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Unter Javas Tropensonne

Louis Couperus: Unter Javas Tropensonne - Kapitel 32
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authorLouis Couperius
titleUnter Javas Tropensonne
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
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translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
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XVII

Hat der Islam gesiegt? – Die Ruinen auf bem Djieng-Plateau – Die Gräber der mohammedanischen »Päpste« – Dichter als Geschichtsschreiber – Ein Land für Touristen? – Von der Pest

Irissee, zu Zeiten der O. I. Kompagnie ein bedeutender Hafenplatz von Ostjava, ist jetzt ein verlassener Ort, der das Interesse der Reisenden nur durch seinen Kirchhof auf sich lenkt. Dort liegen ein paar Walis oder Propheten, Prediger des Islam, begraben. Und solange ich nicht mit historisch unanfechtbaren Tatsachen eines Besseren belehrt werde, muß ich, trotz allen Widerspruches aus dem Munde vieler Javanen, doch weiter annehmen, daß der »neue Gedanke« mit der Fahne des Propheten aus dem Westen, aus Arabien, hierher in den fernen Osten kam und sich das mächtige Modjopahit unterwarf. Nach Professor Veth ist die Geschichte Javas ein einziges, gewaltiges Epos, und dies Epische läßt sich hier bis in die späten Zeiten der Kompagnie immer wieder verfolgen. Zwar wird das Epos dann etwas moderner, und die heroischen Elemente werden mehr durch psychilogische Verknüpfungen ersetzt, als die unverbrauchte europäische Kraft, auch mit diplomatischen Mitteln – sogar unsere ersten Seefahrer entbehrten durchaus nicht aller Diplomatie Cornelius Houtmann erschien am 23. Juni 1596 auf der Reede von Bantom und hatte am 1. Juli bereits einen Vertrag mit dem Fürsten von Bantam unterzeichnet, der die »Freundschaft« mit Prinz Mauritz besiegelte und die Erlaubnis zu freiem Handel verlieh. Am 14. Juli wurde ein Haus zum Warenlager bestimmt. Indessen untergruben portugiesische Intrigen diesen idealen Anfang. –, gegen die zerfallenden Bollwerke der großen javanischen Kultur anrannte.

Hat der Islam völlig gesiegt? Man möchte so obenhin vielleicht antworten: Ja. Aber im tiefsten Innern ist doch, besonders in der Seele der Mitteljavanen und der Ostjavanen, etwas geheimnisvoll Hinduistisches zurückgeblieben. In Bali werden wir dann, plötzlich wie in einer völlig anderen Welt, den Çiwaglauben noch ganz lebendig finden. Was der Islam brachte, ist vor allem ein Kult mit der für einen wirklich gedankenreichen Gottesdienst so seltsamen Verheißung einer Belohnung nach diesem Leben. Was die Hindulehre gebracht hatte, war ein Gottesdienst voller Kunst, die Anbetung kunstvoller Heiligtümer und Skulpturen mit der Apotheose der nach vielen Atâwâras erlangten Heiligkeit, der unbedingten Seligkeit des Nirwânâ, in der alles verstanden und erkannt wird, in der sich alle Sinnlichkeit in der Seele der Seelen auflöst. War nicht dieser verdrängte Gottesdienst viel schöner, erhabener? Vielleicht darf man annehmen, daß die Hindu-Ideale durch allzu große Verfeinerung und Überkultur matt und farblos geworden waren – es hat ja auch schon ohne Automobile, Aeroplane und drahtlose Telegraphie in der Weltgeschichte eine Überkultur gegeben! –, und daß die Propheten des »neuen Gedankens«, die Walis des Islam, verzückte, einflußreiche Schwärmer waren, die in ihrer Ekstase mit unwiderstehlichen Kräften vorwärts stürmten.

Tänzerinnen von Bali

In Mitteljava liegt das Djiengplateau mit Ruinen und Heiligtümern und hochaufstrebenden, aus Stein gehauenen Treppen, die zu diesen Heiligtümern emporleiten. Schon seit Jahrhunderten waren dort Pilgerfahrten zu irgendwelchen hinduistischen und buddhistischen Heiligtümern Brauch. Doch seit von den verzückten Lippen und der mächtig donnernden Stimme der ersten Malis die erste Sure des Koran ausgesprochen wurde: »Es gibt nur einen Gott« ... scheinen auf solchen Bittfahrten nicht mehr gar so viele Tausende von Füßen diese Wundertreppen emporgestiegen zu sein. Es war ähnlich wie in Europa, als der Protestantismus dem Katholizismus den Krieg erklärte. Nun, da der Islam voll neuer Kraft und mit dem ganzen Ungestüm der Ekstase und Schwärmerei vorging, während der Buddhagedanke schon einer welken Lotosblume gleich, die schlaff am Stiele herabhing, mußte der erstere unbedingt den Sieg davontragen.

Hier auf dem besonders stimmungsvollen Friedhof von Grissee nun sind die heiligen Gräber von Hadji Poerwâ, von Malik Obrahim und Magsoer. Sie sind, wie alle Grabstätten an diesem geweihten Ort, mit einer samtweichen, gelben und grünen Moosschicht überzogen; sie scheinen recht kunstvoll. In die hochaufragenden Steine sind ehrenvolle Inschriften eingemeißelt, und besonders die Erhöhungen am Kopfende der Gräber zeigen wunderschöne Buchstaben, die vermutlich noch modjopahistisch sind und sicher nicht aus islamitischem Kunstempfinden stammen. Ferner findet man auf diesem Friedhof eine besonders schön geformte Urne mit einer Inschrift, die versichert: »Diese Urne ist ein vortreffliches Werk.« Das aus einem großen Monolithen geschaffene steinerne Gefäß bildete sicher den Stolz des Bildhauers, einen Stolz, wie ihn der islamitische Sieger nicht kennen dürfte. Denn was zeugt uns von islamitischer Kunst? In welchen uralten Bethäusern wäre je etwas von einem Kunstgedanken zu finden. Keine einzige Arabeske, kein einziges Schriftzeichen! Plötzlich ist die Kunst verschwunden, verbrannt, entflohen – vielleicht sogar als sündig bezeichnet –, und erst in Bali werden wir wieder Reste von ihr wiederfinden freilich im Hinduistischen Stil!

Insofern ist Modjopahit nicht sogleich durch den Islam unterdrückt worden, als zu Zeiten seiner letzten Mâhârâdjas – der großen Könige oder Kaiser – die Walis, die Propheten, auf Ngampel und Grissee nur oberste Priester waren. Unsere Vorfahren sprachen später von den mohammedanischen »Päpsten«. Aber wie immer sich auch der Untergang des großen Reiches vollzogen haben mag: sicherlich haben diese schwärmerischen obersten Priester mit ihren dunklen, starren Augen und den imperatorischen Gebärden ihrer dürren, sehnigen Hände zu diesem Zusammenbruch den letzten Anstoß gegeben.

Von all dem wissen wir nur wenig. Ich selbst halte alles das, was ich hier berichte, nur für ein einigermaßen historisch angehauchtes Phantasieren, für etwas, das mir durch den Sinn geht, dieweil ich zwischen diesen Gräbern und Grabsteinen umherwandle. Manche Regentenfamilien liegen hier begraben. Besonders auffällig ist es, daß die hier ansässigen Araber – uns begleitet ein arabischer Leutnant – den Gräbern der ersten Walis gar keine besondere Ehrfurcht erzeigen: ihr religiöses Empfinden ist durch eine andere Sekte bestimmt! Trotz alledem aber mutet einen dieser Mangel an Ehrfurcht seltsam an.

Der Regent von Grissee begleitet uns zu dem berühmten Grabe des Soenân bei Ngampel. Nachdem wir auf einer hohen Treppe zum Hügel emporgeschritten sind, betreten wir diesen allerheiligsten Grabtempel. Unter dem Grabmonument aus geschnitztem und vergoldetem Holz ruht er, der einst als Raden Pakoe ein heiliger Prophet und Vorkämpfer des Glaubens war. Aus seiner Lanze wurden zwei Dolche geschmiedet. Einer dieser Dolche ging, glaube ich, verloren; der andere wurde erst geraubt und dann wiederum hierher zurückgebracht. Es ist eine besondere Auszeichnung, daß wir diesen Dolch sehen dürfen. Niedergekauert und unter vielen Sembas schließt der Wächter dieses Mausoleums die Grabpforte auf, nimmt den Dolch aus dem Futteral, hält ihn betend gegen seine Stirn, zeigt uns die heilige Waffe und zugleich das von unseren Beamten unterschriebene Dokument, aus dem hervorgeht, daß dieser Dolch geraubt und wieder zurückgebracht worden ist. An dem Dolch selbst ist nichts Besonderes zu sehen – aber es ist eben der Dolch, der aus der Lanze der Soenân Giri geschmiedet wurde!

Der weihevolle Friedhof von Grissee lag in elegischer Schönheit unter den goldgesprenkelten Schatten der Palmblätter; Schatten fielen über die dichtbemoosten Gräber, die von der Zeit zerstört und dann nicht ausgebessert wurden, denn der Zeit muß, nach mohammedanischer Anschauung, ihr Recht werden. Der Gräberbezirk mitsam dem Girihügel wirkte ganz besonders stimmungsvoll und imposant. Es war außerordentlich poetisch, da umherzuwandeln und alles zu betrachten, und es tröstete auch darüber hinweg, daß wir so sehr weniges über diese letzten Zeiten von Mojopahit und diese ersten Zeiten des Islams finden und wissen. Viel ist über Java geschrieben worden, doch fehlt uns immer noch eine dichterisch empfundene und nachgezeichnete Geschichte dieser epischen Lande, und ich glaube, ein dichterisch begabter Geschichtsschreiber unserer Zeit müßte hier eine schöne Aufgabe finden. Java müßte insbesondere deshalb von einem Dichter historisch betrachtet werden, weil es nur so der Seele all derer nähergebracht werden kann, die sich noch für etwas anderes interessieren als nur für die Möglichkeiten, ein großes Vermögen aus diesem Lande zu gewinnen. Unter Javas Fürstensöhnen befinden sich Dichter, die sogar Holländisch schreiben und sprechen wie moderne Holländer: warum sollte sich nicht einer von ihnen dazu berufen fühlen, dieses geheimnisvolle Land seiner Vorfahren in einem dichterisch-historischen Werke auch uns Europäern zu erschließen?

Quellenstudien – oh, die wurden vielfach betrieben und müssen noch weiter geführt werden, allein wo bleibt der wirklich Berufene, der doch einmal kommen muß?

*

Ich bin mit meiner Reise nach Java zu Ende. Morgen gehen wir nach Bali, das so gänzlich verschieden von der Mutterinsel ist. Ich habe sehr viel Schönes gesehen (und wiedergesehen), und Erinnerungen aus früherer Zeit waren wie ein Schatz, den ich mir wieder erschloß, dessen Reichtum mich selber oft staunen ließ und aus dessen Tiefen ich plötzlich hier und dort ein längst vergessenes Juwel glaubte aufleuchten zu sehen.

Aber das galt nur für mich selber. Wenigstens glaube ich, wenn ich nun darüber nachdenke, daß ich in diesen Berichten nichts anderes wiedergegeben habe als die Eindrücke eines Reisenden, der nicht jeglichen Gefühls entbehrt. Es gibt »Führer« – nicht viele –; es gibt wissenschaftliche Werke – niemals zuviel –, und wir Nichtgelehrten sind unseren Gelehrten stets dankbar dafür. Doch der wahrhaft Berufene ... muß erst eines Tages noch kommen.

Ich selber habe nur als Reisender für andere Reisende geschrieben, mehr wollte ich nicht!

Sind Sumatra und Java Länder für Reisende? Das kommt darauf an. Wer hierherkommt, darf nicht zu viel von dem verlangen, was er in Europa und sonstwo als »Komfort« schätzen und fordern lernte.

Wägen wir Kosten und Komfort gegeneinander ab, so wird der Reisende, der über keine gutgefüllte Börse verfügt – und andere würden sich ja wohl überhaupt nicht hierherwagen! – unzufrieden sein. In Bandoeng wurden die »East India Travel Tourist Offices« gegründet. Deren Generalmanager wird dem Unternehmen dank seiner Energie und Arbeitskraft sicher sehr viel nutzen – forderte man ihn doch im Frühjahr 1922 auf, nach Singapore zu kommen, um den Empfang des Prinzen von Wales zu organisieren. Aber dennoch darf sich der Reisende nicht darüber täuschen, daß für ihn in diesen Landen noch viel, sehr viel zu wünschen übrigbleibt. Mit Ausnahme einiger Hotels ist die Wohngelegenheit, insbesondere in den meisten Pasangrahans oder ähnlichen Unterkunftshäusern, schlecht. Dem steht aber als Plus gegenüber, daß die alte Gastfreundschaft noch immer nach unerschütterter Tradition gewahrt wird

Ich möchte noch hinzufügen, daß es in Niederländisch-Ostindien zwei Arten von Pest gibt: einmal die richtige Pest – die gefürchtete Krankheit, gegen die ein hygienisch lebender Europäer selbst ohne Impfung so gut wie immun ist – und dann eine zweite Pest: das Klima. Das ist der geschworene Feind des Reisenden, vor dem er sich wohl in acht nehmen muß. Dieses Klima ist viel gefährlicher als die Pest selber, und darum kann ich nur warnend sprechen: Hüte dich vor diesem Klima, Reisender!

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