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Unter Javas Tropensonne

Louis Couperus: Unter Javas Tropensonne - Kapitel 6
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authorLouis Couperius
titleUnter Javas Tropensonne
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
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translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
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V

Europäische Tatkraft – Große Hafenwerke – Ost und West – Die grandiose Natur – Chinesisches Theater

Wir sind heute von Medan nach Belawan zurückgefahren, um die neuen Hafenanlagen zu besichtigen. Ein schöner Weg zwischen Kokos und Pisang, die grün und gelb sind, wie immer in diesen Regenzeiten. Die Natur kommt wie aus einem nächtlichen Bade; die frühe Morgenstunde ist voller Schönheit und Seligkeit. Die Blätter der Bananen hängen noch schwer von Feuchtigkeit im Sonnenschein; der Strahlenglanz tropft förmlich von ihnen herab. Wie prächtig ist das junge Pisangblatt da drüben, durch das die Sonne hindurchscheint. Wie aus grünem, geschmolzenem Lack neigen sich die Kokosblätter samt der schweren Last der Nüsse über das Bambushäuschen mit dem »Atap-Dach« (Palmstrohdach). Unter dem reichen Blätterdach sitzt eine Nuß dicht neben der anderen. Chinesische Tepekong-Tempel wirken zierlich wie seine Chinoiserien mit ihrem Dachschmuck, ihren porzellanenen Drachen und Porzellanblumen, und die schwelenden Weihrauchkerzen senden in bläulichen Spiralen ihren Duft in die Lüfte. Am Wege entlang gedeiht üppig die Nipa, die Palme, deren Blätter vornehmlich zur Bedachung der Häuser dienen, und dann die schlanke, hohe Pinang-Palme. Der Aufsichtsbeamte in Laboehan – zwischen Belawan und Medan – soll mich nach Belawan weitergeleiten. Hier ist der »Kampong-Besar«, das große Dorf, und da wohnen die jungen Holländer, die das Baggerwerk für den neuen Hafen angelegt haben. Durch eingedeichtes Land – »Polders«, vertrautes holländisches Wort! – fahren wir über den Delifluß. Hier in der Nähe hat meine Frau gewohnt, als sie noch ein Kind von acht Jahren war, und ihr Vater gehörte zu den Beamten einer der allerersten Tabakunternehmungen – war beinahe noch Kulturpionier. Da gab es noch kein elegantes Medan, keine großartige Hauptstadt an der Ostküste von Sumatra. Damals drohte dem Holländer noch fortwährend Gefahr. Damals fielen hungrige Bataks über die ersten, mutig, ja, fast übermütig angelegten Plantagen her; hin und wieder wurde eine Pflanzerfamilie hingemordet; zuweilen schlich ein Tiger heran, der sich dann als ein in Tigerfell gehüllter Spion entpuppte, kurz: die Atmosphäre war durch und durch romantisch. Damals gab es hier nur den kleinen, armseligen Hafen, der verfallen ist und versandet...

*

Mittlerweile hat der europäische Einfluß sich durchgesetzt. Hier an den Ufern des Meeres ist der Urwald niedergelegt. Das Meer wimmelt von Fischerbooten, die schon in aller Frühe die Netze auswerfen. Ein chinesischer Knabe fährt mit geblähten, fahlgelben, herrlich bunt geflickten, viereckigen Segeln davon. Und drüben steigen die »Djermals« aus dem Wasser auf: das sind die Bambus-Wächterhäuschen der Fischer – Bambusdächer auf hohen Pfeilern, drum herum weite Gitter, zwischen denen sich Netze breiten. Weiter im Süden wohnen die Fischer noch in solchen pittoresken »Djermals«; da herrscht noch der Seeräuber – Räuber oder Fischer, wie es ihm gerade beliebt. Um ein paar Hände voll Reis schneidet er seinem Kameraden den Hals ab. Kein Fischerjunge ist vor dem andern sicher. Sie berauben einander, morden gar, wenn einer weiß, daß der andere von seiner Mutter etwas Geld bekommen hat, um an Land und auf den »Passar« zu gehen. Wer soll etwas dagegen tun? Diese Fischer sind Freibeuter und Piraten, die von ihrem Fischfang oder von ihrem Raube leben. Sie hausen in ihren »Djermals« und Sampans, die sich wie mit feiner Sepia gezeichnet in der noch feuchten Morgenstunde von dem silbernen Himmel abheben, dieweil ihre leichten Bambusdächer und die Bambuspfeiler unter grauweißen Wolken zitternd aus der perlgrauen See aufsteigen.

»Ozeanhafen« soll der großartige Name dieses großartigen Werks lauten, dessen Vollendung nahe bevorsteht. Tausend Meter lang soll die Kaimauer werden, und dieser Hafen wird einen größeren Tiefgang haben als der von Rotterdam. Vierundzwanzig schwimmende Caissons sollen gebaut werden. Zwölf sind bereits fertig. Sobald die Caissons schwimmbereit sind, werden sie an das Baugerüst herangeführt, um Fundamentierungsarbeiten unter Wasser zu ermöglichen. Das alles wurde, insbesondere während des Krieges, aus eigenen Mitteln geschaffen. Auch eine Baggermühle wurde hier errichtet. Jetzt kann wieder viel Material aus Holland bestellt werden. In einer hölzernen Kiste wird der Beton unter das Wasser gestürzt, darauf wird der Caisson »ausgekleidet«, dann die Kiste entfernt. Während der Kriegszeit kam das bestellte eiserne Flechtwerk als ein Haufen Alteisen an – eine Photographie gibt eine beinahe humoristische Vorstellung davon. Eine sofortige Kontrolle war ganz unmöglich, und erst nachher stellte sich heraus, daß hundert Tonnen fehlten; das bedeutete einen Schaden von 40 000 Gulden, aber eine solche »Bagatelle« spielt bei einem derart großzügigen Unternehmen gar keine Rolle ...

Ein großzügiges Unternehmen. Ein Unternehmen von Europäern. In dieser Beziehung muß man den Europäer im fernen Osten wirklich bewundern. Er arbeitet, arbeitet unermüdlich. Seine Arbeit ist staunenerregend. Er läßt nicht nach. Er ist voller Ausdauer. Das Klima, sein größter Feind, erleichtert ihm nichts, wirft ihn vielmehr in Fieberschauern nieder und untergräbt langsam seine Gesundheit. Aber es scheint ihn auch noch in ein ganz besonderes, anderes Fieber zu stürzen: in das Arbeitsfieber. Kein Eingeborener wäre jemals auf den Gedanken gekommen, in Belawan einen Hafen zu bauen, ebensowenig wie es jemals einem Eingeborenen eingefallen wäre, Tabakfabriken oder Kautschukplantagen ins Leben zu rufen. Mir will es sogar scheinen, als schauten diese Eingeborenen, die Malaien und Batakker, all diese europäischen Bestrebungen und Mühen in tiefster Seele stillächelnd als unfaßbare Rätsel an. Gewiß, diese Ostindier sind keine Chinesen, auch keine Japaner, in denen wieder eine ganz andere Seele schlummert oder erwacht. Doch hier in Deli, in diesem Klima, an dieser Küste, die vor fünfzig Jahren noch »Rimboe« war, lebt in den Eingeborenen eine uralte Kultur, eine fast überfeinerte Kultur, die bis in fabelhafte Zeiten der Vergangenheit zurückreicht. Diese Vergangenheit stand niemals im Zeichen der Arbeit, vielmehr im Zeichen der Beschaulichkeit, des Sichversenkens in die mächtige Natur. Wir werden das später noch klarer erkennen, wenn wir die alten, vielleicht vorhindostanischen Einsiedeleien und Grotten und Heiligtümer besuchen, die ganz primitiv aus dem Tuffstein herausgehauen sind und uns Europäern wiederum als neue Rätsel erscheinen werden. So abgrundtief und weit wie der Ozean ist der unüberbrückbare Unterschied der Rassen, wenn auch unsere Erde nur klein ist ...

*

Es scheint vielleicht seltsam, daß ich, nachdem man mich erst so gewissenhaft durch die Hafenwerke von Belawan geführt hat, nun eine so weit abschweifende Betrachtung anstelle. Allein diese ostindische Atmosphäre zwingt einen zur Beschaulichkeit und zugleich zu einer leisen Melancholie. Die Natur ist hier überwältigend: sie lastet hier förmlich auf empfindsamen Seelen. »Großartig« und »majestätisch« sind die Epitheta, die diese Natur einst gekennzeichnet haben. Sie sind banal geworden, diese beiden Worte, die der erste beste Beschauer, Zeichner, Schilderer dieser Berge, dieser Seen, dieser Vegetation allsobald vor sich hingesprochen hat. Aber es wäre töricht und preziös, wollte man nach anderen Worten suchen. Wie gern ich auch meiner Darstellung ein ganz frisches, neues Wort einfügte: ich finde keine anderen als die, die tausend andere vor mir schon gefunden haben: »großartig« und »majestätisch«. Und diese Majestät, dieses Große lastet auf der Seele und gemahnt den Menschen an seine menschliche Nichtigkeit und weckt in ihm jene unüberwindliche Melancholie.

Sie ist wie ein Raubvogel, der stets das Haupt des Menschen umschwebt. So umschwebt sie ihn zu allen Stunden. Wenn man sehr früh aufsteht – was man immer tut, denn hinter dem Bettvorhang aus Tüll oder im Zimmer hält man es nicht lange aus, wenn man aufgewacht ist, selbst dann nicht, wenn es noch ganz dunkel ist, erst fünf Uhr –, dann erfüllt einen diese Melancholie schon in der noch dunklen Morgendämmerstunde. Stärker überkommt sie einen sicherlich in diesen feuchtwarmen Regenmonaten, als in den Tagen langanhaltender Trockenheit. Morgen und Mittag können voll strahlender Kraft sein und den Menschen mit Glück und Schönheit erfüllen – doch in dieser Jahreszeit senkt sich die Dämmerung bereits bald nach Mittag, gegen vier Uhr, herab. Über den dunklen Himmel wogen, gefüllten Segeln gleich, die Regenwolken, aus denen sich bald die dunkle Sturzflut ergießen soll. Die elektrischen Lampen in dem großen Haus flammen hier und da auf wie Irrlichtchen. Es schwebt etwas um uns, aber keiner vermag zu sagen, was es ist, das uns umschwebt. Ist es etwas Feindseliges, ist es nur etwas Wehmütiges? Es ist etwas Großartiges und Düsteres zugleich. Es kommt von fern, und es dringt aus dem feuchten Boden. Es ist vielleicht Dunst und Nebel, aber es ist auch voller Geheimnis, und man fühlt, wie es auf Hirn und Seele, auf Gemüt und Gedanken lastet.

Dort drüben in dem dunklen Garten läßt ein »Soeling«, eine Flöte, wehmütige Töne erklingen: eine schmerzvolle, halb spöttische, halb verliebt-melancholische Weise. Seltsame langbeinige Heuschrecken jagen einander durch die vorderen Hallen. Kleine Eidechsen irren an Wänden oder Decke entlang und schnappen einander behende die Fliegen weg. Die große Kröte kriecht herbei und verkündet von neuem: »Mehr Regen!« Draußen quaken die Frösche, trillern die Zikaden, lassen die Grillen in endlosem Abendkonzert ihre Stimme ertönen. Jetzt braust es mächtiger auf. Was sind das doch für Tausende von Geräuschen? Welche anderen Flöten, welche anderen Tiere noch als jene, die ich nannte, stimmen mit ein? Man möchte sich irgendwo in einem stillen Winkel niederlassen, die Hände falten, nichts mehr denken, nichts mehr fragen und nur still und fromm vor sich hinmurmeln: »Herr Gott, dein Wille geschehe ...«

Da lernt man auch verstehen, was der »Buh-Mann« in den Wolken ist, womit die kleinen Kinder, die gern noch weiterspielen möchten, ins Bett gejagt werden. Er hat ein wenig von der Art der Malariamücke, die eben emporschwirrt, nur ist sie sehr klein, und der Buh-Mann in den Wolken sehr groß, so groß, daß seine Flügel zwei Nachtschatten gleichen, die sich über Wald und See breiten. Wenn die Kinder weiterspielen, nackt, nur mit einem Amulett um den Hals, bekommen sie dann Fieber? Nein, dann kommt der Buh-Mann aus den Wolken, um sie zu holen! Alles Kleine gleicht dem Großen; Gefahr, Krankheit, Unheil, Tod können sowohl in einer kleinen Mücke wie im Vulkan, unter der Erde, über der Erde sein – können von einem Insekt herrühren oder von den bösen Göttern ...

Eine willkommene Abwechslung bietet ein Besuch des malaiischen Theaters oder des »Wajang-Tjina«. Warum übrigens die malaiische Komödie »Stambul« – »Konstantinopel« – genannt wird, ist nicht ganz klar. Auch erscheint mir die Art, wie eine belanglose Königsgeschichte dargestellt wird, nicht gerade überwältigend. Allein mein Gastgeber, der Gouverneur, mit dem wir dorthin gegangen sind, weiß die malaiischen Anspielungen des Clowns zu schätzen, der sich als Holzhacker einem verirrten jungen Prinzen gegenüber ganz à la Shakespeare gebärdet. Ich verstehe von diesem Literatur-Malaiisch nur wenig ... Mehr sagte mir an einem der anderen Abende das »Wajang-Tjina«, das chinesische Theater, zu, obwohl die Musik mit ihren niemals aufgelösten Disharmonien ohr- und herzzerreißend klang. Allein das Spiel um den »Lotosteich« – dieser Weiher wurde nur durch zwei weiße Blumen angedeutet, zu deren beiden Seiten sich eine Aufschrift befand; vermutlich sollte sie besagen: »Dies ist der Weiher« – zeigte uns viel Schönes an prächtig geschmückten Frauengestalten oder Engeln aus einem chinesischen Paradies. Einer von ihnen liebte einen sterblichen Menschen. Diese »Dewis« – diese Engel – wirken mit ihren porzellanähnlichen, zart bemalten Gesichtchen und in ihren silbernen und goldenen, reichgestickten Gewändern wie kleine zierliche Püppchen. Das alles stellte sich dem Auge sehr anmutig dar, dem Ohre dagegen um so disharmonischer. Auch Clowns traten auf, Knechte und Vasallen der Kriegshelden, mit fürchterlich rollenden Augen und lang herabhängenden Schnurrbärten. Sie schwenkten ungeheuer große Schwerter und mußten sich durch den Demos zum Narren halten lassen ...

Das Spiel währte stundenlang. Allein unsere europäische Bewunderung und unsere europäischen Nerven blieben nur ein paar Stunden frisch – und mitten durch einen Platzregen, dessen Wasserströme fast weiß durch die dunkle Nacht leuchteten, fuhren wir durch das gespenstisch-weiße Medan heimwärts.

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