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Unter Javas Tropensonne

Louis Couperus: Unter Javas Tropensonne - Kapitel 4
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authorLouis Couperius
titleUnter Javas Tropensonne
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
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translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
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III

Medan – Junge Leute – Das Leben auf den Plantagen – Eine Tabaksplantage – Djatiwälder – Beim Tabak

Medan, die neue Stadt mit den weißen Gebäuden zwischen frischen, grünen Rasenflächen, hat ihr Aufblühen vor allem dem geschäftigen Pflanzerleben zu verdanken. Sie steht in Holländisch-Indien einzig da; man findet ihresgleichen nicht, weder auf Sumatra, noch auf Java. Sie ist modern und europäisch, mutet ein wenig englisch an – die Nachbarschaft von Singapore hat zweifellos auf Medan etwas abgefärbt. Ein Klubhaus, ein Postamt, ein Rathaus, die javanische Bank, zwei gute Hotels, die stattlichen Geschäftshäuser mehrerer Handelsgesellschaften: das alles steht da unter dem leuchtend frischen Grün der vom Regen blankgewaschenen Palmen als Wahrzeichen der Wohlfahrt, der ersprießlichen Arbeit, der bewunderswerten europäischen Energie. Und dennoch herrscht gerade eben große Mißstimmung: überall hört man das Wort » malaise«, besonders bei den »Kautschukleuten«. Die Kautschukpflanzer, auf deren Besitzungen hier in der Umgebung gegenwärtig der Betrieb eingestellt werden mußte, klagen am meisten. Doch ungeachtet dieser Klagen gewinnt der Reisende doch den Eindruck von Wohlfahrt, Reichtum, Elastizität und jugendfrischer Kraft. Es wird hier viel Tennis gespielt, und es ist amüsant zu beobachten, wie die jungen Malaien bei ihrem Fußballspiel die geheiligten englischen Fachausdrücke dieses edlen Sports mit sehr komischem Akzent unter ihre eigene Sprache mengen.

*

Die Leiter der Tabaks- und Palmölunternehmungen, die Inspektoren, die jungen Assistenten sieht man vornehmlich an den »Hari-besar« – den »großen«, d. h. Zahl- und Ferientagen – in Medan; wir werden ihnen dann auch noch auf den Unternehmungen selber begegnen. Sie sind alle von einem gesunden, energischen, robusten Schlage. Der Administrator wirkt sehr würdig mit seinem reiferen, gesetzten Auftreten. Der Inspektor, der wöchentlich acht oder neun Plantagen zu inspizieren hat, kann, wenn er strebsam ist, so eine gute Stelle in verhältnismäßig jungen Jahren erlangen. Die Assistenten vertreten die frische Jugend unter den Pflanzern. Ihre Mentalität ist in den letzten Jahren wesentlich anders geworden. Vor zwanzig Jahren fuhr ich auf einem deutschen Dampfer nach Indien; damals waren viele deutsche junge Leute an Bord, die ihr Glück bei diesem oder jenem Unternehmen in Deli versuchen wollten. Mancher trug einen recht angesehenen Namen. In Deutschland wollte es mit ihnen nicht so recht gehen, daher schickten ihre Angehörigen diese jungen Nichtsnutze in den fernen Osten.

Das Leben der jungen Assistenten war damals vielfach eine einzige geradezu unmäßige Prasserei. Ich glaube konstatieren zu können, daß sich das sehr geändert hat. Mögen die jungen Leute an den »Hari-besar« ein wenig fröhlich und ausgelassen sein; wer wollte ihnen das mißgönnen? Sie arbeiten schwer, so schwer, wie nur irgend in den Tropen von Europäern gearbeitet wird. Aber sie machen nicht den Eindruck junger Lebemänner, die es in Europa zu nichts bringen konnten, sondern sie strotzen von frischer Kraft, und die Arbeit im Freien, auf den Tabak-, Kautschuk- und Palmölplantagen scheint ihnen körperlich und seelisch außerordentlich wohl zu tun. Hätte ich einen Sohn mit gesunden und starken Muskeln, und hätte dieser den Wunsch, holländischer Romanschriftsteller zu werden, so würde ich zu ihm sagen: »Mein lieber Junge, versuche lieber, irgendwo in Deli Assistent zu werden, und laß deine Romane ungeschrieben! Findest du beim Tabak kein Unterkommen, so wird dir's vielleicht beim »Rubber« gelingen, und auch Palmöl hat eine glänzende Zukunft!«

Der Pflanzer hat seine besondere Tageseinteilung und sein besonderes Kostüm. Er zieht die Socken hoch über das Beinkleid und trägt die Strumpfhalter offen zur Schau. Wer es anders täte, den würde man als »Salonpflanzer« verspotten. Ein junger Pflanzer darf also seine ersten Schritte niemals anders machen als in solcher Beinbekleidung! Ebenso muß er ein hochgeschlossenes, khakifarbenes oder weißes Jackett und über dem gebräunten, verbrannten Gesicht den Tropenhelm tragen. Seinen Kulis gegenüber sei er taktvoll, aber bestimmt: stets energisch, ohne je heftig zu werden. Von früh um sechs bis elf Uhr steht er im Felde oder in der Scheune. Dann nimmt er den Lunch, der aber nicht aus der berühmten indischen »Reistafel« besteht, ruht eine Stunde und geht wiederum an die Arbeit. Er macht es sich zur Regel, früh schlafen zu gehen, damit er die wohlverdiente Ruhe findet.

So ein Assistentenhäuschen ist oftmals sehr primitiv und liegt verloren und verlassen da. Oft wird er sich wohl einsam darin fühlen, und darum tut er gut daran, sich irgendeine Beschäftigung, irgendeine Liebhaberei für die Abende und die freien Tage zu suchen. Ist er verheiratet, so wird seine junge Frau, so allein zwischen Rubber, Öl oder Tabak, wohl oft schwere Tage durchmachen. Arbeitet er indessen tüchtig und bleibt er guten Muts, so kann er selbst in unseren schlechten Zeiten noch vor seinem vierzigsten Jahre Inspektor werden. Und Inspektor: das will schon etwas heißen. Er wohnt dann in einem prächtigen, geräumigen Hause mit einem Tennisplatz. Seine Frau hat sich auch schon eingelebt und ist ganz zufrieden. Überdies sind sie wohl einmal auf Urlaub wieder in Europa gewesen und haben alle Schattenseiten des europäischen Lebens aus nächster Nähe gesehen. Seine Kinder wachsen und gedeihen, und bis zu der Zeit, da für sie die ernsten Schuljahre beginnen, muß er so weit sein, daß er mit seiner Familie für immer nach Europa zurückkehren kann. Er macht Geld, wenngleich er nicht mehr so viel Tantiemen bezieht wie früher. Das Leben lacht ihn an, wenngleich er schwer arbeitet, so schwer, wie eben nur irgend von Europäern in den Tropen gearbeitet wird. Und er fühlt sich frisch, gesund und lebenslustig, wenn er auch vielleicht etwas Neid um sich herum spürt, weil er so rasch Karriere macht. Alles hat sein Für und Wider. Und jeder Beruf hat seine Licht- und seine Schattenseiten. Früher aber hatte das Leben eines jungen Assistenten mehr Schattenseiten als heutzutage, denn früher herrschten sehr strenge, hierarchische Bräuche unter den Pflanzern: ein Assistent durfte weder Jackett noch Tropenhelm tragen; er durfte kein »Bendie« – kleiner Wagen von besonderer Art – besitzen; er durfte nicht heiraten. Möglich, daß sich aus einem Komplex von lauter Bagatellen dieser Art sein früherer Hang zu Ausschweifungen erklären läßt. Aber wie es auch früher gewesen sein mag: jetzt ist es völlig anders, und ich glaube behaupten zu dürfen, daß sowohl das Leben des jugendlichen wie auch das des reiferen Pflanzers heute mehr Licht- als Schattenseiten aufweist. Glaubt es mir, ihr Pflanzer, euer Leben ist doch alles in allem beneidenswert, wenn eure Tantiemen vielleicht auch nicht mehr so reichlich fließen wie dereinst. Versucht in Augenblicken der Entmutigung daran zu denken – vergleicht einmal eure Arbeit mit Hunderten von Bureauexistenzen in der Heimat!


Ich will eine Tabakplantage besichtigen. Mein Führer ist ein junger Inspektor, also einer, der was davon verstehen muß. Wohin ich gehe? Nun, wir wollen dieses blühende Unternehmen Sri Bintang Timoer »Stern des Ostens« nennen! Ich mag unternehmen, was ich will: immer bleibe ich doch der alte Romancier und Phantast! Es haben ja viele Unternehmungen so schöne und phantastische Namen. Warum sollte es nicht auch Poesie in einer Tabakplantage geben? Leider ist jetzt nicht die Zeit, da die Tabakbäume im Felde stehen. (Der Pflanzer spricht stets von einem Tabak»baum«, nie von einer Pflanze!) Die Schönheit der breiten üppigen Blätterentfaltung werde ich also nicht zu sehen bekommen, denn nur im März, April und Mai bietet sie sich dem Beschauer dar. Indessen sollen wir andere interessante Dinge schauen.

Um sechs Uhr kommt mein neuer Freund, um mich abzuholen. Ich habe ihn an Bord kennengelernt, und unsere Freundschaft wird sich unter so günstigen Umständen sicherlich bald befestigen. Wir rasen in dem kleinen Dienstauto über den glatten, geraden Weg. Glänzend grün stehen Bambus und Bananen. Die Barisanketen, zum mindesten die Ausläufer dieser imposanten Bergreihen, ziehen sich weit, ganz weit am Horizont hin. Der Sombajak, der höchste Berg, reckt sich zum Morgenhimmel empor. Alles ist blau und rosenfarben, und strahlend wie lauteres Gold. »Morgenstunde hat Gold im Munde«: zum ersten Male wird mir diese Wahrheit so recht klar.

Wieder fahren wir mitten durch eine frische, hochstämmige Anpflanzung mit breiten Blättern.

»Tabak?« frage ich zögernd.

Ich bin gewiß sehr dumm, aber ein jeder begeht hier die nämliche Dummheit. Ich habe eine Djati-Schonung zu beiden Seiten des Weges für ... Tabak gehalten. Hinter den Djatibäumen mit ihren geraden Stämmen kann wohl manchmal noch »Rimboe«, Urwald, verborgen sein, hin und wieder wohl auch ein Elefant oder Tiger. Hart ist das Holz des Djatibaumes, das sich mit dem unserer Eiche vergleichen läßt. Das Blatt des jungen Baumes ist breit geformt wie ein zierliches Schiff, wird aber kleiner und kleiner, je höher der Baum wächst. Der Djati, der als kleine Pflanze in Körben gezüchtet wird, ist hier schon zu einem jungen Walde geworden. Rasch schießt er mit seinem kerzengeraden, stolzen Stamm empor. Oft wird er jung gefällt. Sein Holz wird als Baumaterial für die Tabakscheunen benutzt. Ist er älter und schwerer geworden, so werden aus ihm die glatten, gleichmäßigen Bretter geschnitten. Aus Djatiholz verfertigte Möbel gelten in Indien soviel wie bei uns Möbel aus Eichenholz.

Das Anforsten ist eine sehr wichtige Frage. Geradezu rührend wirken die Sengon-Bäume – Albizzia – mit ihrem mimosenhaften Typ. Sie werfen ihren Schatten über den Weg und über unser Auto. Wir haben das Verdeck nicht hochgeschlagen und setzen daher unsere Tropenhelme auf. Es ist wundervoll frisch, das Licht fällt wie durch einen feuchten Schleier aus lauter Smaragden. – Die Albizzabäume werden gesät. Es ist unglaublich, wie rasch sich aus einer solchen Saat eine Pflanze entwickelt – wie rasch ein Baum daraus wird. Mein Freund erkennt eine Anpflanzung wieder, die er vor vier Jahren als Assistent angelegt hat. Jetzt ist daraus ein Wald geworden. Die abfallenden Blätter erneuern den Humus. Der Alang-Alang, ein wildwucherndes Präriegras, der Feind aller Plantagen, wird in seinem Wachstum nur durch diese Albizza- oder Sengonbäume und durch den Lantana aufgehalten, den dichten Strauch mit den orangeroten Blüten, der am Wege entlang üppig wuchert.

Wir sind bei der Unternehmung, dem »Kebon«, angelangt. Ich nannte sie »Sri Bintang Timoer, Stern des Ostens«. Es tut jetzt nichts mehr zur Sache, wie sie in Wirklichkeit heißt. Wir können sie als einen Typ ansehen. Erst müssen wir frühstücken; dann machen wir uns auf den Weg, um zu sehen, wie in einer Waldlichtung, auf der im Juli oder August alles wildwuchernde Unkraut beseitigt worden ist, Tabakfelder angelegt werden.

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