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Gutenberg > Hugo von Hofmannsthal >

Unterhaltung über den »Tasso« von Goethe

Hugo von Hofmannsthal: Unterhaltung über den »Tasso« von Goethe - Kapitel 1
Quellenangabe
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typeessay
authorHugo von Hofmannsthal
booktitleDichtung von Dichtern gesehen
titleUnterhaltung über den »Tasso« von Goethe
publisherS. Fischer Verlag Berlin
printrunErste bis achte Auflage
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Hugo von Hofmannsthal

Unterhaltung über den »Tasso« von Goethe

Man war zur Stadt und ins Theater gefahren, da ein kühl-trüber Nachmittag mitten in die Zeit stärkster Rosenglüte, flammend heißer Tage, überstark duftender Abende einbefallen war. Es wurde der »Tasso« gespielt. Im Nachhausefahren ließ man den Wagen aufschlagen. Noch tropften die Zweige, aber der feuchten Kühle mischten sich, wie man ohne Ende an Gärten und Gärten vorbeikam, Ströme lauerer Luft, hauchender Duft von offenen Rosen und der starke Duft der Rainweide; auch drang an einer Stelle des Himmels ein gelblich schwacher Schein vom Mond hervor. Die zwei Frauen und zwei Männer in dem bequemen, ruhig dahinrollenden Landauer sprachen wenig, sie waren Freunde, das eine Paar bei dem anderen zu Gast, und fanden sonst in sich und dem Leben der Welt, an dem sie alle vier einen lebhaften Anteil hatten, unerschöpflichen Stoff des Gesprächs. Aber man hatte – und jeder von den vier zum erstenmal im Leben – den »Tasso« gesehen, man hatte Kainz den Tasso spielen sehen, und die Phantasie, für vierthalb Stunden überstark gefesselt, konnte sich von diesen Bildern weder entfernen noch sich ihrer durch Worte entladen. Wie ein zu starker Schein quälend im Auge nachfunkelt, brachte in diesen vier so verschiedenen Menschen der innere Sinn immer wieder das Nachbild der Töne und Gebärden hervor, in denen geistige Qualen sich hier, geisterhaft verkörpert, allen äußeren Sinnen preisgegeben hatten. Der Mann, der dies vermocht hatte, erschien geheimnisvoll und beunruhigend. Das Dichterwerk selbst, das scheinbar wohlgekannte, hatte eine drohende und spannende Miene angenommen. Man war aufgewühlt, in einer Spannung, die anfing zu quälen, weil sie kein Ziel mehr hatte, man war bereichert und zugleich verstört. Das Unfaßliche jeder solchen Leistung, das Unfaßliche auch jedes geschaffenen Werkes war in eine ungewohnte Nähe gerückt.

Einzelne Momente, das blitzhafte Durchbrechen der nackten Seele in gewissen Gebärden, hörten nicht auf, sich im Gedächtnis zu wiederholen: die Handbewegung, mit der er Antonio nach der scheinbaren Versöhnung – Tasso nun entschlossen, sich zu verstellen, zu scheinen, zu trügen wie jene – zum Sitzen einlädt; die unvergleichliche Wahrheit des Selbstgesprächs, die so sehr als der natürliche Zustand dieses Menschen erscheint, aus dem seiner Seele Inhalt heraustritt, daß fast der wiederaufgenommene Dialog als das Fremde, Befremdliche gefühlt wird, neben jenem schleierlosen Hintaumeln der gehetzten Seele; das Darbieten der eigenen Hand, das Ergreifen der Hand des anderen, endlich der unglaubliche Abschied von jenen, die ihn nicht mehr hören, und darauf dag unglaubliche Niederbrechen.

Man stieg schweigend aus dem Wagen, setzte sich zu Tisch und redete während des kurzen Nachtmahls von belanglosen Dingen. Erst bei den Früchten wandte sich die Unterhaltung auf »Tasso« zurück, indem die Hausfrau ziemlich unvermittelt sagte: »Ich weiß nicht, ob hier nicht eigentlich etwas Undarstellbares dargestellt ist.« – »Wie meinst du das?« fragte ihr Mann, der Dichter. »Möchtest du dich nicht etwas erklären?« – »Ich meine es so«, sagte sie: »Dadurch, daß hier Goethe es versucht hat, Menschen der guten Gesellschaft, und gerade insofern sie Menschen der Gesellschaft sind, zum Gegenstand eines Stückes zu machen, dadurch ist etwas Erzwungenes entstanden oder etwas zur Hälfte Unwahres.« – »Warum denn? Inwiefern denn?« fragte wieder der Dichter, indes der Major aufmerksam von seinen Himbeeren aufsah und die Baronin mit einem leichten Nicken der Hausfrau, erratend oder verstehend, zu Hilfe kam. »Darum, vielleicht, weil Menschen der Gesellschaft sich heutzutage, wenigstens neunundneunzig unter hundert von ihnen, weder so zu durchschauen, noch so auszudrücken vermögen, was in ihnen vorgeht?« – »Er meint,« warf die Baronin hinein, »wenigstens die Frauen vermöchten es gewiß nicht.« – »Nein,« sagte die Hausfrau lebhaft, »ob nicht können oder nicht wollen, weiß ich nicht, aber die Anlässe zu dem meisten, was hier gesagt wird, würden in wirklich guter Gesellschaft vermieden werden, weggeräumt, bevor die Nötigung sich zeigte, alles durch viel Reden gut oder eigentlich schlimm und schlimmer zu machen.«– »Da treffen Sie gerade etwas,« sagte der Major, »was mich in den neueren bürgerlichen Dramen immer so ärgert und ungeduldig macht, daß ich sie meistens kaum zu Ende hören kann: Da scheinen mir alle Vorgänge und Konflikte, von Szene zu Szene, recht eigentlich nur dadurch herbeigeführt, daß sich die Leute in einer unmöglichen Weise betragen und die denkbar schlechteste Manier an den Tag legen. Mit dem bescheidensten Aufwand an natürlichem Takt, an notdürftiger Zurückhaltung und so viel Respekt vor sich und vor anderen, als auch bei sehr einfachen Menschen im Leben recht häufig ist, würden die meisten dieser Zusammenstöße und Verwicklungen vermieden und das Ganze in sich zusammenfallen.«– »Aber hier,« sagte der Hausherr beinahe ungeduldig, »hier weiß ich wirklich nicht, was ihr beide wollt. Ist nicht im Gegenteil in diesem Stück gerade das, was das Zusammenleben einer Gruppe geistiger und kultivierter Menschen bestimmt und regiert, in einer unvergleichlichen Weise nicht gesagt, sondern gezeigt? Wie wahr ist der Zustand vergegenwärtigt, der sich einstellen muß, wenn ein älterer Freund nach langer Abwesenheit zurückkehrt und seinen Platz von einem Neuen, Jüngeren besetzt findet. Wie drückt sich uns gleich durch die ersten Wechselreden nach Antonios Kommen das Peinliche, kaum Haltbare dieses Zustandes ein, wie empfinden wir mit der Prinzessin, die schon ganz gequält dasitzt und sogleich alles tun möchte ...« – Bei der Erwähnung der Prinzessin verzog die Hausfrau ein wenig ihr Gesicht, und die Baronin lächelte. Der Dichter aber schien es nicht zu bemerken und fuhr fort: »Wie wunderbar fein ist diese Führung, daß die Sanvitale eigennützig alles verwirrt und niemand ihr das Spiel aufdeckt, weil jeder zu sehr mit sich und der Figur, die er macht, beschäftigt ist, wie unvergleichlich dieser Zug, daß Antonio die nicht ganz reine Situation und das an Tasso Tadelnswerte, Verführerhafte sogleich und besser durchschaut als die Beteiligten selbst. Wie wirkt in diesem Ganzen Gewicht gegen Gewicht, wie ist das Treibende und das Retardierende so einzig aus diesen Seelen herausgeholt und so unlöslich verzahnt, daß man immerfort zu ruhen und tief in Menschen hineinzublicken vermeint und dabei doch so lautlos als jäh vom Strom eines unaufhaltsamen Geschehens mitgerissen wird.« Es schien, er wollte noch weitersprechen, aber der Major, mit der Andeutung eines Lächelns in der Stimme, sagte ohne aufzusehen: »Es scheint, die Damen haben etwas gegen die beiden weiblichen Figuren auf dem Herzen, oder besonders gegen die Prinzessin.« – »Ja,« sagte entschlossen die Hausfrau und wurde für einen Augenblick rot, »ich mag sie nicht. Wie sie über ihre Leiden und ihr verpfuschtes Leben klagt, ist sie mir erträglich, aber auch nur erträglich, eben wie eine Kranke, und lange nicht sympathisch. Sonst aber würde ich sie zu denen rechnen, denen ich in einem Salon auf zwanzig Schritte ausweichen wollte, und da ich sie hier immerfort anhören oder von ihr sprechen hören muß, so verdirbt sie mir das halbe Stück. Wie sie zu dem verliebten Tasso redet, ist nicht angenehm; wie sie aber über ihn redet, das ist einfach abscheulich.

Ich trieb den Jüngling an; er gab sich ganz;
wie schön, wie warm ergab er ganz sich mir!

Was für ein Ton! Eine gouvernantenhafte, schöngeistige Hoheit. Ich habe diese zwei Zeilen immer so gehaßt, daß ich sie in meinem Goethe mit dem Radiermesser auskratzen möchte.« – »Dafür kannst du sie aber auswendig«, sagte ihr Mann, doch fuhr sie gleich fort: »Und dabei weiß ich nicht, was sie will. Die Sanvitale ist auch unglaublich unsympathisch, aber die weiß wenigstens, was sie will, solche Frauen gibt's und hat's immer gegeben, so stell' ich mir die Fürstin W. vor, eine solche Frau war die Sophie L.; Frauen, die eine Position und einen recht guten Mann und ein Haus voll Kinder haben und noch dazu einen Dichter oder sonstigen großen Mann hinter sich herschleppen müssen; kaltherzig ist. sie, mesquine, intrigant und taktlos, daß man für sie rot werden möchte, aber sie weiß, was sie will. Die Prinzessin aber, ja was glaubt die eigentlich? Was will sie, und was will sie nicht? Den Leuten Kränze aufsetzen und ihnen halbverdeckte Erklärungen machen und dann:

Nicht weiter, Tasso! Viele Dinge gibt's,
die man mit Leidenschaft ergreifen darf;
doch andre können nur durch Mäßigung
und durch Entbehren unser werden:
So, sagt man, sei die Liebe, das bedenke wohl.

Das soll goutieren, wer will. Ich mag sie nicht. Ich mag sie nicht.«

Die anderen lachten etwas, und die junge Frau wurde nun ganz rot, und es verging nicht so schnell wieder. Aber sie hatte noch etwas zu sagen: »Und dabei glaube ich, daß Goethe eine schöne Gestalt machen wollte, keine unsympathische Hoheit. Ich glaube, es hätte eine solche in sich ruhende Frau werden sollen, deren scheinbare Einfachheit eigentlich ein mit der zartesten Haltung ertragener innerer Reichtum ist, eine von unglaublicher Feinfühligkeit beherrschte Kompliziertheit. Ich meine eine Figur wie die Stiftsdame, von der die ›Bekenntnisse der schönen Seele‹ sind, oder wie die Ottilie in den ›Wahlverwandtschaften‹. Aber für eine solche Durchsichtigkeit ist wahrscheinlich in einem Drama kein Platz, und weil im Drama die Figuren sich nur durch Reden zeigen können, nicht durch stilles Dasein und lautloses Reflektieren der Welt in ihrem durchscheinenden Innern, so hat ihn hier, denk' ich, das Metier gezwungen, die schönste Figur zu verderben, indem er sie über sich reden und deklamieren läßt, wo es ihre Sache wäre, sowohl als große Dame wie als eine schöne Seele, gerade nicht zu reden, schweigend, sich effacierend zu wirken und zu leiden. Das habe ich gemeint, wie ich früher sagte, er scheint mir hier etwas Undarstellbares darzustellen. Deswegen geht mir auch nur die Figur des Tasso nahe, und den stellt er ja auch gleich heraus, indem er ihm den Kranz aufsetzen läßt. Dadurch ist er kostümiert, und die anderen werden alle seine Zuseher, er aber ist in seinem Element, wenn er sich und anderen eine unheimliche, die Seelen aufwühlende Komödie vorspielt, und so ist er freilich die herrlichste Aufgabe für einen großen Schauspieler. Denn ich glaube, nichts ist auf der Bühne so schön, als wenn einer einen spielt, der sich selber ›spielt‹, wenn nämlich die Figur der Mühe wert ist.«

So blieb die Prinzessin unverteidigt, die beiden Frauen standen dann auf, wollten noch in den oberen Zimmern die drei Kinder schlafen sehen, indessen die beiden Männer ins Bücherzimmer gingen. »Wie durchaus die Frauen am Stofflichen kleben«, sagte der Major auf dem Weg dahin. »Ich habe gesehen, meine Frau war ganz der Ansicht der deinigen, und sie behandelte die beiden weiblichen Gestalten völlig als zwei Damen unserer Gesellschaft, gegen die sie Front machen wollten.« – »Das ist schließlich ganz gut,« antwortete der Dichter, »so hängt doch die ganze Geschichte nicht gar so in der Luft. Die Leute, die ein Ganzes genießen, sind gar selten.« – »Ich kann sagen,« gab der Major zurück, »ich habe heute das Ganze dieses Dramas in hohem Maße genossen, und zwar zum erstenmal, obwohl ich das Gedicht seit meiner Kadettenzeit mehrmals in der Hand gehabt habe, das letztemal sogar seltsamerweise während der großen Manöver von 1902, da ich auf einem Schloß in der Lausitz in dem Zimmer, worin ich einquartiert war, das Buch fand und zufällig, während eines gezwungen untätigen Nachmittags, ganz durchlas. Diese früheren Male war es aber doch immer der fabelhafte innere Reichtum in den einzelnen Reden, der mich berauschte, aber heute ist mir zum erstenmal das Verhältnis des Antonio zu Tasso wirklich aufgegangen, und damit auch der Sturz des Ganzen dem Ende zu. Ich weiß nicht, was die Leute wollen, die das nicht dramatisch nennen. Und ich habe es früher selbst nachgeredet.« – »Weil es Goethes Drama ist,« fiel der Dichter lebhaft ein, »und nicht Shakespeares Drama, das ist alles. Wenn man nur endlich aufhören wollte, vom Drama im allgemeinen zu sprechen.«

Es trat ein Schweigen ein. Der Major rauchte, der Dichter sah erst nach dem Barometer, dann am offenen Fenster nach dem nächtlichen Himmel, dessen Miene ungewiß war. Von unten rauschte die große Linde und ließ noch einzelne große Tropfen fallen, in einem oberen Zimmer hörte man die zwei Frauen leise reden. Der Dichter trat aus dem Fenster in den Schein der Lampe zurück. »Es bleibt ein unergründliches Werk,« sagte er, »man kann darum herumgehen wie um einen allerbesten griechischen Torso, wie ihrer ein paar in Neapel in dem Saal der Psyche stehen, und man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Man geht nach Haus, man meint, einen solchen Marmorleib zu kennen, man tritt den nächsten Morgen wieder davor hin, und es fährt einem das Staunen aufs neue wie im Schrecken durch die Glieder. Das Gedächtnis war nicht stark genug, dies Ineinander von Grandiosem und Blühendem, von Selbstverständlichem und Unfaßlichem irgendwie in sich zu bewahren. Eigentlich wird man einem solchen Gebilde nur in dem Augenblicke gerecht, wo man davor steht: aber ums Gerechtwerden handelt sich's ja gar nicht, kaum ums Begreifen, sondern um ein höchstes Genießen, und das ist flüchtig wie der Blitz, ist ein zuckendes Ahnen, flüchtigste Intuition, ist ein raumloses, zeitloses: Ich hab's gefühlt! So war's mir heute, während dieser Aufführung. Dieser grandiose Wille der Durchführung, diese nirgends erschlaffende Bezogenheit aller Teile und dabei dieses blühende Leben des Augenblicks in jedem Vers. Dieses Nieverlassen einer geheimnisvoll gefundenen Distanz, und zugleich dieses Vibrieren, dieses Wechseln der Spannung im Vordersten. Genau so ist einem zumute wie dort vor dem alten, von Leben starrenden und doch dem niedrigen Leben so fernen Marmor. Man staunt von Vers zu Vers, wie dort von Form zu Form; die Übergänge sind es, die man am tiefsten bewundern möchte: da erkennt man, daß alles Übergang ist, alles fließende Bewegung, alles zugleich Weg und Ziel, Streben und Ruhepunkt. – Und die Gestalten, sie sind ja mehr, sind etwas anderes als Gestalten. Hier ist eine andere Welt als die Welt Shakespeares. Hier ist, was dort aus den Figuren heraustritt, als ein tatsächliches Tun, in sie hineingenommen als ein stets mögliches Tun, ein formgewordenes Tun. Tasso und Antonio: ja sie sind einander bis zur Auflösung gefährlich, indem sie bloß da sind. Sie sind jeder ein grenzenloser Zustand, wie Werther der grenzenlose Zustand der Jugend ist. Denn ich rechne auch den Werther zu Goethes Dramen, vor allem aber die ›Wahlverwandtschaften‹. Wir sehen etwas sich vollziehen, was nicht aufzuhalten ist. Das Ereignis selbst, durch das scheinbar alles ins Rollen kommt, ist belanglos, ja es ist wesenlos, ist bloßer Augentrug, wie die Form des Springbrunnens, die Form der Welle. Wie die Welle nichts ist als das Sichtbarwerden von Bewegendem und Widerstehendem, darum. wenn sie zusammensinkt, sich immer wieder erneut und einfach nicht fortzuräumen ist, so geht es hier. Versöhnt, unversöhnt, begütigt, gereizt, immer gleich stehen sich die beiden gegenüber: in ihnen steht für uns die Widersinnigkeit der Welt zu schmerzlichem Genuß. Wir sehen es schon längst vollzogen, sehen es immer aufs neue bereit, sich zu vollziehen. Das Geschehen wird symbolisch. Wir erkennen die Signatur von Menschen. Eigentlich geschieht nichts. Es entschleiert sich etwas. Und nicht etwas, das einmal geschehen ist, sondern ein unabänderliches Verhältnis.«

»Daß man es erträgt«, sagte der Major. »Daß es einen nicht erstarren macht!«

»Das«, erwiderte der andere, »ist wohl das Geheimnis dessen, der es gemacht hat, sein ganz persönliches Geheimnis.«

Seit jenem »Tasso«-Abend, da man zur Stadt gefahren war, den unvergleichlichen Darsteller dieser heiklen Rolle zu genießen, und sich nachher so lebhaft als ohne Prätension über das Stück unterhalten hatte, waren mehrere Wochen, ja, es war der größte Teil des Sommers hingegangen, längst waren von dem Major und seiner Gattin freundliche, wenn auch kurze Briefe aus einem norddeutschen Landsitz eingetroffen, die Gastzimmer des ländlichen Hauses waren verschlossen, die Rosen lange abgeblüht und mit ihnen jene so nahe Zeit freundlichen Zusammenseins in die unfaßliche Ferne alles Gewesenen gerückt, da lag eines Tages auf dem Frühstückstisch nebst den Zeitschriften und verschiedenen Briefen ein etwas größeres Kuvert, das den Stempel vom Landgut des Majors trug, dessen Aufschrift aber in ungewohnter Maschinenschrift zunächst fremd anmutete. Es enthielt keinen Brief, sondern nur auf dünnem Papier, gleichfalls in typierter Schrift, ein kleines Manuskript, das in nachfolgendem ohne Veränderung mitgeteilt wird.

Die Prinzessin

Schmerzlich wandeln solche Gestalten zwischen den Lebenden hindurch; wo für alle Raum ist, für sie scheint kein Platz berechnet, und noch ihrem Schattenbild begegnet man nicht freundlich, nicht gerecht; und doch hat der Tätige seinen Platz wie der Kluge, der Leichtfertige wie der Genußsüchtige; ja, dem Traurigen sogar ist Raum gelassen und dem Verbitterten, der quälend für Qualen sich entschädigt; sie alle setzen den Fuß auf die Erde als Berechtigte, nicht als Schatten.

Die arme Prinzessin! Sie ist nicht stark und lieblich, wie Dorothea, nicht lieblich in der Schwäche, wie Ottilie – womit soll sie die Herzen gewinnen? Zu dienen ist ihr versagt, und wodurch insinuiert sich schöner die Frau, als wenn sie dient. Sie ist da, und wenige wissen, wie ihr ums Herz ist, wenige wollen's wissen. Ein kaum erträglicher Zustand ist der ihre, und er ist bleibend, und sie trägt ihn; wie schön, wie vornehm trägt sie ihn. Jenes schmerzlichster Erfahrung abgewonnene: »Glissez mortels, n'appuiez pas« hat sie sich ganz zu eigen gemacht; die ganze Welt ist ihr durch Entsagung zu eigen geworden. Hier ist, heraufgenährt von frühen steten geistigen Schmerzen, in einer Mädchenbrust die seltsame Ruhe, die gestillte, alles durchschauende Sympathie, die wir in der Brust alter weiser Männer ahnen. Ja, hier ist das Spiegelbild der ganzen Welt, gereinigt, gebadet wie in einem stillen See, hier ist Liebesmöglichkeit ohne Grenzen, allseitig verströmend – und kaum mehr ein leiser Wunsch. Was sie wünschen könnte, ist ihr verwehrt; wohin ihr Verlangen blicken könnte, da liegt wie ein Schatten, den zu betreten tödlich ist, die Ahnung. In ihr bewegt sich die Welt, die sich vor ihren Augen bewegt; durchscheinend ist ihr Wesen, durch sie hindurch sehen wir den Bruder, die Mutter, die Schwester, den Freund, und sehen sie reiner umrissen, schöner verklärt, als wir mit eigenem Aug' sie erblicken könnten. Aber um welchen Preis ist diese Durchsichtigkeit erkauft! Wie dauernde Leiden, lautlos verflochten Schmerz in Schmerz, haben diesem Blick seine Tiefe gegeben. »Wohl ist sie schön, die Welt« – wie rührend kommt's aus diesem Mund. Daß Schmerzen gut und heilsam sind – sie weiß es voraus, die trübste Erkenntnis ist ihr vertraut; daß Glück nicht dauert, sie hat es längst gewußt, es ist in ihr zu jeder Stunde. Und muß nicht ein solches Wesen noch von fast jedem verkannt werden? Vorausnehmend den Gang der Welt ist sie gebannt und gebunden; wo andere den Schein von Möglichkeit sehen, sich regen und bewegen, sieht sie das Unvermeidliche und erstarrt. Here there is a kind of moral sexlessness, an ineffectual wholeness of nature, yet with a divine beauty and significance of its own. An ineffectual wholeness of nature – eine Ganzheit, eine Geschlossenheit des Wesens, worin das Strebende, das Wirkende aufgehoben erscheint – aber die Natur liebt nicht, daß Wirkendes ruhe, und dennoch ruft sie auch solche Geschöpfe hervor, hält sie im Leben – und straft sie, indem sie sie erhöht. Man hört soviel von Einfachheit reden, zur Einfachheit wollen alle Eltern ihre Kinder erziehen, aber wie selten gibt man sich Rechenschaft, was für ein äußerster, was für ein bedenklicher Zustand die vollendete Einfachheit ist. Sie ist determinierte Vornehmheit; sie ist Verzicht auf jedes Trachten; neben ihr erscheint leicht jeder, der etwas tut und etwas sucht, als ein Aventurier oder ein Snob; es liegt ein Triumph des ganzen Wesens, ein Triumph guter Rasse darin – aber ein gefährlicher, leicht ein bedauernswerter Triumph.

Dennoch ist sie keine Dulderin; und wie sie das Leben trägt, ist unendlich mehr als bloßes Ertragen. Sie scheint kaum sich selber aufrecht zu halten, aber es ist mehr geheime Stärke in ihr, als man ahnt, und im geheimen dient auch sie an einem Altar. Mädchen waren jene dort in Rom, die Hochgeehrten, Hartbedrohten, denen das heilige Feuer vertraut war. Hier ist auch ein Mädchen, einsamer als jene, nicht von strengen, finsteren Gesetzen gebunden, aber gebunden dennoch im tiefsten Kern von Gesetzen, die die eigene Natur ihr gibt. Aus Unbewußtheit strömen auch ihr die tiefen Kräfte; die tiefen, reinen Quellen, aus Schmerzen hervorgebrochen, versagen sich ihr nicht. Das heilige Feuer, das sie hütet, hat keinen Namen, und dennoch ist das Höchste dieser Menschen daran geknüpft, daß es nicht verlösche, wie dort an jene Flamme das Schicksal der mächtigen Stadt. Keine Liktoren gehen vor dieser Vestalin; aber es fühlen alle, wer sie ist, und einmal wird es ausgesprochen, und Antonio spricht es aus. »Wenn unser Blick was Ungeheures sieht« ... Wer hat nicht einen liberal denkenden Oheim, einen vorurteilslosen Freund, einen tüchtigen Hofmeister sich maßlos über diese Höflingsworte ergehen gehört. Das Ungeheure! Weil einer gewagt, eine Fürstin an sich zu drücken. Ja, ein Hof ist gar wenig und eine Fürstin nur ein Weib – aber hier, hier ist ja etwas Ungeheures geschehen, und Antonio hat recht, und ich fühle Goethe an dieser Stelle wie an jeder schönsten, und ich verstehe ihn.

So wird sie leicht verkannt, und verkannt um ihretwillen, wer sie ganz erkennt und es ausspricht, und die menschliche Ehrfurcht für Dienerei eines Höflings genommen. Es scheint, als hätte für solche Wesen die Welt keinen Platz – und wäre die Welt nicht unendlich ärmer, wenn es niemals ein solches Wesen gäbe?

 

So endete das kleine Manuskript, das die Frau über die Schulter des Mannes mitlas und das noch Anlaß zum folgenden Gespräch wurde:

Er: Von welchem von beiden mag das sein?

Sie: Für mich ist es ausgemacht, daß es von Helene ist.

Er: Und für mich ist es so gut wie ausgemacht, daß es von dem Major herrührt. Und ich möchte sogar für möglich halten, daß seine Frau gar nichts davon weiß, daß er dies aufgeschrieben hat, denn seine Scheu ist ebenso groß als seine Zartheit im Denken und Empfinden, und eben an dieser Zartheit erkenne ich ihn hier. Es ist freilich nicht seine gewöhnliche Ausdrucksweise, aber es könnte sie sein.

Sie: Aber Helenens Ausdrucksweise ist es – freilich nicht ganz wieder. Laß sehen. Sicher, es ist eine Ähnlichkeit mit ihren Briefen darin, freilich auch wieder ein Unterschied, gewisse Worte, die sie in einem vertraulichen Brief nicht schreiben würde, aber kein größerer Unterschied als zwischen einem Hauskleid und einem Abendkleid. Für jede andere Frau erschiene es mir zu gut geschrieben, aber zu Helene paßt das, es paßt auch zu ihr, daß sie es so unpersönlich herschickt und vielleicht nie mehr darauf zurückkommt.

Er: Gerade das paßt mir zu ihm.

Sie: Sie sind ja in manchem ähnlich. Ist es nicht merkwürdig, daß sie zum Beispiel so ähnliche Handschriften haben, auf den ersten Blick wenigstens?

Er: Vor allem kann es ja gar nicht von Helene sein aus dem einfachsten, unbezweifelbarsten Grunde: weil sie damals ganz auf deiner Seite war, als du über die Prinzessin loszogst. Ich sehe ihr Lächeln vor mir, mit dem sie dir Mut machte, immer mehr zu sagen –

Sie: Wer sagt dir, daß sie mir da recht gab? Ihr Lächeln ist das undurchsichtigste und vieldeutigste von der Welt. Sie mag damals ebensogut gegen mich gelächelt haben als für mich. Ich erinnere mich sogar genau, daß ich eher das Gefühl hatte, daß sie das ablehnte, was ich sagte. Aber wir haben nachher gleich von lauter anderen Dingen gesprochen.

Er: Dennoch ist es von ihm, das versichert mich ein deutliches Gefühl.

Sie: Und ich, wie ich jetzt noch einmal hineingesehen habe, bin unerschütterlich sicher, daß Helene das geschrieben hat. Erstens wegen des englischen Zitats. Genau so schreibt sie in ihren Briefen manchmal ohne Übergang etwas sehr gescheites Englisches hin, und man weiß nicht, wo es her ist. Ich glaube aber, das sind ihre eigenen Gedanken, denn sie hat mir selbst gesagt, daß sie manchmal englisch denkt, von den drei Jahren her, die sie als ganz junges Mädchen in England verbracht hat.

Er: Aber das ist nicht ihr Stil, das ist nicht die Art einer Frau, sich auszudrücken. »Wodurch insinuiert sich schöner die Frau, als wenn sie dient« – das schreibt keine Frau. Das ist so richtig und zugleich so kühl, fast ein wenig ironisch, aus so großer Distanz –

Sie: Und gerade darum ist das Helene, gerade hier sehe ich ihr Profil und sehe ihren Mund. Wenn ich mich nur halb so gut ausdrücken könnte, als ich es deutlich fühle: dieses leise Distanzierende gegenüber dem allgemein Frauenhaften – und auch das Fremdwort; wir gebrauchen ja alle ziemlich viel Fremdwörter, aber solche seltene strenge Worte, wie alte Offiziere oder Gelehrte sie haben – das ist sie, und es macht einen so guten Kontrast mit dem hübschesten Mund und dem reizendsten Kinn von der Welt, das sie hat.

Er: Schließlich, wenn du gar so beharrst, so kann ja sein, daß sie die Schreiberin ist. Auf jeden Fall, daß sie recht haben in dem, wie sie die Figur sehen, das fühlt man ja im Moment, wo es ausgesprochen ist, und du wirst versuchen müssen, die Prinzessin jetzt auch mit Liebe zu sehen. Denn so hübsch es ist, wenn man offen sagt, wie man's findet und sieht, so schrecklich ist ein starres Beharren nach der trotzigen, kindischen Seite hin.

Sie: Ich will's versuchen. Aber die Sanvitale wenigstens, die gern zu haben, dazu wird mich niemand bringen.








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