Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Louis Couperus >

Unter Javas Tropensonne

Louis Couperus: Unter Javas Tropensonne - Kapitel 31
Quellenangabe
pfad/couperu/java/java.xml
typereport
authorLouis Couperius
titleUnter Javas Tropensonne
publisherDeutsche Buchgemeinschaft GmbH
year
translatorElse Otten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090114
projectid938775ba
Schließen

Navigation:

XVI

Das verwahrloste Soerabaia – Sandsee – Mobjopahit, das große Hindureich – Buddhistische Bildhauerkunst – Überbleibsel aus dem Hindureich

Der Javareisende hätte seine Pflicht schlecht getan, wenn er nicht auch den »Ostwinkel« besucht hätte.

Es gibt in Java, außer Batavia, noch zwei große Städte, die damit an Bedeutung wetteifern. Die eine ist Semarang, und darauf könnte der Besucher Javas am Ende noch verzichten, wenngleich ihm dann die besonders schön und luftig auf Hügeln gelegenen modernen Villenviertel im Angesicht des Meeres entgingen. Soerabaia aber, die andere große Stadt dieses Ostwinkels, läßt sich einfach nicht umgehen, zumal sie zugleich den Ausgangspunkt für viele wichtige Ausflüge bildet. Es ist beinahe schade, daß Soerabaia so unvermeidbar ist, denn diese schmutzige Stadt ist trotz ihrer Ausdehnung und trotz ihrer Bedeutung als Geschäftszentrum für den Touristen uninteressant. Die Verwahrlosung der öffentlichen Gebäude und Anlagen – was man hier »Anlagen« nennt! –, der Wege und alles dessen, was den äußeren Eindruck einer Stadt mitbestimmt, der Mangel an Anmut, Schönheit, ja Sauberkeit bringt den Reisenden dazu, sich verwundert zu fragen, ob denn in der Tat die wegen ihrer Sauberkeit berühmten Holländer Soerabaia beherrschen und bewohnen. Das verfallene Weltevreden ist noch immer zierlich, elegant und gepflegt im Vergleich mit dieser schmutzigen, großen und geräuschvollen Stadt, deren Ausdehnung alles Imposante, deren Schmutz alles Malerische, deren Betriebsamkeit jedes Behagen vermissen läßt. Hier drängt sich alles, hier staut sich, hier jagt der ganze wilde Drang, um jeden Preis rasch Geld zu machen und wieder fortzukommen. Und über diesen Drang hinweg tönt wie dumpfe Trauerglockenschläge das eine düstere Wort: Malaise!! dem überarbeiteten Geschäftsmann unerbittlich in die Ohren.

Von Soerabaia aus fuhren wir nach Tosari – indessen die Regenzeit ist nicht der geeignete Zeitpunkt, so hoch ins Gebirge hinaufzugehen. So saß ich ein paar Tage in Wolken und Regen dort oben – aber ich gewann wenigstens die Überzeugung, daß ein Aufenthalt in Tosari und Nongkodjadjar während der trockenen, warmen Monate der Ostmonsune für den überarbeiteten Geldjäger und Geschäftsmann wohltuende Erfrischung bringen dürfte.

Und ich war auch froh, Tosari überhaupt einmal wiederzusehen, wenn auch das alte Tosari, wo ich vor mehr als zwanzig Jahren gewohnt hatte, abgebrannt war. Und ich freute mich, im Osten den Smeroe und den heftig rauchenden Bromo zu sehen und im Westen den legendenumsponnenen Ardjoeno, der seinem Namen nach einem jungen Helden und Königssohn trägt. Verliebte Nymphen umringten ihn auf seinen Kampfzügen gegen die bösen Dämonen. Kämpfe immer weiter, du großer Sohn, umringt von deinen Heldensöhnen, kämpfe gegen all die bösen Machte, die dir doch nichts anhaben können, wenn sie auch auf schwarzen Flügeln und in dunkelgraulichen Teufelsrüstungen daherschweben. Große Dichter, denen wir Epigonen nur schwach nachempfinden können, haben das schon vor Jahrhunderten in ihren Epopöen besungen.

Ausbruch des Smereo

Sandmeer mit Batoek und Romo und Smeroe hinter den Silhouetten jener Berge, Sandmeer du, das wohl manchmal mit einer Wüste verglichen wird, aber für mich, seit ich die afrikanische sah, mit einer Wüste nichts mehr gemein hat; die wohl etwas an das Ungeheure eines feuerspeienden Kraters erinnert, aus dessen Riesentrichter andere Vulkane aufsteigen – gleich, als sei jedes harmonische Maß in dieser Natur völlig belanglos. Sandsee du, die du mir einen leisen Begriff von dem vermittelst, was zu Urzeiten der Welterschaffung war: diesmal bin ich nicht wieder ausgezogen, dich zu suchen, weil ich mich deiner noch so gut erinnere, als hätte ich dich erst gestern gesehen, obwohl das doch schon zwanzig Jahre her ist. Den steilen Moengalpaß hinauf, über das kleine Pferdchen geneigt, an dessen Hals ich mich klammerte, sah ich, wie du dich plötzlich überraschend und grandios vor mir auftatest. Wie eine Landschaft aus Zeiten des Chaos und der Umwälzungen lag dort der offene Krater, wie ein anderes Tal von Josaphat, wie ein Tal des Todes und des Jüngsten Gerichtes. Vision und Alpdruck warst du, Gehenna warst du; warum sollte ich den Wunsch haben, das jetzt noch einmal zu sehen? Sicherlich würde dich meine müdere Phantasie nach so viel Jahren doch nur verblaßter gefunden haben. Sicherlich wäre ich traurig darüber gewesen, wenn ich dich so matt, so entzaubert wiedergesehen hätte wie so manches, das dereinst die Seele heftig bewegte und sie später nicht mehr zu bewegen vermochte. Und nun ich diese Worte über dich schreibe, tue ich es nur einer Erinnerung folgend, die überwältigend und großartig geblieben ist. Warst du doch eine der ungeheuerlichsten Landschaften, die ich jemals in der Welt geschaut habe; warst wie das Chaos selber, aus dem sich bei einer neuen Ordnung der Dinge jene neuen, doch gleichfalls Jahrhunderte alten Berge erheben. Die regelmäßigen Vertiefungen rings um Batoek, vom Gipfel bis zum Fuße, erinnerten mich an geheimnisvoll göttliche Schmiedearbeit; das Grollen des Bromo, der Rauchwolken ausströmt, erinnerte mich an eine unterirdische Werkstatt javanischer Feuergötter und Zyklopen; damals konnte ich, als ich dich sah, noch von dem neuen Bau einer göttlichen Bergstadt träumen, die nach der Vernichtung eines göttlichen Vergleiches entstehen sollte.

Warum sollte ich jetzt den Wunsch haben, dich wiederzusehen? Mit welchen Worten vermöchte ich wohl meinen neuen Eindruck von dir zu schildern?

Nein, die Worte, die ich hier über dich niederschreibe, und die alle Begeisterung wiedergaben, die ich vor so vielen Jahren empfand, sind die einzigen, die ich dir widmen will. Einen neuen Eindruck wünsche ich mir nicht. Mattere Worte würden mich allzu wehmütig stimmen, und dennoch vermöchte dein Anblick mich wohl nicht mehr so mächtig zu überwältigen wie dereinst.

Doch abgesehen davon, daß Soerabaia den Ausgangspunkt in das Reich der Berge bildet, ist es auch der Zugang zu dem, was von dem Reich von Modjopahit noch übriggeblieben ist, und für den Reisenden, der in dem modernen Lande, das er durchzieht, doch auch noch die Vergangenheit sucht, wiewenig von ihr unter der stets höher werdenden Oberschicht der Gegenwart übriggeblieben sein mag, ist dieses versunkene Königreich zweifellos von historischem und poetischem Reiz. Zum mindesten ist es reizvoll, sich das einzubilden und sich mit dieser bald wieder verfliegenden Illusion über die Enttäuschung hinwegzutrösten, daß er eigentlich so bitter wenig gefunden hat. Sehr wenig nur ist von Modjopahit, dem großen Hindureich, überiggeblieben, das hier in Ostjava einst unerhörte Macht besaß. Was wissen wir davon? Nur, was uns in ein paar von unseren Gelehrten mühselig entzifferten Kupferplatten und beschriebenen Steinen mitgeteilt wird: viele Namen von Fürsten die miteinander im Kriege lagen – ein paar vereinzelte Daten. Und was ergeben die Kombinationen, die man mit mehr oder weniger Wagemut anstellen kann – denn was ist hier »historische Gewißheit?« Ganz wenige trockene Tatsachenangaben – und daraus die Historie zu schreiben, ist Sache eines mehr oder weniger mutigen Dichters, der Vergangenes visionär erschaut und wieder neu heraufbeschwört. Beruhige dich, lieber Leser: ich will dieser Dichter nicht sein. Mein Eindruck war zu flüchtig, und mehr als ein paar Ruinen aus dem kleinen Museum von Modjokerto kann ich dir nicht vorführen. Das ist alles, was uns von Modjovahit, diesem Reich der Macht und Größe, geblieben ist! Was sonst noch übrig war, ist vielleicht zu früheren Zeiten vor den erbarmungslosen Predigern des Islam nach Bali geflüchtet, wo wir dann am Ende noch etwas davon wiederfinden werden ...

Der Regent von Modjokerto, der Holländisch spricht, ist bereit, mich in diesem Museum herumzuführen, das auf dem Grundstück des »Kaboepaten«, der Regentenwohnung, selber liegt. Er heißt Raden Temenggoeng Kromo Adi Negoro und erzählt mir von seinem Vater, Raden Adipati Ario Kromo Djajo Adi Negoro, der früher hier Regent war und vielleicht der Dichter hätte sein können, von dem ich soeben sprach, wenn er genug Mut dazu gehabt hätte. Dieser frühere Regent aber war, bei all seiner Liebe zu der Vergangenheit Modjopahits, ein Mann der Wissenschaft. Daher ließ er ausgraben und untersuchen, ließ die Wasserleitungen von Tjandi-Tikoes wieder aus der Erde emporsteigen, fand verschiedene hindustanische Bildnisse, steinernen Hausrat, ein uraltes Gamelanspiel. Ganze Schichten von Erde, Schlamm und Humus aufeinander lagen darüber. Was nun zu sehen ist, mutet oft so asiatisch-barbarisch an, daß sich kaum verstehen läßt, wie diese Kunstwerke einer so viel späteren Periode entstammen sollen als die Skulpturen des Boeroeboedoer, Prambanan und Mendoet. Jedenfalls ist im Verlauf von drei bis vier Jahrhunderten kein höherer Aufstieg wahrzunehmen; die Künstler schienen ihre äußerste Grenze erreicht zu haben.

Man nimmt an, daß Modjopahit im Jahre 1292 gegründet worden sei, und zwar von Raden Wijaya, dem Schwiegersohn des Karta Negoro, des Königs von Ostjava. Das war also der erste Fürst von Modjopahit, und er nannte sich Kartarajasa Jayawardahana. Im Museum von Batavia steht ein Abbild von ihm – vierarmig ist er dargestellt, wie Çiwa, der große Gott. Sicherlich steht dieses Bildnis auf gleicher Stufe der Vollkommenheit wie Prambanan und Boeroeboedoer. Auch dieser Râksasa – ein dämonischer Tempelhüter, dem noch heutigentags alle schwangeren Frauen in Modjokerta Anbetung zollen und Opfer bringen. Wo aber wären Skulpturen, die von einem höheren Ideal zeugten?

Vielleicht wurde dieser auf einem Garuda reitende Vishnu, der Erhalter alles Erschaffenen, in seinen zehn »Atâvâra« – verschiedenen Gestalten – von seinen Gläubigen als Einheit der Trimurti verehrt. Auf dem riesigen Kopf des Menschenadlers oder Sonnenvogels thronend, ruhen seine Hände mit der buddhistischen Gebärde der Dhyana-Mudra, des ruhigen Grübelns. Zwei andere Arme aber heben links und rechts neben seinen Schultern zwei Attribute – wenn ich nicht irre, Wurfscheibe und Schallrohr einer Trompete. Dieser Vishnukopf ist von großer Weichheit. Er erinnert an einen etwas schwächlichen Buddha.

Haben wir nun wenigstens einen flüchtigen Blick auf eine noch immer glanzvolle Zeit des Verfalls geworfen? Als sich das Tor des neuen Kraton, den der letzte Fürst von Modjopahit seinem Sohn und Nachfolger erbauen ließ, der Vollendung näherte, stürmten auf das Reich die neuen Gedanken und die Heere des Islam ein ...

Der Regent indessen meinte lächelnd, die Überlieferung, der Islam habe Modjopahit erobert, sei historisch nicht haltbar ... Welche Überlieferung aber ist wohl historisch haltbar? – Und der fliehende König verfluchte jeden, der es wagen sollte, durch das unvollendete Tor des Kraton zu schreiten. Kein Javane hätte denn auch je den Mut dazu gehabt.

Ich glaube nicht, daß von diesem Tor noch etwas übrig ist. Oder sollte wirklich jener zerbröckelnde Bogen daher stammen? Wie dem auch sei: ich schreite nicht hindurch. Ich will nicht den Fluch des geflohenen Königs auf mich laden ...

Ist das nun wirklich alles, was von Modjopahit übriggeblieben ist? Nur dieses kolossale Wasserwerk? War es ein Lustschloß? War es ein Staubecken? In wohlproportionierten Massen reihen sich Stufen an Stufen; ist dieses monumentale Bauwerk mit seinen massiven Pfeilermassen, deren einer noch hochaufgerichtet neben einem schon fast gestürzten andern sich erhebt, ein Königsbad? Sind die ringsum gelegenen Bassins Bäder der Prinzessinnen? Oder war das Ganze nur eine Wasserleitung, die die Stadt mit dem Naß versorgte? Die Wasserspeier stellen ornamentale Köpfe von Ungeheuern dar ...

Wir wissen nichts davon, als daß dieses Ganze ausgegraben wurde und auch von den modernen Javanen noch verehrt wird. »In unserem Blute liegt soviel Hindustanisches«, verrät mir der Regent. – Auch von den Reisenden wird es bewundert. Und das ist alles!

Nein, nicht alles. Im Museum fällt mein Blick auf den Jahrhunderte alten, ausgegrabenen Gamelan. Man hat seine Kupferbecken und Platten mit Rost überzogen gefunden. Die Platten wurden gereinigt und liegen nun auf neuen Holzgestellen. Und sie geben einen Klang, eine Folge von Tönen, die so sanft und leise sind, als kämen sie von ganz weither, aus einer fernen Vergangenheit ... Kein Zweifel, diese Klänge sind die gleichen, die dereinst vor Jahrhunderten den heiligen Festhymnus von Modjopahit begleiteten. Diese nun wie Sphärenmusik anmutenden Töne erklangen vermutlich schon, als in den letzten Jahren des Reiches der neue Kraton gegründet, das neue Tor erbaut wurde, als dann die mohammedanischen Heere am Horizont auftauchten ...

»Nein, nein«, sagte der Regent lächelnd. »Ich glaube nicht daran, daß der Islam andere als friedliche Siege errungen hat ...«

Ich weiß es nicht. Das aber weiß ich, daß die Klänge dieser Jahrhunderte alten Gamelanplatten, als ein Echo aus der Vergangenheit, mir in erster Linie für das galten, was von Modjopahit, dem versunkenen Hindureich, an Pracht und Macht noch übriggeblieben ist.

 << Kapitel 30  Kapitel 32 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.