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Unter Javas Tropensonne

Louis Couperus: Unter Javas Tropensonne - Kapitel 5
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authorLouis Couperius
titleUnter Javas Tropensonne
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
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translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
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IV

Kulis – Chinesen – Erntezeit – Nach Belawan

Tabaksortieren (Sumatra)

Der Tabakpflanzer in Deli hat seine besondere Sprache. »Dies ist ein langer, schmaler Kontrakt«, sagt mein Führer, während er auf eine Schlucht zeigt – und einen Augenblick lang kann ich ihn nicht verstehen. »Kontrakt« ist das hier übliche Wort für Terrain, das vertragsgemäß abgetreten wurde. Hier nun handelt es sich um ein ziemlich unvorteilhaftes Terrain, auf dem im Juni, Juli oder spätestens August Holz geschlagen wurde. Die gefällten Bäume und Sträucher wurden dann »gekoempoeld«, d. h. gesammelt, und der Pflanzer bezeichnet das als den »großen Koempoel«, der verbrannt werden muß. Manchmal wird dann nachträglich noch einmal »gekoempoeld« und von neuem verbrannt. Dann wird das Terrain, der »lange, schmale Kontrakt«, »getjankoeld«, »gepatjoeld«. Dies geschieht mit dem »Patjoel«, dem Spaten. Die chinesischen Kulis haben ihre Spaten an einem langen Stiel befestigt; die javanischen Kulis ziehen einen kürzeren vor. Der Arbeitsrhythmus dieser beiden ist sehr voneinander verschieden. Nicht zwei Völker, nicht zwei Rassen verrichten die gleichen Dinge auf die gleiche Art – selbst die alltäglichsten nicht ...

Die Kulifrage ist sehr kompliziert. Manchmal werden sie von Agenten angeworben: das ist die Berufsanwerbung, zugleich eine »freiwillige« Anwerbung, zu der sich in China die Kulis drängen, die später wieder in ihr Vaterland zurückkehren wollen. Sie erzählen dann ihren Verwandten und Freunden in der Heimat von dem guten Leben, das sie auf Sumatra führen. Im allgemeinen und in mancher Hinsicht hat sich dies in der Tat sehr gebessert, wenn man an das große Elend denkt, das in früheren Zeiten oft unvermeidlich war. Ich wenigstens hatte durchaus den Eindruck, daß der Kuli sozusagen ein kleiner Grundbesitzer geworden ist. Ist die schwere Zeit der Fermentation vorüber, so fängt der Kuli an, auf seinem eigenen Felde zu arbeiten, das ungefähr einen Morgen groß ist. Er »tjankoelt« es fein, legt seine Saatbeete an und bearbeitet den ihm anvertrauten Grund und Boden mit größter Sorgfalt. Er tut es in seinem eigensten Interesse. Im April wird bereits geerntet, was im Januar gesät ist; ein paar Monate später steht der Tabakbaum (nicht Pflanze!) üppig im Blatt. In der Zwischenzeit ist der Kuli damit beschäftigt, sein Feld für das Einsetzen der Pflanzen zu bereiten. Dies ist seine bewegteste Zeit. Er begießt es, er »lichtet« es, er jätet das Unkraut aus, er bekämpft Raupen und Ungeziefer. Nach vierzig Tagen werden die »Bäumchen« in kleinen Körben auf den vorbereiteten Boden hinübergebracht und eingepflanzt. Schießt die kleine Pflanze – der kleine »Baum« – auf, so wird ein kleiner Wall Erde ringsherum aufgeworfen, und die Wurzeln greifen begierig nach diesem neuen Stützpunkt. Nach weiteren vierzig Tagen nimmt der Kuli eine zweite Aufhöhung bis zu 20 cm vor. Ein Kuli, der eifrig arbeitet, kann in fünfzig Tagen achtzehntausend Bäumchen pflanzen. Er verkauft seinen Tabak für einen bestimmten Preis an den Unternehmer. Die javanischen Kulis beziehen einen vertraglich festgelegten Tageslohn, die chinesischen arbeiten auf Akkord. Der Feind beider, insbesondere aber der chinesischen Kulis, ist der Aufseher (»Tandil«). Er ist früher selbst Kuli gewesen, hat es mehr oder weniger gut gehabt und ist nun ein mächtiger Mann geworden. Auf alle mögliche Art und Weise versucht ein schlechter Tandil die ihm unterstellten Kulis zu schikanieren und zu betrügen. Hat der Kuli etwa Schulden, so tut ein böser Tandil das seinige dazu, daß die Schuld niemals abbezahlt wird, damit der Kuli stets in einer gewissen Abhängigkeit, einer Art von Sklaverei, bleibt. Um diesem Treiben ein Ende zu machen, dringt die Arbeitsaufsichtsbehörde neuerdings darauf, daß dem Kuli erst alles ausbezahlt und danach erst seine Schuld abgerechnet oder bezahlt wird, und daß nicht der umgekehrte Fall eintritt und der Kuli, wie sonst so häufig, keinen Cent in die Hände bekommt und daher natürlich neue Schulden machen muß. Mancher Tandil ist bei seinen Kulis so verhaßt, daß nach seinem Tode sein Haus gestürmt und ausgeraubt wird, daß seine Schweine geschlachtet werden, und daß die Polizei eingreifen muß. Zum Glück gibt es aber auch gute Tandils.

Ist der Kuli freiwillig oder von Berufsagenten angeworben, so kommt er herüber und wird erst im Hospital untersucht. Die langen Nägel, auf die der Chinese so stolz ist, werden ihm abgeschnitten. Während seiner Feldarbeit erhält er Vorschuß, um sich Geräte anzuschaffen, und dann kann er sich als kleiner »Grundbesitzer« fühlen. Wenigstens erhält er vorübergehend sein Feld zur Nutznießung, und die Einkommensteuer wird für ihn bezahlt. Für die Vorbearbeitung seines Feldes, den »groben Koempoel«, muß er etwas bezahlen, aber es wird ihm weniger in Rechnung gestellt, als die Gesellschaft tatsächlich für diese Arbeit ausgegeben hat. Auch etwaige Feldhilfe wird ihm zu einem vertraglich vorgeschriebenen Satze angerechnet. Der Obertandil, der mächtige Mann, legt dem chinesischen Kuli jeden Monat sein Kontokorrent vor. Liefert der Kuli seinen Tabak ab, so wird dieser nach der Qualität geschätzt, und daher liegt es in seinem Interesse, gut zu arbeiten. Die durch die Arbeitsaufsichtsbehörde vorgenommene Regelung hat die Lebensbedingungen des Kulis, über die man in früheren Jahren oft seltsame Dinge hörte, wesentlich gebessert.

Wenn der Tabak gepflückt ist, wird der Kuli ausbezahlt. Dann ist er reich, dann spielt er, dann wirft er nur so mit dem Gelde um sich. So wird er wieder arm – und dann ist es vorbei mit dem Grundbesitzertum, dann schnupft er für seine letzten paar Cents Opium. Und dann bindet er sich von neuem. Nach zwanzigjährigem Dienst erhält er eine geringe Pension.

Will er nach China zurück, so bekommt er ein Pauschale. Die Verwaltung sorgt übrigens dafür, daß ihm zu Würfelspiel und Verschwendung möglichst wenig Gelegenheit geboten wird.

*

Wenn mir jetzt auch der schöne Anblick der Tabakbäume auf dem Felde entging, so konnte ich doch die herrliche Ordnung bewundern, die in dem Fermentierhaus unter dem eisernen Schutzdach und in den Trockenräumen herrscht. Alles ist aufs beste geregelt und von geradezu auffallender Sauberkeit. Die gepflückten Tabakblätter, die zu je vierzig bis fünfzig gebündelt sind, werden von Kulis sortiert und dann von Frauen »nach der Länge hingelegt«. Das vollzieht sich auf fächerähnlichen, nach Zentimetern eingeteilten Brettern. Die Blätterbündel können dann in den Fermentierhäusern von dem Assistenten »empfangen« werden. Sie werden aufgestapelt, und dieses Aufstapeln ist eine sehr schwierige Arbeit, die insbesondere von den Frauen mit geradezu bewundernswerter Sorgfalt verrichtet wird. Die »Randstaplerinnen« markieren mit dünnen Brettern den Rand, den der viereckige Stapel nicht überschreiten darf, und mit behender Hand häufen sie dann die Blätterbündel aufeinander. Leichte, um den immer höher werdenden Stapel herumgestellte Leitern machen es den Frauen möglich, hinaufzusteigen. Auf kunstvoll darübergelegten Brettern klettern sie über die Stapel kostbarer Blätterbündel hin und türmen sie noch höher auf. In den Stapeln steckt ein hohes Bambusrohr mit einem Thermometer, damit die Temperatur des Brutprozesses kontrolliert werden kann. Ist das Thermometer bis zu einem bestimmten Grade gestiegen, so wird der ganze Stapel wieder umgebaut. Manchmal geschieht dies zweimal. Die Frauen verrichten diese Arbeit mit großer Grazie, und ihre behutsamen Bewegungen sind bewundernswert. Es ist ein Bild von spezifisch östlichem Reiz: diese langen Reihen der Staplerinnen, und jene anderen, die da kauern und die Blätter sortieren und zu dem Zweck die Blätterbündel rasch und leicht durch die Finger gleiten lassen, bieten einen Anblick, der insbesondere durch die gefällige Anmut der Bewegungen in dem leicht gedämpften Licht fesselt.

Man hat mir versichert, daß nach der Ernte auf einer nicht allzu großen Plantage sechzig Millionen Tabakblätter durch diese Hände gehen. Tadellos geordnet stehen die viereckigen Ballen da. Die zukünftigen Deckblätter all der seinen Zigarren, die der Europäer raucht, sind in zierliches Flechtwerk verpackt. Mit größter Sorgfalt werden sie verladen und versandt: fällt ein einziger Regentropfen, so wird sofort mit dem Verladen aufgehört. Treffen die Ballen mit ihren verschiedenen, die Qualität bestimmenden Etiketten in Amsterdam ein, so werden sie von den Packhausknechten bedeutend weniger sorgsam behandelt ...

Ich komme in das Haus eines Assistenten. Er selber ist bei der Arbeit. Das Haus liegt am Rande des »langen, schmalen Kontrakts«. Hin und wieder wird es, wenn es nicht gerade an einer sehr günstigen Stelle steht, aufgenommen, so wie es ist, und dann nach einem oder drei Jahren anderswo wieder aufgestellt. Das geschieht deshalb, weil die Tabakfelder nach dem ersten Erntejahr wieder der Bevölkerung überlassen werden, die sie dann mit »Padi« (Reis) bepflanzt. Jede Familie erhält einen »Djaloeran«, ein Feld, das für ihre Bedürfnisse genügt. Erst acht Jahre nach dieser ersten Ernte wird das Feld wiederum als für Tabakkultur geeignet erklärt. Der Assistent wohnt also einmal hier, einmal dort. Er nimmt von Zeit zu Zeit sein Häuschen auf und wandelt, besonders dann, wenn seine Wohnung zu einem »langen, schmalen Kontrakt« gehört und nicht gerade in dessen Zentrum aufgestellt werden konnte.

Viele Monate lang, von Januar bis Mai, sind die Scheunen leer; im März und April entwickeln die Tabakbäume ihr Blatt. Wo bleibt die Tabakblüte? Die Bäumchen werden »gekappt«, mit Ausnahme der kräftigsten, und diese auserkorenen und besonders sorgsam behandelten Pflanzen sichern dann den Wuchs des folgenden Jahres.

Ich habe auch noch das Hospital dieser Plantage besichtigt, die ich »Stern des Ostens« nannte, weil ich bei meiner Schilderung kein bestimmtes Einzelunternehmen ins Auge fassen, sondern meinen Lesern nur einen flüchtigen Gesamtbegriff davon geben wollte, wie das Deckblatt ihrer fein duftenden Zigarre im Deligebiete gewonnen wird. Nun, dieses Hospital war des phantastischen Namens würdig. Den Arzt, der mich führte, bewunderte ich ob der aufopfernden Hingebung, mit der er sich jahrelang den kranken chinesischen Kulis gewidmet. Hier wird jeder angeworbene Kuli gleich nach dem Eintreffen untersucht. Hier findet der kranke Kuli Genesung. Von hier aus wird er wieder heimgeschickt, wenn sich seine Krankheit als unheilbar erwiesen hat. Hier wird er regelmäßig gewogen, und mit Vor- und Familiennamen und den näheren Angaben über seinen Gesundheitszustand ist jeder Kuli in der Kartothek vertreten. Zumeist leidet er an Fuß- und Beinwunden, weil er keine Sandalen oder Schuhe tragen will und die Dornen und Wurzeln ihm das Fleisch aufritzen. Sind die Beine gesund, so plagt ihn vor allem die böse Malaria mit Schmerzen, unter denen er sich auf seiner Baleh-Baleh, seiner Matte, krümmt. Chinesen, Javanern und Bengalesen fungieren als Pfleger.

Draußen liegt der chinesische Kirchhof mit den schmalen, terrassenförmigen Steinmauern, dahinter die Gebeine der Toten ruhen. Name und Sterbejahr steht überall verzeichnet. Das Symbol für den heiligen Ausgang des Lebens, der mit dem Eingang in den Tod identisch, ist aus Stein und Gras in der heiligen Form des weiblichen Geschlechtsorgans auf einer Rasenfläche dargestellt, auf der die Ausfahrtfeste gefeiert werden. Ein kleiner Tepekong-Tempel mit Bildnis und heiligem Steintürpfosten, der mit roten Gebetzetteln und vergoldeten Sprüchen beklebt ist, liegt hinter Pisangbäumen versteckt und duftet nach Weihrauch. Vor ein paar Tagen war ein Kuli gestorben, und der Opferduft umschwebte noch das Angesicht der Götter: des dunklen, bösen und des guten, rosenfarbenen Gottes.

Strahlend leuchtete die Mittagssonne auf die dunklen, grün und golden durchschimmerten Bananenblätter; die langen Halme der Alang-Alang zitterten, obwohl kein Lüftchen sich regte, und der »Hühnerdieb«, der im blauen Äther seine Flügel weit ausbreitete, stieß seinen schrillen Schrei aus, diesen Schrei des Schmerzes, der bei aller blühenden Pracht, in aller Üppigkeit dieses östlichen Bezirks doch wie ein dem Europäer unlösbares Geheimnis in der Luft zu liegen scheint.

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