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Unter Javas Tropensonne

Louis Couperus: Unter Javas Tropensonne - Kapitel 34
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authorLouis Couperius
titleUnter Javas Tropensonne
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
year
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
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XIX

Das Leben auf Bali – Der Balier und sein Kampfhahn – Da« balische Rind – Buntes Leben – Unterkunft in Den Passar – Der brüllende Batoer

Dorfbadeplatz

Zu früher Stunde ging's am Poera von Sangsit vorbei zu dem Badestrand von Tedja-Koela. Eigentümlich ist so ein (vermutlich noch modjopahitischer) Badeplatz: Nischen, in denen die Männer, andere, in denen die Frauen sich baden und »sirammen«. Seitlings die Badestelle für Pferde und Büffel. Viele Skulpturen an Nischen und Toren und Mauern.

Stets hat man in diesen Ländern völlig andere Eindrücke als in Java. Die langen Wege führen häufig in tiefem Schatten an den Dessas vorüber, aber während diese auf Java ganz offen und sichtbar daliegen – ein malerisches Chaos von Bambushäuschen und sonnendurchgluteten Kokoshainen –, wirken sie in Bali wie viele kleine Kratons, und langgestreckte niedrige Mauern aus getrocknetem Schlamm, der weiß oder grau überstrichen und kunstlos mit einer Eckverzierung oder einer Randleiste bemalt ist, und schließen am Wege die Dörfer ab. Jede Dessa hat ihre eigene Poera, ihr Heiligtum, und über die Mauer weg wird es sichtbar mit seinem Tabernakel, dem Götterhäuschen, das wie ein offener, immer leerer Schrein wirkt, bis beim Opferfest die menschlichen Augen verborgenen, nur von der Phantasie zu erschauenden Götter sich da hineinsenken. Und Pagoden sieht man, die oft sieben-, oft neundachig daneben aufragen. Diese Mauern geben dem balischen Leben eine außerordentlich überraschende Geschlossenheit. Auf den Wegen an diesen Mauern entlang strömt es täglich zum Passar: jeden Tag wird irgendwo Markt abgehalten, und die Männer und Frauen schreiten ruhig, langsam, stets ohne Hast, viele Kilometer weit dahin. Immer tragen die Frauen alle Lasten – am Morgen so gut, wie sie abends ihre Opferkörbe schleppen; die Männer aber stolzieren prächtig gekleidet einher und halten ihre Kampfhähne auf den Armen. Niemals scheinen diese Frauen müde zu werden. In der Regel haben sie trotz der weiten Wege, die sie zurücklegen müssen, ihren langen schleppenden Sarong mit farbigem Muster an. Ihr Oberkörper ist frei, und ins Haar stecken sie Blumen. Und auch die Männer, deren Oberkörper ebenfalls nackt ist, tragen Blumen im Haar, meist symmetrisch angeordnet hinter den Ohren, hin und wieder auch in den Falten des Kopftuches. Manchmal sind's auch nur einzelne Blumenblättchen. Und hin und wieder tragen sie wohl auch Zigaretten in dieser Weise ...

Hahnenkämpfe sind zwar gestattet, doch die Erlaubnis dazu muß erst eingeholt werden. Wenn man aber alle diese Batakmänner mit ihren Hähnen, denen sie liebkosend den Rücken und den hochaufgerichteten Schweif streicheln, so immerfort herumgehen sieht, endlos weite Wege hin und wieder zurück, so muß man wohl annehmen, daß auch ohne Erlaubnis Hahnenkämpfe abgehalten werden. Wohin sollten sie sonst wohl gehen? Irgendwo, an verborgener Stelle, wird gewiß hin und wieder rasch so ein Hahnengefecht improvisiert. Der Kampf selber dauert ja nur wenige Minuten. Den Hähnen werden oberhalb der Klauen eiserne Sporen an die Füße gebunden, und dann werden im Verlauf weniger Augenblicke große Summen verwettet und stets in »Rijksdaalders« (holländischen Silbermünzen) ausbezahlt. Der klingende Rijksdaalder ist das balische Hauptzahlungsmittel.

Unablässig wimmelt es so auf allen Wegen, die uns das Auto an den von Mauern eingeschlossenen Dörfern entlang führt. Morgens zum Markt oder zum heimlichen Hahnenkampf, mittags zurück vom Markt und vom Sport, der Reichstalergewinn oder -verlust gebracht hat. Wenn dann die Sonne untergeht, werden die Hähne vor einem Tempel oder auf einem Deich eine Zeitlang in Käfige gesperrt. Sie krähen hoch und tief, heiser und schrill. Sie stehen da in ihren Koeroengans (Käfigen) wie Gladiatorenvögel, die an diesem Tage im Schwertspiel gekämpft haben und als Sieger daraus hervorgegangen sind. Ihre Herren unterhalten sich stehend oder kauernd noch über den Kampf und die guten und schlechten Chancen, pflücken sich eine frische Blume und stecken sie sorgfältig hinter das Ohr oder ins Kopftuch. Sind sie von reiner Rasse, so sind die nackten Oberkörper in der Regel breit und sehnig. Mehr, als ihre Sawahs so bereiten, daß Frau und Kinder sie dann bepflanzen können, tun sie bestimmt nicht; die Wohlhabendsten unter ihnen halten sich auch dazu noch ihre Leute.

Sie haben oft vier, fünf Frauen. Das kostet hier wenig: für einen geringen Brautschatz sind die Frauen dann Dienerinnen und Sklavinnen. Sie arbeiten für ihre Männer, diese schönen Frauen mit den schlanken Gliedern und den stolzen Brüsten. Sie verdienen Geld für sie, auf vielerlei Art ... Geachtet werden sie wenig, und von Moral ist bei ihnen nicht die Rede. Sind sie alt, dann bleibt ihnen ohnedies nichts als nur noch ihre Lasten zu schleppen; dann ist es mit der Schönheit dahin ... und dann freilich wäre es besser, wenn sie auch nicht mehr mit freier Brust einhergingen ...

So ist neben den Idyllen, die es in Bali so oft zu sehen gibt, das Stadtleben oder wenigstens das Dorfleben. Die langen Wege sind die Boulevards und Avenuen. Das unaufhörliche Flanieren dehnt sich kilometerweit aus. Neben dem Passar fallen, namentlich gen Süden hin, insbesondere die sehr weiten, amphitheatralisch angelegten Felder auf, die plötzlich, wenn der Schatten vom Wege weicht, aufsteigen und immer höher, scheinbar bis in die Wolken hinein, aufsteigen. Auch auf Java sind sie schön, diese spiegelnden Terrassen; aber auf Bali sind sie noch viel weiter ausladend angelegt, wirken wie breite Freitreppen zu Palästen, gehen höher und höher und liegen eine über der andern, wie ebenso viele Ehrenhöfe. Hier wogen sie hoch im Schmuck des flaumigen Padi, der sich zartgrün im Winde wiegt. Dort sind sie noch nicht bepflanzt, doch schon reichlich bewässert, so daß sie Himmel und Berge, blaue Berge und weiße Wolkenmassen, klar und deutlich widerspiegeln. Und bis zum Horizont breiten sie sich aus. Ein großartiger Anblick weitum: ein Amphitheater reiht sich an das andere. Der balische Padi ist denn auch weit und breit berühmt.

Die Idylle nimmt hier grandiose Proportionen an. Kleine Kinder, nackte Knaben treiben, wie überall, Büffel am Wege entlang. Allein diese weißen Büffel fallen mir ganz besonders auf. Schöner noch ist das balische Rind, das hier auf der Sawah den Pflug durch die feuchten Erdschollen zieht oder in kleinen Herden auf die Weide geführt wird. Sowohl der kleine schlanke Stier wie die kleine schlanke Kuh sind ausnehmend schön; fein ist diese Rasse, und dennoch kräftig. Das glatte Fell ist braun, manchmal fast goldig glänzend; der Kopf mit den sanften, lieben Augen zwischen viereckiger Stirn und viereckigem Maul hebt sich zierlich aus dem Nacken empor, und der lange Schweif hängt über das scharf eirund gezeichnete, oft beinahe weiße Hinterteil herab. Die jungen Rinder erinnern hin und wieder sogar an kleine Hirsche. Ich habe immer eine besondere Schwäche für Rinder gehabt, für kräftige Stiere und gute Mutterkühe, doch ein so schönes, förmlich elegantes Rind wie das balische habe ich noch nirgendwo anders gesehen. »Geweiht«, »heilig«, so wie meinen Augen das bengalische Rind erscheint, ist dieses wunderschöne Tier, das poesievolle Rind dieser Pastorale, nicht, das so zierlich und anmutig vor dem Auto davonspringt, den Abhang empor und dann wieder ins Feld herab, und den schönen Kopf ruhig zu uns herüber wendet, dieweil ich mich noch einmal umschaue, um es zum letzten Male zu bewundern.

Enten mit langgereckten Hälsen hocken seltsam auf dem kleinen Teich der Sawahs beieinander, bis die Hüterin sie mit einem langen Stabe, an dem dieser Vögel eigene weiße und schwarze Federn befestigt sind, bei Sonnenuntergang in den Stall zurücktreibt.

Vor allem die Tempel und die Sawahs und die Kraton-Dessas verleihen der balischen Landschaft ihr besonderes Kolorit, ihr besonderes Aussehen – schon deshalb, weil alle drei mit ihrer Wajangarchitektur, mit ihren geheimnisvollen Mauern in ihrer imposanten Größe immer wieder neben den glatten Autostraßen auftauchen. Das wiederholt sich stets von neuem, so wie man auch den Marktgang stets von neuem sieht und den Anblick der lasttragenden, halbnackten schönen Frauen und der halbnackten Männer mit ihren geliebten Kampfhähnen hat. Gegen die sengende Sonne haben die Frauen, zum Schutze ihrer freien Brust, von links nach rechts dunkle Lappen um die Körbe garniert, die sie auf dem Kopf tragen, und nun schauen sie durch diese flatternden Fetzen hindurch. Und all dieses Lastentragen und Schleppen, dieses Drapieren und das lange, schleppende Gewand, das durch den leicht aufgewirbelten Staub des Weges schleift, ist von einer außergewöhnlichen, dabei doch ganz natürlich wirkenden Anmut und von großer Schönheit. Diese Haltung der Leute, diese Farben alle, beim Sonnenuntergang wie beim Sonnenaufgang, sind oft unsagbar schön. Die Frauen tragen gelbe Sarongs, grüne Slendangschärpen und so etwas wie einen schmalen blauen Gürtel. Die bunte Harmonie dieser Farben ist wohl ganz unbeabsichtigt. Ein junger Mann schreitet daher mit einem kirschroten Mantelfetzen und einem viereckigen Kain, den er über seine nackten Schultern geschlungen hat, und an den Schläfen trägt er feuerrote Hibiskusblumen. Azurfarbene Schleier junger Mädchen sind wie von Sonnenstäubchen durchglitzert ...

Und alle diese wundervoll anmutigen Gestalten sehen wir und vermögen es kaum zu fassen, daß sie ganz wirklich und leibhaftig hier über die Wege an den Dessamauern vorüberwandeln ... Dieses zierlich anmutende, buntfarbige Leben erinnert keineswegs an die moderne Zeit, allein ... zuweilen sitzen auch sie einmal in einem Auto ...

So sind wir von Den-Passar durch Kloenkoeng nach Karang-Assem gelangt; dann zurück und nach Kintamani. Diese Namen werden meinen Lesern zunächst nicht viel sagen; aber man präge sie sich dennoch ein, wenn man einmal auf Bali umherreisen will, denn sie bezeichnen die Ruhepunkte der großen Autofahrt durch Bali. Von Den-Passar aus besuchten wir den Poera Astrya, der früher der vornehmste Opferplatz der balischen Fürsten war, und wir trafen dort wieder Brahmanen, die nicht um Geld, sondern aus lauter Frömmigkeit meißelten und künstlerische Arbeit taten.

Zum Glück ist unser Auto so gut, unser Führer so hervorragend, daß wir rasch vergessen, wie es in Kloenkoeng weder Brot, noch Wein gab, nur ein wenig Nassi-goreng (gebackenen Reis). Dreimal täglich Nassi-goreng! Poeras und immer wieder Poeras: Tempel und immer wieder Tempel; auf hohen Gestellen ruhende Tabernakel und Pagoden mit neun Dächern. Frauen, die anmutig ihre Lasten tragen, Männer, die ihre Hähne ans Herz drücken. Hin und wieder auch sehr aristokratische Handwerker: mit sehr schönen schmalen Händen, an denen die sehr langen Nägel auffallen, schneiden hier einige Söhne Kassatryas – im Rang die zweite Kaste nach der ersten der Brahmanen – kleine Götzenbilder aus Holz, meist scheußliche, grellfarbige Dinger; Buddhas oder Gottes Angesicht wird nicht dargestellt. Hier herrscht übrigens mehr der »Çiwaismus« als der Buddhismus.

In Karang-Assem durften wir den Palast des Statthalters sehen. Dies ist noch der amtliche Name von Goesti Bagoes Djilantik. Dieser »Palast« oder, besser gesagt, dieser Komplex von ein paar schlammbedeckten Höfen, verfallenen offenen Pendopoppos, zerbröckelnden Stufen, offenen Küchen, in denen die Opferkuchen bereitet wurden – denn es wurden gerade große religiöse Feste gefeiert –, dazu die gackernden Hühner, kläffenden Gladakhunde, scheltenden Frauen und deren weinende Kinder: das alles zusammen wirkte so vollkommen unfürstlich, wie es sich kaum beschreiben läßt. Seltsam mutete ein unter freiem Himmel stehendes, wenngleich überdachtes Bett mit weißen Klamboes an, das ganz mit Tüchern und Leinewand überdeckt war. Auf diesem Bette ruhte, wie man uns sagte, schon seit Monaten der einbalsamierte Leichnam einer weiblichen Anverwandten des Statthalters und harrte der Verbrennung.

Zurück nach Kloenkoeng und darauf nach Kintamani. In Kintamani (1500 Meter hoch) übernachtet. Sehr kalt ist es da zwischen allen Winden auf dem balischen Hochgebirge, zwischen Tjatoer-, Batoer-, Abang- und Ajoeng-Bergen. Weiter Überblick über die Bergmassen, die sich bis an das Meer hin erstrecken, bis nach Noesa-Penida, dem Eiland der Spitzbuben, das früher eine gefürchtete Seeräubersiedlung war. Der interessanteste Punkt aber ist der Batoerberg: er arbeitet unaufhörlich; eine dicke schwarzgraue Rauchsäule entsteigt seiner klaffenden Seite. Wie Donner grollt er, und oft bebt hier die Erde. Dann fürchtet sich der Mandoer des Passanggrahan und möchte fort und hinunter. Denn er ist hier gar einsam und allein, wenn nicht gerade Beamte oder Reisende sich bei ihm aufhalten, und die Götter sind erzürnt und tun dies durch das Gebrüll des Batoer kund.

Dort liegt er drohend in unmittelbarster Nähe. Man glaubt, ihn rasch erklimmen, einen neugierigen Blick in seine geborstene Flanke werfen zu können. Doch so leicht kann man ihm nicht nahen; sehr anstrengend ist der Weg, und der brennenden Lava bringt man seine Schuhe zum Opfer. Dort liegt er – und das Meer liegt tiefer, doch nicht so tief wie Tal und Dörfchen. Man stelle sich einen Ausbruch des Batoer vor: bei einer solchen Katastrophe würde sich das Meer von dem zwar tiefer, doch immer noch ziemlich hoch gelegenen Niveau herab wie der Inhalt einer weiten Schale über Dorf und Tal ergießen. Allein die Götter behüten, wie es scheint, die Talbewohner, die furchtlos am Fuße des Berges hausen. Denn als der Berg einmal wirklich ausbrach und der brennende Lavastrom sich seinen Weg abwärts bahnte, machte die verhängnisvolle Flut unmittelbar vor dem Dorfe halt, und zwar an der Stelle, wo sich nun das zum Zeichen der Dankbarkeit errichtete Heiligtum – die Poera – erhebt.

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