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Unter Javas Tropensonne

Louis Couperus: Unter Javas Tropensonne - Kapitel 37
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authorLouis Couperius
titleUnter Javas Tropensonne
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
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translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
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XXII

Malaiische und javanische Fürsten – Empfänglichkeit für europäische Kultur? – Zaubermächte – Natureindrücke – Rätsel

Im Begriff, Indien zu verlassen, lege ich mir die Frage vor, ob der Malaie, ob der Javane im Laufe der Jahre durch eigene Entwicklung oder durch das Weltgeschehen anders geworden ist. Zwar haben Krieg und Revolution in Europa weite und seltsame Perspektiven vor ihm aufgetan. Er fühlte, wie etwas ihn erschütterte – war es Schrecken ob des Unrechts, das er womöglich seit Jahren erlitten hatte, war es Hoffnung auf eine nicht auszudenkende, schönere Zukunft? Danach aber hat er sich wieder ruhigem Grübeln hingegeben und wiederum damit getröstet, daß Allah wissen müsse, was alles ihm gut sei. Diese Menschen sind ja an Geist und Gemüt so ganz anders als wir. Der Traum des Lebens hält sie umfangen, und sie fühlen sich in dieser Gefangenschaft zu glücklich, als daß sie sich in ihrem Tiefinnersten etwas anderes wünschen könnten. Eine oberflächliche Europäisierung ist ihnen, insbesondere bei ihrer Eitelkeit, nicht unsympathisch. Ein weißes Jackett von gutem Schnitt mit steifem, halbmilitärischem Kragen gehört heutzutage zum selbstverständlichen »guten Ton« für einen jeden, wer oder was er auch sein möge – und dieses Jackett über dem Kain, dazu auf dem kurzen Haar eine Mütze aus Samt oder Seide, erscheint den meisten als das Ideal. So sitzen sie Abend für Abend im Kino und sehen sich die vorüberflitzenden Cowboys oder Charlie Chaplin an und kommen sich sehr gebildet und sehr europäisch vor.

Empfinden sie aber wirklich etwas für das Schauerdrama oder die platte Posse? Ich weiß es nicht. Möglich, daß ein ihnen selber unbewußtes, angeborenes Schönheitsgefühl in ihren Seelen schlummert, die das Leben hinnehmen, wie es sich ihnen darbietet. Diese Rasse ist an körperlicher Schönheit stets hinter der kaukasischen zurückgeblieben, vornehmlich, soweit diese sich in dem antiken Griechentum offenbart; aber doch haben die Eingeborenen von jeher eine angeborene Grazie, sind ihre Frauen voll auffallender Anmut, und alles was sie bauten, webten, wirkten, schnitzten, flochten, war immer von großer und tiefempfundener Schönheit. Von einem Menang-Kabau-Hause mit seinen sechs Dachspitzen und den drei reichgeschmückten Padischeunen bis zu einem javanischen, aus einem Palmblatt hastig und nur zu flüchtigem Gebrauch hergestellten Korbe ist diese Schönheit gleich wunderbar und stets überraschend. Und Menschen, die so bauen, weben und flechten können, gehen des Abends in ein Kino, um diese kilometerlange Verderbnis jeglichen guten Geschmacks, jeglichen seinen Empfindens über sich ergehen zu lassen! Ein solcher Widerspruch, solche »Zweiseelentheorie« läßt sich schwer verstehen. Ich meinesteils vermag nicht daran zu glauben, daß der Javane sich europäische Geistesverfassung in der Tat ernsthaft zu eigen machen will, ebensowenig wie ich aus dem Tragen des auf Taille gearbeiteten Jacketts den Willen zu erkennen vermag, den Europäern äußerlich gleich zu werden.

Kann das eigentliche Wesen unserer Kultur wirklich bis in ihre Seele dringen? Ich glaube es nicht, genau sowenig, wie ich daran zu glauben vermag, daß alles, was tief in ihnen schlummert und nur hin und wieder erwacht, uns jemals verständlich werden könnte. Die Welt ist klein. Die Rassen, die sie bewohnen, sind zu zählen. Allein die einzelnen Spielarten dieser Rassen, die diese kleine Erde bevölkern, sind zahllos und bleiben einander ein Geheimnis. Sowenig der Eingeborene jemals ganz verstehen kann, was uns lieb ist, und warum wir dieses oder jenes ersehnen und bewundern, ebensowenig können wir Europäer begreifen, was den Orientalen bewegt, wonach er sich sehnt, was er erstrebt, was er als sein Lebensideal ansieht, soweit ihm ein solches überhaupt irgendwie deutlich vorschwebt. Daher ist es so unbegreiflich, daß die modernen Ethiker tatsächlich glauben, unsere europäischen Ideale könnten auch die jener sein, und ihre Verwirklichung könnte ihnen das erträumte Glück bringen. Diese Menschen ersehnen ganz andere Dinge als ein europäischer Arbeiter. Sie bleiben kindlich und in ihren Traditionen befangen: alle, die den niederen Schichten angehören, sind zum Dienen und zur Anbetung derer geboren, die alten Geschlechtern entstammen. Wir selbst sind und bleiben in ihren Augen Eindringlinge, die sie, mehr oder weniger bewußt, nur mit philosophischer Resignation dulden.

Und in diesen kindlich-traditionellen Seelen schlummert, erwacht oftmals etwas, das dem Europäer fremd und rätselhaft ist, das er schroff ablehnt, falls er nicht das allerfeinste Anpassungsvermögen besitzt: eine okkulte Kraft. Ob sie schlummert oder wach und rege ist: latent scheint sie mir in jeder dieser Seelen zu sein, scheint mir aus jedem dieser Augenpaare zu schauen. Ich glaube, daß diese Kraft aus dem Boden selber, aus dem Himmel, aus der Luft, aus der ganzen mächtigen Natur in sie eindringt, in deren Wachstum sie verborgen scheint ... In jedem Baum, in jedem Halm, in jeder Faser, allüberall auf der Welt verbirgt sich etwas, das sich all unserem Wissen entzieht, sobald wir es mit unserem grübelnden Verstande zu definieren suchen. In der Natur dieser Inselwelt ist jenes Geheimnisvolle in so hohem Maße, daß es nicht immer verborgen bleiben kann, sondern hin und wieder offenbar werden muß. Und dann erfüllt es mit seinem geheimnisvollen Zauber nicht nur Berge und Wälder und Blumen und Bäume, sondern auch jeden Menschen, der hier rassenrein geboren und dessen Dasein mit diesem uralten Lande aufs innigste verknüpft ist.

Der Eingeborene weiß oft ganz unbewußt um Dinge, die wir weder kennen noch ahnen. Die Mentalität des Beamten, Pflanzers oder Kaufmannes ist nicht dazu angetan, diese Dinge mit in Betracht zu ziehen. Um so mehr wundert es mich, daß ich bei einer Unterhaltung mit einem »Diener von Gottes Wort«, mit dem Herrn Hoekendijk, der seit vielen Jahren als Missionar in den Sundalanden wohnt und wirkt, feststellen konnte, wie er als sicher annahm, daß in den Eingeborenen und dieser ganzen Natur so etwas wie eine okkulte Kraft liege, die sich hin und wieder offenbaren müsse. Da ich das selbst ganz stark empfinde, so befriedigte es mich, das nämliche Gefühl bei einem Menschen anzutreffen, der sich nach Lebensauffassung, Berufsart und religiösem Empfinden doch recht sehr von mir unterschied.

Der Mensch hat, glaube ich, nur sehr wenig Phantasie, und alles, was er sich in seinem Geiste vorzustellen vermag, muß darum einen realen Hintergrund haben. Wenn der Eingeborene an verschiedene »Elmoes« glaubt (arabisch ilm = Wissenschaft), so müssen solche magischen »Elmoes« auch in seiner Seele wirken. Er kann sie sich nicht einfach ausgedacht haben: ein Mensch vermag sich ja eigentlich gar nichts auszudenken. Von all dem, was er »Ideen« nennt, schwebt unzweifelhaft ein Vorbild irgendwo zwischen Himmel und Erde. Ein Elmoe ist das Wissen darum, wie man sich eine höhere Macht dienstbar machen kann, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Und es gibt sehr verschiedene solcher Elmoes: ein Elmoe, um reich zu werden, ein Elmoe zur Berechnung von günstigen Tagen, ein Elmoe, mittels dessen man sich oder einen anderen unsichtbar oder unverletztbar machen kann, ein Elmoe, das mit Wahnsinn schlägt oder vom Wahnsinn heilt, und es dem Menschen ermöglicht, sich Foltern zu unterwerfen, ohne sich dabei weh zu tun (die Fakire!), Regen, Sturm, Bosheit und Tücke von Natur oder Mensch abzuwenden oder heraufzubeschwören.

Es ist leicht, über diesen Glauben zu lächeln. Schwerer ist es, zu begreifen, wie er entstehen konnte. Aus fernen Jahrhunderten stammt dieser Glaube, stammen die Elmoes. Daß der Eingeborene ein Elmoe als seinen höchsten Schatz erachtet, wird von allen denjenigen bestätigt, die solche Dinge zu ergründen suchten.

Wer ein Elmoe besitzt, ist »Doekoen«, das heißt nicht nur Arzt, sondern insbesondere auch Zauberer. Der Doekoen weiß um die »Rapals«, die verschiedenen Dinge, die getan werden müssen. Er weiß um die »Djampes« oder Zauberformeln, die gemurmelt oder, wie der Eingeborene zu sagen pflegt, »geblasen« werden müssen. Meist ist der Günstling der Götter oder des Teufels nur mit einem einzigen Elmoe begabt, das göttlichen oder teuflischen Ursprunges ist.

Ich glaube, daß es dem Eingeborenen wertvoller erscheint, ein Elmoe zu besitzen, als alle modernen Wahl- oder anderen Rechte zu erlangen. In seiner Naivität wüßte er mit diesen Rechten kaum etwas anzufangen; seine okkulte Kraft aber wird schon wissen, wie er sein Elmoe verwenden muß, wenn auch der Ursprung dieses Elmoe ihm ein Geheimnis bleibt.

Ich will mich nicht auf die tausend Einzelheiten einlassen, die man über diese seltsamen Dinge sagen könnte. Ich wage nicht zu behaupten, daß eine getrocknete Eidechse mit gespaltenem Schwanz, als Amulett um den Hals getragen, das Mittel sei, sich unsichtbar zu machen, oder daß Klumpen aus Kleie, die unter die sarglos begrabene und seitlings gebettete Leiche einer am Freitag gestorbenen Wöchnerin gelegt worden sind, Zauberkräfte besitzen: in der Sonne getrocknet, zu Pulver zerstampft und in ein Schlafzimmer hineingeblasen, soll diese Kleie den Schläfer betäuben. Aber über diese Dinge einfach zu lachen scheint mir ebenso töricht, wie es unvernünftig wäre, sie ohne weiteres für zweifellos wahr hinzunehmen. Dergleichen Praktiken sind nicht erst heute und gestern erfunden worden. Sie bestehen seit Jahrhunderten. Möglich, daß sie sich verändert haben und entstellt sind. Möglich auch, daß mit ihrem Einfluß andere Einflüsse verbunden sind, um die kein Mensch mehr weiß. Nochmals: es ist leichter, einfach alles zu leugnen, als den Versuch einer Erklärung dafür zu machen, wie so ein Aberglaube – mag er meinetwegen so heißen! – überhaupt aufkommen und sich so lange erhalten konnte. Daß die Natur an diesem Aberglauben ihren Anteil hat, ist zwar keine Erklärung, wohl aber eine Tatsache, die zu denken gibt. Die Daturablume ist schon seit den ältesten Zeiten die »Blume der Hexe«, die Blume der unseligen Zauberei. Begibt man sich bergaufwärts nach Tosari, so sieht man die Daturahecken – die »Katjoeboeng« – am Wege blühen. Ein wunderbarer Anblick! Die großen weißen Kelche hängen wie kleine Glocken zu Tausenden von den Zweigen herab. Es ist, als wollten sie die Sprüche der Hexen mit ihrer Zaubermusik begleiten. Ich weiß nicht, warum mich der Anblick dieser Blumen so seltsam berührt. Etwa, weil ich weiß, daß sie der Hexen Blumen sind? Ja, sie haben etwas Dämonisches an sich. Diese weißen Kelche hängen da wie Altarglocken für eine schwarze Messe. Ihr glänzendes Weiß erinnert an den biegsamen Leib eines Freudenmädchens. So ist keine Rose, keine Lilie. Ihr Duft betäubt wie der von schlechtem Parfüm.

Diese Blumen gelten in Java als Zauberblumen, so wie sie im Altertum dafür galten. Es wird behauptet, daß die feingestampften Blätter dieser Sträucher wohltuend und schmerzstillend wirken. Der wohlriechende Mehlstaub der bösen, weißen Blume aber scheint, wenn er durch eine kleine Röhre über den Schlafenden geblasen wird, zu betäuben, zu lähmen und siech zu machen. Und schon die Hexen der antiken Welt wußten, daß der Blütenstaub ihrer »Daturas« solches vermochte. Man denke ja nicht, daß es namentlich unter den einfältigsten und kindlichsten Eingeborenen auch nur einen einzigen gebe, der nicht an diese Dinge glaubt! Und wer kindlichen und einfältigen Gemütes ist, weiß oftmals mehr um die Geheimnisse der Welt als der hochmütige, stolze Mann der Wissenschaft – und nimmt die seltsamsten Dinge in Demut hin.

»Siri spucken«, Steinwürfe in Gespensterhäusern – wer vermag so etwas zu erklären? Wer das Geheimnisvolle dieser Dinge einfach leugnet und meint, sie seien nichts anderes als Betrug, Einschüchterungsversuche oder einstmals doch an den Tag zu bringende Rache listiger und geschickter Feinde, der macht sich freilich die Erklärung sehr leicht. Wenn mir einer die Gespensterhäuser zeigt und die Tatsachen berichtet, werde ich sie vielleicht auch so zu erklären suchen. Aber unmittelbar nach dieser nüchternen Erklärung empfinde ich mit unabweisbarer Deutlichkeit, daß es eigentlich keine ist, daß etwas in mir lebt, was sich gegen ein Leugnen alles Geheimnisvollen auflehnt, und daß ich etwas glaube, obwohl ich nicht darum weiß und es auch nicht zu erklären vermag, auch nicht einmal zu erklären versuche.

Ja, ich glaube. Ich glaube an die böse Macht der Daturablumen. Ich glaube, daß es »Elmoes« gibt. Ich glaube, daß uns mitten in unserem gewohnten alltäglichen Leben wohltuende und feindliche Mächte umgeben. Ich glaube, daß jeder Orientale über diese Mächte mehr vermag als der in nüchternen Geschäften und Geldmacherei versunkene Europäer. Und oftmals, wenn ich einem Malaien oder Javanen etwas länger als sonst in die Augen schaue, glaube ich nicht nur – nein, dann weiß ich, daß er mir Gutes tun kann, wenn er mir freundschaftlich gesinnt ist, und daß er Böses über mich heraufbeschwören kann, wenn er mich haßt. Und dieses Gefühl in mir ist so stark, daß ich mich über das ironische Gelächter derer nur wundern kann, die da glauben, die Weisheit gepachtet zu haben und – o naive Europäer! – die uralte Seele des von Mysterien erfüllten Ostens mit ihren positivistischen Machtsprüchen erklären zu können.

Die Zeiten wandeln sich. Die neuen Ideen der modernen Intellektualität stehen in Blüte. Doch auch ohne die Einflüsse des Imperialismus wissen die Leute in meiner holländischen Heimat die edlen Lande zu schätzen, die so weit von ihrem eigenen Grund und Boden entfernt und doch vielen von uns im Herzen so nahe sind. Durch unlösbare Bande sind wir mit Java verbunden; werden diese jemals zerreißen, so wäre das sowohl für Holland wie für Indien geradezu eine Katastrophe. Und darum sollten unsere Landsleute doch immer wieder für dieses Land, das vielen noch wie ein seltsames Märchenreich erscheint, die stets gleiche unvergängliche Liebe hegen.

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