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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Unverbesserlich - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzälungen
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1104-1
titleUnverbesserlich
pages29-100
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1910
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Die letzte Untat der Teufelsbrut brachte im Dorf eine unerhörte Aufregung hervor. Nun lag's am Tage: Hexerei trieb der Sohn des Satans. Manche Mutter hatte längst behauptet: ohne Teufelskünste hätte er meine unschuldige Tochter nicht verführt; manche Väter schwiegen schon dazu, wenn ihre Frauen behaupteten, ohne Hilfe übernatürlicher, böser Mächte hätte der Verführer nimmer vermocht, ihre braven, soliden Söhne in Taugenichtse zu verwandeln. – Und jetzt erklärten sich die Cibulka und die Rusalkova bereit, vor Gericht aufs Kruzifix zu schwören, daß die Teufelsbrut ihnen in Gestalt des hochwürdigen Herrn Pfarrers erschienen sei und auch seine Stimme angenommen habe. Freilich, was er mit dieser Stimme gesprochen, war nicht im Einklang mit der apostolischen Milde des gütigen Priesters, sondern viel eher eine Eingebung des Teufels.

Ein Schrei, nach Rache mehr noch als nach Strafe, übertönte die Beschwichtigungen der Gemäßigten, das leise Lachen der Humoristen. Dem Herrn Pfarrer wurde es übel vermerkt, daß er einigen allzu sinnlosen Verleumdungen voll Entrüstung entgegentrat. Er büßte damit sogar einen Teil seiner Popularität in der Gemeinde ein.

Mit leidenschaftlicher Spannung wurde der Urteilsspruch über den Verbrecher erwartet. Er befand sich in Untersuchungshaft in der Kreishauptstadt. Wer sich dahin begab in Prozeßangelegenheiten zu einem Rechtsfreund, suchte ihn auszuholen und wenigstens einen Zipfel des Schleiers zu heben, der Edineks Zukunft noch verhüllte. Die Übelwollenden meinten, das Schlechteste hoffen zu dürfen. Für den üblen Leumund des Sträflings hatten die Zeugenaussagen gesorgt, und seine Vergehungen gehörten, Gott sei Dank, zu denen, die von der weltlichen Gerechtigkeit als schwere angesehen und bestraft werden. An den Fingern zählten sie nach. Er hatte, als Priester verkleidet, zweien Weibern die Beichte abgenommen und ihnen die Absolution erteilt, somit das Verbrechen der Religionsstörung begangen. Er hatte sich mit gewaltsamen Handlungen seiner Arretierung durch den Gendarm widersetzt, also auch das Verbrechen der öffentlichen Gewalttätigkeit auf sich geladen. Er war überdies – und das sollte ihm besonders eingetränkt werden – schon vorbestraft, hatte einige Tage «gesessen» nach der großen Rauferei mit dem Sohne Pietienak.

«Fünf Jahre kriegt er!» meinten die Gescheiten. «Zehn!» hofften die Phantasievollen, und einige alte Weiber erzählten einander von den leider entschwundenen heiligen Zeiten, in denen alles Hexerei treibende Gesindel auf den Scheiterhaufen kam und verbrannt wurde.

Als endlich das Urteil bekannt wurde: «Zwei Jahre schweren Kerkers, verschärft durch einen Fasttag in jedem Monat», gab es allgemeine Enttäuschung.

Nur zwei Jahre für so viel Untaten und Delikte! Das war ja, als ob man dem schlechten Kerl ein Patent auf Nichtsnutzigkeiten ausstellen wollte. Aber die Richter von heutzutage! Den Namen führen sie noch, sind keine mehr, lassen jeden laufen. Das hat man grad jetzt wieder erlebt.

«Was wollt ihr erlebt haben?» fragte Monika, wenn solche Reden in ihrer Gegenwart geführt wurden. «Wenn man einem zwei Jahre schweren Kerker zuerkannt, nennt man das ihn laufen lassen?»

Der unbestraft heimkehrende Edinek würde sie unerbittlich streng gefunden haben. Den Verurteilten nahm sie in Schutz und billigte das Verfahren des Gerichtshofes. Sein Urteil war milde, weil der Angeklagte reuig und bußfertig war. Er verlangte keinen Verteidiger, legte ein offenes Geständnis ab, verhüllte und beschönigte nichts. Er war auch damit einverstanden, daß der Vormund auf Rechtsmittel gegen das Urteil verzichte, fand seine Strafe gerecht und trat sie gutwillig an.

Am Schlusse dieser trockenen Ausführungen, die Monika mehr als einmal einem kleinen Auditorium vortrug, wurde sie immer sehr gegen ihren Willen bewegt, und ihre Lider röteten sich. Da teilte sie den Bericht eines Augenzeugen bei den Verhandlungen mit. Nie, sagte der, werde er den Eindruck vergessen, den der Angeklagte auf ihn hervorbrachte, als er unter den Zeugen den Herrn Pfarrer erblickte. Bis jetzt hatte er eine große Sorglosigkeit an den Tag gelegt, die gravierendsten Aussagen mit etwas spöttischem Gleichmut über sich ergehen lassen und das Aussehen eines kecken, wenn auch durchaus nicht unsympathischen Wildlings gehabt.

Das wurde anders mit einem Schlage, als sein Seelenhirt erschien und sich seiner annahm, ihm auch ein bißchen Gutes nachzusagen wußte. Er nannte seinen bisher leider unverbesserlichen Leichtsinn die Quelle aller seiner Vergehungen und auch seiner letzten, allerdings sehr strafbaren Handlung. Daß ihr eine böswillige und gotteslästerische Absicht nicht zugrunde lag, dafür wollte der priesterliche Zeuge, der ihn von Kind auf kenne, einstehen.

Der Schuldige horchte diesen Worten, als ob Engelszungen sie sprächen, und nicht nur Milde schien ihm aus ihnen entgegenzuklingen, er zuckte auch unter ihnen zusammen, als streuten sie auf sein Haupt die glühenden Kohlen, von denen das Evangelium redet. Der ganze Mensch zitterte und bebte; er blickte wie zu einer überwältigenden himmlischen Vision zu dem Priester empor. Das Auditorium, die Richter, der Staatsanwalt, alle waren ergriffen, als er mit gefalteten Händen, wortlos und schluchzend, vor ihm auf die Knie stürzte.

 

Ein Jahr und drei Monate später; ein Februarmorgen. In den Bäumen regt sich's leise und geheimnisvoll. Ein kundiges Auge sieht es den scheinbar unveränderten Stämmen an, daß sie ein Erwachendes bergen. Die starren Säfte in ihrem Innern erweichen, bald wird ein Lebensstrom durch das Geäste und Gezweige quellen. Die umschleierte Sonne zweifelt herab auf den grau gewordenen Schnee: Beliebt dir's hinwegzuschmelzen? Ja oder nein? Die Antwort wird nicht lang auf sich warten lassen; schon wird stellenweise die braune Erde sichtbar, das matte Grün der Wintersaat wagt sich ans Licht; die Straße, die vom Dorfe her sachte ansteigt zum Pfarrhaus, ist schon ganz schneefrei, in dem Graben neben ihr rieselt munter ein schmales, schmutziges Bächlein. Durch die winterliche, leicht bewegte Luft kommen einzelne laue Wellen gezogen, wonnig einzuatmen, voll köstlicher Verheißung.

Der Pfarrer und seine Schwester waren eben aus dem Hause getreten, Monika im Mantel und Capuchon, Pater Emanuel im weiten Winterrock, einen weichen, breitkrempigen Hut auf dem Kopfe. Er hatte sehr gealtert in der letzten Zeit, sein Gesicht war noch schmaler, die Haare waren ganz weiß geworden, die Augen schienen größer und leuchtender. Etwas seltsam Fremdartiges und Rührendes schwebte über seiner ehrwürdigen Erscheinung, unsichtbar und unausgesprochen wie ein Hauch und doch deutlich und ebenfalls eine Verheißung. Nur eine andere, eine höhere, als sie sich aussprach in der aufatmenden Natur, kein Beginnen, ein leises, auf sanft schwingenden Flügeln nahendes Vollenden.

Im Augenblick, in dem sich die Geschwister dem Eingang zum Vorgärtchen näherten, drang ein Jauchzen ihnen entgegen.

«Hochwürden! Fräulein!» und Edinek stürzte auf sie zu und bot einen heiteren, einen überraschenden Anblick; fast elegant sah er aus. Ganz prächtig stand ihm sein funkelnagelneuer Winteranzug: kurzer Rock mit kleinem Pelzkragen, braune Sammethose, hohe, schmucke Stiefel. In der linken Hand trug er ein Felleisen, auf dem seine Geige aufgeschnallt war; mit der Rechten schwenkte er die Mütze jubelnd empor:

«Entlassen, Hochwürden, gnädiges Fräulein, ich bin entlassen, bin da!» Er faßte ihre Hände, küßte und küßte sie, sie konnten es ihm nicht wehren.

Der Pfarrer klopfte ihm auf die Schulter: «Schau er! schau er – aus dem Kerker entlassen?»

«Weil ich mich so gut gehalten habe, Hochwürden», verkündigte er triumphierend. «Wissen ja, Hochwürden, haben sich nach mir erkundigen lassen, ich hab's gehört. Und lauter Gutes über mich erfahren.»

«Wohl, wohl, es ist wahr, viel Gutes, beinahe nur Gutes.»

«Sehen Hochwürden! und so habe ich das Glück gehabt, daß sie mich vorgeschlagen haben zum Strafnachlaß, und da hat mir der Kaiser ein ganzes dreiviertel Jahr geschenkt.»

«Wenn diese Nachsicht ihm nur auch so heilsam ist, wie die strenge Zucht es war», sagte Monika, «die hat ihm prächtig angeschlagen. Er sieht so ordentlich aus wie noch nie. Eine Erbschaft muß er im Kerker auch gemacht haben, wo kämen sonst die schönen Kleider her?»

«Gekauft, gnädiges Fräulein, gestern in der Stadt. Geld genug gehabt, mir Geld verdient» das sprach er stolz – «mit meiner Arbeit.»

«Und alles gleich auf einmal ausgegeben? Alles in fünfviertel Jahren verdiente, auf einmal für einen Anzug?»

Nicht alles, Gott behüt! Es war noch genug da, um sich und andern Begnadigten, die nicht so reich waren wie er, einen guten Tag zu machen was für einen! Famos, nur sehr kurz, denn das Geld, das liebe, hat Füße und Flügel bekommen, war gleich weg... Aber laufe du! fliege du! Er braucht keines mehr, ist ja da, ist zu Hause, ist geborgen!

Die Geschwister hatten kein Wort gewechselt, keinen Blick, doch wußte jedes, was in der Seele des anderen vorging.

«Hast die Rechnung ohne den Wirt gemacht, armer Junge», sagte Monika ungewöhnlich weich und traurig und ging in die Küche, um eine Mahlzeit für den Ankömmling zusammenzustellen.

Edinek durfte den geistlichen Herrn in seine Stube begleiten.

O Himmel, wie ihm da zumute war! Er lief von einem Fenster zum andern, sah umher mit freudestrahlenden Blicken. «Da, Hochwürden, da sind gesessen und haben mir vom Wolf erzählt.»

«Mit wenig Nutzen, Edinek.»

«Mit vielem, vielem!... Nur daß er nicht gleich gekommen ist, erst später... Als Hochwürden sich meiner angenommen haben vor Gericht, da hat's in mich eingeschlagen wie der Blitz, und ich hab mir vorgenommen: ich will's den Leuten zeigen, wer recht hat, der Hochwürden oder sie... Und hab's ihnen gezeigt, da steht's. Hab mir Wort für Wort aufgeschrieben, wie's geheißen hat.» Er hatte einen Zettel aus seiner Tasche gezogen und las langsam und nachdrücklich: «Hat sich die Sympathie der Funktionäre der Strafanstalt gewonnen durch Fleiß, Disziplin und Reue.»

Das letzte Wort betonte er besonders stark, und der Pfarrer dachte: O ihr Reuekünstler!

Edinek aber begann freudig und rasch die Zukunftspläne darzulegen, die er sich in der Strafanstalt bis ins kleinste so schön ausgemalt. Dem Wohle des Pfarrhauses würde er sein ganzes Können widmen, die kleine Wirtschaft gut führen, auch dem armen Fräulein, das der Arbeit nicht mehr recht gewachsen sei, die Plage mit dem Obst, dem Gemüse, den Blumen abnehmen...

«Es wird dem gnädigen Fräulein doch recht sein?» unterbrach er sich, ganz erstaunt, daß Emanuel ihm kein Zeichen der Zustimmung gab.

«Ihr und mir wäre es recht, wenn es sein könnte», erwiderte der Priester, «doch kann es eben nicht sein.»

«Wieso? – Warum? Warum soll es nicht sein können, Hochwürden?»

Die Tür öffnete sich, Kathi trat ein und setzte eine Platte mit Speisen und Wein auf den Tisch.

«Die Kathi!» begrüßte Edinek sie voll Erstaunen. «Wie kommt denn die Kathi her? Wo hat sie den Ehemann gelassen? – Na also: Grüß Gott, grüß Gott tausendmal!»

Er war mit ausgestreckten Händen auf sie zu geeilt – sie schlug die ihren auf dem Rücken zusammen. Haß und Scheu verzerrten ihr Gesicht:

«Untersteh dich, Zuchthäusler!» zischte sie ihn an und schoß mit fluchtartiger Geschwindigkeit davon.

«Was fehlt ihr? Was hab ich ihr getan?» fragte Edinek betroffen. «Und was hat sie hier zu suchen? Wird ihr schlecht gegangen sein in der Ehe, kann mir's denken.»

«Es ist ihr nicht gut gegangen.»

«Ganz natürlich.»

«Sie hat wieder einen Dienst suchen müssen, und meine Schwester hat sie gern aufgenommen.»

«Und – die Anna?...» Edinek wandte die Augen dem Fenster zu und strich mit den Fingern über den schwarzen Flaum, der ihm im Gefängnis auf der Oberlippe gewachsen war.

«Die Anna ist verheiratet, ist fort mit ihrem Mann nach seinem Dorf, wo sie dem Vater die Wirtschaft führen.»

«Und der, der Anna, geht's gut?»

«Sehr gut, ja, ja.»

«Sehr gut, und ihm erst! – Kann mir's denken. Der Dumme hat's Glück, da kann man nichts machen», seufzte Edinek. «Sie ist halt dort, und ich bin hier in meinem Dorf, meinem Zuhaus, und ich wieder, ich führe dem Herrn Pfarrer die Wirtschaft. Werden zufrieden sein. Also Hochwürden, also», drängte und ermunterte er: «Behalten mich!»

«Unmöglich, leider; du kannst hier nicht bleiben.»

Edinek staunte den geistlichen Herrn unaussprechlich bestürzt an: «Nicht bleiben?... Warum denn nicht?»

«Du hast zu großes Ärgernis erregt; sie würden dich hier nicht dulden.»

«Wer?»

«Wie du nur fragen kannst! – die Leute doch.»

«Was haben die zu sagen, wenn mir der Kaiser verziehen hat? Was können die Leute mir tun? Können sie mich wieder einsperren lassen?»

«Das nicht, aber dich ausstoßen, ausschließen, dir das Leben verbittern, dich in jeder Weise mißhandeln können sie.»

«Sie sollen nur – was liegt mir dran? Ich prügle mich schon durch.»

«Das wäre das Rechte! Der Wirtschafter des Pfarrers prügelt sich durch die Gemeinde.»

«Wenn sie mich zwingen... Warum wollen sie mich zwingen? Sie sollen gut mit mir sein. Befehlen ihnen Hochwürden, daß sie gut mit mir sind.»

«Befehlen läßt sich das nicht. Hast du gesehen, wie sich die Kathi vor meinen Augen gegen dich benommen hat?»

«O, die Kathi!» Er lachte hell auf mit seinem alten, tollen Übermut, «in zwei Tagen wickel ich die um den Finger.»

Du kommst als der wieder, als der du gegangen bist, dachte Emanuel und sprach:

«Niemand wickelst du um den Finger, sie sind alle deine Feinde.»

«Da ist es ja dem Wolf besser gegangen als mir! In seiner Stadt waren bessere Leute!» rief Edinek voll schmerzlichen Trotzes aus.

«Auch die unseren werden verzeihen, aber Zeit mußt du ihnen lassen. Geh, mein Kind, und komm nicht zurück, bevor die Haare, die jetzt noch braun sind, weiß geworden sind.»

«Nein, nein, nein! Da wären ja Hochwürden schon tot, sind ja schon so alt!»

Jetzt erst fiel ihm ein, wie alt der Hochwürden aussah. – So alt, und heiliger denn je. Und hilflos stand dieser Heilige in der Welt, vermochte nichts über die bösen Leute, vermochte nicht einmal sein Eigentum vor ihnen zu hüten. Er brauchte die Stütze einer jungen, hingebungsvollen Kraft, brauchte ihn und durfte ihn nicht von sich weisen.

Mit wilder Entschlossenheit wiederholte er sein dreimaliges «Nein!» und schrie beinah: «Dürfen mich nicht wegschicken, müssen mich behalten.»

Aber er begegnete einem ruhigen, sanften, unerschütterlichen Widerstand: «Es ist gesagt. Du kannst hier nicht bleiben, überhaupt nicht, am wenigsten bei mir, du hast die Heimat für lange Zeit verwirkt. – Du gehst und suchst dir einen Platz an einem fremden Orte, wo sie dich nicht kennen, nichts von dir wissen. Von dort aus schreibst du mir, und ein Dienstbuch wird dir nachgeschickt. Und jetzt: Setz dich, iß und trink!»

Edinek würgte mühsam an den guten Bissen, die Monika ihm hatte vorsetzen lassen, legte das Eßzeug fort und stand wieder auf: «Ich kann nicht, Hochwürden, ich bring's nicht hinunter... Erst wieder herkommen, wenn Hochwürden tot sind und die hübschen braunen Mädeln alte Weiber... und dort sitzen in der Fremde...»

«Deine Militärzeit mußt du auch noch abdienen.»

«Militärzeit? Ja, das wäre noch das Beste. Da geh ich zur Kavallerie, möcht bald Wachtmeister werden und käm dann her in der Uniform. Da möchten Hochwürden schauen... Ja so» – unterbrach er sich, und der freudige Schein, der sein Gesicht überflogen hatte, erlosch -, «ja so, ich darf ja nicht kommen.»

Der Pfarrer entnahm der unversperrten Tischlade ein Beutelchen, prüfte seinen Inhalt und legte es dem Edinek in die Hand: «Es ist nicht viel, aber es reicht für die erste Zeit, wenn du nicht schon im nächsten Wirtshaus alles vertust.»

Edinek wollte danken; aber wie früher die Bissen, so quollen ihm jetzt die Worte im Munde. Er verneigte sich stumm und schritt zur Tür, blieb dort stehen und wandte sich um.

«Geh mit Gott, mein Sohn», sprach Emanuel.

Der Bursche konnte sich nicht entschließen. Von einem trockenen Schluchzen erschüttert, arbeitete seine Brust heftig. Er streckte dem Geistlichen die Arme, die verschränkten Hände entgegen, und, wie ein Kind, das um etwas Unmögliches bittet und bettelt, ahnt, daß es nicht erhört werden wird, und dennoch bittet und bettelt, stieß er heraus:

«Hochwürden! Hochwürden! sagen mir nicht Kind, nicht Sohn, sagen mir Bruder Wolf und behalten mich!»

Emanuel vermied es, ihn anzusehen, ging zur Tür, öffnete sie und sagte: «Komm!»

Draußen auf der Schwelle wiederholte er sein «Geh mit Gott» und segnete ihn.

Nun erschien auch Monika. Sie gab dem ehemaligen Schützling die Hand ohne Ermahnung, und als sie ihm Lebewohl sagte, kam in ihr imposantes Sibyllenangesicht ein milder, mütterlicher Zug.

Die Geschwister geleiteten ihn bis zur Gittertür, blieben dort stehen und sahen ihm nach. Monika warf verstohlen einen Blick auf ihren Bruder, senkte aber alsbald die Augen; sie hätte nicht bemerken sollen, daß in den seinen Tränen glänzten.

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