen noch gelernet, sondern durch die Offenbarung Jesu Christi.«

Daher auch nicht der schwächste Versuch, etwas mitzuteilen, das Aufklärung über das Leben Jesu auf Erden geben könnte. Dieser Paulus weiß entschieden nicht das geringste davon. Der Jesus, von dem er spricht, ist eine rein theologische Gestalt.

Entweder hat der Pauliner, der den Brief an die Galater und die Korinther geschrieben hat, das Leben Jesu als ganz unwichtig und den Namen Jesus nur zufällig an das Christentum geknüpft betrachtet, oder auch hat er allein Gewicht auf die drei Hauptbegebenheiten, Kreuzigung, Tod, Auferstehung, gelegt, und hat nicht einmal die historische Richtigkeit dieser Hauptbegebenheiten geprüft.

Auch in der Offenbarung Johannis kommt nichts vor, das die Existenz des Jesus, den die Synoptiker darstellen, voraussetzt.

Man sollte also ein für allemal aufhören, ein Leben Jesu aus den Evangelien oder den Paulinischen Briefen ausziehen zu wollen, sondern man sollte sich darauf beschränken, den Vorstellungskreis des ersten und zweiten Jahrhunderts zu untersuchen.

Mit Ausnahme Bruno Bauers hielten einmal alle Kritiker des Neuen Testaments den Brief an die Galater für echt, ja, sahen seine Echtheit für unzweifelhaft an. Wie stark der in diesem Aktenstück zutage tretende Hang zu fanatischer Übertreibung war, zeigt die Stelle 1, 8: »Aber so auch wir oder ein Engel vom Himmel euch würde Evangelium predigen anders, denn das wir euch gepredigt haben, der sei verflucht.«

Selbst von einem Eiferer wie Paulus kann man sich nicht denken, daß er den Himmel des Rechtes berauben wollte, durch eine neue Offenbarung die frühere, vermeintlich empfangene so zu ändern oder anzupassen. Der Satz verrät unzweifelhaft den Fanatismus eines Anhängers.

Lehrreich ist auch der Brief an die Galater 1, 15-16: »Da es aber Gott wohlgefiel, der mich von meiner Mutter Leibe hat ausgesondert und berufen durch seine Gnade, daß er seinen Sohn offenbarte in mir.« Christus hat also im Unterbewußtsein Pauli gelebt. Zu einem gewissen Zeitpunkt hat er Jesus in seiner eigenen Seele offenbart gesehen, und seine sonderbare Flucht nach Arabien will er damit erklären, daß er in die Einsamkeit gezogen sei, um sich in den Christus seines eigenen Inneren zu vertiefen. Der Ausbruch 1, 20: »Gott weiß, ich lüge nicht«, zeigt, wie unwahrscheinlich der Schreibende selbst seine Mitteilung gefunden hat.

Alles dies gehört weniger in das Gebiet eines Historikers, als in das eines Irrenarztes.

1, 10 legt Gewicht darauf, daß Paulus nicht den Menschen gefallen will, sich also nicht um das Urteil anderer kümmert. Aber schon 2, 2 erzählt er, daß er nach dem Empfang einer Offenbarung nach Jerusalem zog, ausdrücklich, um den Angesehenen das Evangelium, das er den Heiden verkündet hatte, vorzulegen und ihr Urteil über seine Lehre zu hören. Offenbar, um zu beweisen, wie stark die Grundmauern des mosaischen Gesetzes durch sein Auftreten erschüttert worden sind, betont er, daß nicht einmal sein Begleiter Titus zur Beschneidung gezwungen wurde. Im selben Atemzug rühmt er sich, wie wenig ihn das Urteil anderer anficht, und wie sorgfältig er Übereinstimmung mit andern sucht.

Im 2, 7 verteilt er hierauf die Rollen: Petrus war die Aufgabe anvertraut, den Beschnittenen, ihm, den Unbeschnittenen zu predigen.

Geradezu schneidend wirkt dann der Widerspruch, wenn – wie schon hervorgehoben – Petrus (Galater 2, 11) bezichtigt wird, die mosaischen Speiseregeln übertreten zu haben, und wenn im 1. Korinther (23-33) weitläufig eingeprägt wird, daß nichts gleichgültiger sei, als was und mit wem man esse.

Diese Texte aus dem zweiten Jahrhundert sind so nachlässig redigiert, daß man trotz aller angewandten Sorgfalt nicht vermocht hat, auch nur die gröbsten Widersprüche auszugleichen.

9.

Der Jesus zugeschriebene Parabelunterricht hat nicht dazu gedient, der großen Masse Einsicht in das Wesen des Gottesreiches zu schenken. Der Zweck scheint hier gewesen zu sein, das religiöse Mysterium auf eine für Nichteingeweihte undurchdringliche Weise zu verkünden.

Die Parabeln enthalten nicht (wie zum Beispiel Andersens Märchen) einen in Umdichtung, aber in gründlicher Verkleidung ausgesprochenen Sinn, der nach der Vorstellung jener Zeit stets ein erbaulicher war. Fromme Phantasie hat hier Christus (den Gesalbten) zu Chrestos (dem Guten) gemacht.

Wie die römische Moral einer Persönlichkeit bedurfte, an die sie sich klammern konnte, und wie sie ihr Ideal in dem älteren Cato gefunden hatte, dessen Name gleichbedeutend mit Männlichkeit, Zucht, Einfalt und Strenge war, so hatte die jüdische Moral einer Persönlichkeit bedurft, in der sie vermenschlicht wurde, und hatte ihr Ideal in der Vorstellung von dem Messias gefunden, der zum Wohle der Menschheit leidet. Um die griechische Übersetzung dieses Namens, um den Christusnamen kristallisieren sich zwei Gedankenreihen, die vom leidenden Gottesdiener (Jesaia 53) und die aus den Religionen in Osten und Süden bekannte Verherrlichung durch Leiden (Auferstehung und Himmelfahrt).

Man hatte das älteste Christusideal geformt; man hatte die Idee, aber noch nicht die Tatsache. Wie Apollon lange in der Phantasie der Hellenen gelebt hatte, ehe es einem Bildhauer einfiel, ihn darzustellen, so war der Messias lange ein Erzeugnis jüdischer Einbildungskraft gewesen, ehe er den Christusnamen annahm, der die Berührung von Judentum und Heidenschaft symbolisiert, und in dem sie allmählich verschmelzen.

Aber man suchte instinktiv nach einer handgreiflichen Gestalt für dieses erste Christusideal. Der historische Jesus war noch nicht entstanden. Man suchte nach Worten und Taten von ihm. Die Paulinischen Briefe kennen sie noch nicht. Clemens Romanus legt Jesus noch Worte aus dem Alten Testament, sogar Jesaia 53, in den Mund. Zuerst entstand die Idee, dann entstanden die Tatsachen, in denen sie ausgedrückt wurde. Die Jesusgestalt wurde geformt. Beim Evangelisten Johannes ist das Bild noch Idee. Jesus ist gleich Logos. Allmählich aber entstehen Künstler, die ihn mit Stützpunkten aus der Antike malen, wie man es in den römischen Katakomben sieht. Die ersten Bischöfe haben, etwa zwischen 160 und 180, die damals bestehenden Vorstellungen und Sagen zu einem Ganzen geformt und dadurch dem Katholizismus Leben verliehen.

10.

Obgleich die Apostelgeschichte Feindschaft zwischen Juden und Christen andeutet, scheint doch anfangs ein gutes Einvernehmen zwischen beiden Teilen geherrscht zu haben. 4. Esra zeigt, daß die jüdisch-christlichen Gemeinden in Rom und anderswo noch in naher Verbindung mit den Synagogen standen. 4. Esra kennt keine Paulinischen Briefe, stimmt aber mit dem jüdischen Christentum überein. Eine tiefergehende Trennung zwischen den beiden Religionen war noch nicht eingetreten. Streng nationale Schriften, wie Baruch, Tobit, Judith, die für die Juden verlorengegangen waren, wurden von den Christen aufbewahrt, was nicht auf Feindschaft deutet.

Die römischen Autoren kannten, wie schon erwähnt, keine Christenverfolgungen, kannten überhaupt keine Christen, nur Juden. Das fiel schon Augustinus (zirka 400) auf, er erwähnt es in seinem » De civitate dei« (6, 11). Seneca tadelt die Mysterien der Juden, namentlich den Sabbat, spricht aber nie von den Christen. Melito von Sardes betrachtet 170 die heiligen Schriften der Juden als von der Gottheit inspiriert, und wegen des jüdischen Ursprungs des Christentums wurde ja auch das Alte Testament ein Hauptbestandteil der christlichen Bibel.

Der Paulinische Satz, daß das Kreuz den Juden ein Ärgernis war, kann nicht für die ältere Zeit gegolten haben, sonst würden Petrus und Johannes, Matthäus und Jakobus nicht Christen geworden sein.

Erst als die Frage, ob das mosaische Gesetz noch Gültigkeit hätte, entstand und Streit verursachte, wurden die christlichen Symbole den Juden verhaßt, wurde der Tempel von den Christen verabscheut. Als der Tempel im Jahre 70 zugrunde ging, wünschten die Christen nicht seinen Wiederaufbau. Im Gegenteil, sie hielten darauf, daß er, wie die ganze damalige Welt, untergehen müßte, um dem neuen Jerusalem Platz zu machen.

Es gibt keine absoluten Beweise für die Existenz der Paulus-Briefe vor dem Jahre 180. Das Christentum, das Paulus in diesen Briefen ekstatisch verkündet, ist nicht das, welches Jesus nach den Evangelien gestiftet hat. Darüber braucht man sich nicht zu wundern. Paulus, ein Zeitgenosse Jesu, der ihn nicht gekannt hat, soll die weltumfassende Religionsauffassung bei ihm entdeckt haben, die seine Jünger nicht verstanden. Wie kam Paulus überhaupt dazu, den erlösenden Christus der Zukunft in einem Menschen zu sehen, den er nicht kannte.

Auf jeden Fall beginnt nach dem paulinischen Gedankengang das Erlösungswerk erst mit dem Tode Jesu, während seine Jünger verstanden oder vermuteten, daß er es schon zu Lebzeiten vorbereitete. Die Ekstase im Briefe an die Galater ist zuweilen so stark, daß sie an Wahnsinn grenzt. So, wenn es heißt (3, 13): »Christus aber hat uns erlöset von dem Fluch des Gesetzes, da er ward ein Fluch für uns (denn es stehet geschrieben: Verflucht ist jedermann, der am Holz hanget).« Hier wird Jesus durch einen barocken Sophismus verflucht genannt, weil es im 5. Buch Mose 21, 23 von dem, der den Tod verdient hat, und deshalb an ein Holz gehängt ist, heißt, daß seine Leiche herabgenommen werden solle, ehe die Nacht anbricht, da die Leiche sonst zu einem Fluche würde, der das Land unrein mache. Der paulinische Autor nimmt hier seine Zuflucht zu einem jahrhundertealten Aberglauben, um durch ein Wortspiel zu wirken. Dasselbe geschieht, wenn durch die willkürlichste Sophisterei, die, welche nicht unter dem Gesetz stehen wollen, mit dem Sohn verglichen werden, den Abraham mit einem freien Weibe gezeugt, die Gesetzestreuen dagegen mit dem Sohn, den er mit Hagar hatte. Nicht geschmacklos allein, sondern direkt geistesschwach ist hinzugefügt: »Denn Hagar heißt in Arabien der Berg Sinai, und langet bis gen Jerusalem, das zu dieser Zeit ist, und ist dienstbar mit seinen Kindern.« (Galater 4, 25.) – Es ist nicht unmöglich, daß dieser verrückte Knoten von Gleichnissen das Werk irgendeines Abschreibers ist, denn der Paulinismus ist zwar geschmacklos, aber selten in diesem Maße geschraubt und gezwungen.

Die meisten christlichen Sekten verhielten sich abweisend, als sich um das Jahr 150 die Frage von der Kanonisation der Paulinischen Briefe erhob. Gegen die Kanonisation waren die Ebioniter, die Eukratiter, die beim Nachtmahl Wasser statt Wein tranken, die Elkesaiter, noch halbjüdische Gnostiker, die Severianer, die nur eine Natur in Christus, die menschgewordene göttliche, annahmen und daher zuweilen als Ketzer behandelt wurden. Diese alle widersetzten sich bis zum Äußersten der Aufnahme der Briefe im Kanon. Sie kamen bekanntlich trotz ihrem Proteste hinein.

11.

Die rationalistische Erzählung von den unter Pilatus ungerecht gekreuzigten jungen Juden erklärt nicht die Verbreitung des Christentums als Religion Europas und Amerikas. Die Evangelisten behaupten ununterbrochen, daß Jesus mehr als ein Mensch war. Die modernen liberalen Theologen behaupten, daß er ein Mensch wie wir, nur tausendmal besser und herrlicher war. Die Evangelisten würden empört sein, könnten sie ihre liberalen Deuter lesen. Sie haben ja zudem alles, was sie vermochten, getan, um sein Leben zu einer Reihe von Wundern, sein Ende himmelschreiend zu machen. Die Ermordung Johannis des Täufers läßt sich nur als Ausschlag einer mißtrauischen, furchtsamen und rachsüchtigen Politik erklären. Aus dem Leben Jesu aber ist mit Sorgfalt alles Politische entfernt, so daß die Hinrichtung und die Inschrift über dem Kreuz ebenso vernunftwidrig wie barbarisch sind.

Wie schon erwähnt, entstand das Christentum als die Religion, die allmählich Europa eroberte, durch das Zusammenfließen zweier Strömungen.

Die Juden brachten die politische Literatur und die Überlieferung von dem treuen, hartnäckigen, immer gepeinigten Volke mit, das von sich selbst wußte, daß es Gottes Sohn war. Folgende zwei Bibelstellen hatte man in frischer Erinnerung. Erstens Jesaia 42: »Siehe, das ist mein Knecht, ich erhalte ihn, und mein Auserwähleter, an welchem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben, er wird das Recht unter die Heiden bringen ... Das zerstoßene Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.« Und Jesaia 53: »Er war der Allerverachtetste und Unwertste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, daß man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn nichts geachtet. Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt von Gott, geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten; und durch seine Wunden sind wir geheilet.«

Die Grundvorstellung vom Vikariatsleiden war in diesem Falle eine rein jüdische.

Von griechisch-römischer Seite strömten hiermit die formenden Kräfte der wirklich antiken Kultur, Kunst, Wissenschaft und Gesetzgebung, die ererbte, hochentwickelte Organisationsfähigkeit und die Virtuosität in der Anwendung abstrakter Begriffe zusammen. Israel gab den Stoff, die griechisch-römische Zivilisation brachte die Form mit.

Aus Israel stammte der Gottessohn als künftiger theokratischer König. Von der griechischen Ideenlehre kam die Vorstellung von der Präexistenz. Durch Vereinigung beider entstand die göttliche Persönlichkeit, die, wie Gott gezeigt, in menschlicher Gestalt geboren wurde und eine Zeitlang unter den Menschen auf Erden wandelte.

Um das Jahr 200 kümmerte sich die katholische Kirche gar nicht um die Frage, welche Verkündigung die ursprünglichste war, die von den drei Evangelisten gegebene oder die, welche den Namen Johannes trug. In allen damaligen Bekenntnissen folgt die Leidensgeschichte ohne Übergang auf die Geburt. Nur das, was man heute entschieden mythisch findet, machte den nicht auszuscheidenden Bestandteil des katholischen Glaubens aus.

Wo Jesus vom Messias in der dritten Person spricht, sind das nur Spuren einer apokalyptischen Denkart, die die Synoptiker nicht zu verlöschen vermocht haben.

Bei Matthäus 11, 25 tritt Jesus als Weisheit Gottes auf: »Ich preise dich, Vater und Herr Himmels und der Erde, daß du solches den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbaret.«

Die Gleichnisse zeigen, daß der göttliche Lehrer unbedingt über seine Zeit und sein Volk erhaben ist. Aber der unvergleichliche Wert, den man dem Blute Jesu als Sühne für die Sünden der ganzen Menschheit zuschreibt, deutet auf den Zeitpunkt zurück, da diese Lehre entstand, auf blutige Ereignisse, die bei Durchbruch der neuen Religion welthistorische Bedeutung erlangten, auf den Kampf zwischen dem römischen Reiche und dem kleinen, unpolitisch eingestellten Priesterstaat, diesen Kampf, während dessen Heimsuchungen die Juden sich an den bei Jesaia 52 bis 53 dargestellten leidenden Diener Jahves erinnerten.

Zu Beginn unserer Zeitrechnung war allerdings ein gewisser religiöser Freisinn unter den zivilisierten Juden verbreitet. Man lese beispielsweise bei Josephus in den Antiquitates 20, 3, wie Izates als König von Adiabene sich zwar bewegen ließ, gleich seiner Mutter, der Königin Helena, die jüdische Religion anzunehmen, sich aber auf Rat der Mutter und aus politischen Gründen der Beschneidung entzog.

Erst die Freireligiösen dieser Art verbreiteten unter den Griechen ein philosophisch gefärbtes Judentum, verwarfen die mosaischen Zeremonien, legten Gewicht auf einen reinen Wandel und haben vermutlich den in Daniels Buch verheißenen Menschensohn erwartet. Dann hat ein Gerücht erzählt und eine Versicherung wiederholt, daß der Menschensohn sich bereits auf Erden befände. Nach Jesaias 53 und in Übereinstimmung mit griechischen Mythen erfuhr man, daß er tot gewesen, aber wieder auferstanden wäre. Noch zu diesem Zeitpunkt ist es nur jüdisch, von dem toten und auferstandenen Kyrios Jesus zu sprechen. Bei den zum Christentum Bekehrten kommt hinzu, daß sie die vollkommene Schuldlosigkeit und Weisheit in diesem Herrn Jesus verkörpert sahen.

Wir können den Werdegang einigermaßen in den dem Paulus zugeschriebenen Briefen verfolgen. Der Verfasser ist von Fragen erfüllt, die für die Nachwelt ihr Interesse verloren haben, Fragen von der Notwendigkeit der Beschneidung und von der Einhaltung gewisser Speiseregeln. Der Schreibende geht darauf aus, Mitgefühl zu erregen, indem er die Verfolgungen, deren Gegenstand er gewesen, und die Qualen, die er erlitten, schildert. Er verweilt lange bei ihnen, behauptet aber gleichzeitig seine Unempfindlichkeit für Kränkungen. Er ist scheinbar bescheiden und freundlich; wird er aber gereizt, so beruft er sich auf das, was er verrichtet und erduldet hat. Er ist, wie Pierson irgendwo amüsant und treffend gesagt hat: »Ein Papst an Demut und Hochmut.«

12.

Die Christusgestalt der kirchlich autorisierten Evangelien ist aus vielerlei Christustypen zusammengesetzt. Die älteste von ihnen, die eingreifende, handelnde, ist offenbar vor der Jesusgestalt geformt, die an einzelnen Stellen verstreut in der Apostelgeschichte und in den Evangelien zutage tritt. Die nächste Gestalt ist der Morallehrer, der Prädikant. Die nächste wieder ist scheidend und strafend, fest und streng. Die vierte ist der Erlöser, in dessen Namen Menschen bekehrt werden und Sündern vergeben wird. Die fünfte ist der Geist, der heilige Geist. Die sechste und letzte ist der barmherzige Christus, der mitleidig auf die Sünderin blickt und zu dem reuigen Räuber wie zu einem Bruder spricht. Alle diese Christusbilder hat die katholische Kirche verschmolzen, ungefähr wie man durch Aufnahme einer ganzen Anzahl aufeinandergelegter Photographien im neunzehnten Jahrhundert ein einziges Porträt hervorbrachte.

Der hervorragende Holländer Bruins stand zuerst unter dem Einfluß der Tübinger Schule, dann als Geistlicher in Nordholland unter dem von van Manen, Loman, Pierson und Naber, Steck und Meyboom. Seine entschiedene Überzeugung von der Unechtheit der Paulinischen Briefe stammt jedoch aus seinem Studium der Kirchenväter, namentlich der Schrift » Adversus Marcionem« von Tertullian. Es wurde ihm klar, daß namentlich die Briefe Pauli Abhandlungen in Briefform waren, die in Marcionistischen Kreisen entstanden und Paulus zugeschrieben waren Marcion, Sohn des Bischofs in Sinope begab sich im Jahre 140 nach Rom und trieb den Paulinismus auf die Spitze.. Bruins kannte nichts von der Arbeit van Manens über den Galaterbrief, kam jedoch, ohne ihn zu kennen, zu ganz dem gleichen Resultat wie er, ja, versuchte sogar, den ursprünglichen marcionistischen Text des Briefes an die Galater wiederherzustellen.

Merkwürdig ist, daß die Evangelien, die ein Jahrhundert nach den Briefen Pauli verfaßt sind, diese Briefe nicht kennen, und daß in der Apostelgeschichte nie von einem Briefwechsel zwischen Paulus und den Gemeinden die Rede ist. Die Unechtheit ist überall einleuchtend. Wie konnte Paulus sich so feindlich über das Gesetz Mose äußern, wie er es im 4. Kapitel des Briefes an die Galater tut, wo er das Festhalten am Gesetz zur »Knechtschaft in der Kindheit« macht, wenn er wußte, daß Jesus selbst beschnitten war und die jüdischen Feste feierte! Dieser Paulus, der sich in der Apostelgeschichte nicht nur selbst als Jude bezeichnet, sondern sich sogar als Pharisäer betrachtet!

Bis etwa 150 traten die Apostel (natürlich nicht die klassischen zwölf, die nur zwölf geworden sind, weil jeder der Stämme Israels einen Repräsentanten unter ihnen haben sollte) als Wanderprädikanten auf; nach diesem Jahre kaum mehr. Falls die Hauptbriefe der Überlieferung gemäß in den Jahren 55-59 geschrieben sind, ist es undenkbar, daß man schon damals Paulus den Namen eines Apostels verweigert haben sollte. Setzt man aber den Paulinismus auf den Anfang des zweiten Jahrhunderts, so eröffnet sich die Aussicht auf eine tiefgehende Spaltung zwischen Anhängern und Gegnern dieser Lehre; die Anhänger sahen in Paulus den über allen andern stehenden Apostel, während die Gegner ihm diesen Namen verweigerten. Es ist selbstverständlich eine späte Erfindung, daß Jesus schon in Galiläa zwölf Männer zu Aposteln berufen haben soll; da aber auf jeden Fall Paulus nicht zu ihnen gehört hat, versagte man ihm mit ehrlicher Rechtgläubigkeit den Apostelnamen.

Die alte Losung »Für Jerusalem gegen Rom!« wurde jetzt, als Jerusalem gefallen war, durch die neue Losung »für den Geist gegen den Buchstaben, für die Menschheit gegen die Macht der Finsternis« ersetzt, die einen Volksstamm an Stelle des Gesetzes setzen wollte.

Kapitel 15 der Apostelgeschichte scheint eine Dichtung für sich zu sein, die von einem entscheidenden Bruch mit den Gesetzen des alten Judentums berichtet: Heiden sind ebensogut, Beschneidung ist unnötig. Wenn Paulus (Kapitel 16) Timotheus, den Sohn eines Griechen und einer Jüdin, beschneiden läßt, so geschieht das kraft eines Opportunismus, für den keine Gründe angegeben werden. Dieses Kapitel enthält überhaupt verschiedene unklare Mystik. Der Heilige Geist verbietet Paulus und Timotheus, das Wort in Asia zu ergreifen. Ebenfalls verbietet der Heilige Geist ihnen, durch Bithynien zu ziehen, was sie zu tun wünschten. Man erfährt nicht, auf welchem Wege der Heilige Geist diese seine Verbote mitteilte.

Man kann im Neuen Testament die Auferstehungsgeschichte in ihren wechselnden Formen verfolgen.

Bei Matthäus 28 wälzt der Engel des Herrn den Stein vom Grabe, spricht die Frauen an, zeigt, daß das Grab leer ist, und erklärt die Auferstehung. Jesus kommt dann den Trauernden in Galiläa entgegen, wo er versprochen hat, sie wiederum zu treffen. Im 1. Brief an die Korinther ist dies dogmatisch geordnet. Dem Zweifel an der Auferstehung der Toten wird widersprochen (ganz wie in andern Religionen des Orients einem Zweifel an der Auferstehung des Attis, Adonis, Osiris). Ein fleischlicher Körper wird gesät, es ersteht ein geistiger Körper.

Bei Lukas ist die Erzählung breitgetreten und weniger wirkungsvoll. Die Frauen kommen mit wohlriechenden Salben ans Grab, finden es jedoch leer und dabei zwei Männer in schimmernden Kleidern. »Was suchet ihr den Lebendigen bei den Toten?« Jesus offenbart sich hierauf den zwei Jüngern, die nach dem wohl zehn Kilometer von Jerusalem entfernten Emmaus gingen. Er geht – um so recht das Wunderbare hervorzuheben – unbekannt neben ihnen her. Beim Abendmahl erkennen sie ihn plötzlich. Sie eilen dann von Emmaus nach der Hauptstadt zurück, finden die elf versammelt und sagen zu ihnen: »Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen.« (Petrus hat nämlich in das leere Grab hineingesehen und dort nur linnene Kleider gefunden.) Während nun die zwei Jünger erzählen, was sie erlebt haben, sitzt Jesus mitten unter ihnen, zeigt ihnen, daß er kein Geist ist, läßt sich von ihnen befühlen, so daß sie spüren, daß er Fleisch und Knochen, Hände und Füße hat. Er führt sie nach Bethanien, segnet sie alle und fährt im selben Augenblick gen Himmel.

Bei Lukas ist, wie man sieht, die Geschichte kindisch materialisiert. In der Apostelgeschichte verkehrt Jesus mit den Jüngern zehn Tage nach seiner Auferstehung – eine noch stärkere Herausforderung der Vernunft. Bei Markus (16, 19) wird Jesus, nachdem er mit den Jüngern gesprochen hat, in den Himmel aufgenommen und setzt sich zur Rechten Gottes. Die Grundvorstellung ist folgende: Der erste Adam war eine lebendige Seele, der letzte Adam ist ein lebendig machender Geist. Die Christusoffenbarung nach dem Tode, die anfangs als ein Zeugnis von Augenzeugen dargestellt ist, schwindet schnell hin und wird ein Glaubensartikel.

Die Auferstehung Jesu bedeutet, tiefer gesehen, die Verwandlung der jüdischen Messiasgemeinde in die weltumspannende Christuskirche. Als die Pauliner mit dem Gesetz brechen, wird der Sabbat zum Sonntag, und der Sonntag ist nichts als die Anerkennung Christi als Weltsonne durch die Christen. Anfangs war Jesus jüdischer Märtyrer wie der Gerechte bei Jesaia. Dann wird alles vertauscht, und die Leidensgeschichte wird teils in den Evangelien, teils in den Paulus zugeschriebenen Briefen judenfeindlich als von den damaligen Juden verursacht erzählt.

Zuletzt ist es sogar ein Jude, der die Schuld an der Hinrichtung des Erlösers trägt. Es wird Iskariotes erwähnt. Das Wort Keriot ist ein Ortsname; die Wurzel S. K. R. bedeutet nicht verraten, sondern ausliefern (an böse Menschen). Der Beweggrund ist unklar. Was gewinnt Judas dabei? Er muß anfangs der Teufel selbst gewesen sein. Die drei ersten Evangelisten kennen sein Motiv nicht. Das Evangelium Johannes erzählt, der Teufel hätte ihn dazu verleitet, den Herrn auszuliefern. Satan ging in ihn, während er schlief. Markus hat einen solchen Beweggrund nicht finden können. Keiner der Evangelisten hat angeben können, wozu die Feinde Jesu Judas und seinen Kuß brauchen.

Die dreißig Silberlinge sind auf jeden Fall überflüssig. Ernest Renan hat in seinem philosophischen Schauspiel » Der Priester von Nemi«, in dem überlegt wird, welche Bezahlung man dem versprechen soll, der den Priester ermordet, dem Metius folgende unsterbliche Worte in den Mund gelegt: »Das ist ganz überflüssig. Sobald ein Verbrechen oder eine Dummheit zu begehen ist, findet sich stets einer, der sie umsonst tut.«

Die Worte bei Lukas 23, 34: »Vater vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun«, sind offenbar ein spätes, milderndes Einschiebsel. Vollständig sinnlos wird ja die Geschichte, wenn die Handelnden obendrein so dargestellt werden, als kennten sie die Folgen der Tat nicht. Judas ist einfach Judäus, das jüdische Volk, auf das die Schuld des Gottesmordes gewälzt wurde – was nicht ausschließt, daß die jüdischen Rabbiner recht haben, die im neunzehnten Jahrhundert behauptet haben, der Prozeß gegen Jesus sei nach dem juristischen System des Altertums undenkbar.

13.

Die evangelische Geschichte ist eine Mythe, eine auf Phantasie beruhende Lehrform, in der die ältesten Christen ihre abergläubisch ausgeschmückten, religiösen Ideale ausgedrückt haben. Kreuzestod und Auferstehung scheinen die ältesten Bestandteile der Verkündigung gewesen zu sein, um die sich allmählich andere Erzählungen gruppieren. Noch zur Zeit des Justinus werden diese beiden Hauptpunkte beständig bei Taufe und Teufelsbeschwörung wiederholt.

Für die Kapitel 13-28 der Apostelgeschichte ist die von Eusebius und Origenes erwähnte Schrift Periodoi oder Praxeis Paulou, für die Apostelgeschichte 1-12 Periodoi oder Praxeis Petrou die Quelle, wo der Versuch gemacht ist, Petrus als Paulus ebenbürtig darzustellen und diesem einen Teil seines Ruhmes zu rauben. Der Verfasser der Pauluspartei hat Josephus nicht gekannt, während Lukas ihn gekannt hat. Der ungenannte Verfasser der Apostelgeschichte muß ein Katholik gewesen sein, der zwischen 125 und 150 in Rom versuchte, den Gegensatz zwischen den Christen, die sich auf Petrus beriefen, und denen, die Anhänger des Paulus waren, auszugleichen.

Im Paulus-Abschnitt wird dieser natürlich verherrlicht und zum Schutzherrn einer besonderen Art von Christentum, dem paulinischen, gemacht. Unter den Jüngern außerhalb Palästinas, vermutlich in Antiochia, hat ein gewisses Bestreben bestanden, vom Judentum loszukommen. Lukas leiht dem Petrus Züge von Paulus und dem Paulus Züge von Petrus, bis beide Strömungen in dem breiten Flußbett der katholischen Kirche zusammenfließen.

Der Brief an die Römer scheint ursprünglich kürzer gewesen zu sein. Wie er jetzt vorliegt, zerfällt er in mindestens drei Teile, die einander widersprechen. In 1, 18 bis 8, 39 steckt, soweit ersichtlich, eine alte paulinische Abhandlung über das Gerechtmachen durch Glauben. Dem 4. Kapitel liegt eine Abhandlung über Abraham, den Stammvater der Gläubigen, zugrunde. Im 4. Kapitel findet man eine Verherrlichung des Gesetzes. Eine endgültige Redaktion ist bemüht, die Epistel mit dem Alten Testament in Verbindung zu bringen und die scharfen Kanten des Paulinismus abzuschleifen. Aber es bleibt ein innerer Zwiespalt in diesem sogenannten Brief, der im übrigen unmöglich von einem Handwerker und Wanderprediger herrühren kann.

Der Schluß 15, 14-16 stimmt nicht mit 9-11 überein, die sich auch dem Anfang gegenüber selbständig behaupten. Der Brief löst sich in Bruchstücke auf. Bald wird Gewicht auf die Seligkeit der Juden gelegt (der Autor bezeichnet sich selbst als Israeliten), bald wird mit Wärme die Sache der Heiden vertreten. – Es bleibt ungeklärt, wie dieser Brief anderthalb Jahrhunderte lang verschwinden konnte, um dann bei Basilides und Marcion aufzutauchen. Die Dogmatik darin weist auf eine spätere Zeit hin. Sie ist judenfeindlich, gnostisch, räumt dem körperlichen Jesus nur einen Scheinkörper ein.

Nach Beginn der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hat niemand, mit dessen Urteil man rechnet, die Echtheit des Briefes an die Römer verteidigt.

Vielleicht kann man sich die Entwicklungsgeschichte des Christentums folgendermaßen denken: Die ersten Brüder haben eine Brüderschaft von Hagioi (Heiligen) gebildet, die sich an das Gesetz hielten. Kurz nach dem Fall Jerusalems entwickelte sich daraus eine freisinnigere Partei, die durch ihre griechisch-römische Bildung aus dem Judentum herausgewachsen war. Dann folgte der mit Gnosis verwandte Paulinismus, dem gegenüber sich die aus dem Judentum Gekommenen als die Angegriffenen fühlten. Schließlich glättete dann die katholische Kirche die Gegensätze.

In den Briefen selbst aber blieben die Widersprüche unausgeglichen stehen. Im 1. Korinther 3, 1-2 sagt Paulus: »Und ich, lieben Brüder, konnte nicht mit euch reden als mit Geistlichen, sondern als mit Fleischlichen, wie mit jungen Kindern in Christo. Milch hab' ich euch zu trinken gegeben und nicht Speise; denn ihr konntet noch nicht; auch könnt ihr noch jetzt nicht.« Völlig im Widerspruch zu dieser Erziehungslehre schreibt er dann im Brief an die Galater mit leidenschaftlichem Hohn über das mosaische Gesetz als bloße Kinderlehre: »Nun ihr aber Gott erkannt habt (ja vielmehr von Gott erkannt seid), wie wendet ihr euch denn um wieder zu den schwachen und dürftigen Satzungen, welchen ihr von neuem an dienen wollt?«

Kurz gesagt: Diese Briefe können selbstverständlich nicht denselben Ursprung haben. An einer Stelle zeigt sich der Verfasser tolerant, an einer andern mit Heftigkeit intolerant.

Alles, was hier von der Reise Pauli nach Jerusalem, von seinen Zusammenstößen mit Petrus in Antiochia und so weiter erzählt wird, ist voll von Widersprüchen. Selbst die Versicherung Galater 6, 11, daß der Brief mit eigener Hand geschrieben sei, verrät seine Unechtheit.

Und wie Paulus selbst, so verwickelt sich sein Dolmetsch, der von Theologen verehrte Harnack, in immer neue Widersprüche. Er räumt altchristliche Fälschungen ein (2. Petrus-Brief, 2. Clemens-Brief) – warum sind sie eher Fälschungen als der Rest?

14.

Während des Aufruhrs Bar Kochbas entfernten sich die Christen und Juden voneinander.

Als um das Jahr 150 die ältesten kanonischen Evangelien Form annahmen, besaßen weder die katholisch gesonnenen Christen noch ihre Widersacher zuverlässige Zeugnisse bezüglich der Person Jesu oder seines Lebenswerkes. Der evangelistische Jesus zeichnet zum Beispiel nicht Bilder, sondern nur Karikaturen von den Pharisäern. Der Rabbinismus war jedoch damals noch mild und die judenfeindliche Bewegung Marcions nicht stark genug, der Mehrzahl der Judenchristen ihren Glauben an die von den Vätern stammende Heilige Schrift zu rauben.

Die in der Bildung begriffene Kirche kanonisierte sowohl die freisinnig klingenden wie die konservativen Jesusworte. Daher die einander widersprechenden Aussagen und Paradoxe.

Da der Name Jesus identisch mit Josva ist, legte man damals viel Gewicht darauf, daß Jahve zu Mose sagt: »Josva, der Sohn Nuns, der ein Mann ist, in dem der Geist ist«, und an einer andern Stelle steht: »Josva aber, der Sohn Nuns, ward erfüllet mit dem Geist der Weisheit; denn Mose hatte seine Hände auf ihn gelegt« (4. Mose 27, 18; 5. Mose 34, 9). Jesus ward dadurch in den Augen der ersten Christen der von Gott eingesetzte Erbe Mose.

Es hat das entstandene Christentum gestärkt, daß alle damaligen Mysterienreligionen die Frage: »Wie erreiche ich die Erlösung?« beantworteten: Durch Gemeinschaft mit dem toten und wiederauferstandenen Gott. Daß das Hilariafest zu Ehren der Auferstehung des Osiris nach dem Tode des Gottes wie die christlichen Ostern am dritten Tage gefeiert wurde, konnte auch keine zufällige Übereinstimmung sein.

Der Doppelname Saulus-Paulus hat typische Bedeutung gehabt. Es gibt zwar nur einen Paulus; im christlichen Bewußtsein aber ist er zuerst der Saulus, der die Gemeinden mit Untergang bedroht. Saulus ist Samaritaner (die Sage von Simon Magus), das heißt ein unter den Juden lebender Heide. Später macht dann die Kirche aus dem heidnischen Element in diesem Paulus jüdischen Fanatismus. Seine Bekehrung erlangt allmählich die Bedeutung der Bekehrung der Gemeinden durch den Geist des verherrlichten und vergötterten Meisters.

Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß das Urchristentum seine Anhänger in den niedrigsten Schichten hatte, in den ebionitischen Kreisen, die vor allem ihre nationale jüdische Messiasidee den ihrem Stamme feindlichen Mächten gegenüber behaupten wollten. Das macht es leichter begreiflich, daß die griechisch-römische Zivilisation so völlig das Christentum ignorieren oder es als menschenfeindlich verurteilen konnte. (Tacitus' Odium.)

Den Kern des keimenden Christentums muß man in dem stark entwickelten Bewußtsein vom Wert des einzelnen Menschen suchen, der sich in dem jüdischen Aufstand gegen die römische Unterdrückung der schwächeren Minderheit offenbarte.

Erst unter Hadrian betrachteten gewisse christliche Kreise den Glauben an den Gott des Alten Testaments als kaum besser denn heidnischen Aberglauben. Zu Beginn des zweiten Jahrhunderts hat man nicht mehr die Entstehungsgeschichte des Christentums gekannt, und da man heilige Schriften entbehrte, formte man auf Treu und Glauben das, was man als Wahrheit ansah, Jesus Worte oder apostolische Zeugnisse.

Matthäus ist (mit Ausnahme der späteren Einschiebsel wie 12, 40; 16, 18; 18, 17; 28, 19) das älteste Evangelium, geschrieben von einem Nichtjuden, der das Alte Testament in der Septuaginta-Übersetzung gelesen hatte, kein Aramäisch konnte und im zweiten oder dritten Jahrzehnt des zweiten Jahrhunderts lebte. Seine Erzählung ist systematisch, sinnbildlich und verblümt. Die evangelischen Anekdoten und Parabeln scheinen von hellenischen Gnostikern zu stammen. Bald wurden die Gnostiker nicht mehr verstanden. Man bemerke die Stelle bei Lukas 11, 52: »Weh euch Schriftgelehrten! denn ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis. Ihr kommt nicht hinein und wehret denen, die hinein wollen.«

Der evangelische »Sohn« ist hier das flüchtige platonische Vorbild ewiger himmlischer Menschlichkeit. Er entsteht als das zusammengeschweißte stoische, kynische, weltbürgerliche Ideal von Menschenliebe vor einem Hintergrund platonischer Naturphilosophie. Daß die jüdische Gottheit in allen gnostischen Systemen Demiurg genannt wird, zeigt, daß Platon durch Philon Einlaß in das sich bildende Christentum fand. Man identifizierte nicht ohne weiteres die Gottheit Platons, die gute Vatergestalt, mit dem barschen, im Grunde blutdürstigen Herrn des Moses. Der Vater wurde als eine Art Vormensch oder Übermensch, der Sohn als der »Menschensohn« aufgefaßt.

Neue Funde in Ägypten machen es unwahrscheinlich, daß die verschiedenen Evangelien aus gleichartigen Umgebungen stammen.

Die Oden Salomons, die der Ausdruck des Mystizismus alexandrinischer Juden sind, greifen vielem Christlichen vor. Im ersten Jahrhundert haben theosophische Juden sich das unendliche und ewige Wesen als einen verborgenen Vater vorgestellt, und sie haben im Herrn Jesus Metatron (talmudischer Ausdruck für Logos) gesehen, die höchste Untergottheit oder den Oberengel.

Reine Theosophie war indessen nichts für die große Masse. Mit ihr konnte man keine Gemeinden gründen. Um das Jahr 100 ist dann wahrscheinlich die frohe Botschaft mitgeteilt worden, daß der nazoräische Jesus sich vor dem Fall des Tempels als hinreichendem Osteropfer in menschlicher Gestalt gezeigt und einen neuen unblutigen Pakt mit Israel geschlossen hätte. Zu Beginn des zweiten Jahrhunderts scheint ein Bruch mit dem nationalen Judentum eingetreten zu sein. Ungefähr im Jahre 150 haben dann die katholischen Gemeinden gelehrt, daß der neue Pakt von dem Gott des alten Gesetzes ausgegangen, und daß der Jahve Moses' auch der Vater des Herrn Jesus wäre.

Als um die Mitte des zweiten Jahrhunderts die römischen Gemeindevorsteher mit dem Gnostizismus brachen, kehrten sich auch notgedrungen die Paulinischen Briefe gegen ihn (siehe 1. Timotheus 6, 20). Daß die Petruslegende römisch blieb, steht im Zusammenhang damit, daß die Paulinischen Briefe als Ausdruck für die römische Gemeindeverwaltung unbrauchbar wurden.

Jesus sollte zu Petrus gesagt haben (Lukas 22, 31): »Simon, Simon, siehe, der Satanas hat euer begehrt, daß er euch möchte sichten wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, daß dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dermaleinst dich bekehrest, so stärke deine Brüder.« Petrus wird dann allmählich zum Mittelpunkt (1.Petrus 5): »Seid nüchtern und wachet; denn euer Widersacher, der Teufel, gehet umher wie ein brüllender Löwe und suchet, welchen er verschlinge.« Endlich 2.Petrus 3, 13: »Wir warten aber eines neuen Himmels und einer neuen Erde nach seiner Verheißung, in welchem Gerechtigkeit wohnet.«

Es war den Gemeinden aufgefallen, daß die Briefe Pauli nichts von der Lehre, dem Gedankengang oder der Tätigkeit Jesu enthielten. Bei Paulus begann – und dies wird zu einem gewissen Grade seine Stärke – der kirchliche Jesus sich zu bilden, der nur leidet, stirbt und aufersteht, eine so unerhörte Abstraktion, daß man hinter ihm überhaupt kein Wesen aus Fleisch und Blut spürte oder spürt.

Aber gerade das wurde im Laufe der Zeit zur kirchlichen Überlieferung, einem göttlichen Kultusbild, ungleich kräftiger in seiner Wirkung auf suchende und wankende Menschengemüter als der gute Mann, durch den die liberale Theologie schließlich die übernatürliche Gestalt zu ersetzen versucht hat.

Für die kirchliche Phantasie war Jesus trotz seiner menschlichen Form von Anfang an vom Scheitel bis zur Sohle Gott, daher ein Wunder und ein Wundertäter.

15.

Für die Rechtgläubigkeit älterer Zeiten gingen der historische Jesus und der historische Paulus ganz harmonisch zusammen. Für den alten Rationalismus im achtzehnten Jahrhundert war Jesus einfach der weise Lehrer. Für Herder und Schleiermacher, teilweise noch für Renan, war er der Idealmensch.

Im Johannesevangelium waren Logos und der Erlöser identifiziert, noch dazu von einem vermeintlichen Augenzeugen des Lebens Jesu. Als die Unechtheit dieses Evangeliums einleuchtend wurde, fanden viele Theologen sich genötigt, das Christusideal im Jesus der Synoptiker zu sehen. Strauß betrachtete den Ursprung des Christentums als Mythenbildung; Bruno Bauer träumte von einem erzeugenden Urevangelisten; Loman betrachtete die Gemeinden selbst als evangelienschaffend; Bolland dachte, daß der Gottmensch sein Leben einer Gemeinde verdankte, die als unphilosophische Masse ihn nicht als bloße Idee anerkennen wollte, Reitzenstein endlich hat in seinem Buche » Die hellenistischen Mysterienreligionen« nachgewiesen, daß Paulus zahlreiche Ausdrücke aus der Sprache dieser Religionen entleiht. Der scharfe Gegensatz zwischen Pneuma (Geist) und Psyche (Seele) deutet auf ausgeprägten Gnostizismus.

C. G. Montefiore, ein Nachkomme des großen, selbst ein ausgezeichneter Gelehrter, einst mein guter Bekannter, hat in der » Jewish Quarterly Review« vom Jahre 1901 mit Recht gesagt, daß der Verfasser der Paulinischen Briefe entweder nie ein rabbinischer Jude war, oder daß er vollkommen vergessen hatte, was rabbinisches Judentum war. Von irgendwelcher gründlichen Kenntnis der Schrift oder dessen, was in jüdischen Synagogen in und außerhalb Palästinas gelehrt wurde, kann bei dem Verfasser dieser Hauptbriefe gar keine Rede sein.

Der paulinische Gott gleicht mehr dem antiken Fatum als dem Jahve des Alten Testaments, was aber noch merkwürdiger ist: bei den Evangelisten gibt es nicht einmal einen Anknüpfungspunkt an die feindselige Haltung der Paulinischen Briefe gegenüber dem Gesetz. Daß die Gestalt Jesu für den sogenannten Paulus ein so übernatürliches Maß hat annehmen können, deutet auf einen langen Zeitraum zwischen dem Zeitalter der Jesussage und dem der Paulusbriefe. Auffallend ist auch, was wohl Drews zuerst bemerkt hat, daß darüber, worin Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts die eigentliche Größe Jesu finden, die Briefe ebenso unbedingt schweigen wie über die Persönlichkeit Jesu überhaupt. Obwohl die Natur (nach der englischen Ausdrucksweise) rot von Blut an Schnabel und Klauen ist – bewundert man heutzutage besonders das Vertrauen Jesu auf die Vatergüte des Herrn der Natur, dann seine Betonung der Nächstenliebe als Erfüllung des Gesetzes, seine Verkündung von Milde und Barmherzigkeit, lauter Grundgefühle, die die Verfasser der Paulinischen Briefe nicht interessieren. Es fällt Paulus gar nicht ein, daß er selbst der Jünger eines Menschen sein sollte, der der Geschichte angehört. Er steht nur in einem Verhältnis zum himmlischen Christus.

Ein Hauptpunkt ist: es läßt sich kein Leben Jesu schreiben. Die Quellen sind zu unsicher. Je mehr man die Evangelien studiert, desto mehr löst alles Körperliche in ihnen sich in Scheinkörperlichkeit auf, und desto mehr drängt sich jedem ehrlichen Forscher, der nicht durch die Überlieferung verdummt ist, die Überzeugung auf: Das älteste Christentum stammt nicht von einer einzelnen Persönlichkeit; es wurde von zahlreichen tätigen Kräften hervorgebracht, ging nicht weniger von Alexandria und von Rom als von Jerusalem aus und erhielt sein Grundgepräge durch die religiös gefärbte Philosophie des Zeitalters.

Der, welcher dies ausspricht, läßt sich von einer Pflicht und Tugend leiten, die für die Scheinheiligen unserer Tage nicht besteht, und auf deren Verdrängung all ihr Erfolg beruht: Wahrheitsliebe.

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