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Unter vier Augen

Julius Stettenheim: Unter vier Augen - Kapitel 1
Quellenangabe
typesatire
booktitleUnter vier Augen
authorJulius Stettenheim
year1885
firstpub1885
publisherVerlag von Wilhelm Friedrich
addressBerlin und Leipzig
titleUnter vier Augen
pages136
created20090312
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bei dem König Kalakaua.

»In zwanzig Minuten will Se. Majestät Sie empfangen.«

Der Portier des Hôtel de Rome sagte mir dies, als ich im Privatbureau wartend saß. Es war ihm gewiß nicht an der Wiege vorgesungen worden, daß ich in seinem Hôtel eines schönen Julitages dieses Jahres den Beherrscher der Sandwichsinseln interviewen würde.

Der König regierte noch sein opulentes Frühstück im oberen Privatsalon, und ich mußte im Empfangzimmer warten. Hier plauderte der Secretär Judd so zwanglos mit mir, daß er ganz entzückt von sich war.

Plötzlich erschien eine ausgestreckte Hand, gefolgt von dem König. Wir setzten uns. Während dieser Zeit hatte ich Gelegenheit, den König genau zu betrachten. Ich bemerkte sofort an seinem 2 tiefbraunen Teint, daß ich keinen weißen König vor mir hatte. Auch deutete sein Anzug an, daß er nicht nackt war. Er trug Gehrock, Beinkleid und Lackstiefeletten genau da, wo wir dergleichen tragen, nicht etwa nur in der Hand. Außer einer winzig kleinen Uhrkette hatte er keine Ketten angelegt.

Ich redete ihn nicht in der hawaiischen Sprache an. Der Leser wird meine Zurückhaltung begreifen. Wir redeten englisch, wie gebildete Amerikaner.

Deutschland, so begann er, war für mich bisher eine terra incognita. Was mir der Kapellmeister unserer Militärmusik, der, wie Sie wissen, ein Deutscher ist, vorblasen ließ, war Alles, was ich bisher von Deutschland kannte. Das waren Walzer von Strauß. Wie erstaunt, wie freudig überrascht war ich daher, als ich, nach Deutschland kommend, kein Tanzvolk fand, sondern eine Nation, welche sich doch mit Anderem, als mit dem Arrangement von Quadrillen beschäftigte.

Majestät haben allerdings Recht! rief ich. Und lernten Majestät das Volk noch näher kennen?

Ich sah den Thiergarten, den Director des Krollschen Theaters, King-Fu und Andere. Daß King-Fu nicht strickte, fiel mir auf. Denn überall fand ich Damen, welche Strümpfe strickten. Wo kriegen die Damen so viel Beine her?

3 Da ich nicht gekommen war, um zu antworten, sondern um zu fragen, so fuhr ich fort: Und was haben Majestät sonst gesehen? Wie gefällt Ihnen unser Militär? Haben Majestät angenehme Erinnerungen aus England mitgenommen? Majestät wollen Ihr Reich colonisiren und demselben durch Einwanderung neue Kräfte zuführen? Wird in Ihren Schulen englisch gelehrt? Wie schmeckt Ew. Majestät die europäische Küche? Hat Ihr Land die englische Sonntagsfeier? Hat dasselbe außer Opium, Gilka, Cognac, Goldwasser, Kornbranntwein, Liqueur, Wachholder, Pomeranzen noch andere Spirituosen? Haben Sie ein Parlament? Sind Sie constitutionell? Essen Majestät gerne Käse? Wird bei Ihnen beim Rennen gewettet, oder beim Wetten gerannt?

Ja, antwortete der König, und um Ihnen gleich etliche Antworten zu geben, vor welche Sie die Fragen noch nicht gestellt haben, so versichere ich Ihnen: Ich bin ein leidenschaftlicher Jäger, ich schone Wildenten, Wachteln und Fasanen in der Brutzeit, ich habe das allgemeine Wahlrecht eingeführt, ich bin Soldat, ich schlafe manchmal schlecht, wir haben ein Obergericht, unsere Sauhatzen sind ganz vortrefflich, ich habe kein lenkbares Luftschiff erfunden, ich bin nicht links, ich habe keine Briefmarkensammlung, ich 4 habe Goethe's Faust nicht geschrieben und gedenke, bis an das Ende meiner Tage zu leben.

Der König erhob mich, riß meine Hand an sich und drückte sie. Augenscheinlich ist es auf den Sandwichsinseln Sitte, zum Abschied die Hand zu drücken. Und so war es auch. Er sagte: »Adieu!« Ich ließ ihn dies nicht zweimal sagen, sondern schritt unter meinen Verbeugungen zur Thür. Noch einmal blickte ich ihn an, noch nie hatte ich einen interviewten außereuropäischen König gesehen. Nachdem ich Se. Majestät von vorne betrachtet hatte, drehte er sich in der liebenswürdigsten Weise um, so daß ich ihn auch von hinten sehen konnte.

Auf der Treppe fiel mir, leider zu spät, ein, daß ich etliche Fragen zu stellen ganz vergessen hatte, daß ich ihn u. A. noch fragen wollte, wer eigentlich der Mann mit der eisernen Maske und wer die Dame mit dem Todtenkopf gewesen sei, und ob die Sandwichsinseln von den zierlichen Butterbrödchen, welche man Sandwichses nennt, den Namen haben: lauter Fragen, die ein zum Vergnügen reisender König doch gewiß gerne beantwortet.

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